STUDIO oder LIVE ?

Colline (30.07.2012, 16:52):
Hallo Freunde,

mich würde mal interessieren, welche Aufnahmeart ihr bevorzugt.
Ich persönlich bevorzuge LIVE-Aufnahmen, da für mich die Interpretation gegenüber der Tonqualität den Vorrang hat.
Ein "steriles" STUDIOprodukt kann imo nicht das Fludium einer Aufführung mit Stärken und Schwächen ersetzen. (STUDIOaufnahmen habe ich natürlich auch...). Einen großen Teil meiner Sammlung machen zudem historische LIVEaufnahmen aus..
Wie denkt Ihr darüber??

:hello Colline
Solitaire (31.07.2012, 08:43):
Naja, es kommt immer drauf an. Das fesselndste Musiktheater das ich je auf Platte erlebt habe ist "Tosca" mit Callas, DiStefano und Gobbi unter De Sabata. Eine Studioaufnahme und sie ist das, was die Briten so treffend mit "edge-of-the-seat-excitement" bezeichnen. :down
Auch "La Bohème" mit Karajan und Freni in der Karajan-Aufnahme ist alles andere als steril.
Mein Lieblings-Figaro wiederum ist ein Livemitschnitt (Terfel unter Gardiner). Wie gesagt, ich mag mich da nicht so festlegen, kommt immer auf den Einzelfall an.
Als Callas-Fan habe ich natürlich ebenfalls viele historische Liveaufnahmen. Die Callas-Traviata die mir am wenigsten gefällt ist ihre Studioaufnahme, dafür ist ihre Studio-Butterfly herzzerreißend...
Colline (31.07.2012, 11:08):
Hallo Solitaire,

die erwähnte Tosca und Bohème habe ich auch-fantastisch.
Natürlich befinden sich in meiner Sammlung auch STUDIOaufnahmen, aber LIVE ist mir der Atmosphäre wegen lieber.
Es kann ruhig mal ein Ton daneben gehen..im Studio wird solange "gebastelt", bis es stimmt (so wird der Hörer getäuscht)...
:hello Colline
Severina (31.07.2012, 11:52):
Original von Colline
Hallo Solitaire,

die erwähnte Tosca und Bohème habe ich auch-fantastisch.
Natürlich befinden sich in meiner Sammlung auch STUDIOaufnahmen, aber LIVE ist mir der Atmosphäre wegen lieber.
Es kann ruhig mal ein Ton daneben gehen..im Studio wird solange "gebastelt", bis es stimmt (so wird der Hörer getäuscht)...
:hello Colline

Lieber Colline,

so ist es, und deshalb macht es mich immer rasend, wenn Leute eine Opernaufführung mit ihren Studio-CDs vergleichen und dann abfällig kritisieren.
Es ist aber ein Unterschied, ob man z.B. "Tombe degli avi miei" , die Hammerarie des Edgardo, frisch ausgeruht im Studio oder am Ende einer anstrengenden Aufführung singt! Aber heutzutage wird natürlich auch bei Liveaufnahmen oft nachgebessert, Arien im Studio aufgenommen und nachträglich hineingeschnitten.

Ich habe natürlich auch beide Varianten, aber ich ziehe meine CDs nie als Messlatte für eine Liveaufführung heran, das fände ich extrem unfair. Auf der Bühne hat der Sänger genau eine Chance, im Studio so viele, bis es passt.

lg Severina :hello
Colline (31.07.2012, 11:55):
Liebe Severina,

Du sprichst mir aus der Seele...

:hello Colline
Hosenrolle1 (04.12.2014, 05:08):
Ich denke, man kann beides schwer miteinander vergleichen, da die Voraussetzungen völlig andere sind. Mir machen CD-Aufnahmen von Liveaufführungen wenig Spaß, da das Visuelle einfach fehlt, zudem können das Getrampel auf der Bühne, Huster etc. den Hörspaß zusätzlich vermiesen, ganz abgesehen von solchen Dingen wie dem in-die-Musik-hinein-Klatschen. Da würde ich eine DVD ganz klar bevorzugen.

Bei Studioaufnahmen hingegen ist das Visuelle überhaupt nicht wichtig, und auch die SängerInnen können viel mehr auf ihren Gesang achten, da sie nicht nebenbei noch laufen, auf dem Boden liegen, klettern oder sonst wie schauspielern müssen. Aber natürlich gibt es auch Studioaufnahmen mit Schwächen.

Ich persönlich bevorzuge LIVE-Aufnahmen, da für mich die Interpretation gegenüber der Tonqualität den Vorrang hat.

Ich selbst denke, dass keines von beiden Vorrang haben sollte, im Gegenteil: beide sollten sich ideal ergänzen. Die schönste Interpretation nutzt wenig, wenn die Tonqualität das meiste davon raubt. Wenn ein Dirigent eine Flöte im piano mit einem ganz feinen Vibrato spielen lässt, und man davon wegen der Tontechnik nichts hört, ist das ungünstig. Und umgekehrt, die beste Tontechnik nutzt nichts, wenn die Interpretation nichts taugt.
Amonasro (04.12.2014, 09:06):
Mir persönlich ist die Musik am wichtigsten, und die geht bei vielen älteren Live-Aufnahmen wegen der Tonqualität etwas unter; deshalb kaufe ich immer zuerst Studioaufnahmen, wenn ich eine Oper kennen lernen will. Von einigen Aufnahmen lege ich mir dann auch Live-Aufnahmen zu, bei denen oft hervorragende Sängerleistungen zu hören sind. Das sind bei mir in der Regel sehr alte Aufnahmen, die ich dann nur wegen den Sängern und nicht wegen der Oper selbst höre; denn nur wenige Studio-Aufnahmen (z.B. die oben schon erwähnte Tosca oder Abbados Simon Boccanegra) empfinde ich als gesanglich und musikalisch völlig zufriedenstellend.

Gruß Amonasro :hello
Severina (04.12.2014, 13:20):
Viele Studioaufnahmen klingen zwar perfekt, aber gleichzeitig seltsam steril und blutleer. (Perfektion kann schrecklich langweilig sein....) Die ganz spezielle Atmosphäre einer Liveaufführung kann im Studio nicht simuliert werden, dazu kommt, dass viele Sänger die Rückkoppelung aus dem Zuschauerraum brauchen, um zur Höchstform aufzulaufen. Diese magischen Momente, wenn Sänger und Publikum auf einer Welle schwimmen, sich gegenseitig befruchten und hochschaukeln, diesen "flow" auf Neudeutsch kann keine CD und keine DVD vermitteln.
Trotzdem bin ich auch für Studioaufnahmen dankbar, denn oft sind sie ja die einzige Möglichkeit, Opernraritäten kennen zu lernen.

lg Fanny
Amonasro (04.12.2014, 13:51):
Original von Severina
Trotzdem bin ich auch für Studioaufnahmen dankbar, denn oft sind sie ja die einzige Möglichkeit, Opernraritäten kennen zu lernen.

Ja? Ich hatte bisher den Eindruck, dass gerade selten aufgeführte Opern hauptsächlich in Live-Aufnahmen vorliegen und die Plattenfirmen meist die bekannten Opern im Studio einspielen lassen.

Gerade habe ich zum Beispiel Marino Faliero von Donizetti gehört. Von dem gibt es, glaube ich, nur Live-Aufnahmen.

Gruß Amonasro :hello
Hosenrolle1 (05.12.2014, 00:48):
Trotzdem bin ich auch für Studioaufnahmen dankbar, denn oft sind sie ja die einzige Möglichkeit, Opernraritäten kennen zu lernen.

Vor allem aber bringen sie auch einen Vorteil: so kann im Studio (oder auch einer Philharmonie, falls dort aufgezeichnet wird) die vollständige Besetzung eines Orchesters spielen, die nur in die wenigsten Orchestergräben in Opernhäuser passen. (Mich würde interessieren, ob es überhaupt ein Opernhaus gibt, das ein ca. 110 köpfiges Orchester fassen kann)

Wagner verlangt, wenn ich mich nicht irre, in der Walküre beispielsweise 6 Harfen, und Strauss schreibt für die Salome oder die Elektra für ein gewaltiges Orchester, so dass in den Opernhäusern meist nur eine reduzierte Fassung gespielt wird, die, auch wenn sie toll gemacht sind, trotzdem viele Klangfarben und Details vermissen lassen.

LG,
Hosenrolle1
Amonasro (05.12.2014, 07:34):
Ein weiterer Vorteil von Studio-Produktionen ist, dass sie oft die ungekürzte Fassung eines Werkes bieten. Live wurde und wird da ja oft radikal gestrichen. Deswegen ist eigentlich, wenn man eine Oper (um der Oper willen) erstmal kennenlernen möchte, in den meisten Fällen eine Studio-Aufnahme vorzuziehen. Live-Aufnahmen sind dann eher für eine vertiefte Beschäftigung geeignet, auch weil sie eben die Atmosphäre eines bestimmten Abends einfangen, sodass das gilt, was Hosenrolle1 schon geschrieben hat: beide ergänzen sich und es macht daher nicht viel Sinn zu sagen, das eine ist besser; die Bedingungen live und im Studio sind dafür zu verschieden.

Gruß Amonasro :hello