Peter Brixius (13.06.2015, 21:29): Smetanas Oper hat mich seit meinen Schülertagen begleitet. Als die Oper in Trier lief, lernte ich sie per Schüler-Abo kennen - und besorgte mir über meinen Cellolehrer (Mitglied des Opernorchester) gleich noch ein paar Vorstellungen. Gesungen wurde die Oper auf Deutsch und die Aufnahme, die mich bald begleitete war auch eine deutsche, die wunderbare unter Kempe mit Fritz Wunderlich als Hans (Jenik).
Erst sehr viel später - nicht zuletzt wegen der mir nicht geläufigen Sprache - kamen tschechische Einspielungen dazu. Seitdem beschäftige ich mich in Abständen, dann aber gerne intensiv mit Smetanas Oper. Dabei spielten unterschiedliche Fragestellungen eine Rolle, das letzte Mal eine von Werner Hintze vermutete Überlegenheit der deutschen Fassung über die tschechische. Nun steht Werner nicht allein mit der Skepsis, auch Ulrich Schreiber teilt die Bedenken.
Als die Oper entstand, standen Librettisten und Komponisten einige massive Hindernisse im Weg, die sie nicht alle beiseite räumen konnten. Für eine Nationaloper erstaunlich bestand das größte in der Sprache. Die Fraktion der Opernfreunde, die zu der Authentizität eines Werkes die Aufführung in der Originalsprache voraus setzen, haben hier schlechte Karten. Denn die (vielfachen) deutschen Übersetzungen sind besser als das tschechische Original. Ulrich Schreiber hat sich in "Die Kunst der Oper" Band 2 (S. 773-4) ausführlich mit der Frage beschäftigt. Das Problem bestand in der Gewohnheit, Dramen in vierhebigen Jamben zu schreiben, auftaktige Jamben aber dem tschechischen Sprachrhythmus mit einer starken Betonung der ersten Silbe widersprechen. De facto lösen sich dann die Verse in tröchäische Abfolgen auf. Als Librettist versucht man das Problem mit vielen Einsilbern zu umgehen, kommt aber letzthin nicht immer an Betonungsbeugungen vorbei. Das Ergebnis ist dann eine Prosa, die ein Versmaß nur vortäuscht. Erst Janacek hat den natürlichen Sprachrhythmus des Tschechischen in seinen Opern zugrunde gelegt - Trochäen und Daktylen.
Die Verstöße, die man nun bei Sabina, dem Librettisten, und bei Smetana findet, haben sogar die Vermutung geweckt, Smetana sei des Tschechischen nicht mächtig gewesen. Schreiber weist darauf hin, dass Smetana und sein Librettist für die komischen Figuren falsche Betonungen eingeführt haben, diese Charakteristik dann aber daneben geht, wenn sie unfreiwillig durchbrochen wird. Deutsche Übersetzungen haben wegen der Flexibiltät der deutschen Sprache damit keine Probleme, und so scheint schon die erste durch den Brahmsfreund Max Kalbeck besser und angemessener zu sein als das tschechische Original.
Ich bitte um Entschuldigung, so lange mit sprachlichen Details gelangweilt zu haben, es gab damals im Usenet eine heiße Diskussion, bei der mir der Schreiber unbekannt und das Tschechische unvertraut war, so dass sie in der Frage offen blieb. Nun habe ich da eine meiner Lücken geschlossen ;+)
Die erste Fassung des Werks (1866) war ein zweiaktiges Singspiel, also mit gesprochenen Dialogen. 1871 wurde die Oper auf drei Akte mit Rezitativen erweitert, den internationalen Durchbruch erlangte die Oper 1893 in Berlin und Wien ... in der Übersetzung von Kalbeck.
Die Einspielungen, an denen ich mich zunächst einmal im weiteren orientiere sind die originalsprachige unter Belohlavek von 2011, die unter Kempe (Kalbeck) und die unter Harnoncourt (Züngel). Im Booklet zu der Einspielung von Kosler (1981) habe ich eine wörtliche Übersetzung des tschechischen Textes gefunden.
Im Kommentar zur Rundfunksendung der Belohlavek-Einspielung stieß ich auf eine Bemerkung, zu der mich die Meinung der hiesigen Opernfreunde mal interessieren würde. Es wurde da angedeutet, dass die Zukunft des Liebespaares ungewiss sei. Gemeint war die vorübergehende Täuschung, die bei Marie (Marenka) zur Enttäuschung führte. Csampai hat bei Pamina in einem Essay zur "Zauberflöte" mal so eine unheilbare Wunde konstatiert. Doch - wie immer man zu dieser Vermutung steht - die Verhältnisse in der "Verkauften Braut" sind mE andere. Marie ist ein Trotzkopf, sie lässt gar nicht zu, dass Hans sich erklärt. Sobald sich der Irrtum aufklärt, jubelt sie und schließt den Geliebten in die Arme. Sind unsere Opernfrauen wirklich solche empfindlichen Zuckerfeen? Ich werde die Frage aber nicht aus dem Auge verlieren.
Bei Internetrecherchen stieß dann z. T. auf solche Irrtümer in der Interpretation, dass ich mich gefragt habe, ob man da das Libretto überhaupt gekannt hat, bevor man den Beitrag verfasste. Ein Beispiel dafür ist der Artikel on Herbert Hiess (Rezension "Die verkaufte Braut"
Da findet man z. B.
Smetanas Werk ist rund um ein Volksfest aufgebaut und hat vordergründig eine mehr als banale Handlung - eine Liebesgeschichte, die nur deswegen fast scheitert, weil Marie (die Geliebte von Hans) den dümmlichen Wenzel heiraten soll, da dessen Familie offenbar vermögend ist.
Zunächst einmal sind beide Familien vermögend, Kecal bestätigt
Zweifellos kennt ihr den Micha, wie hoch er gilt, mach' Euch klar, dass der Wert von seinem Gute vierzigtausend Gulden bar
Dass sich beide Familien verbinden hat wohl eher seinen Grund in dem, was Krusina äußert:
Freilich, Tobias Micha kenn' ich seit Kindheit, doch die beiden Söhne, Jenik aus erster Ehe und aus zweiter Vasek, die sind mir beide unbekannt bis zu diesem Tag.
Ein Versprechen zwischen Vätern aus alter Zeit, das gibt es nicht nur in Opernstoffen. Aber Hiess muss noch seine Inkompetenz beweisen:
Um zum Happy-End zu gelangen, stellt sich letztlich heraus, daß Hans ein uneheliches Kind von Wenzels Eltern ist und daher Marie ehelichen kann. Und Kecal ist der Blöde ...
Hans erzählt es Marie:
Mein Leben, ach, schwer wird mir davon zu reden! Ich wuchs auf im Hause reicher Eltern, doch es starb die geliebte Mutter mir. Und der Vater nahm bald darauf eine zweite Frau, gar rasch hat sie mich aus dem Vaterhaus vertrieben.
Können die Leute nicht lesen?
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (14.06.2015, 12:59): In einer Diskussion anderen Orts wurde von einem Sprachkundigen ziemlich überzeugend die Beherrschung der tschechischen Sprache durch Smetana nachgewiesen, so dass ist gegen Schreiber davon ausgehe, dass Smetana die tschechischen Prosodie-Verhältnisse punktgenau bedient hat. Hörbare Ausnahme ist der Statterer Wenzel (Wasik). den er so charakterisiert.
Was macht nun die Nationaloper aus? Zunächst einmal die Sprache, ob es nun die Unschärfen gibt oder nicht - ich folge da gerne der hier eingebrachten Argumentation - es ist ein geglücktes Werk in tschechischer Sprache, das bis in unsere Tage seine Gültigkeit bewahrt hat. Es ist nicht nur das tschechische Idiom in Sprache und Musik, worüber noch zu schreiben wäre, "Die verkaufte Braut" fußt auf einem Libretto, dessen Stoff und seine Verarbeitung im Tschechischen wurzelt. Es ist nicht der Heros, den sich ein kleines Volk nicht leisten kann, es ist der kluge, listige und warmherzige Mensch, eingebettet in der engen dörflichen Gemeinschaft, der sich gegen alle Schicksalsschläge durchsetzt, sich und sein kleines Glück. Am Anfang und am Ende steht die Dorfbevölkerung - und Musik und Tanz sind Ausdruck einer Lebensform. Der Treffpunkt ist der Dorfplatz, hier sammelt man sich, trägt die Konflikte aus und feiert.
Man feiert gern einen der Seinigen, aber die Krise zeigt, dass ein Zugereister, den man eigentlich schon mitgezählt hat, schnell in Verdacht kommt. Dabei hat das Leben dem Jeník schon übel mitgespielt. Seine Mutter starb, seine Stiefmutter zieht den eigenen Spross vor und verjagt den eigentlichen Erben aus seiner Heimat. Dass er das Herz der wohlbegüterten Marenka gewinnt, zeigt schon, dass Jeník sich auch in der Fremde Freunde und eine Geliebte erwerben kann, Zu Beginn des Stückes zeigt er sich als Teil der Gemeinschaft, die Bedrohung kommt von außen. Sie wird vermittelt durch Kecal, den Heiratsvermittler. Marenkas Vater hat nämlich schon vor langer Zeit über das Glück seiner Tochter verfügt, sie soll den Sohn seines alten Freundes heiraten. Nun muss der Liebhaber verscheucht werden - oder ausbezahlt. Liebe oder eine großzügige Abfindung - das scheint die Alternative. Nun, bis Jeník erfährt, mit wem da vorsorglich ein Eheversprechen ausgetauscht wurde. Sein listiger Plan gelingt, weil sich die Protagonisten erst am Ende treffen. Da löst sich alles mit einem Knall (bzw. mit dem entsetzten Ausruf der Stiefmutter) auf, Jeník hat Braut und Geld, versöhnt sich mit seiner alten Familie und natürlich mit der Dorfgemeinschaft.
Wie jede überragende Komödie enthält auch Sabinas Werk einen emotionalen Tiefpunkt: Wenn Marenka, die ihren stotternden Bewerber zu täuschen verstanden hat, erfährt, dass ihr Geliebter sie verkauft habe, bricht die Welt für sie zusammen - und Smetana schreibt eine erschütternde Musik. Das macht ein gutes Libretto aus, dass es dem Komponisten eine Vorlage nach der anderen für eine wirkungsvolle Musik bietet. Sabinas Libretto ist ein ausgezeichnetes Theaterstück. Wenn dann die durchweg inspirierte Musik Smetanas dazu kommt, ist ein großes Meisterwerk entstanden - und ein erfolgreiches.
Mit einer fulminanten Ouvertüre beginnt die Oper, ein dahinjagendes Streicherfugato mit einem wirbelnden Thema, ein Feuerwerk von Tanzrhythmen mit dem zweiten Thema, ein Fangspiel zwischen den beiden Themen, beide von böhmischer Volksmusik geprägt. Überraschend eine innige Melodie, verträumt, dann wieder tobt der rhythmische Wirbel, bis er sich am Ende in ein Nichts aufzulösen scheint. Liebe, Tanz und Witz, das ist die Oper in einer Nussschale.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (15.06.2015, 17:38): Die erste Szene ist ein tänzerischer Einstieg. Die Szenenanweisung ist "Ein Dorf, seitwärts ein Wirtshaus, zur Zeit der Kirchweihe im Frühling."
Doch schon da muss ich Einhalt gebieten. Im tschechischen Text steht hier (wie in der Folge) nichts vom Frühling. Ein Kirchweihfest erwartet man erst in der zweiten Jahreshälfte. Aber da bei Kalbeck in seiner Übersetzung der Frühling vorkommt, soll es in der deutschen Fassung wohl so sein.
Kirchweih - Kirmes - ist ein Anlass fröhlichen Beisammenseins. Doch so einfach macht es sich Smetana nicht. Zunächst zum Text. In der Übersetzung von Max Kalbeck, die mir vertraut ist, lautet er
Seht am Strauch die Knospen springen! Hört die muntern Vögel singen! Glanz und Jubel weit und breit! O du schöne Frühlingszeit!
Jeder leicht ein Schätzchen findet, In der Jugend heißen Jahren, Doch bevor man fest sich bindet, Soll man keine Vorsicht sparen.
Ehe, Ehe, Wehe, Wehe, Sind gar nah verwandt!
Mög' uns Gott bewahren! Mancher hat's erfahren, mancher!
Liebe lockt uns in die Falle, Das ist leider weltbekannt! Darum nehmt in Acht euch alle, Ihr Verliebten rings im Land!"
Nikolaus Harnoncourt plädiert für die erste Übersetzung des Librettos durch Emanuel Züngel (1869). Da heißt es
Lasst uns jubeln, lasst uns singen, lacht ja unser Himmel noch. Fröhlich mag das Lied erklingen, gold'ne Freiheit lebe hoch!
Die mir vorliegende englische Übersetzung (vielleicht trägt ja noch jemand eine wörtliche bei) scheint mir enger am tschechischen Text, auch weil sie sich nicht dem, Reimzwang stellt
Let us rejoice, let's be merry, while the Lord grants us good health who knows whether this time next year all og us shall still be here
Vergleicht man die drei "Fassungen", so scheinen sie auf ein unterschiedliches Libretto zurückzugehen. Die französische Übersetzung ist übrigens der englischen ziemlich nahe. Also: man feiert, weil es einem gerade gut geht, wer weiß, ob im nächsten Jahr noch alle leben. Kalbeck hat auch die Szenenanweisung verlängert
Marktplatz des Dorfes, seitwärts ein Wirtshaus. Alle Dorfbewohner sind zur Feier der Kirchweih, das jedes Jahr im Frühling stattfindet, versammelt. Das Treiben auf dem Jahrmarkt - mit Buden, Schaukeln und Karusells - ist im vollen Gange.
Da steht man doch einigermaßen baff - Verfälschung des Textes im Jahr 1892? Von Frühling ist keine Rede, auch die Illustration des Kirchweihfestes entspringt eher der Fantasie eines Deutschen. Kneipe und ein durchreisender (ebenso ärmlicher) Zirkus, das sind die Attraktionen, die uns Sabina/Smetana bieten. Musik und Text berichten von einem Leben, dem man frohe Stunden abgewinnen muss. Die instrumentale Einleitung ist verhalten, ein Moderato. Dann strafft sich die Musik, der Rhythmus wird schärfer, der Chor setzt ein- con vivacità. Ein Tempoänderung steht für den depressiven Mittelteil bei mir nicht im KA, bei Harnoncourt (im Moment meine Kontrollaufnahme) wird allerdings das Tempo zurückgenommen. Der Text des Mittelteils nun bei Züngel
Wer da seufzt im Ehstandsneste, möge aller Lust entsagen, geht der Mann zu frohem Feste, muss das Weib daheim sich plagen.
Wehe! Wehe! O weh! Hin ist alle Freud! Es naht nur Schmerz und Leid, Kummer, Sorg und Mühe, Hader, spät und frühe.
Statt der doch eher unverbindlichen Allerweltweisheiten bei Kalbeck, wird hier das soziale Leben, nicht zuletzt die Unterdrückung der Frau, schärfer gefasst. Musikalisch hat auch Smetana die unterschiedlichen Wege der Geschlechter durch die Trennung von Frauen- und Männerstimmen charakterisiert. Die Schlussstrophe ist aber auch bei Züngel recht frei
Lasst uns jubeln, lasst uns singen, lacht ja unser Himmel noch. Fröhlich mag das Lied erklingen, gold'ne Freiheit lebe hoch!
Zum Vergleich noch eine Fassung von Adamcikova, die ich dem Booklet der Kosler-Einspielung 1980/81 entnehme
Lasst den Tag uns froh genießen, wenn nur Gott uns Glück beschert, wird uns auch in Zukunft sprießen Wohlergehen unbeschwert?
Wer ins Ehband sich gebunden, hat von da an trübe Stunden. Ob im Haus das Weib sich kränke, sitzt der Mann in seiner Schenke. Ehstand, Wehstand, aus die schöne Zeit, Sorgen schwarz sich breiten, Streiten, Misslichkeiten! Ehstand, Wehstand!
Lasst den Tag uns froh genießen, wenn nur Gott uns Glück beschert, denkt wie rasch die Jahre fließen, nützt des Lebens hohen Wert.
Hier stimmt das mit den Schlusszeilen, denn wenn ich den tschechischen Text recht verstanden habe, ist der einzige Wert, den man wichtig nehmen muss, die Gesundheit.
Kommen wir auf die Funktion des Eingangschores zurück: Musikalisch wird die Volksoper vorbereitet durch das böhmische Idiom in der Melodie, durch die Terzen- und Sextenketten, die ein so vertrautes harmonisches Bild dieser Musik geben, das immer naheliegende Moll auch in einem eher fröhlichen Stück, der vom Tanz bestimmte Rhythmus. Wenn hier auch Weh und Klage auf das spätere Eheleben projiziert wird, ist es doch Bestandteil des erfahrenen sozialen Lebens: Mühe und Plage, den Männern vorbehalten ist die Flucht in die Schenke und der Alkohol. Die Liebe ist eine flüchtige Sache, spätestens mit der Ehe ist sie vorbei. Auch wenn das auch als groteske Verzerrung verstanden werden kann, es bleibt doch eine Schwere zurück, die den Dialog Jenik/Marie vorbereitet "Warum bist du so betrübt, o teure Geliebte?"
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (16.06.2015, 18:02): Ein kleiner Nachtrag. Da hatte ich doch gerade den Csampai/Holland-Opernführer zur Hand. Und wie fängt die Beschreibung an?
1. AKT: Dorfplatz mit Wirtshaus. Frühling ist's.
Geschrieben hat das Karl Schumann. Ja, so kann es gehen, wenn man den Text nicht versteht. Da sitzt man als blutiger Laie in der Oper, liest in der Projektion etwas von Frühling und Blüten - und gibt sich den romantischen Gefühlen hin, die man da assoziiert. Man hört es ja, das Knospen der Blüten, nicht wahr?
Und dabei unterhält man sich (auf Tschechisch) über den Ehestand und seine Lasten, spöttisch natürlich, wie um ein junges Paar abzuschrecken, das man dadurch nicht abschrecken kann.
Karl Schumann ist aber sicher kein blutiger Laie. Der sollte um die Fatalitäten von Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert wissen. Nicht überall ist Champagner drin, wo Champagner drauf steht.
Und dann dieses verräterische "ist's", da blüht doch Lyrisches auf. Ansonsten ist die inhaltliche Zusammenfassung richtig. Wie man es doch in zwei Worten verderben kann ...
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (27.06.2015, 16:01): Ein paar Worte zu der Entstehung der "Verkauften Braut". 1862-63 hatte er seine erste historische Oper geschrieben "Die Brandenburger in Böhmen". Das Libretto stammt von Karel Sabina (1813-1877). Unmittelbar danach begann er "Die verkaufte Braut" nach dem Libretto desselben Dichters.
Die Idee der Oper inspirierte Smetana schon so, dass er die Ouvertüre geschrieben hatte, bevor er das Libretto erhielt. Der erste Entwurf war ein Einakter, doch da bestand Smetana auf die Erweiterung zu einem zweiaktigen Werk. In dieser Form wurde die Oper vollendet und am 30.5.1866 unter Smetana uraufgeführt. Die Bühne war das kleine Prager Interimstheater. Die aufgeführte Fassung war ein Singspiel, die Dialoge wurden gesprochen. Es fehlten noch die Tänze, das Trinklied zu Beginn des zweiten Aktes und die Arie der Maire im späteren dritten Akt. Stattdessen gab es noch ein zusätzliches Couplet von Direktor und Esmarealda. Dieses wurde von Smetana bald gestrichen.
Die zweite Fassung war schon dreiaktig durch Teilung des ersten Akts, der Trinkchor war dazu gekommen, weiter die Polka und die Arie der Marie. Diese Fassung wurde am 29.1.1869 uraufgeführt. Die nächste Fassung erlebte ihre Uraufführung am 1.6.1869, nun waren die drei Akte gleichwertig, neu war der Furiant, der Springtanzund der Kommödiantenmarsch. Am 25.9.1870 hatte das Werk endlich die Form gefunden, in der sie bis heute aufgeführt wird: aus den gesprochenen Dialogen waren nun Rezitative geworden.
Ein langer Weg vom einaktigen Singspiel bis zur brillianten dreiaktigen komischen Oper. Entstanden war ein Höhepunkt tschechischer Musik, eine liebevolle, realistische Schilderung des tschechischen Landlebens, eine mitreißende komische Handlung mit scharf kontuireirten Akteuren, die nun ihren Siegeszug über die Bühnen der welt antrat.
Liebe Grüße Peter
Jürgen (29.06.2015, 08:01): Um Peters Monolog kurzzeitig zu unterbrechen, will ich mal meinen bescheidenen Senf dazugeben:
Mir stehen zwei Aufnahmen dieser Oper zur Verfügung. Eine auf Deutsch und eine originalsprachige: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51Ze8fcdCWL._SY300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51RPJ5jfhDL._SY300_.jpg
Bei Kempe aus dem Jahre 1962 haben mich die Sänger Frick und Wunderlich gereizt. Bei Kosler 1981 wollte ich noch eine tschechische Aufnahme haben.
Ich habe in beide Aufnahmen hineingehört, ohne dass sie mich stark berührt hätten. Der Funke ist noch nicht gesprungen. Ich denke mir jedoch, dass diese Oper ja nicht so bekannt sein kann, ohne Substanz zu haben. Ich werde es daher diese Woche noch einmal probieren. Ob deutsch oder tschechisch, ist noch offen.
Grüße Jürgen
Peter Brixius (29.06.2015, 08:47): Lieber Jürgen,
beide Aufnahmen sind gute Aufnahmen, wenn da der Funken nicht überspringt, brauchst Du weder Dir noch den Aufnahmen einen Vorwurf zu machen. Du hast es halt versucht ... Smetanas Lieblingsoper war übrigens "Dalibor".
Nach dem eher verhaltenen Start wuchs der Erfolg der Oper von Fassung zu Fassung, weltweit allerdings in Übertragungen in die jeweilige Landessprache. Bei einer komischen Oper ist es wahrscheintlich weit wichtiger als bei einer ernsten, dass jedes Wort, jede Anspielung verstanden wird.
Was macht nun für den Liebhaber das Anziehende an dieser Oper aus. Zunächst, meine ich, das tschechische Idiom in der Musik. Smetana hat keine Volksmelodien gebraucht und verarbeitet, ist aber in seiner Komposition der Volksmusik nahegeblieben: die schnellen Dur-Moll-Wechsel, die Terzenseligkeit, die nicht zu überhörende "slawische" Melancholie. Die Spannung zwischen Lebensfreude und der Bedrohung durch Krankheit, Streit und Verlust lässt den Durchbruch der Lebensfreude als etwas glückhaft Erreichtes besonders feiern.
Gerade eine komische Oper besteht durch ihre Protagonisten. Da ist Jenik mit seiner geheimnisvollen Vergangenheit. Er ist eines Tages in dem Dorf aufgetaucht, (dem Text ist nicht zu entnehmen, dass er Land erworben hat, ich vermute es) hat sich durch seine Arbeit den Respekt seiner Mitbürger erworben, am Ende noch die Liebe der reichen Bauerntochter Marenka. Aber auf dem Lande fragt man nach der Herkunft - und die verschweigt unser Held.
Marenka ist da unproblematischer. Es ist ja kein Frageverbot, das sie daran hindert, ihren Geliebten nach seiner Herkunft zu befragen. Stück für Stück bricht es aus ihm heraus, erst zum Ende der Oper gibt es eine hinreichende Auskunft. Marenka ist jung, entsprechend unreif ist ihre Idee Vasek irrezuleiten. Schon die erste Zusammenkunft mit den Eltern wird dieses Spiel platzen lassen. Marenka ist starrköpfig, sie lässt ihren Geliebten gar nicht zu Wort kommen, als dieser ihr den "Verkauf" erklären will. So geht sie einen Prozess der Läuterung am Ende der Oper durch. (Aber hier wird kein weiches Mädchenherz für alle Zukunft geknickt, Marenka steht doch sicher genug auf dem Boden der Wirklichkeit).
Die komische Figur ist der Heiratsvermittler Kecal. Mit einer wundervollen Basspartie ausgestattet, dominiert er gleich mit dem ersten Auftritt die Szene. Da ist er über sich selbst des Lobes voll, sein Selbstbewusstsein gewinnt ihm keine Sympathien. Wenn er also über seine eigenen großen Füße stolpert, ist die Schadenfreude programmiert.
Bleibt noch Vasek, der als unterlegener Konkurrent zu seinem Halbbruder konstruiert ist. Ein wirkungsvolles Mittel der Bühne, das man schon in der Antike anwendete, lässt das Publikum gleich über ihn lachen: er stottert. Aber für ihn, das Muttersöhnchen, haben Librettist und Komponist doch ihre Sympathien, seine Gefühle beim Verrat Marenkas werden Ernst genommen, er gewinnt das Herz Esmeraldas und kann seiner dominaten Mutter entrinnen.
Was mir immer imponierte bei dieser Smetana-Oper: Es ist die Art, wie sich die Unterlegenen zur Wehr setzen. Da wird nicht Konfrontation und eine offene Auseinandersetzung gesucht. Dafür werden die Chancen realistisch eingeschätzt. Es ist die Gewalt eines kleinen, unterlegenen Volkes: die Schwejkiade, die List, die geistige Überlegenheit..
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (30.06.2015, 09:28): Es gibt einen Operführer zur "Verkauften Braut", obwohl er schon ein wenig Patina angesetzt hat, findet man doch lesenswerte Informationen darin:
Angeboten wird der komplette Text sowie Erläuterungen zum vollen Verständnis des Werkes. Mit dem "kompletten Text" hat man den Schwachpunkt des Buches gleich genannt. Pahlen selbst schreibt:
Rasch wurde eine deutsche Übersetzung (durch den bekannten Wiener Schriftsteller und Musikforscher Max Kalbeck hergestellt - zu rasch, wie man bald erkannte, da die Genauigkeit der Übertragung außerordentlich zu wünschen übrig ließ. (S. 162)
Pahlen gibt nur den deutschen Text, eben den von Max Kalbeck, wieder. Der mir vorliegende KA bringt eine durchaus gute von Kurt Honolka (Kassel, 1958). Oft sind es leider Einsparungsgedanken am falschen Ende, die einen lizenzfreien Text benutzen lassen, wie fragwürdig dieser auch sein mag.
Doch - bei all meiner Skepsis gegenüber Pahlens Unternehmen - habe ich seinen Opernführer mit gewinn benutzt. Kenntnisreich und sachlich korrekt wird man gut informiert. So findet man bei ihm ein schönes Zitat von Jan Neruda, einem bedeutenden tschechischen Dichter des 19. jahrhunderts:
Die Leute behaupteten, Smetana sei ein Wagnerianer. Im Prinzip mochten sie recht haben: Smetana war streng darauf bedacht, dass der Ton dem Wort voll entspreche. Wenn man ihm zufällig am Kai begegnete und hörte, wie er laut vor sich hin deklamierte, dann war er gerade mit der Komposition einer neuen Oper beschäftigt. Er sprach sich den Text vor, wiederholte hundertmal denselben Satz, bis aus den Worten eine Melodie aufblühte mit den dazu passenden natürlichen Akkorden. (S. 164)
Nebenbei: ein starkes Argument, die Oper auf Tschechisch zu hören, scheint mir. Neben dem tschechischen Text aber eine (gute) deutsche Übetragung liegen zu haben, ist sicher kein Fehler. Aber gerade die von Neruda beobachtete innige Verquickung von Melodie und Text unterscheidet eben Wagners sinfonische Textbehandlung doch elementar von Smetanas auf Melodie bedachte Kompositionsweise. Natürlich hat Smetana an Wagner gelernt, doch er ist ersichtlich seinen eigenen Weg gegangen. Und wenn man bei Wagner wohl vergebens nach dem Einfluss von Tanz und Tänzen suchen wird, so sind Tänze ein konstituierendes Element der "Verkauften Braut".
Dazu blicke ich noch einmal auf die Ouvertüre.
Liebe Grüße Peter
Nicolas_Aine (30.06.2015, 12:08): Lieber Peter,
erstmal vielen Dank für die sehr interessanten Beiträge!
Hier noch ein kleiner fun fact: Der Anfang der Overtüre ist eine der "beliebtesten" Orchesterstellen für alle Streichinstrumente, also der Stellen, die man bei einem Probespiel für eine Stelle in einem Orchester spielen muss.
Peter Brixius (10.07.2015, 22:43): Lieber Nicolas,
dafür gleich ein Beispiel. Die Münchner Symphoniker nennen bei ihrem Stellenangebot für den 1. stellvertretenden Konzertmeister die Vorspielstücke für die dritte Runde:
3. Runde
Orchesterstellen:
R. Strauss Don Juan op. 20 W.A. Mozart Symphonie Nr. 39 Es-Dur, 4. Satz R. Schumann Symphonie Nr. 2, 2. Satz (Anfang bis Takt 55 und Coda) F. Mendelssohn Bartholdy Ein Sommernachtstraum, daraus das Scherzo B. Smetana Die Verkaufte Braut, 2. Violine (http://www.muenchner-symphoniker.de/de/Stellenangebote)
Ab Takt 13 gibt es eine unbegleitete Achtelfigur, die durchläuft, bei der die geringste Abweichung sofort auffällt. Da kann ich mir die Schweißtropfen auf der Stirn gut vorstellen.
Nicht umsonst wird die Ouvertüre von mehreren Autoren mit der zu Mozarts "Le Nozze di Figaro" verglichen. Das Grundtempo ist rasend, wirbelt lustig dahin wie diese Kette von Achtelnoten in der 2. Violine zu der später die erste hinzukommt, allerdings kanonisch, so dass sichdie Gleichmäßigkeit verdoppelt. Die anderen Streicher setzen kurzeFortissimo-Akzente, wie Peitschenhiebe, die den Kreisel in der jagenden Bewegung halten.
Was sich bei den beiden Ouvertüren vergleichen lässt: Wie im geschäftigen Wirbel eine fröhliche Stimmung aufgebaut wird, die beibehalten und gegen Ende noch gesteigert wird. Tänzerische Bewegung bestimmt den Ablauf, bis die Bewegung stockt, eine schwärmerische Melodie aufblüht. Und schon wird das Wirbelwerk wieder in Gang gesetzt und läuft auf einen wirkungsvollen Abschluss zu. Lebensfreude und ein Hauch von Zärtlichkeit, das macht wie in der Oper auch imn der Ouvertüre den Gefühlsraum aus.
Dass diese Ouvertüre ihren Weg in die Konzertsäle gefunden hat, kann man gut verstehen. Beim Durchblättern einiger Seiten im Internet fand ich auch eine Statistik von Mahlers Konzertprogrammen. Mit dabei sieben Aufführungen von Smetanas Ouvertüre zur "Verkauften Braut" (hier).
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (10.07.2015, 23:37): Zur Veranschaulichung der von Peter Brixius beschriebenen Stelle in der Ouvertüre ...
Nachdem die ersten beiden Violinen zusammenspielen, treten dann noch die Violen und die Celli dazu, genauer gesagt, die Celli werden dividiert: die erste Hälfe spielt mit den Violen zusammen, die zweite Hälfte spielt später zusammen mit den Kontrabässen.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (10.07.2015, 23:43): Vielen Dank. lieber hosenrolle1, für das Notenbeispiel. Was das Auge sieht ...
Liebe Grüße Peter
Nicolas_Aine (11.07.2015, 13:31): exakt das, nur der Anfang gehört auch dazu, also die ersten 8 (?) Takte, das ist rhythmisch nämlich heikler, als es auf den ersten Blick aussieht...
Jetzt muss ich mal meine Partiturlesekenntnisse auffrischen. Ohne das Stück gehört oder andere Partituren verglichen zu haben - stimmt die Reihenfolge der Instrumente so?
Dem Akkord des Blechs entnehme ich ein strahlendes F-Dur :)
Ich nehme an, das erste Horn wird in F sein, beim zweiten bin ich mir nicht sicher. Ich vermute dass es in C ist, dann würde es Grundton und Dominante spielen. Wäre es in F, wäre der untere Ton ein B.