Vermutlich im Jahre 1757 entstand Haydns Sinfonien-Erstling, während seiner Anstellung als Kapellmeister & Kammercompositeur beim Grafen Morzin - des Winters in Wien & im Sommer-Halbjahr auf dem gräflichen Schloß nahe Unter-Lukawitz in Böhmen, heute Dolní Lukavice, südlich von Plzeň (Pilsen)
Da die chronologisch nächste Sinfonie (Hob I Nr. 37) in einer Kopie von 1758 belegt ist, muß Hob I Nr. 1 also davor entstanden sein.
Zunächst waren Form & Anzahl der Sätze nicht festgelegt. Haydns Jugendwerke bis etwa 1764 hin zeigen in zehn Symphonien eine dreisätzige Folge nach Art der Wiener Symphonie von Monn & Wagenseil oder in der Anlehnung an die italienische Opernsinfonia, während neun dem von der Mannheimer Kompositionsschule um Johann Stamitz geprägten viersätzigen Typ nahestehen Alle Symphonien bedeuten Stationen auf dem Wege zu einer Vertiefung des symphonischen Stils. Trotz ihrer Kürze sind sie ihrer Struktur nach echte Symphonien. Selbst manchmal an den Kammerstil erinnernde Sätze können diesen Eindruck nicht verringern. Schon in den Frühwerken drängt Haydn aus dem Divertimento heraus, & bei aller scheinbar tändelnden Leichtigkeit mancher Sätze ist ihm die Symphonie von Anbeginn ein ernstes Geschäft gewesen. Helmuth Wirth (1)
Der Graf unterhielt ein Bläserensemble, für das Haydn sogenannte Feldparthien komponierte (Suiten zur Aufführung im Freien), & außerdem ein kleines Streichorchester, das bei Bedarf durch Musiker aus dem Bläserensemble ergänzt wurde. Für dieses erweiterte Orchester schrieb er seine ersten Sinfonien, auf jeden Fall die Nr. 1-5 & wahrscheinlich mindestens sechs weitere. Matthew Rye (2)
Nr. 1 D-dur, für den Grafen Morzin komponiert, wurde früher dem Mannheimer Komponisten Anton Filtz (1730-60) zugeschrieben. Sie zeigt in der Tat Einflüsse dieser aus Böhmen stammenden Komponistengruppe, namentlich im ersten Satz. Allerdings fehlt das Menuett, das die Mannheimer als festen Bestandteil in die Symphonie eingeführt hatten. Der ohne Bläser auszuführende langsame Satz, Andante, hat in seinem Duktus schon ein ganz haydnsches Gepräge. Helmuth Wirth
Gleich mit einer Mannheimer Rakete hebt der vitale, drängende Kopfsatz an. Im 2/4taktigen Andante kann man schon einen charakteristischen Haydn vernehmen, so gravitätisch schreitend, wie er stellenweise daherkommt (später bspw. im Mittelteil der Ouvertüre zu "Lo Spaziale"). Das abschließende Presto ist ein knapper, schwungvoller Kehraus.
Meine beiden Aufnahmen:
Philharmonia Hungarica - Antal Doráti (LP. Decca, P 1974)
Presto 4’59 Andante 5’42 Presto 2’09
a' = 440 Hz
The Hanover Band - Roy Goodman (CD, hyperion, 1991)
Presto 5'02 Andante 6'12 Presto 1'58
a' = 430 Hz
Beide Versionen sind vorzüglich, die Unterschiede kleiner als man vermuten könnte: dem Haydnschen Esprit werden beide vollauf gerecht, die Musik vermittelt Frische, vielleicht auch so etwas wie Aufbruch. Dennoch wirkt alles natürlich & ausgewogen, niemals überdreht. Doráti wie Goodman entscheiden sich für das Cembalo im Generalbaß, wobei es bei Goodman klangtechnisch viel präsenter ist, somit eine eigene (& wie ich finde: reizvolle) Farbe mit hinein bringt (wohl nicht ganz zufällig? Schließlich sitzt Goodman selbst auf der Klavierbank). Bei Doráti blitzt es allenfalls im Mittelsatz einmal silbrig im Hintergrund hervor. Hier wie dort wird mit Laune & Schwung musiziert, die Aufnahmequalität ist in beiden Fällen transparent, bei den Exil-Magyaren mit etwas mehr Körper & Grundierung. Ich möchte keiner der beiden den endgültigen Vorzug geben. Es ist auch nicht notwendig - sie ergänzen sich auf das Schönste. ____________________________________________________________________________________________________________
(1) aus der Beilage zur Decca-LP-Box (2) aus dem Booklet zur hyperion-CD
P. S. Der Wikipedia-Artikel zu Hob I Nr. 1 ist gut gemacht, m. E. jedenfalls weit über Wiki-Standard. Ich habe hier nicht daraus zitiert, empfehle ihn aber, wenn man auf unkomplizierte Weise mehr erfahren will.
Andréjo (05.02.2019, 21:59): Haydns Erstling kann sich sehen lassen. Gewiss, der erste Satz hat, wie zu lesen, gleich fünf Themen, eines auch in moll, weshalb natürlich keine ernsthafte motivische Verarbeitung gegeben sein kann. Lebendig und schlagkräftig ist er allenthalben und er befindet sich mit dem Mannheimer Eröffnungscrescendo auf dem Weg vom galanten zum Sturm-und-Drang-Stil. Der zweite Satz überzeugt mich auch in seinem "gravitätischen Schreiten" (Sfantu), selbst wenn er nicht sonderlich prägnant im Material erscheint. Der dritte Satz ist so kurz wie pointiert, zeigt aber mit der an anderen Orten als "Zwitschern" bezeichneten Motivik bereits den Humor des Meisters.
https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/514yyDgPffL.jpg (eine der Einzelausgaben, die ich gefunden habe, aber natürlich nicht besitze)
Fischer kann nicht ganz mithalten im Vergleich zu Antonini. Frisch im Tempo sind beide, aber die Transparenz und die schon in der einleitenden Rakete erkennbare dynamische Wucht erreicht er nicht. Es mag auch ein wenig der besseren Aufnahmetechnik beim Haydn 2032-Projekt geschuldet sein.
Bei recht vielen der folgenden Sinfonien werde ich nur auf Fischer zurückgreifen können - wenn ich mich nicht im Netz bedienen will. Abwarten, ob sich das im Einzelfall dann doch als bedauerlich erweisen könnte, was ich gar nicht so sehr glaube. Ich gehe aber aufgrund der oberflächlichen Hörerfahrung bislang - denn ein einziges Mal zumindest habe ich doch schon alle Sinfonien gehört - davon aus, dass nicht alle folgenden der ersten Phase (etwa 1757 bis etwa 1761) das Niveau des Erstlingswerks werden halten können.
Sfantu (06.02.2019, 12:36): Hallo Andréjo,
danke für Deine Antworten, Ergänzungen, Erfahrungsberichte & sonstige Inputs... that's the spirit!
Maurice inaktiv (07.02.2019, 18:01): Ich möchte auf zwei weitere Einspielungen hinweisen. Einmal auf Thomas Fey mit den Heidelberger Sinfonikern (Nr.1, 4, 5 und 10) und auf im Rahmen der GE der Sinfonien mit Dennis Russell Davies und dem Stuttgarter Kammerorchester erfolgten Einspielungen. Es gibt also durchaus Alternativen hier.
Davies' Einspielung ist zur Zeit sündhaft teuer, aber bei Fey kann man hin und wieder Glück haben.
Leider habe ich vergessen, wie ich Bilder reinstellen kann, also dann ohne Bilder.
Sfantu (07.04.2020, 12:26):
Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit den Kopfsatz von Hob I Nr.1 mit Il Giardino Armonico & Giovanni Antonini im Radio gehört (das Sound System in meinem Auto ist fast besser als meine Heimanlage) & beinahe von der Fahrbahn abgekommen! So aufgekratzt & funkensprühend hat Antonini die Nase sogar knapp vor Goodman. Sehr, sehr erfreulich! & man staune: hier beteiligt Antonini ausnahmsweise auch ein Cembalo (!). Ein Kuriosum ist, daß beim Haydn 2032-Projekt die ersten beiden der bisher 8 Folgen nur auf CD, nicht aber auf Schallplatte erschienen sind. Drum hatte ich von ihnen (vol 1 & 2) bisher noch keinen Höreindruck - nur die positive Erwähnung durch Andrejo. Also: was ich bisher von Antoninis Haydn kenne, ist immer mindestens sehr gut - hier muß ich von herausragend sprechen!
Maurice inaktiv (07.04.2020, 13:47): Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit den Kopfsatz von Hob I Nr.1 mit Il Giardino Armonico & Giovanni Antonini im Radio gehört (das Sound System in meinem Auto ist fast besser als meine Heimanlage) & beinahe von der Fahrbahn abgekommen! So aufgekratzt & funkensprühend hat Antonini die Nase sogar knapp vor Goodman. Sehr, sehr erfreulich! Vielleicht mal ein persönliches Wort von mir zu diesem Vorhaben: Sowas ist im Grunde ein völlig blödsinniges Unternehmen. Wenn man das mit der GE der Sinfonien von Adam Fischer vergleicht, wird man immer feststellen, dass es bei so einer langen Zeitspanne einfach Änderungen in der Interpretation geben wird. Was HEUTE noch toll sich anhört, dürfte 2032 ein "alter Hut" sein.
Sowas muss man heute in 2-5 Jahren durchziehen, oder es ganz sein lassen. Die HEUTE den Zyklus anfangen zu hören, sind vielleicht 2032 schon nicht mehr da zum Hören. Das klingt jetzt brutal, und es soll auch nicht gegen Dich persönlich gerichtet sein, aber Klassik wird nun mal überwiegend von einem Publikum ab 50 aufwärts gehört, so sehen zumindest oftmals die Besucher der Konzerte aus. Ich gehöre inzwischen auch in diese Altersklasse hinein. Und ob ich in 12 Jahren noch am Leben bin, weiß ich nicht.
Jetzt schreibst Du zwei Sätze, die ich ebenfalls noch einmal aufgreifen möchte :
So aufgekratzt & funkensprühend hat Antonini die Nase sogar knapp vor Goodman. Dann war Roy Goodman extremst gut gewesen, wenn ER um 1992 herum von diesem NEUEN Einspielungen nur "knapp" dahinter liegt. WOW !! Dann bleibe ich gerne lieber bei Goodman, denn er war seiner Zeit damals quasi 30 Jahre im voraus (aufgerundet). Ob das Anoninni auch schaffen wird?
man staune: hier beteiligt Antonini ausnahmsweise auch ein Cembalo (!) Ich möchte auch dazu noch einen Satz schreiben: Ich finde das Cembalo nach wie vor überflüssig, wobei ich es bei den ganz frühen Einspielungen natürlich historisch nachvollziehen kann. Ob das aber 2032 auch noch so sein wird? Darüber ließe es sich durchaus diskutieren (ich schreibe bewusste BICHT streiten !!). Auch hier wird die Forschung bestimmt noch andere Ergebnisse abliefern.
Es ist nach wie vor extremst schade, dass Thomas Frey nicht seinen Zyklus zuende hat führen können. Ich denke mal, dass dieser dann eine sehr ernsthafte Konkurrenz für Antonini geworden wäre. Dieser wäre nämlich bald abgeschlossen gewesen, also der erste vollständige Zyklus NACH Fischer und vor allem Dennis Russell Davies gewesen. DAS wäre eine echte Diskussionsgrundlage gewesen.
So steht für mich nach wie vor Davies ganz Oben auf dem Treppchen, was die GE betrifft, aber bei den Einzeleinspielungen würde ich Fey und Goodman öfter mal vorziehen, was Davies' Einspielungen nicht schmälern soll, sondern aufzeigen, dass es durchaus ersthafte und hervorragende Alternativen gibt bei manchen Sinfonien.
Andréjo (07.04.2020, 15:19): Vielleicht mal ein persönliches Wort von mir zu diesem Vorhaben: Sowas ist im Grunde ein völlig blödsinniges Unternehmen. Wenn man das mit der GE der Sinfonien von Adam Fischer vergleicht, wird man immer feststellen, dass es bei so einer langen Zeitspanne einfach Änderungen in der Interpretation geben wird. Was HEUTE noch toll sich anhört, dürfte 2032 ein "alter Hut" sein. Das verstehe ich jetzt weniger, von der unfreundlichen Formulierung einmal ganz abgesehen. Sfantu möchte alle Sinfonien Haydns in einer sinnvollen Form vorstellen. Was soll daran blödsinnig sein? Zu veränderten Deutungssichtweisen kann doch jeder nach Herzenslust gleich oder sogar über die Jahre hinweg ergänzen, korrigieren, zur Diskussion einladen. Oder? Deswegen ist das hier ja ein Forum und keine gebundene Enzyklopädie.
Ich hoffe aber eigentlich, werter Kollege, dass ich Dich falsch verstanden habe.
?( Wolfgang
Cetay (inaktiv) (07.04.2020, 15:48): Ich denke, da hoffst du richtig. Das kritisierte Unternehmen ist m. E. die über einen so langen Zeitraum angelegte GA des 2032 Projekts. Wie man bei Fischer gesehen hat, kann sich mit der Zeit die Interpretationsauffassung ändern und die GA wird dann eine recht uneinheitliche Sache sein.
Andréjo (07.04.2020, 15:57): Dann bitte ich Maurice André um Entschuldigung. Es wird wohl so sein, wie Du sagst, Cetay! Gut, ich habe auch nie behauptet, dass ich besonders intelligent bin.
Gewundert habe ich mich ohnehin ...
Wundersch...öne Internet-Kommunikation mit fehlender Paralinguistik halt wieder einmal.
;( X( :D Wolfgang
Maurice inaktiv (07.04.2020, 17:17): Ich hoffe aber eigentlich, werter Kollege, dass ich Dich falsch verstanden habe. Dann bitte ich Maurice André um Entschuldigung. Es wird wohl so sein, wie Du sagst, Cetay Ich denke, da hoffst du richtig. Das kritisierte Unternehmen ist m. E. die über einen so langen Zeitraum angelegte GA des 2032 Projekts. Wie man bei Fischer gesehen hat, kann sich mit der Zeit die Interpretationsauffassung ändern und die GA wird dann eine recht uneinheitliche Sache sein. Hallo, Andréjo : Cetay hat es völlig richtig verstanden und entsprechend schon geschrieben. Es ging mir natürlich überhaupt um das tolle Vorhaben, alle Sinfonien hier zu präsentieren, da mache ich auch gerne mit, gerade bei Haydn.
Sollte ich das unklar Oben formuliert haben, dann sorry.
Es ging mir um die Länge einer solchen Gesamteinspielung. Der Zeitrahmen ist viel zu lange gewählt. Und genau wie es Cetay selbst gesagt hat, bei Fischer ging es gründlich in die Hose. Ein Teil ist von Vorgestern und entsprechend "verzopft", der andere Teil ist dann erstaunlich gut gelungen. Eigentlich müsste Fischer jetzt den alten Mist neu einspielen, aber dazu wird es nie kommen.
Ich hoffe, jetzt ist alles geklärt. Wenn nicht, PN oder hier schreiben.
Andréjo (07.04.2020, 17:58): Alles klar, Maurice André - berühmter Namensvetter übrigens ... ;) ;)
Warten wir ab, wie sich der Zyklus noch entwickelt. Mir steht bei den frühen Sinfonien, also denen vor den echten Sturm-und Drang-Nummern, eigentlich immer (1) nur die Fischer-Integrale zur Verfügung sowie eben die Antonini-Nummern. Diese vervollständige ich sofort mit jeder Neuerscheinung und darauf freue ich mich auch jedesmal.
Ich habe an anderem Ort mal gespöttelt: (sinngemäß) Mal schauen, was länger hält: dieses Projekt, dieses Forum, dieses Label, dieser Schreiber ...
Was ich mittlerweile, aber ungern hinzufüge: diese Gesellschaft, diese Welt ... Nun denn ...
(1) Von den Tageszeiten-Sinfonien habe ich noch irgendeine No-Name-Produktion aus einer sehr frühen Anschaffung im Stil von "100 CDs mit Meisterwerken".
Bleibt gesund und haltet Euch tapfer!
:) Wolfgang
Maurice inaktiv (07.04.2020, 19:37): Alles klar, Maurice André - berühmter Namensvetter übrigens ... Stimmt. ;)
Warten wir ab, wie sich der Zyklus noch entwickelt. Mir steht bei den frühen Sinfonien, also denen vor den echten Sturm-und Drang-Nummern, eigentlich immer (1) nur die Fischer-Integrale zur Verfügung sowie eben die Antonini-Nummern. Diese vervollständige ich sofort mit jeder Neuerscheinung und darauf freue ich mich auch jedesmal. Nun, ich habe das "Problem" mit den Goodman-Einspielungen für mich gelöst. Dazu hatte ich das Glück, mit dem Davies-Zyklus eine sehr gute GE zu haben. Es war damals ein guter Tausch, als ich den Davies gekauft und dann den Fischer für gutes Geld verkauft hatte.
Ich habe an anderem Ort mal gespöttelt: (sinngemäß) Mal schauen, was länger hält: dieses Projekt, dieses Forum, dieses Label, dieser Schreiber ... Wenn die Welt so weitrrmacht, vermutlich nichts davon, bzw. es geht alles mehr oder weniger zeitgleich den Bach hinunter.
Was ich mittlerweile, aber ungern hinzufüge: diese Gesellschaft, diese Welt ... Nun denn ... Japp, habe ich gerade schon geschrieben.
Bleibt gesund und haltet Euch tapfer! Ebenso.
Marcie (07.04.2020, 20:42):
Sfantu möchte alle Sinfonien Haydns in einer sinnvollen Form vorstellen. Was soll daran blödsinnig sein? Zu veränderten Deutungssichtweisen kann doch jeder nach Herzenslust gleich oder sogar über die Jahre hinweg ergänzen, korrigieren, zur Diskussion einladen. Oder? Deswegen ist das hier ja ein Forum und keine gebundene Enzyklopädie. Zumal gerade jemand wie ich, also ein leidenschaftlicher aber vollkommen ungebildeter Musikinteressierter durch diese Threads herrlichste Hörimpulse bekommt. Bitte unbedingt fortführen! :thumbup:
Maurice inaktiv (07.04.2020, 21:59): Zumal gerade jemand wie ich, also ein leidenschaftlicher aber vollkommen ungebildeter Musikinteressierter durch diese Threads herrlichste Hörimpulse bekommt. Bitte unbedingt fortführen! Ich hatte auch nur sehr wenig Ahnung von seinen Sinfonien. so etwas entwickelt sich mit der Zeit, das geht nicht von heute auf morgen. Mag sein, dass man als "vorgebildeter Musiker" so hin und wieder seine Vorteile dabei hat, aber man kann auch leicht was überhören/übersehen, da man sich meist völlig anders einem Werk (oder Komponisten) nähert als ein "reiner Hörer".
Joe Dvorak (28.05.2022, 05:34):
Kammermusikensemble des Bloshoi-Theaters der UdSSR, Mark Ermler
(5'01-5'40-2'07) Das ist sicher nicht die erste Adresse, an die man bei Haydn denkt, aber keine schlechte. Ich springe im ersten Satz bei manchen Wendungen gedanklich in das eine oder andere Werk von Mozart ab, ohne genau festnageln zu koennen, wo Amadeus abgeschrieben hat. Oboenkonzert, Hornkonzert, Kleine Nachtmusik? Oder liegt es einfach daran, dass die Wiener halt auch nur mit Mannheimer Wasser kochten?
Sfantu (13.08.2022, 19:49): Bevor ich es bald endlich mal schaffe, mit der Haydn-Sinfonien-Totale fortzufahren, lese ich mir die bisherigen Posts erneut durch. Um eventuelle Fehler zu erkennen: gedankliche Sackgassen, stilistische Ausrutscher, Übertreibungen resp. Redundanz (ich neige manchmal dazu) oder auch nur die Feststellung, daß ich Dieses oder Jenes inzwischen vielleicht mit anderen Ohren höre.
Ein Lapsus, der mich zu einer kleinen Kurskorrektur bringt, ist dieser hier: So aufgekratzt & funkensprühend hat Antonini die Nase sogar knapp vor Goodman. Sehr, sehr erfreulich! Das mit "Nase vorn" erkenne ich im Nachhinein als deplaziertes Bild: wir haben es doch nicht mit einem sportlichen Wettkampf zu tun. Es geht doch nicht um "höher, schneller, weiter". Drum also: mea culpa.
Sowas ist im Grunde ein völlig blödsinniges Unternehmen. Wenn man das mit der GE der Sinfonien von Adam Fischer vergleicht, wird man immer feststellen, dass es bei so einer langen Zeitspanne einfach Änderungen in der Interpretation geben wird. Was HEUTE noch toll sich anhört, dürfte 2032 ein "alter Hut" sein Sowas muss man heute in 2-5 Jahren durchziehen, oder es ganz sein lassen. Es ist nach wie vor extremst schade, dass Thomas Frey nicht seinen Zyklus zuende hat führen können Zum Zeitpunkt seines tragischen Unfalls war Fey bereits seit 15 Jahren mit der Einspielung seines Haydn-Zyklus` beschäftigt. Nach den obigen Einschätzungen hätte er es dann also ohnehin "ganz sein lassen müssen" resp. war es seinerzeit bereits ein "völlig b...sinniges Unternehmen"? Finde ich nicht - die Exemplare, die ich kenne, können sich hören lassen.
Ich frage mich aber mehr und mehr, ob es überhaupt wünschenswert ist, die kompletten Haydn-Sinfonien "aus einem Guß" zu haben - also alle 104 plus x Gattungsbeiträge mit ein und demselben Ensemble und / oder mit demselben Dirigenten. Aus welchem Grund eigentlich?
Bei einer Spanne von fast 5 Jahrzehnten zwischen Hob. I: Nr. 1 und Nr. 104 - muß sich da mit allen Werken dieselbe Person auseinandersetzen? Ist der Komponist Haydn nach 48 Jahren Lebens-und Schaffenszeit nicht selbst ein Anderer geworden?
Beim Antonini-Zyklus stockt es seit einiger Zeit, was die Veröffentlichung auf LPs angeht. Falls sie fortan nur mit den CD-Editionen weitermachen, weiß ich nicht, ob ich dann noch am Ball bleibe.
Philidor (14.08.2022, 08:26): Ist der Komponist Haydn nach 48 Jahren Lebens-und Schaffenszeit nicht selbst ein Anderer geworden? So ist es. Dazu kommen Unterschiede in der Aufführungspraxis durch einen sich wandelnden Zeitgeschmack sowie durch die leicht unterschiedlichen Größen von Esterhaza, Paris und London to name but a few ...
Maurice inaktiv (14.08.2022, 23:13): Zum Zeitpunkt seines tragischen Unfalls war Fey bereits seit 15 Jahren mit der Einspielung seines Haydn-Zyklus` beschäftigt. Nach den obigen Einschätzungen hätte er es dann also ohnehin "ganz sein lassen müssen" resp. war es seinerzeit bereits ein "völlig b...sinniges Unternehmen"? Finde ich nicht - die Exemplare, die ich kenne, können sich hören lassen. Zum Glück ist es Fey gelungen, hier doch einen schlüssigen Bogen zu spannen. Bei Fischer war das leider überhaupt nicht so gewesen. Daher halte ich weiter an meiner Auffassung fest, dass man sich dafür nicht zu viele Jahre mit aufhalten sollte.
Fischer hatte das Pech, in einer Zeit zu beginnen, als sich die HIP-Bewegung immer mehr durchgesetzt hat. Er hat daraus seine Schlüsse gezogen und quasi "umgedacht". Fey hatte von Beginn an den Draht zur HIP-Bewegung. Folge dessen sind seine Einspielungen "runder und geschlossener" geworden.
Ich frage mich aber mehr und mehr, ob es überhaupt wünschenswert ist, die kompletten Haydn-Sinfonien "aus einem Guß" zu haben - also alle 104 plus x Gattungsbeiträge mit ein und demselben Ensemble und / oder mit demselben Dirigenten. Haydn ist sicher eine Ausnahme von der Regel. Plattenfirmen und auch die Dirigenten sehen es vielleicht so, dass sie mit einem Dirigenten so etwas durchziehen wollen. Ob es "Sinn" macht, möchte ich nicht diskutieren. Sind die Einspielungen gelungen, spielt es keine Rolle, ob jemand 10 Sinfonien aus dem Ganzen heraus dirigiert um dann die nächsten 10 einem Kollegen zu überlassen.
Bei Dennis Russell Davies wurden alle Sinfonien live mitgeschnitten. Es hat zwar auch einige Jahre gedauert, aber auch das wäre eine Möglichkeit, um nicht ewig dafür zu brauchen.
Bei einer Spanne von fast 5 Jahrzehnten zwischen Hob. I: Nr. 1 und Nr. 104 - muß sich da mit allen Werken dieselbe Person auseinandersetzen? Ist der Komponist Haydn nach 48 Jahren Lebens-und Schaffenszeit nicht selbst ein Anderer geworden? Es sollte so sein. Doch auch der Dirigent wird ja mit jeder Einspielung älter, ob "reifer" ist wieder eine andere Sache. Im Normal aber schon.
Philidor (15.08.2022, 07:43): Man könnte einwerfen, dass bei etlichen Dirigenten, die mehr als eine Aufnahme ein- und desselben Werks vorgelegt haben, die jeweils älteste als die zu bevorzugende gilt.