Ganong (25.04.2006, 17:00):
Liebe Forumsmitglieder :
Der erste Teil befasste sich mit der Komposition an sich und vor allem ihrer singulären Stellung in Robert Schumnanns Schaffen für Klavier solo . Das Werk ist in einem äusseren Sonatensatz komponiert . darauf möchte ich hier noch kurz deswegen eingehen , weil Schumann die klassische Sonatenform als Kompositionstechnik nie aus den Augen verloren hat . Siamak und ich werden darauf bei der Besprechung der drei im Konzept gleichzeitig entstanden Klaviersonaten op. 11 fis-Moll ; op. 14 f-Moll un dop. 22 g-Moll ) noch eingehen .
Die Geschichte der mir vorliegenden Aufnahmen beginnt mit Harold Bauer ( 1922 ; jetzt bei NIMBUS ) . Diese Aufnahme ist technisch besonders gut wie fast alle von "Nimbus" bearbeitetetn Einspielungen . Sie endet mit den Aufnahmen durch Bernd Glemser ( 1993 ; Naxos ) und Rafael Orozco ( 1993 ; Auvidis Valois ) . Glemsers Einspielung ist zu glatt , emotionslos und eine typisch akademische Vortragsweise . Es sei jetzt schon gestattet , darauf hinzuweisen , dass ein Rachmaninov , Horowitz , Josef Hofmann , Barere oder Godowsky mit solch einer Schumannsicht selbst mit diesem Bravourstück im besten Sinne nicht ihren Ruf als überragende Interpreten des Meisters erreicht hätten . Wie später Arrau , Weissenberg , Nat oder Pogorelich und Pommier .
Harold Bauer , der sich nicht nur als Pianist , sondern auch als Herausgeber und kritischer Kommentator einiger Werke Schumanns wie auch Emil von Sauer aus der damaligen Generation bleibende Verdienste erworben hat , ist da von einem anderen Kaliber .dass seine Editionen von Werken Schumanns nicht mehr oft verwendet werden , soll daran liegen , dass sie dem Zeitgeist Schumanns zu sehr verhaftet sind ( D. Dubal , 1996 ) . Er spielt das Werk mit einer beeindruckenden Balance , lässt die Themen deutlich hörbar werden und hält plötzlich fast inne , um das Werk im Piano versinken zu lassen . Grosses Klavierspiel .
Vladmir Horowitz überwältigt uns mit seiner Aufnahme aus dem Jahr 1934 . Sie erinnert uns an seine legendäre , zwei Jahre zuvor erstmalig aufgenommene Interpretation der h - Moll - Sonate von Franz Liszt , die von allen wichtigen Kritikern ausgerechnet der Horowitz - Freund Harold C. Schonerg nicht als die Keimzelle aller Interpretationen des Werkes ansieht . Wie ein Steppenbrand rast Horowitz durch den Notentext . Die rhythmische Beschleunigung ist geradezu dämonisch wie die immer wieder einfallenden düsteren , berühmten Horowitzbässe . Horowitz scheint gezielt auf die Herausarbeitung der Gegensätze hinzuspielen . Das macht ihm so schnell nicht einmal erselbst in seiner späteren Aufnahme nach . Oder ? Aber dies hat auch seinen Preis . Die Seitenthemen sind , anders als bei Bauer , für Horowitz weniger wichtig . Und das Ende der Toccata - die berühmten letzten drei Takte -, das solch eine enorme Bedeutung für die Komposition hat , endet für Horowitz dann nicht in einem Verdämmern , sondern es findet gar nicht statt . Der Meister durchrast im besten Sinne technisch perfekt das Werk . Und er entlässt uns was seine Fingerfertigkeit anbelangt fast in einen und in einem Trance - Zustand . So dürfte wohl der in unserem Teil 1 zitierte Ludwig Schunke das Werk verstanden haben : Eine spektakuläre Etüde . Interpretiert mit fast diabolischem Zugriff. Aber am Ende fehlt etwas .
Anatole Kitain , der zeitweise Mitschüler von Horowitz war , hat die Toccata kurz vor Horowitz eingespielt ( 1929 / 1932 ) . Er beginnt ähnlich wie Horowitz , durchrast den Notentext , betont die für die Motorik so wichtigen Bässe noch stärker als Horowitz , worunter dann die Gleichwertigkeit der Hände leidet . Er spielt die Themen deutlicher heraus als Horowitz , aber die feinen Verästlelungen des Notentextes gehen dann doch besonders im Mittelteil , anders als bei dem technisch wohl überlegenen Horowitz , verloren . Und die darin enthaltene "Zartheit" ( Clara Schumann ) fehlt noch mehr als bei Horowitz 1934 . Dafür beachtet Kitain die Schlussvorschrift genauer , aber eben nicht so genau wie dies Harold Bauer richtigerweise spielt .
Simon Barere , ein Horowitz technisch ebenbürtiger Pianist , dessen Livemitschnitt der h - Moll - Sonate wie "bengalische Feuer" klingt ( Philip Kennicott , 1999 ) , wäre nach allen mir bekannten Mitteilungen von Klaviermusikkennern der damaligen Zeit der Horowitzrivale geblieben , wenn er nicht so früh während eines Grieg - Konzertes tot am Flügel wohl infolge einer Hirnmassenblutung zusammengebrochen wäre .
Barere macht die Architektur des Werkes deutlicher hörbar als Horowitz oder Kitain . Seine Bässe sind sparsamer eingesetzt , aber der dramatische Aufbau in diesem echten Livemitschnitt aus 1930 ist sensationell . Die Freiheiten , die Schumann ja ausdrücklich erlaubt , nutzt Barere wie bei Werken ähnlicher Virtuosität voll au s. Das Publikum , das das Werk offensichtlich genau kannte, applaudiert frenetisch leider in die letzten Takte hinein , so dass mir der Eindruck bleibt , dass auch Simon Barere die mitentscheidenden letzten drei Takte nicht in seiner Interpretatation berücksichtigt . ( Es soll von Barere eine zweite Aufnahme geben , die aber zur Zeit nicht erhältlich ist ) . Bareres Aufnahme ist der von Horowitz oder Kitain sicherlich ebenbürtig .
Grundsätzlich stellt sich dem Hörer natürlich die berechtigte Frage
, ob es sich bei diesen drei Ausnahmepianisten mit ihrem offensichtlich unerschöpflichen technischen Reservoir nicht auch um Interpreten handelt , die ( zu ) sehr auf den hochvirtuosen Effekt , den alle Drei ja erzielen , hinauslaufen . Aber wenn wir mit derAufnahme von Harold Bauer beginnen bei unserem vergleichenden Hören , dann vermisssen wir doch einiges , was eben auch im Notentext steht . Und es sist die Frage , ob es sich nicht auch um ein Klavierspiel handelt , das ganz in der Tradition eines Liszt oder Thalberg in Paris um 1840 steht .
Josef Lhévinne steht sicherlich nicht in dem Verdacht , kein hochvirtuoser , technisch makellos spielender Pianist gewesen zu sein . Seine Anschlagskultur , seine analytische Sicht jeder Note im Zusammenhang des Ganzen ist von dem renommierten Musikwissenschaftler und Klavierkritiker Bryce Morrison mehrfach hervorgehoben worden . Lhévinne spielte die Toccata 1935 ein . Was hören wir bei diesem vom Wesen her so unterschiedlichen Pianisten zu Barere , Horowitz oder Kitain ? Zunächst Lhévinnes ausserordentliche Anschlagskultur . Er verzaubert die Hörer während er sie in seinem interpretatatorischen Bann gefangen hält . Alles klingt ganz einfach , leicht . Ohne jede Virtuosengewlat oder einen Manierismus überzeugt er . Seine Themendurchleuchtung hebt sich von den drei zuletzt genannten Pinaisten deutlich ab , beosnders im Mittelteil . Seine Bässe sind kalkuliert in einem harmonischen Ganzen . Ich habe diesen Pinaisten nicht live erleben können , aber wenn ich seine Einspielung höre , dann kann ich mir vortstellen , was ein Harold C. Schonberg , ein Chasins oder eine Joanne Chisell geschrieben haben über Lhévinnes nie angestrengtes Spiel . Alles klingt wie selbstverständlich , nie aufgeregt oder manisch - eruptiv . Und dann , am Ende der Toccata , schlägt bei Josef Lhévinne die innere Stimmung des Werkes auch nach aussen hin um . Er kann kein Virtuoser für sich selbst oder das Publikum gewesen sein . Der vielelicht auch etüdenhafte Charakter des Werkes wird zu einem mystischen Klanggewebe und löst sich im Piano auf . Welch ein grandioses Klavierspiel !
Yves Nat , d e r originäre französische Schumannspezialist noch vor Cortot und Pommier oder Vlado Perlemuter , beginnt das Stück mit einer Zartheit ohne aber weichlich zu spielen , die unvergleichlich ist . Und er spielt so weiter , dass wir im Vergleich zu Horowitz ,Barere oder Kitain fast meinen , ein anderes Werk zu hören - etwa eine völlig überarbeitet Spät-Version Schumanns . Die Seitenthemen singen bei Nat förmlich . Die Motorik ist nie gewaltig oder gewaltsam . Alles ist von einer lateinischen Klarheit . Den Schluss weitet Yves Nat aus . Er zeigt uns , dass hier keine Kreisleriana - Dämonie gefordert ist , sondern eine sich verlierende poetische Grundstimmung das Werk beschliesst , Niemand hat dies auf Tonträger so zu spielen vermocht .
Youri Egorov war eine der grossen pianistsichen Hoffnungen bis seine Krebskrankheit seinem Leben ein tragisches Ende setzte . Er dehnt das Tempo , wie der späte Horowitz , und nimmt schon früh fast traumverloren das Ende der Toccata vorweg . Egorov versteht das Werk fast noch intensiver als Clara Schumann . . Die mitentscheidende Motorik , die Rhythmik klingen dann doch viel zu kultiviert , auch wenn einige Takte mit einem gewissen jugendliche Sturm vorgetragen werden . Aber insgesmat klingt die Toccata dann doch zu domestiziert , zu oberflächlich . Hätte Schuman n die Interpretation gehört , wäre er nie zu der Ausag egelangt , das Werk sei zu rhythmisch ( 1840 ) . Es fehlt die chevalereske Leichtigkeit eines Lhévinne oder auch die Feinsinnigkeit eines Harold Bauer .
Rafael Orozco , dem wir fulminante Einspielungen der letzten Sonate Schuberts ebenso verdanken wie eine subtle Gesamtaufnahme der "Iberia" , die eine Konkurrenz wohl nur in de Larrochas Aufnahme hat , spielt einfach wunderschön . Aber fasst alles klingt "zart" , behutsam und wenig toccatenhaft . Da gelingen ihm die "Arabeske" ( dieselbe CD ) oder die "Feux follets" von Liszt auf einem ganz anderen Niveau . Die Toccata aber bleibt auch nach mehrfachem Zuhören langweilig .
Ivo Pogorelich hat auf seiner eher misssglückten ersten LP bei der DGG dann die LP und später CD geradezu zu einem Muss gespielt .
Auch wenn er den Beginn vielleicht zu vorsichtig beginnt , oft aber ein Stilmittel Pogorelichs , so gelingen ihm der Mittelteil und der Schluss , den viele Pianisten offensichtlich nicht ernst nehmen oder nicht verstehen, mit einer herrlichen Klangabfärbung , die asm Ende fast etwas morbides hat . Pogorelich wäre mit dieser Interpretation zum Lieblingsschüler Clara Schumanns geworden .
Vladimir Horowitz hat sich fast 30 Jahre nach seiner legendären Aufnahme aus 1934 an vier (!) Tagen ins New Yorker Studio begeben , um die Toccata noch einmal aufzunehmen . Es hat um diese Zeit unzweifelhaft der immer wider gepriesene Altersstil von Horowitz begonnen . Diese Aufnahme , die zeitgleich mit der wilden , gehetzten , sich in sich auflösenden Aufnahme der b - moll - Sonate von Chopin entstanden ist , hat mit der ersten Aufnahme nichts mehr gemeinsam . Horowitz entnimmt dem Notentext kurze fast atonal klingende Sequnezen , die keineswegs etwas mit Manierismus zu tun haben .Das wild Dämonische , die zeilgerichtete Entschlossenheit , fehlt dieser Aufnahme völlig . Alles klingt ganz eigenwillig bemüht . Es ist hier wie mit seiner Spätaufnahme der h - moll - Sonate von Franz Liszt oder seiner späten Aufnahme der C - Dur - Fantasie von Robert Schumann . Der Schluss der Toccata ist dann geradezu künstlich ; wie aus dem Musikbaukasten . Die Toccata zerfällt in viele aneinandergereihten Einzekltakte . Wer Horowitz nur so kennenlernt, der muss sich wundern , dass und wie es ihm gelungen ist , das Publikum ab ca. 1920 dermassen in seine Bann zu ziehen .
Das Beraterteam von Tom Deacon um Alexis Weissenberg hat sich gut beraten, für die Editon "Great Pianists of the Century" die frühe Aufnahme auszuwählen .
Sviatoslav Richter interpretiert edie Toccata 1959 , also kurz vor seinem berühmten New Yorker Debüt "im Westen" . Richter entlockt dem Flügel ganz neue Tön eund Tonfolgen . Er baut das Werk auf aus einer inneren Spannung von Beschleunigung und Verlangsamung . Sein für ihn typisches "Hämmern" wird begleitet von einem Vorwärtsdrang , der die Lhévinnschen Feinheiten vermissen lässt . Manches zu Beginn der Toccata wirkt angestrengt und anstrengend . Dochh dann , ab dem Mittelteil , hören wir die von Clara Schumann beschriebenen feinsten Verästelungen des Notentextes . Sviatoslav Richtre gelingt Ungeheuerliches : Das Ende der Toccata wird nicht auf die letzten drei Takte beschränkt . Richter , wie Nat , weitet
es aus . Niemand hat das Ende der Toccata mit mehr virtuoser Verinnerlichung und doch hochromantisch auflösender gespielt als Richter und Yves Nat . Welch eine Dramaturgie als Spiegelbild des zerrissenen Seelenzustandes von Schumann . Ein singuläres Psychogramm ! Wer könnte dies heute ?
Referenzaufnahmen :
Bauer
Lhévinne
Nat
Richter
F r a n k
N a c h t r a g :
Die oben stehende Besprechung mehrere Interpretationen und meine Entscheidung für die genanntwen vier Pianisten ( die Aufnahmnen mit Emil Gilels fehlen mir leider ) gibt auch meine musikästhetische Meinung über die Frage , wie die Toccata von Robert Schumann zu spielen sein könnte, wieder .
Und dies ist kein "Urteil" über "richtiger" oder "besser" .
F.