dank eines lieben Bekannten :thanks bin ich in den Besitz einer Guillaume Tell-Inszenierung mit Thomas Hampson gelangt, die den Anlass zu diesem Thread gab. Sie ist unverständlicherweise :wink weder als DVD noch als CD erhältlich.
Gioachino Rossini - GUILLAUME TELL - 2003: Opéra de Paris Bastille
Guillaume Tell: Thomas Hampson Arnold: Marcello Giordani Mathilde: Hasmik Papian Walter: Wojtek Smilek Hedwige: Nora Gubisch Jemmy: Gaële Le Roi Gesler: Jeffrey Wells Melcthal: Alain Vernhes Leuthold: Gregory Reinhart Rodolphe: Janez Lotric ein Fischer: Mathias Zachariassen
Inszenierung: Francesca Zambello Dirigent: Bruno Campanella
Zur Oper: Guillaume Tell, der manchmal auch auf Italienisch als Guglielmo Tell aufgeführt wird, war Rossinis letzte Oper. Zur Entstehungsgeschichte und detailierten Handlung verlinke ich mal wieder http://de.wikipedia.org/wiki/Guillaume_Tell Die Grundzüge der Handlung dürften praktisch allen von Schiller bekannt sein: Die Schweizer stehen Ende des 13.Jh. unter drückender Habsburgischer Herrschaft, der Landvogt Geßler lässt keine Gelegenheit aus, sie zu demütigen. Im Rütlischwur schließen sich die drei Urkantone zum Widerstand heimlich zusammen. Als Geßler einen Habsburger Hut an einer Stange aufstellt und verlangt, diesen wie den Kaiser selbst zu grüßen, unterlässt Tell dies. Geßler befiehlt ihm daraufhin, seinem Sohn einen Apfel mit der Armbrust vom Kopf zu schießen, andernfalls soll er mit seinem Sohn sterben. Nach langem Ringen und anfänglichem Weigern schießt Tell - und trifft. Geßler bemerkt jedoch einen zweiten Pfeil, den Tell sich genommen hat, woraufhin Tell ihm sagt, dass dieser Pfeil für Geßler bestimmt gewesen wäre, wenn er seinen Sohn getroffen hätte. Er wird von Geßler gefangen gesetzt, entkommt aber bei Sturm auf dem See und erschießt Geßler auf seinem Weg nach Küßnacht. Die Schweizer erheben sich und befreien sich von der Habsburgischen Herrschaft.
In das Libretto zur Oper wurde außerdem noch eine Liebesgeschichte zwischen dem Schweizer Arnold und der habsburgischen Prinzessin Mathilde aufgenommen, die sich am Schluß dem Schweizer Widerstand anschließt (bzw. eine Liebesgeschichte aus dem Schillerschen Drama erheblich umgedeutet).
Der Schluss aus der Ouvertüre dürfte praktisch jedem bekannt sein (ich war überrascht, dass den selbst meine 8jährige Tochter schon kannte, ohne sagen zu können, woher): http://www.youtube.com/watch?v=c7O91GDWGPU
Ansonsten darf man seinen Schiller bei der Oper nicht zu genau im Kopf haben: Rossinis Tell ist ein nur oberflächlich ähnlicher, in vielen Zügen sogar gegensätzlicher Charakter.
Bei Schiller wird Tell zwar von seinen Landsleuten hoch geachtet, sieht sich aber zumindest selbst als alles andere als eine Führernatur. Er ist uneigennützig und hilfsbereit, aber im Wesen eher ein Einzelgänger. Ein Patriot, aber kein Fanatiker. Er würde es am Anfang vorziehen, die Habsburgische Herrschaft von selbst erlahmen zu lassen, als gegen sie zu kämpfen. Beim Rütlischwur ist er ganz bewusst nicht dabei. Selbst den Hut nicht zu grüßen, ist keine demonstrative Tat, er entschuldigt sich sogar dafür. Zum Rebellen wird er erst durch Geßlers zynischen Befehl. Tödliche Rache an einem Feind ohne dringende Notwehr lehnt er weiterhin entschieden ab.
Ganz anders bei Rossini: Tell ist von Anfang der Oper an ein glühender Patriot und Freiheitskämpfer, der unter der Schmach der Fremdherrschaft leidet, und andere aktiv zur Teilnahme am Widerstand überzeugen will. Er ist eine oder sogar DIE die treibende Kraft des Widerstandes, beim Rütlischwur ist er der offensichtliche Anführer. Die Weigerung, den Hut zu grüßen, ist eine bewusste Provokation. Tell beschließt die Oper, wie er sie begonen hat: als Anführer und Freiheitskämpfer.
Die Oper dauert in der Originalfassung satte 4 Stunden, die Inszenierung mit Hampson ist auf rund drei Stunden gekürzt - was ich persönlich bedaure, denn mit ihm als Tell hätte ich mir liebend gern auch noch eine 4. Stunde angesehen. Das ist aber tatsächlich von der Inszenierung abhängig, denn in der einzigen im Handel verfügbaren DVD der Oper, kommen aufgrund eines sehr statischen Spiels deutliche Längen auf. Mit Hampson habe ich mich dagegen keine Sekunde gelangweilt und überhaupt ist viel Bewegung in der Inszenierung, gerade auch in den Chorszenen. Insgesamt ist es eine konventionelle Inszenierung (völlig ohne moderne Umdeutungen), aber eben das Gegenteil von statisch. Dazu trägt außer Hampson auch Le Roi als Tells Sohn Jemmy bei, der (pardon: die) einem quirligen Halbwüchsigen so nahe kommt, wie es eine Frau als Darstellerin nur kann.
Am stärksten beeindrucken mich Hampson und Le Roi - und herrlich fies: Wells als Geßler - in der berühmten Apfelszene. Die Spanne vom furchtlosen Widerständler zum entsetzten, besorgten und zärtlichen Vater (ich fühlte mich deutlich an seinen Simon Boccanegra erinnert), der sich aus Sorge um seinen Sohn zur vergeblichen Demütigung überwindet und selbst nach dem erfolgreichen Schuß noch von Schuldgefühlen gequält wird, zurück zum nun erst recht furchtlosen Widerständler, gelingt Hampson bravourös. :down Zum Heulen allein sein zitterndes, halbersticktes "Geht es dir gut, mein Sohn?" nach dem Schuß, als Gemmy und die Schweizer schon seit einer Minute jubeln.(diese Szene siehe http://www.youtube.com/watch?v=RjXwKu9VIkk&feature=related , einige Minuten davor noch hier: http://www.youtube.com/watch?v=BcbBD6ygpF4&feature=related ) Aber der Höhepunkt kommt erst noch: die Soldaten zwingen ihn nach seiner endgültigen Festnahme flach vor Geßler auf den Boden. In erdrückendem Schweigen richtet sich Tell langsam wieder auf - und schleudert sein "Anathème à Gesler" (übersetzbar am ehesten mit "Bannfluch für Geßler") mit einer Vehemenz heraus, dass man mit einem Schlag begreift: hier stehen sich nicht mehr, wie zu Beginn der Szene, zwei politische Gegner gegenüber, sondern in diesem Moment hat sich Geßler seinen ganz persönlichen, erbitterten Todfeind geschaffen. Auch wenn man Schiller nicht kennen sollte, wüsste man, dass ab sofort in der Welt nicht mehr genug Platz für Tell UND Geßler ist und einer von den beiden in der Oper sterben wird. Die Schweizer verwandeln sich daraufhin in einen brodelnden Hexenkessel, das von ihnen aufgenommene "Anathème à Gesler" hat mir noch tagelang im Kopf gehämmert. Zum Schluss stehen sich Geßler und Tell, die Gesichter vielleicht noch 30-40 Zentimeter voneinander entfernt, wie zwei Leitwölfe gegenüber, die kurz davor sind, sich einander an die Gurgel zu springen. Hoffentlich wird auch diese Szene irgendwann mal in youtube eingestellt. Derzeit konnte ich dort nur noch den Operschluss finden, der auch berührend schön pathetisch ist, aber natürlich nicht mehr die Vehemenz des oben geschilderten 3. Aktschlusses entfalten kann: http://www.youtube.com/watch?v=osNDoDN_vtc&feature=related
Insgesamt mal wieder eine Operninszenierung, die eine Sternstunde für mich war!! :leb (Mehr dazu, wenn ich in weitere Aufnahmen der Oper tiefer eingestiegen bin)
VG, stiffelio
Heike (29.02.2012, 23:24): Danke für die interessante Einführung - ich kenne die Oper nicht (nur die Ouvertüre). Ich hatte nämlich eine Rossini- Allergie, bis ich den gelungenen Comte Ory in der MET- Übertragung gesehen habe.
Das klingt aber durchaus interessant. Auf jeden Fall wundert es mich jetzt schon mal, dass Rossini so lange Opern geschrieben hat! Heike
Rideamus (01.03.2012, 08:02): Da ich mich im Moment überwiegend mit anderen Dingen beschäftgen muss als den TELL zu hören, was ich lieber täte, kann ich hier vorerst leider nur auf frühere Postings in anderen Foren zurückgreifen, aber ich möchte Stiffelios dankenswerten Anstoß, sich einmal mit dieser großartigen Oper zu beschäftigen, auch nicht einfach ignorieren.
Diese letzte originale Oper Rossinis muss in unserem Musikleben, ähnlich wie die meisten Hauptwerke der „Grande Opéra“, die Rossini zusammen mit der ein Jahr älteren LA MUETTE DE PORTICI Aubers einleitete und zu einem frühen Höhepunkt führte, ein Mauerblümchendasein fristen. Opern über Volksaufstände waren eben bei der Haute Volée, die zu allen Zeiten den zahlungskräftigen Kern des Opernpublikums stellte, nie sehr beliebt, selbst wenn ihre Musik gefeiert wurde.
Der Hauptgrund für die immer seltener werdende Zahl der Aufführungen waren aber wohl der von Rossini geforderte, erhebliche Aufwand und die extrem hohen Ansprüche an die Stimmen der Protagonisten, vor allem den Tenor des Arnold, der allein in seiner Schlussarie 5 hohe C zu bewältigen hat und dabei schon zuvor enorm gefordert ist. Aber auch die anderen Partien sind allein wegen ihres Umfangs sehr anspruchsvoll, und es ist mehr als verständlich, dass, wie in der wirklich vorzüglichen pariser Aufführung, meist kräftig gekürzt wird, wenn man die Oper bringt. Diese traurige Tradition begann schon zu Lebzeiten Rossinis. Berühmt wurde eine Anekdote, in der der Direktor der Opéra Rossini auf der Straße begegnete und ihm stolz erzählte, man habe am Vorabend einen Akt aus dem TELL gebracht. "Wirklich? Einen ganzen Akt!?", soll dieser darob erstaunt ausgerufen haben. Trotzdem: bei Wagner würde kaum jemand daran denken, so zu verfahren, und seine Aufführungszahlen leiden darunter ersichtlich nicht.
Wenn jemand das angesichts der seit den 70er Jahren erfreulich intensivierten Neubewertung und Beliebtheit Rossinis verstehen kann, dann möge er es bitte hier erklären, denn ich bin dazu nicht in der Lage. Kurz gesagt: bei dem TELL handelt es sich um Rossinis in vieler Hinsicht großartigstes und progressivstes Werk, das bis hin in die Ballettpassagen eine thematische Geschlossenheit und Relevanz aufweist, die bei ihm selten ist. Hinzu kommt eine nicht nur für seine Verhältnisse einfallsreiche und enorm variable Orchesterbehandlung. Man höre nur einmal das wundervolle Finale mit dem Sonnenaufgang über den Alpen und frage sich, ob es danach wirklich noch die fast ein Jahrhundert jüngere ALPENSINFONIE brauchte um das besser zum Ausdruck zu bringen. Und das sage ich als schon fast berüchtigter Strauss-Freund.
Ähnliches könnte sich auch der ausgewiesene Rossini-Gegner Hector Berlioz gedacht haben. Er fand die Oper zwar etwas lang (zum Glück ließ sich der Komponist Berlioz von dem Kritiker Berlioz nicht immer dreinreden), ließ sich von ihr aber auch zu Begeisterungsstürmen hinreißen: „ Zu Beginn war man noch indifferent, denn dem Komponisten schien es an Einfällen zu gebrechen. Am Ende aber ist man tief bewegt. ... (Rossini) hat sich bewährt und uns mit gänzlich unerwarteten Überraschungen bewegt. Er steckt voller solcher Kontraste“. Er hielt Arnolds finale Arie „Asile héréditaire“ für das Prachtstück der Partitur. Aber selbst Richard Wagner konzedierte Tells Arie „Sois immobile“, mit der er im dritten Akt seinen Sohn beschwlört, beim Apfelschuss still zu halten eine hohe Qualität: „wie die freie Gesangslinie jedes Wort unterstreicht und durch die atemberaubende Cellostimme unterstützt wird, das erreicht de höchsten Gipfel lyrischen Ausdrucks“. (s. a. den von Stiffelio bereits eingestellten Link zu der Szene auf YouTube)
Gerne übersehen wird auch der romantische Charakter der Partitur, die verrät, dass Rossini auch den FREISCHÜTZ eingehend studiert hatte, und erst recht der für seine Zeit fast revolutionäre Charakter der Behandlung dieser Freiheitsoper, die es nicht nur im österreichisch besetzten Italien entsprechend schwer hatte und zahlreiche Umarbeitungen durchmachen musste, bevor sie sich auch in Rossinis Heimat etablieren, jedoch nie wirklich durchsetzen konnte, weil die Szene inzwischen von Verdi beherrscht wurde. Das änderte sich erst - und auch dann nur wenig - nach Riccardo Mutis bahnbrechender Ausgrabung im Maggio Musical Fiorentino und Lamberto Gardellis gleichzeitiger Studioeinspielung der französischen Fassung 1972, der 1979 die m. E. beste Aufnahme unter Riccardo Chailly folgte. Von beiden wird noch die Rede sein müssen.
Ich mag meine vielen Lieblingspassagen dieser grandiosen Oper gar nicht aufführen, weil dieser eigentlich kurz gedachte Beitrag dann viel zu lang würde. Deshalb weise ich nur darauf hin, dass die Ouvertüre zwar mit gutem Grund das beliebteste, keineswegs aber das einzig hinreißende Stück dieses Meisterwerkes ist. Man merkt ihm an, dass Rossini, der schon früh ankündigte, dass der TELL seine letzte Oper werden würde, noch einmal alles geben wollte, zu dem er fähig war und deshalb sogar am Libretto mitarbeitete, wozu er davor kaum jemals genug Zeit oder Lust hatte.
Bevor ich zu ausführlich ins Schwärmen gerate, verweise ich deshalb gleich auf die nach meiner Kenntnis führenden Aufnahmen. Auf dem offiziellen Markt gibt es als DVD einer Aufführung leider nur die Aufzeichnung der Aufführung von 1989 an der Mailänder Scala. Ich stimme Stiffelio darin zu, dass diese Aufführung trotz guter Leistungen von Giorgio Zancanaro, Cheryl Studer und Chris Merritt arg statisch geraten ist, zumal Muti für meinen Geschmack ausgerechnet bei Rossini fast immer zu rigide dirigiert. Andererseits hat man hier den klaren Vorteil einer gefälligen Inszenierung und visuell nachvollziehbaren Handlung. Leider gibt es sie derzeit nur in dem sehr attraktiven Sammelschuber mit Mutis Scala-Opern, aber wer ein günstiges Einzelexemplar auf dem Markt erwischt, wird darüber kaum unglücklich sein. Man sollte allerdings vorher auf YouTube schauen, wie einem die Ausschnitte dort gefallen.
Da Antonio Pappanos verdienstvolle DVD nur die Aufzeichnung einer konzertanten Aufführung ist, gibt es alle anderen Alternativen mit Bild und Ton leider nur auf dem grauen Markt der TV-Aufzeichnungen. Zu ihnen gehören neben der von Stiffelio zu Recht hoch gelobten, wenn auch gekürzten Aufführung aus Paris mit Thomas Hampson aus dem Jahr 2003 als erster Wahl noch zwei bildtechnisch wenig begeisternde Mitschnitte von Aufführungen aus Verona 1992 (Evelino Pido; Bruson, Merritt, Voigt) und der Mitschnitt ersten Aufführung des vollständig rekinstruierten GUGLIELMO TELL in Pesaro 1993 unter Gianluigi Gelmetti mit Michele Pertusi, Gregory Kunde und Elisabeth Norberg-Schulz.
Wer aber Rossinis Oper in einer und Qualität maßstäblichen Fassung hören will, muss sich nach wie vor mit den beiden Studioeinspielungen begnügen, die zum Glück kaum Schwächen aufweisen. Zunächst die französische Originalfassung:
Gabriel Bacquier, Nicolai Gedda, Mady Mesplé und auch Montserrat Caballé bilden da zusammen mit ihren comprimarii ein vorzügliches und auch ziemlich stilsicheres Ensemble, das wenig Wünsche offen ließe, wenn nicht ausgerechnet Lamberto Gardelli, von dem man nach seinen vorzüglichen Aufnahmen früher Verdi-Opern hätte meinen können, dass ihm diese Oper liegt, das Ganze immer wieder gar zu feierlich zelebrieren würde, als spiele er zum Schweizer Nationalfeiertag auf. Natürlich geschieht das auf sehr hohem Niveau, und ich wäre wohl zufriedener damit, hätte ich die Oper nicht vorher in der überwältigenden Realisierung durch Riccardo Chailly mit einem Pavarotti der Extraklasse (selbst für seine damaligen Verhältnisse) und seinen fast ebenbürtigen Partner(inne)n Mirella Freni, Della Jones, Nicolai Ghiaurov und einem blendend aufgelegten Sherrill Milnes lieben gelernt.
Auch wenn diese Aufnahme nach wie vor nicht billig ist, sie ist jeden einzelnen Cent und mehr wert und gehört für mich so eindeutig zu den Unverzichtbaren, dass ich sie ausnahmsweise der authentischeren Originalfassung vorziehe.
Zu dem Stück gibt es übrigens eine hochinteressante, wenn auch aus einer anderen Welt als Rossinis Oper stammende, Alternative von André-Ernest-Modeste Grétry. Die hatte ihre Uraufführung schon 1791, also bereits zwei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille und einige Zeit vor Schiller (1804) und Rossini (1829). Trotz ihrer relativen Kürze nimmt sie bereits den Aufbau der schillerschen Handlung in wesentlichen Details vorweg, so dass man meinen möchte, dass Schiller Grétrys Oper gekannt hat (Rossinis Librettisten war sie bestimmt bekannt), als er gut zehn Jahre später mit der Arbeit an seinem Drama begann. Auch Grétrys GUILLAUME TELL wäre mal eine eingehendere Beschäftigung wert, aber solange es da nur zwei relativ schwer zu bekommende Rundfunkmitschnitte gibt, dürfte das Interesse an dieser Oper über den schweizer Nationalhelden und beinahe Kindsmörder wider Willen eher begrenzt bleiben.
:hello Rideamus
stiffelio (01.04.2012, 21:22): endlich komme ich dazu, auch meine Eindrücke von zwei anderen Tell-Inszenierungen hier einzustellen:
zunächst die Fassung, auf die Rideamus sich vermutlich bezogen hat der Mitschnitt ersten Aufführung des vollständig rekinstruierten GUGLIELMO TELL in Pesaro 1993 unter Gianluigi Gelmetti mit Michele Pertusi, Gregory Kunde und Elisabeth Norberg-Schulz Es handelt sich allerdings um die originale französischsprachige Version, also den GUILLAUME (nicht GUGLIEMO) TELL und sie ist nach meinen Internet-Informationen von 1995
Tell - Michele Pertusi Arnold - Gregory Kunde Walter - Ildebranco D'Arcangelo Melchtal - Frode Olsen Leuthold -Eldar Aliev Gessler - Riccardo Ferrari Rudolf - Jeffrey Francis Jemmy - Elizabeth Norberg-Schulz Mathilde - Daniela Dessi Hedwig - Monica Bacelli Fischer - Paul Austin Kelly Dirigent: Gianluigi Gelmetti RSO Stuttgart - Prager Kammerchor - Philharmonischer Chor Warschau Regie: Pier Luigi Pizzi Pesaro 1995
In dieser Inszenierung kommt Michele Pertusi an Hampson vom schauspielerischen Ausdruck her zwar nicht heran, aber das kann man ja auch kaum verlangen. Er singt und spielt einen guten, in sich stimmigen und überzeugenden Tell, der auch optisch noch mehr in der schweizerischen Gemeinschaft aufzugehen scheint (bei Hampson steht praktisch immer seine herausgehobene Führerrolle im Vordergrund). Dass ich mir meine Lieblingsszene der Pariser Inszenierung in dieser Aufzeichnung dennoch kaum anschauen mag, liegt demzufolge auch weniger an Tell sondern an Jemmy. Es gibt möglicherweise kaum etwas Schwieriges, als diese Rolle adäquat zu besetzen und ich weiss die Leistung von Le Roi (neben ihren rein physischen Voraussetzungen) in Paris 2005 jetzt erst richtig zu schätzen. Denn was nützt es, die Rolle stimmlich zu bewältigen, wenn jede Bewegung, jede Geste ebenso deutlich wie der Körperbau die erwachsene Frau, wenn nicht sogar die Operndiva verraten. Elizabeth Norberg-Schulz hat gegen Le Roi aus Gründen, für die sie mehrheitlich nicht verantwortlich ist, nicht die geringste Chance. Da wäre mir Jemmy als Tochter von Tell umgedeutet (wie kürzlich in der Nürnberger Inszenierung) tatsächlich noch lieber gewesen. Umso mehr, als Jemmy eine große Arie in der Apfelszene gegönnt wird, die ich noch in keiner anderen Aufnahme (einschließlich der Tonaufnahme von Chailly, auf die ich ein anderes Mal eingehen möchte) gesehen oder gehört habe. Der größte Trumpf im Team ist für mich Gregory Kunde als Arnold. Auch wenn mir Giordani in Paris durchaus gefallen hat - bei Kunde kommen die meisten Spitzentöne noch müheloser und auch schauspielerisch fällt er gegen Giordani keinesfalls ab. Bei Mathilde habe ich keine klare Präferenz. Daniela Dessi gefällt mir eher besser als Papian, aber am liebsten würde ich June Anderson mal in dieser Rolle erleben. Wer an den Tell mit Hampson nicht herankommt, dem würde ich diese Inszenierung empfehlen, zumal sie komplett auf youtube einsehbar ist. Im über 5stündigen Link der gesamten Oper http://www.youtube.com/watch?v=4NufaurLuCw sind Ton und Bild leider ab ca. 45 min desynchronisiert, aber ab hier http://www.youtube.com/watch?v=ozBg87fX8-8 kann man sich in Schnipseln durch die gesamte Oper klicken.
Bei der einzigen käuflichen Tell-Inszenierung auf DVD handelt es sich dagegen tatsächlich um den GUGLIELMO TELL (also die italienische Fassung):
Tell - Giorgio Zancanaro Arnold - Chris Merritt Walter - Giorgio Surjan Melchtal - Franco de Grandis Jemmy - Amelia Felle Hedwig - Ludicana D'Intino Fischer - Vittorio Terranova Leuthold - Alberto Noli Gessler - Luigi Roni Mathilde - Cheryl Studer Rudolf - Ernesto Gavazzi Dirigent: Riccardo Muti Regie: Giulio Bertola Teatro alla Scala, 1988
Zunächst ist zu sagen, dass es sie auch einzeln zu kaufen gibt und sie zumindest in dieser Fassung:
anders als bei A...n angegeben sogar über englische Untertitel verfügt. Sie erinnert vom "Spielerischen" her in weiten Strecken allerdings nahezu an eine konzertante Aufführung mit (teilweise auch noch leicht wackelnden) Filmen von Schweizer Naturkulissen im Hintergrund :( . Dazu kommt, dass ich mir Dutzende von Rollen vorstellen kann, in denen mir Giorgio Zancanaro sehr gut gefallen würde, aber für den Tell finde ich ihn mit seinem ständig leicht aristokratischen Gebaren leider fehl am Platz (rein stimmlich habe ich nichts auszusetzen). Chris Merritt bewältigt den Arnold stimmlich ebenfalls sehr gut, wobei Kunde mir trotzdem vom Timbre her leicht und vom Darstellerischen her sowieso deutlich besser gefällt. Immerhin ist Merritt in der Rolle des Arnold rein optisch keine absolute Fehlbesetzung. (OT: mein erstes Erlebnis mit ihm war in "I Vespri Siciliani", wo er schon als sizilianischer Widerstandskämpfer eine optische Katastrophe war und als Sohn von Zancanaro leider endgültig eine Lachnummer). Größter darstellerischer Schwachpunkt ist aber auch hier mal wieder Amelia Felle als Jemmy (Gründe identisch wie in der Pesaro-Inszenierung). Von den restlichen Rollen ist mir keiner besonders positiv oder negativ aufgefallen. Insgesamt muss ich diese DVD trotz sicher guter stimmlicher Leistungen im Vergleich mit Paris und Pesaro leider auf den letzten Platz verweisen. Wer sie sich trotzdem zulegen möchte, kann sie ab hier http://www.youtube.com/watch?v=B06LnMmGXMc&feature=related komplett einsehen.
Ein Live-Mitschnitt des GUGLIELMO TELL mit Renato Bruson aus Verona 1992 ist zwar hier http://www.youtube.com/watch?v=kpk8D0IpK2o&feature=fvwrel komplett einsehbar, aber vom Bildtechnischen her leider wirklich kein Vergnügen, vom Ton her höchstens gerade noch o.k. und von der Inszenierung/Darstellung her kein solcher Wurf, dass das die Mängel ausgleichen würde. Ein weiterer Mitschnitt des GUILLAUME TELL aus Paris 1989 http://www.youtube.com/watch?v=OIFQr-2E6Wo&feature=related ist dann bild- und tontechnisch endgültig eine Katastrophe. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die DVD-Produzenten dieser wunderbaren Oper nochmal mit etwas mehr Liebe annehmen.
VG, stiffelio
Amonasro (23.12.2012, 18:24): Schön, dass es auch zu dieser nicht so bekannten Oper einen Thread gibt!
Ich besitze die Decca-Aufnahme unter Chailly. Ich habe leider keine Vergleichsmöglichkeiten, aber ich bin sehr zufrieden. Die Oper selbst gehört mittlerweile zu meinen Lieblingsopern. Die Musik ist einfach umwerfend. Nur schade, dass sie so selten gespielt wird.
Gruß Amonasro
stiffelio (21.04.2013, 08:40): TELL-Fans und Hampson-Fans aufgepasst!! Aktuell (und wer weiß, wie lange noch) gibt es den TELL mit Hampson aus Paris 2003 auf YT: "http://www.youtube.com/watch?v=DZsMRyrBt7Q" "http://www.youtube.com/watch?v=0XxOZBUxgsQ" Ich kann ihn nach wie vor nur empfehlen. Schaut hinein, es lohnt sich! Besonders die oben beschriebenen Szenen (3. Aktschluss).
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man auch die vollständigere Aufführung aus Pesaro 1995 derzeit auf YT in akzeptabler Qualität finden kann: "http://www.youtube.com/watch?v=aYb0ReugQZY" "http://www.youtube.com/watch?v=v7WwCv3zAjk"