Sinfonie Nr. 20 C-dur

Sfantu (17.05.2019, 18:15):
C-dur Hob. I Nr. 20

Hob. 20 / Finscher 8
reiht sich in die Gruppe der vierätzigen, festlichen C-dur-Werke ein, zu denen etwa auch unsere Nr. 37 gehört. Je nach Quelle wird sie in die späte Morzin-oder die frühe Esterházy-Zeit datiert (späte 1750er, frühe 60er Jahre). Eine andere Parallele zur 37 sind die nicht sicher belegbaren Pauken-& Trompetenstimmen.

Wenn wir gerade beim Thema Besetzung sind:
2 Oboen, 2 C-Hörner, 2 Violinen, Bratsche, Violoncello, Fagott & Kontrabaß (Pauken, Trompeten, wie erwähnt, sowie Cembalo fraglich).

Das einleitende Allegro molto ist (eher ungewöhnlich für einen Kopfsatz) alla breve notiert. Energisch & freudenvoll stürmt es daher. Der fanfarenartige Oktav-Abwärtssprung des Tutti erhält durch die Hörner (& / oder Trompeten) einen strahlenden Glanz. Das Seitenthema im piano ist auf die Streicher beschränkt, es wirkt wie ein Abfedern, ein Atem-Schöpfen, bevor alle sich wieder zum forte hinaufschwingen. Die Orchesterfarbe & der festlich prunkvolle Charakter erinnern mich unwillkürlich an Salieri.

An zweiter Stelle steht ein Andante cantabile, in der Dominante G & erneut im alla breve. Es spielen die Streicher allein.
Bratsche, Cello & Baß begleiten pizzicato & unterstreichen so den ständchenhaften Grundton. Mehrere Abschnitte sind durch kurze Generalpausen gegliedert, es findet mehr eine Reihung denn Kontrastierung oder Ausarbeitung statt.

Amüsant & aufschlußreich zugleich finde ich die Gegenüberstellung unterschiedlicher Charakterisierungen dieses Satzes im Werk-Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia:

Der langsame Satz ist in ungewöhnlichem „Serenadenstil“ gehalten und Andante cantabile alla breve bezeichnet; er hat eine einheitliche Struktur (regelmäßige melodische Phrasen, Viertelbegleitung und Pizzicato-Bass) und erst gegen Ende jeder Hälfte wird er leicht verbreitert und beschleunigt. Um es mit Tovey zu sagen: An diesem Satz ist nichts auszusetzen, aber man ist dankbar, dass sich Haydn dieses Stils nicht so oft bedient hat.
(James Webster: Hob.I:20 Symphonie in C-Dur. Informationstext der Haydn-Festspiele Eisenstadt zur Sinfonie Nr. 20 von Joseph Haydn)

Eine Sonderstellung nimmt das reizvolle serenadenartige Andante cantabile der Sinfonie 20 ein, dessen sehr klar gegliederte, aus kleinen Motiven entwickelte Melodik sich über unablässiger Achtel-Figuration der zweiten Violine und den die Schwerpunkte markierenden Pizzicati der Bratschen und Bässe zu eindrucksvoller Kantabilität entfaltet.
(Wolfgang Marggraf - Haydns fr heste Sinfonien (1759-61) Die Sinfonien des viers tzigen Normaltyps)

Dieses Andante cantabile erinnert etwas an die serenadenhaften langsamen Sätze in Haydns frühen Streichquartetten: eine anmutige Cantilene der 1. Violine, grundiert von einer durchgehenden Achtelbewegung der 2. Violine und Pizzicati der tiefen Streicher.
(Walter Lessing: Die Sinfonien von Joseph Haydn, dazu: sämtliche Messen. Eine Sendereihe im Südwestfunk Baden-Baden 1987-89)

In 3/4 & in der Grundtonart kommt das höfisch wirkende Menuett daher. Auftaktige Triolen werden gefolgt von zwei fallenden Sekundschritten, welche erneut das Blech zur Geltung bringen, dann geht es weiter mit gebrochenen Dreiklängen. Diesem Muster folgt auch das Trio (Subdominante, nur Streicher): Triolen-Auftakt, nun aber wiederholte Fortspinnung der Triolen-Idee, stets artig graziös beantwortet - man hat förmlich die Kratzfüße & Diener machenden Kavaliere vor Augen.

Zurück in der Tonika in 3/8 wirbelt das abschließende Presto daher.
Helmut Wirth schreibt dazu im Beiheft der Doráti-Aufnahme:

Das Presto-Finale im 3/8-Takt mit einem ausführlichen Minore-Teil zeigt Ähnlichkeit mit dem der 2. Symphonie, ist aber virtuoser in der Ausführung, ohne dabei an Gewicht einzubüßen.

Die Nr. 20 ist in meiner Sammlung nur 1x vertreten:


Philharmonia Hungaraica - Antal Doráti
(LP, Decca, 1975)

Allegro molto 3'20
Andante cantabile 4'40
Menuet 3'50
Presto 2'55

a' = 440 Hz

Die Exil-Magyaren machen ihre Sache wie immer mehr als ordentlich. Besonders das Finale wird mit ansprechender Verve gegeben, das langsame Ständchen weht in einer Atmosphäre unschuldigen Verliebtseins, Hoffens & Bangens herüber. 2x werden die erwähnten gliedernden Generalpausen durch das Cembalo ausgeziert.
Nicht nur im Kopfsatz erfreut der sehnige Ensembleklang, doch hört man hier besonders schön das schlanke non vibrato heraus.
Für den Paukisten hätte ich mir wenigstens Holzschlägel gewünscht - hier wäre Müller-Brühl mit seinen Mannen aus Köln meine Wunsch-Besetzung (so, wie sie es im Falle von Nr. 37 zelebrieren: pointiert, plastisch & dort, wo es paßt, auch mal auftrumpfend). Allerdings ist in der Patchwork-Gesamtausgabe bei naxos Kevin Mallon für Nr. 20 zuständig (wie klingt das bei ihm?). Es ist also das erste Mal in meiner (etwas schneckenhaften) Totale, daß ich mir eine Alternativ-Einspielung wünsche (in der Hoffnung bspw., daß Antonini sich für Pauken & Trompeten begeistern läßt). Höre ich nämlich zum Vergleich eine entschlackte Version (hier & heute Hogwood via YouTube), dann fehlt da ganz einfach etwas: der repräsentative, festliche Anstrich.
Der Vollständigkeit halber: die o. g. Auszierungen in den Generalpausen des Andante bleiben bei Hogwood aus, es spielt, neben Pauken & Trompeten, auch kein Cembalo mit & es werden im Kopfsatz (selbstverständlich) alle Wiederholungen gespielt, während Doráti nach Gutsherren-Art kürzt (& somit gut 1 1/2 Minuten eher fertig ist).
Andréjo (17.05.2019, 22:33):
Die oben in Sfantus schöner Einführung benannte Zwitterstellung zwischen der Morzin- und der Esterhazy-Ära heben Csampai/ Holland dadurch hervor, dass sie die Sinfonie Nr. 20 an das Ende der Morzin-Ära (1758 bis 1761) stellen - in ihrer binnentechnisch eben nicht weiter explizierten Darstellung (anderweitig habe ich schon darauf hingewiesen) wäre sie die Nummer neunzehn. Insofern gehe ich davon aus, dass Finscher noch elf Sinfonien anführen wird, die nach neuerem Erkenntnisstand spätestens 1761 entstanden sein dürften - überprüft habe ich das noch nicht; ich warte schön Sfantus Einführungen ab. ;) Aber wie gesagt: diese Reihenfolge wird bei Csampai/ Holland für die ganz frühen Sinfonien nicht weiter erläutert; da wird wohl mancherlei Symbolik und Kosmetik eine Rolle spielen ... ;)

Am stärksten spricht mich der Serenaden-Satz an, mag es auch in den bereits diskutierten Sinfonien tiefer empfundene Seufzermotivik geben. Ausschlaggebend ist eine gewisse Reminiszenz an Haydns bzw. Hoffmeisters berühmte Quartett-Serenade. Natürlich haben die festlichen schnellen Sätze durchaus ihre eingängige Wirkung. Im nicht ganz so positiven Sinn könnte man indes von einer gewissen nachbarocken Kühle und Konventionalität sprechen. Klassizistische Geschlossenheit kommt der Sinfonie auf jeden Fall zu Gute. Hierbei ist Haydn wieder einen Schritt weiter gegangen.

Die Fischer-Einspielung aus den frühen Jahren erscheint gewohnt passabel, also sonor und auch in den Tempi vollauf angemessen; ein wenig schärfer hätte ich sie mir gewünscht. Wiederum nichts gänzlich Neues! Wir harren Antoninis!

Ich habe gelesen, dass die Sinfonie um die 20 Minuten dauern soll, was für Fischer so wenig stimmt wie für Dorati, und es gibt auch kaum Unterschiede, was die konkreten Zahlen anbelangt.

:hello Wolfgang