Schostakowitsch: Kammersinfonien Nr.1-5

teleton (08.11.2007, 11:25):
Liebe Schostakowitsch-Freunde,

Rudorlf Barshai, der bekannte Dirigent und ehemalige Bratscher hat fünf der 13Streichquartette für Streichorchester arrangiert.

Die daraus entstandenen Kammersinfonien op.110a (nach dem Streichquartett Nr.8) und op.118a habe ich seit einigen Jahren in der hervorragenden Aufnahme mit Barshai himself und dem Chamber Orchestra of Europe:
http://develp.envi.osakafu-u.ac.jp/staff/kudo/dsch/cd/dg-4292292.jpg
Rudolf BARSHAI, Chamber Orchestra of Europe
DG, 1989 DDD


Für 5,99€ die Kammersinfonien Nr.1-5 mit Barshai (BRILLANT) nun komplett zu haben, war ein nettes Angebot, das ich seit 2Wochen im CD-Regal stehen habe:

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/7222744.jpg
Kammersymphonien opp. 49a, 73a, 83a, 110a, 118a2 CDs
(orchestriert von Rudolf Barshai)
Giusepe Verdi SO, Rudolf Barshai
Brillant, DDD

Leider handelt es sich wiedermal um LIVE-Aufnahmen. Zum Glück ohne den Beifall am Schluß der Werke. Die beiden CD´s befinden sich in diesen blöden Klapptaschen, statt einem anständigen CD-Case.
Zuerst hörte ich op.110a. Der ruhige Anfang wurde durch Räuspern und Stuhlknarren gestört. Bevor sich die Zuhörer mal beruhigt haben, vergeht gut eine Minute. Was dann folgt ist eine, wie bei Barshai nicht anders zu erwartende, gute Interpretation, die durch anständige Klangtechnik, die auch ungewünschte Geräusche beinhaltet, unterstützt wird.

Der Vergleich mit der DG-Aufnahmen unter Barshai mit dem Chamber Orchestra of Europe geht klar zugunsten der DG-Aufnahme. Nicht weil die Klangtechnik dort noch besser ist und es eine Studioaufnahme ist, sondern weil das Chamber Orchestera of Europe weitaus vollumiöser, kraftvoller und eindrucksvoller tönt, als die Italiener.
Die kraftvollen Schläge des Haupttemas im 4.Satz des op.110a kommen mit dem C.o.o.Europe wie nachgeahmte Paukenschläge durch ein Streichorchester. Beim italienischen Kammerorchester wirkt das Thema fast wie für Kurorchester-Gäste gespielt.

:beer Fazit:
Die Brillant – Box ist eine ganz gute Ergänzung zu meiner DG-CD mit op.110a und 118a, da weitere Kammerorchesterfassungen von Barshai (op. 49a, 73a, 83a) der Streichquartette geboten werden. Diese liegen mir geschmacklich deutlich besser als die originalen Streichquartette !

Ich muß mich nur Fragen, ob ich nicht die falsche Barshai-Box gekauft habe ? Denn bei DG werden die Kammersinfonien mit Barshai auch als DG-Doppel-CD angeboten.
Aber bei DG ist die Fassung des Streichquartettes Nr.1 op.49a nicht dabei !
ab (08.11.2007, 11:52):
zu Barshai habe ich leider keine Antwort, weiß nur, dass die Brilliant-Aufnahmen nur mäßig rezenisert wurden.

Jedenfalls möchte ich auch diesbezüglich auf Yuli Turovsky, dem Dirigenten und Cellisten, und seine I Musici de Montreal bei Chandos nachdrücklich hinweisen!
:hello
uhlmann (08.11.2007, 15:37):
barschais versuche in allen ehren, aber ich brauche diese kammersymphonien nicht wirklich. wenn ich die stücke hören möchte, greife ich viel lieber zu den originalen quartetten. das sind die echten meisterwerke!

ich habe die erwähnte brilliant-aufnahme und bin nicht wirklich begeistert. eher eine lasche sache, das ganze.
Nordolf (09.11.2007, 01:23):
Hallo teleton!

Ich will Dich auf eine leider gestrichene Sony-CD aufmerksam machen.

Der estnische Dirgent Saulius Sondeckis - mir bekannt durch Arvo-Pärt-Aufnahmen - nahm 1993 eine eigene Version der Kammersymphonie Op. 110a nach dem 8. Streichquartett auf. Eingespielt hat er das Ganze mit der jugendlichen Camerata St. Petersburg. Er arrangierte die Kammersymphonie nicht nur für Streichorchester wie Barshai, sondern nahm noch die Pauken hinzu. Die Aufnahme klingt konsequent düster - die Pauken tönen so tiefenlastig wie die ganze Aufnahme. Shostakowitsch führte im 8. Streichquartett zwei persönliche Eindrücke zusammen. Da war einmal die Tragik seines Lebens: es sollte ein Quartett zum eigenen Gedenken werden, - das wohl kein anderer komponieren würde, wie er mit bitterem Humor bemerkte. Und zum zweiten ein Dresdenbesuch im Jahre 1960, der ihm das Ausmaß der Zerstörung dieser Stadt im 2. Weltkrieg vor Augen führte. Meiner Ansicht nach ist vor allem der letztere Aspekt in dieser expressionistischen Interpretation hörbar.

Die CD beginnt mit der Kammersymphonie und setzt sie sofort danach in einen Kontrast zur ebenfalls recht dunklen "La Passione"-Symphonie von Haydn. Nach Frühklassik klingt hier aber fast nichts mehr. Moderner als Sondeckis kann man Haydn wohl nicht mehr interpretieren. Zum Schluss hört man die elegische Trauermusik für Bratsche (Viola) und Streichorchester von Paul Hindemith.

Eine spannende Aufnahme, die in ihrer Zusammenstellung einzigartig ist!

Herzliche Grüsse!
Jörg
teleton (09.11.2007, 08:02):
Hallo Nordolf,

vielen Dank für deine Info. Das Streichquartett Nr.8 mit Streichorchester und Pauken
das muß ja der Wahnsinn sein
:D genau das Richtige für mich.

Ich habe gerade zwischendurch mal nach der SONY-CD Ausschau gehalten und war überrascht wie viele CD´s von dem mir unbekannten Saulius Sondeckis angeboten werden.
:beer Du wirst es nicht glauben, aber die CD wurde bei amazon für 1,99€ angeboten - da habe ich nicht lange gezögert und diese gleich bestellt.
:hello Ich werde berichten, wenn sie da ist.


Hallo Uhlmann,

Das das ganze mit Barshai bei BRILLANT lasch ist entspricht nicht meiner Empfindung. Zwar sind die DG-Aufnahmen mit dem Chamber Orchestra of Europe, die ich vom op.110a und 118a kenne, wesentlich spannender geraten, aber so schlecht nun auch wieder nicht.

Mir persönlich sagen die Streichorchesterfassungen rein geschmacklich mehr zu als die originalen Streichquartette, denn eine halbe Stunde dieses "geschrumme" bei Streichquartetten zu ertragen kostet mich schon eine Überwindung
ein schönes Streichorchester "wärmt meine Ohren" dagegen.
Ist eben Geschmackssache.
Walter (09.11.2007, 08:49):
Hallo teleton,

mir geht es da ähnlich wie Dir - ich habe die Barshai Kammersymphonieen das erste mal im Radio gehört - vorher kannte ich nur die Streichquartette.

Ich habe gleich darauf die Doppel-CD von EMI gekauft und bin weiterhin begeistert.

Die SONY-CD von Sondeckis werde ich mir auch mal ansehen - ich bin auf Deinen Bericht gespannt.
uhlmann (09.11.2007, 08:56):
Original von teleton
Hallo Uhlmann,

Das das ganze mit Barshai bei BRILLANT lasch ist entspricht nicht meiner Empfindung. Zwar sind die DG-Aufnahmen mit dem Chamber Orchestra of Europe, die ich vom op.110a und 118a kenne, wesentlich spannender geraten, aber so schlecht nun auch wieder nicht.

Mir persönlich sagen die Streichorchesterfassungen rein geschmacklich mehr zu als die originalen Streichquartette, denn eine halbe Stunde dieses "geschrumme" bei Streichquartetten zu ertragen kostet mich schon eine Überwindung
ein schönes Streichorchester "wärmt meine Ohren" dagegen.
Ist eben Geschmackssache.

yep, immer alles reine geschmackssache.

aber hör dir mal die streichquartette mit den borodins an. dort ist das wahre feuer zuhause. dann weist du, warum ich obige aufnahmen als lasch bezeichnet habe.

wenn du schreibts "wärmt meine ohren": ich möchte gerade bei schtoakowitschn NIE, dass meine ohren gewärmt werden. im gegenteil: das muss stechen, bohren, um die ganze vielfalt der ungeheuren gefühlswelt dieser außerordentlichen werke auszudrücken. wenn ich meine ohren wärmen möchte, höre ich zb mozart oder barockes.
Rachmaninov (09.11.2007, 09:02):
Ähm,

Schostakowitsch hat zwar nicht wie geplant 24 Streichquartette geschrieben, allerdings hat er immerhin 15 statt 13 geschafft. :wink

Im kommenden Jahr habe ich ja vor mich mit diesen Werken näher zu beschäftigen, da sie wohl mit zum persönlichsten gehören was Schostakowitsch geschrieben hat.

Natürlich stellen die Kammersinfonien 1-5 eine Bereicherung dar, vor allem für Musikfreunde wie Teleton, die den Orchestralenklang dem eines Quartetts vorziehen.

Dennoch werde ich mich zunächst mit dem "Originalstoff" beschäftgen :hello
teleton (09.11.2007, 10:52):
Hallo Uhlmann,

wenn du schreibts "wärmt meine Ohren": ich möchte gerade bei Schtoakowitschn NIE, dass meine ohren gewärmt werden. im gegenteil: das muss stechen, bohren, um die ganze vielfalt der ungeheuren gefühlswelt dieser außerordentlichen werke auszudrücken. wenn ich meine ohren wärmen möchte, höre ich zb mozart oder barockes.
Da hast Du Recht, das möchte ich bei Schostakowitsch auch nicht.
Ich meine mit Ohren wärmen, das mir der Klang eines Streichorchesters mehr zusagt als der Schrummklang eines Streichquartettes. Rachmaninov hat dies schon richtig erkannt.

Die Aufnahme mit dem Borodin-Quartett ist absolut Referenzwüdig - OK.
Höre Dir aber mal die DG-Aufnahme des op.110a mit Barshai an, da ist seine Brillant - Aufnahme wirklich lasch gegen, wie ich bereits im ersten Beitrag geschrieben habe.

:leb Nun bin ich gespnnt auf die Saulius Sondeckis - Fassung !
Rachmaninov (09.11.2007, 13:16):
Original von teleton
Die Aufnahme mit dem Borodin-Quartett ist absolut Referenzwüdig - OK.

Die haben ja die SQ auch mehrfach eingespielt..... dazu aber was in 2008 :leb
HenningKolf (09.11.2007, 18:11):
Original von teleton

:beer Du wirst es nicht glauben, aber die CD wurde bei amazon für 1,99€ angeboten - da habe ich nicht lange gezögert und diese gleich bestellt.
:hello Ich werde berichten, wenn sie da ist.


.


Da habe ich mich dann gleich mal angeschlossen....was soll man bei 4,99 € incl. Porto schon falsch machen können ( für solche Beträge gilt mein Vorsatz vor dem 1.1. kein Geld mehr auszugeben nicht :W )

Gruß
Henning
Rachmaninov (10.11.2007, 12:33):
Original von HenningKolf
Original von teleton

:beer Du wirst es nicht glauben, aber die CD wurde bei amazon für 1,99€ angeboten - da habe ich nicht lange gezögert und diese gleich bestellt.
:hello Ich werde berichten, wenn sie da ist.


.


Da habe ich mich dann gleich mal angeschlossen....was soll man bei 4,99 € incl. Porto schon falsch machen können ( für solche Beträge gilt mein Vorsatz vor dem 1.1. kein Geld mehr auszugeben nicht :W )

Gruß
Henning

Habe ich nicht gefunden!

Kann einer den Link posten?
HenningKolf (10.11.2007, 12:49):
Original von Rachmaninov
Original von HenningKolf
Original von teleton

:beer Du wirst es nicht glauben, aber die CD wurde bei amazon für 1,99€ angeboten - da habe ich nicht lange gezögert und diese gleich bestellt.
:hello Ich werde berichten, wenn sie da ist.


.


Da habe ich mich dann gleich mal angeschlossen....was soll man bei 4,99 € incl. Porto schon falsch machen können ( für solche Beträge gilt mein Vorsatz vor dem 1.1. kein Geld mehr auszugeben nicht :W )

Gruß
Henning

Habe ich nicht gefunden!

Kann einer den Link posten?




eine gibt es noch (wenn die Seite gepflegt wird)


Gruß :hello
Walter (15.11.2007, 08:17):
Die Sanderling CD mit der Kammersymphonie 110a ist gestern gekommen:

erst mal danke für den Tip!

Die Aufnahme mit Streichorchester und Pauken hat viel mehr Tempo und Feuer als die Bearbeitung von Barshai. Kommt also IMO dem Streichquartett wesentlich näher.

(Gut gefallen hat mir dann auch noch die Symphonie No.49 von Haydn die mit auf der CD ist.)

Gruß
teleton (05.12.2007, 11:19):
Hallo Nordolf, Walter, Henning, Rach und Uhlmann,,

meine bestellte Saulis Sondereckis-SONY-CD mit der Kammersinfonie Nr.8 op.110aund der St.Petersburg Camerata ist erst vor ein paar Tagen bei mir eingetroffen.
Was lange währt wird endlich gut !

Die Idee die Kammersinfonie op.110a mit Pauken zu unterstützen, hatte ich auch schonmal. Ich wollte dies in meinem Hobbyraum mit gesampelten Pauken auf dem Synthesizer realisieren.
:D :D Als 16jähriger habe ich das mal mit Schibert: Sinfonie Nr.5 gemacht und aufgenommen, da Schubert bei diesem Werk keine Pauken einsetzt
welche ein Frevel, aus heutiger Sicht !

In Saulis Sondereckis Fassung des op.110a sind die Pauken sparsam eingesetzt, ohne das es aufgebläht wirkt.
Was mich total stört ist der dumpfe viel zu weiche Klang der Pauken (das klingt wie bom bom statt paff paff) der dem Werk mit diesen Softpauken durch den Sound die Spannung nimmt. Die Pauken dürften aich nicht nachklingen, wie es an mehreren Stellen der Fall ist.
Das die Pauke mehr links positioniert ist, statt zentral gfällt mir auch nicht. Was hätte man aus diesem Werk mit prägnanten Pauken machen können - hier leider nicht so getroffen, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Ansonsten von den Streichern gut gespielt, auch die füllenden Werke von Haydn Sinfonie Nr.49 und Hindemith Trauermusik für Viola und Orchester.

Das die Schostakowitsch- Interpretation packender und frischer ist, als die Barshai-Fassung, kann ich Nordolf aber nur für die Brillant-Aufnahme mit dem soft und ohne Pepp disponierten italienischen Giusepe Verdi SO zustimmen.

:) Die Barshai-Fassung mit dem Chamber Orchestra of Europe (DG) ist weitaus packender gelungen. Die Wahnsinnsattacken der Streicher kommen bei Barshai auch ohne Pauken noch härter, prägnanter und eindrucksvoller als bei Sondereckis mit seinen Softpauken.

:wink Alles in allem bin ich froh, dass die SONY-CD nicht teurer war.
Es war ein interessanter Ausflug, der aber letztendlich nicht unbedingt nötig gewesen wäre.

:hello Ich bin mal gespannt auf Eure Eindrücke.