Richard Wagners Lohengrin

Travi (19.03.2008, 11:26):
Zu diesem Beitrag inspirierte mich Nordolfs Überblicksartikel zu Wagners Ring, der letzte Woche hier im Forum erschien. Außerdem habe ich ein gewisses Interesse an diesem Komponisten, da seine Musik zu den Einflüssen auf den von mir sehr geschätzten Korngold gerechnet wird (über Korngold habe ich bereits anlässlich seines Todestages geschrieben). Ich hatte Wagner noch nie bewusst gehört, aber - wie sollte es anders sein - jede Menge gesunde Vorurteile. Inzwischen habe ich mich ein wenig mit Lohengrin beschäftigt (weil gerade griffbereit) und mit Tristan und Isolde (weil... nun ja...), und ich muss sagen, es hat richtig Spaß gemacht.

Nun also zu

Lohengrin

Romantische Oper in drei Akten
Libretto: Richard Wagner

Lohengrin: Jess Thomas (Tenor)
Elsa von Brabant: Elisabeth Grümmer (Sopran)
Ortrud: Christa Ludwig (Mezzosopran)
Friedrich von Telramund: Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton)
König Heinrich der Vogler: Gottlob Frick (Bass)
Der Heerrufer des Königs: Otto Wiener (Bariton)

Chor der Wiener Staatsoper, geleitet von Richard Rossmeyer.
Wiener Philharmoniker, dirigiert von Rudolf Kempe.

Aufgenommen 23.-30.11. und 1.-5.12.1962 und 1.-3.04.1963 im Theater an der Wien.

Great Recordings of the Century (EMI 2000).


Lohengrin gilt als eines der frühen Meisterwerke, die in den 1840er Jahren entstanden: noch Oper, noch nicht ganz Musikdrama. Obwohl es heißt, es sei sozusagen im Handumdrehn entstanden, hat es doch von der ersten Idee bis zur Uraufführung ein paar Jahre gedauert. Inspiriert von dem altdeutschen Versepos gleichen Namens, begann Wagner 1845 mit dem Libretto; das war noch vor der Premiere des vorhergegangenen Tannhäuser. Zwar hatte ihm der Arzt Ruhe verordnet, aber er konnte es wohl nicht lassen, und eine erste Skizze entstand noch im selben Jahr, das Libretto in den folgenden Monaten und die Musik in den folgenden zwei Jahren, bis zum Frühjahr 1848. Danach dauerte es noch einmal zwei Jahre, bis die Oper am 28. August 1850 in Weimar zum ersten Mal aufgeführt werden konnte. Liszt dirigierte - ohne Wagners Beisein allerdings, der sich zu dem Zeitpunkt als politischer Flüchtling in der Schweiz aufhielt. Erst 1861 sollte er eine Aufführung seines Werks erleben.

Obwohl die Oper zunächst bei der Kritik durchfiel - u.a. hieß es, der Komponist habe sich mit dem "Lärm" als "durch und durch unmusikalisch" entlarvt (komisch, das kommt mir irgendwie bekannt vor) - wurde sie in den nächsten zehn Jahren immer wieder aufgeführt und galt schließlich, zu einem Zeitpunkt, zu dem Wagner sich bereits weiterentwickelt hatte, als höchste Vollendung der deutschen romantischen Oper. Bis 1914 soll sie weltweit ein Lieblingswerk des Opernpublikums geblieben sein.

Ich betrachte das Werk als fantastisches Märchen. Von entsprechend geringer Bedeutung ist die - ahistorisch zusammengewürfelte - Geschichte, vor deren Hintergrund die Handlung spielt, und es gibt viel Eindimensionales und viel Unglaubwürdiges, das in der Musik mit Schwung in Szene gesetzt wird. Da haben wir bei den Figuren vor allem die Lichtgestalt des unbekannten Retters Lohengrin, der, einem deus ex machina gleich, die Reine, Unschuldige, Gute in Gestalt der Elsa vor der Bestrafung durch das Gericht bewahrt, da ist die Böse in Gestalt der Ortrud, Elsas furchtbare Gegenspielerin, die nur Schlimmes im Schilde führt, wie die böse Fee bei Dornröschen oder wie eine germanische Rachegöttin; da ist Ortruds Mann, der sich von seiner Frau und deren Machtgelüsten gern verführen lässt. Als Märchenmotiv kommt hinzu der Schwan, der nicht nur den Kahn zieht, in dem Lohengrin ankommt, sondern der auch noch eigentlich Elsas Bruder Gottfried ist, der in diesen verzaubert wurde (und den sie angeblich getötet haben sollte). Am Ende wird er wieder in einen Menschen zurückverwandelt, aber, und nun sind wir beim Hauptstrang der Handlung, es geht nicht gut aus für das Liebespaar Elsa und Lohengrin. Die Tragödie ist vorprogrammiert seit dem 1. Akt, seit dem ersten Mal, an dem von dem Tabu die Rede ist, das unter keinen Umständen gebrochen werden darf: Die Frau muss schweigen, sie darf den Mann nicht nach seiner Identität, nicht nach seinem Namen fragen, und da sie aber, als sie von Ortrud fast in den Wahnsinn getrieben wird, fragen muss, wird das persönliche Glück des Paares zerstört und die politische Sicherheit des Reichs wieder in Frage gestellt. Elsa stirbt vor Schmerz und Lohengrin, der Protektor, der seine Kraft nur in der Anonymität wahren kann, muss sich zurückziehen. Im Beiheft ist von einer Vielfalt unmöglicher Beziehungen die Rede, die als Inspiration gedient haben mögen, z.B. Orpheus und Eurydike oder Cupido und Psyche oder, von Wagner selbst angeführt, Semele und Zeus.

Das Märchen Lohengrin wurde von Wagner teils unglaublich lyrisch und teils unglaublich dramatisch gestaltet. Das wunderschöne, berühmte Vorspiel zum 1. Akt dauert über acht Minuten und gibt der Zuhörerschaft genügend Zeit, sich in eine übernatürlich wirkende Atmosphäre buchstäblich entrücken zu lassen. Laut Beiheft vollständig auf dem Motiv des Heiligen Grals beruhend, verwendet es bereits die Wagnersche Leitmotivtechnik. Das ebenso berühmte Vorspiel zum 3. Akt lässt in der Musik orchestral die Hochzeitsfeierlichkeiten erstehen. Die Elsa von Elisabeth Grümmer wird in einzelnen Partien ungeheuer anrührend gesungen, aber wenn sie, wie oben erwähnt, kurz davor ist, die Nerven zu verlieren, dann erhält ihre Stimme fast einen Anflug von Härte und Schärfe, so wie die von Christa Ludwigs Ortrud. Ich muss gestehen, dass es mir stellenweise schwerfiel, die beiden Stimmen - obwohl mit Sopran und Mezzosopran unterschiedlich besetzt - auseinanderzuhalten; eine innere Logik hätte es für mich sogar. Ich war überrascht, etliche "Ohrwürmer" zu hören (nicht nur die oben genannten Stücke, sondern auch z.B. das Liebesduett und das Brautlied aus dem 3. Akt und Lohengrins "In fernem Land") - wieviele Menschen mögen Wagner "kennen", ohne ihn je bewusst gehört zu haben?

Leider hatte ich bisher nicht die Zeit, um Lohengrin wenigstens ein zweites Mal ganz zu hören, aber ein tolles Hörerlebnis war es auch so, das muss ich schon sagen, und obendrein eines, das ich überhaupt nicht erwartet hätte. Ich würde gern auch noch über Tristan und Isolde berichten, aber für heute war's das wohl erstmal. Obwohl es in diesem Forum nicht annähernd soviele Wagnerfans gibt, wie ich angesichts der Bedeutung dieses Komponisten gedacht hätte, haben sicher viele von Euch diese oder andere Aufnahmen von Lohengrin gehört, und Eure Eindrücke und Empfehlungen würden mich sehr interessieren.

Gruß,
Travi :)
Mime (19.03.2008, 12:03):
Eine mir liebgewordene Lohengrin-Aufnahme ist diese:

Maud Cunitz (Elsa), Margarethe Klose (Ortrud), Rudolf Schock (Lohengrin), Josef Metternich (Telramund), Gottlob Frick (König Heinrich), Horst Günther (Heerrufer)

Chor des NDR Hamburg
Orchester des NWDR

Dir.: Wilhelm Schüchter

Electrola-Aufnahme von 1953

:down
Nordolf (21.03.2008, 17:02):
Hallo Travi!

Danke für Deinen schönen Einführungstext! :thanks

Ich will dann noch ein paar Anmerkungen machen:

1. Ganz so ahistorisch ist der "Lohengrin" nicht, auch wenn Wagner natürlich für die dramatischen Erfordernisse seiner Oper einige Erfindungen machte. Der Lohengrin gehört nicht in den Bereich der Märchen, sondern der Sagen. Das "Phantastische" verbindet sich mit einem "realen" historischen Hintergrund.
Eine der wichtigen Figuren der Oper ist König Heinrich I., genannt der Vogler, der von ca. 876 - 936 lebte. Er war König der Franken und Sachsen. Seine größte Bedeutung lag darin, das er die deutschen Herzögtümer gegen die Einfälle der Ungarn vereinigte. Wagner bezog sich darauf, wenn er im 3. Akt Lohengrin ein Heer aufstellen lässt, das im Gefolge Heinrichs die Ungarn bekämpfen soll.
Auch der ganze erste Akt mit der Darstellung des Königsgerichtes bleibt dem damaligen Stand der Forschung verpflichtet - ebenso die "Ureilsschelte" Friedrichs im 2. und die "Klage gegen den toten Mann" im 3. Akt. Für sein Werk studierte er besonders die "Deutschen Weistümer" und die "Deutschen Rechtsaltertümer" von Jacob Grimm, las eine Abhandlung über die Sage von C. T. L. Lucas, befasste sich mit einem Werk zur flandrischen Staats- und Rechtsgeschichte usw. usf. Wir dürfen nicht vergessen, das Wagner auch ein Intellektueller war, der nicht irgendwelche pseudoromantischen Klischees reproduzieren wollte, sondern sich genau und akribisch informierte. Wagner liess gegenüber Cosima sogar verlauten, das er im Lohengrin ein "vollkommenes Bild des Mittelalters" gegeben habe.
Das unmittelbare Vorbild für die Handlung findet sich nicht in erster Linie in den kurzen Erwähnungen Wolframs am Ende seines "Parzival". In den "Deutschen Sagen" der Brüder Grimm stehen drei Texte zur Lohengrin-Geschichte. Die als "Lohengrin zu Brabant" überschriebene Sage war das direkte Vorbild für den Komponisten - von hier aus lassen sich auch die Abweichungen Wagners erkennen: Friedrich wird in der Sage hingerichtet, eine Ortrud gibt es nicht, dafür eine Klever Herzogin, die Elsa zum Brechen ihres Gelübdes verführt, Elsa stirbt am Schluss nicht, sondern trauert ihr Leben lang.

2. Es mag für die Menschen des Frühmittelalters durchaus eine Realität gewesen sein, das ein heiliger Ritter von Gott gesandt unter den Menschen erscheinen konnte. Bei Wagner hat das "Mächenhafte" am Lohengrin eine andere Funktion: - er zeigt das Auseinanderklaffen des Ideals - dessen, was sein sollte -, und den Zuständen der realen Welt. Der Lohengrin enstand ja noch während Wagners revolutionärer Zeit. 1853 schrieb er an seinen Freund Ferdinand Heine in einem Brief: "Das gerade soll nun aber eben das Kolorit meines Lohengrin ausmachen, daß wir hier ein altes deutsches Königtum vor uns sehn, nach seinem schönsten, idealsten Wesen. Hier tut niemand etwas aus bloßer Routine und höfischer Gewohnheit, sondern an jeder Bewegung nehmen die Teilnehmenden unmittelbaren, gefühlvollen Anteil; hier ist kein despotischer Prunk, der seine 'Leibwachen' (Oh! oh!) hat und das Volk zurückdrängen läßt, um 'Spalier' zu bilden für die hohen Herrschaften. Sondern kindische Knaben sind es, die Geleite für eine junge Frau machen, und denen alles mit Freude und ganz von selbst weicht... Sieh meinen Heerrufer an, wie der Kerl singt, als ob ihn alles persönlich anginge...!"
Der Konflikt zwischen Elsa und Lohengrin findet auf dieser Ebene statt. Wagner hat das folgende auch auf sein Künstlertum bezogen. Der überirdische Ritter Lohengrin kann das Recht beanspruchen, um seiner selbst willen geliebt zu werden, ohne das Herkunft und Stand eine Rolle spielen dürfen. In der Alltagswelt aber ist der "Schein" nun mal "Sein". Elsa besteht die Prüfung nicht, zu sehr klebt sie emotional an den gesellschaftlichen Konventionen, ihr fehlt die Stärke sich davon loszureissen. Um es drastisch zu sagen: - in vieler Hinsicht bleibt sie ein "Herdentier". Deswegen finden die Einflüsterungen Ortruds Eingang in ihre Psyche. Allerdings haderte Wagner mit dem daraus resultierenden tragischen Ausgang. Das Edle im Wesen Elsas schien ihm eine solche Strafe nicht zu verdienen. Mehrmals wollte er den Schluss ändern: - es gab eine Variante, in der Lohengrin und Elsa beide zur Buße in eine überirdische Welt entrückt werden. Indem Wagner es aber bei dem Fortziehen von Lohengrin und Elsas Tod beließ, bleibt die volle Schmerzlichkeit und Tragik bestehen: - Ideal und Wirklichkeit sind nicht zur Deckung zu bringen. Ihr Aufeinandertreffen kann gerade zu Tod und Unglück der Edelsten führen.
Es hat dann tatsächlich jemanden gegeben, der das Ideal des Schwanenritters zu leben versuchte. Ich meine natürlich Wagners Mäzen: König Ludwig II. von Bayern. König Ludwig bezeichnete seine Begegnung mit Wagners Lohengrin als die eigentliche Geburtsstunde seines Lebens. Im Speisezimmer des Schlosses Hohenschwangau befanden sich die Lohengrin-Wandgemälde, mit deren Motiven sich der junge Erbprinz früh identifizierte. Diese Ideale haben auch sein Königtum bestimmt. Zum Retter ist er dabei für Wagner selbst geworden, den er von den schlimmsten Alltags- und Geldsorgen erlöste. Das Ideal kollidierte wieder mit der profanen Wirklichkeit - bei Ludwig speziell in Gestalt seines politischen Kabinetts. Letztlich zog sich der König - analog zum Lohengrin - in seine eigene künstlerische Welt zurück, die bestimmt wurde durch Architektur, Raumgestaltung, Sagen und Musik. Und auch der "Mondkönig" endete tragisch.

3. Im "Lohengrin" hat sich Wagner wieder als großartiger Tondichter erwiesen. Noch stehen fast alle Szenen der Oper in einem strikten Zweier- oder Vierertakt, aber mit dem Orchester und den Singstimmen beginnt Wagner wesentlich experimentierfreudiger umzugehen als noch im "Tannhäuser". Als Elsa vor dem Gericht erscheint, ertönen dreistimmige Holzbläsersätze - überhaupt sind die Bläser in der Oper teilweise ungewöhnlich eingesetzt. In der ersten Szene des 2. Aktes verdeutlich Wagner das Bedrohliche, welches von den Racheplänen Friedrichs und Ortruds ausgeht, mit dem sehr freien Einsatz von Baßklarinette und Flöte. Im Lohengrin-Vorspiel wird das Gralsthema nacheinander von Violinen, Holzbläsern, Hörnern und schweren Blechbläsern vorgetragen - umspielt von achtfach geteilten Violinen (vier Soloviolinen und vierfach geteilter Chor der Violinen). Diese Begleitung erzeugt eigene melodischen Linien, die von den Instrumentalisten dann mit individuellem Ausdruck aufgeladen werden können. Wenn Lohengrin abschiednehmend dem Schwan nachblickt, singen aus dem Chor die Alt-und Tenorstimmen unisono. Diese Technik sorgt für eine mystische, leicht verschwommene Klangfarbe.
Die großen Zusammenhänge zwischen den Szenen lagen Wagner besonders am Herzen. Das Vorspiel beginnt in A-Dur und dieses A-Dur kehrt in der Gralserzählung des 3. Aktes wieder. Der erste Akt spannt sich in drei Abschnitten zu einem großen Bogen auf: der 1. endet nach Elsas Traumerzählung mit dem Lohengrin-Motiv in As-Dur, der 2. bei der Ankunft Lohengrins mit demselben Motiv in A-Dur und der 3. schließlich mit diesem Motiv in B-Dur. Jeder Abschluss wird also um einen Ton erhöht, erfährt also eine Steigerung. Auch wenn man es nicht bewußt weiß, hört man diese Zusammenhänge doch und empfindet den Aufzug als Einheit.

Herzliche Grüsse!
Jörg
Solitaire (22.03.2008, 10:53):
Vielen Dank euch beiden für diese Einführung!
Ich kann zum Lohengrin leider nicht viel beitragen, da ich gerade erst anfange, Wagner für mich zu entdecken (auch ich hatte eine ganze Reihe gesunder Vorurteile :D), und nur die paar Stücke kenne, die man nunmal kennt.
Allerdings war Lohengrin die erste Oper die ich jemals gesehen habe: als Kind vor dem Fernseher. Ich kann mich erinnern, daß mich damals zwar noch nicht die Musik, wohl aber das Spektakel als solches schon mit 10 Jahren ungeheuer fasziniert hat: singende Menschen, die in schönen Kostümen (damals spielten Lohengrine noch nicht so häufig in irgendwelchen altdeutschen Klassenzimmern, es war also eine herrlich altmodische Aufführung mit Schwan und Gerichtseiche und allem drum und dran) spannende Geschichten auf die Bühne bringen.

Was mich interessiert: falls ihr ihn kennt, wie ist denn Domingos Lohengrin?
Ich habe von ihm bisher nur die Gralserzählung gehört, und er bringt mich damit regelmäßig zum weinen, so wunderschön finde ich seinen Gesang. Auch wenn man sein Deutsch nicht immer versteht.
manrico (22.03.2008, 11:35):
Hallo Solitaire !

Ja, ich kenne Domingo als Lohengrin, und ich persönlich kann mit seinen Wagner-Interpretationen sehr gut. Dass sein Deutsch nicht so perfekt ist, empfinde ich überhaupt nicht als störend, weder im Lohengrin noch im Tannhäuser oder Parsifal.
Wenn du so willst, kann man sogar eine gewisse dramaturgische Logik darin sehen: Lohengrin ist ein Fremder, daher hat er halt einen gewissen Akzent.
Man hat auch gesagt, dass Thomas Hampson schlechtes russisch im Eugen Onegin singt: sorry, das kann ich nicht beurteilen, ich spreche kein russisch, weiss aber, dass er auf der Bühne ein phantastischer Onegin ist, und auf diese dramturgische Glaubwürdigkeit kommt es für mich an. Die hat Domingo ganz bestimmt. Er gehört für mich zu den Sängern, die das, was sie auf der Bühne leisten, auch auf der vokalen Klangbühne darstellen können.

Mein persönlicher Lieblingslohengrin ist allerdings Sandor Konya. Die Aufnahme unter Cluytens (Bayreuth 1958) kann ich dir nur wärmstens empfehlen.

Fröhliche Ostern


Werner
Solitaire (22.03.2008, 11:48):
Danke für die rasche Antwort!
Ich persönlich finde Domingo ja ohnehin phänomenal und bin nun richtig neugierig auf seinen Schwanenritter. Ohne über Dinge reden zu wollen, von denen ich nicht wirklich Ahnung habe, aber ich glaube, wer nach all den Jahren immer noch so singt, wie er es heute tut, der hat in seinem künstlerischen Leben nicht viel falsch gemacht.

Mich stört der Akzent auch nicht. Zu den Wagneropern mit denen ich mich in Zukunft etwas näher befassen möchte gehört der Lohengrin jedenfalls ebenso wie der Holländer. Also erstmal die romantischen Sachen, ehe ich mich an das ganz harte Zeug wage :D
Bei uns in der Bibliothek gibt es "Tristan und Isolfe" mit Nina Stemme und Domingo. Als kleines Extrabonbon, jedenfalls für mich, singt Villazón den jungen Steuermann. Aber bisher bin ich über die erste halbe Stunde nie hinausgekommen, ist wohl zur Zeit noch ein bißchen heftig für mich...
Das war jetzt etwas OT, sorry.
Nordolf (22.03.2008, 15:05):
Original von Solitaire
Was mich interessiert: falls ihr ihn kennt, wie ist denn Domingos Lohengrin?
Ich habe von ihm bisher nur die Gralserzählung gehört, und er bringt mich damit regelmäßig zum weinen, so wunderschön finde ich seinen Gesang. Auch wenn man sein Deutsch nicht immer versteht.


Hallo Solitaire!

Endlich mal ein Grund, Dich nun auch von meiner Seite im Forum willkommen zu heißen! :)

Ich habe diese Aufnahme die letzten Tage häufig gehört - besonders den 1. Akt:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028947079521.jpg

Lohengrin: Placido Domingo
Elsa: Jessye Norman
Ortrud: Eva Randova
Telramund: Siegmund Nimsgern
König Heinrich: Hans Sotin
Der Heerrufer: Dietrich Fischer-Dieskau
Georg Solti / Wiener Philharmoniker
Walter Hagen-Groll / Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
1985 - 1986

Zuerst: - mir fehlen die Vergleiche. Die oben von Travi erwähnte EMI-Aufnahme unter Kempe gilt im allgemeinen als Referenz. Allerdings soll sie auch stark rauschen. Auf meinem Wunschzettel steht sie ohnehin.

Kritisiert wurden an dieser Solti-Aufnahme häufig die Ortrud der Eva Randova, eine fehlende Dramatik im Dirigat an einigen Stellen und natürlich der Lohengrin Domingos.
Domingos Deutsch ist tatsächlich schlecht artikuliert und mit einem überdeutlichen Akzent versehen. Allerdings passt sein weiches, entrücktes Timbre wunderbar zur Lichtgestalt Lohengrin - das Überirdische des Schwanenritters wird von ihm betont. Ansonsten sehe ich es wie manrico - Lohengrin ist ein Fremdling und der Akzent daher kein Faux pas.

Solti gilt ja - neben Bernstein - als Inbegriff des dramatischen Dirigenten. Und meiner Ansicht nach ist das hier typischer Solti! Vielleicht nimmt er etwas breitere Tempi, aber allein schon die Plastizität des Bläserklangs wird man so schnell auf keiner anderen Einspielung finden. Aber wie gesagt: - mir fehlen die Vergleiche.

Der wahre Star dieser Aufnahme ist jedoch der Chor. Was die Wiener unter der Leitung von Hagen-Groll hier an Ausdrucksfähigkeit leisten, ist schlicht zum :down :down :down

Das Klangbild dürfte höchsten Ansprüchen genügen.

Herzliche Grüsse!
Jörg
Solitaire (22.03.2008, 16:04):
Danke für die Willkommensgrüße und den CD-Tip!
Habe natürlich gleich bei jpc nachgeschaut, ob die es haben. Haben sie, und sie wissen auch was gut ist: 54,- :I
Das ist für mich kein Pappenstil, aber wenn denn mal ein Lohengrin angeschafft wird, wird es wohl der sein. :)
Mal an die Wagnerianer unter uns, wo es gerade um den Akzent geht: Bryn Terfel singt ja auch Wagger, täusche ich ich, oder singt der Mann wirklich ein so unfassbar gutes Deutsch? Hier lsingt im Hintergund nämlich gerade Bryn Terfel Arien von mozart. Zur Zeit "Der Vogelfänger bin ich ja". Ich höre nahezu keinen Akzent. Ist das immer so, oder hatte der bei der Aufnahme einfach nur einen besonders guten Tag? :D
Nordolf (22.03.2008, 16:29):
Original von Solitaire
Danke für die Willkommensgrüße und den CD-Tip!
Habe natürlich gleich bei jpc nachgeschaut, ob die es haben. Haben sie, und sie wissen auch was gut ist: 54,- :I
Das ist für mich kein Pappenstil, aber wenn denn mal ein Lohengrin angeschafft wird, wird es wohl der sein. :)


Schau mal auf den Angeboten unter amazon.de nach:

Marketplace Amazon Lohengrin

Da wird es doch schon preislich erträglicher... Ich habe mir damals gleich bei Zweitausendeins die ganze Opera Collection gekauft, was aber kaum eine Alternative für Dich sein dürfte. Für Wagner- und Solti-Fans, die sowieso alle Solti-Einspielungen habe wollen, ist dieser Anbieter wohl der günstigste. Dort gibt es den Solti-Lohengrin auch einzeln preiswerter:

Zweitausendeins Lohengrin

:hello
Jörg
Solitaire (22.03.2008, 16:32):
Sieh mal einer an!
Nochmal danke !!!
Heike (24.07.2010, 15:39):
morgen Sonntag 25.7.10 im Radio:
l i v e aus Bayreuth - Bayreuther Festspiele - Eröffnung
15.57 Uhr BR; rbb kulturradio und weitere dritte Programme

Lohengrin - Von Richard Wagner

Lohengrin: Jonas Kaufmann
Heinrich der Vogler: Georg Zeppenfeld
Elsa von Brabant: Annette Dasch
Friedrich von Telramund: Lucio Gallo
Ortrud: Evelyn Herlitzius
Der Heerrufer des Königs: Samuel Youn
1. Edler: Stefan Heibach
2. Edler: Willem van der Heyden
3. Edler: Rainer Zaun
4. Edler: Christian Tschelebiew

Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Andris Nelson
Neuinszenierung von Hans Neuenfels
Rideamus (24.07.2010, 16:30):
Laut einem anderen Forum wurde Lucio Gallo zwischenzeitlich durch Hans-Joachim Ketelsen ersetzt.

:hello Rideamus
nikolaus (26.07.2010, 18:53):
Hat denn jemand außer mir den Lohengrin gehört?

Mich interessieren die Meinungen über die musikalischen Leistungen!

Nikolaus :thanks
Heike (26.07.2010, 19:21):
Hallo Nikolaus,
ich habe nur den ersten Akt und Teile vom Rest gehört, das fand ich durchwachsen.

Am besten gefiel mir: Nelsons - lebendig, dynamisch, spannend, präzise vor allem in den Übergängen. Tolles Debüt.

Lohengrin (Kaufmann) war gewohnt souverän, aber ich mag seine Stimme nicht so hunderprozentig gern. Für Lohengrin ist sie mir vielleicht auch zu tief.
Elsa (Dasch) fand ich nicht so überragend, irgendwie ein wenig langweilig, nicht genug Herz. Vielleicht zu konzentriert im Debüt? Nicht gerade schlecht, aber auch nichts besonderes.
Heinrich (Zeppenfeld) hat mir sehr gut gefallen, sehr ausdrucksvoll.
Ortrud (Herlitzius) - naja - sie nuancierte fast gar nicht, war fast immer zu expressiv, hat mir nicht so gefallen. Vor allem mag ich nicht so viel Vibrato.
Friedrich (Ketelsen) das war ja eher Sprechgesang, hat mich etwas irritiert. Aber der ist ja eingesprungen, also da bin ich nicht so streng.

Insgesamt nicht schlecht, aber es hat mich nicht so begeistert, dass ich konzentriert weiter zuhören wollte.

Wie fandest du es?
Heike
nikolaus (26.07.2010, 19:45):
Ich habe bis auf eine kleine Unterbrechung im zweiten Akt alles gehört.

Ich überhaupt kein Wagner-Fan, und mein einziges Lohengrin-Erlebnis 1991 - tatsächlich in Bayreuth (!) - ist mir kaum noch in Erinnerung.

Aber ich fand die Aufführung gestern wirklich spannend, sonst hätte ich nicht durchgehalten.

Kaufmanns Lohengrin stehe ich etwas zwiespältig gegenüber. Ich mag seine Stimme auch nicht so gerne. Gestern hatte ich den Eindruck, daß er mit "mehreren" Stimmen singt, manchmal habe ich ihn gar nicht erkannt.
Und nur selten klingt seine Stimme für mich richtig "frei".

Annette Dasch habe ich die Elsa ehrlich gesagt vorher nicht zugetraut. Nach etwas wackligem, nervösen Beginn hat sie sich aber stetig gesteigert und ich habe ihr gerne zugehört. Ihre Stimme hat vielleicht (noch) nicht genug Kraft und Volumen, aber das fiel gestern wegen der guten Begleitung nicht auf.

Heinrich (Zeppenfeld) und Friedrich gefielen mir beide sehr gut. Sie haben sicherlich zu der Spannung beigetragen!

Die Ortrud von Herlitzius wirkte für mich wie ein Fremdkörper in dem Ensemble. Sie war lauter und expressiver (bis hysterisch) als alle anderen, was sicherlich zur Rolle irgendwie passt, aber sie war eben nicht so nuanciert.

Großartig: Nelsons, der insbesondere Kaufmann und Dasch getragen hat. Sehr spannend gestaltet!

Und jetzt würde mich tatsächlich die Inszenierung interessieren. Ich habe die Beschreibungen im Radio gehört und Bilder im Netz gesehen. So abartig sie (die Inszenierung) einem erscheint, es kann meiner Meinung nach durchaus funktionieren...

Nikolaus.
Heike (26.07.2010, 19:56):
Hallo nikolaus,
da sehen wir ja einiges ähnlich! Ich versteh den hype um Kaufmann manchmal nicht so ganz, aber vermutlich spielt da auch das Aussehen bzw. sein Spiel im Gesamtpaket eine Rolle. Davon sieht man ja leider im Radio nichts!

Ja, die Inszenierung wäre sicher spannend gewesen! Man spricht ja von einem Experiment mit Laborratten in einem Laboratorium. Nun, so ganz kann ich mir nicht vorstellen, wie da ein Liebespaar reinpasst, aber wer weiß. Ich habe von Neuenfels die Skandal-Inszenierung des Idomeneo in Berlin gesehen und die fand ich ganz großartig. Also ich wäre auf jeden Fall neugierig gewesen.

Heike

P.s. Lohengrin in Bayreuth - beneidenswert! Mir ist es leider noch nicht gelungen, Tickets zu bekommen, aber ich versuche es geduldig jedes Jahr wieder.
Fides (27.07.2010, 16:36):
Hallo,
Auch ich gehöre zu denen, die Jonas Kaufmanns Fähigkeiten für überschätzt halten....für weit überschätzt!
Ich habe mir den Bayreuther Lohengrin im Radio angehört und habe alle meine Einschätzungen bestätigt gefunden....gaumiger Stimmansatz, Vokalverfärbungen bis zum Exzess, ebensolche Piani und Pianissimi....überhaupt scheint er weder "voll" singen zu können noch zu wollen!!!!
Warum wird um diesen Sänger ein solcher Hype veranstaltet? "Aussehen" alleine kann es auch nicht sein, denn, mal ehrlich, so super sieht er dann auch nicht aus.
Seine Lohengrin-Interpretation fand ich so spannend, wie die x-te Wiederholung irgendeines uralten Fernsehkrimis....hier muss ich aber sagen, dass Frau Dasch wohl auch nicht zu übertriebenem Engagement für Elsa einlud....sie war oft hörbar überfordert. Welchen Anteil an alldem die Regie von Hans Neuenfels hat, kann ich kaum beurteilen, vielleicht wollte er ja "Lohengrin light" inszenieren und hat die Personenregie auch daran ausgerichtet...alles schien blass und unscharf, beinahe langweilig.

LG
Fides :hello
Ingrid (01.08.2010, 00:21):
Also ich find es so richtig gut, dass die Geschmäcker total verschieden sind. Ich war heute im Tannhäuser und hab mir immer vorgestellt, was wäre, wenn Kaufmann ihn singen würde. Wäre sicher nicht so völlig teilnahmslos, trotz Gerhaher als Wolfram, aus dem Theater gegangen. Die einen trifft Kaufmann halt mitten ins Herz, oder halt da, wo das Gefühl sitzt und die anderen eben nicht. Irgendwo überhaupt nicht schwierig.

Außerdem mag ich zwar auch sein Spiel total gerne, weil er einfach ein brillanter Schauspieler ist, aber bei diesem Lohengrin kam bei mir selbst vor dem Rundfunkgerät keine Sekunde Langeweile auf und etlichen ging es ähnlich. Von wegen, man muss ihn dann wenigstens gesehen haben. Muss man nicht. Andere kommen mir inzwischen fast wie Brüllaffen vor, weil sie eben nicht diesen Farbenreichtum in der Stimme haben und so eine gigantische Pianokultur.

Bin aber tatsächlich glücklich über jeden, der Kaufmann nicht mag, denn es bleiben "leider" immer noch genügend über, die mir die günstigen Karten vor der Nase wegschnappen.

Liebe Grüße
Ingrid
Jimi (09.08.2010, 13:13):
Original von Fides
Vokalverfärbungen bis zum Exzess, ebensolche Piani und Pianissimi....überhaupt scheint er weder "voll" singen zu können noch zu wollen!!!!
Seine Lohengrin-Interpretation fand ich so spannend, wie die x-te Wiederholung irgendeines uralten Fernsehkrimis....hier muss ich aber sagen, dass Frau Dasch wohl auch nicht zu übertriebenem Engagement für Elsa einlud....sie war oft hörbar überfordert... ...alles schien blass und unscharf, beinahe langweilig.


Original von Ingrid
...aber bei diesem Lohengrin kam bei mir selbst vor dem Rundfunkgerät keine Sekunde Langeweile auf und etlichen ging es ähnlich. Von wegen, man muss ihn dann wenigstens gesehen haben. Muss man nicht. Andere kommen mir inzwischen fast wie Brüllaffen vor, weil sie eben nicht diesen Farbenreichtum in der Stimme haben und so eine gigantische Pianokultur.


Hallo Fides und Ingrid

Unterschiedliche Meinungen zu Aufführungen/Aufnahmen/Sängern usw sind ja ganz normal, sonst hätten wir hier auch recht wenig zu diskutieren. Da ihr aber bei dem Bayreuther Lohengrin zu total gegensätzlichen Einschätzungen gekommen seit, würde mich interessieren, ob ihr bei anderen Interpreten oder Aufnahmen ebenfalls so unterschiedlicher Auffassung seit. Vielleicht seit ihr ja so nett und verratet mir euren "Lieblings-Lohengrin" oder eure Lieblingsaufnahme.

Ach ja, die Antwort: "Nie sollst du mich befragen" ist NICHT erlaubt!!! :D

:hello Jimi
Severina (09.08.2010, 15:27):
Lieber Jimi,

für mich klingt das eher so, als ob Fides auf JK einfach allergisch reagiert. Das ist jetzt kein Vorwurf, ich habe selbst auch solche Kandidaten, die man mir einfach nicht schmackhaft machen kann, bei denen ich immer ein Haar in der Suppe finde.
Ich habe den Bayreuther "Lohengrin" nicht gehört, aber den aus München, und da gefiel mir Jonas Kaufmann ausgezeichnet - und dass er's dazwischen völlig verlernt haben sollte, kann ich mir nicht vorstellen. :wink Dass er zu einem gaumigen Ansatz neigt, stimmt, alles andere kann ich nicht nachvollziehen, speziell den Vorwurf nicht, er würde nie "voll singen". Ich habe Kaufmann bereits sehr oft live erlebt - schon zu Zeiten, wo noch kein Hahn nach ihm krähte - und war von der Power, mit der er singt, immer sehr beeindruckt. Natürlich ist er kein Brüllaffe und legt manche Partien verinnerlichter an als man sie zu hören gewohnt ist, und das trifft ganz besonders auf den Lohengrin zu. Aber hat sich nicht Wagner selbst für seinen Schwanenritter einen lyrischen Tenor gewünscht?? Jedenfalls habe ich die Gralserzählung noch nie so berührend gehört wie von Jonas Kaufmann, eben weil er sie nicht "voll singt", wenn ich darunter das gleiche verstehe wie Fides.

lg Severina :hello
Fides (09.08.2010, 17:27):
Liebe Severina, lieber Jimi,
@Severina
Schon möglich, dass mir bei der Beurteilung von Herrn Kaufmanns "Lohengrin" die Gäule etwas durchgegangen sind...ich war einfach sehr genervt von seiner Art, die Partie....notabene: für mein Gehör...mehr zu säuseln als zu singen. Ich denke, dass Richard Wagner zwar einen lyrischen, aber eben doch einen strahlenden, die Töne auch mal aussingenden Tenor hören wollte. Mit dem Attribut "verinnerlicht" lässt sich so manches Defizit, leicht künstlerisch verklausuliert, kaschieren. Auch ich bin keine Freundin der sprichwörtlichen "Brüllaffen", aber stimmliche Potenz ist sicher nicht pauschal als "Gebrüll" zu bezeichnen. Bei JK kommt mir oft der Verdacht, dass er Rollen singen will, die außerhalb seiner jetzigen Möglichkeiten liegen, doch das könnte ja noch werden...eventuell!
@Jimi
Mein Lieblings-Lohengrin ist Plácido Domingo, der mit Stimmschönheit und vokaler "Power", doch durchaus differenziert gestaltend, überzeugt. Sein Deutsch ist allerdings für Ungeübte duchaus hin und wieder problematisch, der Akzent stört mich nicht, aber andere sind davon "schwer genervt". Auch René Kollo hat in seiner besten Zeit einen durchaus stimmschönen und natürlich perfekt verständlichen, vielleicht etwas "trocken, weil doch sehr "deutsch" klingenden Lohengrin aufgenommen.

LG
Fides :hello
Ingrid (09.08.2010, 17:54):
Liebe Severina,

höchstwahrscheinlich hast Du das Künstlergespräch mit Jonas Kaufmann und Thomas Voigt aus BT auf der inoff. Website von Frau Marion Tung schon angehört. Da erklärt JK ja sehr klar und deutlich, warum er manche Stellen im Lohengrin im Piano oder sogar Pianissimo singt. Ist sehr interessant!

Den Lohengrin von BT fand ich jetzt von Jonas sogar noch besser und inniger gesungen, als in München. Anja Harteros wird für mich natürlich die beste Elsa bleiben. Insges. liegt BT aber vorne. Beinahe hätte ich sogar eine Karte bekommen...... leider hat es dann doch nicht geklappt :I

Ein guter Bekannter, der ein eingefleischter Wagnerianer ist und sicher alle Inszenierungen der letzten 45 Jahre sah, schrieb, dass er noch nie von einer Lohengrin-Interpretation so berührt wurde, wie der von Jonas Kaufmann und stellte sich sogar erstmals in seinem Leben in die lange Schlange für ein Autogramm.

Schätze mal, dass wir zwei mit unsrer Meinung doch nicht ganz so verkehrt liegen :wink und dass er auch Mezzo forte drauf hat, wissen wir wirklich aus unseren Liveerlebnissen. Um Deine vielen in Zürich beneide ich Dich natürlich sehr, aber ich bin doch total froh, dass er jetzt endlich auch in München singt.

Ganz liebe Grüße nach Wien
aus einem, endlich wieder sonnigen Bayernland
Ingrid
Severina (09.08.2010, 17:57):
Liebe Fides,
wie gesagt, den Bayreuther Lohengrin habe ich nicht gehört, vielleicht säuselt er da wirklich zu sehr. Und im übrigen ist es völlig OK, wenn Dir Kaufmann nicht zusagt. Sein "Querbeet-Singen" macht mir auch Sorgen, aber das ist hier wohl schon OT. (Das gehörte in einen leider noch nicht verhandenen Kaufmannthread, aber den zu eröffnen sind wohl andere berufener!)
Bei Domingo sind wir völlig beisammen: Er war in der Tat ein Schwanenritter ohne Fehl und Tadel, sieht man von seinem unterirdischen Deutsch ab, aber wie schon jemand so richtig bemerkte: Lohengrin kommt aus "fernem Land", der muss kein perfektes Deutsch sprechen oder vielmehr singen :D !

lg Severina :hello
Severina (09.08.2010, 18:04):
Original von Ingrid

Schätze mal, dass wir zwei mit unsrer Meinung doch nicht ganz so verkehrt liegen :wink und dass er auch Mezzo forte drauf hat, wissen wir wirklich aus unseren Liveerlebnissen. Um Deine vielen in Zürich beneide ich Dich natürlich sehr, aber ich bin doch total froh, dass er jetzt endlich auch in München singt.

Ganz liebe Grüße nach Wien
aus einem, endlich wieder sonnigen Bayernland
Ingrid

Und ob!! Bei seinem "Vittoria!" fliegen einem doch die Ohren weg, das kriegt kein Tenor hin, der nicht voll singen kann! Jetzt sind wir endgültig OT - mit der "Berufenen" habe ich z.B. Dich gemeint :wink !

lg Severina (aus dem ebenfalls sonnigen Wien) :hello
Ingrid (09.08.2010, 20:58):
Original von Severina
mit der "Berufenen" habe ich z.B. Dich gemeint :wink !

lg Severina (aus dem ebenfalls sonnigen Wien) :hello

Liebe Severina,

wer kann denn bitte berufener als Du für ein Jonas Kaufmann-Portrait sein? So lange wie Du kennt ihn ja wohl kaum jemand hier. Ich würde ihm ganz bestimmt mit meinem Gestopsel nur Schande bereiten und das hat er wirklich nicht verdient. Du bist doch unsere allerbeste Fachfrau in solchen Dingen :down :down :down Bitte mach uns/mir doch die Freude :leb

Liebe Grüße
Ingrid
Jimi (15.08.2010, 14:02):
Original von Fides
Mein Lieblings-Lohengrin ist Plácido Domingo, der mit Stimmschönheit und vokaler "Power", doch durchaus differenziert gestaltend, überzeugt. Sein Deutsch ist allerdings für Ungeübte duchaus hin und wieder problematisch, der Akzent stört mich nicht, aber andere sind davon "schwer genervt".

Liebe Fides,

da Domingo im Lohengrin(zb. Live1990 Wien) etliche Stellen die Piano notiert sind nicht beachtet, kann ich schon verstehen, dass dir Kaufmann "zu oft"Piano singt. Was ich aber wirklich gar nicht verstehe , dass du auf der einen Seite bei Kaufmann Vokalverfärbungen beanstandest, die im Vergleich zu den Fehlern die sich Domingo leistet( außer Vokalverfärbung, einschieben von Vokalen zwischen Konsonanten, weglassen von Konsonanten oder ganzer Endsilben, falsche Betonung von Silben usw.) nur "Peanuts" sind. Andererseits stört dich Domigo's "Akzent" nicht, das ist für mich nicht recht nachvollziehbar. ?(

:hello Jimi
Jimi (15.08.2010, 20:22):
Original von Ingrid
höchstwahrscheinlich hast Du das Künstlergespräch mit Jonas Kaufmann und Thomas Voigt aus BT auf der inoff. Website von Frau Marion Tung schon angehört. Da erklärt JK ja sehr klar und deutlich, warum er manche Stellen im Lohengrin im Piano oder sogar Pianissimo singt. Ist sehr interessant!
Ingrid

Liebe Ingrid,

vielen Dank für den Tipp, ich dachte irrtümlich bei dem Gespräch geht es um die Buchvorstellung des neuen Jonas Kaufmann Buch von Thomas Voigt, darum habe ich mir vor deinem Hinweis noch nicht angehört.
Den Anfang des Interviews in dem es um die Interpretation der Pianopassagen geht, kann man inzwischen auch bei Youtube anhören, es ist wirklich sehr interessant, nicht nur für Kaufmann-Fan's.

:hello Jimi
Fides (16.08.2010, 09:04):
Lieber Jimi,
ich habe, das gebe ich gerne und frohgemut zu, ein Problem mit Jonas Kaufmanns Art zu singen, ganz generell und in jeder Rolle!
Er hat, für meine Ohren!, einen so stark gutturalen Stimmklang, dass ich kaum konzentriert zuzuhören in der Lage bin. Seine Vokalverfärbungen resultieren aus seiner Art der Stimmproduktion und ich finde sie grässlich!!!
Bei Plácido Domingo liegen die Probleme anders: Seine deutsche Aussprache ist oft nicht gut und er muss sich sehr auf alles konzentrieren...ohne, dass es je perfekt wäre. Spaniern fällt die Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Vokalen grundsätzlich schwer und das hat zur Folge, dass häufig falsch ausgesprochen wird...und somit auch gesungen! Das ist ein Sprach- und KEIN Stimmproduktionsproblem und daher stört es mich nicht...manchmal finde ich es zwar unpassend, aber ich weiß ja, dass Deutsch nicht seine Muttersprache und von allen Sprachen, in denen er singt sicher die für ihn schwierigste und unzugänglichste ist. Wenn er Spanisch oder Italienisch singt, gibt es keine "gequetschten" Vokale...voilá, er kann's! JK singt in seiner Muttersprache "Quetschvokale"....Folgerung: er kann's ????? :ignore

LG
Fides :hello
Heike (19.06.2011, 12:07):
Wagnertage in Budapest 2011, MüPa (Palace of Arts)
Premiere 9.6.2011
LOHENGRIN

Orchester der ungarischen Staatsoper - Ádám Fischer
Regie: Lászlo Marton
Honvéd Männerchor, Budapester Studiochor

Heinrich: Alfred Muff
Elsa: Camilla Nylund
Lohengrin: István Kovácsházi
Telramund: Béla Perencz
Ortrud: Petra Lang
Heerrufer: Michael Nagy

Ich bin zurück aus Budapest und möchte euch von einem wahrlich gelungenen Lohengrin-Abend berichten.

Neben den hervorragenden Sängern für mich der Star des Abends: Ádám Fischer. Einige kennen ja vielleicht die Vorgeschichte, Fischer hat die Budapester Oper im letzten Jahr im Zorn verlassen, u.a. weil er politische Einlussnahmen auf die künstlerische Seite nicht hinnehmen wollte. Er sagte, er werde das Budapester Opernhaus nie wieder betreten. Die Wagnertage im MüPa wolle er aber vorerst weitermachen. Um so spannender war es, wie er mit seinem alten Opernorchester zusammen an diesem Abend auftreten würde. Und es war phantastisch, so als ob beide Seiten dem Saal beweisen wollten, dass es besser kaum geht. Wie immer alle Einsätze absolut präzise, alle Stimmen transparent und gut hörbar ausgespielt; Fischer der Perfektionist machte auch hier diesem Ruf alle Ehre. Hinzu kam eine im Ausdruck fesselnd intensive, an Spannung kaum zu überbietende Lesart. Das hat mich sehr begeistert und das Publikum auch: große Ovationen für ihn schon jeweils, wenn er am Beginn der Akte ans Pult trat.

Sängerisch hatte ich auch meine große Freude an dem Abend. Große Kontraste bestimmten die Szene: Eine zu Recht sehr bejubelte Petra Lang als Ortrud bot mit dem ebenfalls sehr guten Béla Perencz als Telramund ein böses und stimmstarkes Paar mit großer Bühnenpräsenz. Demgegenüber stand eine zarte und schöne Elsa: Camilla Nylund sang die Partie fast unschuldig, schlicht. István Kovácsházi (der für den kranken Burkhard Fritz einsprang) überzeugte mich sehr, eine helle und sehr klangschöne Stimme, die ich gern wiederhören möchte. Vergessen möchte ich nicht Alfred Muff als König Heinrich, der mir genau wie der Michael Nagy als Heerrufer super gefiel und die beide das großartige Sängerensemle komplett machten.
Da ich die hervorragenden Berliner Chöre gewöhnt bin, konnten die Budapester hier bei mir nicht so punkten, aber das ist sicher Kritik auf hohem Niveau.

Die halbszenische Inszenierung fand ich ausgesprochen gelungen - Lohengrin ist ja wahrhaft ein wenig kitschig mit den guten und bösen Paaren und der im Grunde simplen Story, zu der das verklärende Drumrum alles mitunter ziemlich dick aufträgt. Lászlo Marton tat was ganz andres, er vergass das ganze frühzeitlich-heldische Klimbim und verlegte die Geschichte in die aktuelle Zeit, das Bühnenbild zeigt Burgwände. Assoziationen zu Charles und Lady Di bzw. sogar zu Kate und William kamen quasi sofort auf, ohne direkt gezeigt zu werden. Gekonnt eingesetzte und bewegte (verzerrende) Spiegelwände laden ständig zur eigenen Deutung ein. Der Chor, der zunächst in Polizeiuniformen, dann (nach Lohengrins Sieg) übertrieben quietschbunt, dann am traurigen Ende wieder uniformiert auftritt, wird flankiert von Security mit Schäferhunden - man denkt sich Paparazzi dazu. Lohengrin ist nicht als der glamourös Übermensch kostümiert, sondern kommt - wie Charles - als der etwas alternative Denker daher; das Heldische verschwindet ganz. Elsa ist einfach nur schön, naiv, eine majestätisch weiße Erscheinung, zwar unschuldig, aber auch dumm. Ortud als rothaariges Biest voller Esprit und Macht, mit dem verführbaren Mann an der Seite. Und letztlich geht es nur um die Emotionen der Beteiligten, das ganze Brimbamborium, das die Oper manchmal so fürchterlich schwülstig werden lässt, ist plötzlich weg und man hat seine Riesenfreude an der Geschichte.

Eine für mich rundum gute Aufführung.

http://s1.directupload.net/images/110619/gkdazhqd.jpg
Heike
Bert (10.09.2011, 23:20):
Als Opernliebhaber und Wagnerianer habe ich selbstverständlich einige Aufnahmen dieser wunderschönen Oper.
Drei der Aufnahmen finde ich wirklich hervorragend, auch wenn man in jeder die eine oder den anderen Darsteller(in) nicht in seiner besten Form erlebt, in der Gesamtheit kann ich jede der drei Aufnahmen (ja, auch zum Kauf) empfehlen. Ich selbst höre sie alle drei immer wieder.

Der beste Lohengrin-Darsteller, den ich je gesehen/gehört habe, war für mich Peter Hofmann. Bei der besten Ortrud täte ich mir schwer, denn alle drei hier genannten finde ich klasse - na ja, zwischen Gwyneth Jones und Waltraud Meier will ich mich gar nicht entscheiden, beide bieten den höchsten musikalischen Genuß, aber nett überrascht wurde ich von Elizabeth Connell ...


Dir. Rafael Kubelik 1971
Lohengrin - James King
König Heinrich - Karl Ridderbuach
Elsa von Brabant - Gundula Janowitz
Ortrud - Gwyneth Jones
Friedrich von Telramund - Thomas Stewart

Dir. Woldemar Nelsson, Bayreuther Festspiele 1982
Lohengrin - Peter Hofmann
König Heinrich - Siegfried Vogel
Elsa von Brabant - Karan Armstrong
Ortrud - Elizabeth Connell
Friedrich von Telramund - Leif Roar

Dir. Kent Nagano, Festspielhaus Baden-Baden 2006
Lohengrin - Klaus Florian Vogt
König Heinrich - Hans-Peter König
Elsa von Brabant - Solveig Kringelborn
Ortrud - Waltraud Meier
Friedrich von Telramund - Tom Fox


Gruß, Bert
Nordolf (11.09.2011, 21:44):
Original von Bert

Dir. Rafael Kubelik 1971
Lohengrin - James King
König Heinrich - Karl Ridderbuach
Elsa von Brabant - Gundula Janowitz
Ortrud - Gwyneth Jones
Friedrich von Telramund - Thomas Stewart

Dir. Woldemar Nelsson, Bayreuther Festspiele 1982
Lohengrin - Peter Hofmann
König Heinrich - Siegfried Vogel
Elsa von Brabant - Karan Armstrong
Ortrud - Elizabeth Connell
Friedrich von Telramund - Leif Roar

Dir. Kent Nagano, Festspielhaus Baden-Baden 2006
Lohengrin - Klaus Florian Vogt
König Heinrich - Hans-Peter König
Elsa von Brabant - Solveig Kringelborn
Ortrud - Waltraud Meier
Friedrich von Telramund - Tom Fox


Gruß, Bert


Hallo Bert!

Welche deiner drei Aufnahmen würdest du denn von der Qualität des Dirigats her bevorzugen?

Herzliche Grüße!
Nordolf
Bert (13.09.2011, 22:52):
Hallo Nordolf,

Vorab: ich bin kein Dirigent(fachmann), von daher ist meine Beurteilung nur laienhafter Natur und fachlich ohne jegliche Kompetenz.
Alle drei Dirigenten brauchen etwa 3 Stunden und 17-20 Minuten, was ich als "schwungvoll" bezeichnen würde.

Das Dirigat von Kubelik empfinde ich als sehr einfühlsam; allerdings ist es eine saubere CD-Aufnahme, die ich schon sehr lange habe (und unzählige Male vor den anderen beiden gehört hatte), von daher ist es für mich quasi die (akustische) Referenz geworden. Da es bei dieser Aufnahme keine Bühnenstörgeräusche gibt, fällt die Harmonie zwischen dem Orchester und den Sängern besonders auf - du verstehst deutlich jede gesungene Silbe! Allerdings empfinde ich die Blechblasinstrumente manchmal zu dominant (das ist der Grund, warum ich bei Dvoraks Symphonien und Smetanas Mein Vaterland die Dirigate von Vaclav Neumann, der die Blechblasinstrumente deutlich dezenter führt, denen von Kubelik vorziehe), was nicht unbedingt als störend verstanden werden soll, eher persönliche Vorliebe.
Bei Nelsson kommt die mir vertraute Dynamik der Blechblasinstrumente, und die feinen Streiche wurden auch hier gut ausgearbeitet. Auch ihm gelang es eine optimale Harmonie zwischen dem Orchester und gut artikuliertem Gesang herzustellen. Seitdem ich diese Aufnahme habe (ich habe mir die Tonspur von der DVD gerippt und höre sie häufig ohne Bild), höre ich sie von allen, die ich habe, am liebsten (trotz der störenden Bühnengeräusche).
Das Dirigat von Nagano ist schon ein Kompromiß (aber Waltraud Meier und Hans-Peter König sind mehr als eine gute "Entschädigung"!). Einerseits verliert Nagano manchmal unter den Instrumenten Vogts etwas dünnere Stimme, andererseits fällt sein Dirigat recht flach aus.

Mit Worten ist es schwer zu beschreiben; meine Teststelle ist (neben der Ouvertüre) das Ende des ersten Aufzugs (ab "Mein Herr und Gott, nun ruf ich dich" bis zu "Heil deiner Fahrt!"). Kubelik und Nelsson entwickeln die Dynamik dieser Szene in Form einer stetig anwachsender Spannung, die einem etwa 8-9 Minuten buchstäblich über den Rücken läuft und am Herzen faßt und mit einem langanhaltenden Erlebnis in die Pause entläßt. Diese Rührung fällt beim Nagano aus.

Gruß, Bert
Nordolf (14.09.2011, 15:08):
Original von Bert
Vorab: ich bin kein Dirigent(fachmann), von daher ist meine Beurteilung nur laienhafter Natur und fachlich ohne jegliche Kompetenz.

Dann sind wir ja schon zwei :D
Aber Fachkompetenz ist gar nicht so wichtig: - es kommt auf eine gewisse Hörkompetenz und Einfühlungsgabe an. Und die stellst du mit deinen inhaltsreichen Anmerkungen unter Beweis:

Das Dirigat von Kubelik empfinde ich als sehr einfühlsam; allerdings ist es eine saubere CD-Aufnahme, die ich schon sehr lange habe (und unzählige Male vor den anderen beiden gehört hatte), von daher ist es für mich quasi die (akustische) Referenz geworden. Da es bei dieser Aufnahme keine Bühnenstörgeräusche gibt, fällt die Harmonie zwischen dem Orchester und den Sängern besonders auf - du verstehst deutlich jede gesungene Silbe! Allerdings empfinde ich die Blechblasinstrumente manchmal zu dominant (das ist der Grund, warum ich bei Dvoraks Symphonien und Smetanas Mein Vaterland die Dirigate von Vaclav Neumann, der die Blechblasinstrumente deutlich dezenter führt, denen von Kubelik vorziehe), was nicht unbedingt als störend verstanden werden soll, eher persönliche Vorliebe.

Ich dachte mir schon, das die Kubelik-Aufnahme etwas für mich sein könnte. Das dominante Blech würde mich überhaupt nicht stören - im Gegenteil: es klingt verlockend.

Das Dirigat von Nagano ist schon ein Kompromiß (aber Waltraud Meier und Hans-Peter König sind mehr als eine gute "Entschädigung"!). Einerseits verliert Nagano manchmal unter den Instrumenten Vogts etwas dünnere Stimme, andererseits fällt sein Dirigat recht flach aus.

Ich habe vor Jahren eine Interpretation des "Lohengrin-Vorspiels" mit dem DSO unter Nagano in der Berliner Philharmonie erlebt. Dort war sein Dirigat alles andere als flach, sondern einfühlsam und berührend. Dieses entrückende Moment der Musik kam sehr gut zur Geltung. Die Töne waren körperlich spürbar und gingen unter die Haut - was natürlich auch eine Besonderheit des Live-Erlebnisses an sich ist. Es liefen ebenfalls das Vorspiel und der Liebestod aus dem Tristan - mit der wunderbaren Waltraud Meier. Die nachfolgende 4. Symphonie von Brahms klang meiner Erinnerung nach bei ihm zwar kraftvoll, aber wesentlich neutraler als die Wagner-Stücke.

Herzliche Grüße!
Nordolf
Bert (14.09.2011, 18:38):
Nun, da will ich Nagano nicht unrecht tun; diese Lohengrin-Inszenierung habe ich damals aus dem TV aufgenommen (die anderen beiden habe ich auf CD bzw. DVD gekauft). Dabei war ich von K. F. Vogt sehr enttäuscht, weil er mit seiner dünnen Stimme (als Schützer von Brabant!) neben der ausdruckstarken und stimmlich unerreichbaren Waltraud Meier überfordert, ja fast lächerlich wirkte, so daß ich über lange Strecken den Eindruck hatte, daß Nagano allein seinetwegen den Orchester zügeln muß.
Mitunter habe ich unter seinem Taktstock den Parsifal (Festspiele in Baden-Baden 2004) - ebenfalls mit Waltraud Meier als Kundry - und hier hört man, daß er durchaus Wagner dirigieren kann ...

Übrigens, rezent habe ich die arte-Live-Übertragung aus Bayreuth 2011 aufgenommen und dabei mit Unterbrechungen einen großen Teil der Inszenierung mitverfolgt - leider gab es an dem Tag schlimmes Gewitter, so daß die TV-Übertragung im ersten Aufzug für längere Zeit unterbrochen wurde und danach kam bei mir das Signal etwas schwächer an. Aber von dem, was ich gesehen habe, hat sich K. F. Vogt in den Jahren unglaublich gesteigert und hat hier einen unvergleichlich besseren Lohengrin dargeboten als vor fünf Jahren.
Da die Torso-Aufnahme technisch unbrauchbar ist, werde ich mir diese, zugegeben - recht gewagte "Ratten-Inszenierung", als DVD kaufen (hoffentlich kommt sie bald heraus).

Gruß, Bert
Heike (29.04.2012, 00:50):
Samstag, 28.04.2012, DOB

Orchester und Chor der Dt. Oper Berlin
Musikalische Leitung Donald Runnicles
Inszenierung Kasper Holten

Lohengrin Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant Ricarda Merbeth
Friedrich von Telramund Gordon Hawkins
Ortrud Petra Lang
Heinrich der Vogler Albert Dohmen
Der Heerrufer des Königs Bastiaan Everink

Ich hatte zum Glück eine Aufführung mit Vogt in der Titelrolle erwischt (die Einspringer kassierten ja harsche Kritik letzte Woche). So ein ganz großer Fan von Vogt bin ich nicht, aber ehrlicherweise muss ich sagen, er sang den besten Lohengrin-Part, den ich live gehört habe. Der singt das mit einer klaren Leichtigkeit, da macht das Zuhören Spaß. Zudem passt sein heller Tenor wie ich finde sehr gut, und natürlich kann er mit Schmelz und Lyrik in der Gralserzählung heftig punkten. Vogt hat irgendwie was leicht schmalziges und Lohengrin auch, für mich passte das perfekt.

Demgegenüber hatten die anderen Männer keine Sternstunden, Hawkins nervte mit schlechtem Deutsch und wackligem Stimmchen; Dohmen fand ich total blass und dünn, absolut ohne königliches Flair.

Glücklicherwiese machten die Damen die Sache gut. Ricarda Merbeth als Elsa steigerte sich im Laufe des Abends, hatte genug Kraft, aber war stellenweise auch etwas unsauber. So eine richtig unschuldig- reine Stimme hat sie nicht, aber sie kam immer gut über das Orchester und es mangelte ihr auch nicht an Kondition. Nur war sie leider gar nicht schauspielerisch begabt. Das machte Petra Lang viel besser, ihre Stimme kann ich nicht wirklich schön nennen, aber sie ist eine tolle Ortrud, mit allen bösen Facetten geiferte sie richtig dramatisch.

Der Chor war gut, das Orchester auch. Runnicles ist zwar nicht der Überflieger in Sachen Details gewesen, aber er hat sowohl sehr schöne leise Momente als auch effektvolle Finali dirigiert. Besonders die Bläser hatten einen tollen Abend, intonationssicher und schön im Zusammenspiel.

Bei der Inszenierung bin ich etwas zwiegespalten. Prinzipiell hat sie mir eher gut gefallen. Lohengrin ist bei Holten ein Heilsbringer, ein narzisstisch aufgelegter Blender (es gibt z.B. Assoziationen zu Putin). Er schnallt sich, sobald er vor das Volk tritt, Schwanenflügel um, die in dieser Kostümierung seine populistische Maske bzw. das Sinnbild von "mehr Schein als Sein" darstellen sollen. Während Ortrud (aus egoistischem Grund) das Volk auf diesen Spuk hinweisen will, ist Elsa dazu lange blind und erkennt erst am Schluss, was läuft.

Die Szenerie rundrum ist von Kriegsszenarien bestimmt (Anfang: Tote auf dem Schlachtfeld, Ende: wieder ein Gräberfeld) - es geht immer wieder darum, das Volk mobilzumachen, darum dreht sich der ganze Aufwand, dass die Massen dem Führer folgen. Und es wird gezeigt, dass sie eben auch einem Blender nachrennen und dessen kitschige Inszenierungen drumrum (Hochzeit, Story vom Gral) dankbar aufnehmen.

Soweit so gut - schöne Ideen, schönes Bühnenbild, aber die Personenführung war so grottig, dass es ein Jammer war. Schade, so blieben mehr Unklarheiten übrig, als so eine Inszenierung vertragen kann. Ich konnte weder die Entwicklung von Elsa nachvollziehen, noch die Rolle der Ortrud. Auch der Chor hampelte mitunter so einfallslos rum, das muss nicht sein. Ganz besonders verschenkt war die Bettszene am Ende, Lohengrin hatte sich die Schwanenflügel-Kostümierung abgenommen und Elsa (die angeblich jetzt erkennt, dass er eine Rolle spielt), macht schönstes Rampensingen, alles was zwischen den beiden folgte, war einfach nur dümmlich. Unausgegoren auch die crime- Geschichte um den verschwundenen Gottfried (sein Kreideumriss blieb die ganze Zeit am Fußboden präsent), am Schluss bringt Elsa das tote Kind. Hatte sie ihn jetzt doch im Wald um die Ecke gebracht? Oder war das Lohengrin - schließlich hat er sich ja die Gralserzählung nur ausgedacht. Aber das ist wiederum unlogisch, dann würde doch Ortrud ihn beschuldigen und nicht Elsa? Vielleicht gbt ja das Programmheft noch Aufschluss.

Trotzdem, nicht wirklich eine ärgerliche Inszenierung, sie stört nicht und man hat Lust,dies oder das weiterzudenken.
Heike
stiffelio (22.02.2013, 20:07):
In der Hoffnung, dass es gelingt, die LOHENGRIN-Diskussion aus dem "Oper im TV - Sammelthread" hierher zu verpflanzen, kopiere ich einige der Eingangbeiträge von dort hierher

Original von Severina am 8.12.12:
Wer hat gestern die TV-Übertragung der Eröffnungspremiere an der Scala, "Lohengrin", gesehen?

Mir hat vor allem die Inszenierung von Claus Guth sehr gut gefallen, wobei ich mir die Aufzeichnung noch ein paarmal anschauen muss, damit wirklich alle Puzzleteile ein vollständiges Gesamtbild egeben. Aber von allen Lohengrins der letzten Zeit (München, Bayreuth) überzeugt mich dieses wie immer bei Guth auf Psychologie setzende Konzept am meisten.
Besonders den letzten Akt habe ich noch nie so spannend und in sich stimmig erlebt.

Meine ursprüngliche Enttäuschung über die Absage von Anja Harteros, die ich sehr mag, legte sich bald, denn Anette Dasch war ein mehr als ebenbürtiger Ersatz. Wenn es stimmt, dass sie nicht einmal einen Tag Zeit hatte, um das Regiekonzept zu verinnerlichen, muss man wirklich sagen: Hut ab vor dieser Leistung! Sie spielte so überzeugend, als wäre sie vom ersten Probentag an dabei gewesen. Auch stimmlich gefiel sie mir sehr gut, besser als bei der Übertragung aus Bayreuth.

Jonas Kaufmann brauchte diesmal eine kleine Anlaufzeit - da konnte ich erstmals nachvollziehen, was so viele an seiner gaumigen Stimmbildung stört - aber dann bot er eine Klasseleistung. Schauspielerisch war er natürlich von Anfang an voll da.

Bis auf den Telramund gefielen mir auch alle übrigen Protagonisten sehr gut, sei es René Papes eindrucksvoller König Heinrich, Zeijko Lucics fast zu schönstimmiger Heerrufer oder Eva Herlitzius als machtlüsterne Ortrud. Die Schärfen in der Höhe störten mich nicht, sie passten zum "hässlichen" Charakter der Figur.

Nicht begeistern konnte mich der Chor, der speziell im ersten Art einige Male wackelte und vor allem völlig unverständlich artikulierte.

Severina, 9.12.12
...ich habe Lohengrins konvulsische Zuckungen am Anfang überhaupt nicht mit Epilepsie in Zusammenhang gebracht (Sagt das Claus Guth? Sein Pauseninterview habe ich mir noch nicht angehört!) Für mich war das die faszinierende Verwandlung vom Schwan zum Menschen, seine Körperhaltung und Bewegungen erinnerten mich (Ich betone MICH!) an einen Vogel, der sich mühsam aus dem Ei befreit, streckt, zunächst noch wackelig auf den Beinen steht und erst allmählich "ganz" wird, seinen Körper beherrscht.
Natürlich ist dieser Lohengrin kein Held - Gott sei Dank sage ich, die mit den Wagnerhelden seit jeher große Probleme hatte. Er ist wohl nicht aus freiem Willen zur Rettung Elsas geeilt, handelt wie unter Zwang, zweifelt an seiner Fähigkeit, diese Aufgabe zu bewältigen und vielleicht auch generell an der Sinnhaftigkeit dieser Aufgabe. (Wie gesagt, ich bin noch in der Reflexionsphase, vieles ist mir auch noch nicht klar!) Den Punkt, ab wann sich Elsas Fantasieheld verselbständigt, habe ich noch nicht gefunden!

lg Severina

ar, 9.12.12
...Mir hats gefallen. Barenboim gefiel mir sehr, leider verlor er aber in einigen Szenen den Bogen (Zicken-Krieg), aber das Vorspiel zum dritten Akt und das Zwischenspiel gefieln mir sehr gut (sehr flott), auch wenn die Blechbläser einige Patzer hatten.
Kaufmann fand ich sehr gut. Am Anfang war er mir zu dunkel, aber über die ganze Aufführung legte sich das und er spielte und sang die Partie sehr gut (wer kann am Boden liegend solche Töne von sich geben?). Dasch war IMO noch nie so gut, als Elsa (die Finta in Berlin hat wohl geholfen, ein bisschen schlanker zu singen), wenn man bedenkt, dass sie eingesprungen ist, dann kann ich nur WOW sagen.
Tomasson fand ich nicht so gut, ihm fehlt die Höhe für die Partie, aber er hatte einige gute, gelunene Szenen. Pape war toll, wie immer. Mir fiel nur auf, dass ihm die hohe Partie mehr Mühe bereitete, als sonst. Aber das ist auf hohem Niveau gejammert. Herlitzius überzeugte mich mehr als in BT, aber unter dem Strich finde ich das immer noch nicht gut. Schade, besonders ihre Färberin hat mir sehr gefallen. Aber die Ortrud ist (trotz der immensen Höhe) wohl eine Mezzosopranpartie. Lucic hat mich persönlich enttäuscht, ich habe mehr erwartet (für mich klang das sehr gedrückt). Die Regie gefiel mir im Grossen und Ganzen (trotzdem kann ich die ewigen "alle sind psychisch krank"-Inszenierungen von Guth langsam nicht mehr ertragen, aber hier hat es noch gut funktioniert).
LG

stiffelio, 9.12.12
Liebe Severina,
zunächst vielen Dank für den Tipp! Ich hatte, fernsehlos wie ich bin, diesen Lohengrin tatsächlich übersehen, konnte ihn aber nun auf arte+7 nachsehen.
Ich fürchte allerdings, dass wir bei der Inzenierung nicht zusammen kommen werden. Der Lohengrin ist für mich mit Abstand die religiöseste Oper Wagners, weil sie ein Kernthema (und je nach Sicht auch Kernproblem) jeder Religion, aber ganz besonders der christlichen, in den Mittelpunkt stellt: das beweislose Vertrauen. Jede Inszenierung, die das nicht aufgreift, kann für mich bestenfalls interessant sein, geht aber letztlich an der Oper vorbei.
So finde ich auch Guths Inszenierung teilweise interessant, teilweise allerdings noch mehr verwirrend (und da kannst du mir evtl. helfen, wenn es dir gelungen ist, etwas mehr hinter ihre Verrätselungen zu blicken). Sie verzichtet zumindest auf reißerische Effekte und ist mir in der Summe ebenfalls lieber als München und Bayreuth, aber durchschaut habe ich sie sicher noch nicht.
Kaufmann sagt ja im Interview, dass Lohengrin hier letztlich eine Projektion der (psychisch offensichtlich kranken, zumindest schwer traumatisierten) Elsa ist, die in ihm ihren verstorbenen Bruder sieht. Diese Projektion entwickelt dann aber ein Eigenleben, das sich nicht mehr an Elsas Vorstellungen hält.
So interessant das ist, finde ich solche Projektionen doch immer dann mühsam, wenn ich nicht erkennen kann, wo die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit verlaufen soll. Ist die gesamte Oper ein Traum von Elsa?
Was wäre dann ihre Aussage? Wenn aber zumindest ein Teil Wirklichkeit ist, warum reagieren dann alle samt König Heinrich,Telramund und Ortrud auf Lohengrin einerseits, als wenn er wirklich wäre - andererseits aber trotzdem unangemessen, denn dieser Lohengrin versprüht ja keineswegs die Sendung, die sein Text zu versprechen scheint. Er scheint dagegen psychisch eher noch stärker gestört zu sein als Elsa, eben eine Spiegelung aller ihrer Ängste und Zweifel. Wie können da alle dieses Nervenbündel ernsthaft als "Schützer von Brabant" preisen bzw. fürchten? Da passt dann auch nach meinem Empfinden an ganz vielen Stellen Text, Musik und Darstellung nicht mehr zusammen.
So hoffe ich diesbezüglich auf ein paar erhellende Erklärungen von dir. Denn auch wenn das wohl niemals meine Lieblingsinszenierung werden wird, würde ich sie gerne aufgrund der musikalischen Qualität und der bildlich zumindest nicht abschreckenden Umsetzung besser verstehen als es momentan der Fall ist. Und ich gebe dir absolut recht, dass sie ganz bestimmt nicht langweilig ist.

VG, stiffelio

Severina, 9.12.12
...Wie gesagt ist mir diese Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit selber noch nicht klar, aber dieses Spiel mit den verschiedenen Seinsebenen ist wohl ein Markenzeichen von Claus Guth. Bei seinem Monteverdi-Zyklus im ThadW geht er genauso vor, nur sind halt die Libretti von Barockopern wesentlich einfacher gestrickt als bei Wagner, weshalb die Rechnung dort zumindest zu 90% aufgeht. Und was die restlichen 10% betrifft, so halte ich mich an Francisco Araiza, der einmal meine Frage nach einem rätselhaften Inszenierungsdetail so beantwortete: "Das weiß ich auch nicht, aber jede Inszenierung muss ein surreales Element enthalten."
In einem Punkt werden wir uns ohnehin nicht treffen, nämlich beim religiösen Aspekt. Abgesehen davon, dass ich den als Agnostikerin sowieso nur selten registriere, finde ich im "Lohengrin" keine Spur von christlichem Gedankengut im Sinne des NT, bestenfalls den RAchegott des AT. Das Gottesgericht ist tiefstes Mittelalter und hat mit echtem Glauben gar nichts zu tun, sonst würden wir es ja heute noch so halten. (Wobei ich unsere korrupten Politiker nur zu gerne über glühende Kohlen gehen ließe, aber das nur nebenbei smiley16 großes Grinsen ) Und blindes Vertrauen ist meinem Verständnis ohnehin fremd, ich halte mich lieber an "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!"
Ich liebe inzwischen den "Lohengrin" musikalisch heiß und innig, inhaltlich allerdings ist er mir nach wie vor fremd, weil ich über all das Aberwitzige, was da passiert, nur ungläubig den Kopf schütteln kann. Jetzt habe ich ganz unbewusst "ungläubig" geschrieben, vielleicht ist das also wirklich mein Problem damit.
Aber ganz sicher gefallen mir gerade deshalb Inszenierungen, die den Plot auf die psychologische Ebene herunterbrechen, so gut, weil mir die etwas zum Anhalten bieten. Auch die Münchner Lesart hat mir gefallen, aber nicht so gut wie die Mailänder.
Herkömmliche Inszenierungen mit Schwan und Gral und all diesem Brimborium langweilen mich hingegen nur.

Und natürlich gefällt mir nicht jede Inszenierung, nur weil sie das Stück gegen den Strich kämmt, unseren Wiener "Lohengrin" von Barrie Kosky finde ich zum Beispiel furchtbar.

lg Severina

stiffelio, 10.12.12
Liebe Severina,
Mich interessieren am Lohengrin eben ganz besonders die Parallelen, die sich durch das Frageverbot zum (christlichen) Glauben ergeben. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Warum z.B. kann Lohengrin alle anderen Fragenden abwehren, nur Elsa nicht? Was würde geschehen, wenn Lohengrin nach seinem "Offenbarungseid" bleiben könnte?
Wenn eine Inszenierung damit nichts anfangen kann, bin ich von ihr ähnlich enttäuscht wie du von einem Opernlibretto, das gegenüber einer geschätzten Theatervorlage (zu stark) abfällt. icon_wink

Dennoch können wir nach deiner Rückkehr die Guth-Inszenierung gerne nochmal aufgreifen. Im Moment grübele ich über den Punkt, inwieweit Lohengrin eine reine (von Elsa herbeigeträumte) Inkarnation von Gottfried sein könnte oder ob es Stellen gibt, an denen das definitiv nicht mehr aufgeht.
Und hast du auch den Eindruck, dass Kostüme und Masken von Ortrud und Telramund dem berühmten Bild von Cosima und Richard Wagner nachempfunden wurden?

Heike, 11.12.12
So, ich habe mir eben die ersten beiden Akte angesehen und bin zunächst mal von der Inszenierung sehr begeistert! Mir hatte ja schon die halbszenische Budapester Aufführung sehr gut gefallen, die den ganzen heldischen Glamour wegließ und sich auf die Paar-Psychologie von Paranoia und Macht konzentrierte.

Dieser Lohengrin hier ist imho eine tolle Inszenierung und es ist phantastisch, wie die Dasch das als Einspringerin spielt. Ich finde es auch klasse, das in die wagnerianische Zeit zu verlegen und auf vage Assoziationen zu ihm zu zielen - ich sehe das auch so wie stiffelio, dass es da Anspielungen gibt. So als erste Idee würde mir dazu einfallen, dass man auch Wagner zum Übermenschen erst gemacht hat; und er sich erstens nicht zu erkennen geben wollte und zweitens auch anders ist als viele ihn sahen/ sehen. Könnte das ein gewollter Randaspekt dieser Inszenierung sein, sozusagen als Gruß zum Wagnerjahr?

Zu den Sängern und zu weiteren Details, wenn ich den Rest gesehen habe. Ich hoffe, ich schaffe das in der kurzen verbleibenden Zeit, wo das online ist unglücklich
Heike

p.s.
Zitat:
warum reagieren dann alle samt König Heinrich,Telramund und Ortrud auf Lohengrin einerseits, als wenn er wirklich wäre

Er ist ja wirklich, also die traumatisierte Elsa hat sich irgendeinen "normalen" Mann zum Helden zurechtphantasiert. Und alle rundrum projezieren eben auch teilweise ihre eigenen Wünsche auf ihn. Ob das jetzt in jedem Detail kongruent zu Text und Musik ist, das kann ich nach meinen ersten Eindrücken und auch ohne den Schluss gesehen zu haben nicht sagen. aber insgesamt scheint es mir ein stimmiges Konstrukt.

Jürgen, 12.12.12
Zitat:
Original von Heike
Ob das jetzt in jedem Detail kongruent zu Text und Musik ist, das kann ich nach meinen ersten Eindrücken und auch ohne den Schluss gesehen zu haben nicht sagen. aber insgesamt scheint es mir ein stimmiges Konstrukt.


Ich habe jetzt auch bis Mitte des 2.Akts geschaut. Bisher gefällt mir die Inszenierung recht gut, auch wenn ich einige Unstimmigkeiten zum Text schon jetzt benennen kann:

Zum einen singt Elsa im 2.Akt zu Ortrud:
Zitat:
Hilf Gott! So muss ich dich erblicken, die ich in Stolz und Pracht nur sah!

Die gute Ortud habe ich aber im 1.Akt zwar stolz aber überhaupt nicht prächtig erlebt. Ganz im Gegenteil: Gekleidet wie eine Gouvernante, komplett schwarz (als Gegenpol zu Elsa=komplett weiss). Ein kleiner Widerspruch, mit dem ich aber sehr gut leben kann.


Was mich wesentlich mehr gestört hat ist die Szene, als Lohengrin noch am Boden liegt, heftig zuckend und in abgerissenem Outfit (optisch eher einem Rebell wie Siegmund gleichend). Und beim Anblick dieses Schwanenritters singen die Brabanter (allesamt in geschniegeltem Anzug):
Zitat:
Wie ist er schön und hehr zu schauen

Diese Szene ist dermaßen widersinnig, dass ich sie mir auch unter Zuhilfenahme von Surrealismus nur schwer erklären kann.


Musikalisch gefiehl mir das Ganze überraschend gut. Insbesondere Elsa: Chapeau


Grüße
Jürgen

stiffelio, 12.12.12
Hallo Jürgen
Zitat:
Original von JürgenWas mich wesentlich mehr gestört hat ist die Szene, als Lohengrin noch am Boden liegt, heftig zuckend und in abgerissenem Outfit (optisch eher einem Rebell wie Siegmund gleichend). Und beim Anblick dieses Schwanenritters singen die Brabanter (allesamt in geschniegeltem Anzug):
"Wie ist er schön und hehr zu schauen"
Diese Szene ist dermaßen widersinnig, dass ich sie mir auch unter Zuhilfenahme von Surrealismus nur schwer erklären kann.

Das ist auch für mich eine der Szenen, wo Text+Musik nicht mit der Darstellung zusammen gehen. Einschließlich König Heinrichs Reaktion: "...so nahst du uns von Gott gesandt". Es gibt noch einige mehr: z.B. wenn Lohengrin nach dem Kampf ähnlich wie Telramund am Boden liegt und der Chor singt "Ertöne, Siegesweise...". Grenzwertig finde ich auch, wenn Lohenngrin bei Telramunds Anklage im zweiten Akt wie ein Häufchen Elend hinter dem Klavier sitzt. Ein an seiner Sendung zweifelnder Lohengrin hätte mir noch wesentlich besser gefallen, wenn das nicht derart mit dem Holzhammer daher gekommen wäre.
Sehr gut passt das Inszenierungskonzept dagegen imho zu Elsa erstem Auftritt. Und ich gebe zu, dass ich mich bei jedem Ansehen etwas besser an die oben kritisierten Darstellungspunkte gewöhnen kann icon_wink .

VG, stiffelio

Heike, 20.12.12
Ich habe den Lohengrin heute zu Ende gesehen und bin begeistert.
Zunächst mal fand ich das musikalisch große Klasse, Barenboim hat das mit italienischem Schwung dirigiert, das hat mir sehr gut gefallen. Auch sängerisch kann man allenfalls punktuell kritisieren. Zuerst mal die Chöre, die fand ich nicht so gut, besonders die Männer (da sind wir in Berlin hier aber auch verwöhnt). Natürlich hatte auch Tomasson hier und da klar hörbare Probleme und auch Daschs Textverständlichkeit in der Höhe ist nicht so genial. Aber das Gesamtpaket hat mich überzeugt. Herlitzius war für Ortrud total passend und spielte auch intensiv, Pape war ein majestätisch ausgewogener König und Kaufmann war einer der besten Lohengrins, die ich gehört habe, auch wenn man hier und da auf hohem Niveau mäkeln könnte. Ich fand ihn v.a. sowas von sinnlich.... Der nahm diesem Lohengrin vor allem die Albernheit einer rein mythischen Kunstfigur weg und machte eine interessante männliche Rolle draus, auch stimmlich.

Dieser Lohengrin wird offensichtlich aus Elsas Phantasie (unter Schmerzen) geboren und stirbt so auch am Ende - denn Gottfried aufersteht wieder. Ich deute das so, dass Elsa jetzt völlig irre geworden ist (so auch ihr leerer Blick am Ende). Lohengrin muss weg (die Gralserzählung sorgt für den Grund - das Freudsche Überich = Gottes Strafe in Form des Grals mahnt sie). Sie ist ja sehr verwirrt und will Lohengrin einerseits erkennen/ wissen wer er ist, andererseits macht sie sich die Figur/Phantasie damit selbst kaputt. Ein Dilemma.

Siehe auch schon die grandiose Szene am Steg - Elsa kommt dem imaginierten Bruder immer näher, auch körperlich, phantasiert sich die ersehnte Liebe herbei und bekämpft die Nähe gleichzeitig. Während Lohengrin immer natürlicher, menschlicher wird, als er mit ihr allein ist, wird Elsa immer bedrohter, nervöser. Das fand ich so körperlich und spannend gespielt, die beiden haben allein dafür ein doppeltes BRAVO verdient. Elsa als früh traumatisierte und daher völlig ihren Ängsten und Phantasien ausgelieferte Frau fand ich sehr überzeugend. Offensichtlich hat Ortrud daran einen Anteil, denn die bestehenden Verstrickungen schienen mir sehr tief zu sein. Möglich, dass auch der Mord an Telramund ein Racheakt in der Phantasie von Elsa ist, den sie selbst nicht ausführen kann. So würde sich ja der Kreis schließen, sie lässt ihn zu Beginn das Gottesgericht verlieren und am Ende wird er restlos beseitigt. Wie auch immer, schließlich regrediert oder dissoziiert Elsa immer weiter und phantasiert sich schließlich völlig infantil wieder Gottfried zurück. Sie ist traumatisch in ihrer Vergangenheit gefangen.

So richtig logisch ist das alles in Details vermutlich nicht (ich müsste es öfter sehen), aber es regt ungemein die Phantasie an. Welche Projektion ist denn schon logisch? Und Projektionen gibt es mehr als genug. "Heil dir Schützer von Brabant" ist doch auch nur eine: Die untertänigsten Gesten der Männer (Niederknien, ihm die Jacken unter die Füße legen) sind doch übertrieben demütig und lassen eher an die imaginierte Hoffnung auf den Retter denken als an eine Begrüßung. Da finden sich auch noch andere Szenen, wer sich von wem jetzt was erhofft, das ist ein Wechselspiel an Verwirrungen aus Wunschsequenzen und Realität. Ich finde das gelungen.

Was die Wagner- Anspielungen angeht, da finde ich die Ähnlichkeit von Ortrud zu Cosima recht eindeutig. Aber Richard scheint mir doch eher in Gestalt des Klaviers vorzukommen und weniger personifiziert zu sein.
Heike

Heike 20.12.12
Zitat:
Mich interessieren am Lohengrin eben ganz besonders die Parallelen, die sich durch das Frageverbot zum (christlichen) Glauben ergeben. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Warum z.B. kann Lohengrin alle anderen Fragenden abwehren, nur Elsa nicht? Was würde geschehen, wenn Lohengrin nach seinem "Offenbarungseid" bleiben könnte? Wenn eine Inszenierung damit nichts anfangen kann, bin ich von ihr enttäuscht ...


Naja, ich finde andere Deutungen mindestens genauso legitim: Das Weib habe sich dem Manne bedingungslos anzuvertrauen .... so damals auch die christliche Lehre. Oder, das Volk vertraue der geltenden Moral, der Untertan vertraue dem Herrscher, der Soldat dem Befehl und das Kind den (Zieh)Eltern. Was soll und darf man in Frage stellen, was nicht?

Für mich ist die Frage nach dem Namen zunächst mal keine Glaubens-, sondern zuerst eine Erkenntnisfrage: ich will wissen, wer du bist, damit ich dir nahe sein kann. An meinem Namen sollst du mich erkennen ... Lohengrin will sich bei Wagner aber nicht zu erkennen geben. Nun kann man das als Regisseur so oder so machen, wofür diese Verweigerung bei ihm steht. Man kann das zweifellos spirituell sehen, aber auch ganz menschlich. Und warum will Elsa es unbedingt wisssen und ist eben anders als die anderen? Wie verschieden das umgesetzt wird, das finde ich immer wieder spannend.
Heike

stiffelio 22.12.12
Hallo Ihr beiden,

aus Zeitdruck nur eine kurze Rückmeldung, nur damit ihr wisst, dass ich prinzipiell noch dabei bin:
Es ist tatsächlich interessant, unter wie verschiedenen Gesichtspunkten man den LOHENGRIN sehen kann. Für mich war seit dem allerersten Kontakt mit ihm immer sonnenklar, dass das Frageverbot eine Metapher für den religiösen Glauben ist und die Oper somit den Aspekt betrachtet, unter welchen Umständen Glauben nicht gelingen kann.

Wenn ich dich, Heike, richtig verstehe, begreifst du den Lohengrin von Guth jetzt doch als reine Fantasiefigur von Elsa?
Vermutlich werde ich ihn mir auch nochmal einige Male anschauen müssen, um zu sehen, wie das unter dieser Vorgabe auf mich wirkt.

Die Inszenierung hat immerhin bei mir bewirkt, dass ich mir zum Vergleich den LOHENGRIN von Neuenfels angeschaut habe, den ich früher nicht einmal mit der Feuerzange anzufassen gewagt habe. icon_wink
Und was ich nie vermutet hätte: dieses Experimentierlabor/Rattenkonzept und seine Umsetzung gefällt mir wesentlich besser als gedacht. Insbesondere die Figur des Lohengrin. Und obwohl das mit der Inszenierung wenig zu tun hat: mir ist auch aufgefallen, dass mir speziell in dieser Rolle das helle, leichte Timbre von Vogt noch wesentlich besser gefällt als das baritonale von Kaufmann. Dabei finde ich Vogt in der Neuenfels-Inszenierung auch alles andere als asexuell oder abstrakt, sondern im Gegenteil sehr menschlich.

VG, stiffelio
stiffelio (22.02.2013, 20:09):
Zefira 20.2.13
Falls jemand noch Interesse an einer intensiveren Diskussion zum Lohengrin hat, ich würde da gespannt mitlesen.
Viel beitragen kann ich nicht, ich nähere mich Wagner nur sehr zögernd, aber ich hatte jedenfalls Gelegenheit, mir die Aufführung in einer DVD-Aufzeichnung anzusehen und bin anhaltend begeistert. Mit Sicherheit werde ich mir ein zweites und drittes Mal geben. Wobei ich, muss ich gleich sagen, erst mal von der Musik begeistert war - erst in zweiter und dritter Linie von den Sängern und der Regie (was nicht als Kritik gemeint ist).

Grüße von Zefira

stiffelio, 21.2.12
Hallo Zefira,

da Heike und Severina hier im Moment sehr wenig schreiben, wird wohl aus einer Diskussion nicht viel werden, solange du dich nicht entschließen kannst, aktiv mitzumachen icon_wink .
Ich wäre jedenfalls immer dabei, der LOHENGRIN gehört zu meinen Top-Lieblingen und ich sehe mittlerweile fast jede nicht völlig gegen den Strich gebürstete Aufnahme, die ich in die Finger kriegen kann.
Wir teilen zumindest schonmal die Reihenfolge der Begeisterung an der Scala-Aufnahme: 1. Musik, 2. Sänger, 3. Regie (wobei das auch bei mir nicht heißt, dass ich die Inszenierung schlecht finde - sie lässt mich an einigen Punkten allerdings immer noch ziemlich ratlos zurück).
Ein Versuch, kritisch mit mir über die Musik des LOHENGRIN zu diskutieren, hat wohl nicht viel Zweck ignore , da sind die Punkte 2 und 3 evtl. ergiebiger. Was hat dir denn an den Sängern bzw. der Inszenierung gut und was weniger gut gefallen? Kennst du noch weitere Lohengrin-Aufnahmen?

VG, stiffelio

Zefira, 22.2.12
Mir geht es mit Operninszenierungen, wenn ich überhaupt etwas damit anfangen kann, immer gleich: Ich könnte mich als Regisseur mit Sicherheit nicht entscheiden, welchen Aspekt ich eigentlich ins Zetrum setzen will, und es käme vermutlich ein disparater Mischmasch heraus.
Ich sehe einerseits als Hauptthema die alte Frage: Man wünscht sich zwar einen göttlichen Retter (ist wohl ein typisch menschliches Verhalten), wenn er dann aber erscheint, erwartet man, dass er sich irgendwie legitimiert. Mir ist eben beim zweiten Anschauen des zweiten Akts zum Beispiel aufgefallen, wie sich da ein paar Herren im Hintergrund zusammenrotten, die nicht einsehen, warum sie einem hergelaufenen Helden in die Schlacht folgen sollen. Kann ich irgendwie verstehen. smiley18

Andererseits gefällt es mir aber auch, wie Klaus Guth hier die persönliche Spannung zwischen Lohengrin und Elsa in den Mittelpunkt stellt. Auf die Idee, Elsas Zuckungen bei Lohengrins Erscheinen als Geburtswehen zu interpretieren, wäre ich gar nicht gekommen - aber irgendwie scheint es mir stimmig. Sie benimmt sich ja auch später noch mehrmals so, als ob sie irgendwo in der Ferne eine Vision sähe; sogar wenn Lohengrin sie anspricht oder wenn er sie am Ende des zweiten Akts vor den Altar führt - Frau Daschs Gesichtsausdruck erinnerte mich an eine Seherin in Ekstase, etwa bei einer Marienerscheinung. Allerdings stimme ich auch dem Gedanken zu, der hier schon früher erwähnt wurde: wenn Lohengrin eine von Elsa produzierte Erscheinung ist, und vor allem, wenn das Volk auch noch an seine Mission glauben soll, dann ist sein optisch eher bescheidenes Auftreten nicht recht erklärlich ...

Aber mal abgesehen vn der Inszenierung (ich muss mir das wohl noch mehrmals ansehen, um gescheiter darüber reden zu können) fand ich als Wagner-Neuling die Musik total verblüffend. Ich muss wohl dazu sagen, meine bisherigen Versuche, mich in den "Ring" hineinzuhören, scheiterten alle schon nach wenigen Minuten - ich halte es einfach nicht aus, bis auf ganz wenige Orchesterstellen vielleicht. Mir schien die Musik im Lohengrin wie aus zwei gegensätzlichen Lagern zu kommen: Die Deklamation von Telramund und Ortrud konnte ich nur schwer ertragen, das ist mir (verzeiht bitte) zu sehr an der Grenze zum Geschrei, zum Teil schon über der Grenze. Das gesangliche Material von Lohengrin und Elsa schien mir stilistisch dagegen wie aus einer anderen Welt. Was natürlich auch an den Stimmen liegen kann ...

Bei Jonas Kaufmann habe ich oft ein bisschen Bedenken, er singt mir eigentlich zu halsig, aber die Pianostellen hat er wunderbar gebracht. Anette Dasch war über jede Kritik erhaben und René Pape liebe ich sowieso. Aber vielleicht kann mir jemand, der sich besser auskennt, beantworten, ob diese unglaublich schrille Deklamation bei Ortrud so "gehört" - ein paarmal schien mir ihre Stimme dicht vorm Umkippen, ich bekam Angst beim Zusehen, vor allem bei der Szene vor dem Münster.

Ich beschäftige mich auf jeden Fall noch weiter damit. Andere Inszenierungen zum Vergleich kenne ich (noch) nicht.

Grüße von Zefira

/edit: Frau Gerlach ist mir jedesmal eine Nervenprobe. Furchtbar, diese affektierte Sprechweise. Herr Guth hat es ja nicht geschafft, einen einzigen grammatikalisch einwandfreien Satz hervorzubringen, aber ich will mal so gnädig sein und zugute halten, dass das nicht nur (!) an Frau Gerlach gelegen hat. ignore ignore

palestrina, 22.2.12
ch glaube schon, die gute Frau hat ihn ja völlig aus dem Konzept gebracht!,
Ich habe mich schon mit Herrn Guth unterhalten und das war einwandfrei!

Noch kurz zur Ortrud , liebe Zefira, natürlich muss sie schon einen gewissen Druck
auf die Stimme ausüben , aber ob ich das als Schreien interpretieren soll ?
Gerade bei "Entweihte Götter " , muss es einem durch Mark und Bein gehen!
Und das du Angst vor ihr hattest ist ja sehr gut , den Sie ist ja das böse Weib im
Lohengrin, sogar der Telramund kriegt Angst vor ihr!
Ich schaue mir das heute Abend auch nochmal an, denn an einigen Stellen,
stand ich auch auf dem Schlauch!?!?!
Denn die Meinungen zu der Inszenierung sind so Gegensätzliche !

LG palestrina
stiffelio (22.02.2013, 20:25):
so, jetzt kann es hoffentlich hier weitergehen.

Zefira, dass dir Lohengrin und Elsa musikalisch "wie aus einer anderen Welt" erscheinen (geht mir genauso), ist doch wunderbar stimmig. Lohengrin IST ja aus einer anderen Welt. :engel
Ob man Ortrud so schrill singen "muss" wie Frau Hertitzius, kann ich nicht fundiert beurteilen. Sie gehört schon zu den schrilleren Ortruds, die ich so gehört habe, aber extreme Unterschiede zu den anderen Ortruds sind mir auch nicht aufgefallen. Da stimme ich palestrina zu: Ortrud darf ruhig - auch stimmlich - Angst einjagen. Meine erste Ortrud war Frau Rysanek in der MET-Inszenierung und besonders bei ihrem "Fahr heim, du stolzer Helde" bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut.

VG, stiffelio
palestrina (22.02.2013, 21:33):
Bevor ich mir jetzt den Lohengrin anschaue, habe ich noch meine lieblings Ortrud
angehört , Rita Gorr, auf der GA mit Leinsdorf . Die Aufnahme ist nicht berauschend
vor allem wegen Lucine Amara alsElsa, aber dann dennoch wegen Sandor Konya
ein fabelhafter Lohengrin, und mit der ganzen Gralserzaehlung!
Aber R. Gorr ist der Inbegriff einer Ortrud , zynisch und verbittert.
und dann die gehaeuchelte Demut gegenüber Elsa, einfach toll!!!!!!!

LG palestrina
stiffelio (22.02.2013, 23:13):
Rita Gorr kenne ich leider gar nicht...

Ich habe mir eben den 1. Akt aus der Scala (inkl. Interview mit Guth) nochmal angesehen und weiter werde ich heute auch nicht mehr kommen.
Mir ist aber nochmal sehr deutlich aufgefallen, wie stark Elsa in Lohengrin ihren Buder sieht. Bisher hatte ich noch nicht verstanden, warum Lohengrin nach dem Kampf mit Telramund ebenfalls zu Boden stürzt. Diesmal glaube ich es durchschaut zu haben: Lohengrin stürzt an der gleichen Stelle, an der Elsa kurz vorher pantomimisch versucht, ihren Bruder vor dem Ertrinken zu retten. Also ist es nicht nur Lohengrin, der Elsa durch den Kampf rettet, sondern Elsa rettet stellvertretend auch Lohengrin symbolisch für ihren Bruder, was ihr vorher nicht gelungen ist.
Claus Guth macht für mich im Interview aber nochmal deutlich, dass er Lohengrin nicht als reine Fantasiegeburt von Elsa sieht, sondern Lohengrin auch ein eigenes Selbst hat, das von Elsa nicht erkannt wird. Gleichzeitig betont er Lohengrin als Suchenden, als "unbeschriebenes Blatt", der seine Mission zu erfüllen versucht, aber von ihr nicht durchdrungen ist. Und das ist ein Teil dessen, vermute ich, was mich an der Inszenierung eher stört: Lohengrin einerseits als Bruder-Projektion von Elsa, andererseits als "Vakuum", was seine eigene Person betrifft - da bleibt für mich zu wenig übrig, was oder wer dieser Lohengrin nun eigentlich ist.

Wagner hat Lohengrin aus meiner Sicht ja durchaus in Richtung eines (auch mittelalterlichen Jesus-) Erlöserbildes getrimmt. Der überirdische Sohn, der kommt, um den Schwachen zu helfen, dessen Sendung bezweifelt wird (die Szene mit den Verschwörern, die nicht in die Schlacht wollen, die du, Zefira, oben angesprochen hast, ist ja fest im Libretto verankert "dem Lande will er uns entführen - solch kühn Beginnen solle ihm nicht gebühren"), der nach weltlichen Maßstäben beurteilt in dieser Welt zunächst scheitert - da sehe ich schon viele Parallelen. Und davon bleibt in dieser Inszenierung so gut wie nichts übrig, ohne dass ich bisher erkennen kann, dass Guth andere substanzvolle Inhalte an diese Leerstelle setzt.

Elsa kommt mir insgesamt weniger ekstatisch als wirklich durchgehend psychisch krank vor. Da bleibt nichts mehr von Vision, nur Halluzination. Im Zusammenhang mit Ortrud als sadistischer Gouvernante geht das freilich recht gut auf, da sehe ich durchaus starke Seiten dieser Inszenierung.

Sängerisch finde ich Dasch, Kaufmann und Pape alle wunderbar, auch Lukic als Heerrufer. Aber entweder reichen meine Lautsprecher nicht, oder Orchester und Chor produzieren an einigen Stellen doch einen recht diffusen Klangbrei...vielleicht bin ich inzwischen von meiner Bayreuth-Aufnahme 2011 (auch mit Dasch und mit Vogt und Zeppenfeld) in Bezug auf Transparenz und Präzision verwöhnt.

VG, stiffelio
Zefira (23.02.2013, 00:52):
Was den Chor betrifft, gebe ich Dir recht. Ohne zu wissen, wie es "klingen sollte", hatte ich mehrmals das Gefühl, dass Potential verschenkt wurde.

Grüße von Zefira
stiffelio (23.02.2013, 11:35):
Hallo Zefira,

wenn du dich jetzt schon für eine andere, ebenfalls nicht ganz leicht verdauliche Inszenierung bereit fühlst, dann hör doch mal hier rein: http://www.youtube.com/watch?v=9LVvWl4ENdA und http://www.youtube.com/watch?v=-8lUQL_S14U (die anderen Abschnitte gibt es auch, aber relativ kleinteilig).
Den Chor und die Transparenz vom Quintett finde ich einfach genial!

Wenn du auf Kaufmann als Lohengrin nicht verzichten willst, gibt es die gleiche Inszenierung mit Kaufmann statt Vogt ohne Video (nur Ton und Standbilder) auch hier: http://www.youtube.com/watch?v=VXwSV0sjYzg

VG, stiffelio
palestrina (23.02.2013, 20:11):
Hallo ihr lieben!
Ja, der Chor ist schon recht schlecht. Und im Quintett geht es etwas durcheinander!
Auch das Orchester ist nicht berauschend!
Und wegen der Ortrud gebe ich Zefira völlig Recht , die Stimme ist sehr Schrill und an
manchen Stellen fast unerträglich!
Aber mit der Inszenierung bin ich noch nicht weiterkommen, da sind so viele Fragen offen!

LG palestrina
Zefira (23.02.2013, 21:28):
Mich würde interessieren, ob Ortrud absichtlich so exaltiert und "hässlich" singt. Von den lieblichen Klängen der Elsa ist das weit entfernt, und mich interessiert auch, ob das nur an den Stimmen bzw. der Interpretation liegt oder ob es auch eine musikalische Entsprechung gibt. Ortrud verteidigt ja die alten Götter, steht also auch für eine andere Weltanschauung.

@Stiffelio: Ich habe auf der Suche nach anderen Interpretationen der Gralserzählung schon die entsprechende Szene aus dieser Inszenierung gefunden. Herr Vogt singt ja ganz anders als Kaufmann, viel mehr in der Maske, soweit ich das beurteilen kann, irgendwie "gerader" und weniger verschleiert im Ton, und obendrein hat er das typische Aussehen eines Wagnerhelden *ggg* Mir gefällt er gut - meine Tochter (die gerade eine Gesangsausbildung macht) meint, er sei jedenfalls kein guter Schauspieler. Allerdings müsste man wohl mehr sehen, um das abschließend beurteilen zu können. Ich werde mir diese Inszenierung noch ansehen. Allerdings fürchte ich, diese Rattengeschichte begreife ich nicht.
Danke auf alle Fälle für den Tipp! Mal schauen, ob ich morgen damit weiterkomme.

Grüße von Zefira
stiffelio (23.02.2013, 22:57):
Hallo palestrina,
eben habe ich mir den Rest vom Scala nochmal angesehen.
Eigentlich mag ich Inszenierungen, über die ich lange nachgrübeln kann, solange sie auf Schockeffekte verzichten (was diese weitgehend tut). Aber bei Guth beschleicht mich langsam das Gefühl, dass er diesmal für mich zu tief in die Psychokiste gegriffen hat. Das wird wohl nie eine meiner Lieblings-Inszenierungen werden, trotz aller Stärken, die sie auch hat.
Dennoch, magst du ein paar deiner Fragen hier formulieren? Vielleicht können wir gemeinsam doch einzelne enträtseln.

Hallo Zefira,
zu Ortrud: ich denke, von beidem etwas. Wagner hat sich vermutlich bei Ortrud keine liebliche Stimme vorgestellt (etwas Fundiertes darüber weiss ich aber nicht). Frau Herlitzius Stimmgestaltung geht m.E. an die Grenze des Erträglichen. Ich habe den Eindruck, teilweise absichtlich, aber teilweise scheint sie sich mit einige Tönen auch selbst zu überfordern. Bei Ortrud kann ich diese Art der Stimmgestaltung gefühlsmäßig akzeptieren obwohl das nur begrenzt logisch ist.
Das Verhältnis Ortrud-Elsa empfinde ich als eine der starken Seiten der Inszenierung, weil es eine denkbare Wurzel der oft als übertrieben empfundenen Wehrlosigkeit Elsas gegenüber Ortruds Intrigen nachvollziehbar beleuchtet. Ortrud ist hier ja offenbar die Frau, die Elsa schon in ihrer Kindheit getriezt hat und sie nutzt immer wieder Gesten und Handlungen (den Rohrstock, das Klavier), um Elsa in Kindheitsschemata der Unterwerfung zurück zu zwingen.
Wir können ja dann die Neuenfels-Inszenierung zu gegebener Zeit in diesen Thread hinzufügen. Da freue ich mich schon drauf :beer.

VG, stiffelio
Heike (24.02.2013, 10:18):
Hallo,
schön, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, die Beiträge zur Guth- Inzenierung hierher zu kopieren!!

wenn Lohengrin eine von Elsa produzierte Erscheinung ist, und vor allem, wenn das Volk auch noch an seine Mission glauben soll, dann ist sein optisch eher bescheidenes Auftreten nicht recht erklärlich

Ich denke nicht. dass Elsa und das Volk dieselben Wünsche an Lohengrin haben. Helden (Retterfiguren, Auferstandene, Angebetete, Idole) werden ja von jedem für etwas anderes gemacht. Elsa sucht ihren Bruder und sich selbst in ihm, daher die optisch menschliche Kreation. Das Volk wiederum sucht den Retter, huldigt und projeziert in ihn was rein, und das funktioniert natürlich nicht. Und Wagner sieht in Lohengrin wieder andere Aspekte (natürlich vor allem musikalisch), und das bleibt bei den Protagonisten tragisch auf der Strecke.
Zefira (24.02.2013, 10:24):
Und Wagner sieht in Lohengrin wieder andere Aspekte (natürlich vor allem musikalisch), und das bleibt bei den Protagonisten tragisch auf der Strecke.

Das heißt, Elsa sucht ihren Bruder und sich selbst, das Volk den Retter und Wagner den Schönsänger, und all das gleichzeitig kann der arme Mann nicht ...?

Ist das ein Scherz oder siehst Du noch diese Metaebene in der Inszenierung - in dem Sinn, dass den Charakteren bewusst ist, dass sie Teile einer Oper sind?

Sonntagsgrüße!
Zefira
Heike (24.02.2013, 10:26):
Metaebene in der Inszenierung - in dem Sinn, dass den Charakteren bewusst ist, dass sie Teile einer Oper sind
Nein, natürlich nicht. Ich sehe die Metaebene eher in Wagners allgegenwärtigem Klavier, die der Regisseur damit permanent präsent hält.

P.s. Und er zeigt, dass jeder Protagonist (oder Zuseher) aus diesem Lohengrin machen könnte, was er will bzw. was er braucht. Wagners Musik gibt irgendwie alles her, aber niemand wird allem gerecht werden.
stiffelio (24.02.2013, 14:00):
Hallo Heike und Zefira,

zum Thema: Lohengrins optisch eher bescheidenes Auftreten
In Lohengrins äußerer Erscheinung sehe ich inzwischen 100%ig (Elsas Vorstellung von) Gottfried. Das erklärt für mich auch, warum Lohengrin ständig barfuß daherkommt: Gottfried hat ja offenbar seine Schuhe bei Ortruds Anschlag verloren, siehe die Szene ganz zu Beginn, wo Ortrud das Wasser aus einem seiner Schuhe ausgießt.
Und weil Lohengrin für Elsa ein (von ihr selbst) wiedergeborener Gottfried ist, reagiert sie auch so irritiert, als am Ende des ersten Aktes sich Lohengrin UND Gottfried zu ihr an den Tisch setzen.
Vielleicht ist das auch über das Inzestverbot eine Erklärung, warum Elsa Lohengrins sexuelle Annährungsversuche im dritten Akt sehr deutlich abweist - sie möchte sich zwar von ihrem "Bruder" retten lassen und liebt ihn, aber eine sexuelle Gemeinschaft mit ihm kann sie sich nicht vorstellen?

Das Klavier als Symbol der "Musik Wagners" ist ein interessanter, allerdings auch verstörerender Gedanke: das Klavier wird hier ja ganz oft als Element der Unterdrückung benutzt und immer wieder suchen die Protagonisten vergeblich Schutz hinter ihm.
Wagners Musik als manipulatives Instrument und Schild, der letztlich nicht hält, wenn es hart auf hart kommt: das mag psychologisch gesehen ja sogar eine korrekte Analyse sein, aber die Entzauberung (nicht nur) dieser Oper ist damit natürlich komplett.

VG, stiffelio
Zefira (24.02.2013, 16:32):
Ja, einen ähnlichen Effekt habe ich schon einmal erlebt in Guths Inszenierung des Orfeo.

Die (zunächst einmal) wiedergewonnene Eurydike als bloße Projektion - das macht dem Thema "Musik überwindet die Naturgesetze" natürich den Garaus.

Es ist eine achtenswerte Interpretation, mir gefiel sie gut, aber wenn sie mein persönlicher "Einstieg" in diese Oper überhaupt gewesen wäre, hätte ich die Oper an sich nicht so lieben gelernt, wie ich es jetzt tue.

Ich habe mir übrigens die ersten zwei Teile der Neuenfels-Inszenierung angesehen.

Das Regiekonzept verstehe ich bisher nicht. Aber musikalisch gefällt es mir sehr. Besonders der Chor ist um Welten besser als der in der Scala. Frau Dasch hat allerdings in der Scala m.E. etwas besser gesungen.

Grüße von Zefira
stiffelio (24.02.2013, 17:16):
Original von Zefira
Ja, einen ähnlichen Effekt habe ich schon einmal erlebt in Guths Inszenierung des Orfeo...Es ist eine achtenswerte Interpretation, mir gefiel sie gut, aber wenn sie mein persönlicher "Einstieg" in diese Oper überhaupt gewesen wäre, hätte ich die Oper an sich nicht so lieben gelernt, wie ich es jetzt tue.
Das gilt genauso für mich und den Scala-Lohengrin. Vielleicht ist es generell eine Gefahr stark psychologisierender Konzepte, emotionale Zugänge kaputt zu machen...

zur Neuenfels-Inszenierung
musikalisch gefällt es mir sehr. Besonders der Chor ist um Welten besser als der in der Scala. Frau Dasch hat allerdings in der Scala m.E. etwas besser gesungen.
Das sehe ich ganz genauso.
Und ganz durchgestiegen bin ich durch das Ratten-Konzept sicher auch noch nicht. Aber emotional lag es mir auf Anhieb (na ja, ehrlich gesagt erst beim zweiten Anhieb :wink) deutlich näher als Guth.
Soweit ich bisher begriffen habe, geht es ganz viel um Mitläufertum (Genial umgesetzt finde ich den Anfang des zweiten Aktes, als Telramund und Ortrud offenbar schon auf der Flucht sind, aber von den Ratten - vermutlich ihren eigenen früheren Untertanen - überfallen und ausgeraubt werden). Aber gleichzeitig ist das Ganze eine Art Labor-Experiment.
Eigentlich kann ich das Ganze sehr gut mitgehen, es gibt nur 1(-2) Bild(er), die ich der Inszenierung nicht verzeihe: das Schlussbild mit Gottfried als mißgestaltetem Embryo, der seine Nabelschnur zerreißt (ein Schockeffekt, wie ich ihn gar nicht ausstehen kann). Grenzwertig auch der gerupfte Schwan am Ende des ersten Aktes. Was immer Herr Neuenfels mit diesen Bildern ausdrücken will, ich bin sicher, dass es ihm bei mir anders besser gelungen wäre. Aber die Ratten als solche haben mich überhaupt nicht gestört, im Gegenteil. Gewöhnungsbedürftig war es für mich, die Hilflosigkeit König Heinrichs derart drastisch herausgestellt zu sehen. Aber auf den zweiten Blick finde ich das sehr stimmig: Heinrich ist in dieser Oper ja wirklich für einen König ungewöhnlich hilflos, nur wird das inszenatorisch in der Regel nicht so deutlich herausgearbeitet.

VG, stiffelio
Jürgen (24.02.2013, 17:24):
Aus gegebenen Anlass werfe ich hier die Bayreuther Liveaufnahme des Jahres 1962 unter der Leitung des kürzlich verstorbenen Wolfgang Sawallisch in den Ring:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Aq4bwhDjL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/518aoMCL7dL._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/410RTV3KKVL._SL500_AA300_.jpg

Aufgrund des 200 jährigen Bestehens der Bayreuther Festspiele kamen Ende der 70er drei Sammelboxen mit den Liveaufnahmen der Opern auf den Markt. Diejenige, die den Lohengrin enthielt sehen wir links. Ich hatte als Schüler einige Zeit dafür sparen müssen.
Als günstige Wiederauflage auf CD (Mitte) schaffte ich sie mir ein zweites mal an. Rechts ein sehr altes Cover, vielleicht sogar das ursprüngliche.

Anja Silja als Elsa besticht durch ihre Jugendlichkeit. Auch die übrigen Rollen sind opulent besetzt: Astrid Varnay (Ortrud), Jess Thomas (Lohengrin), Ramon Vinay (Telramund), Franz Crass (Heinrich), Tom Krause (Heerrufer)

Die ersten Sekunden, wenn die Regler das Grundrauschen und die Geräuschkulisse des Festspielhauses einblendet, ernüchtern erstmal. Wenn aber die hohen Streicher einsetzen und das Publikum ein µ leiser wird, nehmen mich die sphärischen Klänge, ja dies Überirdische in der Musik gefangen. Sawallisch baut eine herrliche Spannung auf.
Aus diesem Grunde höre ich das Lohengrinvorspiel in dieser Einspielung lieber, als die blitz-blank-saubere Studioaufnahme unter Solti, obwohl dort musikalisch eigentlich alles richtiger erscheint.

Grüße
Jürgen
Severina (25.02.2013, 12:57):
Meine Lieben,

ich verfolge Eure Diskussion mit großem Interesse, müsste mir selber aber die Aufzeichnung noch einmal anschauen, um mehr Details als das bereits Geäußerte beisteuern zu können. (Den Ratten-Lohengrin besitze ich leider nicht selber und kann mich nur mehr in großen Zusammenhängen an ihn erinnern!)Dazu fehlt mir momentan leider die Zeit und auch die Muße.
Besonders spannend finde ich Stiffelios Erklärung für die Barfüßigkeit Lohengrins, denn das ist mir bisher nicht aufgefallen. (Dass er barfüßig ist, natürlich schon, aber die so plausible Erklärung dafür nicht! Das ist wirklich fein beobachtet!!! :down)

lg Severina :hello
palestrina (25.02.2013, 13:16):
Hallo ihr Lieben!
Sah gestern Abend ein Portrait von A. Dasch . Da ging es auch um den Lohengrin in
Bayreuth . Es kam auch Neuenfels zu Wort.
Und ich fragte mich immer was die Pfeile sollten , auf dem Mantel von Elsa, nun die
Erklärung , es sollte die Verletzlichkeit bzw . Verletzbarkeit Elsas darstellen.
Und später nahm Lohengrin sie ab, das heisst in dem Moment war Elsa beschützt !

Bis zur Katastrophe !

Und O.T. J . Kaufmann an der Scala : Er hat auch Fehler gemacht gegenüber Elsa und sich als
Held ausgespielt und dadurch hatte nicht Elsa die alleinige Schuld zu tragen!

LG palestrina
Zefira (25.02.2013, 14:55):
Und später nahm Lohengrin sie ab, das heisst in dem Moment war Elsa beschützt !

Ich habe bisher nur Teil 1 und 2 von Akt1 ansehen können, aber Elsa nahm die Pfeile selbst ab, jedenfalls die, die vorne stecken.
An die im Rücken kann sie wohl nicht heran :wink

Im Moment komme ich aus Zeitmangel nicht weiter, aber zum Wochenende hin schaffe ich bestimmt den Rest auch noch.
Dafür habe ich gestern abend mit Mimì noch einmal die ersten beiden Akte der Scala-Inszenierung gesehen. Jetzt gefällt Ortrud mir wesentlich besser. Vermutlich "hört man sich hinein" ...

Grüße von Zefira
stiffelio (25.02.2013, 18:02):
Hallo an alle,
Original von Zefira
Ich habe bisher nur Teil 1 und 2 von Akt1 ansehen können, aber Elsa nahm die Pfeile selbst ab, jedenfalls die, die vorne stecken.
An die im Rücken kann sie wohl nicht heran :wink

genau die im Rücken nimmt Lohengrin später ab. :wink

Original von palestrina
Sah gestern Abend ein Portrait von A. Dasch . Da ging es auch um den Lohengrin in Bayreuth . Es kam auch Neuenfels zu Wort.

kann man das irgendwo im Netz finden?

Original von palestrina
Und O.T. J . Kaufmann an der Scala : Er hat auch Fehler gemacht gegenüber Elsa und sich als Held ausgespielt und dadurch hatte nicht Elsa die alleinige Schuld zu tragen!

ja, das sagt JK im Pauseninterview bezogen auf Lohengrins Auspruch in der Brautnacht "aus Glanz und Wonne komm ich her". Ich kann ihm da allerdings nicht ganz folgen. Lohengrin reagiert doch damit auf Elsas angedeutete Vermutung, Lohengrin habe in der Vergangenheit etwas Schlimmes verbrochen und dürfe eshalb seinen Namen nicht nennen. Er will sie beruhigen, es geht allerdings nach hinten los. Allerdings nur, weil Elsa von Anfang an - eigentlich schon seit der Münsterszene - fest entschlossen ist, Lohengrin zwar nicht öffentlich, aber uner vier Augen nach seinem Namen und seiner Herkunft zu befragen ("Was er verbirgt, wohl brächt' es ihm Gefahren, vor aller Welt spräch' es hier aus sein Mund").
Auch den Rest vom JK-Interview finde ich zwar interessant, kann aber seine Deutung Lohengrins oft nicht teilen. Er spricht davon, Lohengrin würde Elsa bedrängen - wie und wo sollte das sein? Natürlich drängt Lohengrin in der Brautnacht zunächst versteckt, dann offener auf eine Vereinigung mit Elsa, aber das ist ja wohl normal, oder? Vorher kann ich jedenfalls nicht feststellen, dass er Elsa mehr zur Hochzeit drängt als sie ihn.
Und dann spricht er noch davon, Lohengrins Fehler sei gewesen, seine Mission und seine Emotionen nicht zu trennen (damit meint er aber offenbar nicht, er habe Elsa gar nicht heiraten sollen), er habe die Hochzeitsnacht "ruhig abwarten sollen". Hallo? Es ist Elsa, die ihn bedrängt, und darauf reagiert er spät genug, eigentlich eher zu spät.
Ich sehe Elsa keineswegs als das naive Dummerchen, als das sie oft begriffen wird, aber soo wenig "schuld" an ihrer Frage, wie JK es hier darstellt, ist sie auch nicht.

Original von Severina
Erklärung für die Barfüßigkeit Lohengrins

Danke für die Blumen, aber meine Schlussfolgerungen aus dieser "Bruderidentität" (dass Elsa Lohengrin in der Brautnacht als "Bruder" abwehrt) muss ich zumindest teilweise zurücknehmen. Ich habe mir die Szene nochmal angesehen und das gibt sie einfach nicht her. Zu Beginn, als sie nebeneinander auf dem Steg sitzen, hatte ich zunächst diesen Eindruck, aber später gehen auch von Elsa sexuelle Signale aus, die dazu nicht mehr passen. Da bin ich wohl über das Ziel hinausgeschossen.

VG, stiffelio
Zefira (25.02.2013, 19:00):
Und O.T. J . Kaufmann an der Scala : Er hat auch Fehler gemacht gegenüber Elsa und sich als Held ausgespielt und dadurch hatte nicht Elsa die alleinige Schuld zu tragen!

Ich habe das Interview gestern noch einmal gehört. Soweit ich verstanden habe, bezog sich Kaufmann auf diese Textstelle (3. Akt):

Dein Lieben muß mir hoch entgelten
für das, was ich um dich verließ;
kein Los in Gottes weiten Welten
wohl edler als das meine hieß.
Böt' mir der König seine Krone,
ich dürfte sie mit Recht verschmähn.
Das einz'ge, was mein Opfer lohne,
muß ich in deiner Lieb' ersehn!

... was im Klartext heißt: Ich habe um deiner willen eine hohe Position geopfert, also musst du jetzt dafür sorgen, dass es sich auch gelohnt hat. Elsa reagiert zu Recht gekränkt. Diese Prahlerei, meine Kaufmann, sei ein Fehler Lohengrins gewesen.

später gehen auch von Elsa sexuelle Signale aus,

Sie lagen praktisch aufeinander, Elsa mit gespreizten Beinen. Nach meiner Erinnerung war das entweder kurz bevor oder nachdem Lohengrin Telramund erschlagen hat - also ziemlich am Höhepunkt der Szene.

Grüße von Zefira
palestrina (25.02.2013, 19:27):
Nein, sie ist nicht Dumm aber doch Naiv!
Ja, Zefira du hast schon recht , aber Elsa bekam ja das Gift (Frage) so ins Hirn gesetzt von
Ortrud das sie nur das im Sinn hatte, zu fragen!
Ich bin mir sehr im Zweifel ob Lohengrin , Elsa wirklich liebt oder ob es nur Pflichtbewusstsein
ist dem Gral gegenüber und bei ihr ist es ebenfalls so, aus Dankbarkeit!
Deshalb versuchen beide sich selbst zu beluegen . Der Geschlechtsakt sollte dazu dienen
ihn nicht weiter zu betraengen DIE Frage zu stellen!
Am Anfang sah man ja Lohengrin flüchten , als der König mit ihm an den Männern vorbei
schritt , den das wollte er alles nicht!

LG palestrina
stiffelio (25.02.2013, 19:47):
Original von Zefira
Ich habe das Interview gestern noch einmal gehört. Soweit ich verstanden habe, bezog sich Kaufmann auf diese Textstelle (3. Akt):

Dein Lieben muß mir hoch entgelten
für das, was ich um dich verließ;
kein Los in Gottes weiten Welten
wohl edler als das meine hieß.
Böt' mir der König seine Krone,
ich dürfte sie mit Recht verschmähn.
Das einz'ge, was mein Opfer lohne,
muß ich in deiner Lieb' ersehn!

... was im Klartext heißt: Ich habe um deiner willen eine hohe Position geopfert, also musst du jetzt dafür sorgen, dass es sich auch gelohnt hat. Elsa reagiert zu Recht gekränkt. Diese Prahlerei, meine Kaufmann, sei ein Fehler Lohengrins gewesen.


stimmt schon, wenn man das so isoliert zitiert, steckt da doch etwas mehr Prahlerei dahinter, als ich das immer gesehen habe. Ich sehe diese Textstelle allerdings in Zusammenhang mit Elsas vorheriger Vermutung:

Wie du mich trafst vor schwerer Klage,
o wüsste ich auch dich in Not;
dass mutvoll ich ein Mühen trage,
kennt' ich ein Sorgen, das dir droht!
Wär' das Geheimnis so geartet,
das aller Welt verschweigt dein Mund?
Vielleicht, dass Unheil dich erwartet,
würd' aller Welt es offen kund?

Und Lohengrin fasst dann sein obiges Zitat mit den Worten zusammen:

Drum wolle stets den Zweifel meiden,
dein Lieben sei mein stolz Gewähr!
Denn nicht komm' ich aus Nacht und Leiden,
aus Glanz und Wonne komm' ich her!

Da steckt aus meiner Sicht nicht nur Prahlerei dahinter und auch nicht nur das nüchterne Kalkül "meine hohe Herkunft gegen deine Liebe" (obwohl Elsa das teilweise wirklich so zu verstehen scheint), sondern Lohengrin will Elsa hauptsächlich zeigen, wie sehr er sie liebt und dass sie kein Sorge haben braucht, dass er hinter seinem Inkognito ein unheilvolles Schicksal verbirgt.

VG, stiffelio
stiffelio (25.02.2013, 19:55):
Original von palestrina
Nein, sie ist nicht Dumm aber doch Naiv!

Ich bin mir sehr im Zweifel ob Lohengrin , Elsa wirklich liebt oder ob es nur Pflichtbewusstsein
ist dem Gral gegenüber und bei ihr ist es ebenfalls so, aus Dankbarkeit!


Nein, ich denke, Lohengrin liebt Elsa (oder tragischerweise eher seine Vorstellung von ihr) tatsächlich heiß und innig und Elsa umgekehrt auch.
Der Gral verlangt von Lohengrin sicher nicht, Elsa zu heiraten. Er sollte sie nur verteidigen. Die Heirat ist zuächst Elsas, dann aber auch Lohengrins Idee (Elsa hat sich bereits im Traum in ihn verliebt, Lohengrin in Elsa, als er sie bei seiner Ankunft sah).
Die Flucht Lohengrins vor der "Regierungsverantwortung" ist zwar nur in dieser Inszenierung so dargestellt, widerspricht aber dem Libretto auch nicht direkt. Lohengrin will aber auch hier Elsa, nur nicht die ganze Brabanter Regierungsherrschaft, die daran hängt. So deute ich zumindest seine Flucht.

Warum meinst du, dass Elsa naiv ist?

VG, stiffelio
palestrina (25.02.2013, 20:32):
Na ja, wenn sie ihn wirklich liebt wuerden ihre Gedanken ihr etwas anderes sagen, aber Elsa
hört lieber auf andere als ihre eigene Gedanken zu gebrauchen .
Denn sie wusste ja auf was sie sich einlässt!
Sicher kommt es vor, Liebe auf den ersten Blick, aber ich denke Lohengrin will lieber
zum Gral zurück!
Als dieses ganze Dilemma durch zustehen!
Als sie dann den Schwan erblickt, weiß sie das alles vorbei ist!

LG palestrina
stiffelio (25.02.2013, 20:57):
Original von palestrina
Na ja, wenn sie ihn wirklich liebt wuerden ihre Gedanken ihr etwas anderes sagen, aber Elsa hört lieber auf andere als ihre eigene Gedanken zu gebrauchen.
Ich denke, das Dilemma liegt tiefer. Zwar hat Ortrud auf verschiedenen Ebenen versucht, Elsa Zweifel an Lohengrin einzuimpfen, aber am schwersten traf sie der Gedanke, Lohengrin könne sie wieder verlassen. Den wurde sie nicht wieder los, weil sie merkte, dass sie nichts hatte, um Lohengrin sicher an sich zu binden. Da hätte tatsächlich nur tiefstes Vertrauen helfen können, das über Elsas Kräfte ging. Das hat aber aus meiner Sicht weder mit Naivität noch mit Dummheit etwas zu tun, sondern mit einem sehr menschlichen Kontroll- und Besitzbedürfnis. Hier sind wir ganz dicht an dem, was den Lohengrin im tiefsten Inneren für mich ausmacht.

Sicher kommt es vor, Liebe auf den ersten Blick, aber ich denke Lohengrin will lieber zum Gral zurück!
Das Libretto erzählt mir etwas anderes. Nur ein Beispiel:

Mein lieber Schwan!
Ach, diese letzte, traur'ge Fahrt,
wie gern hätt' ich sie dir erspart!

VG, stiffelio
palestrina (25.02.2013, 21:23):
Ja, Stiffelio , kann das nicht schon mit Elsa Bruder zu tun haben, der Schwan?
Denn zum Schluss erscheint ja Gottfried und der ganze Spuck ist vorbei!
Ortrud dahin und Elsa und es beginnt ein Neuanfang!!

LG palestrina
stiffelio (25.02.2013, 21:43):
Natürlich hat der Schwan mit Elsas Bruder zu tun.
Das ändert aber nichts daran, dass Lohengrin, könnte er wählen, viel lieber bei Elsa bliebe als zum Gral zurückzukehren. Es ist ja auch nicht die einzige Stelle im Libretto, an der imho glaubhaft betont wird, dass Lohengrin Elsa liebt. (Ein anderes Beispiel wäre Lohengrin nach Elsas Frage: "Weh, nun ist all unser Glück dahin!")

In der Guth-Inszenierung ist das natürlich schwierig zu beurteilen, weil schwer auseinanderzudröseln ist, wieviel von Lohengrin nur in Elsas Fantasie existiert. Aber ich bezog mich jetzt zuletzt auf Lohengrin, wie ich ihn bei Wagner verstehe.

VG, stiffelio
stiffelio (28.02.2013, 21:19):
Hallo an alle,

die Sawallisch-CDs von Jürgen haben mich verführt, hier eine DVD-Diskographie zu starten (nach Aufführungsjahr geordnet). Die Kommentare sind manchmal nur schlaglichtartig aus der Erinnerung, weil mir leider die Zeit fehlte, sie nochmal alle ganz durchzusehen.

Bayreuth 1982
König Heinrich - Siegfried Vogel
Lohengrin - Peter Hofmann
Elsa von Brabant - Karan Armstrong
Friedrich von Telramund - Leif Roar
Ortrud - Elizabeth Connell
Heerrufer - Bernd Weikl
Dirigent: Woldemar Nelssons
Inszenierung: Götz Friedrich


Während ich vom Bayreuth-Tannhäuser Götz Friedrichs restlos begeistert bin, ist mit dieser Lohengrin etwas zu kühl und steril. Insbesondere der Chor steht immer wieder hoffnungslos statisch herum. Insgesamt ist mir die Inszenierung sehr düster gestimmt in Erinnerung, ein pessimistischer Grundton zieht sich von vorne bis hinten durch die relativ abstrakte Darstellung mit angedeuteter Historisierung. Wenn Friedrich es auf einen in erster Linie beklemmenden Lohengrin angelegt hat, so es dies ihm gut gelungen.
Die Stimmen finde ich alle gut, aber keine überragend: kein Ausfall, aber auch keine mit genialer Gestaltungskraft. Der Chor ist von gewohnt überragender Bayreuth-Qualität, aber ungewohnt leise, vermutlich weil er meist seitlich zum Publikum steht.

MET 1986:
König Heinrich - John Macurdy
Lohengrin - Peter Hofmann
Elsa von Brabant - Eva Marton
Friedrich von Telramund - Leif Roar
Ortrud - Leonie Rysanek
Heerrufer - Anthony Raffel
Dirigent: James Levine
Inszenierung: August Everding


Mein erster Lohengrin spielt immer noch weit oben auf meiner Beliebtheitsskala mit. Freilich muss man für diese Inszenierung von Everding ziemlich kitschresistent sein, aber dann kann man wundervolle Bilder genießen. Der Auftritt von Lohengrin - praktisch ohne Schwan, nur ganz dezent als Stickerei auf Lohengrins Gewand - ist der schönste, den ich je gesehen habe.
Und das beste: es ist absolut keine Stehpartie, hier wird (meist) durchaus gespielt. Niemals hat mich die Szene "Seht - seht - welch ein seltsam Wunder" mehr gepackt als in dieser Inszenierung. Der Beginn der Prozession zum Münster gerät dafür leider ziemlich langweilig, weil Everding hier mehr auf Pracht und ritalisierte Bewegung als auf echte Aktion gesetzt hat. Aber unterm Strich bleibt ziemlich viel übrig, was ich mir immer wieder gerne ansehe und auch -höre. Peter Hofmann ist hier kein
genialer, aber ein guter Lohengrin, auch wenn er ziemlich ausgiebig Töne stemmt. Eva Marton gehört nicht zu meinen Lieblingssängerinnen, aber insbesondere in der Brautgemachsszene liefert sie ebenfalls eine engagierte und gute Leistung.
Leonie Rysanek ist eine hervorragende Ortrud, Leif Roar ein überzeugender Telramund und John Macurdy ein solider König. Anthony Raffel als Heerrufer ist mir stimmlich durchschlagskräftig, aber dennoch etwas blass (evtl. regiebedingt) und nicht akzentfrei in Erinnerung.

Wien 1990
Lohengrin - Placido Domingo
Elsa von Brabant - Cheryl Studer
Friedrich von Telramund - Hartmut Welker
Ortrud - Dunja Vejzovic
König Heinrich - Robert Lloyd
Dirigent: Claudio Abbado
Inszenierung: Wolfgang Weber


Auch diese Inszenierung lässt den Lohengrin konventionell im Mittelalter. Leider ist hier darstellerisch sehr viel weniger los als in der MET. Am besten - evtl. gerade wegen der darstellerischen Schlichtheit, die keinen Ehrgeiz über das Libretto hinaus entwickelt - hat mir die Schlussszene gefallen, die Gottfried in kein Regiekonzept zwängt. Stimmlich hat mir Lloyd als Heinrich am besten gefallen. Welker als Telramund ist zwar stimmlich sehr gut, aber ich vermisse den letzten Schuss Emotion in meiner Lieblingsszene mit Telramund: seine Anklage Lohengrins vor dem Münster. Mehr als er da bietet würde freilich in diese etwas lau gespülte Inszenierung auch nicht passen. Domingo ist als Lohengrin einfach nicht mein Fall, weder stimmlich noch darstellerisch. Musikalisch als Highlight ist mir die Eingangsmusik zum letzten Bild (vor Heinrichs "Habt Dank, Ihr Lieben vor Brabant") in Erinnerung geblieben, die Abbado sehr überzeugend dirigiert.

Baden-Baden 2006
Lohengrin - Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant - Solveig Kringelborn
Heinrich der Vogler - Hans-Peter König
Ortrud - Waltraud Meier
Friedrich von Telramund - Tom Fox
Heerrufer - Roman Trekel
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Dirigent: Kent Nagano
Inszenierung: Nikolaus Lehnhoff


Eine Inszenierung, die ich mir mehrfach anschauen musste, um sie schätzen zu lernen, die mir aber mittlerweile immer besser gefällt. Zu Beginn habe ich sie sehr statisch empfunden, inzwischen entdecke ich immer mehr faszinierende Details.
Lehnhoff lässt die Brabanter statt auf einem mittelalterlichen Gerichtsplatz sich in einem modernen Hörsaal versammeln. Das hat mir keine überragenden neuen Erkenntnisse vermittelt, mich aber auch nicht gestört. Lohengrin ist und bleibt hier im silbrigen Maßanzug eine überirdische, unnahbare Lichtgestalt. Seine "Menschenähnlichkeit" ist rein oberflächlich, dies ist ein echter Alien, ein Wesen aus einer anderen Welt (den Brautmarsch komponiert er im Brautgemach an einem inversen Flügel). Absolut genial passt dazu die hier geradezu körperlos "weiße" Tenorstimme von Vogt, obwohl er mir in Bayreuth unterm Strich noch wesentlich besser gefällt. Aber während Bayreuth auch mit einem anderen Tenor funktioniert, kann ich mir in Baden-Baden keinen anderen als Lohengrin vorstellen.
Zefira, wenn deine Tochter meint, dass KFV kein Schauspieltalent hat, dann sollte sie mal diese beiden Inszenierungen vergleichen. Wer Rollen so extrem unterschiedlich und dennoch jede auf ihre Weise überzeugend spielt, kann aus meiner Sicht kein schlechter Schauspieler sein.
Das Besondere für mich an dieser Inszenierung: hier ist in jeden Augenblick die Unvereinbarkeit der Welt Lohengrins und der irdischen Welt geradezu mit Händen zu greifen. Ich empfinde es so, dass Elsa im ersten Akt versucht, zur Sphäre Lohengrins aufzusteigen und Lohengrin im Anfang des dritten Aktes, zu Elsa hinabzusteigen (über die Musik als Medium? Das finde ich zumindest einen schönen Gedanken, dass es die Musik ist, die am ehesten noch Himmel und Erde verbinden kann). Beides scheitert und dies vorhersehbar, über diese Kluft führt keine Brücke hinüber.
Waltraut Meier spielt und singt eine sagenhafte Ortrud, die durch ihre Darstellung mindestens ebenso wie durch ihre Stimme überzeugt. Eine moderne Druidenpriesterin, bei der es nicht verwundern würde, wenn aus jedem ihrer Schritte ein Hinkelstein sprösse (natürlich nicht in dieser Inszenierung). Hans-Peter König als König Heinrich bleibt für mich seltsam blass, trotz an sich guter Stimmgestatung.Ähnlich gilt das auch für Solveig Kringelborn, die es trotz engagierter Darstellung schwer hat, Profil zu gewinnen. Tom Fox gestaltet den Telramund solide, aber nicht überragend. Und so sehr ich Roman Trekel als Wolfram im TANNHÄUSER schätze, als Heerrufer fehlte mir bei ihm die stimmliche Durchschlagskraft.

Bayreuth 2008
Lohengrin - Paul Frey
Elsa von Brabant - Cheryl Studer
Heinrich der Vogler - Manfred Schenk
Ortrud - Gabriele Schnaut
Friedrich von Telramund - Ekkehard Wlaschiha
Heerrufer - Eike Wim Schulte
Dirigent: Peter Schneider
Inszenierung: Werner Herzog


Vom Bühnenbild her eine Inszenierung, die mir eigentlich gefallen müsste: eine vorwiegend konventionelle Lohengrin-Auffassung, die ihn im (frühen) Mittelalter lässt, mit modernen Bühneneffekten. Leider für das Produktionsjahr mit erstaunlich viel Steh- und Rampensingen.
Den Vogel schießt Paul Frey in der Titelrolle ab. Stimmlich ein Lohengrin, der mir gut gefällt, aber mit praktisch Null schauspielerischer Darstellung (irgendwo habe ich einen Kommentar gelesen, der es leider gut trifft: "singt wie ein Gott, spielt wie ein Stück Holz"). Insgesamt ein Lohengrin zum Anhören, aber beim Anschauen schlafe ich trotz aller Laser-, Schneefall- und anderer Bühneneffekte ein.

München, 2009
Lohengrin - Jonas Kaufmann
Elsa - Anja Harteros
Friedrich von Telramund - Wolfgang Koch
Ortrud - Michaela Schuster
Heinrich - Christof Fischesser
Heerrufer - Evgeny Nikitin
Dirigent: Kent Nagano
Inszenierung: Richard Jones


Über das Inszenierungskonzept zwischen Zimmermanns-Idylle und 3. Reich ist ja schon reichlich andernorts geschrieben worden - mich überzeugt es bisher schlichtweg nicht. Wenn es mir jemand schlüssig erklären könnte, wäre ich dankbar, denn um die schönen Stimmen, insbesondere von Anja Harteros und Jonas Kaufmann ist es schade.

Bayreuth 2011
Lohengrin - Klaus-Florian Vogt
Elsa - Anette Dasch
Friedrich von Telramund - Jukka Rasilainen
Ortrud - Petra Lang
Heinrich - Georg Zeppenfeld
Heerrufer - Samuel Youn
Dirigent: Andriss Nelsons
Inszenierung: Hans Neuenfels


siehe oben und hoffentlich auch noch weitere Besprechungen in den nächsten Tagen :wink. Meine derzeitigen Lohengrin-Favoriten sind verrückterweise der aus der MET und dieser Ratten-Lohengrin, obwohl sie in vieler Hinsicht extrem gegensätzlich sind. Auf dem dritten Platz ist der Lehnhoff-Lohengrin mächtig am Aufholen.

Nach meinem Wissenstand fehlt von käuflichen DVDs nur noch der Klassenzimmer-Lohengrin von Konwitschny. Zu dem konnte ich mich noch nicht durchringen (obwohl ich das zunächst auch vom Ratten-Lohengrin geglaubt habe und dann positiv überrascht wurde). Möchte hier jemand für den eine Lanze brechen?
Oder habe ich noch eine andere Lohengrin-DVD übersehen bzw. hat jemand noch eine andere Lohengrin-Aufzeichung in akzeptabler Ton- und Bildqualität (auch den Scala-Lohengrin 2012)?

VG, stiffelio
palestrina (07.04.2013, 23:06):
War heute Abend in FFM im Lohengrin ,

Der Abend war im großen und ganzen sehr gelungen,allem voran die beiden Damen,
Camilla Nylund als Elsa und Michaela Schuster als Ortrud.
Beide sangen , was soll ich sagen, grandios ,die Nylund eine beseelte Elsa und Michaela Schuster,
war das was man sich unter einer vortrefflichen Ortrud vorstellt, super!!!!!!
Bei den Herren sah das schon anders aus,Michael König sang sehr gut ,aber sein Spiel,Na ja!
Falk Struckmann als König , keineswegs beeindruckend !
Robert Hayward als Telramund war schon sehr gut, aber ich hatte immer noch Grundheder
im Ohr.
Der einzige der eine echte Entdeckung war , ist Daniel Schmutzhard als Heerrufer gewesen!

Das Dirigat von Bertrand de Billy war super, am Anfang etwas behaebig aber ab dem 2ten
Akt war das sehr beeindruckend!
Und dann habe ich bis eben einige meiner Lieblings GA durchgehoert !
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4035122652505.jpg
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0827949040368.jpg

LG palestrina
palestrina (07.04.2013, 23:09):
Und die beste , wollte erst jetzt gezeigt werden!

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028944959123.jpg

LG palestrina
stiffelio (08.04.2013, 17:42):
Hallo palestrina,
ich entnehme deinen Favoriten, dass auch dir KFV als Lohengrin zusagt :beer.
Dgegen James King - mit ihm bin ich nie so recht warm geworden, seiner unstrittigen Berühmtheit zum Trotz (hab mir gerade sein In fernem Land..." nochmal auf YT rausgesucht). Kannst du näher beschreiben, warum eine CD mit ihm dein Top-Lohengrin ist?

VG, stiffelio
palestrina (08.04.2013, 19:23):
Hallo Stiffelio !

Das diese GA meine Liebste ist , hat nicht alleine mit James King zu tun, sondern
zum ersten mit der Tatsache das es meine erste GA des Lohengrin ist('71) und
ich völlig überwältigt von der Oper war !
Mir gefiel alles an der Interpretation , heute bin ich immer noch begeistert von der
GA als ganzes !!!!!!!
Die Darbietung ist sehr Romantisch und kommt der Oper sehr zu gute, und vor allem
die schöne , klare, reine Stimme der Janowitz ergibt eine wunderbare Elsa !
J. King ist der Romantiker als Lohengrin, und immer noch ist die Brautgemach Szene
die allerliebste von den vielen GA die ich habe. Ok, man kann die Gralserzaehlung ausgewogener

singen , aber daran mache ich nicht das ganze fest , denn trotzdem singt er sie sehr schön .
Auch seine Diktion finde ich gut und die Natuerlichkeit seiner Stimme .
Die Stimme der Janowitz und der Kings verbinden sich aufs beste(Braut.Szene).
Und Thomas Stewart ist ein fantastischer Telramund, über G.Jones als Ortrud kann
man streiten, aber heute gibt es viele die die schlechter sind .
Und Kubeliks Dirigat ergibt eine schöne einheitliche Darbietung !

LG palestrina
stiffelio (08.04.2013, 20:38):
o.k., danke für die Erklärung.
Ich möchte den LOHENGRIN auch nicht auf die Gralserzählung reduzieren, beileibe nicht, aber es war das einzige, was ich auf die Schnelle von James Kind als Lohengrin auf YT gefunden habe.

VG, stiffelio
stiffelio (13.04.2014, 18:47):
Original von Zefira
Allerdings fürchte ich, diese Rattengeschichte begreife ich nicht.


hab heute im Netz per Zufall einen Kommentar des Ratten-Lohengrins gefunden, den ich sehr interessant finde, obwohl ich die Interpretation nicht in allen Punkten teile. Aber er erklärt ganz gut, warum mir das Konzept so überraschend gut gefällt:
http://www.deutschlandradiokultur.de/von-goettern-menschen-und-ratten.1278.de.html?dram:article_id=192597

VG, stiffelio
stiffelio (26.04.2014, 17:37):
Lohengrin Wiener Staatsoper 2014

Günther Groissböck | Heinrich der Vogler, deutscher König
Klaus Florian Vogt | Lohengrin
Camilla Nylund | Elsa von Brabant
Wolfgang Koch | Friedrich von Telramund, brabantischer Graf
Michaela Martens | Ortrud, seine Gemahlin
Detlef Roth | Der Heerrufer des Königs
Mikko Franck | Dirigent
Andreas Homoki | Regie

Inszenierungsbeschreibung von Severina: Schwan alpin

Die Gedankengänge, die Homoki bewegt haben mögen, den Lohengrin in ein Alpendorf des 20. Jh. zu verlegen, sind auch mir etwas kryptisch geblieben. Gut, das "Märchen" vom Lohengrin, wie es im Interview mit Homoki betont wurde, mag in der Gegenwart bzw. nahen Vergangenheit in einem Bauerndorf noch am ehesten vorstellbar sein. Aber warum überhaupt Modernisierung, dazu blieb Homoki auch mir eine schlüssige Antwort schuldig. Ein wenig verblieb mir also der Eindruck, dass hier eine Modernisierung um der Modernisierung willen stattfand. Immerhin war man dadurch gezwungen, alte Sehgewohnheiten aufzubrechen, wenn die üblichen Mittelalterutensilien fehlen. Da die Modernisierung mich nicht groß gestört hat, mag das als Motiv ausreichen.
Im 1. Akt hatte ich den Eindruck, dass diese Inszenierung sich hauptsächlich auf Elsa und Telramund fokussiert. Die geplante und dann geplatzte Heirat zwischen diesen beiden, machte die Ouvertüre zwar kurzweilig, rückte mir die Oper aber etwas zu sehr von Lohengrin ab. Telramunds Zeichnung als die eines knurrig-cholerischen Anführer eines Alpendorfs, aber keines eigentlichen Bösewichts, wurde damit immerhin rund.
Beim Auftritt von Lohengrin hat sich Homoki optisch tatsächlich sehr stark an Guth in der Scala 2013 orientiert. Im Verlauf der Oper bekam dieser extrem schwache, hilfsbedürftige Auftritt von Lohengrin aber für mich eine ganz andere Dimension: Im Gegensatz zu der stark (für mich zu stark) psychiatrisierten Deutung von Guth gewinnt dieser Lohengrin von Homoki seine Stärke ganz wesentlich durch Elsas Glauben an ihn. Diese Interpretation wurde für mich im 3. Akt deutlich, als Elsa kurz bevor sie die Frage stellt, Lohengrin zu Boden stößt, wo er schutzlos liegenbleibt und sich zur Verteidigung gegen Telramund erst wieder zu Elsas Ausruf "Rette dich!" aufrafft. Das lag natürlich ganz auf meiner persönlichen Grundlinie: Lohengrin als eine Art himmlisches Wesen, dessen Macht und Stärke auf Erden aber davon abhängt, dass ihm vertraut wird. Gleichzeitig wurde (wie Billy schon schrieb) die Liebesbeziehung zwischen Elsa und Lohengrin stark betont, so dass Lohengrin auch interessante Züge einer Art männlichen Rusalka bekam: ein "Fremder", der aus Liebe gerne zu den Menschen dazugehören möchte. Im Gegensatz zu Severina konnte ich Lohengrin und Elsa ihre Liebesbeziehung abnehmen, wenn sie auch erotisch zurückhaltend geprägt war: hier "schwärmen" zwei (zumindest seelisch/geistig) Jugendliche füreinander, die Sexualität ist gerade erst dabei zu erwachen.
Der Gotteskampf war freilich wirklich merkwürdig, eine Illustration von Telramunds Ausspruch im 2. Akt: "Je schwächer er, desto gewalt'ger kämpfte Gottes Kraft!". Lohengrin ist hier nämlich völlig unbewaffnet, während Telramund ihn mit seinem langen Messer bedroht. So trefflich das auch den genannten Ausspruch vor Augen führt, wirft es doch ein schiefes Licht sowohl auf Telramunds Sinn für Fairness als auch auf König Heinrich, der den Kampf unter diesen Bedingungen zulässt.
Das Ende interpretiere ich ganz anders als Severina: Dann gibt’s noch allerhand Hintergründiges, etwa dass Ortrud die Herrscherinsignien, die ihr Elsa anbietet, entsetzt zurückweist nach Elsas Ausruf "Mein Gatte! Mein Gatte!" lacht Ortrud höhnisch auf, als wolle sie sagen: "Der hilft dir jetzt nicht mehr, jetzt werde ich mir hier wieder die Macht zu verschaffen wissen." Als Antwort darauf greift Elsa Horn und Schwert und hält sie Ortrud entgegen, nicht als Angebot, sondern als Drohung: "Mein Mann ist zwar nicht mehr da, aber einen Teil seiner Macht hat er meinem Bruder zurückgelassen. Hüte dich, damit ist er stark genug, dich in deine Schranken zu weisen." Es ist diese Drohung, vor der Ortrud zurückweicht wie vor einem Bann. Isbesondere dadurch, dass Elsa nicht stirbt, sondern in ihrer Macht gestärkt erscheint, ist das natürlich alles andere als ein librettogemäßer Schluss, mit dem ich aber leben kann.

Insgesamt konnte ich Homokis Handschrift, wie ich sie im Fliegenden Holländer aus Zürich kennen gelernt habe, auch in diesem Lohengrin recht gut wiedererkennen: er hat einen Hang zur liebevoll detailgetreuen Bebilderung bei seinen Verlegungen in die nähere Vergangenheit, zusammen mit einigen guten Ideen, aber es fällt mir nicht leicht, die "große Linie" in seinen Inszenierungen zu entdecken. Unterm Strich gefiel mir dieser Lohengrin wesentlich besser als sein Holländer. Das lag aber vermutlich daran, dass er meiner persönlichen Sichtweise auf diese Opern beim Lohengrin wesentlich näher kam als beim Holländer.
Auf jeden Fall würde ich mich freuen, wenn die WSO aus dieser Aufzeichnung eine DVD machen würde, denn ich würde sie gerne noch einige Male ansehen.
Hat noch jemand den Livestream gesehen? Und ihr, liebe Wiener, was habt ihr noch an Ideen zu dieser Inszenierung?

VG, stiffelio
Billy Budd (06.08.2014, 23:58):
Original von Billy Budd
Original von stiffelio
Original von Billy Budd
auch wenn ich vermutlich da aktiv nicht mitmachen kann, weil von Inszenierungen generell wenig Ahnung hab

Lieber Billy,

und ich habe generell wenig Ahnung in der Beurteilung von Gesang, deshalb habe ich mich bei den Sängern so zurückgehalten :wink.
Ich schlage dir einen Deal vor: ich schreibe hier trotz mangelnder Ahnung "frei Schnauze" wie mir die Sänger gefallen haben und du schreibst dann dafür im Lohengrin-Thread bei der Inszenierung mit, okay?

Ok! :wink
Liebe Stiffelio!
Ich bin jetzt wieder im Staatsopern-Thread auf das eben Zitierte gestoßen und habe gemerkt, daß ich trotz Deiner Erinnerungs-PN vergessen habe, meinen Teil zum Deal beizutragen ... das tut mir leid ...

Möchtest Du noch über diese Inszenierung diskutieren? Ich hab nicht so wirklich Lust darauf ... wärs für Dich schlimm, wenn wirs nicht tun? Wenn ja, kratz ich halt meine Erinnerungen an die Inszenierung nochmals zusammen. :D
Billy :hello
stiffelio (07.08.2014, 08:27):
Hallo Billy,

ich hab immer Lust auf Inszenierungs-Diskussionen, aber wenn du keine Lust hast, bringt es nichts. Aber nett, dass du nochmal gefragt hast. Die WSO scheint ihre Übertragungen leider gut "abzuriegeln", denn ich habe nie ein Fetzchen davon auf YT gefunden, kann also nur auf eine DVD hoffen.

VG, stiffelio
Billy Budd (09.08.2014, 23:07):
Liebe Stiffelio!
Ok, verschieben wir die Diskussion auf dann, wenn die Inszenierung in Wien wieder gezeigt wird (angeblich 2015/16 mit Botha), wahrscheinlich gibts dann eh wieder einen Livestream. :)

Hast Du keine Möglichkeit, die Streams aufzunehmen? Ich hab den Radiomitschnitt der Lohengrin-Premiere, aber der nützt Dir, fürchte ich, nix.

Auf Youtube hab ich das (Rosenkavalier, 1. Akt) gefunden, es könnte der Ausschnitt eines Livestreams sein, aber auch sonst irgendwie aufgezeichnet worden sein.

Es ist schade, daß die Beiträge, die Du einstellst, oft auf keine Resonanz stoßen, obwohl Du Dir damit viel Mühe machst ... ich weiß, wie das ist ... naja, in einem Monat hat die Saison 2014/15 schon begonnen, und in ihr gibt es über 40 Live-Übertragungen, also kannst Du Dich gerne unseren Diskussionen im Staatsopernthread anschließen. :hello
Billy :hello
Schweizer (20.10.2014, 22:43):
LOHENGRIN IN ZÜRICH
Vorbemerkung: Die siebte und bis im Juli 2015 vorläufig letzte Aufführung des mit Wien koproduziertem LOHENGRIN vom 18. Oktober entzieht sich aus folgendem Grund einer Normalbeurteilung: Elsa van den Heever war krank, spielte und formte mit den Lippen Elsa's Text, Emma Bell sang den Part im langen Schwarzen vom Bühnenportal aus.
Und wie die zierliche Britin sang: für mich war sie die Überraschung des Abends, da ich sie weder kannte, noch je gehört hatte. Besitzerin einer runden, warmen, ebenmässig geführten Stimme, die alle Anforderungen der Partie meisterte und mit grosser Empathie zum Ausdruck brachte. Seit Harteros im Münchner Architektengrin die erste gesanglich grossartige Elsa.
Da man sie in Zürich nicht kennt, kam sie beim Schlussbeifall zu schlecht weg, denn das Publikum applaudiert oft gemäss Bekanntheitsgrad und nicht auf Grund der Leistung.
Ich war dermassen fasziniert, dass ich öfters zum Portal und nicht auf die Bühne schaute; andrerseits empfand ich die Bühnen-Elsa als eher etwas ausdrucksarm, was höchstwahrscheinlich der speziellen Situation geschuldet war, daran lag, dass van den Heever nicht sang, das ist eine gänzlich andere, undankbare Angelegenheit/Aufgabe.

Zur Regie:
Ich hatte mit der dörflichen Grundkonzeption kein Problem: da Lohengrin ein Repertoirewerk ist, das ich wahrscheinlich bis heute schon 15-20 mal gehört und gesehen habe, darfs auch mal was anderes sein. Und die Personenführung war über weiteste Strecken des Abends spannend, gefiel mir gut. Spannend auch deshalb weil sich mir nicht alles logisch erschloss, das regt zum Nachdenken und Grübeln an.
Hervorragend war die Ankunft Lohengrins gelöst: wie sich das Dorfvolk in Trance zu drehen begann, immer schneller, immer rasender …. der Chor, Extrachor und die Zuzüger lösten diese musikalisch grossartige Stelle dermassen präzise … es war klanglich völlig überrumpelnd, da Frau Young mit dem Orchester Gas gab. Gleich danach für mich das erste Rätsel: wieso naht sich Elsa ihrem Retter, den sie im Traum geschaut und sich in ihn verknallt hat so zögerlich und danach nicht wie eine Verliebte sondern eher geschwisterlich oder gar mütterlich?
Klar und überzeugend herausgearbeitet von der Regie wie sich das Volk je nach Wind manipulieren lässt. Erst ist man mit dem anklagenden Telramund und damit feindselig gegenüber Elsa, kaum ist das Wunder geschehen, wechselt die Meute die Seite. Ich hätte mir in diesem ganzen Ambiente gewünscht, dass da noch Anzeichen von Aberglauben ins Spiel gebracht worden wären, vielleicht hab ich es auch nur nicht bemerkt? Im übrigen - das ist Meckerei auf hohem Niveau - hätte Ortrud nicht ganz so oft die Hände in die Hüften stützen müssen. Weniger wäre mehr gewesen, Petra Lang war ja mit Körperspannung und Ausdruck eh die böse Intrigantin.
Ganz klar war mir, dass Elsa aus dem Bild mit den zwei Herzen immer wieder Kraft schöpfte … kaum hatte Ortrud es zerstört, wurde Elsa unsicher, verlor an Halt und begann zu zweifeln.
Regiemässig gar nicht gefallen hat mir die Brautgemachszene: er hinten links, sie vorne rechts, man kommt nicht ein einziges Mal zusammen, auch schräg über den Tisch reckt man sich je eine Hand entgegen, kein Kontakt: völlig kalt, unerotisch und für mich unplausibel und damit langweilig, für mich verfehlt.
Interessant der Schluss: als Ortrud die Insignien der Macht ergreifen will, kommt ihr Elsa zu Gunsten ihres Bruders zuvor, was sie im Zickenkrieg als Siegerin, Ortrud als Verliererin dastehen lässt.

Zu den Sängern: Ich kann mit K.F. Vogts Stimme wenig anfangen, sie ist gar nicht mein Fall: im Piano singt er nur mit Kopfstimme, gänzlich ohne Körper, tönt für mich nach Knabensopran und wenn er loslegt wird seine Stimme zur weissen Trompete. Technisch singt er fabelhaft, er ist ein grosser Sänger und wurde mit Bravos überschüttet, mich berührt er in keinem Moment. Aber vom Typ her ist er ideal für die Rolle.
Petra Lang als Ortrud ist gesanglich grandios, Emma Bell, der König von Christof Fischesser und der Heerrufer alle Weltklasse, Telramund klar darunter/dahinter.

Frau Simone Young dirigierte einen tollen Wagner.

Gruss vom Schweizer
-

Musikalische Leitung Simone Young
Inszenierung Andreas Homoki
Bühne und Kostüme Wolfgang Gussmann
Lichtgestaltung Franck Evin
Choreinstudierung Jürg Hämmerli
Dramaturgie Werner Hintze
Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Chorzuzüger
SoprAlti
Zusatzchor der Oper Zürich

Heinrich der Vogler Christof Fischesser
Lohengrin Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant Elza van den Heever
21, 25, 30 Sep; 3, 9 Okt; 4, 8, 11 Jul
Camilla Nylund
14 Okt
Emma Bell
18 Okt
Friedrich von Telramund Martin Gantner
Ortrud Petra Lang
Der Heerrufer des Königs Michael Kraus
Severina (21.10.2014, 00:08):
Lieber Schweizer,

offensichtlich hat Homoki an der Personenführung noch etwas gefeilt, denn in Wien konnte mich auch dieser Part nicht überzeugen. Ich fand die Aufführung über weite Strecken nur langweilig (Siehe meine Rezension), obwohl ich an sich modernen Regiekonzepten ja sehr aufgeschlossen gegenüber stehe. Dass zwischen Lohengrin und Elsa jeder Anflug von Erotik für Homoki scheinbar tabu ist, habe ich auch nicht verstanden, ebenso wenig wie die mütterliche Attitude Elsas.
Es beruhigt mich übrigens, dass nicht nur ich mit Klaus Florian Vogt nur wenig anfangen kann, mein Fall ist er auch nicht. Er mag ja so aussehen, wie man sich gemeinhin einen Lohengrin vorstellt, aber ohne die entsprechende Persönlichkeit ist das ein bisschen wenig, und sein anämisches Singen berührt mich überhaupt nicht. Eine hübsche Verpackung ohne Inhalt, wäre ich gemein, würde ich sagen, eine Mogelpackung :ignore!

lg Severina :hello
stiffelio (21.10.2014, 21:35):
Lieber Schweizer,

ich muss zugeben, dass ich mich an diesen Lohengrin nicht mehr ganz scharf erinnern kann und leider ja auch keine Möglichkeit habe, mein Gedächtnis aufzufrischen. Weißt du, ob es eine Aufnahme in Zürich gab?
Warum die Liebesbeziehung zwischen Lohengrin und Elsa nur so zögerlich in Gang kommt, habe ich auch keine klare Antwort, vermute nur, dass hier eine jugendlich-erwachende Beziehung gezeigt werden soll.
Wenn ein junges Mädchem ihrem umschwärmten Idol begegnet, wird sie ihm vielleicht auch nicht sofort in die Arme fallen (zumindest in meiner Generation hätte ich das nicht erwartet :wink), sondern zwischen Nicht-Glauben-können und Schwärmen hin und her schwanken. Für die "Bemutterung" ist das natürlich keine gute Erklärung. Aber immerhin gehören zu einem Idol auch Andenken, Gegenstände, die man vergöttern kann, wie das Bild mit den zwei Herzen.

VG, stiffelio
Schweizer (26.10.2014, 19:35):
Liebe Severina,
ich fand die Personenführung trotz/ausser meiner Fragezeichen betreffend der Beziehung Lohengrin-Elsa schlüssig keineswegs langweilig: da war doch beispielsweise klar erkennbar, dass der Bürgermeister alias König in dieser Fassung Autorität hatte und nicht wie im Bayreuther Rattengrin ein völlig neben sich stehender Idiot war. Da es beide Male Fischesser war, war für mich der Zugewinn dieser Sichtweise schon mal ein gewaltiges Aktivum. Auch war dem Regiekonzept eigen, dass wer immer (Elsa angeklagt, Ortrud und Telramund nach der Ächtung) der Ehre verlustig ging, bis auf die Unterkleider entkleidet wurde. Das machte für mich *für einmal* wahrlich Sinn verglichen mit zahlreichen Inszenierungen anderer Werke, in denen Hauptakteure dem aktuellen Regietrend entsprechend sehr oft ohne logisch ersichtlichen Grund in Unterkleidern agieren müssen.
Und wenn wir schon mal bei den Kostümen sind möchte ich anfügen, dass es in letzter Zeit doch oft Klagen über graue Lumpen und/oder Alltagskleidung gegeben hat. Nun gibt es im Homoki-Lohengrin prachtvolle Trachten: und das ist auch wieder nicht recht?!?
Severina, ist es nicht denkbar, dass: a) die Generalprobe bei Dir Langeweile aufkommen liess, weil sich eventuell einige der Sänger schonten, nicht aussangen, keine Stimmung im Saal aufkam. b) dass diese Regie im kleineren Zürcher Haus besser wirkt, ich empfand sie in den besten Phasen als überrumpelnd, sie hatte Sogwirkung. c) Du vielleicht am Tag der Generalprobe "indisponiert" warst (aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es schon mal nur ein störender resp irritierender Beginn braucht um mich "ungnädig" zu stimmen.
Zudem bin ich der Meinung, dass wir in Zürich insgesamt die bessere Sängerriege beisammen hatten. Wir hatten mit Petra Lang als Ortrud und Michael Kraus als Heerrufer mal bestimmt auf zwei Positionen potentere SängerInnen als in Wien.

Gruss vom Schweizer
Schweizer (26.10.2014, 19:42):
Liebe stiffelio,
ich weiss von keiner Aufnahme: seit Homoki bei uns in Zürich Intendant ist, gab es meines Wissens noch keine einzige DVD irgendeiner Aufführung.

Was Du als mögliche Erklärung zur Beziehung Lohengrin-Elsa anbietest, passt für mich nicht auf Homoki's Arbeit, zumindest entspricht es nicht mit meinen Eindrücken, nicht wie die Darstellung bei mir ankam?!?
Gruss vom Schweizer
stiffelio (26.10.2014, 20:58):
Lieber Schweizer,

schade :I

Hast du eine Erklärung dafür, warum König Heinrich in dieser Inszenierung (gerade weil er Autorität hat) den Zweikampf Lohengrin - Telramund unter derart ungleich bewaffnéten Bedingungen zulässt? (nur Telramund hat ein Messer als Waffe)

VG, stiffelio
Schweizer (27.10.2014, 07:22):
Liebe stiffelio,
Lohengrin ist sozusagen ein Fabel-Mensch-Wesen von einem andern Planeten, der braucht keine Waffe, er kämpft ideell….
Gruss vom Schweizer
stiffelio (27.10.2014, 21:14):
Lieber Schweizer,

generell stimme ich dir zu, aber: ist sich König Heinrich darüber an dieser Stelle schon im klaren? Gerade in dieser Inszenierung kommt Lohengrin ja nicht besonders überirdisch daher, von seinem plötzlichen Auftauchen aus dem Nichts mal abgesehen.
Und der Kampf findet zudem hier sehr handfest statt, absolut nicht überirdisch, ganz anders als z.B. in der Herzog-Inszenierung Bayreuth 2008.

VG, stiffelio
Schweizer (27.10.2014, 21:48):
Liebe stiffelio, Deine Frage ist absolut berechtigt: ich gebe zu, dass mir das nicht aufgestossen ist und entsprechend weiss ich jetzt auch nimmer wie sich der König in dem Moment verhalten hat, sorry.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (27.10.2014, 22:47):
Lieber Schweizer,

wenn so wie in Wien: an dieser Stelle im Hintergrund haltend und die unterschiedliche Bewaffnung nicht kommentierend, weder gestisch noch mimisch.
Ich gestehe auch ohne weiteres zu, dass der "Durchblick" König Heinrichs, was Lohengrin betrifft, vom Libretto prinzipiell gedeckt ist ("erkenn ich recht die Macht, die dich in dieses Land gebracht, so nahst du uns von Gott gesandt"). Nur schien mir eben in diesem speziellen Fall die Inszenierung eher etwas anderes anzudeuten.
Aber ich kann ja deine Frage, was die Liebesbeziehung zwischen Elsa und Lohengrin betrifft, auch nicht befriedigend auflösen :wink.

VG, stiffelio