Samuel Ramey - zum 70. Geburtstag

stiffelio (27.03.2012, 23:19):
Liebe Forumsmitglieder,

durch Billys "Oper im Radio"-Thread bin ich auf eine heutige Ö1-Sendung (die noch 7 Tage im Intenet hier http://oe1.orf.at/konsole?show=ondemand&track_id=298936&load_day=/programm/konsole/tag/20120327 nachhörbar ist) aufmerksam geworden und durch diese wiederum auf Samuel Rameys morgigen 70.Geburtstag (laut Wikipedia nach anderen Quellen sogar schon der 72.?).

Ich höre sie gerade selbst nach und bin mal wieder hin und weg von dieser Stimme, obwohl der Ton ohne Bild gerade bei Ramey ja wirklich nur das halbe Vergnügen ist. Eben ist die "Wahnsinnsarie" aus SEMIRAMIDE verklungen - wirklich Wahnsinn im doppelten Sinne!! :down
Zum Glück gibt es sie auch (für den, der die DVD nicht hat :wink) mit Bild auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=Ph56l7fFpw8&feature=related Am Ende dieser Arie habe ich erstmals begriffen, was ein Koloraturbass ist!

Auch die "Champagnerarie" (unter dem Dirigat von Karajan http://www.youtube.com/watch?v=GgZFYA2d78Y&feature=related) war zu Beginn der Sendung vertreten und mit Samuel Ramey als Don Giovanni hat es für mich eine ganz eigene Bewandnis:
Vielleicht wäre ich ohne ihn heute gar nicht unter euch, denn ziemlich zu Beginn meiner neu erwachten Opernbegeisterung erinnerte ich mich daran, dass ich als Jugendliche auch mal angefangen hatte, den DON GIOVANNI zu hören und suchte auf youtube nach einer fesselnden Inszenierung. Fündig wurde ich dann mit diesem Link der Commendatore-Szene http://www.youtube.com/watch?v=shMKaRELm7g&feature=related (sorry, die 4 Minuten vorher sind einfach auch zu schön um sie euch vorzuenthalten), der mich bis heute begeistert, obwohl es diese Inszenierung leider nicht auf DVD gibt. Quasi an der Hand von Samuel Ramey lernte ich dann, dass es außer Mozart und Beethoven auch noch andere Komponisten gibt, die hörenswerte Opern geschrieben haben :wink. Wer weiss, ob ich ohne ihn jemals zu Verdi und Rossini vorgestoßen wäre?
Zu Verdi: Obwohl dies "nur" ein Gala-Ausschnitt aus NABUCCO ist http://www.youtube.com/watch?v=FrPeiH1gSBY&feature=related - ohne Worte!

Sorry, dass ich das jetzt alles völlig unsystematisch in meiner Begeisterung einfach heruntergeschrieben habe. Vielleicht finde ich in den kommenden Tagen noch die Zeit für eine weniger chaotische Würdigung. Ansonsten hoffe ich einfach auf eure Mithilfe. :D
Aber in keiner Würdigung von Samuel Ramey darf ein Verweis auf seine große Leidenschaft für Mephisto-Rollen fehlen, seien sie nun von Gounod, Boito oder Berlioz (wobei es von letzterer zu meinem großen Leidwesen keine Gesamtaufnahme zu geben scheint)
Hier sein "Ich bin der Geist, der stets verneint" im MEFISTOFELE von Boito: http://www.youtube.com/watch?v=-PZS_L6mH1M

Ich weiss, dass Samuel Rameys Stimme längst nicht mehr vergleichbar mit allen diesen Aufzeichungen ist. Aber das mindert meine Begeisterung für seine früheren Leistungen in keiner Weise.
In diesem Sinne: Happy birthday, Samuel Ramey! :beer
Und DANKE für alles!!

VG, stiffelio
Karolus Minus (28.03.2012, 22:24):
Hallo Stiffelio,

ich habe die Sendung zwar nicht gehört, teile Deine Vorliebe für Ramey aber voll, obwohl die Stimme eigentlich schon seit etlichen Jahren nicht mehr das ist, was sie war; auf etlichen Met-Broadcasts ist das schmerzlich nachzuhören.

Im Gegensatz zu Dir habe ich ihn nicht via Internet sondern live kennengelernt, als er in Europa noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt war. 1978 sang er in Hamburg den Arkel in "Pelleas und Melisande", 1979 Mozarts Figaro und 1980 den Gremin (auf deutsch!!!) und den Banquo.
Danach folgten bis in die zweite 80er-Hälfte hinein diverse Partien, Gounods Mephisto und Boitos Mefistofele, die Semiramide mit Caballe/Horne/Araiza, die Bösewichter im Hoffmann, Don Giovanni und Philipp; obendrein 1987 an der Scala noch einmal der Figaro und ein traumhaftes Verdi-Requiem mit Studer/Zajick/Pavarotti unter Muti, das damals auch auf LP erschien.

Ramey besaß auf der Bühne eine mit Eleganz gepaarte Gefährlichkeit, die ihn gerade für die vielen Teufel prädestinierten. Als Philipp war er mir zu rein belcantesk (DAS allerdings großartig) und trotz reichlich weißer Farbe in der Frisur zu jung. Und beim Giovanni hat diese Mixtur in der Marelli-Produktion, in der er die Premiere sang, komischerweise nicht funktioniert. Er blieb blaß, was seinem Ausnahmerang als Sänger natürlich keinen Abbruch tut.

ich weiß nicht nicht, ob Du die Arie aus "Le Caid" von Amboise Thomas kennst. Die hat seit Pol Plancon und Pinza (also seeehr lange her) niemand so gesungen wie er - neben vielem, gerade bei Rossini - was in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nicht aktuell war.
:hello
Karolus Minus
stiffelio (28.03.2012, 23:02):
Hallo Karolus Minus,

"Le Caid" kannte ich noch nicht, hab die Arie aber gerade mal gesucht und gefunden - ja, da kann Ramey mal wieder seine Koloraturen glänzen lassen :D

Im nachherein hätte ich ihn natürlich auch sehr gerne zu seinen Glanzzeiten live erlebt, aber bei den Aufführungen, die du beschreibst, ging ich noch in die Schule :wink.

Welches ist denn die Marelli-Produktion vom Don Giovanni, die du meinst? Die beiden Inszenierungen, die ich mit Ramey kenne, stammen aus Salzburg (1987?) und aus der MET (1990?).

VG, stiffelio
Karolus Minus (29.03.2012, 05:10):
Original von stiffelio
Welches ist denn die Marelli-Produktion vom Don Giovanni, die du meinst? Die beiden Inszenierungen, die ich mit Ramey kenne, stammen aus Salzburg (1987?) und aus der MET (1990?).

Das war 1987 in Hamburg.
Gruß
Karolus Minus
Fairy Queen (29.03.2012, 06:34):
Ramey war ein grossartiger Sänger, hat aber leider nciht die Weisheit besessen, aufzuhören, als er noch im Vollbesitz seiner stimmlichen Möglichkeiten war. Da es in seinem Stimmfach wenig Konkurrenz gibt- Koloraturbâssesind eine raritât!- war dei Versuchung wohl zu gross, bis zum bitteren Ende weiterzumachen. Ich war ziemlcih entsetzt über sein Gewobbel der letzten Jahre- die Stimme ist leider total ausgeleiert und abgesungen. Ob das mit Überforderung, falscher Technik oder einfach Altersverschleiss zu tun hat, kann ich nicht beurteilen. Schade ist es allemal und tu weh zu hören. Ich fand ihn am besten im Barockrepertoire, aber ich habe ja eh ein Faiible fûr Barockoper..... :engel

F.Q.
Karolus Minus (29.03.2012, 14:31):
Hallo Fairy Queen,

Koloratur-Repertoire hat Ramey die letzten Jahre meines Wissens ja kaum noch gesungen, die letzten großen Partien zumindest an der Met waren der Procida in der "Vespri", Leporello, Großinquisitor und Basilio. Und gerade bei Procida und Inquisitor fiel auf, daß er bei langen Noten besonders in der Mittellage im Grunde die Atemsäule nicht mehr unter Kontrolle hatte. Das ist meist eine Altersfrage. Technik hat er eigentlich mehr als genug besessen.
Interessanterweise haben die Höhen noch funktioniert, weswegen er ja noch ziemlich spät anderweitig im Hoffmann und in der Tosca aufgetreten ist.

Und mit der "Weisheit" ist es so eine Sache. Man trennt sich ungern von etwas, das man ausgesprochen gerne macht....

Liebe Grüße
Karolus Minus
stiffelio (29.03.2012, 21:52):
Hallo Karolus Minus,

ich hab mal gesucht, aber nirgendwo Ausschnitte von dieser Marelli-Produktion des DON GIOVANNI gefunden. Kennst du dazu Links? Ich sehe auch durchaus Unterschiede zwischen der Salzburger und der MET-Inszenierung, Ramey gefällt mir nicht in allen Szenen gleich gut. Als "blass" würde ich ihn aber in keiner dieser beiden Produktionen beschreiben.
Das "Deh vieni alla finestra" und teilweise auch das "La ci darem la mano" haben andere Sänger für mein Ohr noch inniger, vielleicht auch verführerischer gesungen. Aber wenn es darum ging, hemmungslosen Egoismus (geradezu Selbstvergötterung) überzeugend auszustrahlen, gepaart - wie du es so treffend schreibst - mit Eleganz und Gefährlichkeit (z.B. in der Anfangsszene und in den Finalen des ersten und zweiten Aktes), dann konnte ihm aus meiner Sicht niemand das Wasser reichen.
In dem oben verlinkten MET-Finale habe ich erstmals emotional begriffen, warum Don Giovanni gegenüber dem Komtur auf seinem "No" beharrt, und dass ein "Si" (nicht nur dramaturgisch) einfach keine Alternative wäre, obwohl Don Giovanni ja keineswegs blöd ist.

Als Philipp kann ich ihn nur mit Furlanetto (in den Inszenierungen von 1986 mit Karajan und 2010 mit Pappano) vergleichen - eingeschränkt noch mit van Dam, weil ich den nur in der französischen Fassung kenne. Furlanetto hat die selbstkritischen und gegenüber Elisabeth auch zärtlichen Seiten von Philipp noch stärker herausgearbeitet. Aber er war für mich kein Philipp, den ich zutiefst hätte fürchten können (mal wieder das Stichwort Gefährlichkeit).
Dagegen Ramey - an einigen Stellen habe ich mich regelrecht innerlich geduckt, so z.B. in der Szene "Giustizia, Sire": da hätte ich ums Leben nicht in Elisabeths Haut stecken mögen und ihr Ohnmachtsanfall ist für mich völlig verständlich :wink. http://www.youtube.com/watch?v=l4s1SWE80jM&feature=relmfu

Als Procida und Basilio kann ich ihn mir darstellerisch sehr gut vorstellen, als Großinquisitor einigermaßen, als Leporello (und dann noch in den letzten Jahren, also nicht zu Beginn seiner Karriere) nur ganz schwer.
Dass es stimmlich in den letzten Jahren oft kein Genuß mehr war, glaube ich gern. Ich habe ihn in MANON mit Villazon gehört, da war der Wobble wirklich extrem.
Aber ich stimme dir absolut zu, dass Ramey vermutlich mit solcher Leidenschaft Sänger war/ist, dass ich persönlich es ihm nachsehen kann, dass er den Absprung nicht findet. Ich muss mir ja keine Aufnahmen aus seinen letzten Jahren anhören, wenn ich nicht will :ignore.

Ich wollte mit diesem Thread auch gar nicht seine aktuelle Stimme in der Vordergrund stellen, sondern schwerpunktmäßig an seine grandiosen früheren Leistungen erinnern. Und für die wird er immer meine uneingeschränkte Hochachtung behalten.

VG, stiffelio
Karolus Minus (30.03.2012, 13:05):
Hallo Stiffelio,

mit Links zur Marelli-Produktion kann ich leider nicht dienen.
Was ich in meinem ersten Posting zur Optik geschrieben habe beruht alles auf direkten Erfahrungen in Hamburg ("die Gnade der frühen Geburt" diesmal), da ist meines Wissens per Bild nichts existent.
Liebe Grüße
Karolus Minus
stiffelio (30.03.2012, 16:22):
Hallo Karolus Minus,

um diese Gnade bist du in diesem Punkt wirklich zu beneiden. :wink
Auch als Gremin und Banquo hätte ich ihn sehr gerne gesehen, aber ich verstehe dich so, dass es davon auch keine Aufzeichnungen gibt?
Ich hab in einem anderen Posting von dir gelesen, dass du nochmal das Met-Archiv durchstöbert hast. Hast du da noch etwas Interessantes gefunden? Ich bin da nämlich leider nicht fündig geworden (bis auf einen Link zum NABUCCO von 2005, den ich als DVD schon kenne).

VG, stiffelio
Karolus Minus (30.03.2012, 17:57):
Original von stiffelio
Hallo Karolus Minus,

um diese Gnade bist du in diesem Punkt wirklich zu beneiden. :wink
Auch als Gremin und Banquo hätte ich ihn sehr gerne gesehen, aber ich verstehe dich so, dass es davon auch keine Aufzeichnungen gibt?
Ich hab in einem anderen Posting von dir gelesen, dass du nochmal das Met-Archiv durchstöbert hast. Hast du da noch etwas Interessantes gefunden? Ich bin da nämlich leider nicht fündig geworden (bis auf einen Link zum NABUCCO von 2005, den ich als DVD schon kenne).

VG, stiffelio

Hallo Stiffelio,

Gremin (mit Prey als Onegin...) und Banquo waren normale Repertoirevorstellungen. Und aus Hamburg sind damals selbst Premieren nur höchst selten im Radio und schon gar nicht im Fernsehen gelaufen.

Bei der Met hatte ich ketzt nur kurz in den letzten 5 Jahren gestöbert. Aus der Zeit sind im TV die Rondine und die Turandot gelaufen, was eher weniger interessant ist wegen des Basses.

Wenn Du "Ramey" zusammen mit "telecast" oder "broadcast" eingibst, dann findest Du zumindest, was mal übertragen worden ist.

Liebe Grüße
Karolus Minus
stiffelio (31.03.2012, 17:39):
Hallo Karolus Minus,

Menno, das ist gemein von der MET! :I :I :I
Es gibt meinen Lieblings-Don Giovanni von 1990 (den ich mir zum Glück ja auch auf youtube ansehen kann, aber nur in Schnipseln und in einer nicht berauschenden Bildqualität) als "Video on Demand". DEN will ich aber nicht einmal oder ein paarmal in zeitlich begrenztem Rahmen anschauen, den will ich HABEN.
Unter FAQs finde ich leider die Info
Can I download an opera from Met Opera on Demand to my iPod or a DVD?
No, all Met Opera on Demand products are only available for streaming through the Met Opera website
Da ist die Chance, dass sich so ein Riesenbetrieb wie die MET erweichen lässt, für einen verrückten Fan eine Ausnahme zu machen (egal wieviel dieser bereit wäre hinzublätten, solange es es nicht in die Tausender geht), ziemlich gering, oder?

Ansonsten gibt es an Videos mit Ramey nur I Lombardi von 1993 (hat mich als Oper bislang nicht sooo begeistert) und La Rondine von 2009.

VG, stiffelio