Sergei Prokofjew: Klaviersonate Nr. 6 A-Dur op. 82
Philidor (24.07.2025, 12:57): In der westlichen Hemisphäre werden die Sonaten 6 bis 8 oft als „Kriegssonaten“ bezeichnet. Seiner zweiten Frau Mira Mendelson–Prokofjewa zufolge begann Prokofjew jedoch mit allen drei Sonaten im Jahr 1939 und arbeitete parallel an allen insgesamt zehn Sätzen. Im Jahr 1940 stellte er die Arbeit an Nr. 7 und Nr. 8 zurück und konzentrierte sich auf Nr. 6. Die Uraufführung dieser Sonate besorgte der Komponist selbst am 8. April 1940 via Rundfunk, danach führte er sie in einem Konzert in damaligen Leningrad auf. Svjatoslav Richter trug wohl wesentlich zum Erfolg des Werkes bei; er spielte die Erstaufführung in Moskau.
Da die Sowjetunion erst im Juni 1941 in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wurde, ist die Bezeichnung „Kriegssonate“ zumindest für Nr. 6 diskutierbar.
Die revidierte Fassung der 5. Klaviersonate stammt aus dem Jahr 1923, Prokofjew hatte also rund sechzehn Jahre keine Sonaten mehr komponiert. Insofern ist es freilich sinnvoll, die Gruppe der Sonaten 6 bis 8 von den frühen Sonaten 1 bis 5 zu trennen.
Die Sonate Nr. 6 hat vier Sätze: Allegro moderato (A-Dur) Allegretto (E-Dur) Tempo di valzer lentissimo (C-Dur) Vivace (a-Moll, endend in A-Dur)
Philidor (24.07.2025, 12:58): Gibt es außermusikalische Konnotationen?
Evgeny Kissin bejaht diese Frage. Im Beiheft der Aufnahme seines Debüt-Konzertes in der Carnegie Hall vom 30. September 1990 ist ein Interview abgedruckt. Darin bezeichnet er das Motto-Thema, welches die Sonate eröffnet, als „Stalin-Leitmotiv“. Den zweiten Satz hält er für die Parodie eines Militärmarsches, „voll von Prokofjews verstecktem Humor, Sarkasmus, Bosheit“. Das Finale ist seiner Auffassung nach „vollendeter Sarkasmus“. Zu den letzten Takten der Sonate sagt er: „Er erdrückt Stalin mit dem Gewicht seines eigenen pompösen Leitmotivs!“
Meines Wissens gibt es dazu leider keine Äußerungen des Komponisten. Jedoch mag es erhellend sein, einiges aus der Biografie zu erfahren:
Im Juni 1939 wurde Prokofjews enger Freund und Kollege, Wsewolod Meyerhold, von Stalins Geheimpolizei verhaftet, kurz bevor er mit den Proben zu Semjon Kotko, der neuesten Oper des Komponisten, beginnen sollte. Im folgenden Jahr, am 2. Februar, wurde Meyerhold erschossen. Sein Tod wurde nie öffentlich bestätigt, geschweige denn bekannt gegeben, bis Stalins repressive Herrschaft beendet war. Doch nur einen Monat nach Meyerholds Verhaftung wurde seine Frau brutal ermordet, was nicht so einfach unter den Teppich gekehrt werden konnte. Nach dem Verlust eines engen Freundes und der Nachricht von der Ermordung seiner Witwe erhielt Prokofjew die offizielle Aufforderung, ein Feststück zu Stalins sechzigstem Geburtstag zu komponieren.
Bald nach dieser offiziellen Aufforderung, Freude und Bewunderung für Stalin vorzutäuschen, begann Prokofjew mit den Kriegssonaten. In diesem Licht erscheinen die Sonaten eher als Kritik an einer brutalen und unterdrückerischen Regierung, zumal die Sechste fertiggestellt wurde, bevor der Krieg in Prokofjews Heimatland kam. (Nach einem Text von Joseph DuBose)
Philidor (24.07.2025, 12:58): Struktur
Ich versuche, Elemente der Struktur des Werkes anhand der Studio-Aufnahme von Ivo Pogorelich zu benennen.
Hier diese Aufnahme auf youtube mit mitlaufenden Noten, die unten angegebenen Zeiten beziehen sich auf die dort angezeigten: https://www.youtube.com/watch?v=lnA_D4QsK-Q&list=RDlnA_D4QsK-Q&start_radio=1&ab_channel=PRohFullscoremusic
Der erste Satz steht in Sonatenhauptsatzform mit zwei Themengruppen. Die erste Themengruppe beginnt mit dem Motto-Thema der Sonate (00:04), es beginnt mit vier aufeinander folgenden Terzen: e‘‘/cis‘‘, e‘‘/c‘‘, d‘‘/b‘, cis‘‘/a‘. Am Anfang und am Ende sind wir in A-Dur, bei den mittleren beiden Terzen ist jeweils ein Ton enthalten, der nicht zu A-Dur gehört. – Außen schön, innen falsch, könnte man sagen. Diese Terzen werden von Oktaven begleitet, deren Abstand ein Tritonus ist (A – dis), das Intervall des Teufels.
(Die Nutzung dieses und der folgenden Bilder mit Ausschnitten der Noten der hier besprochenen Sonate von Sergei Prokofjew ist laut der Seite der Herkunft erlaubt, solange der Inhaber des Copyright angegeben ist; dieser ist das "Centre de Musique Mediane pour Wikimedia".)
Bei 00:14 beginnt ein tanzartiges Themenfragment, das bei 00:19 in ein aufschießendes Arpeggio mündet. Direkt danach folgt das zweite Auftreten des Motto-Themas (00:21).
Bei 00:29 ist ein neuer Gedanke in der Mittelstimme zu hören, erst zwischen a und g pendelnd, dann eine chromatische Skala abwärts von a bis es=dis beschreitend – abermals ein Tritonus, das Ganze begleitet vom Motto-Thema.
Ein weiteres aufschießendes Arpeggio leitet über zum dritten Erscheinen des Motto-Themas (00:46).
Ab 00:54 beginnt die Überleitung, ihr Thema ist eine meist chromatisch vagierende Linie
Bei 01:30 erklingt das zweite Thema, ganz naiv und unschuldig in Oktaven.
Bei 02:49 können wir von der Schlussgruppe sprechen, thematisch von einer Gruppe von vier fallenden Tönen getragen. Bei 03:23 erklingt ein in Triolen pochendes Motiv im Bass, es verebbt, „als ob eine schwere Maschine zum Stillstand kommt“ (Boris Berman).
(Keine Wiederholung der Exposition)
Die Durchführung beginnt bei 03:39 mit dem zweiten Thema. Das ist eventuell nicht gleich erkennbar, da die Töne nicht mehr lange ausgehalten erklingen, sondern im Staccato und verdoppelt – jeder Ton des Themas wird zweimal angeschlagen.
Das zweite Thema erklingt im weiteren Verlauf auch in Vergrößerung.
Ansonsten meine ich, dass alle Themen und ihre Verarbeitungen gut erkennbar sind. – Gegen Ende der Durchführung (06:27) taucht das in Triolen pochende Motiv im Bass wieder auf.
Bei 06:35 sind wir in der verkürzten Reprise angekommen. Das Motto-Thema erklingt, nun eine Oktave tiefer, dann das tanzartige Themenfragment und das aufschießende Arpeggio, dann wieder das Motto-Thema, nun in der hohen Lage. – Bei 07:00 dann bereits der Nebengedanke mit der chromatisch fallenden Skala, er mündet direkt ins zweite Thema (07:25). Das dritte Erscheinen des Motto-Thema und die Überleitung sind weggefallen. – Nach einem langgezogenen Decrescendo erklingt ein letztes Mal das Terzmotiv des Motto-Themas mit dissonantem Schluss.
Philidor (24.07.2025, 13:01): Der zweite Satz (08:38) vertritt das Scherzo und steht rollengemäß in der dreiteiligen Form A-B-A‘.
Das Hauptthema erklingt piano und im Staccato.
Ein Ansatz einer kantablen Linie entspinnt sich bei 09:05,
um bei 09:19 von einer Melodie in Bass-/Tenorlage abgelöst zu werden.
Bei 09:27 dann wieder das Hauptthema, nun von Quintolen im Bass begleitet, nun im Wechselspiel mit den anderen Motiven, auch mit der Melodie in Bass-/Tenorlage. Ein Decrescendo führt zum
Teil B (10:51), langsamer, zauberhaft, unwirklich, auch bedrohlich.
Bei 12:29 sind wir dann im Teil A‘, der eine verkürzte Reprise erfährt.
Philidor (24.07.2025, 13:02): Der dritte Satz (13:24) hat etwas von einem Nocturne, der 3/4-Takt des Walzers ist zu einem 9/8 geworden. Die häufigen chromatischen Rückungen der Harmonik verleihen der Musik etwas Unwirkliches, Traumhaftes.
Der Satz steht in der Form A-B-A‘, wobei der B-Teil in zwei derart unterschiedliche Abschnitte zerfällt, dass es eigentlich vier Teile sind.
Bei 16:37 beginnt Teil B, „Poco più animato“, As-Dur, pianissimo. Die Musik wird einfacher.
Bei 18:09 dann der zweite Abschnitt von Teil B, a-Moll, der mit schroffer Harmonik und etlichen Terzen an den ersten Satz erinnert.
Bei 19:15 haben wir Teil A‘ erreicht. Für acht Takte ist die Musik nur leicht klanglich angereichert durch Nebenstimmen und vollere Akkorde, dann nimmt Prokofjew eine Abkürzung zum Schluss.
Philidor (24.07.2025, 13:05): Der letzte Satz steht in freier Form mit Sonaten- und Rondoelementen und bezieht auch das Mottothema aus dem ersten Satz mit ein.
Los geht es mit einem motorischen, toccaten-artigen Ritornell-Thema (21:41),
das bei 21:56 in gis-moll erscheint.
Die erste Episode ist dreiteilig (ABA), ihr erster Abschnitt beginnt bei 22:02 mit einer etwas naiven Melodie in C-Dur, die an Themen aus dem Ballett „Cinderella“ erinnern mag.
Bei 22:15 dann der mittlere Abschnitt mit weiten Sprüngen und Terzen. Ab 22:26 dann die Rückkehr der naiven Melodie. Ab 22:43 dann wieder das Ritornell-Thema, nun in b-Moll, d. h. die um einen Ton tiefere Wiederholung wird uns zurück in die Ausgangstonart a-Moll bringen.
Die zweite Episode beginnt bei 22:53, und ihr Thema klingt wie eine Variante des A-Teils der ersten.
Bei 23:05 versucht das Ritornell-Thema sich einzumischen, doch es wird ab 23:14 von einer weiteren, dritten Episode in gis-Moll mit hämmernden Akkorden in der linken Hand verdrängt.
Erst bei 23:36 gewinnt das Ritornell-Thema wieder die Oberhand. Auffällig ein pochendes Dis im Bass, es erinnert an die Glockenklänge auf Dis beim Mottothema im ersten Satz. Und tatsächlich:
Das Motto-Thema erklingt wieder (ohne die erste Terz, 23:59), doch nicht brutal wie im Kopfsatz, sondern fast schon fragend, gefolgt von einer kleinen Melodie, die diese Frage zu verlängern scheint.
Ab 24:42 tritt auch die fallende chromatische Linie aus dem Kopfsatz wieder auf, hier nun als Oberstimme eines drei-bis vierstimmigen Chorals, interpoliert vom Motto-Thema. (In dieser homophonen Form war es auch schon in der Durchführung des ersten Satzes zu hören.)
Ein durchführungsartiger Abschnitt folgt (ab 25:38), eingeleitet vom Themenkopf des Ritornell-Themas, bis es dann ganz erscheint.
Das Auftreten der dritten Episode, nun in der Haupttonart a-Moll, scheint so etwas wie eine Reprise einzuleiten (bei einer Sicht des Finales als Sonatenhauptsatz wäre diese Episdoe als zweites Thema zu bezeichnen). – Bei 26:31 dann das Thema der zweiten Episode. Bei 26:42 das Ritornell-Thema in verkleideter Form und in es-Moll (Tritonus-Abstand!). Auch die Terzen aus dem B-Teil des ersten Ritornells begegnen uns wieder, der Ereignisse scheinen sich zu überschlagen.
Doch ein „Più tranquillo“ befriedet die Szene – traumartig. Das Thema aus dem A-Abschnitt des ersten Ritornells erklingt reprisengerecht in A-Dur.
Wir laufen dem Ende entgegen: Bei 27:30 erscheint das Ritornell-Thema, nun interpoliert vom Motto-Thema. Neues Material ab 27:52 eröffnet die Coda. Schnell wiederholte Töne scheinen Alarm zu schlagen.
Der Aufruhr endet bei 28:09, langsamere wiederholte Töne suggerieren die wiederhergestellte Ordnung. Begleitet von einer chromatisch fallenden Linie behält das Motto-Thema das letzte Wort.
Andréjo (24.07.2025, 13:31): Sehr schöne Einführung!
Für mich prägt die Sechste eine wieder andere Originalität als die siebte mit ihrem spröd-drängenden ersten, dem verhalten-tänzerischen zweiten und - natürlich - dem maschinenhaften Finalsatz, wo sich rasch die Spreu vom Weizen trennt bei den Pianistinnen und Pianisten, unter Umständen peinlicher Bluff von (be)stürzend rigrorosem Können. Die achte wiederum ist noch einmal epischer im Charakter.
Abgesehen davon, dass alle drei Sonaten - und die vorausgehenden eigentlich genauso - nur von einem Prokofieff stammen können, ist das Moment des Grotesken vor allem im Detail bei der sechsten Sonate ausgeprägter. Und die Pointe sehe ich in den Lyrismen als Kontrapunkt - oder als die notwendigen zwei Seiten der gleichen Medaille.
:hello Wolfgang
Philidor (24.07.2025, 13:38): Abgesehen davon, dass alle drei Sonaten - und die vorausgehenden eigentlich genauso - nur von einem Prokofieff stammen können, ist das Moment des Grotesken vor allem im Detail bei der sechsten Sonate ausgeprägter. Und die Pointe sehe ich in den Lyrismen als Kontrapunkt - oder als die notwendigen zwei Seiten der gleichen Medaille. Immer, wenn ich die sechste Sonate höre, insbesondere bei einer Interpretation, die die brutalen und grotesken Seiten hervorhebt, bin ich überzeugt, dass es so etwas wie eine Handlung hinter der Sonate gibt. Ich weiß nur nicht, welche. Kissins Gedanken fand ich bemerkenswert.
Prokofjew scheint nichts dazu hinterlassen zu haben, und wenn es eine Handlung hinter der Sonate geben sollte, dann konnte er sie wohl kaum öffentlich kommunizieren.
Andréjo (24.07.2025, 16:17): Drei oder sogar vier Einspielungen müsste ich auf Tonträger finden. Im folgenden erscheint mir die rechte mit Murray McLachlan, mir viel länger bekannt und früher aufgenommen, ordentlich - da noch an brutalem Zugriff zu steigern -, die linke mit dem Würzburger Lokalmatador dann sehr gut:
Andréjo (24.07.2025, 16:21): Pogorelich lässt vermutlich auch kein Auge trocken, oder so? :)
Philidor (24.07.2025, 16:29): Pogorelich lässt vermutlich auch kein Auge trocken, oder so? MMn eigenwillig, wie oft bei Pogorelich, aber in jedem Falle hörenswert. Lugansky habe ich noch als sehr überzeugend in Erinnerung. Richter ist definitiv noch ein Thema. Aber der Reihe nach ... in den 1990ern sind eine Reihe wichtiger Aufnahmen entstanden, Berman, Bronfman, Ovchinnikov, Chiu, Ashkenazy und schließlich auch Glemser, die wollen noch gehört sein ...
Philidor (25.07.2025, 09:51): Nun also ein paar Aufnahmen.
In den 1990ern hat hat eine Menge von Aufnahmen gegeben, darunterauch etliche Gesamtaufnahmen aller neun Sonaten. Diejenige mit Boris Berman entstand zwischen 1989 und 1994. Berman hat auch ein wichtiges und meiner Meinung nach sehr lesenswertes Buch über diese Sonaten herausgegeben.
Ich meine, es ist ein sehr zuverlässiger Bericht, doch aus meiner Sicht werden Drama und Zauber dieser Musik nicht so stark entfaltet wie in den besten Aufnahmen.
Philidor (25.07.2025, 19:17): Auch Yefim Bronfman hat alle Neune auf den Diskus gebannt, die Sechste im Dezember 1991.
Das erschien mir viel profilierter als der Bericht, den ich von Boris Berman gehört hatte. Aggressiv, pointiert, hart, scharf, aber mit wenig Magie im langsamen Satz.
Philidor (26.07.2025, 10:31): Vladimir Ovchinnikov hat den gesamten Zyklus zwischen 1991 und 1993 aufgenommen.
Die 6. Sonate spielt er für meine Begriffe sehr klar, agil und mit viel Energie. Ovchinnikov verschießt sein Pulver nicht zu früh und genießt die lyrischen Abschnitte. Meiner Meinung nach bleibt das Drama jedoch etwas auf der Strecke, jedenfalls im Vergleich mit den Besten
Philidor (26.07.2025, 19:59): Auch Frédéric Chiu hat eine Gesamtaufnahme vorgelegt, nicht nur der neun Sonaten, sondern gleich aller Klavierwerke.
Das Motto-Thema präsentiert er skelettiert, wie mir überhaupt die gesamte Aufnahme sehr modernistisch und strukturbetont vorkommt. Ich staune über die Klarheit, ich staune über das fantastische Timing. Doch bei allem Staunen bleibe ich auf Distanz. Chius Darstellung ist wie ein interessantes Insekt, ich verbringe Minute um Minute, um seinen auf Effizienz optimierten Körperbau zu bewundern, seinen „form follows function“-Ansatz, doch im Haus möchte ich so etwas nicht haben.
Der langsame Satz zeigt exemplarisch die ganze Kühle der Aufnahme.
Dass das Finale mit diesem Ansatz ganz überzeugend funktionieren kann, ist klar, doch Chiu hält das Tempo moderat. Erst nach dem ersten Auftreten des Motto-Themas legt er los.
Jeder, der meint, dass Emotionen in der Musik überbewertet sind, kann unbesorgt zugreifen. Für meinen Geschmack gibt es Besseres.
Joe Dvorak (27.07.2025, 07:15): Chius Darstellung ist wie ein interessantes Insekt, ich verbringe Minute um Minute, um seinen auf Effizienz optimierten Körperbau zu bewundern, seinen „form follows function“-Ansatz, doch im Haus möchte ich so etwas nicht haben. :D Für diese ingeniöse Metaphorik zücke ich eine glatte :times10 .
Philidor (27.07.2025, 17:16): Die drei sogenannten Kriegssonaten gibt es auf einer einzigen CD mit Vladimir Ashkenazy. Das ist eine naheliegende, aber nicht allzu oft umgesetzte Idee.
Die sechste Sonate fand ich enttäuschend. Das Klavier klingt entfernt und mit einer Menge Hall. Ashkenazy überspielt Übergänge zwischen Abschnitten und harmonisiert das Werk tendenziell. Wenn es bei Chiu so modern klingt wie sonst vielleicht nirgends, dann klingt es unter Ashkenazys Händen vielleicht am meisten nach 19. Jahrhundert. Womit meiner Meinung nach beide am Werk vorbei spielen.
Darüber hinaus finde ich Ashkenazys Zugang schnell und pauschal. Das ist keine Aufnahme, die mich verlockt, sie erneut zu hören.
Philidor (27.07.2025, 17:58): Bernd Glemser ist nicht ganz so schnell unterwegs und ist meiner Meinung nach näher am Werk, da er nicht versucht, die Gegensätze auszugleichen. Der direktere Klavierklang passt für meinen Geschmack wesentlich besser als die hallige Aura bei Ashkenzay.
Den ersten Satz finde ich allerdings noch bedrohlicher, wenn das Tempo etwas verhaltener ist. Egal: Glemser bietet aus meiner Sicht eine sehr gute Aufnahmr der Mitte.
Philidor (01.08.2025, 08:23): Mit Jewgeni Kissin zwei Live-Aufnahmen leicht zugänglich: 12. Mai 1987, Suntory Hall, Tokyo 30. September 1990, Carnegie Hall, New York
Die Aufnahme aus New York ist aus meiner Sicht sehr ausgeglichen. Strukturelle wie emotionale Aspekte kommen zu ihrem Recht, wobei Kissin die Extreme meidet. Es wirkt auf mich allerdings auch ein wenig kontrolliert. Im Finale nimmt er sich mehr Freiheiten, mit Gewinn, wie ich meine – der am besten gelungene Satz.
Den Mitschnitt aus Tokyo finde ich hingegen wesentlich spontaner. Was für ein Reichtum an Klavierfarben, welche Vielfalt an Stimmungen, welches Darstellen von Gegensätzen, die dann doch zum Ganzen werden. Meiner Meinung nach eine der besten Aufnahmen bisher.
Philidor (03.08.2025, 11:20): Nun die bekannte Studioaufnahme mit Ivo Pogorelich.
Der Kopfsatz. Spontan, quasi improvisiert, „moderato“ ernst genommen. Antiromantisch, kaum Pedal, trocken im Klang, doch jeder Abschnitt wird individuell ausgeleuchtet, immer wieder Inseln des Unwirklichen, zum Beispiel im zweiten Thema, in der Durchführung. Das gemessene Tempo ermöglicht es. Mir gefällt dieser Ansatz sehr gut.
Das Allegretto ist ziemlich flott, dabei schön zart getupft, das Trio hingegen bietet wieder einen Kokon zur Flucht in Traumwelten.
Im „Tempo di valzer lentissimo“ scheint mir eher ein Schleier über der Musik zu hängen. Besonders langsam und traumhaft ist das vielleicht nicht, doch so richtig greifbar wird es auch nicht.
Der letzte Satz hat etwas ungewohnt Spielerisches. Sehr fein. Beim Wiedereintritt des Motto-Themas wird es dann wieder unwirklich, und ab hier scheint mir die Sonate durchzuhängen. Pogorelich läuft hier eventuell in die Sackgasse, denn die Rückkehr ins Haupttempo gelingt meiner Meinung nach nicht stringent. Der nachfolgende Ritt in den Schluss bleibt irgendwie isoliert.
Die Aufnahme führt exemplarisch vor, welch hervorragendes Klavierstück diese Sonate ist. Es gibt eine reiche Palette von Farben. Pogorelich führt über weite Strecken vor, in wie vielen divergierenden Stimmungen die Musik entfaltet werden kann, ohne auseinanderzufallen. So dargestellt, hat das Werk fast alles, was ein Showpiece braucht (bis auf ein bombastisches Finale). Die Tempi sind unüblich, der Kopfsatz eher gemessen, das Allegretto eher zügig. Doch auch die Stimmungen sind ungewöhnlich. Ganz wunderbar fand ich das „als ob“, die Traumwelten, in die wir häufig eintauchen dürfen. Der Knackpunkt ist wohl die Episode mit dem Motto-Thema im Finale, und diese scheint mir der Lackmustest für den Traumwelten–Ansatz zu sein. Vielleicht verstehe ich die Genialität einfach nicht, doch andere Wiedergaben haben mich an dieser Stelle mehr überzeugt.
Philidor (05.08.2025, 19:00): Svjatoslav Richter war nach dem Komponisten der erste Pianist, der die Sonate öffentlich gespielt hat. Irgendwo habe ich gelesen, dass mindestens elf Mitschnitte des Werks mit ihm erhalten sind.
Hier zwei davon, einer aus Moskau, aufgenommen im September 1956, einer aus der Carnegie Hall vom 26. Dezember 1960.
Beide Aufnahmen finde ich faszinierend, kann jedoch nicht sagen, warum. Spieltechnisch makellos sind sie jedenfalls nicht. Dass Richter eventuell von Prokofjews eigenen Wiedergaben profitiert hätte, scheint mir unwahrscheinlich. Vom Komponisten wird berichtet, dass er als Pianist eher einen romantisierenden Aufführungsstil gepflegt hätte – den höre ich bei Richter überhaupt nicht. Die Sonate klingt in beiden Aufnahmen trocken, stellenweise aufs Notengerüst reduziert, höflich gesagt: strukturbetont.
Der Kopfsatz ist 1956 wie 1960 auf der „moderato“-Seite. Bei den staccato-Abschnitten höre ich Unerbittlichkeit, eine sich mechanisch vollziehende Macht bis zur Gewalttätigkeit, in der 1960er Aufnahme noch mehr als in der älteren. Das mag auch an der wesentlich besseren Klangtechnik liegen. In der Aufnahme aus der Carnegie Hall hat das zweite Thema auch mehr Aura in Form von Klavierpedal und Ausschwingen der Linien.
Das Allegretto in beiden Mitschnitten eher flott und stellenweise schroff. Auch im Mittelteil geht die Energie nur leicht zurück. Pogorelichs Traumwelten sind weit entfernt.
Im langsamen Satz gibt es eigentlich keine Entspannung, sowohl in New York als auch im Moskau. „Lentissimo“ geht anders. Ruhelos wirkt das auf mich.
Das Finale hat etwas Manisches, nicht anfangs, doch im weiteren Verlauf, ab der ersten Wiederholung des Ritornell-Themas. Da ist Richter für meine Begriffe unglaublich stark. Dann resignierend, wenn das Motto-Thema erscheint. Danach taumelt der Satz dann seinem Schluss entgegen. Und da spielt Richter sein ganzes Können aus.
Wegen der deutlich besseren Klangtechnik würde ich die 1960er Aufnahme vorziehen.
Die Faszination beider Aufnahmen kann ich mir nur mit Richters Persönlichkeit erklären. Er hat ein sehr klares Bild des Werks, über vier Jahre hinweg, und setzt dieses mit Nachdruck um. Vielleicht sind das keine Aufnahmen zum Kennenlernen des Werks, da wären Glemser und Bronfman eventuell Kandidaten, auch keine Aufnahmen mit unendlichem Klavierzauber, wie ihn der noch 15jährige Jewgeni Kissin in Tokyo vorführte. Vielleicht muss man, um diese Aufnahmen zu schätzen, sowohl das Stück lieben als auch Richters Spiel, die Verschmelzung von Person und Stück zum unwiederholbaren Gesamtkunstwerk.
Philidor (07.08.2025, 17:20): Nikolai Lugansky hat alle Sonaten von Sergei Prokofjew aufgenommen und sehr gute Kritiken erhalten.
Der Kopfsatz beginnt dringlich, ohne schnell zu sein. Die überleitung zum zweiten Thema ist schön abschattiert. Das Thema selbst ist stark zurückgenommen, ohne ins Unwirkliche zu entfliehen. Eine schöne Alternative, die zudem einen sehr schlüssigen Übergang in die Schlussgruppe erlaubt. Den Zuspitzungen in der Durchführung fehlt für meinen Geschmack ein wenig die Kraft, und die Dringlichkeit des Anfangs geht auch verloren.
Die harmlose Wiedergabe des zweiten Satzes erinnert mich an die „Symphonie classique“. Den Sarkasmus, die Maskerade, die Ironie, die andere Interpretationen hier bieten, höre ich nicht.
Im „Tempo di valzer lentissimo“ verzichtet Lugansky auf Versenkung und zeigt eine eher nüchterne Sicht auf die Musik.
Das Ende des Finales kann dann ein wenig entschädigen. Das ist aus meiner Sicht wirklich fulminant.
Insgesamt finde ich die Darstellung Luganskys ziemlich distanziert. Vor dem Hintergrund von Kissin, Pogorelich und Richter kann ich damit wenig anfangen.
Philidor (08.08.2025, 17:13): Alexander Melnikov habe ich als Klavierpartner von Isabelle Faust in ganz wunderbaren Aufnahmen kennengelernt. In jüngerer Zeit gibt es immer mehr Veröffentlichungen, in denen er als Solo-Pianist zu hören ist, darunter die Prokofjew-Sonaten:
Diese Aufnahme zieht mich von Anfang an mit ihrem zügigen Tempi und ihrem akzentfreudigen Spiel in den Bann. Die Klangtechnik sorgt dafür, dass es keine strukturbetonte Darbietung wird. Das zweite Thema hat hier etwas Nostalgisches, wie eine Rückblende. Im Vergleich zu Lugansky fehlt mir hier nicht die Kraft in den Zuspitzungen, und die Dringlichkeit des Anfangs zieht sich durch den Kopfsatz. Die Verwicklungen der Durchführung werden hier zum pianistischen Kabinettstück mit einem schönen Schuss Wahnsinn. Vielleicht beschreibt das die Wiedergabe: Sie hält die Balance zwischen Nüchternheit und Verrücktsein, und es ist nie ganz klar, in welchem Modus das Werk gerade umherirrt.
Die beiden Mittelsätze bieten für meine Begriffe eine Position der interpretatorischen Mitte, Mainstream im besten Sinne, sowohl bezüglich der Tempi als auch des emotionalen Radius. Wunderbar fand ich die Gratwanderung zum Verrückten im Trio des Allegretto. Völlig unspektakulär hingegen der langsame Satz.
Der letzte Satz beginnt eher verspielt als motorisch-überreizt. Unterspielt.
Sehr schöner Kopfsatz, doch die folgenden können da vielleicht nicht ganz anknüpfen. Zu normal, zu harmlos. Und „harmlos“ funktioniert diese Sonate meiner Meinung nach nicht. Wer eine Version "ad usum Delphini" der Sonate sucht, könnte fündig werden.
Philidor (10.08.2025, 16:11): Zum (vorläufigen) Schluss nun noch Steven Osborne, der mir bei Beethovens Waldsteinsonate ausgezeichnet gefallen hat, weil er eine meiner Meinung nach sehr schlüssige Sicht auf das Werk mit Hervorheben der mystischen Aspekte geboten hat.
Der erste Satz erfährt eine kraft- und druckvolle Darstellung, nur im zweiten Thema gibt es Entspannung. Genauer gesagt: Akzente werden sehr stark hervorgehoben, Lyrisches bekommt eine entfernte Aura, so dass hier die Extreme wie unter einem Vergrößerungsglas hervorgehoben scheinen. Zusammen mit dem Zug nach vorne fand ich das sehr überzeugend. Melnikov war da weniger schroff und auch weniger auratisch. Der Unterschied zwischen einer sehr guten und einer Spitzenaufnahme wird greifbar.
Das Allegretto beginnt mit Leichtigkeit, und Osborne gelingt es wunderbar, die Oberstimmen in den staccato-Akkorden noch leicht hervorzuheben. Das klingt vielleicht nicht so spektakulär wie im Kopfsatz, doch die Wiederholung des Hauptthemas vor dem Trio mit den schwierigen Arpeggien in der linken Hand behält die Leichtigkeit des Anfangs. Traumhaft. Im Trio driftet er nicht in Traumsphären ab und hält den Satz damit gut zusammen.
Der langsame Satz hat hier viel Ruhe, auch hier dämmert Osborne nicht weg , sondern spielt die Steigerung und das Decrescendo im ersten Teil kräftig aus. Im Mittelteil liegt der Zauber einmal mehr nicht in einer extremen Gesamtanlage, sondern im Ausleuchten der einzelnen Kleinabschnitte. Das ist nicht so spektakulär wie diejenigen Einspielungen, die vorneherein einen zugespitzten Zugang wählen, doch was Osborne hier „im Kleinen“ liebevoll ausmodelliert, das finde ich sehr hörenswert. Im Vergleich habe ich nochmal den gewiss nicht schlechten Melnikov gehört, der bleibt da einfach pauschaler.
Im abschließenden Vivace ist das Bild ähnlich: Wieder gibt es keine äußerlich umwerfende Darbietung, doch die Detailarbeit ist herrlich. Resignierend klingt hier das Mottothema, dieser Teil wird selten so breit genommen wie hier, sehr überzeugend. Und im letzten Abschnitt schenkt uns Osborne dann doch noch einen mitreißenden Schluss.
Klangtechnisch ist das vielleicht die beste Aufnahme, sie strömte allerdings auch mit 192 khz/24 Bit ein. Ansonsten lebt sie vielleicht vor allem vom gelungenen Ausleuchten der einzelnen Abschnitte in einem schlüssigen Gesamtkontext. Ich finde sie ganz ausgezeichnet.
Philidor (10.08.2025, 16:13): "Vorläufig abschließend" meine ich, dass die Aufnahmen mit Glemser, Bronfman, Melnikov und auch Kissin (Carnegie Hall 1990) sehr gute Darstellungen der Mitte sind, um das Werk kennenzulernen.
Svjatoslav Richter hat bei op. 82 eine Sonderstellung. Seine Aufnahmen konnte ich allerdings erst dann wertschätzen, als ich mit der Sonate ziemlich vertraut war. Richter erzählt eine ganz eigene Geschichte; die habe ich bestimmt noch nicht entziffert, doch das Stück klingt unter seinen Händen einfach anders. Es hat eine Unbedingtheit, die es anderswo vielleicht nicht gibt. Gehört habe ich eine Aufnahme aus Moskau 1956 und einen Live-Mitschnitt aus der Carnegie Hall vom 26. Dezember 1960. Im Ansatz und in der Umsetzung sind beide sehr ähnlich, wegen der wesentlich besseren Klangtechnik ziehe ich die jüngere vor. Es gibt mindestens neun weitere Aufnahmen mit ihm.
Mein anderer Favorit ist Jewgeni Kissin, live Suntory Hall, Tokyo, 12. Mai 1987. Was der noch 15jährige hier an Spannungsverläufen und Klavierfarben ausbreitet, finde ich hinreißend.
Wenn es um Klangtechnik geht, dann möchte ich die zuletzt gehörte Aufnahme mit Steven Osborne nennen. Aber ist es nicht nur der schiere Sound, es ist die Detailarbeit, das Ausleuchten der einzelnen Abschnitte, welche das Hören meiner Meinung nach sehr lohnen.
Joe Dvorak (11.08.2025, 02:57): "Vorläufig abschließend" (...) Ich kenne diese Klaviersonate nicht gut genug, wenn überhaupt, um hier mitzureden – mein Hörrepertoire beschränkt sich bei dem Russen weitestgehend auf die Sinfonien 2 und 3 –, aber ich lese die Besprechungen gerne, weil sie sich wohltuend von dem üblichen Rezensenten-Geseier abheben, einen lange gereiften Geschmacksbildungsprozess verraten und den eigenen Standpunkt scharf konturiert aber nicht allein seligmachend herausarbeiten. :thumbsup: