stiffelio (31.01.2015, 11:35): Alfonso und Estrella dürfte nach Fierrabras Schuberts bekannteste Oper sein. Sie wurde September 1821 bis Februar 1822 nach einem Libretto von Franz von Schober komponiert, aber zu Schuberts Lebzeiten nie aufgeführt. Als er gerade den ersten Akt fertiggestellt hatte, kam im Oktober 1821 der Freischütz von Weber in Wien mit großem Erfolg zur Uraufführung. Der neu ernannten italienischen Impresario der Wiener Oper und des Kärntnertortheaters lud Schubert und andere Komponisten daher ein, Vorschläge für eine deutsche Oper einzureichen. Schubert vollendete seine Oper und reichte sie sofort zur Aufführung ein, sie wurde aber abgelehnt, ebenso bei späteren Versuchen in Berlin, Dresden und Graz. Die Uraufführung fand erst 1854, also 26 Jahre nach Schuberts Tod im Hoftheater Weimar unter Franz Liszt statt.
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Die Handlung spielt offiziell im mittelalterlichen Spanien, bildet aber einmal mehr die Sehnsüchte und Hoffnungen aus Schuberts Sphäre ab: 20 Jahre vor Beginn der Opernhandlung wurde König Froila von dem Ursurpator Mauregato aus seinem Königreich León vertrieben und lebt mit seinen Sohn Alfonso, der von seiner Herkunft nichts ahnt, heimlich in einem abgelegenen Tal. In diesem Exil ist er dem Volk dort zu einem väterlich-sorgenden Freund geworden. Alfonso zieht es in die Ferne. Aus Sorge vor Mauregatos Aufmerksamkeit verbietet ihm Froila, das Tal zu verlassen, gibt ihm jedoch eine alte Kette zum Pfand, dass er sein Verbot bald zurücknehmen wird. In der Hauptstadt von León kehrt Mauregatos Feldherr Adolfo von einer erfolgreichen Schlacht zurück und fordert zur Anerkennung seiner Dienste die Hand von Mauregatos Tochter Estrella, die Adolfo und seine kriegerische Art jedoch verabscheut. Um seine geliebte Tochter Estrella nicht hergeben zu müssen, gibt Mauregato vor, Estrella laut einem Schwur nur mit demjenigen verheiraten zu können, der die Kette Eurichs aus dem alten Königshaus wiederbringe. Adolfo durchschaut die List und bereitet einen Aufstand vor, um Mauregato zu stürzen und Estrella doch noch zu bekommen. Währenddessen hat sich Estrella auf einer Jagd im Gebirge verirrt und begegnet Alfonso. Sie verlieben sich ineinander ohne ihre jeweilige Herkunft zu kennen und Alfonso zeigt ihr den Weg zur Königsstadt zurück und gibt ihr die alte Kette zum Geschenk und Andenken. Mauregato hat seine Tochter voll Ungeduld und Sorge erwartet und erkennt bei ihrer Rückkehr die Kette Eurichs wieder. In die Hoffnung Estrellas, Alfonso jetzt heiraten zu können, platzt die Nachricht vom Aufstand Adolfos. Estrella beschließt, für ihren Vater zu kämpfen und wird dabei von Adolfo überwältigt. Dieser versichert ihr nochmal seine Liebe, doch als sie ihn erneut zurückweist, will er sie mit Gewalt besitzen. Auf Estrellas Hilferuf eilt Alfonso herbei, rettet Estrella und lässt Adolfo gefangennehmen. Dabei erfährt er, dass Estrella eine Königstochter ist und beschließt - immer noch in Unkenntnis seiner eigenen königlichen Abstammung - für ihren Vater kämpfen, um Estrellas Hand würdig zu werden. Estrella vertraut er derweil dem Schutz seines Vaters Froila an. Froila beschließt für sich, Mauregato zu verzeihen und bestärkt Alfonso in seiner Absicht für Mauregato zu kämpfen. Mauregato irrt inzwischen verzweifelt allein umher und wünscht sich unter Gewissensbissen den Tod und die geraubte Krone, die ihm kein Glück gebracht hat, zurückgeben zu können. Als Froila ihn findet, ihm verzeiht und seine Tochter ihm wieder zuführt, kann er diese Güte kaum fassen. Das Volk kommt und meldet Alfonsos Sieg über die Aufrührer. Alfonso will sein Schwert Mauregato zu Füßen legen und erfährt voll Verwunderung, dass sein Vater Froila der echte König ist. Mauregato vermählt Estrella mit Alfonso und Froila gibt seine Herrschaft an seinen Sohn weiter. Auch dem Aufrührer Adolfo wird vor dem jubelnden Schlußchor vergeben.
Vielleicht noch mehr als Fierrabras atmet Alfonso und Estrella den Geist des Biedermeiers. Mauregato ist in seinem Königsglanz nicht glücklich, seine Tochter Estrella noch weniger, sie wünscht sich ganz offen ein schlichteres Glück. Wahre Zufriedenheit und Nächstenliebe stömt Froila in seinem Exil aus, auch seinen Sohn Alfonso zieht es aus jugendlicher Aufbruchslust, nicht aus Ruhmsucht in die Ferne. Die romantische Liebe zwischen Alfonso und Estrella erstreckt sich auf die ganze Welt, wenn sie im Schlußchor gipfelt: "Liebe hat den Friedensbogen über diese Welt gezogen. Aller Schmerz ist aufgewogen, wenn ihr Hauch den Busen hebt. Heil, Heil, dem jungen Paare Heil" Schuberts Musik ist mindestens ebenso liedhaft wie in Fierrabras (dabei mit wunderschönen Melodien gesegnet), aber im Gegensatz zu Fierrabras durchkomponiert, es gibt keine Sprechtexte. Wie in Fierrabras geht es um romantische Liebe, Väterkonflikte und Versöhnung, doch spielt sich der Konflikt diesmal kaum in den Vater-Kind -Beziehungen (Froila und Mauregato lieben ihre Kinder uneingeschränkt), sondern nur auf der Väterebene ab. Es ist aber wieder der Streit der Väter, der das Glück der Liebenden bedroht und die Liebe der Kinder führt zur Versöhnung der Väter.
Froila, König von León im Exil - Thomas Hampson Alfonso, sein Sohn - Endrik Wottich Mauregato, König von León - Olaf Bär Estrella, seine Tochter - Luba Orgonasova Adolfo, Mauregato's General - Alfred Muff Dirigent: Nikolaus Harnoncourt Inszenierung: Jürgen Flimm Chamber Orchestra of Europe, Arnold Schoenberg Choir Theater an der Wien, Mai 1997
Die erste verfügbare DVD dieser Oper aus dem ThadW 1997 unter Hanoncourt kenne ich schon seit mehreren Jahren, habe mich aber lange Zeit ziemlich schwer mit ihr getan. Sie hat mit Thomas Hampson einen überragenden König Froila zu bieten: eine ganz wunderbare Darstellung fern jedes Pathos liefert er ab, als er Mauregato verzeiht. Auch Olaf Bär als Mauregato gefällt mir sehr gut, er ist ein darstellerisch und stimmlich ein würdiger Partner für Hampson, auch wenn er manchmal in eine Art Sprechgesang verfällt, der aber einer glasklaren Diktion und starken Gestaltung zugute kommt. Die interessante, aber auch herausfordernde Regieidee, ihn als Blinden darzustellen, füllt er überzeugend aus. Mit den Titelfiguren hatte ich jedoch Probleme, ohne sie lange präzise benennen zu können, denn formal gibt es wenig an Luba Organosova und Endrik Wottrich auszusetzen, sie bemühen sich auch erfolgreich um eine ausdrucksvolle Darstellung. Erst seitdem ich kürzlich eine zweite DVD aus Cagliari erwerben konnte, wurde es mir etwas klarer: mir fehlt speziell in Wottrichs Stimme der Schmelz und die Seidigkeit, ich empfinde sein Timbre (zumindest auf dieser DVD, eine andere Aufnahme mit ihm kenne ich nicht) als etwas rau und glanzlos. Auch Organosovas Stimme klingt für mich in manchen Passagen (nicht immer) etwas gepresst und unschön. Dem entspricht, dass auch Flimm in seiner Inszenierung sich nicht von Romantik und Biedermeier verführen lässt. Seine Inszenierung ist karg, manchmal streift das Ärmliche die Grenze zum Hässlichen und auch bei Mauregatos Umgebung denkt man nicht an einen Palast. Die Kostüme sind mehr oder weniger modern, nur gelegentlich schimmert das Biedermeier durch. Bei der Schlacht lässt Flimm es sich nicht nehmen, immer wieder Antikriegsbilder einzustreuen: verwundete Soldaten, Kriegsgeräte, auch Alfonso kommt nicht unverletzt aus der Schlacht zurück. Dass auch Adolfo am Schluss vergeben wird, ist ihm offenbar an Happy End zu weit gegangen: sein Adolfo steht auch im Schlussbild noch von ferne sichtbar am feindlichen Schüzengraben unter einer flatternden schwarzen Fahne und es bleibt unklar, ob der Kampf wirklich schon ausgestanden ist. Zum Glück hat Flimm für meinen Geschmack gerade noch die Balance gewahrt, es bleibt bei Fragezeichen, die zum Denken anregen, ohne allzu holzhammerartige Assoziationen.
Alfonso - Rainer Trost Estrella - Eva Mei Froila - Markus Werba Mauregato - Jochen Schmeckenbecher Adolfo - Alfred Muff Dirigent: Gerard Korsten Inszenierung: Luca Ronconi Orchestra e Coro del Teatro Lirico di Cagliari, 2004
Die etwas neuere Inszenierung von Ronconi aus Cagliari setzt einmal mehr auf das Konzept: Schubertoper als Schubertiade. Das Bühnenbild besteht aus Saiteninstrumenten aller Größen, die wie ein Auditorium um eine kleinere Bühne herum gebaut sind. Die Sänger stecken anfangs einheitlich im biedermeierlichen Frack bzw. die Frauen im dazu passenden schwarzen Kleid und stehen/sitzen im Auditorium. Auf der Bühne wird von Puppenspielern das Geschehen mit Gliederpuppen in mittelalterlichen Kostümen stumm vorgespielt. Im Laufe der Oper wechseln die Sänger in die Kostüme ihrer dazugehörigen Puppen (den Anfang macht zu Beginn des 2. Aktes Estrella) und begeben sich teilweise auf die Bühne, die Puppen dafür in einzelnen Szenen ins Auditorium. Kurz gesagt mischen sich die Spiel- und Singebenen, die anfangs noch getrennt sind, immer mehr. Das ist kein schlechtes Konzept, aber als einziger Nährwert ein bisschen dünn. Mir jedenfalls haben die Schauspielpuppen die Figuren nicht unbedingt näher gebracht; sie waren ein netter Gag, der aber auf Dauer eher ablenkte, als einem tiefere Einsichten in die Handlung zu vermitteln. Dann lieber gleich eine mittelalterlich inszenierte Märchenoper wie Fierrabras von Peter Stein im letzten Sommer.
Gleich am Anfang muss das Auge einen Schlag in die Magengrube vertragen. Markus Werba fällt gegen Thomas Hampson stimmlich sogar weniger ab, als ich erwartet hatte: wenn es ihm im Vergleich an Gestaltungskraft fehlt, muss er in Stimmschönheit nicht arg weit zurückstehen. Optisch ist er jedoch als altväterlicher König Froila zumindest im 1. Akt eine Katastrophe, oder präziser gesagt eine Witzblattfigur. Das liegt nicht zuletzt an dem Frackkonzept, ich habe dadurch immerhin gelernt, dass man in einem gutsitzenden Frack eine jugendlich-schlanke Gestalt und dazu passendes Bewegungsmuster ebensowenig verbergen kann wie in einer Badehose. (Mit der Zahl der Durchgänge habe ich mich etwas besser an seine Erscheinung gewöhnt. Vielleicht lag mein Schock auch daran, dass ich Werba noch als leichtlebigen, naiv-jugendlichen Graf Boni aus der Csardasfürstin vor Augen hatte, wo er optisch hervorragend passte). Bei Jochen Schmeckenbecher höre ich zwar ein größeres Stimmvolumen als bei Olaf Bär, aber darstellerisch hat er (auch regiebedingt) im Vergleich nicht mehr Chancen als Werba gegen Hampson. Das Väterpaar ist in der Summe in Wien dem in Cagliari um Meilen voraus. Ein echtes Stimmfest stellt jedoch zweifellos das Titelpaar dar. Ich habe Rainer Trost nie schöner singen hören als hier als Alfonso und auch Eva Mei finde ich hervorragend (hatte aber auch nichts anderes von ihr erwartet). Die Duette der beiden werden so zur der Sternstunde, die in Wien leider fehlte. Aber ganz insgesamt feiert diese DVD ein Fest des Schönklangs. Ich weiß nicht, ob es mehr an der Aufnahmetechnik oder mehr am Dirigat liegt, dass die Musik insgesamt mehr zu gänzen scheint als in Wien. Adolfo ist in beiden Aufnahmen Alfred Muff und selbst sein manchmal etwas grober Bass klingt in Cagliari wesentlich biegsamer und geschmeidiger als in Wien. Es ist Schubert mit einem ganz dicken Schuss Italianità. Wenn man kritisch sein will, bleibt dadurch etwas an Schubertscher Abgründigkeit auf der Strecke, aber wer einfach nur in seiner Melodienseligkeit schwelgen will, ist hier richtig. Mir hat es den Wiedereinstieg in diese Oper wesentlich erleichtert, auch wenn sich bereits abzeichnet, dass ich auf Dauer und in der Summe doch Wien bevorzuge (und hin und wieder für die Liebesduette in Cagliari fremdgehe :wink).
Das Väterpaar aus Wien und das Titelpaar aus Cagliari, dazu die Inszenierung von Flimm mit einer Prise mehr Schönheitssinn und einer Prise weniger Antikriegspropaganda, das wäre für mich die ideale Mixtur gewesen.
Für beide Aufführungen wurde die Oper behutsam gekürzt: von ca. 3 auf ca. 2,5 Stunden. Cagliari ist dabei insbesondere im Finale noch etwas originalgetreuer. Es hat wie gesagt relativ lange gedauert, bis ich die Musik dieser Oper so richtig würdigen konnte, aber derzeit habe ich den Eindruck, ich könnte sie ewig hören. :engel Gibt es jemanden hier, der sie auch kennt und schätzt?
VG, stiffelio
Billy Budd (31.01.2015, 16:03): Original von stiffelio Gibt es jemanden hier, der sie auch kennt und schätzt? Ich hab bis jetzt nicht amal gewußt, daß es diese Oper überhaupt gibt :ignore ... ich hab mir grad die Ouvertüre auf Youtube angehört, und weil sie mir nicht zugesagt hat, wird es trotz Deiner ausführlichen Beschreibung wohl auch dabei bleiben... :) Billy :hello
Rotkäppchen (01.02.2015, 00:00): Liebe stiffelio,
ich steige zwar auch nach dreimaligem Lesen deiner Beschreibung bei der Handlung noch nicht durch, aber es scheint immerhin weniger komplex zu sein als beim Fierrabras, schon allein weil es weniger Personen gibt... Ich nehme an, der Librettotext wirkt auf uns heute ähnlich absonderlich wie der Fierrabrastext, zumindest lässt das der von dir zitierte Text des Schlusschors befürchten :P.
LG, Rk
stiffelio (01.02.2015, 10:07): Original von Billy Budd ich hab mir grad die Ouvertüre auf Youtube angehört, und weil sie mir nicht zugesagt hat, wird es trotz Deiner ausführlichen Beschreibung wohl auch dabei bleiben...
Lieber Billy, wenn ich mir deine bevorzugten Opern so ansehe, kann ich das verstehen. Schuberts Opern haben so gut wie nichts mit Wagner oder Strauss zu tun und noch weniger mit Janacek oder Britten. Die einzige Oper, die mal auf deinen Lieblingslisten stand und die man vielleicht von ferne her mit Alfonso und Estrella vergleichen könnte, ist der Fidelio, zumindest der erste Akt. Als ich mir z.B. eben das Terzett "Was werd ich nun beginnen" (Teil des Finale vom 1. Akt*) nochmal angehört habe, empfand ich eine Assoziation zu dem berühmten Fidelio-Quartett "Mir ist so wunderbar". Vordergründig ist Beethoven dann im zweiten Akt dramatischer, zumindest pompöser. Aber es ist nicht so, dass es bei Schubert gar keine Dramatik gibt, auf mich wirken seine Ausbrüche zwar meist nicht so mächtig wie bei Beethoven, aber eher noch schärfer und unerwarteter, sie bereiten sich nicht von so langer Hand vor. Er ist definitiv nicht nur der harmlose Tanzmelodienkomponist (obwohl es dafür in Alfonso und Estrella auch wunderbare Beispiele gibt und ich den Melodienreichtum bei Schubert sowieso einzigartig finde :engel), sondern kann auch mit ganz unerwarteten spannungsgeladenen Dissonanzen aufwarten, wenn man die Ohren dafür schärft (in dem o.g. Terzett z.B. bei Mauregatos "erfasst mich dort die Qual")
*Leider scheint es auf YT derzeit keine GA von Alfonso und Estrella zu geben, zuminest keine, die man in Deutschland abrufen kann. Kannst du in Österreich einen dieser Links anhören?: https://www.youtube.com/watch?v=I_oM4glRPdg oder https://www.youtube.com/watch?v=qz2kXFdb49Q Da müsste das o.g. Terzett von 4:40-7:17 min zu hören sein.
Original von Rotkäppchen ich steige zwar auch nach dreimaligem Lesen deiner Beschreibung bei der Handlung noch nicht durch
Liebe Elke,
dann nochmal exklusiv für dich :P (die Pünktchen musste ich einfügen um die Abstände zu erhalten):
Den Text empfinde ich eigentlich weniger altertümlich als bei Fierrabras, vermutlich weil durchgehend gesungen wird. Gesprochen wirkt so etwas ja meist noch absonderlicher. Eine nette Ausnahme gibt es: Mauregato zu Froila im 3. Akt: "Sieh her, du bist gerochen" (hat aber nichts mit riechen, sondern mit rächen zu tun :wink).
VG, stiffelio
Viola (01.02.2015, 10:45): Original von stiffelio ich könnte sie ewig hören. :engel Gibt es jemanden hier, der sie auch kennt und schätzt?
Ich natürlich!!, wie verrückt. :) Keine Überraschung, nicht wahr, ich suche seit Jahren jeden Ton Schubert, den ich nur erhaschen kann. Und auch diese Oper mag ich von Anbeginn (meiner Klassik-Musik-Zeit), hatte sie noch weit vor Fierrabras kennengelernt, der dann allerdings kurzfristig noch akuter "eingeschlagen" hatte.
Nur, auch wie üblich, liebe Stiffelio, ich höre die (himmlische) Musik, brauche - auch in diesem Falle - die szenische Umsetzung eher nicht. Nicht mal jene mit Harnoncourt - was so gut wie alles sagt. :D
Herzliche Grüße und danke für Deine mitgegteilte Begeisterung - hab sie mit Vergnügen gelesen!
Viola
Billy Budd (01.02.2015, 12:03): Liebe Stiffelio! Nein, leider nicht ("Dieses Video ist nicht verfügbar. Das tut uns leid." :J). Trotzdem danke für Deine Erklärungen! Billy :hello
stiffelio (01.02.2015, 12:06): Liebe Viola,
auf dich hab ich natürlich gehofft. :wink Die von dir vorgestellte Audio-Version hab ich mir vorgestern als mp3 heruntergeladen und höre mich so langsam hindurch. Allerdings habe ich sie von Brilliant genommen, weil sie da derzeit viel kostengünstiger ist, sie scheint aber von der enthaltenen Musik her identisch zu sein:
Sie ist allein schon deshalb ein Gewinn, weil sie eine echte GA zu sein scheint, also ohne Kürzungen wie auf den DVDs. Ich finde zwar grundsätzlich, dass die Kürzungen gelungen sind, aber mich hätte auch eine szenische Umsetzung von der kompletten Vergebungsszene "Kein Geist, ich bin am Leben" sehr interessiert (auf den DVDs ist u.a. die Zeile "wie kannst du mir vergeben, dein Glück hab ich zerstört" gestrichen). Andererseits arbeitet Harnoncourt ganz wunderbar die chromatische(?) Steigerung in diesem Quartett heraus, da entgeht dir echt etwas, wenn du die DVD nicht kennst (allerdings könntest du sie vermutlich nur ohne Bild genießen :P). Ich bin sowieso an ganz vielen Stellen der DVD mit Harnoncourt ungewöhnlich zufrieden. Nicht selten haben mich bei anderen Opern eigenwillige Tempi von ihm gestört, aber hier ist ihm für meinen Geschmack trotz eher zügiger Tempi eine echte Meisterleistung an Tiefgründigkeit gelungen, die ich immer mehr würdigen kann, je öfter ich die DVD höre. Das Finale vom 1. Akt und auch ca. die letzten 20 Minuten vom 3. Akt sind atemberaubend differenziert dirigiert :down. Was ich da alles höre, was in den anderen Aufnahmen untergeht, geht auf keine Kuhhaut. Mich hat auch erstaut, dass er den Marsch "die Schwerter hoch geschwungen" viel zügiger dirigiert als Korsten. Bei letzterem muss ich an einen offiziellen Staatsumzug, einen majestätischen Triumphzug denken, während Harnoncourt ein schichtes Jubellied daraus macht, das auf mich viel unmittelbarer und emotionaler wirkt. Auf der Sängerseite kommt noch hinzu, dass Olaf Bär ein ganz anderer Mauregato ist als Hermann Prey, viel schlanker im Ton, viel zerrissener und tiefsinniger im Ausdruck. Fischer-Dieskau finde ich Hampson von der Darstellung her bisher ebenbürtig. Das Titelpaar muss ich mir noch gründlicher auf der CD anhören, bevor ich etwas dazu sagen kann.
off topic: ich suche seit Jahren jeden Ton Schubert, den ich nur erhaschen kann. heißt das eigentlich, dass du auch alle anderen Opern(fragmente) von Schubert kennst? Ich hab gesten mal oberflächlich gesurft und zu folgenden Opern mehr oder weniger komplette YT-Links gefunden: Die Freunde von Salamanca Die Verschworenen Der häusliche Krieg Der vierjährige Posten Die Zwillingsbrüder Gibt es noch mehr auf YT? Oder eine CD, die du besonders empfehlen kannst?
VG, stiffelio
@Billy: danke für die prompte Rückmeldung!
Hosenrolle1 (01.02.2015, 12:23): sondern kann auch mit ganz unerwarteten spannungsgeladenen Dissonanzen aufwarten, wenn man die Ohren dafür schärft (in dem o.g. Terzett z.B. bei Mauregatos "erfasst mich dort die Qual")
Kannst du mir bitte sagen, in welchem Stück die Stelle vorkommt? Ich möchte sie mir gerne in der Partitur ansehen :)
LG, Hosenrolle1
stiffelio (01.02.2015, 13:58): Original von Hosenrolle1 Kannst du mir bitte sagen, in welchem Stück die Stelle vorkommt? Ich möchte sie mir gerne in der Partitur ansehen :)
Das ist im Finale 1. Akt: "Glänzende Waffe den Krieger erfreut". Beim ersten Durchgang ist es nur eine Art harmonisch unerwarteter Vohalt. Erst wenn im zweiten Durchgang Estrellas Stimme dazukommt, wird es zur Dissonanz. Harmonisch noch ergiebiger ist evtl. im 3. Akt das Duett "Kein Geist, ich bin am Leben". Ich habe den Eindruck, dass Schubert da durch gefühlt sämtliche Tonarten hindurchschreitet.
Unter http://www.brilliantclassics.com/media/446009/94689-Schubert-Alfonso-und-Estrella-Sung-texts-Download.pdf findest du den kompletten Librettotext. Vielleicht kannst du damit die Stellen, die ich angesprochen habe, am schnellsten identifizieren.
VG, stiffelio
Hosenrolle1 (01.02.2015, 14:24): Danke für den Hinweis!
Ich habe mir das gerade angesehen, aber diese alten Partituren finde ich fürchterlich: ich habe leider keine Ahnung, in welcher Stimmung etwa die Trompeten spielen, und müsste da zig Seiten zurückblättern um das rauszufinden.
Auch kommt "die Qual" ziemlich häufig vor. Einmal wird dazu zumindest vom Holz ein reines F-Dur gespielt, aber wie gesagt, ein paar der anderen Instrumente kann ich nicht lesen.
LG, Hosenrolle1
Viola (01.02.2015, 19:50): Liebe stiffelio,
manche Hoffnung ist nicht umsonst, mich betrifft das auch. :wink
Ja, bestimmt haben wir denselben Suitner, ganz bestimmt sogar. Brilliant hat in dieser schönen Opern-Reihe übrigens auch „Die Freunde von Salamanka“ mit dabei - auch eine der Schubertschen Opern, die mir sofort gefiel und die ich Dir empfehlen kann:
Was Alfonso und Estrella betrifft, so glaube ich Dir unbesehen, dass im direkten Vergleich (obwohl ich diese Art Vergleiche eigentlich nicht so mag) die Harnoncourt-Aufnahme die Nase vorn hat. Vielleicht sogar um einige Längen. Sonst wäre es ja nicht Nikolaus Harnoncourt :tongue: Ist nur Spaß. Ich schätze Suitner auch sehr. Wäre sie auf CD erschienen, hätte ich sie sicher längst. Nun ... hast Du mir natürlich auch die DVD schmackhaft gemacht. Mal sehen.
Freu mich über Deine aktuellen Eindrücke, was Harnoncourt und Schubert betrifft. Denn eigentlich passt ihr aus meiner Sicht hervorragend zueinander, nicht nur was Detailbesessenheit im besten Sinne betrifft. :wink
Hier ein paar Gedanken von ihm (anlässlich der Züricher Inszenierung von Alfonso und Estrella):
„Für mich ist Schubert der Komponist, an dem mein Herz am meisten hängt. Wenn man über große Musik spricht, dann spricht man zunächst immer über Mozart und Bach. Aber wenn es um die letzten Herztöne geht (...), dann ist es sicherlich Schubert, der mir am nächsten steht. Diese Traurigkeit, diese Todesnähe, die ist bei Schubert ganz rein und wahrhaftig vorhanden. Ganz zu schweigen von der Melodik und der Harmonik, die bei Schubert einmalig ist. Es gibt vielleicht keinen anderen Komponisten, der eine so persönliche Sprache hat. Und die ist auch in seinen Bühnenwerken in wunderbarer Weise präsent.“
„In Alfonso und Estrella findet man Stellen, bei denen ich sagen muss: Wie kann einer vor Berlioz so etwas schreiben? Da ist eine viel größere Nähe zu allem Zukunftsgerichteten zu erkennen als zu den Größen, die er bewunderte. Was wir in Alfonso und Estrella vor uns haben, das ist ein Meisterwerk, ein ganz großer Wurf, mit durchaus rätselhaften Inhalten, die teilweise sogar musikalisch rätselhaft sind. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Rätsel besser zu verstehen. Da kommt in diesem Stück zum Beispiel eine Bariton-Arie des Froila vor: das Lied des Wolkenmädchens, das Schubert später in der Winterreise wieder aufgenommen hat. Dieses Lied ist ganz anders als alles Übrige. Da macht sich eine Stimmung breit, vergleichbar einer magischen Hand, einer Geisterhand. Es entsteht eine Atmosphäre von etwas Unglaublichem. Und es entsteht eine Kraft, die dem Sog des Unheils entgegenwirkt. (...) Inwieweit das Geschehen auf der Bühne tatsächlich real ist oder sich mehr in den Köpfen, als Psychodrama jenseits von allem Rationalen, abspielt, das ist die große Frage.“
„Liszt hat das Werk aus einer gewissen zeitlichen Distanz kennengelernt. Aber natürlich hat er Recht, wenn er von Unzeitgemäßem spricht. Solche Werke sind einfach nie zeitgemäß. Sie sind vielmehr allem Zeitlichen enthoben. Vielleicht aber war das Stück auch so zeitgemäß, dass es die Zeit ganz einfach nicht ertragen hat. Denn die Werke Schuberts sind ohnehin an der Grenze des Erträglichen. Liszt hat auch sehr viel gestrichen. Zum Vorwurf des Undramatischen müsste man wissen, was Liszt unter dramatisch verstand. Wenn er einen bestimmten Fortgang der Handlung damit meinte, dann hat er ohne Zweifel recht. Dramatik im Sinne von wildem Geschehen ist umgekehrt in dieser Oper sehr viel vorhanden. Es geht teilweise sogar so wild zu, dass der Dirigent die größten Probleme hat, das Orchester so im Zaum zu halten, dass man mit den Sängern durchkommt.“
„Das Problem ist wahrscheinlich – bei Schubert wie bei Haydn – die verfehlte Erwartungshaltung. Solange wir sagen: Das ist ein schlechter Text, oder Schubert komponiert keine richtigen Arien, sondern Lieder, so lange haben wir etwas Entscheidendes nicht verstanden. (...) Jeder der beiden hat eben die Oper neu erfunden, genauso wie später Schumann mit seiner Genoveva. Wenn es uns irgendwann einmal gelingt, den Nerv zu treffen, dann wird sich alle Welt fragen: Warum haben wir diese herrlichen Werke so lange nicht verstanden?“
(aus: Nikolaus Harnoncourt, Töne sind höhere Worte, Residenz Verlag 2009)
Was Schuberts andere Opern und -fragmente betrifft, hast Du richtig vermutet: alle, die greifbar sind, habe ich (wenn Du magst, schicke ich Dir gern die Kopien). "Die Verschworenen" und "Der häusliche Krieg" sind ein- und dasselbe (Singspiel). Von „Des Teufels Lustschloss“ kenne ich Auszüge, die mir sehr gefallen, das Werk insgesamt gibt es offenbar leider Gottes nicht käuflich zu erwerben oder bei Youtube zu sehen. Falls jemand einen Mitschnitt einer Aufführung hat, ... Ich würde mich sehr freuen.
In meinem CD-Schrank sind, außer Fierrabras und Alfonso: - Die Freunde von Salamanka (schon genannt) - Die Zauberharfe (Tito Gotti, Szeged) - Der vierjährige Posten (Christoph Spering) - Die Verschworenen (Spering) - Die Zwillingsbrüder (Spering) - Claudine von Villa Bella (Lothar Zagrosek) - Fernando (Zagrosek)
Im Werkverzeichnis kommen in der Abteilung Bühnenwerke weiterhin vor (nach Gülke, Franz Schubert und seine Zeit, Laaber-Verlag 1996): - Der Spiegelritter (Singspiel, unvollständig) - Des Teufels Lustschloss (zwei Fassungen) - Die Bürgschaft (3. Akt unvollständig) - Adrast (unvollständig) - Sakuntala (unvollständig) - Das Zauberglöckchen (zwei Nummern) - Rüdiger (Skizzen) - Der Graf von Gleichen (Skizzen) - Der Minnesänger (verloren?)
Sehr schön finde ich auch seinen „Lazarus“, ein Oratorium.
Herzliche Grüße Viola
stiffelio (01.02.2015, 21:59): Liebe Viola,
ich muss gestehen, dass mir Harnoncourt noch nie so sympathisch gewesen ist wie bei diesen Zitaten über Schubert. Den Wagner und Verdi und allen anderen tollen Opernkomponisten zum Trotz - wenn ich in meinem Leben nur noch einen Komponist hören dürfte, würde ich mich vermutlich für Schubert entscheiden. Gerade mit der "verfehlten Erwartungshaltung" trifft Harnoncourt, was Schuberts Opern betrifft, aus meiner Sicht genau den Kernpunkt.
Dennoch solltest du die DVD lieber nicht nur auf meine Begeisterung hin kaufen. Denn ich könnte nicht garantieren, das sie dir ebenso gut wie die CD gefallen wird, trotz Harnoncourt. Die CD hat eine ganze Reihe unbestreitbarer Vorzüge, gerade wenn einem die szenische Umsetzung nicht wichtig ist und man modernen Regiekonzepten skeptisch gegenüber steht. Inzwischen kann ich sagen, dass das Titelpaar auf der CD dem im Wien deutlich überlegen ist und sogar dem in Cagliari höchstens unwesentlich unterlegen. Und auch Adam als Adolfo würde ich Muff leicht vorziehen, er hat noch mehr Schwärze in seinem Bass. Außer Harnoncourt (der von Suitner aber tatsächlich nur Nuancen entfernt ist) ist es tatsächlich die ungewöhnliche Zeichnung Mauregatos, die mir am besten auf der DVD gefällt und von der CD abhebt - und diese Zeichnung wirkt vermutlich nur im Zusammenklang der der Regieumsetzung.
Vielen Dank für dein Angebot mit den anderen Schubertopern. Ich muss mich in nächster Zeit mal näher mit ihnen auseinandersetzen und dann melde ich mich nochmal. Immerhin kann ich dir evtl. einen Tipp geben, wobei ich den eigentlich Rotkäppchen zu verdanken habe: es gibt eine Aufzeichnung von Die Bürgschaft aus der Uni Jena, die zwar deutlich amateurhafte Züge trägt, aber für dich vielleicht doch interessant ist, siehe http://www.uni-shop-jena.de/62010008. Wer eine professionelle Aufführung erwartet, wird aber sicher enttäuscht werden.
VG, stiffelio
Viola (02.02.2015, 11:26): Liebe stiffelio,
Original von stiffelio Den Wagner und Verdi und allen anderen tollen Opernkomponisten zum Trotz - wenn ich in meinem Leben nur noch einen Komponist hören dürfte, würde ich mich vermutlich für Schubert entscheiden.
:engel Berührende Worte, ein schönes Geburtstagsgeschenk (ganz leicht nachträglich) für ihn. Mir geht es ähnlich. Nur Mozart ... Auf den könnt ich, angesichts einer solchen Entscheidung, nur sehr, sehr schwer verzichten. Bei ihm kommt zum Traurigen, Melancholischen halt das Frohe hinzu, die Lebensfreude - beides gleichzeitig in Töne zu fassen, das konnte wohl nur er.
Danke für den Bürgschaft-Link (auch an Rotkäppchen). Werde ich mir anschauen!
Schön zu lesen, dass Suitner und seine Titel-Sänger (Peter Schreier ist ja auch ein erstrangiger Schubert-Lied-Sänger) Dich nun doch zunehmend erfreuen. Ich war spontan so zufrieden, dass ich nach einer zweiten oder dritten Aufnahme nicht gesucht hatte.
Die Verantwortung für eine weitere Harnoncourt-DVD trag ich natürlich ganz allein :tongue: :) Habe keinerlei Befürchtung, dass ich es breuen würde, bisher gefielen mir alle Inszenierungen ausgesprochen gut, die er dirigiert hat (habe einige, und ja auch nichts gegen Musiktheater, und sei es modern, nein nein :wink Der Barenboim-Fidelio neulich gefiel mir doch ausgezeichnet!! Meine opernkastratische Neigung ist eine relative, keine absolute, das schwankt von Fall zu Fall).
Nach Harnoncourts Verkaufter Braut von der Styriarte auf DVD zum Beispiel halte ich schon ewig lange Ausschau - aber das hat jetzt mit Schubert höchstens noch insoweit zu tun, als dass Harnoncourt außer zu Schubert eine besondere Seelenverwandtschaft zu den böhmischen Komponisten hat - und man das, finde ich, hören kann ...
Herzliche Grüße Viola
Rotkäppchen (02.02.2015, 21:00): Original von stiffelio Leider scheint es auf YT derzeit keine GA von Alfonso und Estrella zu geben, zuminest keine, die man in Deutschland abrufen kann.
Ja, ein ziemliches Ärgernis. Umso erfreulicher, dass es demnächst A+E im Radio gibt, was vielleicht eine gute Möglichkeit ist, die Musik zumindest prinzipiell kennenzulernen:
Sa, 7. Februar, 19:30 Uhr – Ö 1 Franz Schubert: "Alfonso und Estrella" Mit Mojca Erdmann, Benjamin Hulett, Toby Spence, Michael Nagy, Alastair Miles, Markus Werba u.a.; Salzburger Bachchor; Dirigent: Antonello Manacorda (aufgenommen am 23. Jänner im Haus der Musik im Rahmen der Mozartwoche Salzburg 2015)
... eben gefunden auf http://belcantissimo.blogspot.de/p/opernsendungen-aktuell.html
Ich werde mich bemühen, dass zu gegebener Zeit auch nochmal im Oper-im-Radio-Thread zu posten.
LG, Rk
Viola (06.02.2015, 20:38): Diese, sogar mit dem Diapason D'Or ausgezeichnete Oper hatte ich vergessen, sie stand irrtümlich unter "nicht greifbar", sie ist es aber, käuflich zu erwerben, wenn auch relativ teuer:
wie vor kurzem mit dem Fierrabras habt ihr mich jetzt auch mit A+E angefixt. Habe mir vergangene Woche auch die GA unter Suitner von Brilliant Classics heruntergeladen und wenn ich nun durch diesen Thread nicht wüsste, dass ich mit der DVD unter Harnoncourt etwas verpasse, würde ich nicht weiter suchen! Das ist ganz phantastische Musik, die beschwingten Tempi gefallen mir ganz ausgezeichnet ebenso wie die gelegentliche Nähe zum Fidelio und fragt mich nicht nach Lieblingsstellen. Nach Erstkontakt ist es unmöglich, solche zu benennen, soviele Schätze scheinen in dieser Oper zu stecken. Ohne Zweifel schwer zu inszenieren, aber, wie ich durch stiffelios Diagramm sehen konnte, erfreulicherweise weniger verworren als der Fierrabras :D!
Ich versuche gerade, die zwei Postings weiter vorn angekündigte Version aus dem Radio mitzuschneiden und zu vergleichen...
Viele Grüße, Rk
stiffelio (08.02.2015, 18:49): Liebe Viola,
danke für den Hinweis auf Sakontala! Original von Viola Mir geht es ähnlich. Nur Mozart ... Auf den könnt ich, angesichts einer solchen Entscheidung, nur sehr, sehr schwer verzichten. Bei ihm kommt zum Traurigen, Melancholischen halt das Frohe hinzu, die Lebensfreude - beides gleichzeitig in Töne zu fassen, das konnte wohl nur er.
Natürlich gibt es auch für mich andere Komponisten, auf die ich nur sehr schwer verzichten könnte. Aber ich höre in Schuberts Musik auch nicht nur Melancholie, sondern durchaus auch sehr lebensfrohe Töne heraus. Ich bin beim Erleben seiner Musik immer fest davon ausgegangen, dass Schubert zwar den Schmerz und die Trauer sehr gut kannte, aber auch die Schönheit und die Freude. :engel Das wäre aber eher Thema für einen Schubert-Thread im Komponisten-Unterforum, den es zu meinem Erstaunen hier noch gar nicht gibt (?)
VG, stiffelio
stiffelio (08.02.2015, 18:51): Original von Rotkäppchen Ich versuche gerade, die zwei Postings weiter vorn angekündigte Version aus dem Radio mitzuschneiden und zu vergleichen...
Liebe Rotkäppchen,
auch dir danke für den Radiomitschnitt! Ich habe gerade mal ganz kurz hineinhören können und keine Stimme gefällt mir wirklich schlecht, aber auch keine so genial wie die jeweils besten Vertreter aus den anderen Aufführungen. Das kann man freilich auch kaum erwarten. Insbesondere Toby Spence fand ich schwierig anzuhören, zumal ich jetzt auf leichte, schlanke Stimmen für den Alfonso geprägt bin, außerdem hat mich sein Akzent gestört. Mojca Erdmann fand ich dagegen überdurchschnittlich gut als Estrella, wenn auch nicht so genial wie Edith Mathis oder gar Eva Mei. Das sind aber wie gesagt nur sehr vorläufige Eindrücke.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (13.02.2015, 11:21): Original von stiffelio danke für den Radiomitschnitt! Ich habe gerade mal ganz kurz hineinhören können und keine Stimme gefällt mir wirklich schlecht, aber auch keine so genial wie die jeweils besten Vertreter aus den anderen Aufführungen. Das kann man freilich auch kaum erwarten. Insbesondere Toby Spence fand ich schwierig anzuhören, zumal ich jetzt auf leichte, schlanke Stimmen für den Alfonso geprägt bin, außerdem hat mich sein Akzent gestört. Mojca Erdmann fand ich dagegen überdurchschnittlich gut als Estrella, wenn auch nicht so genial wie Edith Mathis oder gar Eva Mei. Das sind aber wie gesagt nur sehr vorläufige Eindrücke.
Liebe stiffelio,
mit dem Radiomitschnitt, hier nochmal die Besetzung:
Leitung: Antonello Manacorda
Michael Nagy...Mauregato/Baß Mojca Erdmann...Estrella/Sopran Alastair Miles...Adolfo/Baß Markus Werba...Froila/Bariton Toby Spence...Alfonso/Tenor
Orchester: Mozarteum Orchester Salzburg Chor: Salzburger Bachchor Aufnahme vom 23.01.2015
war das so eine Sache, da die Klangqualität mit der Studio-GA schonmal nicht mithalten konnte und es wie bei den DVDs ja eine auf 2 1/2 Stunden gekürzte Version war. Bzgl. deiner Kurzeinschätzung sind wir einer Meinung, außer dass ich den Tenor als nicht soo schwer empfunden habe, aber der Akzent passagenweise, nun ja...
Insgesamt also zum Kennenlernen der Oper durchaus in Ordnung, wenn man aber schon die ungekürzte Aufnahme besitzt, die selbst im MP3-Format insgesamt viel besser klingt, kann man den Mitschnitt über kurz oder lang auch löschen :P.
LG, Rk
stiffelio (14.02.2015, 17:19): Liebe Rotkäppchen,
nach etwas gründlicherem Durchhören kann ich jetzt etwas mehr über diese Radioversion sagen: Ihre Stärke liegt für mich darin, dass sie ziemlich homogen besetzt ist, es gibt keinen einzigen "Ausfall". Werba darf man nicht mit Hampson vergleichen, aber das fände ich auch unfair. Er hat eine angenehme Stimme, macht nur manchmal etwas zu viel Druck. Spence gefällt mir inzwischen besser. Ich würde ihn nach Schreier und Trost, aber noch vor Wottrich einordnen. Seine Stimme ist doch noch schlanker, als ich beim ersten kurzen Eindruck gedacht hatte. Besonders in den Liebesduetten schlägt er sich recht achtbar.Erdmann gefällt mir bezüglich ihres Timbres am besten vom ganzen Team, ich würde sie nur relativ knapp hinter Mei und ungefähr gleichauf mit Mathis einordnen. Nie erliegt sie der Gefahr, zu sehr zu forcieren. Bär hat mich wohl für alle zukünftigen Mauregatos verdorben, aber wenn ich mal davon absehe, macht Nagy das sehr gut. Seine Stimme gefällt mir für diese Rolle besser als Prey und auch besser als Schmeckenbecher. Nicht zu schwer, nicht zuviel Vibrato. Miles ist für den Adolfo absolut in Ordnung (von wenigen Stellen im zweiten Akt abgesehen wo er mir zuviel Vibrato einsetzt), Muff mindestens gleichwertig Es ist im Wesentlichen die Version, die auch in Cagliari gespielt wurde, gegenüber dem Originallibretto um Einiges gekürzt, aber nicht so stark (vor allem im Finale, aber in geringerem Maßeauch an zahlreichen anderen Stellen) wie die Harnoncourt-DVD. Das Dirigat von Manacorda gefällt mir in der Summe gut. Manche Nummern, z.B. "versammelt euch, Brüder" sind geradezu aberwitzig schnell dirigiert. Aber für eine meiner Lieblingsstellen, das Finale des 1. Aktes gibt es ein Sternchen. Das Tempo ist relativ langsam, dabei sind aber die wichtigen Reibungspunkte sehr präzise herausgearbeitet, Harnoncourt an dieser Stelle praktisch gleichwertig. Die Klangqualität war leider auch bei mir ein Problem, ziemlich gequetscht, besonders der Klang der Holzbläser leidet darunter. Inwieweit auch die Singstimmen leiden und ich dadurch evtl. unfair war, kann ich - außer bei ein paar klirrenden hohen Tenortönen - nicht beurteilen. Löschen werde ich diese Aufnahme ganz sicher nicht. :P
VG, stiffelio
Rotkäppchen (01.03.2015, 10:52): Hallo, Ihr Lieben,
auf stiffelios Empfehlung hin habe ich mir nach der GA unter Suitner auch die DVD von 1997er ThadW-Aufführung unter Nikolaus Harnoncourt bestellt und möchte meine Eindrücke nach dem ersten Durchgang -- daher ist das alles sehr vorläufig -- mitteilen. Hier nochmal stiffelios Einschätzung aus dem Eröffnungsbeitrag, um den Faden wiederzufinden:
Froila, König von León im Exil - Thomas Hampson Alfonso, sein Sohn - Endrik Wottich Mauregato, König von León - Olaf Bär Estrella, seine Tochter - Luba Orgonasova Adolfo, Mauregato's General - Alfred Muff Dirigent: Nikolaus Harnoncourt Inszenierung: Jürgen Flimm Chamber Orchestra of Europe, Arnold Schoenberg Choir Theater an der Wien, Mai 1997
Die erste verfügbare DVD dieser Oper aus dem ThadW 1997 unter Hanoncourt kenne ich schon seit mehreren Jahren, habe mich aber lange Zeit ziemlich schwer mit ihr getan. Sie hat mit Thomas Hampson einen überragenden König Froila zu bieten: eine ganz wunderbare Darstellung fern jedes Pathos liefert er ab, als er Mauregato verzeiht. Auch Olaf Bär als Mauregato gefällt mir sehr gut, er ist ein darstellerisch und stimmlich ein würdiger Partner für Hampson, auch wenn er manchmal in eine Art Sprechgesang verfällt, der aber einer glasklaren Diktion und starken Gestaltung zugute kommt. Die interessante, aber auch herausfordernde Regieidee, ihn als Blinden darzustellen, füllt er überzeugend aus. Mit den Titelfiguren hatte ich jedoch Probleme, ohne sie lange präzise benennen zu können, denn formal gibt es wenig an Luba Organosova und Endrik Wottrich auszusetzen, sie bemühen sich auch erfolgreich um eine ausdrucksvolle Darstellung. Erst seitdem ich kürzlich eine zweite DVD aus Cagliari erwerben konnte, wurde es mir etwas klarer: mir fehlt speziell in Wottrichs Stimme der Schmelz und die Seidigkeit, ich empfinde sein Timbre (zumindest auf dieser DVD, eine andere Aufnahme mit ihm kenne ich nicht) als etwas rau und glanzlos. Auch Organosovas Stimme klingt für mich in manchen Passagen (nicht immer) etwas gepresst und unschön. Dem entspricht, dass auch Flimm in seiner Inszenierung sich nicht von Romantik und Biedermeier verführen lässt. Seine Inszenierung ist karg, manchmal streift das Ärmliche die Grenze zum Hässlichen und auch bei Mauregatos Umgebung denkt man nicht an einen Palast. Die Kostüme sind mehr oder weniger modern, nur gelegentlich schimmert das Biedermeier durch. Bei der Schlacht lässt Flimm es sich nicht nehmen, immer wieder Antikriegsbilder einzustreuen: verwundete Soldaten, Kriegsgeräte, auch Alfonso kommt nicht unverletzt aus der Schlacht zurück. Dass auch Adolfo am Schluss vergeben wird, ist ihm offenbar an Happy End zu weit gegangen: sein Adolfo steht auch im Schlussbild noch von ferne sichtbar am feindlichen Schüzengraben unter einer flatternden schwarzen Fahne und es bleibt unklar, ob der Kampf wirklich schon ausgestanden ist. Zum Glück hat Flimm für meinen Geschmack gerade noch die Balance gewahrt, es bleibt bei Fragezeichen, die zum Denken anregen, ohne allzu holzhammerartige Assoziationen.
Ich habe das ganze natürlich mit dieser Besprechung im Hinterkopf gesehen und in der Tat das meiste ebenso empfunden: Das ist eine Aufführung, die eher unspektakulär daherkommt (damit meine ich nicht die Musik, die gefiel mir ja schon auf CD ausgezeichnet, warum sollte es jetzt anders sein...), abgesehen von den sensationellen Rollenporträts von Thomas Hampson und Olaf Bär (zugegeben: das ist ja eigentlich schon sehr viel!!). Neben der wirklich sehr subtilen schauspielerischen Komponente, kommt beiden hier wohl ihre intensive Beschäftigung mit Liedgesang sehr zu Gute, zumindest empfinde ich es so. Natürlich, auf diese Art, Oper zu singen, muss man sich wohlwollend einlassen (und darf nicht dauernd Vergleiche mit Opernreißern anstellen), was für mich kein Problem ist.
Schwierig war auch für mich das Liebespaar, da wollte kein Funke überspringen. Ich weiß nicht, ob das nur an den "unspektakulären" Stimmen der beiden Sänger liegt, so richtig vorwerfen kann man ihnen ja nichts, oder ob dieser Aspekt der Handlung nicht auch von der Regie etwas vernachlässigt wurde. Natürlich kann im Prinzip ein Liebespaar auch unaufgeregt interagieren, da muss ich einfach nochmal genauer reinschauen.
Die Ausstattung ist, da stimme ich auch mit stiffelio überein, nicht gerade opulent, dient aber dem Werk, lenkt nicht weiter ab und ist somit völlig in Ordnung. Soweit meine Meinung nach dem Erstkontakt -- die Aufnahme hat auf jeden Fall einen weiteren Durchgang verdient.
Viele Grüße, Rk
stiffelio (01.03.2015, 11:44): Liebe Rotkäppchen,
vielen Dank für deine Rückmeldung auf meine Empfehlung :wink. Ich grübele schon seit mehreren Tagen darüber, warum mich diese Musik anfangs so kalt gelassen hat und jetzt derart gefangen nimmt, dass ich seit Wochen nichts anderes mehr hören möchte. Viele der Gründe hat Viola schon oben in den Harnoncourt-Zitaten angegeben: ich empfinde das als eine ganz eigene Musiksprache, die dann leider nach Wagner und Verdi nicht mehr weiter verfolgt wurde. Nicht so wuchtig, wie man romantische Opern gewöhnt ist, aber mit viel mehr direktem "Herzschmerz" als frühere Komponisten (sorry, ich will deinen geliebten Barockkomponisten nicht zu nahe treten, aber so empfinde ich das). Auf den ersten Blick vor einigen Jahren war das einfach nur langweilig, jetzt ergreift es mich total. Kannst du mir helfen und versuchen, genauer zu beschreiben, was dir an dieser Musik gefällt (und was nicht)? Das gilt natürlich auch für alle anderen, auch kritische Stimmen sind willkommen. Vielleicht gelingt es uns gemeinsam, das Phänomen Schubert als Opernkomponist näher einzugrenzen.
Nochmal zur Inszenierung: ich stimme dir zu, dass sie - gerade für Flimm - so dezent daherkommt, dass sie nicht groß ablenkt. Dass Flimm generell dazu neigt, alles Mögliche zu sein (und stilmäßig zu vermischen), nur nicht langweilig und phantasielos, ist gerade bei dieser Oper ja eher ein Pluspunkt. Mir ist jedoch dennoch im Laufe der Zeit Einiges an Fragezeichen aufgefallen, die mich zwar nicht so stark beschäftigen wie in manchen anderen Inszenierungen, zu denen mich deine Meinung auf Dauer aber dennoch interessieren würde. Z.B. die Seitenwände der Kulisse sind ja weder aus der Natur entlehnt (wie man es gerade im 2. Akt erwartet hätte), noch schlichte Zimmerwände. Diese riesigen Kreise mit Zahnradandeutungen erinnern mich teils an die Industrialisierung, teils an Bergwerke. Wie siehst du das, welche Assoziationen hast du und welche Bedeutungen haben sie für dich? Und die Bodenplatten des linken hinteren Bühnenrandes sind aufgebogen und verlieren den Kontakt zueinander. Da bin ich praktisch völllig ratlos. Das schiefe Sofa von Mauregato im 2. Akt meine ich dagegen einigermaßen verstanden zu haben - das symbolisiert die "schiefe Ebene" auf der Mauregato durch seinen Thronraub seine Herrschaft aufgebaut hat. So sehr mich Flimms Stilmischmasch in seinem Züricher Fidelio gestört hat, so passend (wenn auch mehr emotional als rational) fand ich den Gegensatz, der er durch das moderne Heer Adolfos zu den Biedermeierrequisiten der Leibwache Mauregatos aufbaut. Last but not least: wie empfindest du Adolfos Wiederauftritt während der Schlusstakte? Und wie stehst du dazu, dass Flimm ja doch einiges am Text geändert hat, um ihn seinen Regieideen (Blindheit Mauregatos, moderne Waffen) anzupassen? Hat dich das gestört, zumal du ja die Suitner-GA vorher kanntest?
VG, stiffelio
Rotkäppchen (01.03.2015, 14:16): Liebe stiffelio,
bzgl. der Inszenierungsideen muss ich wirklich noch mindestens einen Durchgang machen, da ich das Ganze erstmal doch eher "oratorisch" gesehen/gehört habe, also mich im Wesentlichen nur auf die Sänger konzentriert habe. Die Abänderungen am Schluss fand ich aufs erste in Ordnung, allerdings ist es bei mir so, dass ich mich noch nicht so tiefgründig mit dem Text befasst habe (du weisst ja, dass ich mich immer ganz chaotisch mit verschiedenen Opern parallel befasse...).
Bei mir war es ja schon so, dass mir die Musik auf Anhieb sehr zugesagt hat, vor allem wegen des Melodienreichtums, aber auch wegen den doch recht vorwärtsdrängenden Tempi (besser kann ich es leider nicht beschreiben). Die Frage, was an Schubert nun so anders ist, finde ich sehr spannend und ich grüble schon eine Weile daran. Vielleicht muss man wirklich fragen, was an den anderen, heute mehrgespielten Opernkompositionen, anders ist. Mir ist als allererstes wirklich das "Spektakuläre" eingefallen, das wir eben z.B. in der Barockoper (die Damen fielen in Ohnmacht wenn der Kastrat Sowieso oder die Primadonna Weißnichtwas ihre Koloraturen zum Besten gaben) oder auch später bei Verdi (da fallen die Damen in Ohnmacht, wenn der Tenor Soundso ein hohes X oder gar ein hohes Y hinbekommt) oder Wagner (da fällt uns die Kinnlade auf, weil wir nicht glauben können, wie höllisch laut Menschen singen können) oder ... finden. Die Schubertschen Kompositionen verzichten doch weitgehend auf solche Exzesse, denen das Publikum entgegenfiebern könnte, oder sehe ich das falsch? Bei Schubert erwarte ich keine solchen sportlichen Höhepunkte und dadurch bedingte Adrenalinschübe samt Herzrasen und Fast-Ohnmacht, sondern gebe mich ganz den Melodien und den daraus entstehenden Empfindungen hin. Sicherlich gibt es noch mehr Unterschiede, die ich im Moment noch nicht so gut fassen kann.
LG, Rk :hello
stiffelio (01.03.2015, 19:11): Liebe Rotkäppchen,
das hast du schon ganz gut beschrieben mit den Adrenalinschüben. Ich würde für mich freilich die Einschränkung machen, dass es bei Verdi und Wagner für mich weder die Lautstärke noch die Spitzentöne sind, auf die ich hinfiebere, aber dafür die opernhaften "großen Emotionen", eben das Adrenalinbad im Sein oder Nichtsein. Das fällt - zumindest beim ersten und zweiten Hören - bei Schubert weg, er kommt zivilisierter rüber. Auf Dauer würde ich aber sagen: in erster Linie subtiler und zarter, aber nicht gefühlsärmer. Dem entspricht, dass ich bei Schubert unbedingt zarte Stimmen mit großer Gestaltungskraft brauche, eine "Röhre" macht mir da alles kaputt. :engel
Bin gespannt, ob wir noch weitere Punkte finden...
VG, stiffelio
Rotkäppchen (01.03.2015, 21:48): Original von stiffelio er kommt zivilisierter rüber. Auf Dauer würde ich aber sagen: in erster Linie subtiler und zarter, aber nicht gefühlsärmer. Dem entspricht, dass ich bei Schubert unbedingt zarte Stimmen mit großer Gestaltungskraft brauche, eine "Röhre" macht mir da alles kaputt. :engel
Bin gespannt, ob wir noch weitere Punkte finden...
Liebe stiffelio,
das mit der Subtilität ist wahrscheinlich schon der wesentlichste Punkt! Und wenn man bzgl. Opernmusik auf "härtere" Drogen geeicht ist, macht es vielleicht doch einige Mühe, das herauszuhören und zu schätzen.
Welchen Eindruck hast Du denn bzgl. der Lautstärkendynamik bei Schubert? Ist die nicht ein ganzes Stück geringer als bei den klassischen Adrenalin-Opern? Kann das ein Grund sein, dass die Schubert-Opern beim Erstkontakt leicht als "gepflegt langweilig" beurteilt werden?
Oft werden ja die schwachen Libretti auch für den vermeintlichen Misserfolg der Schubertschen Bühnenwerke verantwortlich gemacht. Das kann man auch hinterfragen. Zum einen gibt es ja noch andere merkwürdige Libretti, die der zugehörigen Oper aber nicht geschadet haben. Die andere Frage, auf die wir natürlich nie eine Antwort finden, wäre, was Schubert wohl mit einem "hochwertigen" Libretto gemacht hätte? Wäre seine musikalische Umsetzung dann anders gewesen? Eher nicht, glaube ich. Aber womöglich wäre die Akzeptanz des Gesamtpaketes "spannendes Libretto+Schubertsche Komposition" höher gewesen, wer weiß?
LG, Rk
stiffelio (02.03.2015, 22:04): Original von Rotkäppchen Welchen Eindruck hast Du denn bzgl. der Lautstärkendynamik bei Schubert? Ist die nicht ein ganzes Stück geringer als bei den klassischen Adrenalin-Opern?
Liebe Rotkäppchen,
das ist eine schwierige Frage. Was m.E. in der Regel leiser bleibt als üblich, sind vor allem die Singstimmen. Da gibt es nur wenige Stellen, die große Kraft vertragen. Das Orchester hingegen empfinde ich nicht soviel leiser als z.B. bei Beethoven. Wenn man dann noch bedenkt, dass Schubertopern gerne mit HIP-Orchestern aufgenommen werden, der Fidelio hingegen eher selten.... Es kommt mir allerdings so vor, als ob die lauten Orchesterausbrüche meist kürzer anhalten als bei anderen Komponisten, dafür plötzlicher auftreten (irgendwo hab ich das schon weiter oben geschrieben). Hör dir vielleicht nochmal die kurze Eingangsmusik vom 3. Akt an, da ist sowohl große Lautstärke als auch große Dynamik vertreten.
Ehrlich gesagt, empfinde ich das Libretto von Alfonso und Estrella gar nicht so schwach. Manchmal vielleicht etwas lang, da hätte ein opernerfahrenerer Komponist evtl. auch einiges gekürzt. Und dann halt die altertümliche Sprache. Ich habe mal die Auffassung gelesen, Schuberts Opernkompositionen hätten vor allem darunter gelitten, dass seine ernsthaften Opernversuche zu seinen Lebzeiten nie auf die Bühne gelangt sind und er somit ihre Bühnenwirksanmkeit nicht beurteilen konnte. Wieviel da dran ist, kann ich schlecht beurteilen.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (14.03.2015, 16:40): Liebe stiffelio, nach einem ganz anderen aufwühlenden Opernerlebnis :engel habe ich mir nun die A+E-DVD aus dem ThadW ein zweites Mal angesehen und etwas mehr auf die szenische Umsetzung geachtet, vor allem im Hinblick auf deine Gedanken von vor einiger Zeit:
Original von stiffelio Mir ist jedoch dennoch im Laufe der Zeit Einiges an Fragezeichen aufgefallen, die mich zwar nicht so stark beschäftigen wie in manchen anderen Inszenierungen, zu denen mich deine Meinung auf Dauer aber dennoch interessieren würde.
Z.B. die Seitenwände der Kulisse sind ja weder aus der Natur entlehnt (wie man es gerade im 2. Akt erwartet hätte), noch schlichte Zimmerwände. Diese riesigen Kreise mit Zahnradandeutungen erinnern mich teils an die Industrialisierung, teils an Bergwerke. Wie siehst du das, welche Assoziationen hast du und welche Bedeutungen haben sie für dich?
Und die Bodenplatten des linken hinteren Bühnenrandes sind aufgebogen und verlieren den Kontakt zueinander. Da bin ich praktisch völllig ratlos.
Erstmal zu den "Zahnradandeutungen". Die Assosziation zu einem Bergwerk hatte ich auch. Vor allem passt das zur auch sonst eher dunklen Ausstattung und dazu, dass es offenbar über eine Treppe noch eine Etage tiefer geht. Außerdem ist Mauregato durch seine Blindheit ja sozusagen dauerhaft "unter Tage". Es ist wie gesagt, nur eine Assoziation, so richtig gut ist es nicht im Libretto reflektiert, aber noch besser als ein Verweis auf die Industrialisierung, finde ich. Ansonsten könnte man so ein Zahnrad ja auch als Teil eines (unnachgiebigen) Getriebes an sehen, in das Menschen unschuldig hineingeraten usw. -- so ganz will aber auch das nicht mit der Handlung einhergehen, zumal es ja ein Happy End gibt.
Die losen Bodenplatten sind für mich am ehesten Zeichen für Zerfall und Veränderung. Zugegeben, das würde zu einigen Opernstoffen passen (ebenso wie schiefe Elemente: schiefe Ebenen, schiefe Sofas oder ...), aber ganz falsch ist es vielleicht nicht.
Die Beziehung des Liebespaares bliebt für mich leider der Schwachpunkt der Aufführung. Inzwischen sehe ich aber weniger die Stimmen der beiden Darsteller als Ursache sondern doch eher die Personenregie. Es gibt einige längere Phasen, wo die beiden wirklich ausgiebig mit großem physischen Abstand voneinander frontal ins Publikum singen. Das will sich mir nicht erschließen.
Das soll aber nicht heißen, dass mein Gesamteindruck nicht weiterhin sehr positiv ist :engel.
LG, Rk :hello
stiffelio (14.03.2015, 18:01): Liebe Rotkäppchen,
deine Ideen waren mal wieder sehr inspirierend. Den Gedanken, die Dunkelheit auf Mauregatos Blindheit (die ja auch sicher eine symbolische Bedeutung hat) zu beziehen, finde ich klasse! Und die Assoziation zum Bergwerk evtl. als eine Parallele zur Abgründigkeit der Schubertschen Musik - da kann man auf viele Bezüge kommen, mehr noch als im Libretto. Hinter das Happy End hat Flimm ja sowieso ein Fragezeichen gesetzt, indem er Adolfo aus der allgemeinen Versöhnung herausnimmt.
Ich weiß schon, was du mit dem Liebespaar meinst und was du da vermisst, aber für mich ist das nach wie vor eine etwas unglückliche Verkettung. Einerseits die sehr zurückhaltende Beziehung der beiden, die aber sicher Absicht und m.E. von Libretto und Musik gleichermaßen getragen wird: als Gegensatz zu der stürmischen Bedrängung, die Adolfo Estrella entgegen bringt. Andererseits die für mich nach wie vor völlig unpassende Stimme von Wottrich. Viel mehr körperliche Nähe ist nämlich auch in der Cagliari-Inszenierung nicht vorhanden und dennoch gelingt es Mei und Trost, die Liebe des Titelpaares rein stimmlich erfahrbar zu machen. Natürlich hätte Flimm trotzdem inszenatorisch viel mehr aus dieser Beziehung herausholen können, da stimme ich dir völlig zu.
Falls du die DVD noch ein drittes Mal einlegen solltest :wink, würde mich auch nach wie vor interessieren, wie du die Eingangsmusik zum 3. Akt empfindest.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (15.03.2015, 21:48): Liebe stiffelio,
ja, die Eingangsmusik zum 3. Akt war mir schon bevor du mich darauf hingewiesen hattest, als, wie soll ich sagen, etwas aus dem Rahmen gefallen aufgefallen -- leider ist sie ja sehr kurz, lässt aber innerhalb dieser reichlichen Minute den Adrenalinspiegel steigen :wink. Expressiv und originell auf jeden Fall. Siehst du etwas Programmatisches darin? Unwetter / Kampf / Veränderung?
LG, Rk :hello
stiffelio (15.03.2015, 22:32): Liebe Rotkäppchen,
für mich ist das ganz klar der Bürgerkrieg, der da zwischen Adolfos und Mauregatos Truppen tobt und der ja von Flimm anschließend auch gekonnt in Szene gesetzt wird - durch Andeutungen, nicht durch real gezeigten Kampf. Die folgende Szene zwischen Adolfo und Estrella lässt für mich auch nichts an Dramatik zu wünschen übrig.
wer in diese (weiter oben vorgestellte) Aufnahme mal hineinhören möchte: sie ist jetzt - ganz frisch eingestellt - unter "https://www.youtube.com/watch?v=149DrCPd0_o" auf YT zu hören. Von mir weiterhin eine klare Empfehlung!
VG, stiffelio
Giovanna (26.04.2015, 18:45): Liebe Stiffelio,
danke für Deinen Tipp. Ich habe eure Diskussion mit großem Interesse gelesen, habe mir die Oper bisher aber noch nicht angehört. Das kann ich ja jetzt nachholen :cool
Viele Grüße Giovanna :hello
palestrina (26.04.2015, 19:20): Original von Giovanna
habe mir die Oper bisher aber noch nicht angehört.
Viele Grüße Giovanna :hello
Das ist ein großer Fehler :D, wie Stiffelio schon sagte :down absolut empfehlenswert , kommt gleich nach dem FIERRABRAS !
bin mal wieder über mehrere Zufälle auf etwas Interessantes gestoßen, dass hier im Thread noch nicht diskutiert wurde. Es gibt nämlich doch eine Harnoncourt'sche A&E-Interpretation auf CD (und nicht nur die 1997er DVD)! Bzw., wenn man nicht die ganze Harnoncourt-Schubert-Edition der Berliner Philharmoniker braucht, leider nur als Download:
MAUREGATO ... Jochen Schmeckenbecher ESTRELLA ... Dorothea Röschmann ADOLFO ... Hanno Müller-Brachmann FROILA ... Christian Gerhaher ALFONSO ... Kurt Streit
u.a.
Rundfunkchor Berlin Berliner Philharmoniker Nikolaus Harnoncourt
Vermutlich kam die Aufnahme damals im Radio, lag dann 10 Jahre im Archiv und wurde 2015 veröffentlicht als Vol. 7 der Harnoncourt-Schubert-Edition der Berliner Philharmoniker.
Die Besetzung klingt erstmal luxuriös -- habe gerade den Download gewagt, bin ganz aus dem Häuschen -- mal hören! Kennt jemand die Aufnahme?
Bis später, Rk :hello
palestrina (28.08.2016, 23:43): Original von Rotkäppchen Hallo, liebe A&E-Freunde, Kennt jemand die Aufnahme? Bis später, Rk :hello
Natürlich habe ich die, wegen Gerhaher! Harnoncourt hatte ein besonderes Faible für diese Oper, was er auch ausführlich in einem seiner Bücher schrieb, stimmlich bin ich nicht soooo ganz einverstanden, aber es sind alles Harnoncourt Lieblinge! :D Aber Orchestermäßig ist das außerordentlich gut gelungen, da weiß was man hört ! :wink
LG palestrina
Rotkäppchen (29.08.2016, 12:06): Original von palestrina Natürlich habe ich die... Sehr gut, auf dich ist mal wieder Verlass! :D Hast Du etwa die ganze Edition?
Ich bin einmal durch, lasse die Aufnahme in meiner Gunst aber erstmal nicht an der Suiten-Studio-GA vorbeiziehen, höchstens gleichziehen, haben halt beide so ihre Pros und Contras...
Lieber palestrina, mit wem bist Du denn stimmlich nicht so richtig einverstanden? Ich fand D. Röschmann jetzt nicht so gut besetzt als Estrella, 10 Jahre früher wäre sie vielleicht ideal gewesen...
Sind aber nur erste Eindrücke,
LG, Rk :hello
palestrina (29.08.2016, 17:16): Original von Rotkäppchen Original von palestrina Natürlich habe ich die... Sehr gut, auf dich ist mal wieder Verlass! :D Hast Du etwa die ganze Edition?
Ich bin einmal durch, lasse die Aufnahme in meiner Gunst aber erstmal nicht an der Suiten-Studio-GA vorbeiziehen, höchstens gleichziehen, haben halt beide so ihre Pros und Contras...
Lieber palestrina, mit wem bist Du denn stimmlich nicht so richtig einverstanden? Ich fand D. Röschmann jetzt nicht so gut besetzt als Estrella, 10 Jahre früher wäre sie vielleicht ideal gewesen...
Sind aber nur erste Eindrücke,
LG, Rk :hello
Hallo liebes RK, du hast natürlich den Nagel auf den Kopf getroffen, aber Frau Röschmann war eine von Harnoncourts Lieblingen, auch deine Meinung mit 10 Jahren zurück, 5 Jahre geht auch noch :D,ist schon angebrach, aber um ganz ehrlich zu sein, ich mochte sie nie richtig gern! Ich habe das geschenkt bekommen ! :)
Sei lieb gegrüßt palestrina
Rotkäppchen (17.10.2016, 22:29): Original von stiffelio
Froila, König von León im Exil - Thomas Hampson Alfonso, sein Sohn - Endrik Wottich Mauregato, König von León - Olaf Bär Estrella, seine Tochter - Luba Orgonasova Adolfo, Mauregato's General - Alfred Muff Dirigent: Nikolaus Harnoncourt Inszenierung: Jürgen Flimm Chamber Orchestra of Europe, Arnold Schoenberg Choir Theater an der Wien, Mai 1997
Es gibt diese in stiffelios Eröffnungsbeitrag besprochene Aufnahme, die mir, wie später hier auch festgehalten, mit kleinen Abstrichen gut gefallen hat, schon einige Zeit komplett in 480p auf youtube, wie ich auf einem meiner Streifzüge gerade festgestellt habe: