Sfantu (25.11.2024, 18:34):
G-dur Hob. I Nr. 3
Nr. 17 nach Finscher
Nr. 9 nach Walter
Nr. 18 nach Csampai / Holland
Letzte Lukawitzer Sinfonie?
Erste Eisenstädter Sinfonie?
Die Meinungen gehen, wie zu erwarten, auch im Falle der "Dritten" auseinander. Christian Moritz-Bauer legt sich in seinem Klappentext zum Antonini-Album fest auf "zwischen Juni und Dezember 1761", nennt seine Quellen dafür jedoch nicht. Falls er richtig liegt - er bezieht sich auf Hob. I Nr. 3 als auch Nr. 15 - dann wären beide Werke bereits für den neuen Dienstherrn entstanden.
Vielerorten wird Nummer Drei als herausragend unter den frühen Sinfonien eingestuft. Kontrapunktik, Ernsthaftigkeit. Gedankentiefe im Andante. Und auch ich finde, hier bekommen wir schon ein kleines Meisterwerk zu Gehör. Alles atmet einen freien Geist und wird mit souveräner Hand gestaltet.
Die Besetzung entspricht einer verstärkten Lukawitzer 8:
Zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Geigen, Bratsche, Cello und Kontrabaß (+ Fagott und ggfs. Cembalo).
Vier gehaltene Einzeltöne bilden die Keimzelle des Allegro-Kopfsatzes in 3/4. Sie werden mannigfach kombiniert und abgewandelt. Und auch das knappe, spritzige Finale nimmt auf sie Bezug. Somit spannt sich eine motivische Klammer, welche der Sinfonie Charakter und ein individuelles Gepräge verleiht.
Fast die gleiche Idee diente Jahrzehnte später Wolfgang Amadé Mozart für den Schlußsatz seiner 41. Sinfonie C-dur KV 551.
Das Andante moderato, g-moll in 2/4, speist seine Themen aus stetigen, wie Seufzer wirkenden Zweiton-Paaren. In seiner noblen, nachdenklichen Art ist es ein echtes Bijou und bildet für mich das Herzstück des Werkes.
Recht höfisch - punktiert und mit Trillern garniert - kommt das Menuett daher, die Rahmenteile als zweistimmiger Kanon. Im Trio haben das Oboen-und das Hörnerpaar Gelegenheit zu kleinen Soloauftritten.
4 Aufnahmen der Dritten stehen in meiner Sammlung.
The Hanover Band - Roy Goodman
(CD, helios, 1992)
Allegro 4'56
Andante moderato 6'50
Menuet 3'32
Finale. Alle breve 1'49
Kammerorchester Basel - Giovanni Antonini
(LP, Alpha, 2018)
Allegro 4'59
Andante moderato 4'23
Menuet 2'32
Finale. Alle breve 1'54
Philharmonia Hungarica - Antal Doráti
(LP, Decca, 1973)
Allegro 5'13
Andante moderato 6'13
Menuet 4'05
Finale. Alle breve 1'47
Österreichisch-ungarische Haydn-Philharmonie Eisenstadt - Ádám Fischer
(CD, Brilliant (Lizenz: Nimbus), 1990)
Allegro 5'13
Andante moderato 6'13
Menuet 4'05
Finale. Alle breve 1'47
Wieder machen die Beteiligten ihre Sache sehr gut bis exzellent. Weshalb es schwerfällt, einen Favoriten zu küren.
Daher nur in aller Kürze ein paar Stichworte:
Goodman, mehr noch Fischer, sind leicht im Hintertreffen, was die Klangqualität angeht. Eine kleine Spur entfernt vielleicht (Goodman) und etwas zu weichgezeichnet und kompakt (Fischer).
Antonini und Doráti dagegen sind klar und durchhörbar eingefangen. Goodman und Doráti beteiligen ein Cembalo (Goodman selbst leitet von diesem Instrument aus). Bei Doráti darf es im langsamen Satz sogar kleine Auszierungen spielen. Das bereichert die Klangpalette, es erfreut Ohr und Gemüt.
Alleinstellungsmerkmal bei Fischer: im Trio des Menuetts sind Geige und Bratsche solistisch besetzt. Daraus ergibt sich eine reizvolle Dialog-Szenerie zwischen ihnen und den Bläser-Paaren.
Goodman orientiert sich an a' = 430 Hz, alle Übrigen (sofern ich Ohr und Klavier trauen kann) an a' = 440 Hz.
Die Sinfonien des jungen Meisters - bevor wir mit den gesicherten Eisenstädter Werken fortfahren - wären damit abgeschlossen. Ein spannender Blick in seine Experimentierküche. Ein Zeugnis von Genie und wachsender Könnerschaft. Ein Versprechen auf die Zukunft.