Florestan (07.06.2013, 16:31):
Hallo zusammen
Beim durchlesen dieses Ordners ist mir aufgefallen dass es noch sehr große Lücken in Punkto klavierbegleitetes Lied gibt. ich werde versuchen in den nächsten Monaten mal die ein oder andere zu schliessen.
Anfangen möchte ich mit Richard Strauss.
Er hat überwiegend als junger Mann und dann arrivierter Musiker Lieder geschrieben. Zum Ende seines Schaffens fast gar nicht mehr. Da er mit einer Sopranistin verheiratet war, lag es nahe, dass er überwiegend für weibliche Singstimme geschrieben hat. Auch die Hauptrollen in seinen Opern sind übrigens fast ausnahmslos Frauen.
Bei Liedern war Strauss ein "Frühstarter". So gehört der 1885 entstandene Zyklus op.10 zu seinen stärksten Liedschöpfungen und enthält so populäre Werke wie "Zuneigung" und Allerseelen. Der Textdichter Hermann von Gilm ist übrigens im Geburtsjahr von Strauss (1864) gestorben.
Neun Jahre später entstand der Zyklus op.27 aus dem z.B. das Lied "Morgen" auf ein Gedicht von Henry Mackay stammt, welches er auch für Orchester gesetzt hat, und das in dieser Version mit einem Violinsolo beginnt. Es ist ein gutes Beispiel für die Schlichtheit, mit der Strauss auch durchaus schreiben konnte. Das musikalische Geschehen entfernt sich kaum von der Grundtonart G-Dur. Der Satz ist aber so wunderbar, das es ein echtes Juwel ist. (Wenn keiner zuhört singe ich es für mich)
Bis zum Ende des Jahrtausends, da war Strauss gerade 36 Jahre alt, schuf er die Mehrzahl seiner Lieder. Danach gibt es eine große Pause in welcher er sich mit seinen Opern Salome, Elektra, Der Rosenkavalier, Ariadna auf Naxos und die Frau ohne Schatten beschäftigt hat. In der Folge sind dann nur mehr wenige Zyklen entstanden.
Eine Kuriosität ist der sog. "Krämerspiegel" op.66, komponiert 1918. Strauss, geschäfttüchtig wie er war, hatte sich immer schon darüber empört, das den Verlagen die Verfügung über die anvertrauten Werke oblag, und nicht den Schöpfern der Kunst. Daher hatte er 1998 die "Genossenschaft Deutscher Komponisten" gegründet, der Vorläufer der GEMA.
Sein Gegenspieler auf seiten der Verlage, die eine Gegeninitiative gestartet hatten, war der Komerzienrat Hugo Bock, Inhaber des Verlages Bote & Bock. Strauss hatte dem Verlag leichtsinnigerweise nach seinem op.56 die Rechte an seinem nächsten Liederzyklus vertraglich zugesichert, egal wann er geschrieben würde. Strauss trachtete nun möglichst lange dies hinauszuzögern. Irgendwann wurde es dem Verlag zu bunt und er drohte mit Klage. Statt dem Verlag nun die Lieder op.68 nach Gedichten von Brentano, die er für zu wertvoll empfand, zu überlassen, bat er den Schriftsteller Alfred Kerr ihm satirische Gedichte zu schreiben, mit denen er die Verlage verspotten konnte.
Wer die Texte liest, und sich etwas im Verlagswesen der Zeit auskennt, wird die Spitzen leicht orten können. Dazu die Texte und eine ausführlichere Erläuterung könnt Ihr unter http://www.hyperion-records.co.uk/notes/410ffedbacd78db3/67844-B.pdf
abrufen.
Ich möchte den Rahmen hier nicht sprengen, denn zu den Werken kann man sehr viel schreiben, was Ihr aber in einschlägigen Quellen nachlesen könntet. Wer tiefer einsteigen möchte kann mich ja ggf. dazu kontaktieren.
Nun zu den Aufnahmen. Auch hier werde ich mich im wesentlichen auf 2 Gesamtaufnahmen beschränken, und bin dann gespannt was noch alles genannt werden wird.
Eine ganze Zeit lang gab es als komplette Aufnahme jene mit Andreas Schmidt und Juliane Banse, begleitet von Rudolf Jansen. Diese Aufnahme ist recht ordentlich, hat aber einen entscheidenden Nachteil, das nämlich von den 8 CD's 7 von A. Schmidt gesungen werden. Nichts gegen ihn als Liedsänger, da bringt er schon einiges. Aber wie oben beschrieben hat Strauss ja meistens eine Frauenstimme im Kopf gehabt wenn er Lieder komponiert hat. Ergo sollten die auch möglichst von Frauen gesungen werden. Man stelle sich mal vor die 4 letzten Lieder würden von einem Tenor oder Bariton gesungen.
Die bei RCA (heute BMG/Sony) erschienene Box gibt es schon lange nicht mehr.
Bei Hyperion, den Spezialisten für Lieder, ist seit einigen Jahren eine neue Gesamtausgabe im entstehen. Sie wird von Roger Vignoles betreut, der schon unzählige Lieder aufgenommen hat. Wie bei Hyperion üblich, wird jedes Vol von einem anderen Sänger bestritten. Von den bisher erschienenen 6 Ausgaben werden 4 von Frauenstimmen gesungen. Ich kann diese Einspielungen vorbehaltlos empfehlen, da sie nicht nur vorbildlich ediert sind (die Beihefte bei Hyperion sind fast immer Spitze), sondern auch sängerisch einiges zu bieten haben. Einige der Sänger waren mir bisher noch unbekannt (Kiera Duffy und Elisabeth Watts), aber eine sehr angenehme Begegnung der ersten Art.
Vielleicht habe ich jetzt die ein oder andere Eule nach Athen getragen, oder Interesse geweckt. Ich würde mich jedenfalls über reichlich Resonanz freuen, wenngleich mir klar ist, das Lieder nicht jedermanns Sache sind.
LG Florestan