Der chronologisch zweite Gattungs-Beitrag lag heute & gestern auf dem Plattenteller resp. im CD-Laufwerk:
Philharmonia Hungarica - Antal Doráti (LP, Decca, P 1972)
Presto 3'15 Menuetto e Trio 3'25 Andante 4'25 Presto 2'24
a' = 440 Hz
Kölner Kammerorchester - Helmut Müller-Brühl (CD, Naxos, 2002)
Presto 3'27 Menuetto e Trio 3'25 Andante 3'58 Presto 2'19
a' = 440 Hz
Nr 37 C-dur taucht erstmals im Lambacher Katalog von 1768 auf & dürfte innerhalb der Jahre 1757-1761 komponiert worden sein. Den obligaten Oboen & Hörnern können - nach Belieben - Trompeten & Pauken an die Seite treten. C-dur bedeutet bei Haydn fast immer eine heroische Haltung. Hier wirkt sie ein wenig steif. Der erste Satz erinnert in seiner Struktur an das Finale der Symphonie Nr. 36, ist aber in seiner Stimmführung nicht so frei wie dieser. Das Menuett, hier ausnahmsweise an zweiter Stelle, hat ein nur für Streichinstrumente gesetztes Trio in c-moll, & in derselben Tonart steht das ebenfalls ohne Bläser dahingehende Andante als 3. Satz. An Klavierdivertimenti Haydns denkt man bei dem Schluß-Presto, das viel Akkuratesse & Leichtigkeit verlangt. Helmuth Wirth (1)
Die ursprüngliche Besetzung lautete für je zwei Oboen & Hörner sowie Streicher & Continuo (letzteres gewöhnlich für Cembalo, Violoncello, Kontrabaß & Fagott). Ein anderes Manuskript, Haydns eigene Bearbeitung für einen späteren Aufführungs-Anlaß, enthält Trompeten-Parts anstelle der Hörner sowie eine Paukenstimme; diese Fassung ist hier eingespielt. Auffallend am Presto-Kopfsatz, einem Sonaten-Allegro, ist der zentrale Durchführungs-Abschnitt, der einen Fehlstart zur Reprise enthält, wodurch das Hauptthema folglich weniger Aufmerksamkeit erhält. An zweiter Position der Satzfolge steht ein Menuett, das ein den Streichern vorbehaltenes Trio einrahmt. Erst an dritter Stelle folgt das Andante (c-moll), wiederum für Streicher. Mit ausgeprägten dynamischen Kontrasten wartet zum Ausklang das Presto-Finale auf. Keith Anderson (2)
In einer im Thurn- und Taxis-Archiv in Regensburg befindlichen Abschrift sind die Hörner durch Trompeten ersetzt, außerdem ist eine Paukenstimme hinzugefügt. Es ist aber nicht sicher, ob die Trompeten- und Paukenstimme von Haydn stammen. Die alte Breitkopf & Härtel-Gesamtausgabe, in der das Werk erstmals als Partitur gedruckt erschien, enthält keine Trompeten und Pauken. Die vom Joseph Haydn-Institut Köln herausgegebene Werkausgabe äußert Zweifel an der Originalität der Oboen-, Trompeten- und Paukenstimme. (3)
Doráti läßt die ursprüngliche Fassung ohne Trompeten & Pauke, allerdings mit Oboen spielen (was ja mittlerweise hinsichtlich seiner Authentizität in Frage gestellt ist > siehe (3)). Bei Müller-Brühl ertönt die "auffrisierte" Fassung. Einzig der Text zur Decca-Box spricht von Trompeten zusätzich zu den Hörnern, nicht statt ihrer. In Müller-Brühls Aufnahme höre ich keine Hörner neben den Trompeten heraus. Allein durch die unterschiedliche Besetzung erhält das Werk einen jeweils eigenen Klangcharakter. Beides hat seinen Reiz, allerdings kann ich nicht verleugnen, ein Pauken-Fan zu sein. & der Kölner Schlagwerker ist nunmal in Hochform, der Rest des Ensembles aber nicht weniger. Delikat die feinsinnigen dynamischen Abstufungen & Akzente! In Marl wurde gediegen & mit federnder Eleganz musiziert. Das ist um keinen Deut besser oder schlechter als die Konkurrenz vom Rhein - es hat seinen eigenen Wert & Charme. Die Naxos-Aufnahme bietet ein ähnlich prominentes Cembalo wie bei Goodman, in der Decca-Einspielung ist es abermals nur punktuell & sehr dezent zu hören - was ich aber eher der Klangregie zuschreibe. Wiederum erlauben die Aufnahmequalitäten keine substantielle Kritik - Naxos hat zu jener Zeit seine klanglichen Kinderkrankheiten hinter sich gelassen. Besonders angetan hat es mir das Moll-Trio im Menuett: keineswegs melancholisch sondern tiefgründig & philosophierend. Die kurzen Moll-Einschübe im Kopfsatz lassen einen herrlich morbiden Hauch aus der barocken Serenissima herüberwehen. In dieser Sinfonie will Haydn bereits spürbar mehr als im älteren Schwesterwerk.
1 aus der Decca-Textbeilage 2 aus dem Naxos-Booklet 3 aus der deutschsprachigen Wikipedia
Andréjo (05.02.2019, 22:43): Das "spürbar mehr" (Sfantu) wird man wohl auch in der Viersätzigkeit sehen können, aber vor allem in der wesentlich reiferen Gestaltung des Kopfsatzes: unaufdringliche thematisch gebundene Motivik und reichere Verarbeitung. Csampai/ Holland äußern sich übrigens in ihrem Konzertführer dahingehend, dass die Sinfonien Nr. 1 und Nr. 37 beinahe dialektisch in zwei radikal unterschiedliche Formmodelle einführen. Andererseits weist diese Sinfonie im Positiven (Festlichkeit) wie im eher Negativen (siehe oben Helmut Wirth: "ein wenig steif") doch auch stärker rückwärts, eben ins Barock, im Vergleich mit der Nr. 1.
Die Einspielung der Fischer-Integrale ist gewiss sehr passabel.(Sie stammt von 2001, die Nr. 1 wurde bereits 1990 aufgenommen - sicher ein wichtiges Faktum!). Auf das nicht ganz unproblematische, da nicht vollauf historisch gesicherte Alternativ-Instrumentarium von Trompete und Pauke wird erfreulicherweise nicht verzichtet. (Ich bin da schon ähnlich gepolt wie Sfantu. :) )
Sfantu (25.05.2022, 10:13): Der Plan ist, nach gehöriger Pause endlich mit meiner Sinfonien-Totale fortzufahren. Zum Anlauf-Nehmen höre ich die bisher besprochenen Nummern nach Finscher für mich erneut durch. Und zwar mit der Fischer-Box, die seit kurzem auch bei mir steht. Andréjo hatte sie jeweils für seine eigenen Eindrücke herangezogen. In den wenigen Fällen, in welchen ich meinerseits zu dem, was er schrieb, etwas zu ergänzen habe, möchte ich das nun im Nachhinein tun.
Was (Hoboken-) Nummer 37 angeht, empfehlen sich die Eisenstädter in solch eindrücklich positivem Maße, daß sie zu meinen neuen Favoriten avancieren. Die Pauke noch frecher und plastischer als bei den Kölnern, die Musizierhaltung mit einer Messerspitze mehr an Attacke. Daß dies aber nicht zu Grobschlächtigkeit führt, beweist die feine Detailarbeit im Kleinen: Laut-Leise-Kontraste beispielsweise. Im Trio des Menuetts sind 1. und 2. Geigenstimme solistisch besetzt. Dies bringt kammermusikalische Intimität und einen delikaten Kontrast zu den Rahmenteilen. Im langsamen Satz feine Klangrede in klug gegliederten Sinnabschnitten. Besonders auch hier sorgfältige dynamische Abstufungen - der Satz gewinnt dadurch an Gedankentiefe und Charakter - ein Kleinod! All das wird so federnd und lustvoll punktgenau ausmusiziert, daß mich die Abwesenheit des Cembalos und - in den Außensätzen - die straffen Tempi nicht im mindesten stören. Die längere Laufzeit des Kopfsatzes im Unterschied zur Müller-Brühl-Aufnahme resultiert aus weniger gespielten Wiederholungen bei Letzterer.
Presto 4'24 Menuetto e Trio 2'54 Andante 3'33 Presto 2'16
a' = 440 Hz
Andréjo (25.05.2022, 11:38): Ein Sternchen - ausnahmsweise! :D
Joe Dvorak (25.05.2022, 13:23): Wenn es bei einer am Tag bleibt, bin ich dabei. Nicht immer mitkommentierend -das braucht Tagesform- aber mindestens die gehoerte Aufnahme nennend. Hier lief gerade auch Fischer und ja, die rockt!
Sfantu (25.05.2022, 14:27): Ein Sternchen - ausnahmsweise! Ihr seht mich in Schamesröte, Eure Lordschaft! Wenn es bei einer am Tag bleibt, bin ich dabei. Wenn ich denn eine pro Tag schaffe, höhö. In dieser Aufwärm-und-Wiederholungsphase sicher schon. Ab dem ersten wirlich neuen Beitrag geht`s dann vermutlich wieder mit etwas mehr Bremsspur weiter, fürchte ich. Aber ja - schön zu wissen, daß ich wieder ein paar Mitflieger auf dieser Umlaufbahn habe.
Sfantu (24.11.2024, 16:05):
Zürcher Kammerorchester - Edmond de Stoutz (LP, ex libris, 1977)
Fassung ohne Trompeten und Pauken.
Presto 5'18 Menuetto e Trio 2'40 Andante 6'23 Presto 2'27
OMI und non-HIP kommt diese Einspielung daher. Es wird sehr geschmackvoll und gediegen musiziert, allerdings - im Unterschied zur Philharmonia Hungarica - mit weniger Differenzierung im Gebrauch des Streicher-Vibratos. Will sagen: es wird fast konstant Vibrato gespielt. Der Musik verleiht dieser Ansatz Vollmundigkeit und Grandezza, was in Ordnung geht, wenn man sich darauf einläßt. Und doch - Doráti gelingt mehr federnde Eleganz in einem schlankeren Klanggewand. Ein Hochlicht für mich das von mir so geliebte (weil besondere) Trio im Menuett. Stoutz geht es eine Spur langsamer an als die ohnehin schon recht breit genommenen Rahmenteile. Das kann im ersten Moment zu Naserümpfen führen. Dann aber schenkt es dieser wunderbaren Musik noch eine handbreit mehr Tiefe und Wirkung - allerliebst!
Generöser Stereo-Klang. Fast perfekte Laufruhe. Sehr gut erhaltenes Exemplar.
Markus S (24.11.2024, 16:31): OMI und non-HIP kommt diese Einspielung daher. Darf ich fragen was unter OMI und non-HIP zu verstehen ist?
Sfantu (24.11.2024, 17:05): Hallo Markus,
entschuldige bitte das Abkürzungs-Wirrwarr.
OMI = on modern instruments non HIP = non historically informed practice
Habe die Abkürzungen mal so verwendet, obwohl ich statt "historisch informierte Aufführungspraxis" lieber "Historisierende Aufführungspraxis" schreibe. Warum? Weil "Historisch informiert" sicher mindestens in zweierlei Hinsicht ein unscharfer Begriff ist. 1.) Wie es damals gespielt worden ist und wie es klang, bleibt trotz aller Informiertheit eine Vermutung. 2.) "Historisch informiert" beinhaltet den unausgesprochenen (und anmaßenden) Umkehrschluß, Non-HIP-Interpreten hätten keine Ahnung.
Markus S (24.11.2024, 17:13): Hier die Version der Heidelberger Sinfoniker
Symphony No. 37 in C Major, Hob. I:37 - Heidelberger Sinfoniker: Thomas Fey