Nr. 4 nach Finscher ist wohl einer der kürzesten Gattungsbeiträge Haydns - in höchstens 10 min ist alles gesagt. Ein weiteres Kuriosum, gar ein Unikum, stellt das Fehlen von Wiederholungsvorschriften der Satzteile dar. Vermutlich mit ein Grund für die erwähnte Knappheit.
Erneut haben wir es in seiner dreiteiligen Anlage mit einem Werkchen zu tun, das ohne Weiteres als Opern-Sinfonia italienischen Stils durchgehen könnte.
In lebhaftem alla breve steht der festliche Allegro-Kopfsatz - dieser Gestus erinnert mich an spät-& spätestbarocke Concerto grosso-Sätze wie etwa von Arne oder Boyce. Das folgende, in der Dominante G-dur stehende Andante bleibt mit seinen schreitenden Bässen & den wellenartigen Melodielinien ebenfalls im Geiste der alten Stilart. Frischen Wind bringt schließlich das wie im Tanztaumel wirbelnde Presto-Finale in der Tonika & in raschem 3/8. Meine Lieblingsstelle in diesem Rondo ist das erste Couplet in c-moll: das Refrain-Thema wird imitierend aufgegriffen & spielerisch augenzwinkernd gibt es unerwartete kleine Pausen & Synkopen, die einen gewissen Swing (zumindest im Kern) besitzen. Doch schon stürzt alles wieder in den Refrain zurück. Das zweite Couplet in F-dur kommt recht keck daher. Endlich dürfen die Hörner einmal durch ihre kurzen Einwürfe zeigen, daß sie auch noch da sind & gern mehr spielen würden als ihre gewöhnliche verstärkende Funktion.
Insgesamt für mich ein Stück, das viele der späteren Haydn-Charakteristika erahnen läßt - ein Saatkorn, von der ersten Frühlingssonne geküßt (das Bild drängt sich dieser Tage geradezu auf).
Wir haben es mit der gewohnten Standard-Besetzung wie in den vorangegangenen Sinfonien zu tun. In den unten erwähnten Aufnahmen ist das Cembalo wieder mit von der Partie.
Meine Sammlung gibt folgende beiden Einspielungen her:
Philharmonia Hungarica - Antal Doráti (LP. Decca, P 1974)
Allegro 3:21 Andante 2'58 Presto 2'36
a' = 440 Hz
The Hanover Band - Roy Goodman (CD, hyperion, 1991)
Allegro 3'00 Andante 2'44 Presto 2'44
a'= 430 Hz
Beide Versionen finde ich jeweils in sich stimmig. Die Hanover Band hat etwas mehr Akuratesse zu bieten, der Klang ist kristalliner. Die Hungarica spielt wiederum mit mehr Saft & eine Spur hemdsärmeliger - ich vermute, daß zudem die Streicher chorisch besetzt sind (im Umkehrschluß: sind sie bei Goodman solistisch? Darüber schweigt sich das CD-Booklet aus). Überhaupt: die verbreitete editorische Gepflogenheit im Bereich der historisierenden Aufführungspraxis, Musiker & ihre Instrumente aufzuführen, hatte (hat?) bei hyperion seinerzeit noch nicht fußgefasst. Drum muß in dieser Frage das Ohr entscheiden. Zu Dorátis Zyklus wird schonmal bemängelt, angesichts des Zeitdrucks, pünktlich zum 250. Geburtstag des Meisters fertig zu werden, sei hie & da letzte Sorgfalt auf der Strecke geblieben. In den Schlußtakten des Finales kam mir das wieder in den Sinn, wenn das restliche Tutti kraftvoll im strikten Metrum abschließt während die Hörner zum Rtardando tendieren.
Guenther (28.02.2019, 09:18): HI,
ich habe mir auch die Sinfonien 1-10 von Goodman in der og. Ausgabe zugelegt und muß sagen: Ordentlich! Das ist als Lob gemeint.
Was die Besetzung/Chörigkeit betrifft, gibt es evtl. einen kleinen Hinweis von Goodman selbst im Booklet:
I direct symphonies 1 to 92 from the harpsichord, and symphonies 93 to 104 from a Broadwood fortepiano, with the violins on opposite sides. Da er den Plural verwendet, könnte es ein Hinweis darauf sein, daß die Streicher chörig besetzt sind.
Interessant und gut auch, daß er Wert auf die Artikulation legt, die ja das A und O für klassische Interpretationen ist. Er schreibt:
Articulation and phrasing, dynamics and rhythms have all been supplemented where necessary, according to the eighteenth-century principles, and many errors have been corrected. (Damit bezieht er sich auf die Ausgaben von Henle und der Mozart-Haydn-Presse, die er als Vorlage benutzt.)
Andréjo (28.02.2019, 16:38): Dank an sfantu für die schöne Charakterisierung! Besonders detailliert - für mich eigentlich zu detailliert - ist die Analyse der deutschen Wikipedia.
Als chronologisch vermutlich vierte Sinfonie des Meisters zeigt sie bei aller Rückwärtsgewandtheit wieder ganz neue Kleinstrukturen und gewiss keine Alltags-Thematik (was nun sowohl eine positive als auch eine negative Seite hat, wenn man so will). Haydn experimentiert nach Herzenslust, von einer Einförmigkeit seiner sinfonischen Anfänge kann keine Rede sein.
Dienen kann ich nur mit Fischer. Passabler Gesamteindruck, aber vor klanglich eher durchschnittlich, da bisweilen zu verwaschen. Die Sinfonien 1 mit 5 hat der ungarische Dirigent sehr früh aufgenommen.
:beer Wolfgang
Sfantu (28.02.2019, 17:12): Danke Guenther für Deine Präzisierung!
Danke Andrejo für die Blumen (zuviel der Ehre)!
Mir geht es genauso mit den Wiki-Artikeln zu den Haydn-Sinfonien: sicher eine gute Wahl, will man jeden einzelnen Takt bis in seine Mitochondrien zerlegen. Mich erschlägt da diese einschüchternde Fülle. & was sich vor allem nicht einstellt: daß man Lust auf diese Musik bekommt. Eine gute Informationsquelle kann es hie & da aber allemal sein, spätestens natürlich für Profis.
:beer
Andréjo (28.02.2019, 23:01): Hart an der Grenze im Steigerwald in Mittelfranken, aber mit Blick auf Ober- und Unter-. Bier und Wein sind beide quasi zehn bis zwanzig Kilometer entfernt. Meinerseits bin ich Weintrinker, der kein Problem mit Bier hat.
PS: Csampai/ Holland nennen chronologisch übrigens die Nummer 19 vor der Nummer 2. Mir scheint schon, dass sie sich an Finscher orientiert haben. Weiterhin scheint mir, dass man ohnehin nach wie vor zu keiner wissenschaftlichen Eindeutigkeit gekommen sein dürfte.
:D Wolfgang
Sfantu (01.03.2019, 01:14): Gelehrige Letztgültigkeit gereicht am End zum Graus Der Forschung neu'ster Wissensstand führt oftmals ins Gewirr Ob Neunzehn vor der Zwei kam raus Ob Quark, ob Schmalz der bess're Schmaus, Freund Haydn lacht sich in die Faust, Die Dummen bleiben wir...
Andréjo (01.03.2019, 08:42): :thumbsup:
Cetay (inaktiv) (01.03.2019, 17:07): Das Gewirr um die Letztgültigkeit der Berechtigung eines Cembalos soll mich nicht davon abhalten, wie schon im Falle der 18. eine Naxos Aufnahme in den Ring zu werfen. Diesmal ist es Patrick Gallois, der mit einem finnischen Provinzorchester den großen Dorati ohne Mühe auf die Matte legt. Im ersten Satz ist er viel langsamer, das erste Thema bekommt dadurch einen anderen, "schreitenden" Charakter und das zweite, nur mit Streichern gespielte, lässt mehr Tiefe erahnen. Der ganze Satz erhält dadurch viel mehr Gewicht. Trotzdem wirkt das deutlich straffer und lebendiger als bei den Ungarn, die im Vergleich schon als schwerfällig bezeichnet werden müssen. Eine solch "unmögliche" Balance zwischen Gewichtigkeit und Luftigkeit begeistert mich immer wieder aufs Neue. Überraschend kommt der unmittelbare Abbruch am Ende des Andante, das bei Dorati deutlich milder decrescendiert (mein heutiger Beitrag zum Gebildeten-Bonus) wird. Das ist wirklich hörenswert - es sei denn man hat was gegen das Cembalo, das auf dieser Aufnahme wild verziert und ornamentiert und im Mix so prominent ist, dass man bald glauben könnte, man höre ein Cembalokonzert. Nein, ganz so schlimm ist es nicht und man hört (ich höre) über das Geklimper einfach weg, weil der Rest interessant genug ist. Das erste Thema ist ein echt fieser Ohrwurm und im weiteren Verlauf zeigt Haydn schon seine Meisterschaft darin, aus einer motivischen Keimzelle heraus eine ganze Sinfonie zu entwickeln.
Sinfonia Finlandia Jyväskylä, Patrick Gallois
Maurice inaktiv (10.03.2019, 09:32): Also, ich muss sagen, dass mich das Cembalo dabei zur Weißglut treiben würde. Das ist mir einfach "to much" jetzt.