Nr. 13 nach Finscher, Nr. 8 (auf "1760?" datiert & für Morzin geschrieben) nach Walter, Nr. 14 nach Csampai / Holland
Auf dem Weg zur letztendlichen Standardform der viersätzigen Sinfonie war Haydn von verschiedenen Vorläufern der Gattung beeinflußt. Dies waren im wesentlichen das Concerto grosso, die Suite, die Kammer- & die Kirchensonate. In Haydns Kompositions-Labor wurden diese Modelle spielerisch ausprobiert, transformiert, weiter entwickelt. Wie zuvor bereits die Nr. 18 folgt auch Nr. 11 der barocken Sonata da chiesa - hier allerdings nicht der drei- sondern der viersätzigen Spielart. Ein Indiz hierfür (die Sonata da chiesa-Anlehnung) ist auch die Beibehaltung der Grundtonart in allen Sätzen - allein das Trio des Menuetts steht in der Dominante B.
Den stärksten Eindruck hinterlassen auf mich die langsame Einleitung & der Schlußsatz. Erstere ist ein langsamer Satz, der mal den Namen verdient. Die Musik hat Gewicht & Emotion. Das Finale geht deutlich über die heitere Kehraus-Funktion hinaus - vor allem, was den Ausdruck angeht. Engführungen & Synkopierungen sorgen für Spannung, für Dramatik. Im Trio wirken die in verschiedenen Quellen herausgehobenen (ja, sogar als "fesselnd" bezeichneten) Synkopen auf mich dagegen vergleichsweise brav - zumindest in den mir vorliegenden Aufnahmen (inkl. Hogwood auf YT).
Nr. 11 Es-dur kann zwischen 1760 und 1763 entstanden sein und knüpft frei an die traditionelle Kirchensonate an. Das Adagio cantabile am Anfang, auf dem Klang des Streichorchesters aufgebaut, ist einem Triosonatensatz vergleichbar. Ganz dezent treten zwei Hörner hinzu. Das folgende Allegro, thematisch an den Anfang des Schlußsatzes von Mozarts Symphonie C-dur KV 551 "Jupiter" erinnernd, enthält locker geführte polyphone Strecken, eine frühe Vorwegnahme des Finalsatzes der in derselben Tonart stehenden Londoner Symphonie Es-dur Nr. 103 "mit dem Paukenwirbel". Auch in dem durchaus festlichen "Minuet" kann man einen Vorklang zu der späteren Symphonie erblicken. Fesselnd das Trio in B-dur mit den synkopierenden Violinen. Ein rhythmisch drängendes Finale (auch hier synkopische Wirkungen) beendet diese im Ganzen recht fortschrittlich anmutende Symphonie. (Helmut Wirth - Klappentext zur Doráti-Ausgabe)
Daß einige seiner frühen Sinfonien - wie etwa die Nr. 5 und 11 - sorgfältiger ausgearbeitet scheinen als andere, könnte seine Ursache darin haben, daß Haydn für diese Sinfonien vielleicht mehr Zeit zum Komponieren hatte. Individuelle Ausdrucksgehalte finden sich in den gefällig gemachten frühen Sinfonien trotz einzelner origineller Ideen nicht, aber dies wurde von den aristokratischen Hörern auch nicht erwartet. (Michael Walter - Haydns Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer, München 2007, S. 27)
Doráti hat die kernigere, plastischere Aufnahmequalität zur Verfügung. Seine Hungarica spielt gewohnt wendig & mit Attacke. Bei den Schotten ist der Klang dagegen leicht entfernt & ansatzweise schwammig, das Cembalo ist hier allerdings präsenter als in der Konkurrenzeinspielung. Das Trio langsamer zu nehmen als das umrahmende Menuett (die Cantilena tut dies) wirkt auf mich nicht gerade organisch & verleiht dem Trio auch nicht mehr Thrill.
Abweichend von erwähnter Besetzungsliste ist der Streicherapparat bei den Schotten stärker: 2 Oboen, 2 Hörner, 9 Violinen, 2 Bratschen, 2 Celli, 1 Kontrabaß, Fagott & Cembalo. Dem Ohr nach spielt auch die Hungarica mit breiterer Besetzung - nur wird es im Klappentext nicht erwähnt.
Maurice inaktiv (06.04.2020, 22:48): Vielen Dank für die schöne Einführung in eine weitere Sinfonie Joseph Haydns, die nur sehr stiefmütterlich behandelt wurde in der Vergangengeit.
Ich möchte aber nicht vergessem zu erwähnen, dass es noch eine Einzeleinspielung des Werkes gibt, in Kopplung mit den Sinfonien Nr.9,10 und 12 von Roy Goodman und seinem Orchester, "the Hanover Band", die auf historischen Instrumenten spielt. Sie wurde im Januar 1992 eingespielt.
Damit dürfte klar sein, dass Shepherd im 1.Satz die Wiederholung nicht hat spielen lassen, wo immer sie gewesen ist.
Sonst habe ich keine Einzel-CDs mit einer Aufnahme des Werkes auffinden können.
Andréjo (07.04.2020, 22:35): Auch von mir erst einmal besten Dank an Sfantu.
Als ich erfahren habe, dass diese Sinfonie in einer modifiziert an die spätbarocke Kirchensonate erinnernden Großform gehalten ist, war ich über den Umfang ein wenig erstaunt. Bei Adam Fischer dauert die Sinfonie in der 1990 entstandenen Aufnahme über 22 Minuten, wovon über zehn auf den Kopfsatz entfallen. Erstaunt war ich wohl auch deswegen, weil ich an die Kirchensonaten Mozarts gedacht habe; ansonsten fehlen mir hierbei Hörerfahrungen.
Am besten gefallen mir die langsame Einleitung und das Finale - gut, das ist jetzt keine Überraschung. Ich gebe aber gerne zu, dass mich die Gesamtanlage zwischen dem barockem Pathos im Verhältnis der beiden Anfangssätze und einer frühklassischen Gestelztheit des Menuetts im Verein mit vorwartsgerichtetem Schwung im Schlusssatz durchaus anspricht.
:hello Wolfgang
Sfantu (08.04.2020, 07:04): Lieber Andrejo,
merci bien! In der Tat - bei den Spielzeiten ergeben sich mitunter schon erhebliche Verwerfungen, wie wir sehen. Hier ein vermutlich eher getragenes Grundtempo + Beachtung aller Wiederholungen, dort ein etwas flotterer Grundimpuls + großzügige Striche nach Gusto & schon haben wir mal eben einen doppelt so langen Kopfsatz > Shepherd vs. Fischer (!). Im Grunde verändert sich nicht nur der einzelne Satz sondern das ganze Werk hierdurch. Ist man mit einer Sinfonie etwas besser vertraut (bei mir geht das erst bei den "Tageszeiten" los), dann kann das sogar ziemlich sauer aufstoßen. Das Auslassen der Wiederholungen wird so beinahe zu einer Verstümmelung. Eben drum hatte ich mich bspw. von den an sich recht hübschen Einspielungen von Hob I Nr. 6-8 mit der ASMF - Neville Marriner (Philips) beizeiten wieder getrennt. Gerade hier sind die Wiederholungen so bedeutungstragend & strukturierend, daß ohne sie das Rückgrat fehlt.