Robert Schumann, Variationen in Es-Dur WoO 24, sog. „Geister“-Variationen (1854)

Gamaheh (15.12.2008, 22:55):
Liebe Forenser,

Hier möchte ich eine Lanze brechen für die letzte bekannte Komposition Robert Schumanns, die vielleicht die wenigsten von Euch kennen – und sie Euch sehr ans Herz legen.

Die sogenannten Geistervariationen sind Schumanns letztes bekanntes Werk, das erst 1939 in London von Karl Geiringer veröffentlicht wurde.

In der Nacht zum 17. Februar 1854 schrieb Schumann das Thema auf, das ihm von den Geistern Schuberts und Mendelssohns eingegeben worden sei. In den folgenden Tagen schrieb er die Variationen. Mitten in dieser Arbeit stürzt er sich am 27. Februar, nur dürftig bekleidet, in die kalten Fluten des Rheins, wird aber von Fischern „gerettet“ und nach Hause gebracht; er arbeitet weiter an den Variationen und begibt sich darauf aus eigenem Antrieb in die Anstalt in Endenich. (Die letzte Variation wurde nach Ansicht einiger dort fertiggestellt.)

Schumann litt seit einigen Nächten an Gehörsaffektionen, „Er hörte immer ein und denselben Ton und dazu zuweilen noch ein andres Intervall“ (Clara Schumann, Tagebuch Februar 1854: Litzmann 2:295ff.)

Clara notiert weiter zum Datum 17.2.: „... stand Robert wieder auf und schrieb ein Thema auf, welches, wie er sagte, ihm die Engel vorsangen; nachdem er es beendet, legte er sich wieder und phantasierte nun die ganze Nacht immer mit offenen, zum Himmel aufgeschlagenen Blicken ...“ „Die nächstfolgenden Tage blieb es immer dasselbe, immer abwechselnd gute und böse Geister um ihn, aber nicht mehr immer in Musik, sondern oft nur sprechend. Dabei aber hatte er so viel Klarheit des Geistes, daß er zu dem wundervoll rührenden, wirklich frommen Thema, welches er in der Nacht des 10. sic!] niedergeschrieben, ebenso rührende, ergreifende Variationen machte.“

In Wirklichkeit bearbeitete er ein eigenes Thema, das bereits im zweiten Satz des Violinkonzertes in d-moll (1853, aber erst 1937 veröffentlicht) aufgetaucht ist. Er soll es auch in dem 1849 komponierten Lied „Frühlings Ankunft“ (Lieder für die Jugend op.79, so André) verwendet haben – ich kann es dort nicht entdecken. Im Mittelteil des Stückes „Vogel als Prophet“ aus op.82/7, Waldszenen (s. Knechtges 1985:248), ist eher eine Ähnlichkeit auszumachen.

Clara Schumann unterdrückte die Veröffentlichung dieser Komposition (wie auch des Violinkonzerts) aus nur ihr bekannten Gründen. Als Brahms das Thema 1861 für Klavier zu vier Händen variierte (sein op.23, der Schumann-Tochter Julie gewidmet), war sie schon konträr, als Brahms das Datum der Entstehung des Themas über dasselbe setzen wollte.

Weitere – schwerwiegende – Differenzen gab es Jahre später, als beide sich mit der Gesamtausgabe der Schumannschen Werke befaßten. Als schließlich 1893 ein Anhang zu dieser für die Publikation vorbereitet wurde, verschärften sich diese Differenzen. Brahms war diesmal federführender Herausgeber und wollte nicht nur endlich die (fünf vollendeten) nachgelassenen Variationen zu Schumanns op.13, den Sinfonischen Etüden, herausgeben (was er auch erreichte), sondern auch zumindest das Thema der „Variationen über den letzten Gedanken“ (auch dies setzte er schließlich durch).

Er schrieb dazuin seiner Ausgabe über das Thema: „Sagt doch gerade an dieser Stelle die leise, innige Melodie genug. Wie ein im Entschweben freundlich grüßender Genius spricht er uns an, und wir gedenken mit Verehrung und Rührung des herrlichen Menschen und Künstlers“, wie er ähnlich an Clara Schumann geschrieben hatte: „... kommt mir oft in die Gedanken, ob man als Schlußstück nicht das leise innige „Thema“ in Es-dur bringen solle. Dieser schöne letzte Gedanke winkt so rührend freundlich hinaus und zurück – Niemand hat noch solchen Abschied von unserer Erde genommen. Es müßte einfach das Datum darüber stehen, weiter nichts, es sagt genug.“ (24.10.1892, Litzmann III: 562)

Die Meinungen zu dieser letzten bekannten Komposition Schumanns sind unterschiedlich (soweit sie überhaupt einer Erwähnung für würdig erachtet wird). André (1982) scheinen sie „zu unbedeutend, um für eine Werkanalyse überhaupt in Betracht gezogen zu werden“ (S. 180) und (S. 123) „weit davon entfernt, admirables et saisissantes zu sein, sondern sind die Frucht einer stereotypen Arbeit und ohne jede Originalität“.

André sieht offenbar mit den Augen des Philisters, die Brahms meinte, als er an Clara Schumann schrieb: „Wenn man nur für die Musik extra Philister-Augen hätte, so sähe man wohl mit Bedenken, wie das Thema 4 mal im selben Tone schließt, nennte die süßen, weichen Harmonien gar süßlich weichlich und fürchtete sie in den Variationen oft wiederholt zu hören. Alles vergebens! Man taucht unter und genießt die holde Musik wie die zarte erquickende Frühlingsluft und Landschaft.“ (Litzmann III:565)

Hopf (1982:248) dagegen spricht von einer „ausdrucksstarken, technisch glänzend gemachten Komposition“ und fährt fort: „Auch sie wurde mystifiziert, ja mythologisiert, aber nicht publiziert; dabei hätte diese Komposition Generationen ein bemerkenswertes musikalisches Vergnügen bereitet.“

„Vergnügen“ ist ein verwegenes Wort für ein Werk, das so gut wie nie aufgeführt wird, da es doch als das letzte Delirieren eines geistig umnachteten Selbstmörders gilt.

Das Autograph des Themas befindet sich im Beethoven-Haus in Bonn und ist über das Schumann-Portal online zugänglich; seht es Euch dort bitte an und urteilt selbst, ob die saubere, gleichmäßige Notierung darauf hindeutet.

Ich mag diese Komposition von Schumann besonders; sie hat etwas Verklärtes und strahlt Frieden aus. Hier sind Brahms und ich uns einig (und damit ist das Werk für mich hinlänglich beschrieben) :

„Die Variationen sind doch ein merkwürdiges und unwiderstehlich bezauberndes Werk! Es ist als ob man an einem schönen sanften Frühlingstag spazierte, unter Erlen, Birken udn blühenden Bäumen, ein sanft rieselndes Wasser zur Seite. Man wird nicht satt zu genießen die ruhige, nicht warm nicht kalte Luft, das sanfte Blau, das milde Grün, man denkt nicht daß es auch Aufregung giebt und wünscht keine dunklen Wälder und schroffen Felsen und Wasserfälle in die schöne Einförmigkeit.“ (23.12.1892 an Clara Schumann, Litzmann III:565)

Aufnahmen dieses Werkes sind rar gesät. Ich habe drei und Kenntnis zweier weiterer: In der Gesamtaufnahme von Jörg Demus ist es selbstverständlich enthalten, dann eine Aufnahme von Jean-Marc Luisada auf der Scheibe, die hier seinerzeit den Preis für das schlimmste Cover beanspruchte, und eine von Andras Schiff. Darüberhinaus gibt es weitere in Gesamtaufnahmen von Michael Endres und Franz Vorraber, die ich nicht gehört habe, und Eric LeSage wird bei seiner Schumann-Gesamteinspielung sicher auch irgendwann einmal dahin kommen. Von weiteren weiß ich nicht.

Über diesem Werk scheint ein Schatten zu schweben, der, seinerzeit von der Witwe verbreitet, sich offenbar bis heute nicht verflüchtigt hat.

Im April dieses Jahres hätte Tzimon Barto dieses Werk in Hamburg im Konzert spielen sollen. Leider sagte er (aus mehr als verständlichen Gründen) ab, so daß ich es bis heute nicht „live“ gehört habe.

Kennt Ihr dieses Werk überhaupt ? Wenn ja, in welchen Aufnahmen ? Wie denkt Ihr darüber?

würde sich freuen zu hören:
Gamaheh

André, Philippe. Schumann. Les chants de l’ombre. Paris : Lattès, 1982

Knechtges, Irmgard. Robert Schumann im Spiegel seiner späten Klavierwerke. (Kölner Beiträge zur Musikforschung Bd. 142). Regensburg: Gustav Bosse Verlag, 1985.

Hopf, Helmuth. „Fehlinterpretation eines Spätstils am Beispiel Robert Schumanns“. In Alf, Julius & Joseph A. Kruse (Hrsgg.). Robert Schumann – Universalgeist der Romantik. Düsseldorf: Droste-Verlag, 1981, 238-249.

Litzmann, Berthold. Clara Schumann. Ein Künstlerleben. Leipzig: Breitkopf & Härtel. Bd. II:, 7.Aufl., 1925; Bd. III, 5.Aufl., 1923.
nikolaus (15.12.2008, 23:34):
Danke, liebe Gamaheh, für diesen neuen Faden und für diese ausführliche Einführung (schönes Wortspiel, oder?).

Ich besitze leider keine Aufnahme, und ich kann mich auch nicht erinnern, sie jemals gehört zu haben.

Nach Deinem Beitrag ist es Zeit, diesen Zustand zu änderen!

Herzliche Grüße, Nikolaus.
Rachmaninov (18.12.2008, 14:21):
Original von Gamaheh
Kennt Ihr dieses Werk überhaupt ? Wenn ja, in welchen Aufnahmen ? Wie denkt Ihr darüber?

würde sich freuen zu hören:
Gamaheh

Liebe Gamaheh,

ich bin begeistert von Deinem Beitrag. Da steckt viel Arbeit und Wissen drin und ich freue mich das Du damit auf dieses Werk aufmerksam machst.

Leider kenne ich es nicht und würde mich sehr über Empfehlungen von Aufnahmen hier freuen.

Gruß
Richard
Cetay (inaktiv) (18.12.2008, 21:24):
Liebe Gamaheh, das ist ein ganz wunderbarer und belebender Beitrag. Danke!
Auch ich habe noch nie von diesem Werk gehört, aber die Entstehungsgeschichte und die Uneinigkeit bei der Rezeption (was zumindest auf ein "interessantes" Werk hindeutet) macht neugierig.
Gamaheh (18.12.2008, 23:46):
Lieber Nikolaus, Richard und Dox Orkh,

vielen Dank für Eure Kommentare. Ich kenne - wie gesagt - nur drei Aufnahmen. Von diesen kommt meinen - und wahrscheinlich Brahmsens - Vorstellung die von Demus am nächsten; Luisada transportiert sich anscheinend in die zerrüttete, schwerstmütige Geistesverfassung, von der er bei Schumann ausgeht, um sie zu spielen; Schiff ist mir ein wenig zu munter; die richtige suche ich noch...

Ich sollte hinzufügen, daß ich über diese Variationen im Frühjahr mit Zelenka korrespondiert habe, der sie auch nicht kannte (und das will schon einiges heißen), der aber in seiner gründlichen Art sofort recherchierte und eine (übrigens schreckliche) Aufnahme des genannten Liedes fand, dort aber auch keine Ähnlichkeit feststellen konnte. Darüberhinaus fand er einen kurzen Absatz in einem englischen Schumann-Buch, der zu unterstellen scheint, Schumann habe das Thema aus einer Symphonie von Burgmüller, die er einige Jahre zuvor herausgegeben hatte. (Ich weiß leider die Details nicht aus dem Kopf, werde aber suchen.)

Grüße,
Gamaheh
Amadé (19.12.2008, 17:37):
Danke Gamaheh für Deinen willkommenen Hinweis auf Robert Schumanns letzte Schöpfung, ein Lob für die fundierten Informationen zur Entstehung sowie die Literaturhinweise. Aus meiner Sicht würde ich evtl. noch auf Siegfried Kross’ Dokumentar-Biographie „Johannes Brahms“ verweisen, in der die „Geistervariationen“ im Zusammenhang mit Brahms’ Variationen op.23 beleuchtet werden (Bonn 1997, S.354f).
Viele Pianisten machten und machen noch immer um Schumanns letztes Werk einen Bogen, die Zahl der Aufnahmen ist auch im CD-Zeitalter recht klein geblieben. In meiner Sammlung befinden sich auch nur 3 Aufnahmen, mit Andras Schiff (schon erwähnt), Anton Kuerti

http://ecx.images-amazon.com/images/I/21HQ0P3R53L._SL500_AA130_.jpg

sowie von Franz Vorraber (aus seiner Gesamtaufnahme).

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/4003913125231.jpg

Schiffs Einspielung empfinde ich als hell, kontrastreich, keinesfalls als opus ultimo verstanden, vielleicht etwas zu glatt gespielt. Eine gegenteilige Einstellung nimmt Vorraber ein: er weist in seiner viel langsamer gespielten Interpretation darauf hin, dass der Komponist nicht mehr im Vollbesitz seiner kompositorischen Kräfte war. Vieles scheint zusammengeflickt und vom Auseinanderfallen bedroht zu sein, das sollte keineswegs beschönigt werden, womit er Clara Schumanns Auffassung unterstützt, die Variationen nicht zu veröffentlichen.
Dazwischen steht die Lesart des kanadischen (mit österreichischen Wurzeln) Pianisten Anton Kuerti. Er versenkt sich kontemplativ in den Notentext, versucht jedoch im Gegensatz zu Vorraber den Zusammenhalt der 5 Variationen zu betonen, indem das Es-dur-Thema im Bass, wenn auch hier und da zurückgenommen, immer präsent bleibt. Dieser Interpretationsansatz überzeugt mich am meisten.
Hier noch die Laufzeiten:
Schiff, Label Teldec, heute bei Elatus: 10’37
Vorraber, Label Thorofon: 15’12
Kuerti, Label Analekta 11’22

Grüße Amadé
Gamaheh (01.01.2009, 23:28):
Lieber Amadé,

vielen Dank - leider viel zu spät - für Deine Beiträge. Wir scheinen ähnliche Eindrücke von Schiff zu haben, und so denke ich, daß wir die anderen auch vergleichen können: Vorraber (eine Aufnahme, die ich nicht kenne, aber von der ich weiß) scheint den gleichen Zugang zu verfolgen wie Luisada, Kürti (daß diese Aufnahme existiert, ist mir neu) einen ähnlichen wie Demus, den ich auch den anderen beiden, die ich kenne, vorziehe (er nimmt das Werk als solches ernst und geht vorurteilsfrei daran, ohne etwas Extramusikalisches aussagen zu wollen).

Hier noch als Nachtrag das Zitat aus aus Eric Frederick Jensen, Schumann (OUP, 2001), zum Geisterthema (p. 310), das mir Zelenka im Februar letzten Jahres mitteilte:

"Hymns may have offered a measure of consolation. A setting of a chorale is the only work that has survived from his years in Endenich. And the last composition he completed before his mental breakdown in February 1854 was a set of five variations for solo piano in which the theme resembles a hymn (Ex. 14.10). This is the melody that Schumann believed had been sent to him by angels. It is similar to the primary theme of the second movement of the Violin concerto. But it bears a strong resemblance as well to the opening theme of Norbert Burgmüller's Second Symphony, revised by Schumann in 1851."

Kennt jemand diese Symphonie von Burgmüller? (Ich nicht.)

Beste Grüße,
Gamaheh
Amadé (02.01.2009, 21:40):
Liebe Gamaheh,

Anklänge an das Eröffnungsthema der Burgmüller-Sinfonie sind in der Tat nicht zu überhören. Der Komponist Norbert Burgmüller (1810-1836), mit Schumann befreundet, schuf seine 2.Sinfonie D-dur op.11 in seinem letzten Lebensjahr. Der 3.Satz, ein Scherzo mit Trio, ist nur als Klavierfassung überliefert. Vom 4. Satz hat der Komponist lediglich 58 Takte als Particell hinterlassen. Eine Vollendung war fest ins Auge gefasst, scheiterte jedoch daran, dass er sich noch nicht recht im Klaren über die Musik und ihre Ausführung war.
Schumann lernte das Fragment erst 1851 in Düsseldorf kennen. Im Hinblick auf eine (von ihm geleitete) beabsichtigte Aufführung mit seinem Düsseldorfer Orchester instrumentierte er das Scherzo. Es kam jedoch nicht zu einer Aufführung, die Gründe sind mir nicht bekannt. Erst 1864 wurde das dreisätzige Stück von Carl Reinecke im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt.
Zurück zu dem Thema der Geistervariationen: Vom Kennenlernen des Burgmüller-Themas (1851) bis zur Notation seines Themas (1854) liegen knapp 3 Jahre. Nicht von der Hand zu weisen ist die Tatsache, dass sich Schumann sehr intensiv mit der Sinfonie und ihren Themen beschäftigt hat, also auch mit dem Eröffnungsthema, und dieses in seinem Unterbewusstsein präsent war, d.h., er konnte sich seiner erinnern. Wie, wann, unter welchen Umständen, kann für uns nur Spekulation bedeuten.

Grüße Amadé
Gamaheh (02.01.2009, 21:56):
Danke, Amadé, für die Erläuterungen zur Burgmüller-Sinfonie. Die muß ich wohl irgendwann auch mal versuchen kennenzulernen ...

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (02.02.2009, 22:54):
Original von Gamaheh

„Die Variationen sind doch ein merkwürdiges und unwiderstehlich bezauberndes Werk! Es ist als ob man an einem schönen sanften Frühlingstag spazierte, unter Erlen, Birken udn blühenden Bäumen, ein sanft rieselndes Wasser zur Seite. Man wird nicht satt zu genießen die ruhige, nicht warm nicht kalte Luft, das sanfte Blau, das milde Grün, man denkt nicht daß es auch Aufregung giebt und wünscht keine dunklen Wälder und schroffen Felsen und Wasserfälle in die schöne Einförmigkeit.“ (23.12.1892 an Clara Schumann, Litzmann III:565)



So, nun bin ich auch im Besitz einer Aufnahme der "Geistervariationen", nämlich mit Cédric Pescia, erschienen bei Claves .

Wie soll ich diese Aufnahme beschreiben?
Grundsätzlich bin ich mit der zitierten Beschreibung einverstanden, jedoch assoziiere ich bei Pescias Einspielung eher den Spätsommer oder Herbst, denn ich höre hier gedämpfte Töne, gedeckte Farben, nichts brillantes oder aufregendes.
Es wirkt im positiven Sinne gleichmässig (wohlgemerkt aber nicht langweilig), auch in der belebten Variation introvertiert und, ja, auch ein bisschen traurig. Ich mag sie so.
Wenn ich oben richtig gelesen habe, würde ich Pescias Interpretation in Richtung Demus und Kuerti einordnen (ohne diese gehört zu haben).
Spielzeit 12'30; das Thema, das ich natürlich schon mal gehört habe (vielleicht sogar im Violinkonzert), ist immer zu erkennen und immer präsent.

Noch Fragen?

Nikolaus.
Gamaheh (08.02.2009, 16:24):
Original von nikolaus
Grundsätzlich bin ich mit der zitierten Beschreibung einverstanden, jedoch assoziiere ich bei Pescias Einspielung eher den Spätsommer oder Herbst, denn ich höre hier gedämpfte Töne, gedeckte Farben, nichts brillantes oder aufregendes.

Lieber Nikolaus,

ich glaube, Brahms meinte den Hamburger Frühling!

Grüße,
Gamaheh
nikolaus (08.02.2009, 19:54):
Original von Gamaheh
Original von nikolaus
Grundsätzlich bin ich mit der zitierten Beschreibung einverstanden, jedoch assoziiere ich bei Pescias Einspielung eher den Spätsommer oder Herbst, denn ich höre hier gedämpfte Töne, gedeckte Farben, nichts brillantes oder aufregendes.

Lieber Nikolaus,

ich glaube, Brahms meinte den Hamburger Frühling!

Grüße,
Gamaheh

Ach so!
Na dann...
Gerion (14.03.2010, 15:08):
Original von Gamaheh
Im April dieses Jahres hätte Tzimon Barto dieses Werk in Hamburg im Konzert spielen sollen. Leider sagte er (aus mehr als verständlichen Gründen) ab, so daß ich es bis heute nicht „live“ gehört habe.


Ich möchte diesen Thread mit der so wertvollen und sorgfältigen Eröffnung von Gamaheh noch einmal hervorholen und ergänzen: Es ist seit Februar 2010 eine Einspielung der Geistervariationen mit dem von vielen hier so geschätzten Tzimon Barto greifbar:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761195116227.jpg

Ich habe die CD gekauft und das Stück bereits mehrfach gehört, meist vor dem Einschlafen, also nicht mehr ganz "wach"... :-)
Bartos Spiel und auch dieses Stück verzaubern mich jedes Mal aufs neue.

Grüße
Gerion
Zefira (14.03.2010, 17:36):
Ihr habt mich angeregt, die Noten mal wieder hervorzuholen ...
Ich habe mir das Heft irgendwann mal antiquarisch gekauft, da das Notenbild nicht allzu kompliziert aussah. Allerdings habe ich schon im zweiten Teil des Themas rhythmische Probleme (ohne das Werk je in einer Einspielung gehrt zu haben - das würde sicher helfen, trotzdem versuche ich es erst mal selbst).

Gruß von Zefira, Hausfrauenpianistin :A
Gamaheh (14.03.2010, 19:57):
Lieber Gerion,

schön, daß Du diesen Faden zum Schumann-Jahr wieder hervorgekramt hast! Die CD, die Du nennst, kenne ich noch nicht (allerdings gehöre ich auch nicht zu den großen Barto-Fans in diesem Forum); ich glaube, das war mehr oder weniger das Programm, das letztes Jahr gespielt werden sollte. Ich glaube auch, daß sie es nun dieses Jahr geben werden, weiß aber im Moment nicht, wann.

Inzwischen habe ich diese Variationen ja auch live gehört, und zwar von András Schiff (s. meinen Bericht hier).

Beste Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (14.03.2010, 20:02):
Original von Gamaheh
Ich glaube auch, daß sie es nun dieses Jahr geben werden, weiß aber im Moment nicht, wann.

Inzwischen habe ich die Daten gefunden (s. hier) :

11.6. in Hamburg
12.6. in Lübeck
13.6. in Neubrandenburg

Das wird wohl für mich nichts, denn gerade an diesen Tagen werde ich in Lille weilen, wenn alles gut geht ...

Grüße,
Gamaheh
Severina (07.06.2010, 23:01):
Kennt jemand die wahrscheinlich jüngste Einspielung der "Geistervariationen" mit Oliver Schnyder?
Piano works:
Variationen über den Namen ABEGG (Op. 1)
Davidsbündlertänze
Arabeske (Op. 18)
Gesänge der Frühe (Op. 133)
Geistervariationen

Mich würde Eure Meinung interessieren, weil ich weder eine Vergleichsaufnahme besitze, noch kompetent bin in der Bewertung von Instrumentalmusik. Ich kann mich nur auf mein Bauchgefühl verlassen, und das sagt "Wunderschön!" (Die CD läuft heute bei mir in Endloschleife! :))

lg Severina :hello
rosa (10.06.2010, 17:40):
Original von Gamaheh
Lieber Gerion,

schön, daß Du diesen Faden zum Schumann-Jahr wieder hervorgekramt hast! Die CD, die Du nennst, kenne ich noch nicht (allerdings gehöre ich auch nicht zu den großen Barto-Fans in diesem Forum); ich glaube, das war mehr oder weniger das Programm, das letztes Jahr gespielt werden sollte. Ich glaube auch, daß sie es nun dieses Jahr geben werden, weiß aber im Moment nicht, wann.
Beste Grüße,
Gamaheh


Zu Schumanns Geburtstag am 8. Juni gab es einen Bericht über diese Variationen in der Süddeutschen Zeitung, den ich so interessant finde, dass ich ihn hier zitieren möchte, auch wenn er das bereits Geschriebene auf seine Art nur zusammenfasst:

'...das leise innige Thema in Es-Dur', so erinnert sich der junge Johannes Brahms im Brief an Clara Schumann noch im fortgeschrittenen Alter an diese Variationen, Robert Schumanns letzte schriftlich fixierte Noten. In jenen Tagen des Februar 1854, da Schumann an dem Werk schrieb, geschah das Unfassbare, stürzte er sich von der Brücke in den Rhein, wurde von Schiffern gerettet, nach Hause gebracht und wenig später in die geschlossene Heilanstalt Bonn-Endenich eingeliefert. Brahms hat ihn dort wenige Tage vor seinem Tod 1856 noch gesehen: 'Dieser schöne letzte Gedanke winkt so rührend freundlich hinaus und zurück...' Das Thema der 'Geistervariationen' hat Brahms ehrerbietig zum eigenen Variationenzyklus für Klavier zu vier Händen ausgebaut.

Von Geistern umgeben glaubte sich Schumann kurz vor Ausbruch der Krankheit, das Thema hätten ihm Engel eingegeben, soll er zu Ehefrau Clara gesagt haben - eine andere Überlieferung sieht Schubert als den von Schumann genannten melodischen Einflüsterer an. Clara spricht in ihrem Tagebuch von einem 'wundervoll rührenden, wirklich frommen Thema', das variativ verarbeitet wird. Tzimon Barto (Ondine) spielt es mit allzu frei schweifender Einfühlung ins Klangkontinuum; rascher, im Rhythmus greifbarer bewältigt der Pianist und Musikologe Tobias Koch das seltsam magische Stück (Genuin), die melodische Erscheinung gewinnt Plastizität.

Fünf Variationen über eine wie aus tiefen Gedanken erwachte, elegisch grübelnde Melodie: Bewegungen, die jeden Schumannschen Aufschwungs entbehren. Sie scheinen sich nur um sich selbst drehen zu wollen, sie tendieren zur Lakonie in Schwere und Einsamkeit. Das ist ergreifend zu hören - nicht als die Musik eines Wahnsinnigen, für die sie lange gehalten wurden, sondern, wie beim späten Liszt, als Visionen von etwas Zukünftigem. WOLFGANG SCHREIBER

und hier zum Nachlesen:
http://www.sueddeutsche.de/J5v38Z/3381496/GEISTERVARIATIONEN.html

Ich habe beide Aufnahmen, die von Tzimon Barto, und die von Tobias Koch angehört. Ich höre das genau so wie Schreiber. Barto spielt eigenwillig, und streift manchmal sogar die Grenze zum Weinerlichen, Pathetischen. Ein Taktmass, oder ein Grundrhytmus ist schwer auszumachen. Dabei ist der doch vorgegeben?! Für meine Ohren kommt das der Musik gar nicht zu Gute. Tobias Kochs Einspielung ist 2007 mit Lob der Fachpresse geradezu überschüttet worden.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4260036250626.jpg

Inzwischen hat Tobias Koch sich als einer der ganz wenigen Schumann-Spezialisten profiliert, gerade ist seine vierte Schumann-CD erschienen (Klaviermusik für Kinder). Kennt jemand den Pianisten? Ich habe alle Schumann-CDs von ihm und sie gehören mit zu meinen Lieblingsaufnahmen. Völlig uneitle Interpretationen. Er spielt ja immer auf historischen Klavieren. Ob das nun gefällt oder nicht, bei den Geistervariationen benützt er einen Klems-Flügel aus Düsseldorf, genau aus der Zeit, in der Schumann das Stück dort geschrieben hat. Der Klavierbauer war mit Robert und Clara Schumann auch befreundet und es gab einen Flügel von Klems bei Schumann im Haus. Ich finde es hochinteressant, weil man sich vorstellen kann, das sich Schumann von den für ihre Zeit sehr fortschrittlichen Instrumenten hat anregen lassen. Mit diesem Flügel klingt das Stück IMO überhaupt nicht melancholisch oder düster. Es wird den Historikern ja oft nachgesagt, sie spielten eher sachlich, weil sie zügigere Tempos nehmen und deutlich artikuliationieren. Gerade bei diesem Stück ist das aber wichtig, denn das Verhältnis von Melodie zu Begleitung ist hier sehr gefährdet, weil es nie klar ist, wo die Schwerpunkte liegen. Tobias Koch spielt innig und ruhig, achtet dabei aber auf den ruhigen Fluss und vor allem macht er keine eigenwilligen Akzente wie Tzimon Barto das ständig tut.
So, das war jetzt aber genug!
Die Rosel
Leachim (11.06.2010, 22:09):
Gesucht - Gefunden (folgendes ohne Gewähr):

Die "Geistervariationen" waren das letzte Werk von Robert Schumann.
"Nachts", so Clara in ihrem Tagebuch, "stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen, und über welches er für mich ebenso rührende wie ergreifende Variationen machte".

Hier mit Jörg Demus Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=xmM6QenS3XU
und Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=YL_1k52B5ZA&feature=related

Micha
Gamaheh (22.06.2010, 22:51):
Original von Leachim
Gesucht - Gefunden (folgendes ohne Gewähr):

Lieber Leachim,

das Zitat ist (bzw. die Zitate sind) im Eingangsbeitrag in der korrekten Form wiedergegeben und referenziert.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (22.06.2010, 22:54):
Original von Severina
Kennt jemand die wahrscheinlich jüngste Einspielung der "Geistervariationen" mit Oliver Schnyder?


Mich würde Eure Meinung interessieren, weil ich weder eine Vergleichsaufnahme besitze, noch kompetent bin in der Bewertung von Instrumentalmusik. Ich kann mich nur auf mein Bauchgefühl verlassen, und das sagt "Wunderschön!" (Die CD läuft heute bei mir in Endloschleife!
Liebe Severina,

ich kenne weder die Aufnahme noch überhaupt - so muß ich zugeben - den Pianisten; ich habe die Scheibe aber kürzlich schon in einem Antiquariat gesehen, was nicht unbedingt ein gutes Zeichen ist.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (24.06.2010, 17:12):
Original von Gamaheh
Original von Gamaheh
Ich glaube auch, daß sie es nun dieses Jahr geben werden, weiß aber im Moment nicht, wann.

Inzwischen habe ich die Daten gefunden (s. hier) :

11.6. in Hamburg
12.6. in Lübeck
13.6. in Neubrandenburg

Das wird wohl für mich nichts, denn gerade an diesen Tagen werde ich in Lille weilen, wenn alles gut geht ...

Das Konzert aus Neubrandenburg wird am 5. Juli auf Radio France Musique gesendet und wird danach 30 Tage lang hier zum Nachhören zur Verfügung stehen.

Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (18.10.2011, 10:26):
gerade hörte ich die "Geister"-Variationen in der Aufnahme von D. Urgorskaja.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41VhUFLlgEL._SL500_AA300_.jpg

Im gegensatz zu vielen Werken Schumann's überkommt mich bei Kennenlernen dieses Werkes keine spontane Begeisterung für das Werk.

Das mag aber auch an Ugorskaja's sehr zurückhaltendem Spiel liegen, dass mich nicht überzeugt.
Amadé (18.10.2011, 15:45):
Welch ein Zufall, ich gerade diese CD:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41F39e4o9wL._SL500_AA300_.jpg

D. Urgorskaja ist mir bisher völlig unbekannt. :down

Gruß Amadé
Rachmaninov (18.10.2011, 15:52):
Original von Amadé
Welch ein Zufall, ich gerade diese CD:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41F39e4o9wL._SL500_AA300_.jpg

D. Urgorskaja ist mir bisher völlig unbekannt. :down

Gruß Amadé

Wie sind Deine Eindrücke bei Schiff?
Amadé (18.10.2011, 20:09):
Bei den "Geistervariationen" fehlt mir der Hintergrund des Bekannten, die einzelnen Variationen sind nicht sofort mental abrufbar, wenn man z.B. die jeweils ersten Noten hört. Das hat jedoch auch den Vorteil, dass man genauer hinhört.
Ich habe nun beide Aufnahmen Schiffs miteinander verglichen, vor einigen Jahren brachte Teldec diese CD heraus, die auch zum Schluss die Variationen enthalten:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Z6l8FbrhL._SL500_AA300_.jpg

Mein Eindruck ist, dass Schiffs Darstellung des Werkes in den dazwischen liegenden Jahren gereift ist. Die Spielzeiten liegen nicht weit auseinander, trotzdem hat man jetzt den Eindruck einer interpretatorischen Vertiefung, es scheint ihm eine Herzensangelegenheit gewesen zu sein, dieses kleine Opus noch einmal festzuhalten.

Gruß Amadé