Sfantu (02.10.2022, 19:56): B-dur Hob. I Nr. 107 / Robbins Landon: A
Nr. 107 resp. A befand sich lange Zeit nicht in meiner Tonträger-Sammlung. Das hat sich geändert. Drum mache ich hier und heute einen Sprung zurück. Nach Michael Walter ist sie Gattungsbeitrag Nr. 10, laut Csampai / Holland Nr. 17, beim für mich taktgebenden Ludwig Finscher die Nr. 11. Walter und Csampai / Holland stimmen überein in der ungefähren Datierung auf die späte Morzin-Zeit (1760 / 61). Für Verwirrung sorgt die vor Robbins Landon gültige Annahme, das Werk gehe auf ein frühes Streichquartett zurück, es sei abzüglich der Füllstimmen mit jenem Quartett, nämlich dem op. 1 Nr. 5, identisch. Die einzige mir vorliegende Einspielung der Quartette op. 1 zeigt jedoch keinerlei Übereinstimmung. Das Quartett op. 1 Nr. 5 ist fünfsätzig und steht in Es-dur, unsere B-dur-Sinfonie hat 3 Sätze. Die Satzbezeichnungen sind andere, die Musik ist eine andere. Dennoch finden sich im www Videos der Sinfonie im Quartett-Gewand und mit der Bezeichnung op. 1 Nr. 5.
Es sei wie es will - das Werk ist in der bewährten, 3sätzigen italienischen Opern-Sinfonia-Manier gehalten.
Feierlich hebt das Allegro molto in der Grundtonart und in 3/4 an. Gebrochene Dreiklänge erzeugen eine freudig erregte Aufbruchstimmung. Allerlei Sequenzierungen zeugen noch vom spätbarocken Hintergrund.
Höfisch schreitend das an zweiter Stelle stehende Andante, das auch hier den Streichern vorbehalten ist. Der etwas steife Charakter wird wiederkehrend von "I-aaah"-Eseleien karikiert.
Das abschließende Allegro molto (B-dur, 6/8) rundet mit federnder Eleganz ab. Es stellt weit mehr als einen Kehraus dar - es fehlt ihm dazu die burleske Oberflächlichkeit, ihm wohnt ein salomonisches Ebenmaß inne, welches ihm Charme, Grazie und Contenance verleiht.
Die Besetzung entspricht der bekannten Lukawitzer 8 (plus 2 (resp. plus 3, falls man sich zusätzlich für das Cembalo entscheidet)): zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Violinen, Bratsche, Violoncello, Fagott und Kontrabaß.
Meine Beschreibungen werden mehr und mehr durch fundiertere Quellen von der Erfordernis der Gründlichkeit befreit. Es stehen derart viele Werkseinführungen zur Verfügung: die Artikel der deutschsprachigen Wikipedia etwa, welche die Struktur der Werke mit dem Seziermesser freilegen. David Hurwitz wird in seiner Haydn Crusade bald auch für dieses Werk ein taugliches Video bereitstellen (soweit ich es sehe, geht er strikt nach Hoboken), die preiswürdig gestaltete Netzseite von Haydn-Stiftung Eisenstadt und Kultur Niederösterreich bietet luxuriöse Werkbetrachtungen samt Partituren und jeweils mehreren Vergleichseinspielungen zum Anklicken. Johannes Klumpp beschreibt ausgewählte Einspielungen aus seinem Zyklus mit den Heidelberger Sinfonikern in anschaulichen Videos auf SWR. Einen kleinen inhaltlichen Fehler macht er zu Beginn, wenn er die hohe Nummerierung Mandyczewski zuschreibt. De facto ließ dieser das Werk jedoch unbeachtet. Die 107 hatte erst knapp 50 Jahre später Hoboken festgelegt. Beim Kopfsatz von "Superman on his flight" zu sprechen, ist zwar Geschmackssache. Klumpp gelingt es aber, die Sinfonie leicht verständlich für jedermann zu beschreiben. Sein schnörkelloser Erzählstil und seine entspannte Art lassen sicher auch Hürden für klassikfernes Publikum fallen. Gut gefiel mir auch seine Abgrenzung der künstlerischen Ansätze bei Mozart und bei Haydn: "Hier haben wir einen typischen Haydn - Musik, wie sie Mozart nie geschrieben hätte. Mozart hat ja immer dieses singende Element, dieses Italienische. Haydn hat viel mehr das Sprechende, das Hüpfende. Aus Haydn spricht die Rhetorik. Er benutzt Bausteine wie Worte. Anapher und Antithetik, Schaffung von Kontrasten." Aus den Klangschnipseln leider schnell erkennbar ist Klumpps Nr. 107 resp. A für mich in den Ecksätzen zu überhastet. Es geht wohl mehr um das Unterbieten von Bestzeiten als um die Musik - schade.
Dagegen erfreuen die beiden mir seit kurzem zur Verfügung stehenden Aufnahmen sehr bis rundum:
Philharmonia Hungarica - Antal Doráti Sinfonien Nr. 93-104 plus Appendizes (7LP-Box, Decca, 1974)
Allegro 3`45 Andante 3`49 Allegro molto 4`32
Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie Eisenstadt - Ádám Fischer (CD, Brillant, AD: 2000)
Allegro 5`03 Andante 3`44 Allegro molto 4`11
Dorátis Aufnahme ist im Vergleich zu den von mir bisher gehörten aus seiner Totale etwas dünn und tiefenschwach, was sich über entsprechende Justage am Verstärker aber bereinigen läßt. Die Tempi sind (vor allem im Kopfsatz) mäßig bis getragen. Wie gewohnt wird überlegen souverän und klassisch elegant musiziert. Das bekannte Phänomen stellt sich erneut ein: die Spielzeiten des ersten Satzes sprechen vordergründig eine andere Sprache: die Ruhrpott-Magyaren sind zwar schneller durch als die K und Ks - verzichten bei langsamerem Grundpuls jedoch auf Wiederholungen.
Fischer liefert hier einen seiner besseren Haydn-Beiträge ab: mit Attacke und apollinischem Esprit - erste Wahl!
Ein Cembalo ist nur bei Doráti beteiligt.
Joe Dvorak (08.10.2022, 05:20): Meine Beschreibungen werden mehr und mehr durch fundiertere Quellen von der Erfordernis der Gründlichkeit befreit.
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Aus den Klangschnipseln leider schnell erkennbar ist Klumpps Nr. 107 resp. A für mich in den Ecksätzen zu überhastet. Es geht wohl mehr um das Unterbieten von Bestzeiten als um die Musik - schade.
Dieses Phaenomen sehe ich nicht nur bei Hadyn, sondern ganz generell. Selbst zu Randrepertoire findet sich -manchmal erst auf der 3. oder 4. Seite der Trefferliste und in fremden Sprachen, was heute bei der Qualitaet der uebersetzeden KIs keine Huerde mehr darstellt- soviel Fundiertes, fundierter wie ich es je schreiben koennte, dass es mir die Zeit nicht lohnt, da meine eigenen Erguesse dagegenzusetzen.
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Die Einschaetzung zu Klumpp (I - 5:02, II - 4:36, III - 3:25) will ich nur teils teilen. Der Kopfsatz scheint mir recht ausgewogen im Tempo, das Finale dagegen wirklich rasant, was aber nach dem eher breit angelegten Mittelsatz einen schoenen Kontrast ergibt. Alles in allem ist die "Hundertsiebte" eine Sinfonie, deren Verpassen die harmonische Ordnung meines Daseins vermutlich nicht wesentlich beeintraechigt haette.
Heidelberger Sinfoniker - Johannes Klumpp
Maurice inaktiv (08.10.2022, 10:14): Danke erst einmal für die schöne Einführung zu Haydns Sinfonie Nr. 107.
Ich habe nur eine Einspielung, und zwar mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter Dennis Russell Davies, im Rahmen seiner GE der Werke. Alle übrigens live bei Konzerten mitgeschnitten.
Die Spielzeit beträgt insgesamt 13,16 Minuten und ist damit von den hier bisher vorgestellten Einspielungen die langsamste, wenn auch nicht mit großem Abstand. Klumpp ist knapp dahinter. Gehetzt wirkt hier überhaupt nichts.
Der ganze Zyklus empfinde ich als sehr geschlossen und stimmig wirkend. Ich habe ihn damals für den leider sehr unrunden Zyklus von Adam Fischer eingetauscht. Eine gute Entscheidung.
Dass Fischer bei der Sinfonie gut wegkommt, liegt auch daran, dass er da bereits vollkommen umgeschwenkt ist und die Eigenarten der HIP mit in seine Arbeit übernommen hatte.
Klumpp, der Konzertmeister unter Fey war, hat die schwere Aufgabe übernommen, den Zyklus zu vervollständigen, den Fey leider nicht mehr zuende dirigieren konnte.
Andréjo (06.11.2022, 19:05): Danke - mit rechter Verspätung - auch von mir an Sfantu, dass die Serie weitergeht.
Mir steht bislang nur die Einspielung von Fischer zur Verfügung und ich will gerne Sfantu und Maurice zustimmen. Antonini hat das Werk noch nicht veröffentlicht. Die Benennung mit 107 hat zweifellos nicht mehr und nicht weniger Berechtigung, als das in vielen anderen Fällen, nicht zuletzt bei Mozarts Sinfonien der Fall ist. "A" (und dann "B") erscheint mir allerdings recht eigenartig, weist dies doch dem Werk eine fragwürdige Sonderrolle zu - schon eine arge Verlegenheitslösung nicht nur aus bibliothekarischer Sicht. Die Fischer-Box lässt das Problem auch dahingehend erkennen, als man diese frühe Sinfonie gar nicht erwarten kann, wenn man nur auf die Rückseite der Kassette blickt. Dort steht "Symphonies 1 - 104" ...
Die einschlägigen Besprechungen im Internet sind - in der Tat - sehr respektvoll und zum Teil penibel. Vermutlich ginge auch mein Weltbild wie das Sfantus ohne Kenntnis dieses Werks nicht zu Brüche - aber wo fängt man da an nachzudenken ... :D
Für Verwirrung sorgt die vor Robbins Landon gültige Annahme, das Werk gehe auf ein frühes Streichquartett zurück, es sei abzüglich der Füllstimmen mit jenem Quartett, nämlich dem op. 1 Nr. 5, identisch. Die einzige mir vorliegende Einspielung der Quartette op. 1 zeigt jedoch keinerlei Übereinstimmung. Das allerdings ist noch einmal seltsamer. In der Buchberger-Integrale ist die 1-Serie enthalten; da kann ich mal nachschauen. Da ich sonst nichts zu einer Lösung beitragen kann, werde ich mich allenfalls dann noch einmal melden, wenn die Dinge bei mir, also Buchberger, anders liegen sollten. Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.
:hello Wolfgang
Andréjo (06.11.2022, 19:12): Doch, doch, das MUSS ich mir vorstellen können. Begreifen kann ich es dennoch nicht mit gesundem Menschenverstand und den sparsamen Booklet-Informationen. :D
Denn für die Buchbergers gibt es kein Quartett op. 1/5 - und die knappe Begründung ist eben diejenige, die offenbar Landon benennt. Die Nummer wurde nicht eingespielt. Stattdessen wurde ein Quartett in Es-Dur, op. 1/0, eingespielt, das im Hoboken-Verzeichnis falsch eingeordnet worden sei, aber in den Zusammenhang von op. 1 gehöre. Die Doppel-CD enthält also in dieser Reihenfolge das Opus 1 mit den Nummern 1, 2, 3, 4, 0 und 6. Der Rest von CD 2 und die CD 3 des Vol. 6 der Buchberger-Edition enthalten dann Haydns Divertimento-Streichquartette op. 2.
Dieses Quartett mit der Null ist in der Tat fünfsätzig - Presto/ Menuet/ Adagio/ Menuet/ Presto - und steht in Es-Dur.
Joe Dvorak (07.11.2022, 23:50): Auf der Gesamteinspielung des Aeolian String Quartet wird das Es-Dur Quartett mit Op.0 bezeichnet und ganz an den Anfang gestellt. Op.1 Nr.5 fehlt auch hier.