Richard Wagner - Tannhäuser

Orfeo (31.05.2006, 19:17):
Hallo,
ich kenne bisher keine Aufnahme des Tannhäuser und weiß auch nicht wo ich zugreifen sollte. Könnt ihr besondere Empfehlungen aussprechen?
Telramund (01.06.2006, 11:02):
Hallo Orfeo,

unter den neuen Aufnahmen ist Barenboim zu empfehlen.



Aus den Solisten ragen insbesondere Peter Seiffert als Tannhäuser und René Pape als Landgraf heraus. Bessere Rollenporträts sind kaum zu finden. Der Rest der Sänger/innen sind ebenfalls sehr ordentlich bis gut, wenngleich Jane Eaglen als Elisabeth leider nicht sehr textverständlich singt.

Barenboim liefert mit seinem sehr guten Orchester mal ein transparentes, mal ein klanglich opulentes Klangbild ab.

Die zweite Empfehlung wäre Solti:


Soltis feuriges Dirigat, René Kollos jugendlich-ungestümer Tannhäuser und Christa Ludwigs Venus machen diese Aufnahme von 1970 (dafür klingt sie aber sehr gut) zu einem Erlebnis.

Preislich geben sich beide Aufnahmen nichts.
Mime (01.06.2006, 13:53):
Gute Empfehlung!
Von den älteren Aufnahmen sei die Live-Aufnahme aus Bayreuth 1962 zu nennen mit Wolfgang Windgassen,Grace Bumbry,Anja Silja,Eberhard Waechter,Josef Greindl u.a.
Dirigent Wolfgang Sawallisch.
Jürgen (09.06.2006, 12:29):
Solti wird von Vielen als Referenz gehandelt. Ich kann da nichts gegenteiliges behaupten. Ich habe sie auf LP, also einige Jahre nicht mehr gehört, aber sehr gut in Erinnerung.

Sawallisch ist auch sehr gut, wenn auch klanglich deutlich hinter Solti.

Barenboim kenne ich nicht.

Sinopoli gefällt mir auch gut. Hier ernte ich aber regelmäßig Widerspruch, weil den meisten deutschen Hörern ein deutsch singender Domingo nicht gefällt. Ich hingegen bin in der Lage, das zu ignorieren.

Grüße
Jürgen
Jimi (09.06.2006, 13:04):
Hallo Orfeo,

wie auch Telramund möchte ich dir von den neueren Aufnahmen auf jeden Fall die Barenboim Aufnahme empfehlen. Vor kurzem hat es sie rel. günstig bei 2001 gegeben.
Ich möchte ebenfalls auf den hervorragenden Rene Pape hinweisen, momentan in einigen Wagnerrollen ziemlich konkurrenzlos.

Alternativ gibt es mit Peter Seifert noch eine Tannhäuser DVD(leider ohne Pape), auf der er auf mich noch überzeugender wirkt als auf der Studio CD. Allerdings ist die Bildregie und Schnitt der DVD gewöhnungsbedürftig, z.B.: ständig Grossaufnahme von Seiffert auch wenn gerade andere Darsteller singen.

Hier noch 2 ältere Aufnahmen die sich schon wegen des günstigen Preises auch als Zweitaufnahme empfehlen :

Wolfgang Windgassen unter Cluytens Bayreuth 1955 live :
und
Ludwig Suthaus unter Leopold Ludwig Berlin 1949 live :

Die Klangqualität ist für die Zeit rel. gut, viel besser als z.B. die Livemitschnitte von Maria Callas aus dieser Zeit(Nabucco 1949).

Wolfgang Windgassen finde ich auf der 1955er Aufnahme stimmlich frischer als auf der von Mime empfohlenen 1962.

Ludwig Suthaus ist für mich der insgesamt überzeugendste Tannhäuser der bisher genannten Aufnahmen.


Viele Grüße

Jimi
Jimi (12.06.2006, 00:16):
Ich habe ja total die Bilder zu meinem letzten Beitrag vergessen :

Die DVD mit Peter Seiffert :

http://images-eu.amazon.com/images/P/B00030FJTE.03.LZZZZZZZ.jpg


Die CD von 1955 mit Windgassen :

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/1275188.jpg


Die CD von 1949 mit Suthaus :

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3614503.jpg


Viele Grüße

Jimi
sennahresor (21.09.2006, 09:41):
Original von Jürgen
Sinopoli gefällt mir auch gut. Hier ernte ich aber regelmäßig Widerspruch, weil den meisten deutschen Hörern ein deutsch singender Domingo nicht gefällt. Ich hingegen bin in der Lage, das zu ignorieren.


Das freut mich zu lesen, das noch jemand diese Aufnahme schätzt! Sinopolis Dirigat würde ich ganz an die Spitze stellen, der Studer (Elisabeth) hat man damals noch nichts von der kommenden Stimmkrise angehört und Baltsa (Venus) ist auch in Ordnung. Domingo finde ich trotz des Akzents großartig, die Romerzählung ergreifend. Von daher muß man ihn eigentlich gar nicht ignorieren.
Überhaupt ist es ein Jammer, das Sinopol so früh gestorben ist...

Viele Grüße, Hannes
Jeremias (05.07.2007, 23:01):
Ich höre heute die Barenboim-Einspielung. Irgendwie habe ich bei Tannhäuser das Gefühl, dass sie sich doch von den anderen Opern deutlich absetzt. Man merkt, wie das Werk über 40 Jahre reifen durfte, wie ein guter Wein! Ich finde, man kann sich hiermit sehr gut einen Zugang zu Wagner verschaffen, die Oper ist auch sehr abwechslungsreich und zieht sich nicht so wie andere!
manrico (17.07.2007, 13:53):
Ich bin bei Wagner nicht ganz so zuhause (das liegt weniger an Wagner, viel mehr an der Art wie er interpretiert wird - aber das hat er sich ja selber eingebrockt), aber für mich ist auch die Barenboim - Einspielung die absolute Referenz. Mit Peter Seiffert gibt es endlich einen klangschönen SÄNGER, der nicht schon beim Lob auf die Frau Venus einen vokalen Ringkampf ausficht und man ziemlich sicher ist, dass sie ihn nur aufgrund seiner Qualitäten als Liebhaber aber ganz bestimmt nicht aufgrund seiner sängerischen Qualitäten behält (Liebe macht offensichtlich nicht nur blind sondern des öfteren auch taub!). Dazu kommen Thomas Hampson als nobler Wolfram, der sich (genau wie Schmidt bei Sinopoli) nicht dazu inreißen läßt, aus dem Lied an den Abendstern einen Schlager zu machen sondern nachdenklich und verhalten über das nahende, unvermeidliche Ende nachdenkt. Pape ist ausgezeichnet, und Barenboims klares, zügiges, schlankes Dirigat machen ihn für mich zum absoluten Referenzdirigenten für Wagner (neben Fricsay, der einen formidablen Holländer eingespielt hat). Mit der Wortundeutlichkeit Jane Eaglens kann ich leben, viel mehr Probleme habe ich mit Waltraud Meier. Ich mag ihre Interpretationen generell nicht, denn bei aller technischen Korrektheit streitet sie sich gemeinsam mit Hildegard Behrens um den Titel der uneotischsten Sängerin, die mir je untergekommen sind (sie hört sich immer wie eine Buchhalterin im grauen Kostüm mit hochgeschlossener weisser Bluse an, die sich beim Chef beschwert, dass jemand seine Abrechnung um 5 Cent nicht korrekt eingetragen hat - Pardon, ich will keiner Profession zu nahe treten, aber das ist so meine Horrorvorstellung). Daher ist sie für mich als Venus (und natürlich auch als Carmen) völlig fehlbesetzt.

Will ich mir anhören, wie schön Elisabeth und Venus klingen, greif ich zu Sawallisch und seiner Scala Aufführung 1967. Da singt nämlich die göttliche Jurinac die Elisabeth (etwas zu forciert am Beginn der Hallenarie, aber spätestens beim "Zurück von ihm!" wird's überirdisch!! Janis Martin ist eine glaubwürdige Venus, Victor Braun und Martti Talvela sehr gut, aber nicht außergewöhnlich. Talvela beginnt "Ein furchtbares Verbrechen " völlig fassungslos - das ist außergewöhnlich - hält diese Erschütterung leider nicht für den Rest der Szene durch.Das Problem bei dieser Aufführung ist Hans Beirer als Tannhäuser. Beirer hat schönes Stimmmaterial, aber vor allem im Venusbild ist er zum Davonlaufen. Im 2. Akt wird's deutlich besser, sein Preislied klappt viel besser als in der völlig verunglückten Karajanaufnahme (indiskutables Dirigat - wie diese Aufnahme je erscheinen konnte, ist mir echt ein Rätsel), wo er zusätzlich einen bösen Schmiss in dieser Szene hinlegt.
Domingos Tannhäuser hat 2 Vorteile: Er ist Beirer in technischer Hinsicht weitaus überlegen und er ist klangschön. Die Kritik, dass er kein idiomatisches Deutsch sngt, geht für mich gerade bei den Tenorpartien Wagners insofern ins Leere, als es sich doch immer um Fremde oder nicht zur jeweiligen etablierten Gemeinschaft gehörige handelt (Tannhäuser, Lohengrin, Stolzing, Parsifal), die die Spielregeln dieser Gesellschaft von außen in Frage stellen. Insofern sehe ich diese Artikulations- Besonderheiten als dramaturgisch gar nicht so unlogisch (abgesehen davon: bei vielen anderen wird's akzeptiert - bei Domingo habe ich den Eindruck, dass ein paar Wagner-Puritaner es einfach nicht verkiefeln können, dass einer aus dem italienischen Lager den heiligen Richard entweiht). Die Sinopoli - Aufnahme punktet außerdem mit einer sehr sinnlichen Venus - Agnes Baltsa (die beste gemeinsam mit der Ludwig), einer guten Cheryl Studer und einem hervorragenden Wolfram (Andreas Schmidt). Und trotzdem: irgendwie wirkt die Aufnahme nicht sehr geschlossen, eher poliert und gekittet. Der Funke will einfach nicht überspringen.
Die Ludwig hat halt das Pech, dass sie mit Kollo vorlieb nehmen muss, dessen farblose Stimme langweilig und uninteressant ist, der aber (offensichtlich aus Mangel an Alternativen immer wieder zum Zug gekommen ist). Auch mit Windgassen höre ich nicht gern (ich weiss, ich entweihe gerade Wagner - Ikonen): er kräht mir einfach zu viel.

Kollo ist für mich bei Wallberg als Walter von der Vogelweide richtig eingesetzt. Das farblose Bürschchen passt zu seiner Stimmfarbe exakt (das ist nicht abwertend gemeint, aber hier ist Kollo endlich rollendeckend eingesetzt). Den Tannhäuser singt hier Ernst Kozub, der dann und wann mit den raschen Tempi seine Schwieirigkeiten ha, aber: Sein "Dir, Göttin der Liebe" ist von sensationellem Feuer, sprüht vor Trotz und Revolution, und auch seine Romerzählung hat Leidenschaft, Dramatik und Kraft - ich kenne keine andere Aufnahme, bei der man so sehr das Gefühl hat, hier ist jemand psychisch völlig am Ende - nicht stimmlich wohlgemerkt- verfällt in Wahnvorstellungen und Halluzinationen (seine etwas verschattete Tongebung ist zugegebener maßen etwas gewöhnungsbedürftig, aber auf jeden Fall schöner als Kollo und Windgassen). Ekstase kurz vor dem Tod. Ein wirklich fesselndes Portrait. Mit Hillebrecht steht ihm eine schöne Elisabeth zur Seite. Der Rest der Besetzung ist Mittelmaß.
Jürgen (17.07.2007, 14:19):
Original von manrico
Ich bin bei Wagner nicht ganz so zuhause.......

Kannst Du das anhand weiterer Beispiele belegen? Bislang klingt das nämlich nicht sonderlich überzeugend :D

Grüße
Jürgen
manrico (17.07.2007, 18:07):
Hallo Jürgen !!

Danke für deine Antwort :hello

Bei Tannhäuser, Lohengrin und Holländer bin ich ja noch halbwegs mit von der Partie, aber spätestens bei den Meistersingern und Parsifal muss ich passen - da bin ich discografisch ganz erbärmlich unterwegs. Mir fehlt da (noch) der Zugang zu so viel hehrer Weihe. Aber über Lohengrin und Holländer können wir uns gern unterhalten!

Liebe Grüße

Werner

(vorher bin ich euch aber noch die unbekannten Donizettis schuldig, glaub ich).
Amadé (17.07.2007, 20:41):
Hallo,

bisher hat in diesem thread noch niemand die EMI-Aufnahme mit Franz Konwitschny erwähnt, oder habe ich es überlesen? Für mich ist es die bisher überzeugendste Studio-Produktion (~1959). Hier die Besetzung:
Landgraf: Gottlob Frick
Elisabeth: Elisabeth Grümmer
Tannhäuser: Hans Hopf
Wolfram: Dietrich Fischer-Dieskau
Venus: Marianne Schech

Letztere ist gewiß nicht die ideale Verkörperung dieser Rolle, alle anderen jedoch sind top, ich kenne keine bessere, innigere Elisabeth als die Grümmer, Fischer-Dieskau hatte damals langjährige Bayreuth-Erfahrung als Wolfram. Hans Hopf kann es mit allen Tannhäusern seit 1960 aufnehmen!

Kennt Ihr diese Aufnahme nicht?

Gruß Amadé
manrico (18.07.2007, 00:07):
Hallo Amade !

Ich hab die Aufnahme schon ein paar mal in der Hand gehabt, aber dann ist es doch immer irgendwas anderes geworden. Meine Argumente für diese Aufnahme wären an erster Stelle Wunderlich und an zweiter Stelle die Grümmer gewesen. Zu Schech kann ich nix sagen, ich kenne ihre Stimme nicht bewußt. Fischer-Dieskau ist für mich eher ein Argument gegen eine Aufnahme - ich will nicht dauernd von einem Oberlehrer die Welt erklärt kriegen. Ob er's auf dieser Aufnahme auch macht, weiss ich nicht, aber ich finde ihn oft wirklich unerträglich penetrant und maniriert. Mit Hopf ist das so eine Sache. Er ist natürlich kein schlechter Sänger, aber er klingt meist,als ob er einen zu heißen Erdapfel im Mund hätte. Er schreckt mich aber auch nicht aktiv vom Kauf einer Aufnahme ab. Aber wenn du sagst, sie ist ok, dann darf sie vielleicht bei einem der nächsten Male mit nach hause.

Liebe Grüße

Werner
Jürgen (19.07.2007, 10:17):
http://www.hifiplaza.co.kr/porc_images/1174640419_Konwits-WagnerTanhauser.jpg

Die Konwitschny-Aufnahme habe ich noch mit diesem Cover auf LP.
Sie gefällt mir insbesondere deswegen, weil hier die Dresdner Fassung gespielt wurde. Ich kann mit dem Bacchanal einfach nichts anfangen, es klingt wie ein Fremdkörper in dieser Oper.
Mehr kann ich nicht sagen. Ich habe sie lange nicht mehr gehört.

Grüße
Jürgen
PeerGynt (10.01.2008, 12:53):
Hallo,

ich würde gerne auch die Version von Otto Gerdes (aufgenommen in 1968) empfehlen. Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen, Theo Adam und natürlich Dietrich Fischer-Dieskau sind wunderbar…

Landgraf Theo Adam
Tannhäuser Wolfgang Windgassen
Wolfram Dietrich Fischer-Dieskau
Walter Horst R. Laubenthal
Biterolf Klaus Hirte
Heinrich Friedrich Lenz
Reinmar Hans Sotin
Elisabeth Birgit Nilsson
Venus Birgit Nilsson
Hirt Catarina Alda

Orchester: Deutsche Oper Berlin
Chor: Deutsche Oper Berlin
Dirigent: Otto Gerdes
Mime (10.01.2008, 15:48):
Original von PeerGynt
Hallo,

ich würde gerne auch die Version von Otto Gerdes (aufgenommen in 1968) empfehlen. Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen, Theo Adam und natürlich Dietrich Fischer-Dieskau sind wunderbar…

Landgraf Theo Adam
Tannhäuser Wolfgang Windgassen
Wolfram Dietrich Fischer-Dieskau
Walter Horst R. Laubenthal
Biterolf Klaus Hirte
Heinrich Friedrich Lenz
Reinmar Hans Sotin
Elisabeth Birgit Nilsson
Venus Birgit Nilsson
Hirt Catarina Alda

Orchester: Deutsche Oper Berlin
Chor: Deutsche Oper Berlin
Dirigent: Otto Gerdes

Hallo PeerGynt,

ist die Aufnahme die Dresdener oder die Pariser Fassung?
Und wie macht sich Laubenthal als Walther von der Vogelweide?
:hello
Mime (10.01.2008, 15:54):
Original von Jürgen
http://www.hifiplaza.co.kr/porc_images/1174640419_Konwits-WagnerTanhauser.jpg

Die Konwitschny-Aufnahme habe ich noch mit diesem Cover auf LP.
Sie gefällt mir insbesondere deswegen, weil hier die Dresdner Fassung gespielt wurde. Ich kann mit dem Bacchanal einfach nichts anfangen, es klingt wie ein Fremdkörper in dieser Oper.
Mehr kann ich nicht sagen. Ich habe sie lange nicht mehr gehört.

Grüße
Jürgen

Hallo Amadé und Jürgen,

ich hab die Aufnahme auch, in erster Linie wegen dem jungen Fritz Wunderlich als Walther. Hopf als Tannhäuser singt mir etwas zu kehlig, da würde ich ganz klar Windgassen bevorzugen, dessen Bayreuther Einspielung ich schon früher erwähnt habe. Elisabeth Grümmer macht ihrer Namensschwester alle Ehre und Frick und Fischer-Diekau in ihren Rollen Jeder eine sichere Bank. Insgesamt doch empfehlenswert.
:hello
PeerGynt (10.01.2008, 22:05):
Hallo Mime,

es handelt sich um die Dresdner Fassung.

Ehrlich zu sein, mag ich hier Laubenthal nicht besonders. Ich habe gerade den Wettbewerb noch mal gehört. Leider habe ich jetzt keine andere Aufnahme zur Verfügung, und von Erinnerung kann ich nicht mit anderen Sängern vergleichen. Auf alle Fälle, Biterolf (Klaus Hirte) klingt gut.
Mime (12.01.2008, 17:55):
Hallo PeerGynt,

ich war etwas verwundert über die Besetzung, denn Laubenthal hat selbst für lyrische Partien wie Belmonte oder Rusalka-Prinz eine zu schwache Stimme. Wie sollte er dann einen Sängerwettstreit auf der Wartburg bestehen?
Klaus Hirte dagegen, da stimme ich dir zu, hatte eine vorbildliche Diktion für die Darstellung von Wagner-Rollen. Und stimmlich brachte er alle Voraussetzungen mit. Ich einnere mich an seinen Beckmesser und Klingsor in Stuttgart, da war er einsame Klasse. Auch sein Spalanzani in Hoffmanns Erzählungen war hörenswert. Werde mir die Gerdes-Aufnahme auch wegen ihm und trotz Laubenthal noch anschaffen.
:hello
Little_Swan (12.01.2008, 20:34):
Es gibt einen Spielfilm über eine Tannhäuseraufführung, der mich sehr berührt hat. Er heißt "Zauber der Venus" und spielt in Paris. Das heißt jetzt aber nicht das das nur so eine Herzschmerzschnulze ist. Mal abgesehen von "Jenseits der Stille" habe ich selten so einen schönen Film über die Musik gesehen und man muss nicht einmal Wagner toll finden.

Alles Liebe, Lea
PeerGynt (12.01.2008, 21:54):
@Mime: Glücklicherweise ist die Rolle von Walther nicht so wichtig, also kann man mit Laubenthal schon gut in Tannhäuser leben ;) Die Gerdes-Aufnahme hat den großen Vorteil von so vielen „good old“ Interpreten, mit richtigen Wagner-Stimmen, wie heute leider nicht mehr zu finden sind...

@Little_Swan: Ja, das war ein tolles Film, ich habe ihn vor vielen Jahren zweimal gesehen, aber würde ihn nochmal gerne sehen.
Holger (01.11.2010, 22:22):
Hallo,

bereits heute :D möchte ich mich diesem brandaktuellen Thread anschließen und der interessierten Öffentlichkeit mitteilen, daß ich mich nach heftigem inneren Ringen für die bereits eingangs genannte Aufnahme entschieden habe:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51jMqXC0l9L._SL500_AA300_.jpg

Meine Argumente sind schlicht, aber schön und auf gewohnt hohem Niveau:

- Solti (alias Scholti :tongue: ) kenn ick schon dem Namen nach
- Alle Welt empfiehlt ihn
- Pariser Version, Dresdner Version - wo ist der Unterschied? :haha

Den Film "Zauber der Venus" habe ich in der Bibliothek bestellt. Mal schauen. Soll mir niemand nachsagen, ich hätte es nicht wenigstens versucht! (Bei "Amadeus" hat's ja auch geklappt!)

Liebe Grüße vom König der Wagnerianer und Erlöser der Erlöser

Holger
Armin70 (01.11.2010, 23:04):
Original von Holger
- Pariser Version, Dresdner Version - wo ist der Unterschied?

Hier bietet wikipedia.org kurz und bündig die Erklärung dazu, siehe hier, in dem Abschnitt "Geschichte".
Holger (01.11.2010, 23:08):
Lieber Armin,

danke vielmals!

Mir war aus dem Buch "Wagner für Fortgeschrittene" (sic!) dergleichen noch vage erinnerlich, aber ich wußte es eben nicht mehr genau.

Viele Grüße von Holger
Jürgen (02.11.2010, 14:35):
Original von Armin70
Original von Holger
- Pariser Version, Dresdner Version - wo ist der Unterschied?

Hier bietet wikipedia.org kurz und bündig die Erklärung dazu, siehe hier, in dem Abschnitt "Geschichte".


Etwas ausführlicher steht es im Wagner-Web. (navigiere Opern/Tannhäuser/Fassungen. Der direkte Link funktioniert nicht.)


Grüße
Jürgen
Holger (02.11.2010, 16:51):
Original von Jürgen

Etwas ausführlicher steht es im Wagner-Web

Ick kieke, staune, wunder mir!

Was es nicht alles gibt!

Danke, Jürgen, für diesen famosen Tip!

Die Entscheidung zwischen Dresden und Paris scheint mir ähnlich schwerwiegend wie die zwischen Ketchup und Mayo... - eben eine Schicksalsfrage! :)

Liebe Grüße von Holger
Jürgen (02.11.2010, 23:16):
Original von Holger
Die Entscheidung zwischen Dresden und Paris scheint mir ähnlich schwerwiegend wie die zwischen Ketchup und Mayo... - eben eine Schicksalsfrage! :)



Für mich ist das keine Frage. Dieses Bacchanal ist in meinen Ohrer so etwas von unwagnerisch, er muss das wohl auch nur sehr widerwillig eingefügt haben. Wagner hat in seinen Schriften einige Male darauf hingewiesen, dass er diese Auswüchse der Oper verabscheute. Aber er war (fast noch) jung und brauchte (sehr dringend) das Geld. In der Oper oder auf DVD mag es vielleicht noch angehen, aber nur vom Tonträger kann ich das Bacchanal nur schwer ertragen.

Und jetzt mal ehrlich, könnt ihr euch ein Ballett im Tristan vorstellen?

Oder die Gibichsmannen mit Pirouetten und große Pirouetten, petit Allegro "Hoiho Hagen!"?
http://www.lindenfels.de/sites/daten/nibelungen/Arge_nibelungen/images/hagen_tronje_02.jpg

Nee danke, wenn dann nur in einer guten Persiflage.

Grüße
Jürgen
Holger (03.11.2010, 00:24):
Original von Jürgen

Und jetzt mal ehrlich, könnt ihr euch ein Ballett im Tristan vorstellen?

Kein Problem!

Das ist das Schöne daran, wenn man keine Ahnung hat - man ist für alles offen! :wink

Aber ich fürchte, ich war nicht unbedingt angesprochen - also nix für ungut! :beer Ich überlasse das Feld also lieber den Fachleuten und warte unverdrossen auf die Lieferung von Amazon, bevor ich wieder mein vorlautes Mundwerk zum Einsatz bringe, um dann eine gewohnt fundierte, qualifizierte Rezension vorzutragen! :D

Liebe Grüße von Holger, dem Opernluder
Fairy Queen (03.11.2010, 06:26):
Guten Morgen,
den Film "Zauber der Venus" habe ich auch mit grossem Vergnügen gesehen und das, was heute die Gewerkschaft ist, war zu Wagners Zeiten eben der Zwang, ein Ballet in die Oper einzufügen.
Dieser Zwang begründetet sich nicht zuletzt auf den sogenannten Jockey-Club, dessen Mitglieder hochgestellte und einflussreiche Herren der Pariser Gesellschaft waren, die in der Oper ihre teuren Stammplâtze hatten und über Spielplan und Besetzung mitbestimmen wollten. Diese Herren hatten ihre Mâtressen serh oft im Ballettensemble und damit die gehätschelten Cheries auch immer schôn ins rechte Licht gerückt wurden, musste die Oper natürlich ein Ballett haben. Der Druck auf die Komponisten war demensprechend stark. Ohne ballett wurde ieen oiper in paris nicht angenommen, auch Donizetti und Verdi hatten darunter zu leiden. Gazn Paris träumt von der Liebe, auch in der Oper und - das sind halt die schattenseiten. Wie das heute in paris ist, entzieht sich gottseidank meiner Kenntnis :D
Abgesehen davon ist die Ballettradition in der frz. Oper schon seit der Barockzeit sehr ausgeprâgt gewesen und diese Tradition spielte natürlich auch eine grosse Rolle. Man will ja den Pariser Opernbetrieb nicht nur auf Bettgeschichten Und intrigen reduzieren. :engel
F.Q.
Holger (03.11.2010, 10:09):
Liebe Fairy,

was Du schilderst, ist mir aus dem Buch "Richard Wagner für Fortgeschrittene" erinnerlich.

Wobei ich unwillkürlich an das kuriose Ballett im Film "Amadeus" denken muß, das ohne Musik aufgeführt wurde. Um welche Oper und welche Begleitumstände (eine fürstliche Order???) es sich handelte, habe ich mittlerweile natürlich längst weltmännisch vergessen. :)

Jedenfalls bin ich mittlerweile richtig neugierig auf das Bacchanal geworden!

Ballettöse Grüße vom Opernluder
Holger (03.11.2010, 17:52):
Hallo,

bin in der Bibliothek auf die CD "Opera meets Cuba" gestoßen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41DgpRJryfL._SS400_.jpg

Track Nr. 7 bietet eine richtig tolle Version der Tannhäuser-Ouvertüre. Tragendes Instrument ist das Klavier; dezente Untermalung durch Baß und Percussion. Genial!

Liebe Grüße von Holger
Holger (05.11.2010, 23:10):
Original von Little_Swan
Es gibt einen Spielfilm über eine Tannhäuseraufführung, der mich sehr berührt hat. Er heißt "Zauber der Venus" und spielt in Paris. Das heißt jetzt aber nicht das das nur so eine Herzschmerzschnulze ist. Mal abgesehen von "Jenseits der Stille" habe ich selten so einen schönen Film über die Musik gesehen und man muss nicht einmal Wagner toll finden.

Alles Liebe, Lea


Hallo,

soeben habe ich den Film gesehen und bin noch ganz ergriffen.

Vielen, vielen Dank für diesen wundervollen Hinweis!

:down :down :down :down :down :down :down :down

By the way: Es gab im Film eine Ballettszene, die mir gut gefiel. Ob das wohl das hassenswerte Bacchanal war..?

Liebe Grüße von Holger
Fairy Queen (06.11.2010, 20:16):
Ja, um diesen Film zu lieben, muss man nichtmal Wagner mögen- das ist wohl der beste Qualitätsbeweis!
Ich fand die Personenzeichnung so wunderbar( z.B. der Ossi-Tenor und die strickende Venus!!!! :D) und der "Humor" im Hinblick auf die frz. Gepflogenheiten in der Arbeitswelt.....wie wahr, wie wahr!
Und eine schöne Liebesgeschichte zwischen Diva und Dirigent zieht natürlich auch immer gut. Einfach ein schöner Film und Holger macht mir Lust ihn nochmal anzusehen.
F.Q.
Holger (07.11.2010, 01:21):
Original von Fairy Queen

Ich fand die Personenzeichnung so wunderbar( z.B. der Ossi-Tenor und die strickende Venus!!!! :D)




Liebe Fairy,

so ging's mir auch. Ich habe den Film inzwischen schon zum zweiten Mal gesehen und mußte immer wieder über "Herrn Schneider" aus Dresden lachen.

Wirklich ein schöner Film. Für mich persönlich bleibt "Amadeus" allerdings unerreicht. Aber das gehört wohl nicht in diesen Thread.

Viele Grüße von Holger
Holger (08.11.2010, 21:30):
Liebe Wagnerianer,

heute muß ich Euch mit einer Erkenntnis konfrontieren, die Euch bestimmt völlig neu ist :) :

In der Pariser Version der Ouvertüre (Solti) gibt es einen Chor!

Den kannte ich bislang noch nicht. Gefällt mir aber gut!

Liebe Grüße von Holger
Holger (09.11.2010, 09:03):
Original von Holger
Liebe Wagnerianer,

heute muß ich Euch mit einer Erkenntnis konfrontieren, die Euch bestimmt völlig neu ist :) :

In der Pariser Version der Ouvertüre (Solti) gibt es einen Chor!

Den kannte ich bislang noch nicht. Gefällt mir aber gut!

Liebe Grüße von Holger


... außerdem kommen Kastagnetten (???) zum Einsatz.

Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich!
Holger (09.11.2010, 11:55):
Original von Holger

... außerdem kommen Kastagnetten (???) zum Einsatz.

Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich!


Langsam fällt der Groschen:

Es scheint sich hier um das ungeliebte Bacchanal zu handeln!

Ich für meinen Teil mag beide Versionen. Okay, die Ursprungsfassung vielleicht einen gaaaanz winzigen Hauch lieber. Andererseits gefällt mir eben auch der Pariser Chor.

Det fiel mir uff:

Bei Wagner, soweit ich das bisher beurteilen kann, scheint es extreme Schwankungsbreiten bei der Lautstärke zu geben. Ich bin ständig beim Nachregeln. Mal höre ick jarnischt, dann wieder fliegen mir die Ohren ab. Eine recht gute Abhilfe scheinen Kopfhörer.

Übrigens habe ich eine wundervolle Entdeckung gemacht, "die mein Herz näher angeht", wie Werther sagen würde:

CD 2, Track 2: Tannhäuser - Paris version / Act 2 - "O Fürstin!"

Und noch was Tolles:

CD 2, Track 11: Tannhäuser - Paris version / Act 2 - "Zurück von ihm! Nicht ihr seid seine Richter!"

CD 2, Track 12: Tannhäuser - Paris version / Act 2 - "Zum Heil der Sündigen zu führen"

Überhaupt drängt sich mir als kleine Zwischenbilanz (mitten im 2. Akt) der Eindruck auf, der Tannhäuser habe mehr Pfeffer als der Parsifal. "In der Kürze liegt eben die Würze", wie Wagner so treffend sagte, nachdem er den Ring vollendet hatte. :D

Liebe Grüße aus der Villa Wahnwitz

Holger
stiffelio (15.02.2012, 18:53):
Hallo,

ich hoffe, dass meine "Deutungsfrage" zum Tannhäuser hier in diesem Thread passt (wenn nicht, kann sie gerne verschoben werden)

Meine Frage ist: Kann man die "Sünde" von Tannhäuser heute noch verstehen?

Seit ich den Tannhäuser das erste Mal gesehen habe, beschäftigt mich die Frage, was eine zeitgemäße oder besser zeitlose Deutung seines Verdammungs-Problems wäre. Die Tatsache, sinnliche Liebe bzw. von mir aus auch sinnlichen Sex erlebt zu haben, kann ja heute nun wahrlich nicht mehr als Problem begriffen werden.
Also: wo liegt die Verfehlung von Tannhäuser, die einer Sühne bedarf? Auf welche Weise trennt ihn sein Erlebnis im Venusberg von Gott? Zumindest NACH dem Sängerwettstreit scheint er das ja auch so zu sehen:"Erbarm dich mein, der ach, so tief in Sünden schmachvoll des Himmels Mittlerin verkannt."
Dass Tannhäuser einfach nur "ein Kind seiner Zeit" ist, in der sinnlicher Sex per se Sünde ist, und er also nach seinem Erlebnis im Venusberg reumütig zur Interpretation seiner Zeit zurückkehrt (oder noch schlimmer: diese Reue nur vorspielt um Elisabeth doch noch als Liebespartnerin zu gewinnen), greift mir zu kurz.

Meine persönliche Interpretation: Venus ist für Tannhäuser wie eine Droge, Tannhäuser ist "drogenabhängig".
Dazu passt in meiner Lieblingsinszenierung von Götz Friedrich, Bayreuth 1978 (Wiederaufnahme von 1972) vieles:
- Der Versuch von Tannhäuser, aus dem Venusberg zu fliehen (unnachahmlich wie G. Jones da S. Wenkhoff geradezu "festbannt" und ihn gegen seinen eigenen ursprünglichen Willen wieder rückwärtsschrittig an sich zieht - so sieht ein Alkoholiker aus, der verzweifelt und vergeblich gegen den Drang zur Flasche ankämpft und sich dann nach dem ersten Schluck entspannt...)
- Die Ekstase, mit der Tannhäuser im Sängerwettstreit sein Erlebnis im Venusberg preist - er ist da ja am Schluss wirklich "von Sinnen".
- Die Verzweifelung, die ihn erfasst, als er danach begreift, was da wirklich mit ihm geschehen ist - auch unabhängig von allen gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Tannhäuser ist nun wirklich keiner, der in Übereinstimmung mit dem "mainstream" leben muss, um sich wohlzufühlen.
- Seine Erlösung, als er es am Schluss mit Wolframs Hilfe schafft, der lockenden Venus (die in dieser Szene einen Totenschädel trägt) zu widerstehen.

Ich vermute, dass meine Idee nicht neu ist. Aber meine Frage dazu: hat das jemand anderes mal so überzeugend umgesetzt wie Götz Friedrich mit Wenkhoff/Jones?
Gerade, weil eben weder Schnapsflaschen noch Heroinspritzen auf der Bühne herumliegen - das möchte ich nämlich so gar nicht erleben.
Denn mir sind Inszenierungen viel lieber, wenn Dinge angedeutet werden (und evtl. auch für mehrere Interpretationen offen sind) anstatt sie mit dem Holzhammer einzutrichtern.

Oder haben andere Forumsteilnehmer andere lieb gewonnene Interpretationen?

VG, stiffelio
Severina (15.02.2012, 22:46):
Liebe Stiffelio,
leider hast Du mit Deiner Frage wieder eine Oper erwischt, mit der ich mich noch kaum beschäftigt habe. Mit Wagner hatte ich bis vor wenigen Jahren überhaupt nichts am Hut, über den "Holländer" und "Lohengrin" bin ich jetzt immerhin bis zum Ring durchgedrungen, mit dem ich mich im letzten Jahr intensiver beschäftigt habe, aber "Parsifal", "Tristan" und "Tannhäuser" sind noch weiße Flecken auf meiner Wagnerlandkarte :S.

lg Severina :hello
Amadé (16.02.2012, 09:51):
Liebe stiffelio,

ich habe die Götz-Friedrich-Inszenierung 1978 gesehen, dirigiert nun von Colin Davis, Elisabeth und Venus Eva Marton. Einige Details sind mir noch in Erinnerung, die hohe Treppe zum Pallas sowie die breite Bohle "Brücke" über den Graben bis in den Zuschauerraum. Ich hatte den Eindruck, das Spas Wenkoff bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten ging.

An zwei andere Bayreuther Inszenierungen, beide Premiere im Jahr 1981, erinnere ich mich noch sehr gern: Tristan und Isolde von Jean Pierre Ponelle sowie die Meistersinger von Wolfgang Wagner. Der riesige Baum im 2.Tristan-Akt und die Quelle daneben, meine Frau wäre fast verdurstet. Tristan war Rene Kollo, Isolde Johanna Meier, die mir gut gefiel, leider habe ich danach nie wieder von ihr gehört, ein prächter Kurvenal, Hermann Becht, Brangäne Hanna Schwarz und Matti Salminen als König Marke. Ein paar Jahre später sang Peter Hoffmann, ich war in der 2.Auffühhrung, die dann vom BR gesendet wurde, in der ersten zeigte sein Tristan unüberhörbare Schwächen, die Isolde war die wunderbare Catharina Ligenza, die schon unter Carlos Kleiber dabei war, sonst war die Besetzungsliste die selbe.
Die Meistersinger-Inszenierung von Wolfgang Wagner, Hans Sachs Bernd Wekl, Eva Anne-Marie Häggander, wurde später an die Semper-Oper weitergereicht, dort habe ich sie noch vor ein paar Jahren gesehen. Ich freue mich, dass beide Inszenierungen auf Videos festgehalten sind.

Gruß Amadé
Jürgen (16.02.2012, 17:07):
Original von stiffelio
Meine Frage ist: Kann man die "Sünde" von Tannhäuser heute noch verstehen?

Bevor man diese Frage beantworten kann, sollte möglichst genau umrissen werden, um welche Sünde es dabei überhaupt geht.

Ich ziehe also Deine zentrale Frage vor:
Original von stiffelio
Also: wo liegt die Verfehlung von Tannhäuser, die einer Sühne bedarf?

Der Aufenthalt in der Grotte der Göttin Venus darf keinesfalls wörtlich genommen sondern symbolisch gesehen werden. Schließlich ist Venus eine Göttin der Antike und war im Hochmittelalter schon seit Jahrhunderten nicht mehr angesagt. Und bis zur Renaissance ist's noch ein bisschen hin.

Wofür könnte Venus also stehen? Exzessive Aufenthalte im Freudenhaus? Eine Flatrate fürs Bordell?
Das passt nicht richtig. Tannhäuser muss ja nichts bezahlen.

Dann eher eine Lebens(!)gemeinschaft mit einer Nymphomanin. ("Unsere Beziehung ist rein sexuell") Natürlich ohne Trauschein.
Nymphoman ist vielleicht übertrieben, aber es muss ausreichen um ihrer beider Sexualität ungehemmt auszuleben.

Lege ich mich mal mit dieser Annahme fest (irgend eine Annahme muss ich ja treffen), so reicht das im heutigen Mitteleuropa nicht für eine Steinigung. Als Sünde wird das bestenfalls noch von streng katholisch Gläubigen eingstuft. Da hat der Beischlaf nur den Zweck der Familienerweiterung (natürlich der eigenen Familie).

Gehe ich mal zurück in die Zeit der Tannhäuserhandlung, also etwa ins Jahr 1200, so hätte man dem Tannhäuser solch eine Lustgemeinschaft sicherlich nachgesehen, insbesondere, da Tannhäuser von Adel war.

Die für mich einzige schlüssige Lösung ist, die Handlung durch die biedermeierlich verklärte Brille des Jahres 1843 zu betrachten. Demnach müssen Ritter eben ritterlich und edel sein. Minnesänger dürfen ihre Angebetete zwar beschallen, aber nicht um sie ins Bett zu locken.
So betrachtet könnte aus Tannhäusers Thailandurlaub ein Sündenfall werden.

Grüße
Jürgen
stiffelio (16.02.2012, 17:51):
Liebe Severina,

wenn du sogar schon zum Ring vorgedrungen bist, dann wird dir der Tannhäuser aber bestimmt gefallen. Und ich kann dir diese Bayreuth-DVD

wirklich nur wärmstens empfehlen und würde sie dir sogar ausleihen. Aus meiner Sicht ist das der Jahrhundert-Tannhäuser. :wink

Zur Handlung möglichst kurz: Tannhäuser ist im Streit mit seinen Sängerkollegen (wohl schon wegen seiner als anstößig empfundenen Lieder) von der Wartburg geschieden und in den Venusberg geraten. Trotz aller Freuden, die ihm Venus bereitet, hält es ihn auch dort nicht lang: "Wenn stets ein Gott genießen kann, bin ich dem Wechsel untertan." Venus warnt ihn, er habe sein Heil verloren, Tannhäuser kontert mit der Anrufung Marias, dieser Ruf bringt ihn zurück in die Menschenwelt. Dort finden ihn seine Sängerkollegen wieder und nehmen ihn nach anfänglichen beiseitigem Misstrauen wieder auf - Tannhäuser in der Hoffnung, Elisabeth, die Nichte des Landgrafen wiederzusehen. Tannhäuser und Elisabeth können sich beim ersten Wiedersehen ihre Liebe nur verschlüsselt eingestehen. Ein Sängerwettstreit um das Thema Liebe soll die Entscheidung bringen. Tannhäuser singt sich immer mehr in Rage und endet mit einem Hochlied auf Venus. Das stößt ihn aus der Menschengesellschaft aus, einzige Hoffnung auf Vergebung bietet ihm eine Pilgerfahrt nach Rom. Elisabeth bleibt im Gebet zurück. Als die Pilger im Herbst wiederkehren, ist Tannhäuser zunächst nicht unter ihnen. Elisabeth fleht um den Tod, sie möchte im Himmel um Tannhäusers Heil bitten und nimmt von der Menschenwelt Abschied. Tannhäuser wird verspätet von Wolfram in Empfang genommen, dem er erzählt, wie der Papst ihm Vergebung versagt hat. Unwiederbringlich aus der Menschenwelt verstoßen ruft er Venus an, die ihm und Wolfram erscheint. Wolfram fleht ihn an Venus zu widerstehen und erinnert ihn an Elisabeth, bei deren Anrufung Venus verschwindet. Die Nachricht, dass Elisabeth verstorben ud Tannhäuser durch Gott vergeben ist (sinnbildlich durch das Ergrünen des trockenen Holzstab des Papstes) wird zu Tannhäuser gebracht und er stirbt im Vertrauen auf Vergebung.

Zur DVD:
Die Spannung beginnt schon während des Vorspiels, das nach den Eingangstakten pantomimisch von Tannhäuser begleitet wird und seine Flucht von der Wartburg in den Venusberg andeutet. Spas Wenkhoff würde von mir schon allein für sein Mienenspiel einen Oscar bekommen, als das Motiv des Venusbergs anklingt. Das kann man nicht beschreiben, man muss es gesehen haben. Spätestens ab dieser Sekunde habe ich Tannhäuser seine Zerrissenheit (in meiner Interpretation "zwischen Droge und Heil") 100%ig abgenommen und dabei hat die Oper noch nicht mal richtig begonnen und Tannhäuser noch keinen Ton gesungen!
Das Bacchanal glaubwürdig zu inszenieren gehört zu den schwersten Herausforderungen, die ich mir denken kann, aber dieser Ausdruckstanz (vom Choreografie-Meister John Neumeier) kommt meinem Ideal am nächsten, auch wenn ich mit einigen der Figuren (so den übergroßen Skeletten und den drei Grazien) nicht besonders viel anfangen kann. Aber auch hier gilt: das Mienenspiel von Wenkhoff vermittelt mehr Emotionen als tausend Worte, obwohl er hier als reiner Zuschauer dabei ist.

Zu seinem "Kampf" mit der Venus hab ich ja schon oben geschrieben, die Darstellerleistung bleibt oscarreif.
Tut mir leid, ich kann einfach nicht mit dem Schwärmen aufhören. Der Hirtenknabe vom Tölzer Knabenchor ist der nächste Pluspunkt, sängerisch wie darstellerisch. Aus dem Pilgerchor könnte man v.a. klangtechnisch vermutlich noch mehr machen - mag sein, dass das durch die Aufnahmetechnik vor immerhin 34 Jahren bedingt war. Aber gleich die nächste Szene mit den Sänger"kollegen" endet wieder mit den berührendsten Bildern, die ich mir vorstellen kann. Wie Tannhäuser sich nach seinem anfänglichen Abwehren von ihnen "aufnehmen", geradezu auffangen lässt, hat mir Tränen in die Augen getrieben. Freude (dass er wieder in die Menschenwelt gehört und Vorfreude auf Elisabeth), schöner Götterfunken!

Ich merke, ich muss versuchen, ab dem 2. Akt etwas kürzer zu werden :( G. Jones Wechsel von der Venus zur Elisabeth ist und bleibt für mich etwas gewöhnungsbedürftig, dennoch schafft sie es aus meiner Sicht, der Rolle etwas Mädchenhaftes zu verleihen. H. Sotin als Landgraf ist darstellerisch und sängerisch absolut überzeugend.
Beim Sängerwettstreit hat mir beim ersten Ansehen der Atem vor Spannung gestockt. Was sich da an Dramatik langsam und unaufhaltsam aufbaut, ist wieder mal unbeschreiblich und nur durch das leidenschaftliche Mitspiel aller Beteiligten, von Walther bis Biterolf zu erklären. Ehrlich gesagt: die triefende Verhöhnung, die Tannhäuser in seine Verse an Biterolf legt "und was von Freuden dir entsprossen, das galt wohl wahrlich keinen Streich", hätte ich mir als Biterolf auch nicht gefallen lassen.
Schwierig darzustellen und hier glaubwürdig gelungen auch Tannhäusers Verzweifelung, als er erkennt, dass ihn sein Erlebnis im Venusberg von Elisabeth, der menschlichen Gesellschaft und Gott trennt. Gänsehaut erzeugend der Chor der Wartburggesellschaft "dies Schwert wird dich erreichen, harrst du in Sünd und Schmach".

Sowohl das Gebet der Elisabeth als auch Tannhäusers Romerzählung im 3. Akt stellen physische und psychische Grenzüberschreitungen dar, für die mir nur die Bezeichnung "drastisch" einfällt. Schmerzhaft, aber damit unter die Haut gehend bis hin zur Frage, ob man das so darstellen darf. 1978 hätte ich dabei vermutlich meine Zweifel gehabt, aber was sind wir inzwischen nicht alles für Bilder im Fernsehen gewohnt?
Dramatisch und darstellerisch packend dann auch der zweite Venusauftritt. Allein vom Körpereinsatz zwischen Wolfram und Tannhäuser her waren alle anderen Inszenierungen, die ich von dieser Szene gesehen habe, nur ein schwacher Abklatsch. Und dann kommen mir noch einmal Tränen, als zum Schluss Tannhäuser allein auf der dunkelen Bühne steht, man von der Prozession für Elisabeths Begräbnis fast nur die brennenden Kerzen sieht und seine Miene sich in tiefstes - ja, was? Erstaunen? Entspannung? Erlösung? Frieden? oder von allem etwas? - wandelt und er zum Schluss, schon am Boden liegend, eine Hand mit letzter Kraft zum Himmel ausstreckt.

Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es Sinn macht, Venus und Elisabeth von derselben Sängerin darstellen zu lassen, hatte ich zuerst einen Bogen um diese DVD gemacht und mit diesen Inszenierungen angefangen:


Diese MET-Aufnahme einer typischen Schenk-Inszenierung würde dir sowieso nicht gefallen, wenn du ein Anhänger eher modernerer Inszenierungen bist. :wink Sie kann zwar mit für Anhänger konservativer Inszenierungen mit einer originalgetreu nachgebauten Wartburhalle punkten und auch sonst sind die Kostüme und das gesamte Ambiente sehr liebevoll gestaltet. Trotzdem kam beim Anschauen bei mir nur Langeweile auf und R. Cassiliy ist einer der ganz wenigen Sänger, desen Stimme mir überhaupt nicht gefällt und als Tannhäuser schon gar nicht. Schauspielerisch kommt diese DVD noch nicht mal auf 10% der Ausdruckskraft des Bayreuth-Tannhäusers und das gilt durchgehend für alle Rollen.


Inszenatorisch ist diese Aufnahme von 2008 aus Baden-Baden da schon viel interessanter. Dennoch ist auch R. Gambill nicht mein Tannhäuser, weder von der Gestaltung noch vom Gesang. C. Nylund als Elisabeth spielt und singt gut, aber sie bleibt eine unberührbare Schönheit, auch noch kurz vor ihrem Tod. Da ist nicht nachvollziehbar, wenn Roman Trekel als Wolfram dazu singt: "Der Seele, die nach jenen Höhen verlangt, auf ihrem Flug durch Nacht und Grausen bangt". Wie man das Grausen tatsächlich darstellen kann, bleibt für mich von G. Jones in der Bayreuth-Insenzierung unerreicht - obwohl oder gerade weil es einen tatsächlich dabei graust und ich teilweise schon die Augen schließen musste.
Aber a propos Trekel: das ist der einzige, für den sich der Kauf dieser DVD dennoch gelohnt hat und sein "oh, du mein holder Abendstern" könnte ich mir 100 mal hintereinander anhören. Es ist für mich die einzige Stelle, in der im Vergleich die Bayreuth-DVD hinten steht.
Vieles andere, z.B. die Mikrophone beim Sängerwettstreit konnte ich dagegen nur als albern empfinden und auch z.B. der Hirtenjunge von einer Frau gesungen nicht halb so schön wie von einem Tölzer Knabenchor-Jungen in Bayreuth.
W. Meier als Venus ist immer ein Pluspunkt, dennoch durfte sie in München mit Kollo (kenne ich allerdings nur von youtube-Schnipseln) wesentlich mehr aus ihrer Rolle machen.
Einen Pluspunkt gibt es noch für die Schlussidee, Tannhäuser tot in Wolframs Armen zu lassen, aber als Double im Hintergrund die Treppe aufsteigen zu lassen, die vorher schon Elisabeth hinaufgegangen ist. Schön und berührend gemacht - und dennoch viel steriler als der Schluss in Bayreuth.

Au weia, das ist jetzt wirklich lang geworden :B
Zu Amadé und Jürgen wohl besser später.

VG, stiffelio
stiffelio (16.02.2012, 19:04):
Hallo Amadé,

ob Spas Wenkhoff sängerisch mit dem Tannhäuser an seine Grenzen gerät, kann ich nicht fundiert beurteilen. Aufgefallen ist mir schon, dass seine Stimme sehr baritonal gefärbt ist - er erschien mir vom "Klangeindruck" oft mindestens ebenso tief wie der Wolfram von Bernd Weikl, obwohl die Tonhöhe objektiv höher war. Aber nach meinem Eindruck tifft er die hohen Töne schon, obwohl sie eben nicht so hoch "erscheinen".
Cassiliy klingt für mich viel höher, ich konnte beim ersten Eindruck kaum glauben, dass er die gleichen Noten singt.

Den Tristan von Ponelle kenne ich auch auf DVD. Ist aber hier OT und möchte ich daher lieber an anderer Stelle diskutieren.

VG, stiffelio
stiffelio (16.02.2012, 19:15):
Hallo Jürgen,

danke für deine historischen Präzisierungen Aber bedeutet das dann nicht, dass man die "Sünde" von Tannhäuser heute eben nicht mehr verstehen kann bzw. nur durch eine biedermeierliche Brille?
Das fände ich sehr schade, wenn das Thema Tannhäuser dann nur noch allenfalls von historischem Interesse wäre, aber nichts, was für mich als heutigen Menschen noch relevant wäre.
Ich suche nach einer Sichtweise der "Sünde" von Tannhäuser, die mir unmittelbar etwas zu sagen hat. Denn Sünde mag nach meinem Verständnis in den verschiedenen Jahrhunderten unterschiedliche Gesichter haben, das Thema an sich bleibt aber aktuell.

VG, stiffelio
Billy Budd (16.02.2012, 20:11):
Liebe Stifellio,
Deine ausführliche Besprechung ( :thanks) hat mir Lust auf die Aufnahme gemacht und werde sie mir demnächst bei uns in der Bücherei ausleihen.


Liebe Severina,
obwohl mir im Gegensatz zu einigen anderen Wagnerianern die "Tannhäuser"-Ouvertüre sehr gut gefällt, ist er doch nicht meine Wagner-Lieblingsoper. Aber man merkt, dass es sich um ein Frühwerk handelt, denn die Musik ist noch viel feuriger und lebhafter, als zum Beispiel der "Tristan", oder der "Parsifal".
Jedenfalls kannst Du ja in etwa einem Monat den "Tannhäuser" live hören - in einer sogar ganz akzeptablen Besetzung und in einer Inszenierung, die ganz nach Deinem Geschmack sein könnte.

Billy :hello
Rideamus (16.02.2012, 21:22):
Hallo Stiffelio,

ich muss gestehen, dass der verquaste Sündenbegriff des Kryptoerotomanen Wagner ziemlich weit am A...ngelpunkt meiner Interessen vorbei geht, und es ist wohl kein Zufall, dass ich gerade am TANNHÄUSER immer fast nur den Anfang der Pariser Fassung wirklich geschätzt habe, bevor die Kastagnetten die unvermeidliche – und wie fast immer bei Wagner auch unvermeidlich langwierige - Katerstimmung nach der Orgie einleiten. Die Pariser haben schon das richtige Gespür gehabt, als sie sich weigerten, eine Liebesgeschichte zu akzeptieren, die mit einer Orgie anfängt. :wink

Ich hätte zwar nicht gedacht, dass ich mich noch einmal intensiver mit der Oper beschäftigen würde, die mich trotz vieler Anläufe – zuletzt in der grauenhaften Zürcher Aufzeichnung der Inszenierung Jens-Daniel Herzogs mit einem wacker kämpfenden Peter Seiffert – stets ziemlich kalt gelassen hat. Deine Fragestellung interessiert mich aber doch, und so sind hoffentlich ein paar polemische Anmerkungen gestattet, wenn ich verspreche, mit einer möglichst konstruktiven Antwort auf Deine Sinnfrage zu schließen.

Mich hat der TANNHÄUSER immer ein wenig an Curt Goetz' Komödie DAS HAUS IN MONTEVIDEO erinnert. Das ist jene Geschichte, in der ein bigotter Professor das große Vermögen seiner verstorbenen Schwester, einer erfolgreichen Sängerin, erben soll, die er einst wegen eines Fehltritts mit Folgen verstoßen hatte. Bedingung ist, dass eines seiner eigenen Kinder selbst ein uneheliches Kind bekommt, und prompt versucht der Professor, dem Verlobten seiner Tochter nahe zu legen, dass es doch so schlimm nicht sei, wenn man erst den Nachtisch genösse, solange man die Tochter dann später heirate bzw. die Suppe tatsächlich auch noch vertilgte. Jürgen hat schon zu Recht darauf hingewiesen, dass die schwere Strafe für seine Verherrlichung eines Besuchs im Freudenhaus, die Tannhäuser angeblich so massiv büßen muss, eigentlich in keiner in Frage kommenden, historischen Periode in dem Ausmaß relevant war, wie er in der Oper geschildert wird, also nicht einmal zur biedermeierlichen Gegenwart Wagners passte, geschweige denn zu den Sitten des Hochmittelalters oder gar der Antike der originalen Venus.

Was Wagner hier unendlich quälerisch zelebriert, ist das genussvoll masochistische Erleben einer stilisierten Höchststrafe für eine vermeintliche, in Wahrheit aber ziemlich lässliche Sünde, die er aus den problematischsten Untiefen eines längst überholten Katechismus fischt. Kein Wunder, dass ihm die musikalische Darstellung dieser Sünde, die ihm persönlich nebenbei nur zu bekannt war, am besten gelang, wie ich auch, horribile dictu, finde, dass er die musizierenden Meistersinger, mit denen er sich bestens auskannte, wesentlich besser traf als den schlechten Gewissens im Schoß der Liebe gründelnden Tristan. Als ich daher erstmals den wundervollen Film ZAUBER DER VENUS von Istvan Szabo sah und in hinreißender Weise vorgeführt bekam, wie gut der Stoff in die nicht weniger ego- und exzentrische, aber auch bigotte Welt der Oper passte, war ich sicher, die ideale Interpretation des TANNHÄUSER gefunden zu haben, zumal sie auch alle wirklich gelungenen musikalischen Passagen aus Wagners Partitur in einer exzellenten Darbietung bringt. Der Meinung bin ich heute noch, und deshalb kann ich jedem Liebhaber dieser Musik, und mindestens in Teilen bin ich das ja auch, nur raten, sich eine Kopie dieses Films zu besorgen, auch wenn das inzwischen nicht mehr so leicht und unverschämt kostspielig zu sein scheint.


Deine Frage nach einer zeitgemäßen Lesart des Stoffes traf mich jedoch zufällig am selben Tag wie die Nachricht von dem Unglücksraben, der wegen Leugnung der Existenz oder Bedeutung des Propheten von Malaysia an Saudi Arabien ausgeliefert, dafür jetzt schon von der weltweiten Facebook Community virtuell gesteinigt, und später womöglich gehenkt wird. Wir können es in unserem fortschrittlichen Europa zum Glück kaum mehr in diesem extrem emotionalen Ausmaß nachvollziehen, aber ich habe den Eindruck, dass die zeitgemäße Parallele zu Tannhäusers Verbrechen nicht so sehr der Drogenkonsum, sondern die Gottesleugnung in einer Welt ist, der dies tatsächlich noch als Todsünde gilt. Dies war im 12. Jahrhundert dem Christentum ja nicht geheurer als es heute die Leugnung des Propheten für die weltweite Gemeinschaft des Islam ist.

Tannhäusers Sünde besteht also nicht etwa in der hemmungslos ausgelebten Erotik, sondern in der Verherrlichung irdischer Freuden gegenüber einem überirdischen Gott, mit dessen Erwartungen er nichts anfangen kann. Leider verfügen die Islamisten unserer Tage wohl nicht mehr über die Gabe, einen Pilgerstab ergrünen zu lassen. Soviel zu meiner gegenwärtigen Sicht auf den TANNHÄUSER.

Aber vielleicht sehe ich das weniger polemisch, wenn ich mir tatsächlich mal die von Dir gepriesene bayreuther Inszenierung von Götz Friedrich ansehe, auf die Du mich jetzt doch wider alles Erwarten neugierig gemacht hast. Enthält die eigentlich die Pariser oder die ursprüngliche Dresdner Fassung

:hello Rideamus
stiffelio (16.02.2012, 22:18):
Lieber Rideamus,

lustig - DAS HAUS IN MONTEVIDEO gehört zu meinen absoluten Lieblingskomödien.
Was Wagner als Sünde begriffen hat bzw. seine erotischen Verklemmungen interessierten mich bei meiner Frage tatsächlich herzlich wenig. Gerade weil ich das - wie vermutlich die meisten mitteleuropäischen Menschen - nicht nachvollziehen kann, das Prinzip der Sünde (=Trennung von Gott) aber für durchaus relevant halte, suchte ich ja nach einer anderen Lesart.
Deine Lesart der Gottesleugnung finde ich interessant, ist aber - wie dein Beispiel aus dem fundamentalistischen Islam zeigt - für den "aufgeklärten Mitteleuropäer" ohne religiösen Fundamentalismus wieder nicht nachvollziehbar. Außerdem wäre dann Tannhäuser ja einer, der zum Schluss reuevoll zur "Lehre des Propheten" und zum Fundamentalismus zurückkehrt...entsetzlicher Schluss.
Deine "Verherrlichung irdischer Freuden" trifft dagegen für mich ins Schwarze. Denn wenn man nicht annehmen will, dass Tannhäuser am Schluss "harmlosen" irdischen Freuden aus nicht nachvollziehbaren Gründen wieder abschwört, ist es genau das, was ich mit Drogensüchtigkeit meine: eine Verherrlichung ganz realer irdischer Freuden, die aber eben nicht harmlos sondern letztlich zerstörerisch sind.

Vielleicht sind meine Gedanken dazu aber auch einfach nur zu verwickelt bzw. nur für mich relevant.

VG, stiffelio

P.S.: das Bacchanal ist in der Bayreuth-DVD drin, also müsste es die Pariser Fassung sein, oder?
Rideamus (17.02.2012, 00:43):
Original von stiffelio

Deine Lesart der Gottesleugnung finde ich interessant, ist aber - wie dein Beispiel aus dem fundamentalistischen Islam zeigt - für den "aufgeklärten Mitteleuropäer" ohne religiösen Fundamentalismus wieder nicht nachvollziehbar.

Immerhin macht das Beispiel glaubhaft, dass es das auch heute noch ganz real geben kann, mit allen schlimmen Folgen, die darin stecken können.


Außerdem wäre dann Tannhäuser ja einer, der zum Schluss reuevoll zur "Lehre des Propheten" und zum Fundamentalismus zurückkehrt...entsetzlicher Schluss.

Genau das ist für mich das vielleicht größte Problem dieser Oper, deren Schluss ich für puren Kitsch halte.

Nichts für Ungut, liebe Wagnerfreunde

:hello Rideamus
stiffelio (17.02.2012, 07:48):


Immerhin macht das Beispiel glaubhaft, dass es das auch heute noch ganz real geben kann, mit allen schlimmen Folgen, die darin stecken können.


Einverstanden. Real geben ja, verstehen (du und ich) nein.


Genau das ist für mich das vielleicht größte Problem dieser Oper, deren Schluss ich für puren Kitsch halte.


Tja, so unterschiedlich können Sichtweisen von netten und sympathischen Menschen sein (ich spreche jetzt natürlich nur von meiner Sicht auf dich :wink )

VG, stiffelio
stiffelio (17.02.2012, 07:57):
Original von Billy Budd
Liebe Stifellio,
Deine ausführliche Besprechung ( :thanks) hat mir Lust auf die Aufnahme gemacht und werde sie mir demnächst bei uns in der Bücherei ausleihen.


Hallo Billy,

wow, so etwas habt ihr in Wien in der Bücherei?
Berücksichtige bitte bei deinem Eindruck, dass es sich wie gesagt um eine Aufnahme von 1978 handelt. Die Bildschärfe lässt an vielen Stellen zu wünschen übrig, dazu kommt, dass viele Szenen sehr dunkel inszeniert sind. Inwieweit auch der Ton zu wünschen lässt, kann ich mit meinen Computerlautsprechern nicht fundiert beurteilen.

Aber dein Eindruck würde mich sehr interessieren, auch wenn er kritisch sein sollte.

VG, stiffelio
Jürgen (17.02.2012, 09:34):
Original von Rideamus
Genau das ist für mich das vielleicht größte Problem dieser Oper, deren Schluss ich für puren Kitsch halte.
Beim Schluss frage ich mich ohnehin immer wieder: Wie kommen Elisabeth und Tannhäuser eigentlich zu Tode?
Entweder sie sterben, wie man so schön sagt, an gebrochenem Herzen. Das wäre dann schon etwas kitschig.
Oder sie begehen Selbstmord, was zwar niemand belegen kann aber durchaus realistisch ist. Einen Haken hat die Sache aber: Selbstmord ist Sünde!

Original von Rideamus
Nichts für Ungut, liebe Wagnerfreunde
Ich würde mich selbst als Wagnerfreund bezeichnen, habe aber mit Deinen Ausführungen keine Schwierigkeiten. Es gibt bei Wagners Opern einige (sogar signifikant wichtige) Stellen, wo die Logik hakelt und die man mit heutigem gesunden Menschenverstand nicht nachvollziehen kann.
Vom Tannhäuser mal abgesehen gibt es den Lohengrin mit dem dämlichen Verbot Nie sollst du mich befragen. Oder die nicht wirklich begründete übermäßige Glorifizierung der Keuschheit im Parsifal. Oder Meistersinger: Was hat Pogner bloß geritten, dass er die Hand seiner Tochter als ersten Preis eines Wettsingens ausschreibt, wohl wissend dass der Mann mit den besten Aussichten ein alter Bock ist, den niemand leiden (und schon gar nicht lieben) kann.
Schwächen im Libretto sind aber nicht auf Wagneropern begrenzt. Wir hatten kürzlich das Thema bei der Zauberflöte.

Wenn ich aber all diese Opern deswegen meiden würde, welch herrliche Musik ginge mir dabei durch die Lappen!

Zu diesem Zwecke habe ich die Eigenschaft entwickelt (oder war es angeboren, gewisser Chromosomenkonstellationen geschuldet? :cool), diese Ungereimtheiten schlichtweg auszublenden, die Musik trotzdem zu hören.
Mir kommt dabei entgegen, dass ich Musik (und damit natürlich auch Opern) fast ausschließlich als Tonkonserve konsumiere. Opernübertragungen im TV oder von DVD empfinde ich hingegen meist ermüdend.

Andere Opernfreunde haben andere Ansprüche:
Original von stiffelio
Ich suche nach einer Sichtweise der "Sünde" von Tannhäuser, die mir unmittelbar etwas zu sagen hat. Denn Sünde mag nach meinem Verständnis in den verschiedenen Jahrhunderten unterschiedliche Gesichter haben, das Thema an sich bleibt aber aktuell.

Aber was machst Du, wenn sich keine Sichtweise findet?
Mir persönlich hat die Umdeutung der Sünde Tannhäusers in die Drogensucht nicht so gut gefallen, dass nun eine runde Sache entstanden wäre.

Grüße
Jürgen
stiffelio (17.02.2012, 15:45):
Original von Jürgen
Aber was machst Du, wenn sich keine Sichtweise findet?

Das gleiche wie du :wink : ich versuche, die Musik und ggf. einzelne szenisch gelungene Darstellungen zu genießen und mich von Ungereimtheiten möglichst wenig stören zu lassen.
Aber eine Oper gefällt mir eben noch viel besser, wenn ich einen innerlichen Bezug zur Handlung herstellen kann.

Mir persönlich hat die Umdeutung der Sünde Tannhäusers in die Drogensucht nicht so gut gefallen, dass nun eine runde Sache entstanden wäre.


O.K., das ist eine klare Ansage, mit der ich gut klarkomme. :wink

VG, stiffelio
Billy Budd (17.02.2012, 15:54):
Original von stiffelio
Original von Billy Budd
Liebe Stifellio,
Deine ausführliche Besprechung ( :thanks) hat mir Lust auf die Aufnahme gemacht und werde sie mir demnächst bei uns in der Bücherei ausleihen.


Hallo Billy,

wow, so etwas habt ihr in Wien in der Bücherei?
Berücksichtige bitte bei deinem Eindruck, dass es sich wie gesagt um eine Aufnahme von 1978 handelt. Die Bildschärfe lässt an vielen Stellen zu wünschen übrig, dazu kommt, dass viele Szenen sehr dunkel inszeniert sind. Inwieweit auch der Ton zu wünschen lässt, kann ich mit meinen Computerlautsprechern nicht fundiert beurteilen.

Aber dein Eindruck würde mich sehr interessieren, auch wenn er kritisch sein sollte.

VG, stiffelio

Ja, wir haben eine ganze Menge an DVDs in der Zentralbücherei. Das Ausleihen kostet für zwei Wochen allerdings 1,50 Euro, was aber auf jeden Fall billiger als das Kaufen von DVDs ist.
Ich bin natürlich gefasst darauf, dass die Bild- und Tonqualität nicht optimal ist, was mich aber nicht stört (Zum Beispiel besitze ich eine wundervolle DVD der "Carmen", die auch etwa aus dieser Zeit stammt.).
Ich werde mir es wahrscheinlich in der nächsten Woche ausleihen und anschauen, denn da habe ich keine Opernbesuche eingeplant.
Billy :hello
stiffelio (19.02.2012, 13:15):
Liebe Forumsmitglieder,

sorry, wenn ich hier nochmal etwas aufwärme, was evtl. wirklich niemand nachvollziehen kann, aber ich möchte noch ein letztes Mal (versprochen :wink) versuchen präziser zu beschreiben, was mich am Tannhäuser, verkörpert durch die Bayreuth-Inszenierung, so fasziniert.
Letztlich teile ich ja die Auffassung von Jürgen und Rideamus, dass vom Tannhäuser, wenn man ihn lediglich als Spiegelbild einer bigotten Gesellschaft begreift, nur ein verquastes Verständnis von Erotik und schöne Musik übrigbleibt.
Weil ich mich mit diesem (üblichen?) Verständnis der Story nicht anfreunden konnte, hab ich auch erstmal einen Bogen um diese Wagneroper gemacht.
Aber die Bayreuth-Inszenierung geht eben aus meiner Sicht weit darüber hinaus und thematisiert wird dort ein hochbrisantes Thema, nämlich die Grenzen menschlicher Genußfähigkeit und die Gefahren des Versuches, sie zu sprengen.
Das will ich auf keinen Fall auf die Sexualität beschränken, ja eigentlich noch nicht einmal darauf beziehen, weil dann einfach die Dimension dieses Themas eingeengt und vermutlich auch missverstanden wird.
Es steckt einfach soviel Wahres schon im Libretto, wenn man es einmal aus dieser Sicht betrachtet.
Man sehe sich nur den Dialog Tannhäuser/Venus an (in dem Tannhäuser die Gefahren, die der Venusberg für ihn bedeutet, durchaus erahnt):

VENUS
Geliebter, sag, wo weilt dein Sinn?

TANNHÄUSER
Zu viel! Zu viel!
O, dass ich nun erwachte!

VENUS
Sprich, was kümmert dich?
...
TANNHÄUSER
Nach Freude, ach! nach herrlichem Geniessen
verlangt' mein Herz, es dürstete mein Sinn:
da, was nur Göttern einstens du erwiesen,
gab deine Gunst mir Sterblichem dahin. -
Doch sterblich, ach! bin ich geblieben,
und übergross ist mir dein Lieben;
wenn stets ein Gott geniessen kann,
bin ich dem Wechsel untertan;
nicht Lust allein liegt mir am Herzen,
aus Freuden sehn' ich mich nach Schmerzen:
aus deinem Reiche muss ich fliehn, -
o Königin, Göttin! Lass mich ziehn!
...
VENUS
Zum Überdruss ist dir mein Reiz gediehn?

TANNHÄUSER
O schöne Göttin! Wolle mir nicht zürnen!
Dein übergrosser Reiz ist's, den ich meide
....
VENUS
Geliebter, komm! Sieh dort die Grotte,
von ros'gen Düften mild durchwallt!
Entzücken böt selbst einem Gotte
der süss'sten Freuden Aufenthalt:
besänftigt auf dem weichsten Pfühle
flieh' deine Glieder jeder Schmerz,
dein brennend Haupt umwehe Kühle,
wonnige Glut durchschwell' dein Herz
....
TANNHÄUSER
Die Glut, die du mir in das Herz gegossen,
als Flamme lodre hell sie dir allein!
Ja, gegen alle Welt will unverdrossen
fortan ich nun dein kühner Streiter sein. -
Doch hin muss ich zur Welt der Erden,
bei dir kann ich nur Sklave werden;
nach Freiheit doch verlange ich,
nach Freiheit, Freiheit dürstet's mich;

Jeder kann jetzt einsetzen, was er möchte, ob Alkohol-, Schokoladen-, Internet- oder sogar Opernsucht. :P
Der Versuch, unsere menschlichen Grenzen zu sprengen und ewigen, übergroßen Genuss anzustreben, endet früher oder später mit einer Bauchlandung, bei der wir noch von Glück sprechen können, wenn wir uns nicht alle Knochen brechen.
Es geht also im Kern um menschliche Hybris und was aus ihr werden kann, völlig unabhängig von irgendwelchen zeitlich gebundenen Moralkodices.
Wenn man sich mal die ernüchternden Zahlen ansieht, wie selten es gelingt, einen Süchtigen von seiner Sucht langfristig zu heilen, erkennt man die Brisanz dieses Themas.
Es ist eine sehr menschliche Eigenschaft, alles immer höher, weiter, besser, schneller zu wollen und dabei Grenzen höchstens gezwungenermaßen zu akzeptieren. Genuß sofort und ohne Grenzen. Eine der Schattenseiten dieses Verlangens (ohne das der Mensch freilich nicht denkbar ist) thematisiert für mich der Tannhäuser.

VG, stiffelio
Holger (22.02.2012, 22:45):
Liebe Stiffelio,

heute ist Dein Glückstag, denn ich bin ins Forum zurückgekehrt und kann Dir den "Tannhäuser" erklären.

Dazu sollte ich bemerken, daß ich mich mehrfach in der Nähe des Berliner Richard-Wagner-Platzes aufgehalten habe und von daher absolute und alleinige Deutungshoheit über Wagner besitze.

Deine Frage ist leicht zu beantworten. Tannhäusers Sünde besteht darin, nicht bei der wundervollen Venus und ihrem gleichnamigen Hügel geblieben zu sein, den ihr schließlich kein anderer als der liebe Gott verliehen hat, sondern sich mit einer so hoffnungslos trüben Tasse wie der sterbenslangweiligen Betschwester Elisabeth eingelassen zu haben. Wir Wagnerianer der ersten Stunde haben deshalb das Wort von der "Unterlassungssünde" geprägt.

Wagner selbst schrieb in diesem Zusammenhang an seinen Duzfreund Nietzsche: "Im 'Tannhäuser' nehme ich die Ideale von 1968 vorweg. Er ist ein einziges, feuriges Plädoyer für die freie Liebe. Deshalb sehe ich in der Titelrolle Rainer Langhans oder doch wenigstens Herbert Grönemeyer. Möge der orgiastische Augenblick für immer über den moralinsauren Alltag triumphieren! Das Leben ist kurz und die Versuchung nicht dafür da, daß man ihr widersteht. Nimm also alles, was du kriegen kannst - morgen könnte es zu spät sein!"

Was Nietzsche indes aus diesem weisen Ratschlag gemacht hat, ist hinlänglich bekannt.

Liebe Stiffelio, solltest Du noch weitere Fragen zu Wagner haben, bin ich von nun an der kompetente Ansprechpartner Deines Vertrauens. :D

Viele Grüße von Holger
Heike (25.02.2012, 00:57):
Tannhäusers Sünde besteht darin, nicht bei der wundervollen Venus und ihrem gleichnamigen Hügel geblieben zu sein, den ihr schließlich kein anderer als der liebe Gott verliehen hat, sondern sich mit einer so hoffnungslos trüben Tasse wie der sterbenslangweiligen Betschwester Elisabeth eingelassen zu haben.

LOL :times10
Heike
Heike (29.02.2012, 21:17):
Meine Frage ist: Kann man die "Sünde" von Tannhäuser heute noch verstehen?

Nochmal ernsthaft, wobei in Holgers Deutung ja ein wahrer Kern ist. Ich denke, der Tannhäuser-Konflikt ist ein universaler. Und ich würde den nicht darauf beschränken, dass jemand seine Triebe, seinen Konsum, seine Sucht nicht kontrolliert kriegt. Obwohl ich das für EINE legitime und sehr interessante Deutung halte.

Damals ging es um die lustfeindliche Gesellschaft und den sinnlichen Tannhäuser, dessen (naturgegebene) Triebe er innerhalb der damaligen Moralvorstellungen nicht ausleben konnte.

Heute geht es um jeden anderen Mann, der sich den gängigen Notwendigkeiten der Gesellschaft nicht anpassen will oder kann. Wenn er im Wettbewerb des Lebens bestehen will, dann muss er sich aber anpassen. Der Venusberg steht für alles das, was in dieser Gesellschaft verboten, verpönt oder gefährlich ist, was aber Spaß macht. Egal ob gut oder schlecht oder legal oder illegal. Es lässt sich jedenfalls nicht mit dem "normalen" Leben kombinieren. Die "Sünde" von Tannhäuser ist, nicht dazuzugehören zu den anderen.

Venus und Elisabeth stehen da eben für 2 Seiten: das gesellschaftlich akzeptierte Leben und das Außenseiter-Leben. Den Konflikt kann man natürlich auch nach innen verlagern, wenn man beide Seiten nur als Wünsche/ Motive des Tannhäusers ansieht; dann wären beide Frauen eine Person und Tannhäuser kriegt sie nicht zusammen. Und Wolfram ist sozusagen das personifizierte Überich, wenn man mal in Freudschen Kategorien denkt.

Heike
stiffelio (29.02.2012, 22:39):
Liebe Heike,

und wie deutest du dann den Schluss der Oper?

Hat Tannhäuser da "eingesehen", dass er dazugehören "muss"?
Oder nach innen verlagert: besteht seine Erlösung darin, dann er da doch beide Seiten der "Frau an sich" zusammenkriegt? Aber warum singt dann Venus "Weh, mir verloren"?

danke für deine ernsthafte Wideraufnahme meiner Frage

VG, stiffelio
Heike (29.02.2012, 23:00):
Hallo,
den Schluss sehe ich so, dass er sich nicht dauerhaft einordnen kann oder will. D.h. er versucht die Anpassung, aber sehnt sich ja erstmal total zu seinen Bedürfnissen zurück. Ob aus Sucht oder weil er von deren Wichtigkeit überzeugt ist, sei dahingestellt. Aber die Gesellschaft (Elisabeth, Wolfram) fängt ihn sich wieder ein - er lehnt sie ja nicht total ab, die sind ja auch wichtig.

Ob es dann tragisch ausgeht (d.h. er stirbt verzweifelt - tot ist tot - und es gibt nur ein wenig irrational religiöse Verklärung drumrum) oder ob es gut ausgeht (im Sinne, dass er nun in den Himmel kommt, weil die Gesellschaft ihn wieder aufgenommen hat), das bleibt eigentlich offen und könnte so oder so interpretiert werden.

"Weh! Mir verloren!" - klar, denn er hat sich ja erstmal von seinen Bedürfnissen entfernt. Im inneren Kontext hätte er dann seinen Kontakt zu sich selbst verloren. Venus ist ja die Seite, die er in dieser Gesellschaft nicht leben kann, wenn er zum Rest dazugehören will.
Heike
stiffelio (01.03.2012, 21:47):
Liebe Heike,

vielen Dank für deine sehr interessante Sicht, mit der ich mich jedenfalls noch länger auseinandersetzen muss.

Aber an einer Frage hänge ich aktuell noch fest, wobei mir da vermutlich auch einfach die Fanatasie fehlt:

Heute geht es um jeden anderen Mann, der sich den gängigen Notwendigkeiten der Gesellschaft nicht anpassen will oder kann. Wenn er im Wettbewerb des Lebens bestehen will, dann muss er sich aber anpassen. Der Venusberg steht für alles das, was in dieser Gesellschaft verboten, verpönt oder gefährlich ist, was aber Spaß macht. Egal ob gut oder schlecht oder legal oder illegal. Es lässt sich jedenfalls nicht mit dem "normalen" Leben kombinieren. Die "Sünde" von Tannhäuser ist, nicht dazuzugehören zu den anderen.

Ich suche im Kopf ständig nach Beispielen für etwas in der heutigen Gesellschaft, was verboten, verpönt oder gefährlich ist, Spaß macht, sich nicht mit dem "normalen" Leben kombinieren lässt, was ich aber nicht als "Sucht" einordnen würde.
Bisher bin ich noch auf kein Beispiel gekommen, das mich überzeugt. Auch wenn das blöd klingt: kannst du mir da nochmal auf die Sprünge helfen?

VG, stiffelio
Heike (01.03.2012, 23:57):
Ach je, wenn mir da auf Anhieb -zig rundum überzeugende Beispiele einfallen würden, dann wäre ich ja Regisseurin geworden :-)

Jedenfalls müsste man das ja ganz konkret im Kontext des jeweiligen unmittelbaren gesellschaftlichen Umfeldes sehen. Muslime und schwul, oder Bischof mit heimlicher Geliebter, oder Aussteiger unter bayrischen Spießern, oder - wenn man rein negative Triebe annähme und das "gottgegeben" als Bürde auffasst - prügelnder Vater, kleptomanischer Banker .... .
Heike
stiffelio (02.03.2012, 21:08):
...wobei wir mit dem Kleptomanen ja schon wieder bei einer Sucht wären ... :haha und ich z.B. das "zu viel, zu viel" von Tannhäuser immer noch schwer anders interpretieren kann.
Aber ich möchte jetzt an deinen Beispielen gar nicht mehr herummäkeln, sondern dir dafür danken und werde sie im Kopf behalten.

VG, stiffelio
Billy Budd (11.03.2012, 00:18):
Ich habe mir eben den ersten Akt der von stiffelio weiter oben erwähneten DVD angesehen. Für die restlichen zwei bin ich jetzt schon zu müde; das wird morgen nachgeholt.

Ich weiß, man sollte nicht eine Beurteilung abgeben, bevor man die DVD nicht fertig angeschaut hat, aber ich möchte jetzt doch ein paar kurze Gedanken festhalten. Wenn ich auch den zweiten und dritten Akt gesehen habe, werde ich eine Besprechung verfassen.

Vorweg: Es handelt sich um eine gute Aufnahme; allerdings sind die begeisterten Rezensionen bei Amazon und anderswo für mich nicht nachvollziehbar.
Ich mag baritonal gefärbte Tenöre, allerings nur, wenn sie eine strahlende und möglichst vibratoarme Höhe haben (z.B. Johan Botha oder Stephen Gould). Spas Wenkoff verfügt weder über das eine, noch über das andere. Man sollte natürlich nicht vergessen, dass der Tannhäuser eine mordsmäßig schwere Partie ist und man deshalb über jeden froh sein muss, der sie halbwegs bewältigt; insofern handelt es sich schon um Meckern auf hohem Niveau. Herr Wenkoff bewältigt die Höhen nur mit Mühe und muss sie herausstemmen. Was für ihn spricht, ist seine überzeugende schauspielerische Leistung, vor allem sein Mienenspiel.
Gwyneth Jones überzeugt mich auch nicht restlos als Venus. Für die Liebesgöttin klingt mir ihre Stimme doch ein wenig zu scharf. Ich bin gespannt, wie sie sich als Elisabeth schlägt.
Bernd Weikl (Wolfram) finde ich exzellent; Robert Schunk (Walther) dagegen gefällt mir überhaupt nicht. Hans Sotin (Hermann) agiert solide.

Das sind natürlich nur meine Kurzeindrücke des ersten Drittels (Ich weiß auch nicht, ob es klug ist, sie zu schreiben.). Im Herbst habe ich jedoch mit Stephen Gould einen absolut überragenden Tannhäuser erlebt, weswegen sich mein Kritisieren auf hohem Niveau bewegt. In einer Woche werde ich Peter Seiffert hörenn, worauf ich mich natürlich auch schon freue! :leb

Billy :hello
stiffelio (11.03.2012, 07:27):
Lieber Billy,

Einen wunderschönen guten Morgen! :beer
Ich hab irgendwie schon geahnt, dass dir die Stimme von Spas Wenkhoff nicht gefallen wird. Ich habe mir die DVD nach der Besprechung hier auch nochmal angesehen und kann nachvollziehen, was du mit "Herausstemmen" meinst. Aber es wird dich vermutlich nicht mehr wirklich verwundern :wink, das ich persönlich bei einer sehr guten schauspielerischen Leistung über so etwas hinweghören kann, solange jemand die Töne wenigstens noch trifft (was ich aber auf einer DVD auch noch nie anders erlebt habe).

Ich freue mich jedenfalls, dass du dir so spät (oder früh :P) noch die Zeit genommen hast, hier einen ersten Eindruck zu schreiben, weil ich nach deiner Ankündigung doch schon sehr gespannt war. :thanks

Immerhin kann man eine DVD ja noch leichter abbrechen als einen Opernabend, wenn's zu schlimm werden sollte :wink

Ich habe mir das Kurzvideo und die Bilder des WSO-Tannhäuser gerade mal angesehen und könnte mir vorstellen, dass diese Inszenierung für mich zumindest keine Katastrophe wäre, allerdings nicht an Bayreuth heranreichen kann. Peter Seiffert würde mir stimmlich alsTannhäuser jedenfalls bestimmt gefallen.

VG, stiffelio
Heike (11.03.2012, 09:16):
Ich bin auch gespannt, was du über Peter Seiffert berichten wirst. Er hat in Berlin einen tollen Tannhäuser gesungen, mit der nötigen Energie und doch wunderbar differenziert - zudem wirkt er auch als Typ und spielt gut. Allerdings hat er öfter mal Probleme mit dem Text X(
Letztes Jahr jedenfalls war er stimmlich in super Form, er sang ja auch einen wundervollen Tristan. Also wenn er die Form gehalten hat, dann hast du allen Grund zur Vorfreude.
Heike
Billy Budd (11.03.2012, 14:28):
Liebe stiffelio,
ich schaue mir ja kaum Opern-DVDs an und auf mich hat die ganz andere Perspektive doch sehr irritiert. Auch eine Beurteilung des Mienenspiels lässt sich von der Galerie nicht abgeben, weswegen ich nicht vergleichen kann. Auf jeden Fall freue ich mich schon auf heute Abend, wenn auch den Rest sehen kann.
Immerhin kann man eine DVD ja noch leichter abbrechen als einen Opernabend, wenn's zu schlimm werden sollte :wink
Wenn es zu schlimm wird, kann man ja auch in der Oper flüchten. :wink
Unsere Guth-Inszenierung finde ich ganz passabel, aber der Großteil hasst sie. Der Direktor hat aber angekündigt, einen neue machen zu wollen.
Billy
Billy Budd (11.03.2012, 22:55):
Heute Abend habe ich mir den 2. Akt angeschaut. Ich denke, es ist am besten, wenn ich den dritten auf morgen verschiebe.
Was ich gestern an Spas Wenkoff herumgemäkelt habe, kann ich mit der Leistung im zweiten Akt außer Acht lassen. Da steht ein Sänger auf der Bühne, der über ausreichend Durchschlagskraft verfügt (Die "Erbarm Dich mein"-Rufe gelangen sehr gut.) und dazu noch eine ausgezeichnete schauspielerische Leistung bringt (Hervorheben möchte ich die Szene, als er vom Venusberg erzählt und den Schluss des zweiten Aktes.) Jedenfalls freue ich mich schon auf morgen. :leb
Gwyneth Jones gefällt mir als Elisabeth zwar besser, als als Venus aber für sie zu begeistern vermag ich mich nicht. Zu scharf klingt ihr Timbre und zu schrill sind die Höhen.
Hans Sotin bringt eine solide Leistung, was auch von allen anderen Sängern zu sagen ist.
Billy :hello
stiffelio (12.03.2012, 08:37):
Lieber Billy,

freut mich, das du dich im zweiten Akt doch noch mit Spas Wenkoff anfreunden konntest.
Magst du noch etwas speziell zu Frank Mazura als Biterolf sagen? Ich fand seine Interaktion mit Wenkoff im Sängerwettstreit einfach klasse (auch wenn er an einer Stelle zwei Worte des Librettos verschluckt).

VG, stiffelio
Billy Budd (22.03.2012, 19:09):
Gestern hatte ich endlich Gelegenheit, den dritten Akt anzuschauen.
Von Spas Wenkoff war ich diesmal sehr begeistert. Das Timbre gefällt mir mit der Zeit besser, die Stimme wartet mit kraftvollen Höhen und prägnater Artikulation auf. Besonders hervorheben möchte ich seine exzellente schauspielerische Leistung. Besser geht es kaum.
Die restlichen Mitwirkenden gefallen mir gut; ich finde sie aber nicht herausragend. Gwyneth Jones ist eine Elisabeth/Venus mit einem scharfen Timbre, von dem ich nicht recht begeistert bin. Bernd Weikl singt einen guten Wolfram, kann aber nichts dafür, dass ich durch Markus Eiche verdorben bin.
Leider muss ich die DVD schon bald zurückgeben; versichere aber, dass ich sie mir wieder einmal ausleihen werde. Bei einem zweiten Durchlauf kann ich dann auch auf das Dirigat und die von stiffelio im obrigen Beitrag gestellte Frage eingehen.
Billy :hello
stiffelio (22.03.2012, 20:12):
Lieber Billy

Original von Billy Budd
Besonders hervorheben möchte ich seine exzellente schauspielerische Leistung. Besser geht es kaum.

jetzt weisst du, warum ich diese DVD so liebe. :beer
Rein sängerisch kann ich mir durchaus vorstellen, dass Wenkoffs Leistung zu toppen ist (obwohl ich nach wie vor finde, dass seine Stimme sehr gut zu ihm und seiner Gestaltung dieser Rolle passt). Aber schauspielerisch kann ich mir keinen besseren Tannhäuser vorstellen - selbst wenn ein anderer Sänger das Potenzial dafür hat (wie vielleicht Peter Seiffert), er muss auch erstmal so spielen dürfen. Insofern bin ich Götz Friedrich sehr dankbar für das, was er da mit Wenkoff auf die Beine gestellt hat.

Aber was hat Jones mit Eiche zu tun? Oder ist da ein Teil deines Postings verloren gegangen und wolltest du Weikl mit Eiche vergleichen?
Gwyneth Jones ist eine Elisabeth/Venus mit einem scharfen Timbre, dass ich durch Markus Eiche verdorben bin.

VG, stiffelio
Billy Budd (22.03.2012, 20:55):
Liebe stiffelio,
oh, da habe ich doch versehentlich einen Teil meines Beitrags gelöscht. :B
Zum Glück gibt es die Edit-Funktion, die ich gleich verwenden werde.

Von Peter Seiffert habe ich mir ehrlich gesagt mehr erwartet, als er vergangenen Sonntag in der Wiener Staatsoper geboten hat. (Allerdings hat mir ein Freund geschrieben, dass die zweite Vorstellung gut verlief. Am kommenden Sonntag bin ich jedenfalls wieder drinnen.) Wahrscheinlich hat er seinen Zenit doch schon überschritten.

Als sehr guter Tannhäuser-Interpret fiele mir auf die Schnelle Stephen Gould ein.

Billy :hello
Heike (06.05.2012, 00:21):
Am 12.5.12 gibt es bei DRadio Kultur ab 19.05 Uhr eine Aufzeichnung aus der Philharmonie Berlin vom 5.5.2012 zu hören, die ich heute live erleben durfte:

Richard Wagner: "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg"
WWV 70 - Dresdner Fassung

Wagnerzyklus RSB, Marek Janowski
Rundfunkchor Berlin

Tannhäuser - Robert Dean Smith, Tenor
Wolfram von Eschenbach - Christian Gerhaher, Bariton
Landgraf Hermann - Albert Dohmen, Bass
Walter von der Vogelweide - Peter Sonn, Tenor
Biterolf - Wilhelm Schwinghammer, Bass
Heinrich der Schreiber - Michael McCown, Tenor
Reinmar von Zweter - Martin Snell, Bass
Elisabeth - Nina Stemme, Sopran
Venus - Marina Prudenskaja, Sopran
Ein junger Hirt - Bianca Reim, Sopran

Davon mal abgesehen, dass die Dresdner Fassung sicherlich ganz interessant ist, gab es auch einige Sternstunden in dieser Aufführung heute. Wolfram alias Ch. Gerhaher hat nicht nur damals den mittelalterlichen Sängerkrieg auf Wartburg gewonnen, sondern auch heute in der Sängerriege absolut die Nase vorn gehabt. Zum Niederknien schön gesungen, der kann auch in diesem Riesensaal so mühelos und natürlich singen, das berührte mich sehr. Allein dafür lohnt sich das Anhören schon.

Smith, der für Kerl einsprang, war als Tannhäuser ok, hatte v.a. und nicht nur im zweiten Akt sichtliche Probleme. Prudenskaja als Venus sang nett, aber irgendwas, was nur mit Mühe als deutsch zu erkennen war. Zudem war sie total nervös. Besser war Nina Stemme als Elisabeth, wenn mir auch ihre Stimme für die Rolle fast zu schwer ist. Dohmen machte es heute erstaunlich gut.

Das Orchester hatte über weite Passagen ganz wunderbare Klänge, aber auch einige Wackler drin (gleich am Anfang, auch die Bläser im 3. Akt). Der Rundfunkchor war wie immer Spitze und fesselte mich vor allem mit dem gespenstischen pianissimo.
Heike

P.s
in der DOB gbt es diesen Dez. auch einen Tannhäuser mit Gerhaher als Wolfram, dazu Seiffert als Tannhäuser, in der (meiner Meinung nach recht guten Harms-Inszenierung), also da lohnt sich sicher auch das Hingehen!
Heike (22.06.2012, 16:59):
Einen schönen Tannhäuser mit einer interessanten halbszenischen Inszenierung habe ich Dienstag in Budapest gesehen:

19 June 2012,MüPa, Bartók Béla National Concert Hall
Hungarian Radio Symphony Orchestra and Choir (chorus master: Máté Szabó Sipos)
Conductor: Ádám Fischer
Directed by: Matthias Oldag

Hermann: Gábor Bretz
Tannhäuser: Robert Dean Smith
Wolfram von Eschenbach: Lauri Vasar
Walter von der Vogelweide: Tibor Szappanos
Biterolf: Tamás Szüle
Henrik: Tivadar Kiss
Reinmar: Krisztián Cser
Elisabeth: Petra Maria Schnitzer
Venus: Elena Zhidkova

Oldag verlegt das Geschehen in ein Fernsehstudio bzw. in die Welt der multimedialen Events. Zu Beginn sieht man Venus und Tannhäuser auf einem roten Doppelbett, in einem durch Metallrahmen eingefassten Studio, vor einer Kamera, welche die Szene direkt auf eine halbdurchsichtige Leinwand vor dem Paar projeziert. Das hat was, man will rein (oder raus genau wie Tannhäuser), die Fernsehwelt ist nur halbreal, sie vermischt sich mit der dahinterliegenden Wirklichkeit, die man aber nur verschwommen oder durch die Leinwand vermittelt sehen kann. Das fand ich ziemlich genial.
Mit der Leinwand wird weiter gespielt, sie wird teilweise abgerissen (Tannhäuser will raus), man sieht dahinter dann das klare Bild. Die Leinwand dient später z.B. auch (von Wolfram auf das rote Bett gelegt) als weißes Laken. Oder es wird auf sie manchmal sowas wie Sendeschluss-Flimmern projeziert. Ich fand das richtig gut. Nur Venus war mir leider nicht erotisch genug gekleidet, vielleicht mochte man das dem eher konservativen Budapester Publikum nicht zumuten? An der Figur der Sängerin kann es jedenfalls nicht gelegen haben, die war top.
Der Sängerkrieg ist dann nicht unähnlich zu DSDS inszeniert, mit dem Chor als live- Publikum, mit Platzanweiserinnen und Fangrüppchen. Im dritten Akt wird das Ganze dann auf die Spitze getrieben, der gescheiterte Star Tannhäuser wird als drogensüchtig gezeigt, während Elisabeth im weißen Hemdchen zwischen Särgen sich mit Tabletten vergiftet (wobei ich die Aufreihungen der Särge im Konzept dieser Inszenierung nicht wirklich verstanden habe). Insgesamt aber mit den Mitteln der Konzertbühne war das doch eine gelungene Inszenierung, die auch Wolframs Rolle als erotisch blasser, aber herzensguter Mensch mit vielen kleinen Details schön rausarbeitete.

Auch musikalisch musste sich diese Aufführung nicht verstecken. Zwar ist gerade der Tannhäuser mit Robert Dean Smith (den ich vor kurzem erst in Berlin sah) nicht so ganz nach meinem Geschmack besetzt, aber Petra Maria Schnitzer gefiel mir als Elisabeth weit besser als erwartet; vor allem sang sie im dritten Akt ihr Solo zum Atemanhalten schön. So stelle ich mir die Elisabeth vor, klar, eher undramatisch, feinfühlig. Elena Zhidkova als Venus konnte da nicht ganz mithalten, dafür sah sie schön aus. Gut waren hingegen die Männer, allen voran Gábor Bretz als sehr ausdrucksstarker Landgraf und Lauri Vasar mit einem sehr schön klingenden Bariton.

Nein, der MANN des Abends war wiedereinmal Àdam Fischer. Tolle Orchesterleistung, wunderbar farbenreich differenziert, ohne je grob in das Gegensatz-Schwarz-Weiß zu greifen. Lebendig und lustvoll als auch hymnisch und lyrisch hat er berührend den richtigen Ton getroffen. Das Orchester kann mit untadeligen Bläsern und einem feinen Streicherklang aufwarten.
Heike
Amonasro (08.08.2013, 00:03):
Hallo,

kann mir jemand sagen, ob jene Einspielung:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/81S7%2BKRw16L._SL1452_.jpg

gleich dieser ist:

http://www.musicline.de/cover/WINDGASSEN%A5SAWALLISCH%A5OBF_TANNH%25c4USER+(GA)_28943460729.jpg

Die von Phillips scheint es nicht mehr zu geben oder zumindest deutlich teurer als die obere, bei der die selben Sänger mitwirken. Nur Grace Bumbry steht nicht auf dem Cover. Als Venus müsste sie doch eigentlich genannt sein. Oder singt Silja bei der oberen beide Frauenrollen?

Ich würde auch gerne wissen, was es mit Sawallischs "Mischfassung" auf sich hat, also welche Teile von welcher Fassung übernommen wurden?

Gruß Amonasro :hello

Nachtrag: Ich sehe gerade, dass es auch noch eine Version von 1961 mit ähnlicher Besetzung gibt:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41gmIHp6OYL.jpg

Was ist von dieser zu halten?
Amadé (08.08.2013, 10:43):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/81S7%2BKRw16L._SL1452_.jpg

diese Veröffentlichung scheint mit der Philips-Box identisch zu sein. Sawallisch eilt mir aber zu sehr durch die Partitur, für mich ist sie keinesfalls erste Wal.

Gruß Amadé
Amonasro (08.08.2013, 11:13):
Danke, kennst du zufällig auch die MYTO-Aufnahme?

Gruß Amonasro
palestrina (08.08.2013, 18:09):
Hallo Amonasro ,
also mir gefällt die Sawallisch GA schon sehr gut, aber w.o. erwähnt von Amadé ist sie nicht
erste Wahl , allerdings was die Sänger angeht schon . Anja Silja ist eine sehr gute Elisabeth
und die Venus singt Grace Bumbry, bekannt als "Schwarze Venus" :down, ihr Debüt 1 Jahr zuvor ,
das ist die MYTHO CD aber der Sound ist miserabel !
Die GA mit Sawallisch in der obigen von dir eingestellten CD Ausgabe ist ebenfalls Soundmäßig
nicht sehr gut , habe es vor einem halben Jahre bei einem Freund gehört , die sind seltsam Überspielt !
Wenn schon dann das Original !
Ich würde als erste Wahl empfehlen die Soli Aufnahme oder die Orfeo Aufnahme mit Cluytens !

LG palestrina
palestrina (08.08.2013, 18:17):
Hier die beiden Cover !

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41YADSSR87L._SY300_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/31gh%2BNyrB0L._SL500_SY200_.jpg

LG palestrina
Amonasro (08.08.2013, 22:13):
Meinst du mit dem "Original" die Philips-Ausgabe? Die habe ich nämlich nur gebraucht gefunden und trotzdem noch recht teuer.

Wie ist denn die Cluytens-Aufnahme klanglich? Welche Version wird gespielt? Dresdner-, Pariser- oder eine Mischfassung?

Sawallisch und Cluytens scheinen mir von den Sängern her eher zuzusagen als Solti.

Und Danke für die Bemühungen um jemanden, der den ganzen Wagner erst noch entdecken muss. :thanks

Gruß Amonasro
stiffelio (05.07.2014, 19:47):
Hallo Ihr Lieben,

hat eigentlich jemand den Tannhäuser der Staatsoper Berlin aus der aktuellen Spielzeit erlebt? Er war eine Zeitlang auch auf YT zu finden, aktuell allerdings nur noch in Ausschnitten.

Tannhäuser - Peter Seiffert
Wolfram von Eschenbach - Peter Mattei
Venus - Marina Prudenskaya
Elisabeth - Ann Petersen
Hermann, Landgraf von Thüringen - René Pape
Walther von der Vogelweide - Peter Sonn
Biterolf - Tobias Schabel
Heinrich der Schreiber - Jürgen Sacher
Reinmar von Zweter- Jan Martiník
Ein junger Hirt - Sónia Grané
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Regie: Sasha Waltz

Musikalisch war das ein ganz wunderbares Erlebnis. Seiffert sang die Titelrolle grandios, wenn man sein Alter in Rechnung stellt, doppelt bemerkenswert. Mattei war eine reine Sternstunde! Pape hatte hat mir als Gurnemanz an der MET besser gefallen, war aber immer noch sehr gut. Prudenskaya fand ich als Venus auch gut, nur mit Petersen als Elisabeth war ich nicht 100%ig glücklich.
Da auch die prinzipiellen darstellerischen Fähigkeiten insbesondere von Seiffert und Mattei über jeden Zweifel erhaben sind, hätte diese Aufführung eigentlich alle Voraussetzungen gehabt, für mich ein neuer Jahrhundert-Tannhäuser zu werden - wenn, ja wenn die Regie nicht gewesen werden. Sie wurde in einem anderen Forum leider sehr treffend mit dem Stichwort "Tanzterrorismus" beschrieben, dem ich nichts weiter hinzuzufügen brauche.
Ewig schade, denn so wird diese Aufführung eine der ganz wenigen bleiben, deren Genuß ich wohl auf die Tonspur beschränken werde.

VG, stiffelio
Billy Budd (05.07.2014, 21:25):
Liebe stiffelio!
Nein, diesen Tannhäuser habe ich nicht gehört, aber auf Deinen Beitrag hin habe ich mir die Youtube-Ausschnitte angehört (viele sinds nicht, wenn ich keine übersehen habe):
Seiffert muß da einen sehr guten Tag gehabt haben, mir gefällt er auch ausgezeichnet ( :leb ), auch Mattei ist hervorragend (der ist eh ein wunderbarer Sänger), und die Venus, die ich gar nicht kannte, finde ich sehr gut. :)
Die Regie find ich bis jetzt nicht bemerkenswert, aber das Wenige, was ich gesehen habe, reicht für keine Beurteilung.
Irgendwann wirds irgendwo schon noch auftauchen. :)
Billy :hello
stiffelio (05.07.2014, 22:12):
Lieber Billy,

die Szenen aus dem 3. Akt mit Mattei gehören zu den wenigen, in denen Sasha Waltz den Sängern ein wenig Ruhe auf der Bühne gönnt. Ganz schlimm ist es im zweiten Teil des 1. Aktes und des 2. Aktes, aber auch beim Pilgerchor im 3. Akt, wo das ständige Gehopse mich fürchterlich abgelenkt hat, ohne dass sein Sinn sich mir erschlossen hätte (im Venusberg passt es wenigstens noch einigermaßen, obwohl auch da weniger mehr gewesen wäre).

Dadurch, dass Mattei so absolut überwältigend gesungen und gespielt hat, ergab sich eine kleine Schieflage in seinem Verhältnis zu Elisabeth. DIESEM Wolfram wäre ich bei seinem ersten Pieps in die Arme geeilt :wink.

VG, stiffelio
hans-jürgen (16.08.2014, 09:57):
Moin, der Live-Stream der Tannhäuser-Inszenierung vom 12.8.2014 aus Bayreuth ist in der BR-Mediathek verfügbar:

http://www.br.de/radio/br-klassik/webconcert/eventlivestream-br-klassik-20140812-bayreuther-festspiele-tannhaeuser-100.html

Wahrscheinlich nur noch bis zum 19.8. wegen der gesetzlichen Beschränkung auf sieben Tage.

Heute abend ab 18:05 Uhr gibt es übrigens eine Radio-Übertragung der "Götterdämmerung" von Frank Castorf aus Bayreuth, auch als Stream im Internet:

http://www.br.de/radio/br-klassik/themen/bayreuther-festspiele-richard-wagner100.html

Eine TV-Übertragung bzw. Aufzeichung der Ring-Inszenierung von Frank Castorf hat es bisher noch nicht gegeben, soweit ich weiß.
stiffelio (16.08.2014, 22:02):
Original von hans-jürgen
Moin, der Live-Stream der Tannhäuser-Inszenierung vom 12.8.2014 aus Bayreuth ist in der BR-Mediathek verfügbar:

http://www.br.de/radio/br-klassik/webconcert/eventlivestream-br-klassik-20140812-bayreuther-festspiele-tannhaeuser-100.html


Hallo Hans-Jürgen,

vielen Dank für den Link, ich habe mir die Aufzeichnung heute abend angesehen. Die Stimmen fand ich durch alle Hauptrollen hindurch excellent (wenn auch Tannhäuser und Wolfram nicht ganz so faszinierund wie an der BSO, obwohl das unfair gegenüber Kerl und Eiche ist, denn sie waren wirklich sehr gut und gehörten zu den Besten im Team, übrigens auch darstellerisch. Dafür war das Niveau gleichmäßiger als an der BSO, denn auch Nylund als Elisabeth fand ich sehr gut.) Der Bayreuth-Klang und der Chor war auch ganz toll.
Die Inszenierung in der Biogas-Fabrik gefiel mir zu Anfang sogar besser, als ich vermutet hätte. Der Gegensatz "Schwelgerei-Schufterei" war ein interessanter Ansatz. Spätestens ab dem Ende des Sängerwettstreits blieb ich aber zunehmend ratlos zurück, da passte dann ganz viel für mich nicht mehr zusammen. Nur als kleines Beispiel: wieso die Bilder zu Elisabeths stillem Gebet zu Anfang des 3. Aktes mikroskopisch eine Zeugung zeigen - das würde doch eher zu der schwangeren Venus passen. Was Elisabeth nun eigentlich darstellen sollte, blieb für mich auch ungelöst. Ebenso, wo Wolfram nun eigentlich steht.
Aber wie gesagt: die Musik war spitze! und die Inszenierung zumindest nicht langweilig :beer

VG, stiffelio
hans-jürgen (17.08.2014, 10:15):
Hallo stiffelio, es freut mich, daß mein Tip wenigstens für einen nützlich war - anscheinend können die österreichischen User diese Aufzeichnung nicht sehen, da die BR-Mediathek sie nur innerhalb Deutschlands zur Verfügung stellt. Oder aber man müsste sich extra dafür über einen Proxyserver eine deutsche IP besorgen, was kompliziert und umständlich ist.

Ich hatte selber noch keine Gelegenheit, die fünf Stunden anzugucken und nur den Anfang gesehen. Beim Googlen fand ich aber die Information, daß diese Inszenierung vorzeitig aus dem Programm genommen werden soll wegen der teilweise harschen Kritik. Deshalb dachte ich, daß man sie vielleicht vorher noch mal sehen sollte. :wink Außerdem finde ich den eingefangenen Klang der Bayreuth-Opern immer wieder faszinierend, das macht der Bayerische Rundfunk wirklich sehr gut.

Generell gab es in letzter Zeit ja u.a. Kritik am Niveau der verpflichteten Sänger in Bayreuth, ich weiß allerdings nicht, ob es sich auch auf den Tannhäuser bezog.
stiffelio (17.08.2014, 12:51):
Hallo Hans-Jürgen, zum Glück sind es "nur" 3 h 11 min (ohne Schlussapplaus) :wink, wahrscheinlich, weil die Pausen für die Mediathek herausgeschnitten wurden.
VG, stiffelio
Billy Budd (17.08.2014, 14:58):
Original von hans-jürgen
Generell gab es in letzter Zeit ja u.a. Kritik am Niveau der verpflichteten Sänger in Bayreuth, ich weiß allerdings nicht, ob es sich auch auf den Tannhäuser bezog.
Servus, ich denke, daß sich diese Kritik nicht auf den ziemlich gut besetzten Tannhäuser bezieht, sondern eher auf die Regiearbeiten und gewisse Besetzungen wie Lance Ryan als Siegfried ...
Danke übrigens für den Link, aber ich kanns, weil ich in Österreich bin, nicht anschauen.
Billy :hello
Zefira (17.08.2014, 15:37):
Weiß jemand, wie lange dieser Stream zur Verfügung steht? Ich bin nämlich ab übermorgen eine Weile nicht daheim.

Grüße von Zefira
stiffelio (17.08.2014, 17:23):
Hallo Zefira, siehe oben
Original von hans-jürgen
Wahrscheinlich nur noch bis zum 19.8. wegen der gesetzlichen Beschränkung auf sieben Tage.
VG, stiffelio
Zefira (17.08.2014, 17:25):
Oh schade. Danke!
stiffelio (17.08.2014, 18:13):
bis übermorgen sind's doch noch zwei Abende :wink
hans-jürgen (17.08.2014, 18:27):
Original von Zefira
Weiß jemand, wie lange dieser Stream zur Verfügung steht? Ich bin nämlich ab übermorgen eine Weile nicht daheim.
Wie gesagt gibt es die generelle Regelung, daß nur sieben Tage für Eigenproduktionen erlaubt sind, ich bin aber nicht sicher, ob es dabei vielleicht Ausnahmen gibt für kulturelle Ereignisse usw. Möglicherweise kann man die Aufzeichnung inzwischen auch auf YouTube finden.

Hier noch ein paar Artikel zum Tannhäuser bzw. zu Bayreuth 2014 allgemein:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/festspiele/bayreuther-festspiele-fluechtig-ist-das-wagnerglueck-13067549.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/festspiele/tannhaeuser-in-bayreuth-kaulquappen-und-eine-schwangere-venus-11108034.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wagner-festspiele-2014-unfrohe-botschaften-aus-bayreuth-13065092.html

http://www.deutschlandradiokultur.de/festspiele-mittelmass-ist-fuer-bayreuth-toedlich.2159.de.html?dram:article_id=292821

http://www.deutschlandradiokultur.de/bayreuther-festspiele-wer-castorf-engagiert-kriegt-auch.1013.de.html?dram:article_id=293153

http://www.deutschlandradiokultur.de/bayreuther-festspiele-verballhornung-des-publikums.1008.de.html?dram:article_id=292687
stiffelio (17.08.2014, 20:32):
Original von hans-jürgen
Möglicherweise kann man die Aufzeichnung inzwischen auch auf YouTube finden.
Leider bis jetzt nur das Dich, teure Halle, grüß ich wieder von Elisabeth, wenn ich nichts übersehen habe. Aber ich bleibe dran...

VG, stiffelio
Zefira (18.08.2014, 00:00):
bis übermorgen sind's doch noch zwei Abende

... heute war Töchterbesuch, da wird nicht gekuckt, und morgen werde ich kaum dazu kommen. Ich zieh mir erst mal die Romerzählung rein, die habe ich dann wenigstens gesehen. :cool
hans-jürgen (18.08.2014, 07:55):
Anscheinend kann von dieser 7-Tage-Regel auch abgewichen werden, also vielleicht hast Du Glück, und die Aufzeichnung ist noch in der Mediathek, wenn Du wiederkommst. Interessant ist dort die Hilfeseite, wo erwähnt ist, daß bei Sendungen, die nach sieben Tagen gelöscht werden, dies auch extra auf der Mediathek-Seite vermerkt wird - und so ein Vermerk findet sich dort nicht. :)

Wer sich für das Thema "Verweildauer von Videos in Mediatheken" näher interessiert, kann sich auch bei folgenden Links schlau machen:

http://www.daserste.de/service/kontakt-und-service/verweildauer-100.html

http://www.br.de/unternehmen/inhalt/rundfunkrat/telemedienkonzept-br100.html
stiffelio (25.08.2014, 21:37):
Lieber Billy,

der Barenboim-Tannhäuser ist wieder da! Kommentare sind willkommen (natürlich auch von allen anderen) :wink.
"https://www.youtube.com/watch?v=M1h1G2R4hpE"

VG, stiffelio
Billy Budd (25.08.2014, 23:36):
Vielen Dank für den Hinweis! :thanks :)
stiffelio (05.01.2015, 18:15):
Durch eine weitere Tannhäuser-Aufzeichnung aus Berlin 1982, die sich nach meinem Eindruck in einigen Punkten an die Bayreuth-DVD 1978 anlehnt, meine ich, ein Inszenierungsdetail aus Bayreuth entschlüsselt zu haben, über das ich lange gerätselt hatte:
Die Bretter des Bühnenbodens in Bayreuth sind so angeordnet, dass sie ein Dreieck umschließen. Das war eine so ungewöhnliche Anordnung (obwohl relativ dezent), dass ich dahinter immer einen Sinn vermutet hatte, aber über das Dreieck Venus - Tannhäuser - Elisabeth kamen meine Denkansätze nie hinaus und befriedigt hatte mich dieser Deutungsversuch nie.
In Berlin ist nun bei den Szenen im Freien (also am Ende des 1. Aktes und im 3. Akt) über dem hügeligen Landschaftsbild ein "Auge Gottes" mit Strahlenkranz zu sehen. Da das "Auge Gottes" oft innerhalb eines Dreiecks dargestellt wird, hatte ich sofort den Gedankenblitz, dass auch mit dem Bretterdreieck in Bayreuth ein "Auge Gottes", oder allgemeiner "Auge der Vorsehung" gemeint ist. Jedenfalls befriedigt mich diese Deutung mehr als alle früheren Gedanken. Und es ist ein gutes Gefühl, dass diese Vorsehung in Bayreuth (im Gegensatz zu Berlin) auch im Venusberg präsent ist...
Oder kennt jemand eine noch überzeugendere Deutung dieses Dreiecks?

VG, stiffelio
Rotkäppchen (05.01.2015, 22:23):
Oder kennt jemand eine noch überzeugendere Deutung dieses Dreiecks?
Überzeugender vielleicht nicht, aber so ein Dreieck kann ja als Symbol ziemlich vieles bedeuten, z. B. für diverse Dreifaltigkeiten stehen, nicht nur die christliche (die beim Tannhäuser wohl eher nicht so gut passt, oder doch?) sondern auch so etwas wie Körper/Geist/Seele, Himmel/Erde/Mensch, Vater/Mutter/Kind. Oder das Dreieck steht für die Überwindung krass gegensätzlicher Prinzipien, wie Ordnung und Chaos, die in Harmonie münden und ähnliche. Da lassen sich m. E. schon einige Parallelen zum Tannhäuser finden, der ja im Grunde auch ein Grenzgänger zwischen (zwei) verschiedenen Welten ist und eine Auflösung bzw. Harmonisierung sucht.

LG, Rk
stiffelio (05.01.2015, 22:35):
Original von Rotkäppchen
das Dreieck steht für die Überwindung krass gegensätzlicher Prinzipien, wie Ordnung und Chaos, die in Harmonie münden und ähnliche. Da lassen sich m. E. schon einige Parallelen zum Tannhäuser finden, der ja im Grunde auch ein Grenzgänger zwischen (zwei) verschiedenen Welten ist und eine Auflösung bzw. Harmonisierung sucht.

Jaaa, ich gebe zu, das gefällt mir auch sehr gut! :beer

VG, stiffelio