Splatter-Movie in der Kölner Oper

Solitaire (16.04.2009, 13:00):
Soeben auf WDR 5 in den Nachrichten gehört: in Köln hat am 2.Mai "Samson und Dalila" Premiere. Der Regisseur hat sich offenbar extrem brutale Kriegsszenen ausgedacht, die vor allem der Chor darzustellen hat. Das Opernhaus rät wegen der extremen Gewaltdarstellung vom Besuch der Vorstellung für Personen unter 16 Jahren ab :B
Wieder einmal ist da jemand auf die wahnsinnig geniale Idee gekommen, den Stoff zu "modernisieren".
Nein, wir befinden uns nicht im besetzten Polen Anno 1943, wie es bei eigentlich biblischen Stoffen ja gerne mal der Fall ist, sondern im Gazastreifen...

Jetzt gehen die Choristen in die Offensive: schon 17 haben sich krank gemeldet, sie hätten nach den Proben unter Schlaflosigkeit und psychischen Problemen gelitten...
Ich finde das ja sowas von genial, daß da endlich mal jemand solchem Unfug einen Riegel vorschiebt :D
Selbst die Zeitung mit den großen Lettern berichtet darüber: Klick
Papageno (16.04.2009, 13:41):
Hallo, Solitaire!

Das ist... Ich wollte erst sagen SKANDALÖS!... Aber, das ist in meinen Augen noch zu milde für solche Ideen, die diesem perversen Hirn von Herrn Knabe entsprungen ist! Vergewaltigungen auf die Bühne bringen!!! Was kein Mensch erleben möchte und was er nie im Leben sehen will, bringt diese Kreatur in ihrem ganzen Schrecken auf die Bühne! Was man auf eine Bühne sieht, hat für mich auch immer eine Art der Daseinsberechtigung, was ich aber über Vergewaltigung nicht sagen kann!!! Ich habe auch noch nie zuvor gelesen, dass eine Oper eine Altersbeschränkung bei ihren Stücken macht. Das ist wirklich das Allerletzte!!! Erwachsene Menschen haben Vorbildcharakter für die junge Generation, der auch ich mit meinen 18 Jahren angehöre!

Aber der Gipfel war die "Turandot"-Inszenierung, wo der Opernchor den Geköpften auffressen sollte. Und der kreaturenhafte Regiesseur von ihnen verlangte, die Spielchen aus dem Schlafzimmer könnten doch auch auf der Opernbühne stattfinden, er wisse überhaupt nicht, warum sich der Chor so anstelle! Neulich las man von zwei Kannibalen, die sich im Internet getroffen haben und der eine den anderen auf dessen Wunsch auffraß. Genau das liebt Herr Knabe also auch! Pfui Deibel!

Ich finde es im höchsten Maße lobenswert, dass der Kölner Opernchor gegen den Regiesseuren arbeitet und sein Projekt boykottiert. Dieser Chor hat eben Menschlichkeit und weiß zu trennen, was zumutbar ist, und was eben nicht! Ich habe ja auch schon von Inszenierungen der Oper "Die Entführung aus dem Serail" von Mozart gehört, die in einem Bordell gespielt haben. Die männliche Hauptfigur war dort einen hurenaufschlitzender Mörder... Auch diese Inszenierung war für mich wider die guten Sitten! Zum Glück habe ich nur ein Foto davon gesehen... Was sagt eigentlich der Intendant der Oper dazu? Hat der etwa genauso aller Humanität entsagt???

Schockiert, aber dennoch liebe Grüße, Jan! :)
Solitaire (16.04.2009, 15:53):
Naja, Gewalt, und selbst angedeutete Vergewaltigung auf der Opernbühne ist ja nicht grundsätzlich abzulehnen, immerhin sind gewalttätige Auseinandersetzungen und sexuelle Nötigung durchaus thema in vielen Opern, aber es kommt eben immer darauf an, wie man sowas darstellt und wie weit man dabei geht.
Die Folterszene in "Tosca" wirkt viel grausamer wenn man sich das, was da im Nebenzimmer geschieht, nur vorstellt. Da muß kein Cavaradossi sichtbar auf der Streckbank liegen. "Nabucco" muß nicht im KZ spielen, und die SS-Uniformen kann man hübsch da lassen, wo sie hingehören: bei Steven Spielberg.
Scarpia muß Tosca nicht auf einen Tisch werfen, ihr die Kleider vom Leib reißen und zur Untat schreiten. Wer einmal Ruggero Raimondi in der "Te Deum"-Szene erlebt hat, der weiß auch so,was das für einer ist, und warum es Tosca vor Grauen schüttelt. Ich will ja nicht degoutant werden, aber wenn man ihn in dieser Szene erlebt weiß man, daß er, sobald er alleine ist, das tun wird, wovon man früher glaubte daß man davon die Rückenmarksschwindsucht kriegt. Und das vermittelt Raimondi ohne sich auch nur die Kravatte lockern zu müssen.

Die Kannibalismusszene in "Turandot" muß ich auch nicht haben.
Ebensowenig einen Macbeth, der den König mit der Kettensäge ins Jenseits befördert, enthauptete Religionsstifter bei Mozart oder was den Regisseuren sonst noch so alles einfällt.
Abgesehen davon, daß es ekelhaft ist, ist sowas auch entsetzlich plakativ. Mir ist schon manches extrem blutverschmierte Nachtgewand in "Lucia di Lammermoor" manchmal zuviel des Guten.
Willy Decker ist in seiner "Traviata" in der Ballszene schon ziemlich weit gegangen: als Alfredo die Fassung verliert, wirft er Violetta sein Geld nicht einfach vor die Füße, er stopft es ihr in den Mund, in den Ausschnitt und ...nun ja...wir verstehen uns.
Das ist ziemlich unerträglich anzusehen, aber es ist sehr genial, und ich stimme Anna N. zu, die gesagt hat, in dieser Inszenierung müsse das so brutal sein. Also: Gewalt auf der Opernbühne hat durchaus ihre Berechtigung, aber bitte kein Schlachtfest.

Was die Intendanz angeht denke ich, daß ihnen ein kleiner Opernskandal in diesen krisengeschüttelten Zeiten vielleicht sogar ganz recht ist. Manchmal sorgt sowas wochenlang für ein volles Haus :B
Heike (16.04.2009, 15:58):
Was die Intendanz angeht denke ich, daß ihnen ein kleiner Opernskandal in diesen krisengeschüttelten Zeiten vielleicht sogar ganz recht ist. Manchmal sorgt sowas wochenlang für ein volles Haus

Ganz genau das ist leider oft mein Eindruck. Gut muss es nicht sein, Hauptsache man lockt ein paar neue Leute an (dass man dann oft Stammpublikum verliert und dass das auf Dauer also eine Milchmädchenrechnung ist, wird ausgeblendet).

Heike
Heike (16.04.2009, 16:08):
P.s.
in Berlin haben wir ja derzeit auch eine "Soft Porno"- Oper - auch hierzu hat BILD sich schon strafend geäußert: klick hier
Ich überlege noch, ob ichmir das ansehen soll :S
Heike
uhlmann (16.04.2009, 16:16):
schockiert bin ich eher über eure reflexartige ablehnung und abqualifizierung als über die arbeit tilman knabes.
Solitaire (16.04.2009, 16:32):
@Hebre
Ach ja, eines hatte ich vergessen: LANGWEILIG sind solche Inszenierungen meist auch noch, da jeder Depp heute ein paar Nackte auf die Bühne schickt und sie sich rumwälzen läßt. Also auch in Berlin...
Dagegen war der freyersche Onegin ja richtig romantisch :J
Gamaheh (16.04.2009, 22:54):
Original von Solitaire
Die Folterszene in "Tosca" wirkt viel grausamer wenn man sich das, was da im Nebenzimmer geschieht, nur vorstellt.

Richtig, und das wußten auch schon die alten Griechen, wo solche Dinge sich ob scaenam (-> "obszön"), nämlich hinter den Kulissen, abspielten und trotzdem oder gerade deshalb zur Katharsis führten. Daß einige meinen, dies auf der Bühne stattfinden lassen zu müssen, heißt für mich, daß es zur Normalität erklärt wird und/oder daß man dem Publikum weder Schamgefühl noch Fantasie zutraut (wobei doch, wenn nicht seit Euripides, Aischylos und Sophokles, so doch zumindest seit Freud jeder weiß, daß wir alle diese Art von Fantasien haben). Im Englischen nennt man es "dogging", wenn Menschen das in der Öffentlichkeit tun, was normalerweise dort nur Hunde tun.

Grüße,
Gamaheh
Papageno (16.04.2009, 22:57):
@Uhlmann,

Ich finde, dass die Intention einer Oper für die Gesellschaft auch noch ersichtlich ist, wenn man sie auf die traditionelle Art aufführt. Ich brauche z.B. wirklich keine "Rheingold"-Inszenierung alá Knabe, wo Wotan es pornoreif mit den Rheintöchtern treibt, oder Alberich bei den Worten "Garstig, glatter, glitschiger, Glimmer" demonstrativ ejakuliert, um mir als Zuschauer eine Warnung vor der Faszination des Mammons, der einen Menschen durch Machtgier vollständig verderben kann, mit auf den Weg zu geben! Deshalb weiß ich auch nicht, was mir in "Samson et Delila" die Vergewaltigungsszene, oder in "Turandot" die kannibalistische Orgie geben soll! Worin besteht für dich das Besondere von solchen Bildern? Das würde ich gerne einmal wissen. Um mich Perversitäten und Obszönitäten auszusetzen, muss ich jedenfalls nicht in eine teure Oper gehen.

Gruß, Jan
uhlmann (17.04.2009, 09:18):
Original von Papageno
Ich finde, dass die Intention einer Oper für die Gesellschaft auch noch ersichtlich ist, wenn man sie auf die traditionelle Art aufführt.

das mag manchmal so sein, sicher aber nicht immer. dennoch gibt es andere wege, stücke auf die bühne zu bringen, die man akzeptieren muss und nicht von vornherein ablehnen sollte (wie das von der anti-regietheater-fraktion immer reflexartig geschieht).

im übrigen: hast du das stück gesehen? oder irgendwer sonst hier?
wenn ich die posts richtig interpretiere, kommt die information im konkreten fall aus den medien (bild noch dazu). auf solcher basis kann man sich wohl kaum ein fundiertes urteil bilden.


Original von Papageno
Deshalb weiß ich auch nicht, was mir in "Samson et Delila" die Vergewaltigungsszene, oder in "Turandot" die kannibalistische Orgie geben soll! Worin besteht für dich das Besondere von solchen Bildern? Das würde ich gerne einmal wissen.

ich habe nie behauptet, dass ich in diesen bildern "etwas besonderes" sehe. vielleicht sind sie in einer inszenierung schlüssig, vielleicht auch nicht. das kann ich nur beurteilen, wenn ich das stück gesehen und die einzelnen szenen im kontext des gesamten werkes verstanden habe. wogegen ich definitiv bin, ist eine a-priori-ablehnung.
Solitaire (17.04.2009, 09:37):
Meine Info kam vom WDR, das habe ich in meinem Eingangsbeitrag auch erwähnt. Allerdings bin ich beim recherchieren dann tatsächlich auf den Artikel aus der BILD gestoßen. Aber warum soll man den Schreiberlingen dieses Schmierblattes nicht zustimmen, wenn sie ausnahmsweise mal recht haben?
Und nein, ich gehöre nicht zur "Anti-Regie-Theater-Fraktion", was immer das auch bedeuten mag. Es gibt moderne Inszenierungen die ich sehr schätze, ich habe nur keine Lust, mir Müll vorsetzen zu lassen, mag der nun im Rokokogewand oder im Adamskostüm daher kommen. Ich bin bestimmt schrecklich altmodisch, aber ich vertrete eben die seltsame Auffassung, ein Regisseur sollte das Textbuch lesen und verstehen(!) ehe er eine Oper inszeniert. Außerdem kann es nicht schaden, auf die Musik zu hören.
Wie sowas geht macht W. Decker mit seinen Inszenierungen großartig vor, ob es sich nun um "moderne" oder um traditionelle Aufführungen handelt.
Heike (20.04.2009, 23:34):
Hallo,
wenn ich die posts richtig interpretiere, kommt die information im konkreten fall aus den medien (bild noch dazu). auf solcher basis kann man sich wohl kaum ein fundiertes urteil bilden.
Spiegel online hat über den "Streik" der Choristen auch berichtet. Ich weiß nicht, wenn es soweit geht, dass sich schon die Mitwirkenden ekeln oder gruseln, das kann doch nicht besonders künstlerisch wertvoll sein. Ich will keine Gemetzel, die mich rein vom Bericht her schon an Fleischereien erinnern, auf der Bühne sehen. Und ich finde es legitim, mir ein (erstes) Urteil auf Grund von Medien zu bilden, das tue ich doch tausend Mal am Tag, wenns um Politik oder anderes geht. Sicher, solche Infos sind immer vorläufig und immer auch gefiltert, aber es sind Infos.

Ich bin auch ganz und gar keine Ablehnerin von modernen Inszenierungen, im Gegenteil, ich langweile mich zu Tode, wenn ich ewig die konventionelle Oper ansehen müsste. Aber ich hab mittlerweile den Eindruck, dass ständig gesteigerte Skandale sein müssen, um als Haus im Gespräch zu bleiben. Die Entwicklung missfällt mir grundsätzlich.

Nichts desto Trotz habe ich ich entschieden, mir den "Soft-Porno" Armida (Gluck) in Berlin im Juni selbst anzusehen. Ich werde berichten.
Heike
satie (21.04.2009, 06:33):
Mir fällt dazu die Geschichte mit Isang Yun aus den 70er-Jahren ein. Er schrieb damals äußerst schwierige und komplexe Stücke, natürlich in seiner eigenen serialistisch geprägten Sprache, die durchaus auch zur Ruppigkeit neigte.
Jedenfalls gab es einen Vorfall, der zeigt, wie wenig mitunter die Reaktion der Interpreten eine brauchbare Aussage darstellt. Yun hatte ein Orchesterwerk geschrieben (leider weiß ich nicht mehr, welches es war). Das Orchester begann (wenn ich mich recht erinnere) aber nicht einmal mit den Proben: sämtliche Musiker überreichten dem Dirigenten ein ärztliches Attest, in dem geschrieben stand, die Musik von Herrn Yun sei der Gesundheit der Musiker nicht zuträglich.
Würde man sich auf so etwas verlassen - das ja auch noch von berufener Stelle schwarz auf weiß vorliegt - könnte man daraus ableiten, dass Yuns Musik tatsächlich krank macht, wahrscheinlich nicht nur die Musiker, sondern auch gleich den Hörer. Wer heute etwas von Yun hört, wird da allerdings nur den Kopf schütteln können und eher bei Oehring oder Feiler (bei dem ganz gewiss) prophylaktisch Ohropax nehmen.

Die Geschichte musste einfach mal erzählt werden, auch wenn sie nicht so viel zur Sache tut. Es gibt eine grundsätzliche Anti-Neuinszenierungs-Haltung, die für viele Klassikhörer typisch ist. Ich bin da ganz Uhlmanns Meinung: wer dazu etwas verbindliches sagen will, muss es gesehen und gehört haben. Der künstlerische Ausdruck hat auf jeden Fall die Freiheit, auch solche Bezüge herzustellen (die mir persönlich übrigens auch nicht gefallen!), Kunst muss auch drastisch sein dürfen und kontrovers. Wenn sie es zwanghaft ist und aufgesetzt wirkt, ist der Fall natürlich ganz anders.
Wenn wir aber an die Entwicklungen im Bereich des Films denken, dann wissen wir, wie stark eine solche Neukombination von Musik und Bild sein kann, und wir schrecken wohl alle kaum vor Filmen zurück, die erst ab 16 sind. Und wie viele Schauspieler brauchten nach dem Dreh nicht auch erst mal eine Erholungspause, weil sie sich in etwas einleben mussten, was ihnen an die Substanz ging?

Ich plädiere also dafür, sich nicht von den Meinungen der Feuilletonisten leiten zu lassen. Sonst müsste man sich auch die Bücher nur noch nach den Vorlieben von Reich-Ranicki kaufen...

Herzlich,
S A T I E
Solitaire (21.04.2009, 17:52):
@Satie
Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich will auch keine Geschmackspolizei, die bestimmt, wie inszeniert,komponiert, gemalt, etc. werden darf, keine Frage!
Auch wenn ich diese Art Inszenierung nicht mag bin ich doch dafür, daß ein Regisseur zunächst einmal das auf die Bühen bringen darf was er für richtig hält.
Dennoch finde ich es großartig, daß in Köln die Choristen den Mut zeigen, einen klaren Standpunkt zu beziehen.
Übrigens hat jetzt auch die Soparnistin in den Sack gehauen. Es wurde bereits ein Ersatz engagiert.
Ich stimme Hebre zu: wenn man sich nur zu Dingen äußern dürfte, die man mit eigenen Augen gesehen hat, wird's schwierig.
Ich habe auch niemals einen Kastratensänger gehört oder mit einem gesprochen, dennoch habe ich aufgrund dessen was ich mir zu diesem Thema angelesen habe eine ziemlich klare Meinung zu dieser Praxis.
Heike (23.04.2009, 08:48):
Hallo Satie
Es gibt eine grundsätzliche Anti-Neuinszenierungs-Haltung, die für viele Klassikhörer typisch ist.
Auf mich triff das überhaupt nicht zu, ich hege eine große Neugier, was Neues angeht.

Dein Beispiel ist fast überzeugend, was die Haltung der Beteiligten angeht (wobei ich keine Ahnung habe, wer Isang Yun ist). Aber, mein Einwand: wenn ein Regisseur (der ja im Gegensatz zu einem Komponisten wohl anwesend sein sollte) es nicht schafft, dem Team seine Intentionen so zu erklären, dass die Mitwirkenden darin eine gewisse Berechtigung sehen und mitmachen, dann sehe ich schwarz für das Verständnis der Zuschauer.

Und nach wie vor meine ich, dass ich nicht alles gesehen oder erlebt haben muss, um mir Meinungen zu bilden. Ich muss mir keinen Porno ansehen, um zu wissen, dass ich das wahrscheinlich nicht mag bzw. es reicht mir auch die Beschreibung eines Dritten zu einem konkreten Film, um zu wissen, dass es im konkreten Fall Mist ist. Sorry für den drastischen Vergleich, aber ich möchte einfach dieses Totschlagargument nicht akzeptieren.
Heike.
satie (23.04.2009, 18:30):
@Solitaire und Hebre:

um über ein konkretes künstlerisches Ereignis etwas VERBINDLICHES sagen zu können, muss man es erlebt haben. Eine Beschreibung der Mona Lisa genügt nicht, um sagen zu können, ob es ein schönes Bild ist oder nicht. Die Maltechnik Da Vincis hingegen kann man eventuell aber rein theoretisch nachvollziehen.

Ob die ägyptischen Pyramiden interessant sind, kann man nur sagen, wenn man vor ihnen gestanden hat, auch wenn man darüber Dokumentationen, Bücher und weiß nicht was gesehen hat.

Beim Porno würde ich es auch auf den konkreten Porno ankommen lassen, wenn man auch grundsätzlich einiges an der Sache kritisieren könnte...

Es ging ja hier nur darum, dass man halt nicht einfach die Aussagen aus Tageszeitungen für bare Münze nehmen kann. Sicher: man kann sich überlegen, ob man sich damit konfrontieren will. Das konkrete Ereignis aber muss erlebt werden, um wirklich darüber etwas sagen zu können.

Herzlich,
S A T I E
Heike (23.04.2009, 22:16):
Ob die ägyptischen Pyramiden interessant sind, kann man nur sagen, wenn man vor ihnen gestanden hat,

:cool :cool :cool
Ich bin ganz anderer Meinung, also da kommen wir nicht auf einen Nenner, müssen wir ja auch nicht.

um über ein konkretes künstlerisches Ereignis etwas VERBINDLICHES sagen zu können, muss man es erlebt haben.
Was ist "verbindlich" in diesem Zusammenhang? Die Beschreibung, dass z.B. viel Blut fließt? Ja, das ist eine Tatsache, der ich aber auch glaube, wenn sie mir durch eine verlässliche Quelle beschrieben wird. Hingegen halte ich bewertende Urteile eines Zusehers nie für verbindlich, sondern es bleibt immer subjektiv.

Deshalb war von "verbindlich" nie die Rede - aber ich kann mir allein aufgrund Aussagen Dritter bereits eine etwaige, vorläufige oder sogar relativ klare Meinung bilden.
Heike
Solitaire (24.04.2009, 15:43):
Mit Verlaub, aber kann man über ein künstlerisches Ereignis oder ein Kunstwerk überhaupt etwas Verbindliches sagen oder liegt es nicht eher in der Natru der Dinge, daß solche Aussagen eher subjektiv sind. (Von Aussagen wie " XYZ hat trotz Erkältung bis zum Ende der Vorstellung druchgehalten und das hohe C gesungen" etc. mal abgesehen).
Ich habe, um beim Beispiel Malerei zu bleiben, die Mona Lisa gesehen. Ich habe davor gestanden und sie hat mich ganz furchtbar kalt gelassen. Ist das jetzt "verbindlich", oder subjektiv? Hingegen hat mich der "Alte Fischer" oder "Sterbende Seneca" mitten ins Herz getroffen, während er meine Freundinnen ungerührt gelassen hat. Aber alle drei haben wir davor gestanden. Welche Empfindung ist jetzt verbindlich?
Ich finde Villazón grandios, andere können den Kerl nicht ausstehen der Grund sind in beiden Fällen die gleichen Aufführungen und Aufnahmen. Wer hat "recht"? Haben die recht, die der Ansicht sind, die unüberhörbaren Stimmprobleme von Maria Callas könnten durch allen Ausdruck dieser Welt nicht vergessen gemacht werden, oder haben Leute wie ich recht, die der Ansicht sind, daß sie trotz all ihrer Probleme, Schärfen, Intonationsschwächen etc. immer die größte Sängerin aller Zeiten bleiben wird? Wir haben die gleichen Aufnahmen gehört, die gleichen wenigen Filmmitschnitte gesehen. Wessen Aussage ist nun verbindlich?
Ist eine Aussage verbindlich wenn sie von einem Profi kommt, einem Kollegen vielleicht? Ist Christa Ludwigs Aussage Roberto Alagna sei einer der größten Tenöre unserer Zeit verbindlich weil sie vom Fach ist, während meine Ohren mir sagen daß er mittlerweile bestenfalls ganz passabel singt ?
Ihr seht, worauf ich hinaus will und worauf ich keine Antwort habe.
Eure Meinung interessiert mich aber.
satie (25.04.2009, 00:05):
Original von Solitaire
Mit Verlaub, aber kann man über ein künstlerisches Ereignis oder ein Kunstwerk überhaupt etwas Verbindliches sagen oder liegt es nicht eher in der Natru der Dinge, daß solche Aussagen eher subjektiv sind. (Von Aussagen wie " XYZ hat trotz Erkältung bis zum Ende der Vorstellung druchgehalten und das hohe C gesungen" etc. mal abgesehen).
Ich habe, um beim Beispiel Malerei zu bleiben, die Mona Lisa gesehen. Ich habe davor gestanden und sie hat mich ganz furchtbar kalt gelassen. Ist das jetzt "verbindlich", oder subjektiv?

Sowohl als auch! Vielleicht ist "verbindlich" ein zu unverbindlicher Begriff...Mir geht es darum, dass man trotz Beschreibung nicht wüsste, wie die Mona Lisa wirklich aussieht. Die Reaktion auf den realen Anblick ist subjektiv, aber absolut für den jeweiligen Betrachter, und nicht relativ. Das meinte ich mit "verbindlich". Direkter Niederschlag der subjektiven Rezeption, und nicht Ausdruck der Reaktion auf eine Beschreibung durch einen ebenfalls wieder subjektiv agierenden Mittler, der bereits den Filter persönlicher Vorlieben und Abneigungen zwischen Erlebnis und Darstellung des Erlebnisses geschaltet hat.



Hingegen hat mich der "Alte Fischer" oder "Sterbende Seneca" mitten ins Herz getroffen, während er meine Freundinnen ungerührt gelassen hat. Aber alle drei haben wir davor gestanden. Welche Empfindung ist jetzt verbindlich?

Jede!

Ich finde Villazón grandios, andere können den Kerl nicht ausstehen der Grund sind in beiden Fällen die gleichen Aufführungen und Aufnahmen. Wer hat "recht"? Haben die recht, die der Ansicht sind, die unüberhörbaren Stimmprobleme von Maria Callas könnten durch allen Ausdruck dieser Welt nicht vergessen gemacht werden, oder haben Leute wie ich recht, die der Ansicht sind, daß sie trotz all ihrer Probleme, Schärfen, Intonationsschwächen etc. immer die größte Sängerin aller Zeiten bleiben wird? Wir haben die gleichen Aufnahmen gehört, die gleichen wenigen Filmmitschnitte gesehen. Wessen Aussage ist nun verbindlich?
Ist eine Aussage verbindlich wenn sie von einem Profi kommt, einem Kollegen vielleicht? Ist Christa Ludwigs Aussage Roberto Alagna sei einer der größten Tenöre unserer Zeit verbindlich weil sie vom Fach ist, während meine Ohren mir sagen daß er mittlerweile bestenfalls ganz passabel singt ?
Ihr seht, worauf ich hinaus will und worauf ich keine Antwort habe.
Eure Meinung interessiert mich aber.

Es geht nicht um Recht. Ich merke schon, dass dieser Begriff der Verbindlichkeit von mir viel zu unbedacht in die Runde geworfen wurde. Er war schlecht gewählt, weil ich eine persönliche Verbindlichkeit meinte, die nicht unbedingt etwas allgemein gültiges meint. Ich hatte ein Wort gesucht, das zum Ausdruck bringt, dass eine gewisse Gültigkeit hinter der Aussage steckt, die eben durch die direkte Erfahrung entsteht. Die Aussage des Kritikers ist also durchaus verbindlich, aber nur für ihn, während jede Aussage, die nur auf dieser extrem mittelbaren Referenz beruht, für das tatsächliche Ereignis, um das es ging unverbindlich sein muss.

Verbindliche Grüße,
S A T I E
Heike (25.04.2009, 08:21):
Hallo Satie,
danke für deine nochmalige Erklärung, jetzt verstehe ich besser, was du meinst.
Die Reaktion auf den realen Anblick ist subjektiv, aber absolut für den jeweiligen Betrachter, und nicht relativ
Selbst das gilt aber nur für den Augenblick, oder? Vor 10 Jahren hörte ich Wagner und fand es furchtbar, heute liebe ich ihn.
Heike
Gamaheh (25.04.2009, 12:45):
„Verbindlich“ ist für mich eine Meinung, die ich bereit bin zu vertreten – eine, die mich bindet. Ein erster Eindruck, eine spontane Äußerung kann (für mich) nur unverbindlich sein, da ich möglicherweise beim zweiten Betrachten, beim zweiten Hören, nach dem einen oder anderen Gedanken, anders denke. Insofern kann man natürlich eine „verbindliche Meinung“ nur nach eigenem Eindruck abgeben, denn wer will sich schon aufgrund von Informationen aus zweiter Hand binden? (Es sei denn auf der Basis von übergeordneten, prinzipiellen, theoretischen Grundsätzen.)

Dies ist meiner Meinung nach auch ein Problem der Kritik: Diese werden in aller Regel nach einem kurzen ersten Höreindruck (im Falle von Musik) geschrieben und stellen eine völlig unverbindliche Meinung dar, werden aber häufig anders gelesen (zumal sie auch oft wie ein endgültiges Urteil daherkommen).

Die der Verbindlichkeit ist auch eine Vorstellung, die für Interpretationen interessant ist. Wenn sie unverbindlich sind (aber durchaus gewisse Qualitäten haben), werden sie oftmals einhellig von der Kritik begrüßt (etwas, was einen warnen sollte). Wenn sie für den Interpreten verbindlich sind (d.h. wenn dieser hinter seiner Interpretation steht, weil sie etwas Eigenes, seine „Wahrheit“ ausdrückt), sind die Kritiker sich meist nicht einig. Oscar Wilde hat es so formuliert: „Meinungsvielfalt über ein Kunstwerk zeigt, daß das Werk neu, komplex und lebensfähig ist.“ Ich glaube, eine ähnliche Diskussion hatten wir hier schon einmal.

Subjektiv ist ein Eindruck, eine Meinung, die auf Wahrnehmung beruht, immer. Denn sie wird durch die Persönlichkeit des Betrachters, des Hörers gefiltert, und jeder hat eine andere Sensibilität, ein anderes Empfinden, eine andere Geschichte, eine andere (Vor-) Bildung (im weitesten Sinne) und nimmt nicht nur anders, sondern auch anderes, wahr. Deshalb kann sich diese auch im Laufe der Zeit ändern, denn bei jedem ändern sich diese Voraussetzungen im Laufe der Zeit.

Das heißt aber (für mich) auch, daß eine Wahrnehmung niemals absolut sein kann, d.h. losgelöst von den diversen Voraussetzungen des Wahrnehmenden, sondern immer nur relativ zu diesen und zu der Situation, in der dieses Ereignis der Wahrnehmung stattfindet.

Jetzt muß ich aber meinen Verbindlichkeiten nachkommen und arbeiten ...

Euch allen ein schönes Wochenende wünscht
Gamaheh
Solitaire (25.04.2009, 16:56):
Danke für eure Antworten! Werde mich bald dazu äußern. Zur Zeit stecke ich im Post-Umzugs-Chaos. Der PC ist so ziemlich das Einzige, was sich noch in der alten Wohnung befindet, und hier bin ich nur ganz selten wegen der Post.
Das wird sich alles hoffentlich bald ändern.
satie (25.04.2009, 17:02):
Original von Hebre
Hallo Satie,
danke für deine nochmalige Erklärung, jetzt verstehe ich besser, was du meinst.
Die Reaktion auf den realen Anblick ist subjektiv, aber absolut für den jeweiligen Betrachter, und nicht relativ
Selbst das gilt aber nur für den Augenblick, oder? Vor 10 Jahren hörte ich Wagner und fand es furchtbar, heute liebe ich ihn.
Heike

Genau!
Gamaheh (07.05.2009, 01:31):
Wie ich höre, hat sich die Sopranistin krank gemeldet, und die Premiere von Samson wird um eine Woche verschoben.

Na denn gute Nacht!
Gamaheh
Heike (07.05.2009, 08:15):
Frau Hesse von den Steinen scheint aber "nur" akut krank zu sein und ncht traumatisiert. Sie war ja erst Mitte April für ihre Kollegin Dalia Schaechter eingesprungen, die aus der Produktion ausgestiegen war. Siehe dazu auch den artikel in Spiegel online von 20.4.:

"Choristinnen litten, ärztlich attestiert, unter "körperlichen und seelischen Krankheiten" und brachen auf der Bühne in Tränen aus, ein Drittel des Chors meldete sich inzwischen krank, diverse Solisten kündigten unter Protest ihre Mitarbeit auf, die Mezzosopranistin Dalia Schaechter warf sogar die weibliche Hauptrolle hin: In Köln sackt jetzt auch die Oper ab. Rund eine Woche vor der Premiere am 2. Mai droht dem Dreiakter "Samson und Dalila" des französischen Romantikers Camille Saint-Saëns der Garaus. Grund sind drastische Kriegs- und Vergewaltigungsszenen aus dem heutigen Gaza, mit denen Regisseur Tilman Knabe den biblischen Stoff aus dem vorchristlichen Palästina aktualisiert und schon bei den Proben für Turbulenzen gesorgt hat. Vorsorglich empfahlen die Bühnen ein Mindestalter von 16 Jahren für Besucher der Vorstellung. Zwar hält auch Peter F. Raddatz, geschäftsführender Intendant des aufgewühlten Hauses, Knabes Version des Bibeldramas für "keine leichte Inszenierung", doch könne das Stück "sich sehen lassen". Ob es sich auch hören lassen kann, scheint fraglich: Nachdem der Vorstand die krass ausgedünnte Besetzung des in dem Dreiakter vollbeschäftigten Opernchors für "nicht mehr singfähig" bezeichnet hat, wäre es möglich, dass auch Kölns Erster Kapellmeister Enrico Delamboye aus der boykottierten Produktion aussteigt."
DER SPIEGEL 17/2009
Travi (12.05.2009, 21:50):
Nach dem vielzitierten Presse-Brimborium ante factum fand ich gestern nun endlich einen Artikel nach der Aufführung. Hier also zur Abwechslung mal die Stimme von einer, die das Stück in Köln erlebt hat. Regine Müller schrieb am 11.05. in der Düsseldorfer Rheinischen Post unter dem Titel Und der Skandal? Oper "Samson".

Natürlich vergisst sie nicht den psychischen Stress zu erwähnen, dem sich vor allem die beteiligten Statisten ausgesetzt gesehen hätten. Der Skandal sei bei der Premiere aber ausgeblieben; im Gegenteil habe es überwiegend stürmische Begeisterung gegeben. (Die Kritikerin selbst gibt sich eher verhalten.) Dirigent (Enrico Delamboye) und Orchester (Gürzenich-) werden gelobt, die Solisten scheinen bis auf die erkrankte Ursula Hesse von den Steinen, die nicht selbst sang sondern singen ließ, ordentliche Arbeit geleistet zu haben. "Viel Lärm um nichts", heißt es abschließend.

Jetzt wäre es interessant, hier von jemandem zu hören, der auch dabei war.

:hello
Hosenrolle1 (24.04.2016, 00:21):
Ich habe mir gerade die biblische Handlung von Samson auf Wikipedia durchgelesen; darin kommen solche Stellen vor wie:



.) Er begegnet einem Löwen: „Da kam der Geist des Herrn über Simson, und Simson zerriss den Löwen mit bloßen Händen, als würde er ein Böckchen zerreißen“ (Ri 14,6 EU). Auf der Reise zur Hochzeit findet er im Kadaver einen Bienenstock; er nimmt vom Honig und teilt ihn mit seinen Eltern, ohne dessen Herkunft zu verraten.

.) Da sich Samson nicht in der Lage sah, die von ihm versprochenen Festkleider einzulösen, ging er ins nahe gelegene Askalon und erschlug dort dreißig Männer und raubte deren Festkleider.

.) fand Samson seine Frau von ihrem Vater, einem Brauch gemäß, mit dem Bräutigamführer verheiratet

.) Samson geriet dadurch in Zorn und trieb eine Horde in Panik versetzter Füchse, deren Schweife in Brand gesteckt waren, durch die Felder der Philister und brannte diese so nieder.

.) Als die Philister erkannten, dass die Ursache dieser Zerstörung in der Wegnahme von Samsons Frau durch deren Vater lag, brannten sie dessen Haus samt Bewohnern nieder.

.) Bei der Übergabe zerriss er aber die Seile und erschlug mit dem Kieferknochen eines Esels sodann 1000 Philister.

.) Samson wurden seine Haare abgeschoren und daraufhin wurde er durch die Philister gefangengenommen, geblendet und als Blinder zum Mahlen von Getreide eingesetzt, eigentlich eine typische Arbeit weiblicher Sklaven, die als besonders entehrend galt (vgl. Jes 47,2 EU).



Ich bin zwar auch kein Freund von Modernisierungen, aber das Original ist, wie auch die restlichen Geschichten in diesem Behauptungskatalog (ein herrlich zutreffendes Wort des Kabarettisten Gunkl!), an sich schon voller Mord und Totschlag, Tierquälerei und einer ekelhaften frauenverachtenden Grundhaltung. Da kann ich jeden Regisseur verstehen, der da nichts beschönigt. Drastische Kriegsszenen, Gewalt und Folter gab es auch vor 2000 Jahren und davor.
Ich bin mir fast sicher, der "Skandal" wäre genauso groß gewesen, wäre der Regisseur in der damaligen Zeit geblieben, und hätte dennoch brutale Szenen gezeigt.

Deswegen würde ich das Publikum da fragen: was erwartet ihr von einer Bühnenumsetzung eines Stoffes aus einem Buch, das voller Gewalt ist? Ein nettes Krippenspiel mit süßen Schafen und Heiligenscheinen?




LG,
Hosenrolle1