Heike (03.10.2008, 00:26): Die Nase Oper in drei Akten und einem Epilog von Dmitrij Schostakowitsch Libretto von Dmitrij Schostakowitsch nach der Erzählung von Nikolai Gogol
Nachdem ich ja nun vor einiger Zeit Schostakowitsch für mich entdeckt habe, werde ich mir jetzt am Sonntag in Berlin die o.g. Oper ansehen. Normalerweise hätte ich damit noch ein Weilchen gewartet (und mich erst weiter in Ruhe seinen konzertanten und Kammermusikwerken gewidmet) - aber sooooo oft wird das Werk hierzulande ja nun nicht gespielt und da will ich die Gelegenheit also nutzen.
Das russische Mariinsky-Theater ist in der Dt. Oper und da wird nun dieses Stück gespielt. In den Schostakowitsch-Biographien habe ich darüber einiges gelesen, aber gehört habe ich daraus noch gar nichts. Also gehe ich geradezu jungfräulich in diese Oper (ich glaub zum ersten Mal überhaupt, dass ich sowas mache - finde ich irgendwie sehr spannend, aber auch merkwürdig).
Ich bin neugierig auf die Musik, die originell sein soll und von dem ja noch sehr jungen Schostakowitsch (mit 22 J.) komponiert wurde. Ich freu mich auf diese groteske Geschichte und ihre vielen Parallelen in der alten und neuen Welt.
Zum Inhalt: Das muss ziemlich absurd sein, vielleicht surrreal, sicher auch gesellschaftskritisch: Ein Barbier findet im Brot eine Nase, die einem seiner Kunden, Kowaljew, gehört. Die Nase wirft er in die Newa.
Kowaljew will - nachdem er deren Fehlen bemerkt hat - seine verschwundene Nase beim Polizeipräfekten melden. Dabei trifft er unterwegs seine eigene Nase, verselbständigt und polizeipräfektenmäßig uniformiert! Er verfolgt sie fassungslos, spricht sie an, wird aber von ihr abgewiesen.
Den Polizeipräfekten trifft Kowaljew nicht an, eine Zeitung lehnt eine Anzeige über die Nase ab. Kowalew kehrt ratlos nach Hause zurück, als ihm gemeldet wird, dass die Nase festgenommen worden sei, weil sie einen gefälschten Pass besitze. Der Polizist, der sie festgenommen hat, bringt sie Kowalew.
Die Freude ist aber nur kurz, denn die Nase will an ihrer alten Stelle nicht haften. Inzwischen hat sich das Gerücht über eine Nase, die täglich auf dem Newski-Prospekt spazieren gehe, verbreitet. Aber eines Tages erwacht Kowalew wieder mit seiner Nase im Gesicht, als ob nichts gewesen wäre. (Quelle: Wikipedia)
"Die Nase" wurde 1928 fertig und es muss schwierig gewesen sein, überhaupt eine Spielstätte zu finden, die sich an das Werk rantraute. Schließlich gab es die Uraufführung 1930 in Leningrad. "Die Nase" wurde aber alsbald verboten und durfte bis 1974 auf sowjetischen Bühnen nicht aufgeführt werden. Schostakowitsch hatte wohl die kriecherischen Spießer in ihrer ganzen Tragik und Komik gekonnt vorgeführt und diese fühlten sich auch erkannt.
Hat jemand die Oper schon gesehen oder gehört? Hebre
uhlmann (03.10.2008, 14:52): hallo hebre,
freu dich auf die aufführung! die nase ist ein superbes stück musiktheater.
wenn du schostakowitsch "nur" von seinen symphonien her kennst, wirst du wahrscheinlich von der radikalität und moderne dieser partitur überrascht sein. die nase zeigt in ihrer experimentierfreude, wohin sich schostakowitsch vielleicht ohne zensur und kritik des systems entwickelt hätte. ohne scheu kreiert er hier eine außergewöhnliche vielfalt an stilen, von der einfachen schnulze bis zu radikal atonal anmutenden abschnitten. dabei klingt die nase in keiner sekunde wie eine erstlingsoper - im gegenteil ist die sicherheit, mit der der junge schostakowitsch die verschiedenen musikalischen mittel zu einer einheit verbindet, geradezu erstaunlich.
es gibt eine aufnahme, die uneingeschränkt empfehlenswert ist (meines wissens gibt es überhaupt keine andere einspielung):
die aufnahme entstand 1975 im anschluß an die oben schon kurz erwähnte aufführung am kammer-musiktheater moskau von 1974 (nachdem das stück seit 1930 in russland nicht mehr gegeben wurde).
Dr. Schön (03.10.2008, 15:03): Da habe ich uhlmann nichts hinzuzufügen.
Ich wünsche viel Spaß!
Sarastro (03.10.2008, 18:45): Original von Hebre Die Nase
Zum Inhalt: Das muss ziemlich absurd sein, vielleicht surrreal, sicher auch gesellschaftskritisch: Ein Barbier findet im Brot eine Nase, die einem seiner Kunden, Kowaljew, gehört. Die Nase wirft er in die Newa.
Kowaljew will - nachdem er deren Fehlen bemerkt hat - seine verschwundene Nase beim Polizeipräfekten melden. Dabei trifft er unterwegs seine eigene Nase, verselbständigt und polizeipräfektenmäßig uniformiert! Er verfolgt sie fassungslos, spricht sie an, wird aber von ihr abgewiesen.
Den Polizeipräfekten trifft Kowaljew nicht an, eine Zeitung lehnt eine Anzeige über die Nase ab. Kowalew kehrt ratlos nach Hause zurück, als ihm gemeldet wird, dass die Nase festgenommen worden sei, weil sie einen gefälschten Pass besitze. Der Polizist, der sie festgenommen hat, bringt sie Kowalew.
Die Freude ist aber nur kurz, denn die Nase will an ihrer alten Stelle nicht haften. Inzwischen hat sich das Gerücht über eine Nase, die täglich auf dem Newski-Prospekt spazieren gehe, verbreitet. Aber eines Tages erwacht Kowalew wieder mit seiner Nase im Gesicht, als ob nichts gewesen wäre. (Quelle: Wikipedia)
Hebre
Hallo Hebre, ich kenne zwar die Oper nicht, dafür aber wenigstens die skurrile Erzählung von Gogol. Vielleicht hast Du Lust, sie sozusagen zur Nachbereitung zu lesen: Es gibt ein billiges Reclamheftchen (Nr. 9628, erschienen 1997), da hast Du den russischen Text gleich auch dabei, ferner ein interessantes Nachwort zu Interpretation und Deutung (ich weiß aber nicht, wieweit sich Schostakowitsch an das Original gehalten hat). Demzufolge muß Gogol eine wahre "Nasenobsession" - vielleicht hervorgerufen durch sein eigenes langes und spitzes Riechorgan - besessen haben, denn Nasen spielen in seinen Werken immer wieder eine große Rolle.
Viel Spaß, Sarastro,
Heike (03.10.2008, 20:06): Hallo, wenn du schostakowitsch "nur" von seinen symphonien her kennst, wirst du wahrscheinlich von der radikalität und moderne dieser partitur überrascht sein. Ich kenne von DSch bisher die Sinfonien 1-8; das Klavierkonzert #1; beide Cellokonzerte, beide Violinkonzerte, einige Streichquartette und die Sonate für Cello und Klavier. Etliches zum Weiterhören liegt schon hier :-) und ich muss mich stark mäßigen, nicht zügellos weitere Interpretationen einzukaufen :-(
Und ich freu mich riesig auf die Oper. Ich liebe Experimente - wenn sie melodisch und/oder extravagant, interessant und stimmig sind. Ich bin fast sicher, dass ich die Musik mögen werde - und die Story ist sowieso aufregend genug.
die nase zeigt in ihrer experimentierfreude, wohin sich schostakowitsch vielleicht ohne zensur und kritik des systems entwickelt hätte. ohne scheu kreiert er hier eine außergewöhnliche vielfalt an stilen, von der einfachen schnulze bis zu radikal atonal anmutenden abschnitten. Ich habe mich das beim Biographien-Lesen schon öfters gefragt, was und wie der wohl geschrieben hätte, wenn er freier gewesen wäre. Gut möglich, dass er dann noch schöneres und interessanteres erfunden hätte. Aber vielleicht wär dann die ganze Hintergründigkeit und Subtilität weg gewesen, wer weiß. Ich werde berichten, wie "Die Nase" auf mich gewirkt hat!
Danke Sarastro auch für die reclam-Empfehlung. Ich werde das auf jeden Fall nachlesen, hab es gleich bestellt. Schostakowitsch hat einiges im Libretto verändert (so ist zumindest in einer der Biographien zu lesen), aber das könnte ja dann gerade spannend sein, WAS er geändert hat.
Hebre
P.s. ich find es übrigens total klasse, dass das Konzerthaus sozusagen "extra für mich" in seiner Filmreihe "Der Blick auf den Klang" sich grade dem russischen Osten widmet und dabei demnächst 3 Filme über Schostakowitsch zeigen wird :thanks :D
Rachmaninov (04.10.2008, 17:55): @Hebre,
schön das Du diesen Thread gestartet hast.
Schostakowitsch hätte sicherlich, wenn nicht dieser vernichtende Prawda Artik erschienen wäre, viel mehr Opern geschrieben. Er kannte die russische Literatur nur zu gut und er liebte gute Bücher.
Er hätte hier viele Quellen der Inspration gefunden.
Leider sind Literaturquellen in seiner Zeit zu gefährlich. Das geschriebene Wort, sei es auch noch so geschickt gewählt, ist dann doch immer eindeutiger als eine Sinfonie oder die Streichquartette.
Schostakowitsch schrieb schon sehr früh Opern und wie J. Jansson einst in einem Interview anmerkte kann dies nur ein Genie.
Mit der Nase habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich bin ja kein großer Opern Freund und dann auuch noch russischer Gesang war mir zu "heftig".
Mal sehen, vielleicht traue ich mich ja bald.
Bei den Aufnahmen gibt es wogl eh nur eine wirklich nennenswerte....
Heike (05.10.2008, 23:21): Zurück zu Hause nach einem wunderbaren Opernabend sitze ich hier mit einem Gläschen Wein und möchte euch berichten:
Es war magisch! Sofort würde ich es mir noch einmal ansehen, die Zeit ist soooo schnell vergangen. Und einiges war so überraschend anders, dass ich sicher nur einen Teil erfasst habe, deshalb wäre eine Wiederholung gut.
Das altehrwürdige Marinsky- Orchester unter Gergiev spielte kraftvoll, wirkte aber manchmal wie ein Kammerorchester und verzauberte mich gerade dann. Ich liebe diese Solo-Passagen und eher minimalistischen Phasen, und davon gab es heute mehr als genug. Besonders faszinierend: eine reine Schlagzeug-Session ziemlich am Anfang. Auch einige Bläser-Soli waren ausgesucht schön für mich. Die Musik selbst war genau so, wie ich es erwartet hatte: expressiv und originell. Es gab viele merkwürdig schräge und auch atonale Stücke, aber man vergaß es bzw. ich fand es völlig stimmig, weil es so blitzgenau auf den Text passte und einen auch nicht mit Wuchtigkeiten erschlug.
Das ist auch ein weiterer Punkt: ich weiß nicht, ob ich mir die CD kaufen würde. Zu dieser Musik gehört der Text, das Orchester kam mir vor wie eine Illustration, und zwar zum Text, nicht zum Gesang. Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll. Ich bräuchte, um es nochmal so zu genießen, wieder die Bilder (oder bessere Sprachkentnisse in russisch). Gäbe es eine DVD, wäre sie sofort meine. Aber nur die Musik ohne den simultanen Inhalt parat zu haben, da fehlt was ganz wesentliches glaub ich.
Die Solisten waren für meinen laienhaften Eindruck ziemlich gut. Besonders der oberste Polizist, die Damen und auch der (nasenlose) Kowalew haben mir mit ihrem sehr ausdrucksstarken Gesang und Spiel sehr gefallen. Die Nase selbst war faszinierend und (teilweise durch einen vermummten Tänzer gespielt) in ihrer Körpersprache sehr erregend.
Da wäre ich bei der Inszenierung: So stelle ich mir Oper vor! Von den Kulissen über die Kostüme bis zu dem szenischen Spiel war das ganz großes Kino. Mit archetypischen Bildern und Symbolen zeigten sie nicht nur den gesellschaftlichen Statuswert der Nase, sondern brachten auch besonders hübsch, aber nie billig, immer mal wieder die Nase als Phallussymbol aufs Trapez :) Das war alles in allem einerseits eine ganz bodenständig russische Inszenierung (mit ganz vielen Protagonisten), aber die wichtigsten Aussagen waren sehr fein und überlegt in subtile und eher moderne Elemente verpackt. Die sakrale Kirchenszene war insoweit genauso überzeugend wie die Massenhysterie bei der Nasenjagd gegen Ende. Sowas möchte ich bitte öfter an unsren Opern (das letzte Mal war ich an der dt. Oper so von einer Inszenierung begeistert bei "Elektra").
Ich finde es einen Wahnsinn, wie ein halbwüchsiger junger Mann mit grad mal 22 sowas schaffen konnte. Also, wer die Möglichkeut hat und Schostakowitsch' Musik was abgewinnen kann: seht es euch an! Ich hoffe, meine Begeisterung war ansteckend :) Hebre
edit: zu viele peinliche Tippfehler
Rachmaninov (07.10.2008, 18:52): @hebre,
freut mich das Du Deine Begeisterung mit uns teilst!
Original von Hebre Es gab viele merkwürdig schräge und auch atonale Stücke, aber man vergaß es bzw. ich fand es völlig stimmig, weil es so blitzgenau auf den Text passte und einen auch nicht mit Wuchtigkeiten erschlug.
Genau das ist ja sein Genius!!!!
Das ist auch ein weiterer Punkt: ich weiß nicht, ob ich mir die CD kaufen würde. Zu dieser Musik gehört der Text, das Orchester kam mir vor wie eine Illustration, und zwar zum Text, nicht zum Gesang. Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll. Ich bräuchte, um es nochmal so zu genießen, wieder die Bilder (oder bessere Sprachkentnisse in russisch). Gäbe es eine DVD, wäre sie sofort meine. Aber nur die Musik ohne den simultanen Inhalt parat zu haben, da fehlt was ganz wesentliches glaub ich.
Die Oper gehört einfach auf die Bühne, alternativ auf DVD, aber ohne den visuellen Eindruck und das Spiel fehlt etwas. De Ausdruck muss auch visuell vermittelt werden!
Ich finde es einen Wahnsinn, wie ein halbwüchsiger junger Mann mit grad mal 22 sowas schaffen konnte. Also, wer die Möglichkeut hat und Schostakowitsch' Musik was abgewinnen kann: seht es euch an! Ich hoffe, meine Begeisterung war ansteckend :) Hebre
Genau das ist der Grund warum er einer der größten des letzten Jahrhunderts war und in die (Musik)geschichte eingehen wird bzw. gegangen ist!
Heike (07.10.2008, 20:28): Hallo, Die Oper gehört einfach auf die Bühne, alternativ auf DVD, aber ohne den visuellen Eindruck und das Spiel fehlt etwas. De Ausdruck muss auch visuell vermittelt werden! Ja, das stimmt schon - aber eine so manche andre Opern- CD kann ich auch ohne Bild wirklich gut genießen - das ist anders als bei Schostakowitsch. Hier bildete das ganze eine so perfekte Einheit, dass das Bild/ der Text unverzichtbar wird. Bzw. dass der Gesang als solcher allein das Fehlende nicht wettmachen kann, wenn man den Inhalt nicht versteht.
Schade, dass es keine DVD gibt! Hebre
Heike (25.10.2013, 16:21): Samstag gibts übrigens "Die Nase" bei der MET im Kino :engel :engel :engel :engel :engel
stiffelio (25.10.2013, 17:17): Hallo Heike,
stimmt, dann kannst du ja berichten :wink. Bei uns gab's keine Karten mehr, ich bin mir aber auch nicht sicher, ob ich welche gewollt hätte. Immerhin gibt es dadurch Hoffnung auf eine baldige DVD.