Peter Brixius (07.12.2010, 10:59): Der Triumph seiner Oper am (gehassten) Hof ließ Jean-Jacques Rousseau kommentieren:
Ich lieferte mich bald und ohne Vorbehalt dem Vergnügen aus, meinen Triumph zu genießen. Dennoch bin ich sicher, dass in jenem Augenblick mehr eine sexuelle Begierde als die Eitelkeit des Autors mich erfüllte. (Rousseau: Confessions zit. nach Schreiber I,334)
Für Schreiber (Die Kunst der Oper I, a.a.O) ist diese Begierde Teil einer selbstbewussten Ichwerdung und Teil eines Machtanspruchs an die Gesellschaft. Mit der Oper Le Devin du Village verbindet sich ein Sprengsatz, der über den Untergang des Ancien Régimes hinausführt. Das Bewusstsein dafür ist leider lange Zeit verloren gegangen, dass die Neueinspielung unter Reize dies wieder einholt, wäre zu wünschen.
- auch den Weg zu Mozarts Fassung "Bastien und Bastienne" ein wenig besser kennen.
Aber schon der Anfang wurde wegen des bald ausbrechenden "Buffonistenstreit" gerne falsch zugeordnet (woran Rousseau mit seiner Darstellung in den Confessions nicht ganz unschuldig ist). Der Buffonistenstreit ging um eine italienische Oper mit ähnlicher Sprengkraft, die von einer italienischen Truppe am 1. August 1752 ausgelöst worden war
Pergolesis "La serva padrona"
Allerdings war Rousseaus Oper schon im März 1752 entstanden und hatte nicht etwa die Funktion einer Adaption von Pergolesi. Es war Rousseaus Liebe zur italienischen Oper, die ihn bewog ein Gegenstück zu schreiben, das allerdings gegenüber Pergolesis Stück seine eigenen Züge hat. Das Wer Pergolesis entstand als Intermezzo zu seiner dreiaktigen Opera seria Il prigionier superbo, ist also zweiaktig, wie die vielen Intermezzi, die nach seinem Vorbild entstehen. Rousseaus Intermède ist einaktig, von vorne herein für eine eigene Vorstellung gedacht und auch so aufgeführt. Musikalisch wichtig ist auch seine Orientierung am französischen Volkslied, auf die ich im Thread noch eingehen werde.
Rousseau war auch alles andere als musikunerfahren. Er war nicht nur ein Notenkopist, der immerhin ein neues Notationsverfahren erfand, sondern er hatte schon vor "Le devin du village" u.a. eine Oper und einige Ballette geschrieben. Er gehört zu den großen Amateuren, die die Aufklärungszeit hervorgebracht hat, im Doppelsinn des Wortes, ein anderer ist für immer mit Pergolesi verbunden, dessen herrlichen "Concerti armonici" eben nicht von Pergolesi, sondern von einem holländischen Diplomaten namens Unico Wilhelm van Wassenaer komponiert waren.
Über die einzelnen Musikstücke möchte ich im folgenden berichten. Hier noch kurz die Geschichte der Uraufführung. Sie fand am 18.10.1752 in Fontainebleu statt. Vorher hatte es einen erbitterten Kampf gegeben, ob die Oper am Hof oder in der Pariser Oper uraufgeführt werden sollte, dem Vernehmen nach soll es gar ein Duell gegeben haben. In Fontainebleau mussten die Rezitative wegen ihres innovatorischen Charakters ersetzt werden, erst die Erstaufführung an der Pariser Oper (1.3.1753) stellt wieder die ursprüngliche Partitur her. Rousseau weigerte sich vor dem König zu erscheinen, seine Abwesenheit kostet ihn Geld, wahrscheinlich sogar eine Pension. Die höfische Gesellschaft ist begeistert, der König singt tagelang das Eingangslied der Colette "J'ai perdu mon serviteur", am Hofe leidet man mehr um Colette als um Venus. Es folgten eine Reihe von Privataufführungen im Umkreis des Hofes, darunter eine in Choisy, wo Madame de Pompadour die Colette sang.
Liebe Grüße Peter
P-S. Über die genannten Einspielungen hinaus gibt es noch die unter Clemencic
Peter Brixius (08.12.2010, 13:37): ]Bevor Rousseau "Le devin du village" schrieb, hatte er schon einiges komponiert. Doch hatte er, als er sich im Dienste des französischen Botschafters in Venedig aufhielt, die italienische Oper kennen gelernt - und war von ihrem Stil begeistert. Er bildete sich ein neues Ideal der Oprenmusik - die früheren Werke, die im Stil von Lully und seinen Nachfolgern geschrieben worden waren, genügten seinem Anspruch nicht mehr.
Ein Kuraufenthalt 1751 in Passy brachte die Wende. Er lebte bei einem Freund mit Namen Mussard, den er noch aus Genf kannte. Bei ihren Diskussionen um die Opera buffa kam ihm die Idee, eine französische Opera buffa zu schreiben. brachte am nächsten Morgen geschwinde einiges an Versen zu Papier, die ich auf die Melodien zuschnitt, die mir bei der Niederschrift der Worte beikamen. (Confessions)
In wenigen Tagen war das Libretto geschrieben und die Musik skizziert, nach wenigen Worten die Oper schon weitgehend aufführungsbereit. Die Freunde in Passy waren ebenso begeistert wie die in Paris. Nachdem ein Freund es anonym an der Oper hatte proben lassen und das Werk bestand, wurden die Operndirektoren informiert. Schon am nächsten Tag sprach ganz Paris in freudiger Erwartung über das Werk - und es ergab sich der Streit zwischen Duclos, der die Proben veranlasst hatte, und dem Vertreter des Hofes, der das Stück dort aufführen lassen wollte.
Seit Louis XIV. definierte sich der Hof u.a. über seine kulturellen Aktivitäten, die nicht nur in der Rezeption und passiven Teilhabe bestanden, sondern von vorne herein auch eigene künstlerische Produktionen beinhalteten, von der Tanzkunst von Louis XIV bis - in unserem Fall - den Sangeskünsten des Königs Louis XV und seiner Maitresse, die aber - soweit es die Höflichkeit gestattete, eine Meinung darüber der Nachwelt zu überliefern - bei weitem nicht das Niveau des Sonnenkönigs hatten.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (15.12.2010, 21:18): Die Oper beginnt mit einer kurzen Ouvertüre. Diese ist erst zu der Aufführung an der Pariser Oper geschrieben worden, denn zunächst hielt Rousseau an der Illusion des Intermezzos fest, das nicht unbedingt eine eigene Ouvertüre brauchte, war es doch eingebettet in ein anderes Werk. Die Ouvertüre genügt der italienischen Form allerdings schon mit den französischen Tempobezeichnungen gay - lente - gay, sie ist übrigens eher dreiteilig als dreisätzig (wie etwa die Ouvertüre Glucks zur Innocenza giustificata. Was die Ouvertüre allerdings von vorneherein auszeichnet, ist ihre unregelmäßige Periodik (sie hat 133 Takte), die vor allem zwischen 6er und 8er-Gruppen pendelt. Das verleiht ihr den überraschenden Charakter, der ihr auch in der melodischen Ausformulierung (dabei besonders auffällig die rhythmische Gruppe, die zuerst in Takt 18 auftaucht ) erhalten bleibt.
Der erste Teil in D ist aufgeräumt munter mit den Fanfarenstößen eines (Neu)Beginns. Mir gefällt hier übrigens die Einspielung von Froment am besten, bei Reize stört mich doch der Einsatz von (wenn auch historisch korrektem) Schlagwerk. Die Partitur ist vierstimmig, gibt aber neben den obligatorischen Streichen Bläsereinsätze an (Oboen bzw. Oboen und Fagott). Nun mag das im Rahmen der historischen Musikpraxis liegen, dass man da auch das Lärmen des Beckens miteinbezieht, aber manchmal ist weniger mehr.
Der zweite Teil in d ist gefühlvoll ohne sentimental zu werden. Die Seufzermotivik weist auf die Klage der Colette voraus. Doch wirkt auch beruhigend ein Wiegemotiv hinein. Es ist dieser Teil (wie auch der letzte), der den Unterschied zur virtuosen italienischen Tonsprache ausmacht. Das Stück Rousseaus mit seinem pastorellen Charakter ruft eher einfache Volksmelodik ab als kunstfertig hochgepushte Affektdarstellung. Der dritte Teil ist wieder in D, ein 3/8-Stück, das nicht nur einen fröhlichen Ausklang beschwört, sondern auch mit der Bezeichnung douce vor dem fort des Schlussteils jenen Anklang Zärtlichkeit bekundet, der für dieses Hirtenstück konstitutiv ist.
Rousseau selbst zog Vokales der Instrumentalmusik vor, in dieser Ouvertüre (die er zusammen mit dem Divertissement in der achten Szene für die Oper nachkomponierte) kann er sich auf die volksliedhafte Melodik verlassen, um eine dem Stück (und dem neuen Stil) angemessene Einleitung zu schreiben.
Liebe Grüße Peter
Sarastro (12.01.2011, 23:07): Lieber Peter, besten Dank für diese wertvollen und informativen Beiträge zu Rousseau! Den "Devin du Village" habe ich vor sehr vielen Jahren als LP erworben, und die betreffende Einspielung mit dem Collegium Academicum Genf unter Robert Dunand und Choeur du Collège Voltaire unter Philippe Corboz ist bis heute die einzige, die ich kenne. Ich fand, daß die Musik in ihrer sehr (manchmal möchte ich sagen: allzu) großen Schlichtheit einen gewissen Reiz hat, und manche Arien - kein Wunder, daß dem König Colettes J’ai perdu mon serviteur so gut gefiel - haben mich durchaus angesprochen. Leider fällt es mir schwer, den Komponisten vom Menschen zu trennen, und nach allem, was ich über ihn gelesen habe, muß Rousseau einen recht üblen Charakter besessen haben. Egon Friedell schreibt in seiner faszinierenden Kulturgeschichte der Neuzeit über ihn (S. 729): „Seine widerwärtigste Eigenschaft aber war seine pharisäische Verlogenheit, und wir weigern uns aufs allerentschiedenste, einen Menschen, der sein Leben lang eine so dreiste perfide Komödie gespielt hat, auch nur unter die Künstler zu zählen (...). Sein ganzes Dasein war geschmacklose Pose und aufdringliche Heuchelei.“ Wie schade, daß Voltaire, der aus ganz anderem Holz geschnitzt war, nicht auch komponiert hat!