ab (08.01.2007, 21:06): Bekanntlich hat der großartige deutsche Geheimtipp-Autor Hans Henny Jahnn mit seinem zweiten, einzigartigen Roman "Fluss ohne Ufer" ein unvergleichliches Werk 1949/50 vorgelegt, dass wie eine Sinfonie in vier Sätzen angelegt ist. http://ec2.images-amazon.com/images/P/3518396420.03._AA240_SCLZZZZZZZ_.gif
Was kennt ihr noch für Literatur, die formal nach musikalischem Vorbild aufgebaut ist? Danke!
satie (08.01.2007, 21:20): Das letzte Kapitel von James Joyces Ulysses ist angeblich eine Fuge. Allerdings habe ich es nie untersucht und weiss auch nicht, ob man einen Text wirklich so bauen kann.
cellodil (08.01.2007, 21:25): Lieber ab,
den Roman von Hans Henny Jahnn (der ja in den 70er Jahren doch auch recht populär war) kenne ich nicht. Du scheinst Dich hier ja auf Literatur, die formal (also Gliederung, etc.) an musikalischen Kompositionenen orientiert ist, beschränken zu wollen. Ich glaube, dass es da doch einige Beispiele gibt, meine mich auch zu erinnern, dass ich so etwas schon öfter gelesen habe. Mal sehen, vielleicht fällt es mir ja wieder ein.
Das, was mir gerade bei dem, was Du ansprichst, auch durch den Kopf geht, führt ein Stück von Deiner Frage weg, aber... Könnte es nicht interessant sein, sich mal Gedanken über die Gemeinsamkeiten musikalischer und literarischer Komposition(sprinzipien) zu machen? Ich denke, dass es da viele Gemeinsamkeiten, aber sicher auch Unterschiede gibt.
Grüße
Sabine
Cetay (inaktiv) (18.11.2007, 14:37): Das Klarinettenkonzert von Mozart ist zwar keine Sinfonie, aber ebenso gewichtig. Im dem Roman von Gailly bildet das Konzert die Rahmenhandlung, aber auch der Aufbau ist dem Werk nachempfunden - mit Wiederholungen, Variationen, Seitengedanken und "Sprachakrobatik" - und im Zentrum steht die gekonnt in Sprachbilder umgesetzte Beschreibung des Werkes selbst. Über den eigentlichen Inhalt hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens, der ist bei dieser Musik aus Worten eher zweitrangig.
Little_Swan (25.12.2007, 18:30): Ich habe Klaus Manns "Symphonie Pathetique" zu Weihnachten geschenkt bekommen und auch dieser Roman ist wie eine Sinfonie aufgebaut - wie Tschaikowskys 6. eben. Der Autor hält sich dabei an Tschaikowskys vorgegebene Tempi was den Verlauf der Handlung betrifft und bezieht auch den Charakter des jeweiligen Satzes in seine Sprachwahl und seinen Satzbau ein. Lesen konnte ich das Buch in so kurzer Zeit leider noch nicht ganz, bin mir aber sicher, dass es hier Leute gibt, die es kennen und vielleicht mehr darüber schreiben können. Das einzige, was ich bisher dazu sagen möchte, ist, dass es ein sehr schön geschriebenes, ergreifendes Buch ist.
Lea
Nightrider (05.08.2010, 14:43): Hallo allerseits,
Thomas Mann hat sich immer wieder auf Richard Wagner berufen, was z.B. die Verwendung von Leitmotiven angeht, und vieles andere mehr.
Buddenbrooks bezeichnet er z.B. als Nachbildung des "Rings" im "Kleinen und Komischen".
Es gibt wahrscheinlich kaum ein Buch von Mann, das sich nicht formal und inhaltlich irgendwie auf Wagner bezieht. Ich kann das nur kurz anreißen, Thomas Mann hat es selbst ausführlich reflektiert, wie man hier
edwin (18.11.2010, 15:37): Nicht direkt an musikalischen Formen orientiert, sie aber doch auch nützend schrieb Thomas Bernhard. Er zieht gewisse Wörter gleichsam motivisch durch einen Abschnitt und weist ihnen im Sprachfluss immer wieder neues Gewicht zu. Das wird am deutlichsten, wenn man diese Prosa laut liest.
Übrigens bin ich begeistert, daß Jahnn doch noch Leser findet: Für mich ist das einer der größten Autoren, den die deutsche Sprache jemals hatte, sein "Fluss ohne Ufer" ist ein Jahrhundert-Buch, das man mehrmals lesen muß - und jedesmal enthüllt es neue Facetten. :hello
Severina (18.11.2010, 15:46): Original von edwin Nicht direkt an musikalischen Formen orientiert, sie aber doch auch nützend schrieb Thomas Bernhard. Er zieht gewisse Wörter gleichsam motivisch durch einen Abschnitt und weist ihnen im Sprachfluss immer wieder neues Gewicht zu. Das wird am deutlichsten, wenn man diese Prosa laut liest.
:hello
Lieber Edwin,
mir hat einmal jemand erklärt, TB "komponiert" seine Texte nach dem Prinzip einer Fuge. Leider bin ich in solchen musiktheoretischen Dingen völlig unbeleckt :S, deshalb meine Frage an Dich: Siehst Du das genauso, und wenn ja, in welchem seiner Texte könnte auch ich Fugen-Doofie das am ehesten nachvollziehen???
lg Severina :hello
ab (18.11.2010, 15:53): Original von edwin Übrigens bin ich begeistert, daß Jahnn doch noch Leser findet: Für mich ist das einer der größten Autoren, den die deutsche Sprache jemals hatte, sein "Fluss ohne Ufer" ist ein Jahrhundert-Buch, das man mehrmals lesen muß - und jedesmal enthüllt es neue Facetten. :hello :beer wie auch Herman Bochs Die Schlafwandler oder - mehr noch in seiner sprachlichen Einzigartigkeit - Albert Vigoles Thelens Die Insel des zweiten Gesichts. :hello
Amadé (18.11.2010, 17:45): "Fluss ohne Ufer" scheint wohl augenblicklich nicht auf dem Markt zu sein. ?(
ab (24.11.2010, 10:32): Original von Amadé "Fluss ohne Ufer" scheint wohl augenblicklich nicht auf dem Markt zu sein. ?(
Tja, wer liest schon heute noch ein über 1.500 Seiten dickes, dreibändiges Werk... Auch sein Erstling, der vom Expressionismus angehauchte Roman Perrudja ist weg vom Markt. :S
Bei hoffmann und campe gabs eine schöne GA im Schuber zum 100. Geburtstag zum 17.12.1994. Danach nur mehr eine Auflage bei Suhrkamp, die heute noch in modernen Antiquariaten in den Wühlkisten billig zu finden ist.
Sehr lesenswert fand ich auch den schön gemachten Katalog zur Ausstellung, die ich dereinst gesehen hatte: Fluß ohne Ufer. Eine Dokumentation in Bildern und Texten von Hans Henny Jahnn, Sandra Hiemer, Michael Lissek, und Reiner Niehoff. :hello