Sinfonie Nr. 27 G-dur

Sfantu (26.03.2019, 23:02):
G-dur Hob I Nr. 27

Nr. 6 nach Finscher ist eine weitere dreiteilige quasi Opern-Sinfonia.

Der schwungvolle Kopfsatz hebt im forte mit einem in Halbe gebrochenen Tonika-Dreiklang der stimmführenden 1. Geigen, der Oboen & Hörner an. Unterlegt wird dies mit einem fast durchgehenden tremolierenden Baß, meist in den tiefen Streichern + Fagott, zeitweise auch in den 2. Geigen (bspw. gleich im 1. Takt, dort sogar massiert in 16teln, sonst meist in 8eln}. Die heiter drängende Musik kommt recht mozartisch daher, alles tönt sonnendurchflutet & konfliktfrei - flüchtige Moll-Einschübe bleiben eine würzende Zutat am Rande. Einzelne kräftige Akzente & dynamische Differenzierungen besitzen, wie schon im ersten Satz von Nr. 1, den Duft kurpfälzischen Raketenpulvers.

Schon wieder Mozart, dachte ich spontan, als das ständchenhafte Andante - Siciliano begann (C-dur, 6/8): Susanna & die Gräfin mit ihrer "Canzonetta sull'aria" sind hier nicht weit. Bereits bekannt kommen uns die schweigenden Bläser sowie die sordinierten Geigen vor. Nach einem nachdenklicheren Moll-Abschnitt wird zum anfänglichen C-dur zurückgekehrt. Ein hübsches, genrehaftes Stück.
Vielleicht war es gerade dieser serenadenhafte, süß-kantable Satz, der Gregor Joseph Werner (1695-1766), Haydns Vorgänger im Amt des Kapellmeisters bei Esterházy, zu seinem abfälligen Urteil vom "Modehansl" und "Gsanglmacher" veranlaßte.

Das abschließende Presto (G-dur, 3/8) ist wieder ein typischer Kehraus mit wenig Eigenprofil. Daran ändern auch die knappen Moll-Intermezzi der Streicher nicht viel.

In summa: eine Art Westentaschen-Haydn. Lieblich & nett mit einem Zug ins Glatte, Gefällige.

Haydns damalige Standardbesetzung ist auch hier wieder im Einsatz: zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Violinen, Bratsche, Violoncello & Kontrabaß.

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aus dem Klappentext der Aufnahme mit dem Ensemble 13 - der Autor wird nicht genannt
Sfantu (26.03.2019, 23:11):

Ensemble 13 Baden-Baden - Manfred Reichert
(LP, intercord, 1977)

Allegro molto 4'32
Andante. Siciliano 4'58
Finale. Presto 2'52

a' = 440 Hz

Diese Aufnahme bietet die für mich stimmigsten Tempo-Proportionen. Schade, daß der Klang derart fern & konturenschwach ist. Unter diesen Umständen leider ein weiterer Anwärter auf meine Haydn-Playoffs.
Sfantu (26.03.2019, 23:25):

Nicolaus Esterházy Sinfonia Budapest - Béla Drahos
(CD, Naxos, 2001)

Allegro molto 5'59
Andante. Siciliano 4'36
Finale. Presto 2'43

a' = 440 Hz

Konturenschwach? Das trifft auch hier zu. Etwas direkter als die Baden-Badener Aufnahme, drohen dennoch die Tremolo-Bässe des Kopfsatzes auch hier in schwer unterscheidbarem Klangbrei zu verschwimmen. Außerdem sind die Tempi in allen drei Sätzen zu straff. Falls die anderen beiden Sinfonien dieser Aufnahme im Verlauf nicht überzeugen, muß auch sie weichen.
Sfantu (26.03.2019, 23:49):

Philharmonia Hungarica - Antal Doráti
(LP, Decca, 1975)

Allegro molto 4'16
Andante. Siciliano 3'52
Finale. Presto 2'37

a' = 440 Hz

Auch hier gilt wieder: die Spielzeiten führen leicht in die Irre: Dorátis Tempi sind durchweg gemessener als jene bei Drahos, aufgrund teils nicht beachteter Wiederholungen erscheint er aber in der Zeitbilanz auf den ersten Blick schneller als dieser.
Abgesehen von der erwähnten Sorglosigkeit beim Schalten & Walten mit Strichen kann ich nicht umhin, zu sagen: hier stimmt (fast) alles! Insbesondere die Finessen des ersten Satzes in Agogik & Dynamik spielt niemand so detailliert & lustvoll heraus wie die Hungarica. Das bereitet großen Hörspaß - selbst bei diesem sonst nicht gerade überwältigenden Stück. So oder ähnlich stelle ich mir Antoninis Lesart vor.

Bei Doráti ist wieder das Cembalo zu hören, bei Drahos & Reichert nicht.
Andréjo (28.03.2019, 21:48):
Danke, Sfantu! Meine Einspielung ist wieder nur die von Fischer; sie stammt bereits von 1989 und ist ordentlich.

Deiner Charaktisierung möchte ich gar nichts hinzufügen. Besonders der Mannheimer Aufschwung und die Mozart-Nähe fallen auch mir auf. Sehr hübsch ist sicher die kleine Serenade als Herzstück. Deine Bezeichnung des "Westentaschen-Haydn" gefällt mir gut.

Vor vielen Jahrzehnten wurde die Komposition erst für 1765 angesetzt; daher die zu hohe Nummer. (1) Csampai/ Holland ordnen sie - aus welchen Gründen auch immer - ebenfalls höher ein (im Rahmen der ersten Gruppe bis 1761), als Finscher dies tut.

(1) Doch noch eine kleine Ergänzung anekdotischer Art, die ich dem deutschen Wikipedia-Artikel entnehme: 1907 wurde - wie gesagt - das Werk als Nr. 27 veröffentlicht. Dies hatte man wohl vergessen, als man 1946 ein Autograph in Siebenbürgen fand und es dann 1950 zur bejubelten vermeintlichen Uraufführung einer "neuen Sinfonie" von Haydn in Bukarest kam.

:) Wolfgang
Sfantu (30.03.2020, 18:41):
Ja, lieber Andrejo,
die Geschichte mit dem Autograph ist schon kurios.
Es wurde in der Sommerresidenz des kunstsinnigen
Gouverneurs von Siebenbürgen Samuel von Brukenthal (1721 - 1803) "entdeckt".
Das Schloß in Freck /Avrig wird seit der Restituierung an das Forum der Siebenbürger Sachsen 1997 langsam Stück für Stück restauriert. Die Orangerie ist fertig gestellt, von einer gesamthaften Neunutzung ist die Anlage aber noch weit entfernt. Wir haben in den Karpaten, nicht weit von Freck bzw. Hermannstadt ein Ferienhaus. Beim nächsten Besuch werde ich im Brukenthal-Museum versuchen, mich über diese Haydn-Handschrift schlau zu machen.
Andréjo (30.03.2020, 19:15):
Schön, werter Sfantu! Lasst uns auf bessere Zeiten hoffen!

:beer Wolfgang
Maurice inaktiv (30.03.2020, 21:52):
Ich habe gerade mal geschaut, was ich an Einspielungen von der Sinfonie vorliegen habe. Das wären Thomas Fey und Dennis Russell Davies. Erstere habe ich mir mal rausgelegt zum Anhören. Wenn es klappt, berichte davon hier die Tage.
Maurice inaktiv (04.04.2020, 10:22):


Ich besitze diese CD , mit einem der für mich besten Haydn-Dirigenten die ich kenne und auch mit vielen Einspielungen selbst habe. Hier auf dieser CD spielt er auch die Sinfonie Nr.27 mit ein. Wenn man sie unmittelbar an die Nr.26 hört, eine er wenigen Moll-Sinfonien im Gesamtwerk von Haydn (die ich persönlich alleine schon als hoch interessant und mit einem erstaunlichen Beginn anfängt), fällt einem der höchst lebendige, fröhliche Ansatz der Sinfonie sofort auf.

Der erste Satz (Allegro Molto) wird flott genommen vom Tempo her, aber ich empfinde es als nicht überhetzt. Die Heidelberger können das perfekt, es klingt überhaupt nicht angestrengt, sondern zu jeder Zeit gut durchhörbar. Das Tempo "Allegro Molto" ist nun mal kein Schlaftempo, das solle man auch wissen.

Der zweite Satz (Andante, Siciliano) wird recht zurückhaltend, fast schon abwartend gespielt. Auch hier kann man, Dank einer hervorragenden Aufnahmetechnik, alles wunderbar hören. Ich kenne die Lautstärkenangabe nicht, aber es wird hier fast durchgängig im Piano-Bereich gespielt. Was ein "Sizilanisches Adante" bedeutet, weiß ich nicht wirklich. Da müsste ich mal meine Kontakte zu einem Berufsmusiker spielen lassen, der tatsächlich echter Sizilianer ist. Vielleicht weiß das aber unser Satie? Ich bin da überfragt.

Der dritte und letzte Satz (Finale-Presto) beginnt entsprechend rasant, und markiert den idealen Gegensatz zum 2.Satz . Auch hier wird nicht überdreht agiert, aber ich habe keinen Vergleich gerade (ich denke mal, dass Dennis Russell Davies nicht viel anders hat spielen lassen). Vielleicht erscheint es einem einfach nur "leichter", weil Dirigent und Orchester so eine perfekt eingespielte Einheit sind?

Die Sinfonie wird zeithistorisch nach seiner Zeit in Lukavec eingereiht, also nach 1761.

Zur Besetzung kann ich folgenden Hinweis geben: Das Orchester spielt mit 8 Violinen, 2 Bratschen, 2 Celli, einem Kontrabass, 2 Oboen, einem Fagott, 2 Hörnern und einem Cembalo, was ich aber kaum gehört und vermisst habe.

Auf meiner CD kommt nach der Sinfonie Nr.27 die Sinfonie Nr.42 an die Reihe. HIER kann man dann einen klaren Unterschied zum Kompositionsstil Haydns feststellen, den er noch bei den beiden anderen Sinfonien hatte. Wesentlich reifer, weniger "Sturm und Drang". Die Sinfonie ist auch mit rund 35 Minuten weitaus länger als die beiden anderen Sinfonien zusammen sind. Dazu kommt der vierte Satz, den die beiden anderen Sinfonien ebenfalls nicht haben.

Die Aufnahme wurde 2012 gemacht.
satie (04.04.2020, 13:02):
Was ein "Sizilanisches Adante" bedeutet, weiß ich nicht wirklich. Da müsste ich mal meine Kontakte zu einem Berufsmusiker spielen lassen, der tatsächlich echter Sizilianer ist. Vielleicht weiß das aber unser Satie? Ich bin da überfragt.
Siciliano ist v.a. ein bestimmter Rhythmus im 6/8 Takt, charakteristisch ist zuerst eine punktierte Achtel, dann eine Sechzehntel, dann eine Achtel. So etwas gibt es z.B. in Mozarts A-Dur-Klavierkonzert (2. Satz). Siciliano-Sätze sind oft wiegend, pastoral, eher langsam.
Woher der Name kommt, ist ungewiss.

Herzliche Grüße
Satie
satie (04.04.2020, 13:06):
Hier noch ein Notenbeispiel aus dem zweiten Satz dieser Symphonie mit dem typischen Rhythmus:
Maurice inaktiv (04.04.2020, 16:27):
Siciliano ist v.a. ein bestimmter Rhythmus im 6/8 Takt, charakteristisch ist zuerst eine punktierte Achtel, dann eine Sechzehntel, dann eine Achtel. So etwas gibt es z.B. in Mozarts A-Dur-Klavierkonzert (2. Satz). Siciliano-Sätze sind oft wiegend, pastoral, eher langsam.
Woher der Name kommt, ist ungewiss.
Vielen, herzlichen Dank für die Aufklärung, sogar mit Notenbeispiel. Mir ist der Begriff noch nie mal zu Sicht gekommen, egal wo. Man lernt eben nie aus.