Nr. 16 nach Finscher Nr. 12 nach Walter Nr. 9 nach Csampai & Holland
1760 oder 1761 - je nach Quelle - soll Haydn dieses Werk verfaßt haben. Mehrheitlich wird angenommen, daß es noch für Lukawitz entstand. Sie gehört nicht zu jenen Kompositionen des Meisters, die unmittelbar packen und mitreißen. Verspielt und serenadenhaft, weniger sinfonisch macht sie zudem formale Kopfstände und Purzelbäume. Es erfordert wiederholtes konzentriertes Hören bis sie sich im Ohr einschwingt und reift.
Immerhin nahm Fürst Nikolaus I. Partituren seines Ober-Kapellmeisters 1767 mit auf seine Reise nach Paris, Strassbourg und Hessen. Noch im selben Jahr erschien eine Ausgabe mit "Six symphonies ou quatour(s) dialogués" Haydnscher Werke im Verlagshaus Louis-Balthazard de la Chevardière. Die Partitur der Nummer Fünfzehn soll darunter gewesen sein. Dies verrät der Klappentext Christian Moritz-Bauers zur Antonini-Doppel-LP. Der Name Haydns - nahm er damals bereits seinen Zug durch die französische Musikwelt auf?
Der eigentümliche Aufbau des Kopfsatzes gibt Rätsel auf: ein zentrales, furioses Presto wird von zwei beinahe identischen Adagio-Teilen gerahmt. Naturnah wirkt der frischlüftige Dialog zwischen Streichergruppe und den beiden Hörnen. Csampai & Holland sowie Hellmut Wirth sind schnell mit der Einordnung bei der Hand, es handele sich damit um eine Reminiszenz an die französische Ouvertüre. Das scheint mir dann doch etwas kurz gedacht. Was den Rahmenteilen nämlich im Vergleich zu eben jener französischen Ouvertüre komplett fehlt, ist die prunkvolle, gravitätische Geste. Hier aber bleibt alles bukolisch bis traumverloren.
An zweiter Stelle das Menuett. Wenn von einem Rückbezug auf die vorangegangene resp. ausklingende Epoche gesprochen werden kann, dann doch viel eher hier. Mit Majestät schreitet das punktierte Thema einher. Im Trio erfreut ein charmantes Frage-Antwort-Spiel zwischen Bratsche und Cello hier und 1. + 2. Geige dort. Mit den darunterliegenden Akkorden der übrigen Streicher ergibt sich ein 5stimmiger Streichersatz. Ein kleiner Gruß herüber von der noch in den Kinderschuhen steckenden Streichquartett-Gattung.
Im Beitrag zur Fünfzehnten im Rahmen seiner Haydn-Symphony-Crusade streicht Dave Hurwitz beim Hauptthema des an dritter Stelle stehenden Andante dessen Verwandtschaft mit Ponchiellis "Danza delle ore" heraus, was die motivisch-metrische Gestalt betrifft ("Coppenra-hath - drei, vier - u-hund Wiese - drei, vier..."). Kurios, diese kleine Parallele. Aber sie trifft zu. Hurwitz spricht bei diesen kleinen Zweiton-Folgen von "little two-note-hoojies". Er macht sie auch in den übrigen drei Sätzen aus und kommt somit zu dem Schluß, es handele sich um ein das Werk prägendes Gestaltungsprinzip. Und damit um eines der vielen Beispiele dafür, wie clever und ökonomisch Haydn aus kleinen Motiv-Fetzen große Musik gestaltet. Ich bin mir noch nicht schlüssig darüber, ob ich dem folgen möchte. Hellmut Wirth, Klappentext-Autor für die Doráti-LPs sieht in diesem Satz eine Verbeugung vor dem von Haydn hochverehrten Carl Philipp Emanuel Bach, ohne diese Feststellung zu begründen. Ist es der sensible Umgang mit der Ausdeutung von "Affecten"? Die sanften melancholischen Schatten, welche sich durch die Moll-Passagen ziehen?
Mit Presto ist der Schlußsatz überschrieben. Ungewöhnlich für ein Menuett mit Trio, durchgängig in 3/8 gehalten. Der geheimnisvolle Mittelteil in d-moll wird ausschließlich von den Streichern gespielt. Rückkehr zum A-Teil plus Coda und diese etwas seltsame Sinfonie ist verklungen.
Noch einmal - nicht nur aufgrund der ungewohnten Satzfolge und der Gliederung im Kopfsatz ein Werk, das Zeit und wiederholte Beschäftigung einfordert.
Zu den mir vorliegenden Einspielungen schreibe ich etwas in voraussichtlich 18 bis 20 Stunden.
Sfantu (21.11.2024, 23:52): Nun hat es dann doch noch etwas früher geklappt. Diese Aufnahmen befinden sich in meiner Sammlung:
Il Giardino Armonico - Giovanni Antonini (LP, Alpha, 2020)
Vorab - keine dieser Einspielungen ist schlecht. Der Kammerton ist laut meinem Gehör und auch nach der Tastatur meines Klaviers zu urteilen allerorten gleich - somit a' = 440 Hz.
Fischers Version kommt mitunter etwas tapsig daher, es mangelt hier wie dort ein wenig an Spritzigkeit und Schwung. Auch scheint der im Vergleich größte Streicherapparat am Werke zu sein. Fazit > grundsolide.
Antonini legt es auf das Erzielen größtmöglicher Kontraste und Knalleffekte an. Die Rahmenteile des Kopfsatzes werden vom Adagio zum Largo ausgewalzt und betont leise, ja blutleer gespielt, Nur, um in das Presto derart hineinzudreschen, daß es wie eine Rakete einschlägt. Adagio - Presto - Adagio entspricht hier: K.O-Tropfen - Extasy - K.O-Tropfen. Darunter macht es Antonini nicht. Die Ergebnisse sind staunenmachend. Aber auch in mittlerweile fast vorhersehbarer Weise ein wenig anstrengend für den Hörer. Ähnliches gilt hie und da auch für Fey & Klumpp. Fazit > expressiv bis exzentrisch. Aber immer in Topform.
Fischer als auch Antonini verzichten auf das Cembalo als Continuo-Instrument. Anders als die beiden übrigen Einspielungen:
Doráti läßt seine Ruhrpott-Hunnen wie gewohnt mit schlanker Eleganz aufspielen. Jeder Akzent sitz, es wird so geschmackvoll wie natürlich phrasiert, die Tempi sind stimmig. Dezentes Aufblitzen des Cembalos, harmonische Stimmen-Balance. Doráti - und mehr noch Antonini - sind diejenigen, die Haydn beim Wort nehmen, wenn es heißt, das abschließende Menuett tatsächlich flott zu nehmen.
Das Beste aus verschiedenen Welten vereinend macht die Toronto Camerata eine sehr gute Figur. Natürliche Tempi, geschmackvolle Akzente, ein gleichberechtigt präsentes Cembalo, überhaupt eine ausgewogene Stimmenbalance bei durchdachter Gesamtkonzeption. Und neben Antonini die beste Aufnahmequalität.
Müßte ich mich für nur eine Version entscheiden (aber weshalb sollte man das müssen?), dann wäre es die Philharmonia Hungarica > goldener Schnitt.
Habe mal kurz in verschiedene Aufnahmen bei YT hineingehört. Als CD finde ich derzeit keine Aufnahme der Nr. 15 bei mir ...
Es stimmt schon, daß Doráti (und auch Hogwood, den ich bei YT gefunden habe) nach heutigem Ohr wohl "gefälliger" interpretieren. Wesentlich interessanter finde ich jedoch die Antonini-Einspielung. Auch, weil Haydn ja gern die sog. "Terrassendynamik" zugeschrieben wird (nicht nur ihm). Andere sprechen von "Blockwelle":
Da arbeitet Antonini die "Blöcke" natürlich viel stringenter heraus und unterstützt das noch durch extreme Tempo-Interpretation. Dies womöglich, weil dem "heutigen Ohr" die Kontraste sonst nur noch schwer zu vermitteln sind.
Auf YT glaube ich auch, kleine Nuancen in der Höhe des Kammertons gehört zu haben: Doráti scheint mir höher zu spielen als die anderen. Das kann allerdings auch an der Technik von YT liegen.
Andréjo (22.11.2024, 15:02): Die Antonini-Aufnahme würde ich derjenigen von Fischer vorziehen. Gründe habt Ihr ja beide genannt und anderes Geistreiches fällt mir gerade nicht ein. Weitere Einspielungen der Nummer 15 besitze ich nicht auf CD und werde es dabei auch belassen - also eigentlich generell, was Haydn-Sinfonien anbelangt, denn Haydn2032 läuft ohnehin weiter.
Das Argument der quasi früheren "Terrassendynamik" kannte ich nicht. :thumbup:
Dank an Sfantu für die Wiederaufnahme des Threads! Er darf gerne zügig fortgeführt werden. ;) :ignore (Ichunterdemstuhl-Smiley fehlt.) :beer :hello Wolfgang
Joe Dvorak (25.11.2024, 03:54): Dennis Russel Davies und das Stuttgarter Kammerorchester spielen das sehr überzeugend. Tiefgründig und schwerelos zugleich wird im Adagio eine große Spannung aufgebaut, die sich im Presto ohne Knalleffekt auflöst. Auch in den anderen Sätzen ist die von mir so geschätzte Balance zwischen Strenge und Gravität auf der einen sowie Luftigkeit und Verve auf der anderen Seite auf den Punkt getroffen. (5'42 - 5'06 - 5'10 - 2'55).
Maurice inaktiv (25.11.2024, 12:49): Dennis Russel Davies und das Stuttgarter Kammerorchester spielen das sehr überzeugend. Tiefgründig und schwerelos zugleich wird im Adagio eine große Spannung aufgebaut, die sich im Presto ohne Knalleffekt auflöst. Auch in den anderen Sätzen ist die von mir so geschätzte Balance zwischen Strenge und Gravität auf der einen sowie Luftigkeit und Verve auf der anderen Seite auf den Punkt getroffen. (5'42 - 5'06 - 5'10 - 2'55). Die ganze Box wirkt auf mich sehr rund und gut durchdacht und auch umgesetzt. Ich hatte sie mal günstig erworben und dafür die Fischer-Box verkauft, weil dieser bei den frühen Aufnahmen zu bieder war.
Auch würde es sich lohnen, mal bei Roy Goodman reinzuhören. Er hat die Nr.17 2993 auf Hyperion eingespielt.