Richard Strauss - Musik ohne Tiefgang ?

Rolf Scheiwiller (04.04.2006, 09:50):
Guten Morgen.

Den Vorwurf, Richard Strauss habe Musik mit höchster Brillanz und Raffinesse komponiert, aber hohle, seelenlose Werke geschaffen, gibt es schon seit je.
Er war ein genialer Orchesterzauberer!
Aber war er auch ein Komponist, dessen Werke einen bis ins Innerste treffen konnten ? Für mich ganz und gar nicht !

Hätte er sonst den Ausspruch getan, dass er mehrere seiner Opern hergeben würde, wenn er stattdessen einen Idomeneo hätte schreiben können ! ?

Es ist wahr. Für die hohen Frauenstimmen schrieb er seine genialste Musik.
Der Rosenkavalier ist neben der Ariadne auf Naxos das berühmteste Beispiel.
Aber die Tenöre bedachte er weit weniger grosszügig.

Ich kenne und besitze auch seine wenig bekannten Opern. Aegyptische Helena, Die schweigsame Frau u. a. Aber schätzen oder mehr , nein.



Auch seine Orchestermusik wird zum Teil zwiespältig betrachtet.
Ueberragende, faszinierende Orchesterbehandlung. Aber auch wieder der Vorwurf des Hohlen, des Banalen, des Oberflächlichen.

Till Eulenspiegel,Also sprach...und Don Juan bleiben für mich seine schönsten Orchesterwerke
Die Alpensinfonie ist ja was kolossales. Manchmal wundere ich mich, dass meine Standlautsprecher überhaupt noch ansprechen !

Wie ist Eure Meinung zu diesem Komponisten ( und grossen Mozartdirigenten )

Rolf.
Rachmaninov (04.04.2006, 10:00):
@Rolf,

bisher habe ich mich sehr wenig mit Richard Strauss beschäfftigt.

Seine Alpensinfonie habe ich schon lange auf meiner Liste. Vielleicht gibt es ja hier irgendwann entsprechende Empfehlungen.

Aber um auf den Vorwurf zurück zu kommen.
Jemand der Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" verstanden der kann nicht all zu banel gewesen sein. Und ich unterstelle einmal, daß Strauss ihn verstanden hat als er dieses Werk komponierte.
Zelenka (04.04.2006, 12:56):
Ich habe andernorts im Forum schon auf die Aussage angespielt, aber hier nochmal der Originalton Harnoncourt aus einem Interview im Diapason 4/2006:

Et Richard Strauss?

N.H.: Il est fantastique! Mais il ne dit rien. C'est merveilleusement écrit, et c'est seulement fantastique, bla, bla, bla ...

Andersdenkend,

Zelenka
Wotan (04.04.2006, 14:56):
Ich finde die Musik von Richard Strauss toll.
"Tod und Verklärung" ist ein absolut ergreifendes Werk, ebenso wie seine "Elektra", die ich sehr hoch schätze.

Für die "Alpensinfonie" empfehle ich die Einspielung von Thielemann mit den Wienern. Eine hervorragende Aufnahme und besser als vergleichsweise Karajan oder Sinopoli.

Marco
Mime (04.04.2006, 18:05):
Dieser Richard ist nicht mein Fall.Wenn ich an die lautstarken Gemetzel denke von Salome oder Elektra...nein danke!
Zelenka (04.04.2006, 18:38):
Beim anderen Richard geht es ja nur pianissimo zu ...

Verwirrt,

Zelenka
martin (12.04.2006, 21:39):
Mich erinnert dieses Thema zunächst einmal an einen Band mit Musikeraufsätzen des 20. Jahrhunderts den ich neulich antiquarisch erstanden habe. Dort steht im Aufsatz von Richard Strauss folgendes:

"Nachdenken ist immer unangenehm." ( Aus "Gibt es eine Fortschrittspartei", Kontrapunkte, die Stimme der Komponisten)

Ich finde, das ist ein Satz, der Strauss sehr schön charakterisiert.
Im selben Aufsatz schreibt Strauss:

"Ich hasse derartige Kundgebungen von ganzem Herzen. ( ...) Mein Grundsatz ist es nun mal, daß man für sich selbst nur Taten und Werke, aber nicht Worte sprechen lassen soll."

Ist nun ein Komponist, der am liebsten lieber erst gar nicht nachdenkt, da das ja so unangenehm ist, und der sich der Wort erst gar nicht bedient, da er lieber Taten für sich sprechen läßt oberflächlich?

Und was ist oberflächlich? Von Nietzsche stammt immerhin der schöne Satz: "Ich bin oberflächlich - aus Tiefe." Nun ja, aber Nietzsche empfand das Nachdenken vermutlich nicht als ganz so unangenehm.

Ich gebe nun zu, den ganzen Strauss noch gar nicht zu kennen. Ich denke aber, daß das Gefühl, daß er ein Komponist ohne Tiefgang ist, nur daraus entsteht, daß man ihn mit anderen vergleicht. Und das ist eben unfair. Ich höre seine Tondichtungen sehr gerne, kenne auch einige seiner Opern. Gut, mit der Sinfonie Domestika kann ich bisher immer noch nichts anfangen, aber die anderen sinfonischen Dichtungen gefallen mir sehr gut. Ich empfinde sie als absolut nicht banal.

Merkwürdigerweise ist es das leicht anrüchige "Heldenleben", das mich dabei bisher am tiefsten bewegt hat. Mit kriegerischem Heroismus hat das nämlich überhaupt nichts zu tun, eher mit dem Komponisten als Helden, den es zu "Taten" drängt. Und die eigentliche Hauptperson dieses Stückes ist doch eigentlich "des Helden Gefährtin". Ich muß sagen, mich hat das letzte Stück dieser Sinfonie "des Helden Weltflucht und Vollendung" fast zu Tränen gerührt ( in der Aufnahme mit Ormandy, bei Kempe weniger).

Strauss ist ein durchaus positiver Musiker, der durch seine Naivität berührt. Als Komponist war er zwar in der Lage, jedes Register zu ziehen, aber als Mensch erhielt er sich eine gewisse Naivität dessen, der schlicht keine Lust hat auf irgendwelche intellektuellen Dinge, nicht weil er dumm war, sondern weil er Nachdenken als "unangenehm" empfanden.

Und dann ist er eben nicht nur positiv, sondern auch diesseitig. Das heißt seine Musik ist nicht nur nicht christlich, sie hat überhaupt kein Interesse an irgendeiner jenseitigen Spekulation. Das ist aber überhaupt nicht oberflächlich, sondern hat Tiefe. Wobei ich nicht weiß, was Strauss von Nietzsche verstanden hat.

Gruß Martin
Rolf Scheiwiller (04.04.2006, 09:50):
Guten Morgen.

Den Vorwurf, Richard Strauss habe Musik mit höchster Brillanz und Raffinesse komponiert, aber hohle, seelenlose Werke geschaffen, gibt es schon seit je.
Er war ein genialer Orchesterzauberer!
Aber war er auch ein Komponist, dessen Werke einen bis ins Innerste treffen konnten ? Für mich ganz und gar nicht !

Hätte er sonst den Ausspruch getan, dass er mehrere seiner Opern hergeben würde, wenn er stattdessen einen Idomeneo hätte schreiben können ! ?

Es ist wahr. Für die hohen Frauenstimmen schrieb er seine genialste Musik.
Der Rosenkavalier ist neben der Ariadne auf Naxos das berühmteste Beispiel.
Aber die Tenöre bedachte er weit weniger grosszügig.

Ich kenne und besitze auch seine wenig bekannten Opern. Aegyptische Helena, Die schweigsame Frau u. a. Aber schätzen oder mehr , nein.



Auch seine Orchestermusik wird zum Teil zwiespältig betrachtet.
Ueberragende, faszinierende Orchesterbehandlung. Aber auch wieder der Vorwurf des Hohlen, des Banalen, des Oberflächlichen.

Till Eulenspiegel,Also sprach...und Don Juan bleiben für mich seine schönsten Orchesterwerke
Die Alpensinfonie ist ja was kolossales. Manchmal wundere ich mich, dass meine Standlautsprecher überhaupt noch ansprechen !

Wie ist Eure Meinung zu diesem Komponisten ( und grossen Mozartdirigenten )

Rolf.
Rachmaninov (04.04.2006, 10:00):
@Rolf,

bisher habe ich mich sehr wenig mit Richard Strauss beschäfftigt.

Seine Alpensinfonie habe ich schon lange auf meiner Liste. Vielleicht gibt es ja hier irgendwann entsprechende Empfehlungen.

Aber um auf den Vorwurf zurück zu kommen.
Jemand der Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" verstanden der kann nicht all zu banel gewesen sein. Und ich unterstelle einmal, daß Strauss ihn verstanden hat als er dieses Werk komponierte.
Zelenka (04.04.2006, 12:56):
Ich habe andernorts im Forum schon auf die Aussage angespielt, aber hier nochmal der Originalton Harnoncourt aus einem Interview im Diapason 4/2006:

Et Richard Strauss?

N.H.: Il est fantastique! Mais il ne dit rien. C'est merveilleusement écrit, et c'est seulement fantastique, bla, bla, bla ...

Andersdenkend,

Zelenka
Wotan (04.04.2006, 14:56):
Ich finde die Musik von Richard Strauss toll.
"Tod und Verklärung" ist ein absolut ergreifendes Werk, ebenso wie seine "Elektra", die ich sehr hoch schätze.

Für die "Alpensinfonie" empfehle ich die Einspielung von Thielemann mit den Wienern. Eine hervorragende Aufnahme und besser als vergleichsweise Karajan oder Sinopoli.

Marco
Mime (04.04.2006, 18:05):
Dieser Richard ist nicht mein Fall.Wenn ich an die lautstarken Gemetzel denke von Salome oder Elektra...nein danke!
Zelenka (04.04.2006, 18:38):
Beim anderen Richard geht es ja nur pianissimo zu ...

Verwirrt,

Zelenka
martin (12.04.2006, 21:39):
Mich erinnert dieses Thema zunächst einmal an einen Band mit Musikeraufsätzen des 20. Jahrhunderts den ich neulich antiquarisch erstanden habe. Dort steht im Aufsatz von Richard Strauss folgendes:

"Nachdenken ist immer unangenehm." ( Aus "Gibt es eine Fortschrittspartei", Kontrapunkte, die Stimme der Komponisten)

Ich finde, das ist ein Satz, der Strauss sehr schön charakterisiert.
Im selben Aufsatz schreibt Strauss:

"Ich hasse derartige Kundgebungen von ganzem Herzen. ( ...) Mein Grundsatz ist es nun mal, daß man für sich selbst nur Taten und Werke, aber nicht Worte sprechen lassen soll."

Ist nun ein Komponist, der am liebsten lieber erst gar nicht nachdenkt, da das ja so unangenehm ist, und der sich der Wort erst gar nicht bedient, da er lieber Taten für sich sprechen läßt oberflächlich?

Und was ist oberflächlich? Von Nietzsche stammt immerhin der schöne Satz: "Ich bin oberflächlich - aus Tiefe." Nun ja, aber Nietzsche empfand das Nachdenken vermutlich nicht als ganz so unangenehm.

Ich gebe nun zu, den ganzen Strauss noch gar nicht zu kennen. Ich denke aber, daß das Gefühl, daß er ein Komponist ohne Tiefgang ist, nur daraus entsteht, daß man ihn mit anderen vergleicht. Und das ist eben unfair. Ich höre seine Tondichtungen sehr gerne, kenne auch einige seiner Opern. Gut, mit der Sinfonie Domestika kann ich bisher immer noch nichts anfangen, aber die anderen sinfonischen Dichtungen gefallen mir sehr gut. Ich empfinde sie als absolut nicht banal.

Merkwürdigerweise ist es das leicht anrüchige "Heldenleben", das mich dabei bisher am tiefsten bewegt hat. Mit kriegerischem Heroismus hat das nämlich überhaupt nichts zu tun, eher mit dem Komponisten als Helden, den es zu "Taten" drängt. Und die eigentliche Hauptperson dieses Stückes ist doch eigentlich "des Helden Gefährtin". Ich muß sagen, mich hat das letzte Stück dieser Sinfonie "des Helden Weltflucht und Vollendung" fast zu Tränen gerührt ( in der Aufnahme mit Ormandy, bei Kempe weniger).

Strauss ist ein durchaus positiver Musiker, der durch seine Naivität berührt. Als Komponist war er zwar in der Lage, jedes Register zu ziehen, aber als Mensch erhielt er sich eine gewisse Naivität dessen, der schlicht keine Lust hat auf irgendwelche intellektuellen Dinge, nicht weil er dumm war, sondern weil er Nachdenken als "unangenehm" empfanden.

Und dann ist er eben nicht nur positiv, sondern auch diesseitig. Das heißt seine Musik ist nicht nur nicht christlich, sie hat überhaupt kein Interesse an irgendeiner jenseitigen Spekulation. Das ist aber überhaupt nicht oberflächlich, sondern hat Tiefe. Wobei ich nicht weiß, was Strauss von Nietzsche verstanden hat.

Gruß Martin
Florestan (08.08.2013, 15:08):
Liebe Forumsteilnehmer

Es gibt immer mal wieder Themen, die nach kurzer Zeit abreissen, entweder weil keine Lust mehr besteht sie weiterzuführen oder aus Desinteresse.
Richard Strauss scheint so ein Fall zu sein. Auch mein Themenstarter zu seinen Liedern hat ja bislang noch kein Interesse gefunden. Dennoch sollte das was hier geschrieben wurde, auch wenn es nur einige Einzelmeinungen sind, nicht unwidersprochen bleiben. Auch an anderer Stelle im Forum gibt es immer mal wieder kritische Einlassungen zu Strauss, einschliesslich einiger Bemerkungen die Kollegen oder Nachschöpfer gemacht haben. Die Person scheint also zum Widerspruch zu reizen. Dazu hat er sicher auch selber durch sein betont selbstbewusstes Auftreten beigetragen, was von dem ein oder anderen vielleicht als arrogant empfunden wird. Auch seine mangelnde Abgrenzung zu den Nationalsozialisten hat ihm nicht gerade Freunde gebracht. Aber da gibt es genügend andere Beispiele, wo man ähnlich urteilen könnte. Karajan hat es offenbar nicht nachhaltig geschadet.

Gerne wird dann die ultimative Argumentationskeule "er hat keine Tiefe" gewählt. Was freilich diese Tiefe ausmacht hat mir noch niemand schlüssig erklären können. Gilt das z.B. für all die Gelegenheitskompositionen eines Mozart, der dies dort wohl gar nicht beabsichtigt hat? Oder den Finalsatz der 7. Beethovensinfonie? Nur weil diesen Komponisten (um nur 2 Beispiele zu nennen) per se Tiefsinn zugeschrieben wird?. Im Grunde gibt es dafür auch keine Kriterien, sondern nur subjektive Empfindungen.
Für mich ist dieses Argument also keines, sondern eine typische Killerphrase.

Über Geschmacksfragen soll man ja bekanntlich nicht streiten. Über Qualität allerdings schon. Und da würde ich doch jedem, der meint sich ein Urteil über Strauss erlauben zu können, empfehlen sich einmal mit seinen Werken etwas intensiver auseinanderzusetzen. Und damit meine ich nicht, das ein oder andere mehr oder weniger bekannte Werk auf Tonträger anzuhören. Es sollte mindestens schon ein Konzert- oder Opernbesuch sein. Das Studium der Partituren wäre auch sehr hilfreich. Denn dann würde man erkennen, das Strauss zu Recht die dominierende Musikerpersönlichkeit seiner Zeit war. Er gehört auch heute noch zu den meist gespielten Operkomponisten überhaupt. Viele Zeitgenossen haben sich an seinem Stil orientiert, und er fand auch bei den meisten seiner Kollegen grosse Anerkennung. Wenn sich Musiker wie Furtwängler negativ über ihn ausgelassen haben wirkt das eher peinlich. Denn der hatte auch kompositorische Ambitionen. Dadurch bekommen diese Aussagen immer "ein Geschmäckle".

Die Bemerkung zu Idomeneo muss man vor dem Hintergrund sehen, das Strauss ein großer Bewunderer Mozarts war. Man kann die Werke von zwei vollkommen unterschiedlichen Epochen nicht vergleichen, und sein Versuch im Mozertstil zu komponieren (Ariadne auf Naxos) ist ja auch völlig unterschiedlich ausgefallen. Von der komositorischen Qualität, also Themenfindung, Verarbeitung, Kontrapunkt, Harmonik etc. hat Straus etliche Opern geschrieben, die sich vor Mozart nicht zu verstecken brauchen, erst recht nicht vor dem Idomeneo, in dem Mozart ja noch nicht seinen Reifestil gefunden hatte.
Hier ist nicht der Raum für musikwissenschftliche Abhandlungen, dafür ist dieses Forum auch nicht der richtige Ort. Wir sollten aber der Fairnis halber nicht verallgemeinern, und Strauss nach seinen Meisterwerken (Elektra, Rosenkavalier, Frau ohne Schatten, Till Eulenspiegel, Vier letzte Lieder etc.) und nicht an den zweifellos auf Effekt zielenden Werken wie der Sinfonia Domestica oder ein Heldenleben beurteilen. Es gibt bei Strauss soviel herrliche Musik zu hören, die nicht nur handwerklich auf höchstem Niveau angesiedelt ist, sondern auch inhaltlich unendlich veil zu bieten hat, und zwar von seinen frühen Liedern bis zu den vier letzten Liedern.
Wer mit dieser Musik nichts anfangen kann muß sich ja nicht damit auseinandersetzen. Dann sollte er sich jedoch auch eines pauschalen Urteils enthalten. Die Nachwelt hat ein ziemlich eindeutiges Urteil gefällt, sonst wären seine Werke nicht so präsent auf den Podien dieser Welt.

Grüße Florestan
Hyacinth (08.08.2013, 18:46):
Hallo, Florestan!

Ich glaube schon, dass Strauss Geschmackssache ist und einen vermutlich Strauss' Position als Präsident der Reichsmusikkammer nicht davon abschreckt seine Musik zu mögen: Ich finde es immer wichtig vom Menschen und dem Künstler zu unterscheiden - wenn die Kunst frei ist von seiner Gesinnung. Da käme man dann wieder zur Diskussion der Kunstfreiheit... Aber das führt zu weit. Ich liebe Strauss über alles, bei Opern ist er mein absoluter Lieblingskomponist und mir gefällt seine Musik trotzdem. Hofmannsthal war ebenso nicht frei vom damals "salonfähigen" Antisemitismus und war vermutlich auch sonst ziemlich konservativ eingestellt, aber ich liebe seine Texte trotzdem.
Zu Strauss' Musik den Kommentar "Ja, aber er war doch..." kann man nicht wirklich ernst nehmen, da es nichts mit seiner Musik zu tun hat :wink

Gerne wird dann die ultimative Argumentationskeule "er hat keine Tiefe" gewählt. Was freilich diese Tiefe ausmacht hat mir noch niemand schlüssig erklären können. Gilt das z.B. für all die Gelegenheitskompositionen eines Mozart, der dies dort wohl gar nicht beabsichtigt hat? Oder den Finalsatz der 7. Beethovensinfonie? Nur weil diesen Komponisten (um nur 2 Beispiele zu nennen) per se Tiefsinn zugeschrieben wird?. Im Grunde gibt es dafür auch keine Kriterien, sondern nur subjektive Empfindungen. Für mich ist dieses Argument also keines, sondern eine typische Killerphrase.

Spannend, das habe ich bei Strauss noch nie gehört (typischer ist ja eher: Den einen ist er zu progressiv, den anderen zu schmalzig.)...
Wenn man sich Opern wie "Die Frau ohne Schatten" anschaut, wird man dieses Argument hoffentlich gleich wieder selbst entkräften. Ich habe es mir als Lebensaufgabe genommen, mich eingehend mit der Thematik, Symbolik und den Leitmotiven dieser Oper auseinanderzusetzen - wenn man da einmal anfängt, wird man nie fertig. Im Zuge meiner Matura habe ich nur eine Abhandlung darüber gelesen, woher die Symbole und Motive kommen, wie Freuds Erkenntnisse auf das Werk Einfluss genommen haben, welches Motiv was bedeutet und schon das war enorm viel und umfangreich, so dass man sich das unmöglich merken und alle Ebenen der Oper erfassen kann.

Ich liebe Strauss gerade wegen seiner Tiefe und wegen seiner Libretti. Zwar habe ich mal gelesen, dass Strauss sich seine Textdichter (die er ja nicht gerade kollegial behandelt haben soll) eher nach Gefühl ausgesucht hat und nicht nach Qualität des Textes, doch finde ich, dass das eine anscheinend ziemlich gute Taktik war:
1. Vertont er so genau das, was ihn anspricht, was ihm liegt und was er fühlt - das passt auch zur Hochromantik.
2. Hat er trotzdem hochwertige literarische Texte ausgesucht - zum Beispiel von Oscar Wilde, Stefan Zweig oder Hugo von Hofmannsthal.

Und da würde ich doch jedem, der meint sich ein Urteil über Strauss erlauben zu können, empfehlen sich einmal mit seinen Werken etwas intensiver auseinanderzusetzen.

Das ist ja bekanntlich immer so. Bevor ich Salome und Elektra nicht in der Oper gesehen habe, habe ich auch nicht gedacht, dass mir diese "expressionistisch angehauchten" Frühwerke gefallen würden :J

Hohl und seelenlos, wie ein Forumsteilnehmer weiter unten bemerkt, finde ich Strauss' Musik ganz und gar nicht. Es gibt nur ganz wenige Musikstücke, die bei mir so viele unterschiedliche Gefühle auslösen wie Richard Strauss. Aber Geschmackssache...

Auch die Ariadne ist übrigens eine Oper, die man nicht zur Oberflächlichkeit verurteilen sollte. So baut Strauss zum Beispiel mehrere musikalische Zitate ein: "Töne, töne, süße Stimme" fängt an wie Schuberts Wiegenlied und der Beginn von "Liebe, hassen, hoffen, zagen" ist eine schlichte Version der ersten Takte von Mozarts 11. Klaviersonate.

lg,
Hyacinth :hello
Maurice inaktiv (08.08.2013, 19:47):
Ich kann mich zu seinen Opern nicht äußern,das ist nicht meine Baustelle, aber zu seinen Orchesterwerken.

Mir gefallen seine Orchesterwerke, da sie absolut erstklassig gearbeitet und auch nur von ebenso erstklassigen Orchestern so gespielt werden können, wie man sie spielen MUSS.

Ich vergleiche seine Werke auf eine gewisse Weise mit jenen seines Kollegen und durchaus auch Zeitgenossen,Gustav Mahler.
Wie kommt das?

Beide führen das spätromantische Orchester bis an den Rande der Atonalität heran, dies' Alles natürlich in vielen Jahren durch stetige Weiterentwicklung ihrer Komposionskunst.

Beide waren tief in ihrer Tradition eingebunden, beide waren als Dirigenten und Opernchefs in führenden Funktionen in der Übergangszeit von der Romantik hin zur Moderne an wichtigen Opernhäusern beschäftigt.

Beide haben in ihren Kompositionen sehr stark auch triviale und typisch "ländliche" Themen verarbeitet. Jeder auf seine,letztendlich aber genialen Schreibweise, das versteht sich von selbst.

Man mag die "Alpensinfonie" als so ein "triviales" Stück ansehen, doch man höre dazu die Aufnahmen, die führend sind.Z.B. Richard Kempes Strauss-Einspielungen mit der Staatskapelle Dresden, Soltis Einspielungen mit dem SO des BR oder die alten Fritz Reiner und George Szell-Einspielungen dieses Komponisten, die noch heute ihre Freunde und Käufer haben.

In neuerer Zeit haben das David Zinman mit seinen Mannen aus Zürich und Christian Thielemann bewiesen, dass man Richard Strauss auch im späten 20./frühen 21.Jahrhundert noch immer erstklassig gespielt werden können.

VG,Maurice :hello
Florestan (08.08.2013, 20:36):
Liebe Hyacinth

Da habe ich ja eine Schwester im Geiste entdeckt, von der ich noch gar nichts wusste. Vielen Dank für Dein schönes Plädoyer.
Dann wird auch Dein Pseudonym besser verständlich, denn einer der vielen Vornamen des Octavian die Sophie im 2. Aufzug des Rosenkavalier hersagen kann ist ja Hyacinth. :wink
Das jemand den FroSch als Grundlage für seine Matura wählt, lässt mich hoffen, dass es auch nach mir noch eine Generation geben wird die das Erbe unserer Meister hochhält.

Zur Rolle von Strauss in der Reichsmusikkammer noch ein Wort:
Er hat sich in den Nationalsozialisten erheblich getäuscht (wie viele seiner Zeitgenossen auch). Sein gegenüber Zweig geäusserter Ausspruch "Ich markiere den Präsidenten nur um schlimmeres zu verhindern" war ja offenbar auch ernst gemeint, und nachdem Goebbels den Brief abfangen liess und ihn dazu zur Rede stellte, war ihm vollends klar mit wem er es zu tun hatte. Natürlich war er opportunistisch eingestellt, weil er seine Werke aufgeführt wissen wollte, und da hatte er nicht viele Skrupel. Aber einem Furtwängler, der sein Nachfolger wurde, hat man die Rolle weniger übel genommen. Auch der ein Opportunist. Das dann Peter Raabe wesentlich rigoroser in der Umsetzung der Vorgaben war, hat dessen Reputation auch nicht nachhaltig beschädigt (seine Biografie über Liszt finde ich auch trotzalledem grossartig). Aber wir sollten zwischen Mensch und Werk unterscheiden. Ich kann auch die Musik eines Kotzbrockens wie Wagner einer war lieben.

Herzliche Grüße

Florestan
Hyacinth (08.08.2013, 21:31):
Ich kann mich zu seinen Opern nicht äußern,das ist nicht meine Baustelle, aber zu seinen Orchesterwerken. Mir gefallen seine Orchesterwerke, da sie absolut erstklassig gearbeitet und auch nur von ebenso erstklassigen Orchestern so gespielt werden können, wie man sie spielen MUSS.

Ich habe dagegen wenig Ahnung von den Orchesterwerken (Nachholbedarf!! :wink )
Deinen 2. Satz kann man, wie ich finde, genauso auf die Opern übertragen (Rosenkavalier-Walzerfolgen sind ja im Prinzip auch ein Orchesterwerk). Das, was viele Menschen bei Strauss abschreckt ist, ein "Klangbrei", da die großen Bögen von einem großen Orchester gespielt sehr leicht zäh, stehend oder eben breiig (hab ich zum glück noch nie so gehört).

Beide führen das spätromantische Orchester bis an den Rande der Atonalität heran, dies' Alles natürlich in vielen Jahren durch stetige Weiterentwicklung ihrer Komposionskunst.

Ich betitle Strauss fast eher als hochromantisch - auch wenn das im Prinzip wurscht ist und nichts zu Sache tut. "Mein Strauss" ist eher der schwärmerische, leidenschaftliche als der expressionistische (zb Elektra).


Liebe Hyacinth Da habe ich ja eine Schwester im Geiste entdeckt, von der ich noch gar nichts wusste. Vielen Dank für Dein schönes Plädoyer. Dann wird auch Dein Pseudonym besser verständlich, denn einer der vielen Vornamen des Octavian die Sophie im 2. Aufzug des Rosenkavalier hersagen kann ist ja Hyacinth

In letzter Zeit habe ich mich auch mangels Zeit eher rar gemacht in diesem Forum, jetzt habe ich Sommerferien und die Oper ist zu :J
Ja, mit diesem Nick-Name hatte ich schon so meine Erlebnisse.. Nicht jeder kann alle Vornamen des Vetter Taverl auswendig :beer
(apropos: Was ist denn Maria Ehrenreich für ein Name?! ?( )

Leider konnte ich die FroSch doch nicht nehmen - mein Traumspezialgebiet wäre gewesen fächerübergreifend Deutsch-Musik die Zusammenarbeit von Strauss und Hofmannsthal. Nachdem ich mich schon eingelesen hatte, habe ich erfahren, dass man bei der fächerübergreifenden Matura 3 kleine Themen anstatt eines größeren ausarbeiten muss. C'est la vie... Schlussendlich hatte ich als Musik-Spezialgebiet "Frauenfiguren in Richard Strauss' Opern", wenn ich mich recht entsinne Salome, Marschallin, Octavian, Zerbinetta und Zdenka. Zur Matura bekam ich das Opernschaffen Strauss' generell zu beschreiben und Salome, Octavian und Zdenka zu charakterisieren. Es versteht sich von selbst, dass sich das in den vorgesehenen fünf Minuten vorne und hinten nicht ausging. :D

Aber wir sollten zwischen Mensch und Werk unterscheiden. Ich kann auch die Musik eines Kotzbrockens wie Wagner einer war lieben.

Wie wahr, wie wahr...

lg,
Hyacinth :hello
palestrina (08.08.2013, 22:11):
Ich kann auch die Musik eines Kotzbrockens wie Wagner einer war lieben.

Sehr trefflich formuliert lieber Florestan ,

auch ich bin ein sehr grosser Strauss Liebhaber, vor allem haben es mir seine Opern und Lieder
angetan !!!!!!!
Ich weiss gar nicht, wenn mich jemand fragt welche meine liebste wäre , was ich antworten sollte !
FroSch , Elektra ,Salome ,Ariadne ,Arabella, Rosenkavalier, Danae, Daphne, Capriccio , Helena,
Intermezzo, DSchwFrau, die frühen lassen wir mal aussen vor , obwohl, auch die habe ich gehört !
Sicher hört man die eine mehr als die andere , aber ich mag sie alle, es gibt keine die mir gar nicht
gefällt ! Höre mir oft auch nur Teile aus den Opern an! Da kann man sich seine Lieblingsszenen aussuchen und die reinste Freude haben !
Und sehen kann man heute in den Opernhäusern schon einige.Aber es gibt für mich noch Nachholbedarf !!!!!!
Würde sehr gerne mal die Danae sehen und die SchwFrau.!

So, und nun höre ich mir den Schluss des ersten Aktes aus Der Frau ohne Schatten an.
"Sie haben es mir gesagt........." mit Josef Herrmann von 1942 Staatskapelle Dresden K.Böhm. :down

LG palestrina
abendroth (08.08.2013, 22:32):
Bei soviel Enthusiasmus trete ich mal ins Fettnäpfchen: Wirklich berührt haben mich von Strauss nur die 4 letzten Lieder, der Rest (den ich zum grössten teil zumindest einmal gehört habe) ist meistens Kunst.....handwerk (was ja nicht nichts ist), gehobene Unterhaltungsmusik für Anspruchsvolle. (Harnoncourt sagte in einem Interview (diapason): "Viel Lärm um nichts".
Freundliche Grüsse
abendroth
palestrina (08.08.2013, 23:08):
Dann solltest du mal deine Schritte ins Opernhaus lenken ! :ignore
Auf den Geschmack kommt man bekanntlichbeim Sehen und Hören !!!!!! Du wirst staunen !

LG palestrina
Hyacinth (08.08.2013, 23:28):
Sei ja jedem unbenommen, ob es ihm gefällt oder nicht.

Recht geben muss ich palestrina, dass einige Strauss-Opern viel zu selten gespielt werden. Hier in Wien, wo man sich rühmt, als Stammrepertoire unter anderem Strauss zu haben, wird jedes Jahr der etwas staubige Rosenkavalier vom Schenk gespielt (eine Wiederaufnahme gabs vor 1,2 Jahren, sonst ist es immer an den Sängern wie sehr die Inszenierung dann nicht in eine Kostüm- und Kulissen-Mottenkiste ausartet), die Neuproduktion der Ariadne dieses Jahr war mäßig... Die FroSch-Inszenierung (von Robert Carsen) ist eine der besten, die die WSO überhaupt im Repertoire hat, wird aber - wie ich gerüchteweise vernommen habe - wieder einige Jahre nicht gespielt.
"Die schweigsame Frau" wurde früher sehr sporadisch gespielt und ist mittlerweile vermutlich in der Versenkung verschwunden, an Opern wie "Die Liebe der Danae" oder "Die ägyptische Helena" ist gar nicht zu denken.
Auch die "Elektra" ist nur mehr ein müder Abklatsch der Ursprungsinszenierung.
Da bin ich mal gespannt, was denn so zum Strauss-Jahr 2014 geplant ist - hoffentlich mehr als zum Verdi-Jahr!

lg,
Hyacinth :hello
Florestan (09.08.2013, 08:14):
Original von abendroth
Bei soviel Enthusiasmus trete ich mal ins Fettnäpfchen: Wirklich berührt haben mich von Strauss nur die 4 letzten Lieder, der Rest (den ich zum grössten teil zumindest einmal gehört habe) ist meistens Kunst.....handwerk (was ja nicht nichts ist), gehobene Unterhaltungsmusik für Anspruchsvolle. (Harnoncourt sagte in einem Interview (diapason): "Viel Lärm um nichts".
Freundliche Grüsse
abendroth

Lieber Abendroth

Wenn man Unfug, wie den Ausspruch von Harnoncourt (was ja wohl mehr als Provokation gedacht war) häufig wiederholt, wird er darum nicht mehr wahr. Strauss Werke als reines Kunsthandwerk zu bezeichnen ist durch seine Partituren leicht zu widerlegen, darum gehe ich darauf auch gar nicht ein. Es halten sich eben immer wieder die beliebten Vorurteile.
Zum Glück ist das Repertoire groß genug, um für jeden etwas zu bieten. Man ist also nicht gezwungen sich mit einem Komponisten zu beschäftigen, den man nicht mag. Das mindeste was allerdings erwartet werden kann, wenn man ernst genommen werden möchte, ist das man fair bleibt. Ich kann z.B. mit der Musik eines Verdi nicht viel anfangen, würde aber niemals auf die Idee kommen und dies auch noch öffentlich bekunden, dass er ein schlechter Komponist ist.
Und zum Thema Unterhaltungsmusik (wenn es denn bei Strauss so wäre, von Ausnahmen mal abgesehen): Was ist daran schlecht? Mozart hat davon jede Menge geschrieben. Er musste ja von etwas leben. Aber durch sein Genie ist sie fast immer von hoher Qualität, und erfreut uns jeden Tag aufs Neue.

Viiele Grüße
Florestan
Florestan (09.08.2013, 10:20):
Original von Hyacinth

Recht geben muss ich palestrina, dass einige Strauss-Opern viel zu selten gespielt werden.
lg,
Hyacinth :hello

Auf operabase gibt es dazu eine interessante Statistik
http://www.operabase.com/top.cgi?lang=de&show=operas&by=Strauss,R
(Enoch Arden gehört allerdings nicht dazu)

Die "kleineren" Opern werden in der Tat viel zu selten aufgeführt. Früher gab es in Dresden eine ganze Strauss Woche mit bis zu 10 unterschiedlichen Aufführungen. In der nächsten Spielzeit werden immerhin die Frühwerke Guntram und Feuersnot gegeben.
Während meiner Jahre in Krefeld hatte ich das Glück, in Essen eine Reihe von Opern unter der Stabführung von Stefan Soltez zu erleben. Seine Frau ohne Schatten ist schon fast legendär zu nennen. Aber auch die ägyptische Helena gab es in einer sehr guten Darbietung (u.a. mit einer der letzten Auftritte von Helen Donath). Häufig sind es kleinere Operhäuser die sich trauen auch abseits von Salome und Elektra seltenere Werke aufzuführen.

Noch ein kleiner Exkurs zur Bemerkung von Maurice zum Thema nahe an der Atonalität:
Tatsächlich hat Strauss in der Elektra die Tonsprache bis an den Rand der Tonalität getrieben. Zur Illustration der Geschichte war das auch absolut angemessen, und zeigt die enorme Wandlungsfähigkeit dieses Komponisten, der alle Register beherrschte. Die Szene zwischen Elektra und Klytemnästra wird so mit Hochspannung aufgeladen, ein echtes Psychodrama. Ich habe die Elektra mal in Salzburg mit Leonie Rysanek als Klytemnästra gehört und gesehen. Gerade diese Szene war umwerfend (Dirigent: Lorin Maazel). Wie da plötzlich die Stimmung kippt, als Elektra ihr eröffnet, dass sie ihre Mutter samt Buhlen umbringen möchte. Das ist grandios komponiert und spricht allen Herabsetzungen dieses Komponisten Hohn.
Allerdings ist Strauss diesen Weg nicht weitergegangen. Zum Glück muss man sagen, denn dann hätten die folgenden Werke anders geklungen. Die Tonsprache des Rosenkavalier oder der Frau ohne Schatten entspricht auch mehr dem Naturell des Komponisten.
Übrigens: Die verstaubte Inszenierung des Rosenkavalier durch Schenk gibt es ja auf DVD, mit Carlos Kleiber und einer umwerfenden Sänger-Besetzung. Ich finde sie nett anzuschauen, ein schönes Kontrastprogramm zu vielen sehr bemühten Regieleistungen. Aber so hatten sich Strauss, Hoffmansthal und Roller das vorgestellt. Eine echte Teamleistung damals.

Schönen Tag noch
Florestan
abendroth (09.08.2013, 11:37):
Liebe Straussfreunde,
einen schlechten Komponisten würde ich Strauss gewiss nicht nennen, das war nicht meine Absicht. Und wenn ich von Kunsthandwerk spreche, dann meine ich das nicht unbedingt respektlos, sein Handwerk beherrschte er wie nur wenig andere. Seine sinfonischen Dichtungen sind orchestrale Virtuosenstücke, aber (meist) nicht viel mehr. Es ist schon richtig, dass ich bei Strauss irgendwo die Tiefe vermisse, etwas - zugegeben klingt das sehr diffus - weltanschaulich Bekennerhaftes. Das mag ein Vorurteil sein (wer ist frei davon?), aber es beruht auf meiner Erfahrung mit seiner Musik, - ich vermute, dass ich zumindest ca. 80% seines oeuvres zumindest einmal gehört habe. Ich geh ihm nicht aus dem Wege. Nur: es hat mich halt nicht so sehr angesprochen, dass Strauss in meiner klassischen Hitliste relativ weit oben rangieren würde. Wenn ich mich hier zu Wort gemeldet habe, dann vielleicht auch um einen Anreiz zu bekommen, mich mal wieder mit Strauss zu beschäftigen. Zumindest die FroSch müsste ich mir noch mal vornehmen, da es mir noch nicht gelungen ist, sie konzentriert zu hören.
freundliche Grüsse
abendroth
Florestan (09.08.2013, 12:50):
Lieber Abendroth

Das klingt ja schon etwas versöhnlicher.
Vielleicht können wir Dir bei deiner Reise zu Strauss (revisited) ja ein wenig Unterstützung geben.
Die Orchesterwerke sind in der Tat überwiegend Schaustücke. Aber es ist eine reine Freude dem zuzuhören, und die Raffinesse mit der sie gemacht wurden ist bewunderungswürdig. Diese ständige Suche nach Tiefsinn macht auch nicht wirklich Spass. Das Leben ist schon hart genug, wobei wir hier ja noch bestens dran sind. Ich geniesse auch virtuose Klaviermusik, und erfreue mich an den kompositorischen Feinheiten, wenn sie denn vorhanden sind (z.B. Godowsky). Genauso gerne versenke ich mich in die Missa solemnis eines Beethoven, oder seine große Fuge für Streichquartett. Das nebeneinander so unterschiedlicher Ansätze ist es, was das Leben mit Musik so erfreulich und wertvoll macht.
Neulich habe ich z.B. die Alpensinfonie im Konzert gehört. Die dahinter liegende Geschichte vom Aufstieg in die Berge und dem Abstieg danach kommt ungeheuer plastich herüber. Und als ich vorgestern zufällig in Garmisch war, kam mir die Musik beim Anblick des unvermittelt auftauchenden Bergmassivs sofort in den Sinn. Hier findet sich auch das Bekennende in seiner Musik: Die Liebe zu seiner Heimat z.B.
Seine Ausflüge ins allzu private (Sinfonia Domestica, Intermezzo etc.) gehören auch dazu, sind aber nicht jedermanns Sache (meine im übrigen auch nicht).
Aber Strauss war in erster Linie ein Opern- und Liedkomponist, und da entdeckt man seine Qualitäten zuerst. In dem Kapitel zu Liedern habe ich da einiges geschrieben.

Vielleicht ist es sinnvoll sich ihm chronologisch von hinten zu nähern, wenn Dir seine vier letzten Lieder gefallen. Da gibt es ja die Methamorphosen für 23 Streicher. Mir ist zwar i.d.R. nicht klar was mit Tiefe gemeint ist, aber nach meinem Verständnis besitzt dieses Werk davon eine Menge. Durch den verheerenden Eindruck des Krieges ausgelöst, hat Strauss hier ein Resumee seiner kompositorischen Laufbahn gezogen. Als ich es neulich wieder im Konzert gehört habe hat es mich tief bewegt.
Dann gibt es auch als Spätwerk das Oboenkonzert, ein Geschenk für einen amerikanischen Offizier, der im zivilen Leben Oboist war. Das Stück ist sehr mozartisch angelegt. Desweiteren das 2. Hornkonzert, das Duett Concertino oder die sinfonischen Zwischenspiele aus Capriccio.
Bei Brilliant sind ja die alten EMI Aufnahmen mit Rudolf Kempe und den Dresdnern neu erschienen. Hier kann man sich für wenig Geld einen kompetenten Überblick verschaffen.
Aber ohne Studium der Opern kann man diesem Komponisten nicht gerecht werden.

Herzliche Grüße
Florestan
Billy Budd (09.08.2013, 16:25):
Schön, dass dieser Thread mit so interessanten Beiträgen zum Leben erweckt wird! Danke an alle! :beer

Es ist eh schon bekannt, aber Strauss ist auch mein absoluter Lieblingskomponist (danach kommen Mahler und Schreker) und meine Lieblingsopern sind Elektra und Frau ohne Schatten, wobei ich auch Capriccio enorm schätze.

Zum oben angesprochenen Strauss-Jahr in Wien: Nächste Saison (2013/14) ist eine Durststrecke (da werden nur die drei absoluten Raritäten Rosenkavalier, Salome und Ariadne gespielt - teilweise auch noch in ziemlich schlechten Besetzungen), aber ich vermute dass das nur die Ruhe vor dem Sturm ist - Die Liebe der Danae wurde schon angekündigt. Frau ohne Schatten soll es aber leider erst 2017 geben, glaube ich, gehört zu haben.

"Frauenfiguren in Richard Strauss' Opern" ist ein super Spezialgebiet, da Strauss ja viele Frauenfiguren sehr genau charakterisiert hat.

Und noch was zur oben angesprochenen Rolle im Nationalsozialismu.s: Strauss war 1933 fast 70, also schon ziemlich alt. Außerdem hat er darauf bestanden, dass der Namen der Juden Stefan Zweig und Bruno Walter auf den Ankündigungsplakaten abgedruckt wurden.
Billy :hello
Hyacinth (09.08.2013, 17:00):
Auf operabase gibt es dazu eine interessante Statistik http://www.operabase.com/top.cgi?lang=de...as&by=Strauss,R (Enoch Arden gehört allerdings nicht dazu)

Es ist (leider) die Wahrheit - mich wundert allerdings, dass Ariadne öfter als Rosenkavalier gespielt wird.

Tatsächlich hat Strauss in der Elektra die Tonsprache bis an den Rand der Tonalität getrieben. Zur Illustration der Geschichte war das auch absolut angemessen, und zeigt die enorme Wandlungsfähigkeit dieses Komponisten, der alle Register beherrschte. Die Szene zwischen Elektra und Klytemnästra wird so mit Hochspannung aufgeladen, ein echtes Psychodrama. Ich habe die Elektra mal in Salzburg mit Leonie Rysanek als Klytemnästra gehört und gesehen. Gerade diese Szene war umwerfend (Dirigent: Lorin Maazel). Wie da plötzlich die Stimmung kippt, als Elektra ihr eröffnet, dass sie ihre Mutter samt Buhlen umbringen möchte. Das ist grandios komponiert und spricht allen Herabsetzungen dieses Komponisten Hohn.

Ich finde auch nur so wird Strauss dem Stoff gerecht. Auch Barockorchester können zb Stürme toll herüberbringen, aber so plastisch fühlt man den Schmerz oder das Entsetzen mit harmonischen Melodien nicht - das ist genau dasselbe bei Wozzeck; auch wenn ich kein großer Berg-Fan bin, kann ich mir keine andere Vertonung dieses Werks vorstellen.
Ich finde schon gut, dass es diese zwei Seiten von Strauss gibt, aber bin ganz deiner Meinung. Schönes Gruseln und angenehme Gänsehaut hin oder her, aber das ist Musik, die da ist, um sie ab und zu mal zu hören (ohne abgestumpft zu werden).

Übrigens: Die verstaubte Inszenierung des Rosenkavalier durch Schenk gibt es ja auf DVD, mit Carlos Kleiber und einer umwerfenden Sänger-Besetzung. Ich finde sie nett anzuschauen, ein schönes Kontrastprogramm zu vielen sehr bemühten Regieleistungen. Aber so hatten sich Strauss, Hoffmansthal und Roller das vorgestellt. Eine echte Teamleistung damals.

Versteh mich nicht falsch, ich finde die Inszenierung nett, weil sie so alt ist, ist sie auch in Ordnung, es ist ein Klassiker - peinlicher sind da eher die zeitgenössischen Kostümschinken, die sie in den Staaten manchmal hinstellen. Es ist nur schade, dass es dann wirklich sehr auf die Sänger ankommt, ob man etwas anderes wahrnimmt als kiloschwere Samtvorhänge und riesige Röcke. Ich finde, es sollte den Sängern mehr "Anleitung" oder Rollenprofil gegeben werden, aber das macht diese Inszenierung ja nicht aus. Da in Wien sowieso alle Strauss-Neuinszenierungen von Bechtolf gemacht werden, ist es sicher besser, wenn die alte bleibt.

Wenn ich mich hier zu Wort gemeldet habe, dann vielleicht auch um einen Anreiz zu bekommen, mich mal wieder mit Strauss zu beschäftigen. Zumindest die FroSch müsste ich mir noch mal vornehmen, da es mir noch nicht gelungen ist, sie konzentriert zu hören.

Viel Spaß dabei! Vielleicht entdecke ich ja auch einmal "Cosi fan tutte" für mich - mich dem zu widmen konnte ich mich bis jetzt auch nicht überwinden :wink *OT*

Zum oben angesprochenen Strauss-Jahr in Wien: Nächste Saison (2013/14) ist eine Durststrecke (da werden nur die drei absoluten Raritäten Rosenkavalier, Salome und Ariadne gespielt - teilweise auch noch in ziemlich schlechten Besetzungen), aber ich vermute dass das nur die Ruhe vor dem Sturm ist - Die Liebe der Danae wurde schon angekündigt. Frau ohne Schatten soll es aber leider erst 2017 geben, glaube ich, gehört zu haben.

Hoffen wir auf 2014/15... Etwas anderes bleibt uns ja nicht übrig. Das einzige, worauf ich mich wirklich sehr gefreut habe, war der Rosenkavalier und damit wirds ja jetzt vermutlich nichts werden (siehe Link) - ich freue mich allerdings für Frau Garanca, das ist ein sehr guter Grund! :beer

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/3377219/elina-garanca-erwartet-kind-sagte-auftritte-ab.story

Auf die Salome freue ich mich zwar auch (unter meinen Top 3 von Strauss), aber ich weiß nicht, was ich mir von der Besetzung erwarten soll.

"Frauenfiguren in Richard Strauss' Opern" ist ein super Spezialgebiet, da Strauss ja viele Frauenfiguren sehr genau charakterisiert hat

Danke für die Blumen - als wissenschaftliche Arbeit wahrscheinlich besser geeignet, weil (vermutlich auch dafür) viel zu umfangreich!

Im übrigen glaube ich nicht, dass Strauss wirklicher Nazi war - dagegen spricht einiges. Ende 19. / Anfang 20. war ein bisschen Antisemitismus "en vogue", aber die wenigsten Intellektuellen haben sich dann mit der NSDAP solidarisiert, als der Radikalismus klar wurde.

lg,
Hyacinth :hello
Florestan (09.08.2013, 17:02):
Hallo Billy Budd

Da wären wir ja nicht drauf gekommen, dass Strauss und Schreker zu Deinen Favoriten zählen :rofl Ich hätte ja auf Britten getippt ..

Frauen spielen in fast allen Opern von Strauss die Hauptrolle (ausser Guntram und Intermezzo, beim Capriccio ist es ausgeglichen). Möglicherweise lag das daran, dass seine eigene Frau Sängerin war. Aber auch seine Lieder passen meist besser zu Frauenstimmen. Und die beiden zentralen Szenen im Rosenkavalier (Duett Sophie, Octavian im 2. Aufzug, sowie Terzett im 3.) sind für mich das schönste was je in dieser Art geschrieben wurde.
Vielleicht gibt Hyacinth uns ja mal bei Gelegenheit einen Einblick in Ihre Arbeit darüber. Das wäre sicher sehr interessant. :wink

Liebe Grüße
Florestan
Hyacinth (09.08.2013, 17:10):
Ich hab auch mal in einem Buch gelesen, dass Strauss für seine genauen Charakterisierungen und psychologisch nicht immer einfachen Personen zuhause ein gutes Vorbild hatte :rofl

Gerne, wo soll ich anfangen? :J

lg,
Hyacinth
Florestan (09.08.2013, 17:17):
Original von Hyacinth

Im übrigen glaube ich nicht, dass Strauss wirklicher Nazi war - dagegen spricht einiges. Ende 19. / Anfang 20. war ein bisschen Antisemitismus "en vogue", aber die wenigsten Intellektuellen haben sich dann mit der NSDAP solidarisiert, als der Radikalismus klar wurde.

lg,
Hyacinth :hello

Jetzt haben sich unsere Beiträge überschnitten.
Also da war schon ein bisschen mehr Antisemitismus, gerade in Österreich, was auf die starke katholische Prägung zurückzuführen ist. Die Art und Weise wie mit Mahler umgegangen wurde spricht ja Bände. Und Strauss war in seiner Haltung ambivalent. Unterschwellig war er sicher von der allgemeinen Stimmung beeinflusst, aber er hat bei den Menschen mit denen er zu tun hatte nie etwas negatives in der Hinsicht geäussert, sonst hätte er bestimmt nicht mit Zweig zusammengearbeitet, den er sehr schätzte.
Strauss war eher unpolitisch. Er hatte gedacht die Nazis für sich einspannen zu können, was ja bekanntlich voll daneben gegangen ist. Danach hat er gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Die polemischen Angriffe eines Klaus Mann, der nach dem Kriege bei ihm einen Besuch gemacht hatte ohne sich zu outen, und dann nachdem er das Vertrauen des Komponisten erlangt hatte über ihn hergezogen ist, ist aber auch ungerecht. Strauss hat für seinen Irrtum schwer büssen müssen. Ein grosser Teil seines Vermögens sind im Krieg verloren gegangen. Und die Zerstörung der Semperoper in Dresden war ein schwerer Schlag für ihn. Der Niederschlag dieser Erlebnisse findet sich in den Methamorphosen mit dem Trauermarsch-Zitat aus der Eroica.

Liebe Grüße
Florestan
Florestan (09.08.2013, 17:20):
Original von Hyacinth
Ich hab auch mal in einem Buch gelesen, dass Strauss für seine genauen Charakterisierungen und psychologisch nicht immer einfachen Personen zuhause ein gutes Vorbild hatte :rofl

Gerne, wo soll ich anfangen? :J

lg,
Hyacinth

Das ist ja im Intermezzo nachzuerleben ..
Du kannst anfangen wo Du willst

Florestan
Billy Budd (09.08.2013, 17:25):
Original von Hyacinth
Tatsächlich hat Strauss in der Elektra die Tonsprache bis an den Rand der Tonalität getrieben. Zur Illustration der Geschichte war das auch absolut angemessen, und zeigt die enorme Wandlungsfähigkeit dieses Komponisten, der alle Register beherrschte. Die Szene zwischen Elektra und Klytemnästra wird so mit Hochspannung aufgeladen, ein echtes Psychodrama. Ich habe die Elektra mal in Salzburg mit Leonie Rysanek als Klytemnästra gehört und gesehen. Gerade diese Szene war umwerfend (Dirigent: Lorin Maazel). Wie da plötzlich die Stimmung kippt, als Elektra ihr eröffnet, dass sie ihre Mutter samt Buhlen umbringen möchte. Das ist grandios komponiert und spricht allen Herabsetzungen dieses Komponisten Hohn.

Ich finde auch nur so wird Strauss dem Stoff gerecht. Auch Barockorchester können zb Stürme toll herüberbringen, aber so plastisch fühlt man den Schmerz oder das Entsetzen mit harmonischen Melodien nicht - das ist genau dasselbe bei Wozzeck; auch wenn ich kein großer Berg-Fan bin, kann ich mir keine andere Vertonung dieses Werks vorstellen.
Ich finde schon gut, dass es diese zwei Seiten von Strauss gibt, aber bin ganz deiner Meinung. Schönes Gruseln und angenehme Gänsehaut hin oder her, aber das ist Musik, die da ist, um sie ab und zu mal zu hören (ohne abgestumpft zu werden).

Ja, wenn ich das richtig im Kopf habe, hat ja Strauss auch anlässlich der Elektra gesagt, wenn auf der Bühne der Sohn die Mutter umbringe, könne er dazu keinen Walzer komponieren.

Ich habe mir vorgenommen, einen Elektra-Thread zu eröffnen, allerdings kann ich auf die ziemlich genaue Inhaltsangabe, die ich zu dem Stück geschrieben habe, erst in zwei Wochen zugreifen, weil ich derzeit nicht in Wien bin und sie dort abgespeichert habe.

Original von Hyacinth
Zum oben angesprochenen Strauss-Jahr in Wien: Nächste Saison (2013/14) ist eine Durststrecke (da werden nur die drei absoluten Raritäten Rosenkavalier, Salome und Ariadne gespielt - teilweise auch noch in ziemlich schlechten Besetzungen), aber ich vermute dass das nur die Ruhe vor dem Sturm ist - Die Liebe der Danae wurde schon angekündigt. Frau ohne Schatten soll es aber leider erst 2017 geben, glaube ich, gehört zu haben.

Hoffen wir auf 2014/15... Etwas anderes bleibt uns ja nicht übrig. Das einzige, worauf ich mich wirklich sehr gefreut habe, war der Rosenkavalier und damit wirds ja jetzt vermutlich nichts werden (siehe Link) - ich freue mich allerdings für Frau Garanca, das ist ein sehr guter Grund! :beer

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/3377219/elina-garanca-erwartet-kind-sagte-auftritte-ab.story

Auf die Salome freue ich mich zwar auch (unter meinen Top 3 von Strauss), aber ich weiß nicht, was ich mir von der Besetzung erwarten soll.

Ja, auf die Garanca habe ich mich auch sehr gefreut.
Von der Salome erwarte ich mir aber nicht viel (besonders wenig vom Dirigenten), aber ich hör mirs dafür ab September mehrmals in der Volksoper an.
Billy :hello
Hyacinth (09.08.2013, 19:08):
Jetzt haben sich unsere Beiträge überschnitten. Also da war schon ein bisschen mehr Antisemitismus, gerade in Österreich, was auf die starke katholische Prägung zurückzuführen ist. Die Art und Weise wie mit Mahler umgegangen wurde spricht ja Bände. Und Strauss war in seiner Haltung ambivalent. Unterschwellig war er sicher von der allgemeinen Stimmung beeinflusst, aber er hat bei den Menschen mit denen er zu tun hatte nie etwas negatives in der Hinsicht geäussert, sonst hätte er bestimmt nicht mit Zweig zusammengearbeitet, den er sehr schätzte. Strauss war eher unpolitisch. Er hatte gedacht die Nazis für sich einspannen zu können, was ja bekanntlich voll daneben gegangen ist. Danach hat er gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Die polemischen Angriffe eines Klaus Mann, der nach dem Kriege bei ihm einen Besuch gemacht hatte ohne sich zu outen, und dann nachdem er das Vertrauen des Komponisten erlangt hatte über ihn hergezogen ist, ist aber auch ungerecht. Strauss hat für seinen Irrtum schwer büssen müssen. Ein grosser Teil seines Vermögens sind im Krieg verloren gegangen. Und die Zerstörung der Semperoper in Dresden war ein schwerer Schlag für ihn. Der Niederschlag dieser Erlebnisse findet sich in den Methamorphosen mit dem Trauermarsch-Zitat aus der Eroica.

Da hast du natürlich recht, so habe ich es auch nicht gemeint - mir läge es mehr als fern, alles, was mit einem Verbrechen, insbesondere einem Völkermord, zutun hat zu verharmlosen.

Ja, wenn ich das richtig im Kopf habe, hat ja Strauss auch anlässlich der Elektra gesagt, wenn auf der Bühne der Sohn die Mutter umbringe, könne er dazu keinen Walzer komponieren.

Gut so! Danke, Billy Budd, das Zitat werde ich mir merken :cool

lg,
Hyacinth :hello
Florestan (13.08.2013, 08:53):
Ein noch unerwähnter Teil der Werke von Strauss ist seine Kammermusik.
Diese stammt überwiegend aus der Jugendzeit und den Jahren bis zur Jahrhundertwende.
Dank der vor vielen Jahren erschienenen Serie bei music and arts ist diese Musik nahezu vollständig aufgenommen worden. Diese Aufnahmen wurden von Brilliant übernommen, und sind daher zu einem niedrigen Preis zu haben.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51ynwMnTueL._AA190_.jpg

Die Qualität ist überwiegend als gut zu bezeichnen. Allerdings fehlen häufig Vergleiche, so daß etliches über die Partituren beurteilt werden muß.
Der Kompositionsstil ist überwiegend mehr an Brahms denn an Liszt orientiert (dieses Vorbild ist dann in den sinfonischen Dichtungen präsenter).
Zu den bedeutenderen Werken gehören diese:

Klavierquartett op.13
Cellosonate op.6
Violinsonate op.18
Klaviertrios A-Dur und D-Dur
Suite für Blasinstrumente op.13
2 Sonatinen für 18 Blasinstrumente (eigentlich schon keine Kammermusik mehr)

Daneben gibt es eine ganze Reihe von Bearbeitungen für Klavier zu 4 Händen anderer Originalwerke, und zahlreiche Gelegenheitswerke, die mehr enzyklopädische Bedeutung besitzen.
Strauss schrieb auch eine ambitionierte Klaviersonate (h-moll op.5) und ein paar Klavierstücke.

Allen Werken ist gemeinsam, dass sie im Konzertsaal nur eher selten aufgeführt werden, und allenfalls auf Spezialfestivals (z.B. dem alljährlichen Straussfestival in Garmisch) gehört werden können.
Der Einstieg in diese Musik ist gleichwohl lohnend, denn bereits in den frühen Werken zeigt sich schon die kompositorische Qualität, die Originalität und der spezifische "Strauss-Klang". In seinen kammermusikalischen Werken hatte Strauss mehr auf den musikalischen Inhalt zu achten, da seine kunstvolle Instrumentierungskunst hier ja nicht zum Einsatz kommen konnte.

Herzliche Grüße
Florestan
Hosenrolle1 (31.01.2015, 13:18):
Mich würde hier v.a. die Frage interessieren, WANN hat Musik "Tiefgang", was ist Tiefgang in der Musik überhaupt. (Ich meine jetzt nur die Musik, kein Libretto!).



LG,
Hosenrolle1
teleton (30.03.2015, 10:47):
Hallo Hosenrolle,

Du beziehst Dich mit Deiner Frage auf den Thread-Titel, den ich ohnehin "daneben" finde !
*** Ich kann nicht feststellen, dass Richard Strauss Werke sich durch besonders wenig Tiefgang auszeichnen - eher im Gegenteil.

Wenig Tiefgang wurde ich eher den anderen Sträußen aus Wien bescheinigen ... mit dieser Aussage tue ich mich aber deshalb schon nicht schwer, weil ich diesen "Wiener Schmäh" nicht so hoch schätze.


Wenig Tiefgang = sehe ich zum Beispile bei U-Musik oder "Schlarermusi" ...
Peter Brixius (30.03.2015, 11:12):
Meine erste Frage wäre, was man überhaupt unter "Tiefgang" in der Musik versteht, die zweite, ob ein solcher Tiefgang den Wert eines Stückes ausmacht oder nicht.

Um im Bereich des allgemein Fasslichen zu bleiben: Macht das Vorhandensein einer Fuge (gemeiner: eines Kanons) nun einen Mehrwert aus?

Richard Strauss verstand sich auf jeden Fall auf diese Dinge - und zwar meisterhaft. Noch in einem späten Werk, den "Metamorphosen" führt er seine außerordentliche Satzkunst vor. Und beor wir uns die Italiener vom Halse schaffen: Die Schlussfuge in Verdis Falstaff ist aller Bewunderung wert.

Aber auch die anderen Sträuße möchte ich gerne in Schutz nehmen, auch wenn sie nicht solche Stücke der Gelehrsamkeit abgeliefert haben. Es ist in unseren Rossbreiten ein manchmal zu wenig bekanntes Faktum, dass das Erfinden einer Melodie ebenso Geschick und Genie eines Komponisten verlangt. Nur dass die Kunst hier nicht ins Vertikale, sondern ins Horizontale geht, um es munter anzufügen.

Eine Melodie von Bellini ist etwa ein ebenso unglaubliches Meisterstück wie eine Riccercata. Und was Brahms von den Sträußen hielt - zu Recht hielt - kann man überall nachlesen. Wie auch Ravels Meinung über Gershwin oder Boulangers Meinung über Piazzolla.

Einhellig ist aber die Front gegen den Akademismus - und schon Richard Strauß macht sich in köstlicher Manier in der "Salome" darüber lustig.

Wie immer - umgekehrt wird ein Schuh daraus.

Liebe Grüße Peter