Sciarrinos Opern

miclibs (18.01.2013, 19:38):
Sciarrino gehört zu meinen Lieblingskomponisten. :)
Seine Opern kommen fast wie das Negativ zur klassischen Oper daher.
Ich empfinde sie als aufwühlend melancholisch,kontemplativ, leise und direkt.

Ich möchte einige Passagen stellvertretend auch für die anderen Opern Sciarrinos aus Derek Webers
Artikel zur Oper Macbeth (2011/ Salzburg) einstellen.

Salvatore Sciarrino ist nicht nur einer der bedeutendsten italienischen Komponisten der Gegenwart -
nach dem Tod von Berio und Donatoni gibt es derer nicht mehr allzu viele -, sondern mit Sicherheit
einer der wenigen europäischen Musiker, die eine Hand fürs Dramatische haben. Das liegt nicht zuletzt
daran, dass er - der sich das Komponieren als Autodidakt angeeignet hat - über die seltene Fähigkeit
verfügt, seine musikalischen Vorstellungen präzise, klar und einfach zu formulieren und sich nicht in
geheimnisvollen Konstruktivismen zu verlieren. .

So laut seine Musik in Extremsituation sein kann, ihr Metier ist das Leise, die Stille. Wie Luigi Nono,
dem er musikalisch viel verdankt, könnte man Sciarrino geradezu einen Virtuosen des Leisen nennen,
und mit dem gleichen Recht auch einen Popheten des Geräuschhaften und der Klangfarbemelodie, die
bei ihm fürs musikalische Geschehen mindestens ebenso wichtig ist wie bei anderen die Tonhöhe.

Wie immer bei Sciarrino gerät, wer sich drauf wirklich einläßt, auch bei dieser Oper mit den ersten
Takten, einer vom Blech getragenen Entrada-Fanfare, in den Sog der Musik, die ihn mit ihrem
aufgeregten Sprechgesang und den durch den Raum geschleuderten Instrumentengeräuschfetzen
immer tiefer ins musikalische Geschehen hinein zieht. Ganz unglaublich, wie Sciarrino das Martiali-
sche mit kleinen Mitteln - der Posaune, einigen Metallplatten und der raffinierten Imitation von Pferde-
getrappel - beim Namen zu nennen weiß. Welch ein riesiger Kontrast zur Verdi-Auffassung Mutis, der in
der Felsenreitschule den mittelalterlichen Bürgerkrieg mit großen orchestralen Gesten beschwört.
(Derek Weber)

Hier noch ein paar Youtube-Schnipsel zu Sciarrinos Opern.

LG Michael :hello

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Luci Mie Traditrici


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Lohengrin


http://ecx.images-amazon.com/images/I/41k6JDGzgzL._SL500_AA300_.jpg
Macbeth
Cetay (inaktiv) (19.01.2013, 11:04):
Der Wunsch nach ewiger Liebe, der mit spontaner Leidenschaft kollidiert, Sehnsucht, die in Besitzanspruch umschlägt, Selbstquälerei mit unerwidertem Begehren, die Enttäuschung und Rachegelüste fördert... (Oper Frankfurt)

Nimmt man die Verbreitung auf Tonträgern als Maßstab, ist Luci Mie Traditrici geradezu eine Sensation. Bei wievielen zeitgenössischen Avant-Opern sonst hat man keine 15 Jahre nach der Premiere die Auswahl zwischen 4 verschiedenen Aufnahmen? Zu erklären ist dieser Erfolg unter anderem damit, dass sich der kompositorisch voranschreitende Sciarrino beim Sujet ganz klassisch gibt: Eifersucht und Leidenschaft; Ehre und Schuld; Verrat und Doppelmord. Und das festgemacht an einer Person, die wirklich gelebt hat und selbst Komponist war.

Das Libretto stammt von Sciarrino selbst und basiert auf Giacinto Cicogninis Drama Il tradimento per l'onore (1664). Darin findet das Leben des italienischen Fürsten und Komponisten Carlo Gesualdo (1566-1613) seinen Niederschlag. Gesualdo lies seine Frau und deren Liebhaber aus Eifersucht ermorden, blieb als Adeliger straffrei und machte danach Karriere als -für seine Zeit ungeheuer moderner- Komponist. Für Psychofans bietet der Plot reichlich Metaebenen, wie beispielsweise in der oben verlinkten Werk- und Handlungsbeschreibung der Oper Frankfurt aufgeführt: Mann und Frau – untrennbar und doch unvereinbar, unendlich umeinander kreisend wie zwei magnetische Pole. Als sie ihm untreu wird, jemand dies beobachtet, die Liebe zerbricht und Menschen sterben müssen, ist es die Schuld, aber auch die Erinnerung, die das Paar weiter aneinander fesselt. Das Versprechen ewiger Treue gewinnt zunehmend morbide Züge. Ihr letztes Rendezvous wird unvergesslich sein.
Musikalisch bietet der sonst so kompromisslos karge Komponist gleich mit der Prolog-Arie eine Überraschung: das ist eine schöne (tonale) Melodie, die freilich -quasi als Overtürenersatz- den morbiden Inhalt der Handlung vorwegnimmt. Diese Melodie taucht im weiteren Verlauf -meist in instrumentalen Zwischenspielen- immer wieder auf; mal zerbrechlich, mal verzerrt, mal entstellt, das Geschehen spiegelnd. Mit diesem Kunstgriff erweitert Sciarrino seinen um die Stille kreisenden Klanggeräusch-Kosmos um einen waschechten Variationensatz und macht Luci Mie Traditrici auch rein kompositorisch zu seiner bis dato interessantesten und zugänglichsten Komposition.

Mit der Auswahl der Aufnahme bin ich schnell fertig. Bei der im Einführungsbeitrag gezeigten Kairos-CD ist schon die Stimmfarbe bei der Prolog-Arie ein Ko-Kriterium. Von den beiden Stradivarius-Einspielungen gefällt mir die mit Marco Angius am Pult etwas besser, weil das Sängerensemble einen Tick zurückhaltender agiert. Die Unterschiede sind aber eher marginal.
Wer ein Bild zum Ton braucht, greift zur DVD, die ich allerdings nicht kenne.

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palestrina (19.01.2013, 12:07):
Hallo Cetay !

Bin ganz begeistert von Deiner Einführung in Sciarrinos "Luci Mie di Traditrice ".
Habe die Oper seinerzeit in FFM gesehen und mir vorher eine GA zugelegt.
Konnte aber mit dem Stück irgend wie nichts anfangen.
Werde mir es nochmals vornehmen, und dann mal sehen!!!!
Hattet ich Deine Einführung vorher gelesen , vielleicht wäre es anders gekommen.

Nochmals lieben Dank, und ich freue mich schon auf weitere Einführungen , der
anderen Opern.

LG palestrina
miclibs (19.01.2013, 18:20):
'Luci Mie Traditrici' war meine erste Opern-CD von Sciarrino.
Der Einsatz der Stimme (Singen, Sprechen, Hauchen, Pressen.etc..)
hat mir gleich gefallen. :down
Jetzt sind schon einige weitere Opern-CDs Sciarrinos hinzugekommen.

Aus einem Gespräch von Otto Katzameier mit Sciarrino möchte ich noch
zwei Passagen vorstellen, die wie ich denke, die Musik Sciarrinos sehr
gut mit einem Bild beschreiben.

(Sciarrino)
...andererseits bin ich meiner eigenen Musik archaisch, überhaupt nicht klassisch !
Ich beginne im ersten Moment, in dem wir geboren werden, in dem es keine anderen
Klänge gibt, als die, die uns umgeben, und die in unserem Körper sind.

...Vor vielen Jahren, bei einer Präsentation einer sehr frühen Aufnahme mit meiner Musik
...Und dann war da einer, der wollte etwas fragen.
Er sagte:" Entschuldigen Sie, ich glaube Sie erzeugen eine seltsame Übertragung
oder Erinnerung an jene Klänge, die wir fühlen, erfahren, wenn wir noch nicht geboren
sind...im Uterus...."

@Cetay : Findest du Sciarrino auch so klasse ?
Cetay (inaktiv) (20.01.2013, 09:31):
Original von palestrina
Nochmals lieben Dank, und ich freue mich schon auf weitere Einführungen , der
anderen Opern.


Danke für die nette Rückmeldung. Leider kann ich mit weiteren Einführungen nicht dienen, weil das die einzige Oper ist, die ich von Sciarrino kenne - und überhaupt nur eine von etwas mehr als einem Dutzend aus dem gesamten Repertoire von Monteverdi bis heute. :ignore

Original von miclibs
Findest du Sciarrino auch so klasse ?


Ja. Ich hatte ein grandioses Konzerterlebnis über das ich hier kurz berichtet habe. Ich kann gar nicht genau sagen, was die Faszination ausmacht. Ich habe einige andere Komponisten ähnlicher Ausrichtung gehört und sofort wieder vergessen. Vielleicht ist was dran an der Erinnerung an pränatales Klangempfinden. Oder es handelt sich gar um Erinnerungen an eine nächtliche Parallelwelt, in der wir ohne Zugang durch das Tagbewußtsein leben. Das im Konzert gehörte Selbstportrait der Nacht weckte bei mit starke Assoziationen mit dem Zustand zwischen Wachen und Schlafen.
Vielleicht hat unser SATIE mal Zeit und kann uns etwas rationaler erklären, was bei Sciarrino vorgeht. :hello
miclibs (20.01.2013, 12:00):
Ja, wäre schön, wenn Satie dazu etwa schreiben könnte.
miclibs (27.01.2013, 19:49):
Original von Cetay
Mit der Auswahl der Aufnahme bin ich schnell fertig. Bei der im Einführungsbeitrag gezeigten Kairos-CD ist schon die Stimmfarbe bei der Prolog-Arie ein Ko-Kriterium. Von den beiden Stradivarius-Einspielungen gefällt mir die mit Marco Angius am Pult etwas besser, weil das Sängerensemble einen Tick zurückhaltender agiert. Die Unterschiede sind aber eher marginal.
Wer ein Bild zum Ton braucht, greift zur DVD, die ich allerdings nicht kenne.

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Gestern kam die CD mit der Einspielung mit dem Ensemble Risognanze (Bild rechts).
Mein Fazit : langweilig :(

An meine liebgewonnene Kairos-Einspielung kommt diese Einspielung nicht heran.
Gerade die eher kühl distanzierte Stimmfarbe gefällt mir auf der Kairos
außerordentlich gut. :)
miclibs (16.02.2013, 12:00):
Lohengrin


Einleitung:
Lohengrin wurde 1984 in einer von der ital. RAI in Auftrag gegebenen entgültigen Fassung veröffentlicht.
Die Oper stellt den ersten Eckpfeiler Sciarrinos reifen Schaffens dar; gekennzeichnet durch eine
unerbittliche Reduktion aller Klangereignisse.

Literarische Vorlage:
Sciarrinos Vorlage stammt von Jules Laforgue, der 1887 mit siebenundzwanzig Jahren starb.
Seine Lohengrin-Version, ein Prosatext, trägt symbolistische Züge, die durch eine melancholische
Ironie gebrochen sind. So flieht der hehre Ritter Elsa nicht wegen des übertretenen Frageverbots,
sondern weil er ihre sinnliche Nähe nicht ertragen, kann. Dabei verwandelt sich das Kissen des
Ehebetts in den Schwan, auf dem er sich in die "Höhen der metaphysischen Liebe" erhebt und
entschwindet.

Libretto:
Sciarrino entfernte für das Libretto die Ironie aus der Vorlage, reduzierte den Text und schälte
den Aspekt des Traumhaften, Irrealen heraus.
Elsas Affäre mit Lohengrin wird als ihre Traumprojektion beschrieben.
Sciarrino nennt sein Werk eine „unsichtbare Aktion“, in der die Handlung sich als Fiebertraum und
Wahnvorstellung einer wankelmütigen Elsa entwickelt.

Musik:
Die Musik stellt abwechselnd Elsas Lage und ihren geistigen Zustand dar.
Die teilweise unangenehmen Geräusche, die Sciarrino zu Hilfe nimmt, werden so verwoben
und sortiert, dass seine Beschreibung einer geistigen Hemmungslosigkeit zu einer hypnotischen
Erfahrung wird.
Diese Töne sind daher bereits als Theater zu betrachten. Sie fordern keine Illustration, noch eine
Verkleidung als Bild.
Jede szenische Suggestion löst Töne aus, ohne sie einzusperren. Das Drama dessen, was man
hört, bringt Wirkung mit sich.
Der Instrumentalklang besteht, wie oft bei Sciarrino, aus huschenden Flageolettscharen,
Bläsersätzen von gläserner Durchsichtigkeit und kargen, geräuschhaften Tupfern.

Vokalisten:
Die Rolle der Elsa und die des (erträumten) Lohengrin werden von einer Protagonistin ausgefüllt.
Fast unmöglich ist der Gesang für die Solostimme - die sich auf eine 360Grad-Erkundung des
stimmlichen Ausdrucks einlässt, vom eigentlichen Wort über den Laut über das Geräusch zum Seufzer,
ununterbrochen, oft beinahe unverständlich, wenn sie von einer psychischen Situation in eine andere
hinüber gleitet-, ebenso für den kleinen Männerchor, der in quasi instrumentalem Sinn eingesetzt wird.

Hörbeispiel:
Hier nochmal der Link aus der Eröffnungspost.
Youtube- Lohengrin

(Quellen: Booklet der 'col legno'-Einspielung; beckmesser.de; div. Zeitungsartikel aus dem Netz)