als jahrezentelanger (wenn auch sporadischer) Hörer des Klassikforums im WDR3 mußte ich heute mit Fassungslosigkeit das folgende Interview mit Herrn Stegemann (Moderator) zur Kenntnis nehmen:
https://van.atavist.com/stegemann
Was sich die deutschen Medien mittlerweile leisten, ist m.E. Konsumentenver***sche (sorry, mit fällt nichts passenderes ein!). Und das alles soll ich mit meinen zwangsweise eingezogenen Beiträgen auch noch finanzieren...
Werde dort einen Protestbrief hinschreiben und selbstverständlich keinen WDR3 mehr hören. Was zu viel ist, ist zu viel.
Maurice inaktiv (21.03.2021, 00:31): Ich bin darüber weder überrascht noch schockiert. Es entspricht doch genau dessen, was uns auch im TV-Programm inzwischen von den Sendern angetan worden ist: Larifari-Sendungen und Larifari-Talk, möglichst linientreu, denn die Politik mischt eh immer mit. Dazu weg mit den Alten, die sind eh nicht mehr lange da. Klassik hören weit überwiegend ältere Menschen, die sich dafür auch noch wirklich interessieren, junge Leute können in der Tat mit dem ganzen Fach-Gesülze nichts mehr anfangen.
Bitte nicht falsch verstehen, es ist der Ist-Zustand in den Schulen, Universitäten ( mit Ausnahmebereichen, klar), im Arbeitsleben. "intelligente und hoch studierte" Vorgesetzte haben, nachdem offenbar das WDR-Radio viele Hörer verloren hat, eine Umfrage geschaltet. Das Ergbnis war eindeutig, und es wurde entsprechend gehandelt. Und wenn dann auch noch die Moderatoren passenderweise bereits 65 Jahre alt sind, ist es ein Wunder, dass sie überhaupt noch da waren. So ist es nun mal inzwischen nahezu überall.
Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Jazz-Konzerte gespielt, die auch entsprechend mit Musik und Moderation ausgestattet waren. Bei den Stücken konnte ich immerhin bei den Veranstaltungen weitgehend alleine entscheiden was ich spielen wollte (natürlich auf de jeweilige Besetzung ausgelegt), bei der Moderation merkte ich sehr schnell, dass selbst die ältere Generation, die dort überwiegend zu finden war, mit zu vielen Angaben bereits an ihre Grenzen kamen. Also musste ich diesen Stil komplett neu ausrichten, damit es auch noch der Dümmste gut verstehen konnte. Fachbegriffe vermeide ich weitgehend, sie werden nicht mehr verstanden. Das ist leider so. Die, die wirklich was wissen wollen, kommen dann in der Regel in Pausen oder am Ende auf einen zu und fragen nach.
Für mich ist das Radio nur noch für 15-30 Minuten am Samstag Nachmittag interessant, wenn die Reportage zur Fußball-Bundesliga an der Reihe ist. Mehr Radio höre ich seit vielen Jahren nicht mehr. Ich mache mir mein Programm selbst.
Jan Van Karajan (21.03.2021, 10:20): Zunächst einmal: Ich kenne die Sendung an sich nicht, meine bevorzugten Stationen sind NDR und BR. Dennoch verstehe ich euren Ärger, den Artikel hab ich nämlich vorhin gelesen. Was wir hier sehen, zeigt wieder einmal, wie sehr die Hochkultur seit Jahren schon zu leiden hat. In anderen Bereichen gilt der Klassikfan schon lange als Sonderling (meine Gedanken dazu hatte ich damals schon im entsprechenden Faden beschrieben), da war es meiner Meinung nach nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die letzten Bastionen im Rundfunk dem "Mainstream" zum Opfer fallen. Und so kommt es ja auch immer häufiger. NDR Kultur spielt nur noch einzelne Ausschnitte am Vormittag und Nachmittag, wer die Stücke vollständig hören möchte, muss warten bis zum Abend und teilweise bis zum Nachtkonzert. Sonst kommen ganze Stücke nur zwischendurch vor. Der BR handhabt das Gott sei Dank anders und spielt überwiegend ganze Stücke. Im Fernsehen spielt die klassische Musik ohnehin kaum noch eine Rolle. Über solche Frechheiten bin ich sehr traurig. Ja, die Geschmäcker sind verschieden, das sollen sie auch ruhig immer bleiben. Aber dennoch meine ich zu sehen, wie sich unsere eigentlich so reiche Kulturlandschaft auf den Abgrund zubewegt. Gangsta-Rap statt Goethe, Pop-Massenware statt Beethoven. Freilich mögen auch diese Dinge für viele Leute ihren Reiz haben, aber dennoch sollte man auch den Rest bewahren, eben damit unsere Kultur weiterhin bewahrt wird. Massengeschmack und Hochkultur können auch gemeinsam existieren. Entsprechend muss aber auch beides geschützt werden. Grüße Jan :hello
Guenther (21.03.2021, 10:24): Vor allem gibt es für diesen zwangsfinanzierten Dienst überhaupt keinen Grund, nach der "Quote" zu schielen, da "inhaltlich umfassend" und auch für Minderheiten ausgestrahlt werden soll.
Vgl. hierzu u.a.: Der Grundversorgungsauftrag beinhaltet: die technische Gewährleistung des Rundfunkempfanges für die gesamte Bevölkerung ein inhaltlich umfassendes Programmangebot (Gebot der Programmvielfalt; sowohl Sendungen für die breite Masse als auch für Minderheiten) eine ungekürzte Darstellung der Meinungsvielfalt (Meinungspluralität) Zusammengefasst und spezifiziert ist dieser Grundversorgungsauftrag in § 11 RStV (Rundfunkstaatsvertrag):
Oder auch den Beitrag des wiss. Dienstes des Bundestages:
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss demnach zur Erfüllung seines Auftrags die gesamte Bandbreite gesellschaftlichen Lebens und die kulturelle Vielfalt widerspiegeln können, sich an alle richten und für alle erreichbar sein (HARTSTEIN/RING/KREILE/DÖRR/STETTNER 2004, § 11 RStV, Rn 3). "Alle" hieße eben auch solche, die noch wissen, was ein Libretto ist...
Jan Van Karajan (21.03.2021, 10:43): Genau so ist das nämlich. Es muss nicht immer alles nach Quoten geregelt werden, man kann ja trotzdem Rücksicht auf Minderheiten nehmen. Auch auf die, die wissen, was ein Libretto ist;). Programmvielfalt ist ja ohnehin sicher, Sender gibt es ja mehr als genug. Naja. Man kann nur hoffen, dass zumindest ein Teil der Qualität erhalten bleibt. Grüße Jan :hello
Leonardo (21.03.2021, 13:02): Ich habe das "Klassikforum" auf WDR3 nie gehört, aber dafür die "Interpretationen" auf Deutschlandfunk Kultur (immer Sonntags um 15 Uhr), in denen Michael Stegemann regelmässig zu Gast ist. Er ist ein sehr interessanter, informativer, hintergründiger und kompetenter Musikwissenschaftler. Darüberhinaus auch sympathisch.
Was sich da jetzt beim WDR abspielt ist für mich schlichtweg ein Vernichtungsschlag gegen diese Sendung und gegen die Hochkultur (zu der die klassische Musik gehört). Als ich diesen van-Text gelesen habe, stand ich erstmal unter Schock. Kann das wirklich wahr sein? Ja, es ist wahr. Ich weiss eigentlich nicht, was ich dazu sagen soll. Es passt eben zum Zeitgeist und zur brutalen Realität, in der wir mittlerweile leben müssen. Mein Hass und meine Wut auf den ÖRR steigen kontinuierlich an: es werden Rundfunkorchester fusioniert, gewachsene Strukturen zerstört und zerschlagen, irreparable Schäden angerichtet, Seriosität verbannt etc.pp. Gleichzeitig werden die Rundfunkgebühren immer weiter erhöht. Vermutlich um irgendwelche Pensionäre zu versorgen.
Und wenn ich dann solche schrecklichen Begriffe wie "Durchhörbarkeit" lese, wird mir schlecht. Es geht wirklich nur noch um Konsum ohne Ende, bitte keine Irritation mehr, kein kritisches Hinterfragen, einordnen, sortieren, systematisieren. Stegemann ist bei diesem Prozess einfach im Weg, er kennt sich aus mit der Musik- und Interpretationsgeschichte, bringt viele ältere Aufnahmen. Das darf eben nicht mehr sein. Es sollen nur noch Neuerscheinungen gebracht werden, Kaufmann, Mutter, Levit usw.
Es steht einfach schlecht, grundsätzlich. "Corona" beschleunigt den kulturellen Zerstörungs- und Zersetzungsprozess massiv, man weiss ja gar nicht, wie der ganze Betrieb mal weitergehen wird. Ich verliere sowieso immer mehr die Lust darauf.
Leonardo
Leonardo (21.03.2021, 14:27): Von 15.05 Uhr bis 17 Uhr gibt es auf Dlf Kultur wieder die "Interpretationen". Heute mit Robert Kolinsky und Elisabeth Hahn.
Thema: Eine gespenstische Geschichte. Die Klavierkonzerte von Bohuslav Martinu.