Strauss: Der Rosenkavalier

Florestan (08.09.2013, 13:59):
ich möchte gerne den Reigen der Opern von Richard Strauss mit "Der Rosenkavalier" fortsetzen.

Dies ist nämlich meine absolute Lieblingsoper!

Besetzung und Inhaltsangabe kann jeder im Internet leicht nachschlagen, z.B. hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Rosenkavalier

Strauss hat hier in Punkto musikalischer Entwicklung einen Gang zurückgeschaltet. Zwar ist die Partitur voller raffinierter Orchestereffekte, aber die Tonsprache orientiert sich wieder mehr am Idiom seiner späten sinfonischen Dichtungen. Die Sinfonia Domestica wurde ja ein paar Jahre vorher komponiert.
Die Handlung spielt zur Zeit der Regentschaft Maria Theresias, aber die Walzer, von denen es in der Oper reichlich gibt, gehören nicht in diese Zeit. Strauss nutzt sie auch quasi retrospektiv zur Illustration einer imaginären Wiener Stimmung. Aber der eigentliche Kern dieser Oper ist das Thema Zeit und Vergänglichkeit. In der Inszenierung von Ruth Berghaus, die ich in Frankfurt gesehen habe, wurde das sehr eindrücklich thematisiert. Wir sehen eine alternde unbefriedigte Frau (die dies zumindest als ihr Problem ansieht), die sich über einen jugendlichen Liebhaber jünger machen möchte, und der noch ältere Baron von Lerchenau, der sich eine junge Frau kaufen möchte, aber ohne Geld, das hofft er ja noch obendrein zu erhalten, nur durch seinen Stand. Wenn man will kann man hier durchaus Sozialkritik herauslesen, denn die adligen Herrschaften kommen nicht so gut weg. Sophie ist ja eine „bürgerliche“. (Sie dürfte in dieser Rolle übrigens etwa gleichaltrig zu unserer Hyacinth gewesen sein.)
Im langen Monolog der Feldmarschallin am Ende des 1. Aufzugs wird das Thema Zeit breit ausgeführt. Man hört sogar die Schläge der Uhr, welche die Feldmarschallin manchmal in der Nacht anhält, im vergeblichen Versuch damit auch die Zeit anzuhalten.

Musikalisch zieht Strauss hier alle Register, die ihm zu der Zeit zu Gebote standen, und das waren einige. Allerdings dient das immer noch vielen zu den abfälligen Bemerkungen über den fehlenden Tiefsinn (s. den entsprechenden Thread).

Es geht bereits mit dem schwungvollen Hornmotiv zu Beginn des Vorspiels los, gespannte Erwartung. Es soll ja eine Liebesnacht schildern. Und dann diese Harmonien! Wer im Klavierauszug mitliest bekommt eine Vorstellung davon, wie unglaublich kühn diese Harmonien sind. Das ist so was von umwerfend komponiert, das muss man einfach bewundern.
Dann diese lockere Szenenführung mit dem tumben Baron von Lerchenau, der aber gewitzt ist, und sich seinen Vorteil zu verschaffen weiß. Da können die beiden anderen nur staunen. (Am Ende bekommt er ja dann sein „Fett“ weg). Dann die schönste italienische Arie ausserhalb einer italienischen Oper. Zum Schluss des 1. Aktes kommt dann in dem besagten Monolog das eigentliche Thema der Oper zum Ausdruck: Zeit und Vergänglichkeit.

Und vor allem der 2. Aufzug. Diese gespannte Erwartung der Sophie, die ja annimmt einen fast gleichaltrigen als Mann zugeführt zu bekommen. Die ganze erste Szene ist ein gewaltiges Crescendo. Und dann auf dem Höhepunkt erscheint der Rosenkavalier mit einem gewaltigen Paukenschlag. Plötzlich ist Stille, die Spannung ist abgefallen. Es erklingt das Rosenmotiv, fein und silbrig instrumentiert mit Harfe und Celesta. Strauss hat hier sein ganzes Können als Intrumentator aufgeboten, und da war er der wahre Meister. Dann die Übergabeszene. Oktavian denkt zuerst dass er sich einer Pflichtaufgabe entledigen muss, blickt dann auf zu Sophie und verliebt sich sofort in Sie, wobei sie noch schüchtern bleibt (sie soll ja jemand anderen heiraten). Die Musik entwickelt hier eine Qualität die man kaum aushalten kann (ist bereits zu schön als dass mans ertragen kann). Die beiden Soprane verschränken sich zu einem wunderschönen Duett. Ihre Begeisterung spielt sich jedoch auf unterschiedlichen Ebenen ab. Octavian ist sofort Feuer und Flamme. Bei Sophie kommt der Durchbruch erst im 3. Akt, nach der Ernüchterung ob ihres Zukünftigen.

Was dann kommt ist Komödie, aber so fein gezeichnet wie in den besten Theaterstücken. Hoffmannsthal war ja ein großer Bühnenautor, und in der Lage eine Handlung schlüssig zu entwickeln. Man sollte den Briefwechsel zwischen den beiden lesen. Strauss treibt Hoffmansthal immer wieder an, ist ungeduldig, und nimmt heftig Einfluß auf die Gestaltung. Dies ist kein nachkomponiertes Drama, sondern in der Interaktion zweier Genies entstanden. Die Reihe von Opern die hauptsächlich wegen des schlechten Librettos vergessen sind ist lang.
Der Schluß ist nun wieder ganz herausragend. Die Marschallin, die jetzt endgültig erkennt, dass sie ihren jugendlichen Liebhaber an eine andere verloren hat (aber der nächste steht schon bereit), bäumt sich noch einmal gegen diese Gewissheit auf. Und die beiden jungen Verliebten, die jetzt erkennen wie lieb sie einander haben vergessen alles um sie herum. Die ironische Brechung bringt Sophies Vater „Die jungen Leut sind halt a so“. Dann wieder diese Harmonien im Terzett der drei Frauenstimmen, mit untrügerischer Dramaturgie zum krönenden Höhepunkt geführt. Das Schlussduett ist nur mehr eine Coda. Finita della Commedia.

Die Liste der Aufnahmen ist sehr lang und prominent besetzt. Aber ein Name steht für den Rosenkavalier schlechthin, genaugenommen Vater und Sohn: Kleiber.
Für mich ist Carlos Kleiber der ideale Dirigent für diese Oper, und keine andere hat er so oft aufgeführt. Allerdings fühlte er sich seinem Vater immer unterlegen, was ich nicht nachvollziehen kann. Zwar ist die berühmte Aufnahme mit Maria Reining als Marschallin, Sena Jurinac als Octavian und Hilde Güden als Sophie ein Meilenstein in der Diskografie, aber der Sohn hat in fast allen seiner Aufnahmen dieses Niveau erreicht, und vielleicht noch getoppt.

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Seltsamerweise gibt es keine autorisierte CD Aufnahme mit Carlos Kleiber. Nur die beiden Mitschnitte aus Wien und München (beidesmal in der Inszenierung von Otto Schenk) als Video bzw. DVD sind offiziell.

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Die Wiener Besetzung mit Felicity Lott, Babara Bonney und Anne-Sophie von Otter ist ersta Wahl, aber auch die Münchner ist ebenbürtig.

Daneben gibt es aber noch zahlreiche Mitschnitte, die mittlerweile erhältlich sind. Darunter jene aus München mit Claire Watson (Marschallin), Brigitte Fassbender (Octavian) und Lucia Popp (Sophie), sowie Karl Ridderbusch (Baron Ochs). Die Popp zusammen mit der Fassbender waren ein Traumpaar! Besser gehts nimmer (vergleiche dazu z.B. auch Hänsel und Gretel unter Solti).

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Viel gepriesen wird auch die Aufnahme mit Karajan und Elisabeth Schwarzkopf als Marschallin, Christa Ludwig als Octavian und Theresa Stich-Randall als Sophie. Für mich rangiert diese Aufnahme in 2. Reihe, trotz der grandiosen Leistung der Schwarzkopf (die man allerdings mögen muss) und Ludwig.

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Eine interessante historische Aufnahme möchte ich zum Schluss noch nennen:

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Salzburger Festspiele 1949. Maria Reining und Hilde Güden wie bei Erich Kleiber und Jarmila Novotna als Octavian. Die beiden erstgenannten waren zu der Zeit noch ein wenig jünger, die Aufnahme mit Kleiber entstand 5 jahre später, und das hört man ihren Stimmen durchaus an. Hilde Güden ist für mich ohnehin die Sophie par excellence. Die Klangqualität ist nicht gut, aber das musikalische Ergebnis erstklassig.

Ich freue mich auf weitere Beiträge, z.B. falls jemand die Aufnahme mit Böhm, und Irmgard Seefried als Octavian hat und kennt. Darauf bin ich noch erpicht, warte aber auf moderatere Preise.

LG Florestan
Florestan (10.02.2014, 21:06):
Für den Rosenkavalier scheint sich wohl niemand zu interessieren, denn gelesen wurde dieser Artikel häufig aber ohne Resonanz.

Mittlerweile habe ich noch eine weitere Aufnahme dazubekomen, nämlich jene aus Dresden von 1958 unter Karl Böhm, sicher einer der profiliertesten Strauss-Dirigenten. Für die Hauptrollen waren Marianne Schech als Feldmarschallin, Irmgard Seefried als Octavian und Rita Streich als Sophie verpflichtet. Als Faninal übrigens Dietrich Fischer-Dieskau. Das Ergebnis ist sehr beeindruckend, und befriedigt mich mehr als die frühe Aufnahme mit HvK. Ich hatte mich besonders auf Irmgard Seefried gefreut, die ich sehr bewundere, finde sie jedoch hier nicht so überzeugend wie z.B. Brigitte Fassbender oder Anne-Sofie von Otter (beide mit ihren Partnerinnen Lucia Popp bzw. Barbara Bonney die wahren Traumpaare dieser Oper). Die Staatskapell Dresden hat ja auch eine lange Strauss Erfahrung vorzuweisen, und zu desssen Lebzeiten wurden 9 Uraufführungen in Dresden gegeben. Daher befindet sich diese Aufnahme in bester Strauss-Tradition.

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Bei der Aufzählung der Aufnahmen hatte ich ganz meine allererste, nämlich mit Georg Solti, vergessen aufzuführen. Solti gehört ebenfalls zu den grossen Strauss Dirigenten und zeichnet für eine Reihe besonderer Aufnahmen verantwortlich (z.B. eine ungekürzte Frau ohne Schatten, oder eine berückend schöne Arabella). Er hatte mit Regine Crespin als Marschallin, Yvonne Minton als Octavian und der wunderbaren Helen Donath als Sophie ein respektables Ensemble beisammen. Nicht zu vergessen Manfred Jungwirth als echt wienerischer Ochs. In der Nebenrolle des Sängers übrigens kein geringerer als Luciano Pavarotti, der seine Arie in echter Belcanto Manier singt. Solti liebt zügige Tempi und bringt eine routinierte aber dennoch inspirierte Darstellung. Insgesamt rangiert diese Aufnahme auf einem sehr hohen Niveau, und auch die Aufnahmetechnik ist für damalige Verhältnisse (1968) sehr gut.

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Florestan
Waldi (11.02.2014, 18:25):
Lieber Florestan,

Für den "Rosenkavalier" an sich und speziell für diesen Thread besteht sicher großes Interesse, was ja an den Passiv-Zahlen abzulesen ist. Die geringe Zahl an Aktiv-Schreibern berührt ein Problem, das wohl in vielen, wahrscheinlich allen Musikforen und dergleichen gegeben ist, und wofür es viele verschiedene Ursachen gibt, die schon oft diskutiert wurden und hier natürlich nicht den Rahmen sprengen sollen.
Ich selbst kann aus technischen Gründen nur ab und zu hier schreibend werden, lese aber gern mit. Bitte laß also nicht nach!

Der "Rosenkavalier" ist ein gutes Beispiel für ein Werk, das als ausgesprochen wienerisch gilt, aber dennoch von Nicht-Wienern oft ausgezeichnet dargeboten wird. Für die Marschallin möchte ich etwa auf Anna Tomowa-Sintow oder Kiri Te Kanawa verweisen, für den Ochs auf Aage Haugland.
Auf der Bühne hat mich seinerzeit Sena Jurinac bersonders beeindruckt (die aber natürlich von uns Wienern vereinnahmt wurde).
Inszenierungsmäßig hat mich alten Knochen natürlich die Alfred-Roller-Gestaltung so beeindruckt, daß sie für mich den Qualitätspegel sehr hoch gesetzt hat.

Vom legendären Salzburger Karajan-"Rosenkavalier" (Schwarzkopf - Jurinac - Edelmann) gibt es inzwischen eine farblich restaurierte Edition, die für mich mit zur Spitzengruppe zählt.

Liebe Grüße

Waldi