Strawinski - The Rake's Progress - Karriere eines Wüstlings
Heike (11.12.2010, 13:58): The Rake's Progress - Karriere eines Wüstlings Igor Strawinski
Entstehung: Die Oper wurde 1951 geschrieben und ist eigentlich Strawinskis einzige große abendfüllende Oper. Das Libretto schreiben W. H. Auden und Chester Kallman. Als Vorlage zu dieser Oper diente die Gemälde- und Kupferstichserie A Rake’s Progress („Der Werdegang oder Lebenslauf eines Wüstlings“) des englischen Malers William Hogarth. Das Werk bildet den Höhepunkt in Strawinskis neoklassizistischer Periode.
zur Musik: Also das ist leicht hörbare, amüsante Musik, einerseits sehr klassisch mit Anspielungen auf altbekanntes, aber stellenweise blitzen Strawinski-typische Töne und Rhythmen auf. Sängerisch fühlt man sich an alte Nummernopern erinnert. Das Orchester ist wie zu Mozarts Zeiten besetzt. Solistisches spielt eine wichtige Rolle, in der die Friedhofsszene ist quasi das Orchester stumm und nur das Cembalo spielt gespenstische Akkorde. Auch sonst gibt es einige kammermusikalische Passagen, das Schlaflied im Irrenhaus wird z.B. nur von 2 Flöten begleitet.
zur Handlung: 1.Akt 1. Szene: Auf dem Land. Tom Rakewell will Anna Trulove heiraten. Aber er will auch reich werden, am liebsten ohne arbeiten zu müssen. Da erscheint Nick Shadow und berichtet ihm, dass er eine Erbschaft gemacht habe und zur Organisation des Ganzen in die Stadt reisen sollte. Anna und ihr Vater sind besorgt und skeptisch.
2. Szene: Großstadt. Der Lebemann Tom im Bordell, die Freuden des Moments genießend. Als Prüfung muss er Definitionen von Natur, Schönheit und Vergnügen geben. Als er über die Liebe sprechen soll, denkt er an Anne, kommt ins Stocken. Nick lenkt ihn ab und Tom schläft mit der Puffmutter.
3. Szene: Vor Truloves Haus beschließt Anne, Tom nachzureisen.
2. Akt 1. Szene: Zuhause ist Tom gelangweilt von den Vergnügungen der Stadt, kann sich jedoch nicht dazu entschließen, zu Anne zurückzukehren. Nick erscheint und fordert Tom auf, Baba the Turk – ein häßliches Klatschobjekt der ganzen Stadt mit Damenbart – zu heiraten. Damit soll Tom der Welt beweisen, dass er Entscheidungen frei von Liebe und Konventionen treffen kann.
2. Szene: Anne hat Toms gefunden. Tom fordert sie auf, zurückzukehren, sie sei den Gefahren der Stadt nicht gewachsen. Baba the Turk erscheint und Anne erkennt, dass beide verheiratet sind. Anne geht fort.
3. Szene: Baba redet ununterbrochen, einen Liebesschwur nach dem andren, Tom reagiert nicht. Baba wird wütend und wirft ihm vor, noch in Anne verliebt zu sein. Tom flüchtet sich in den Schlaf. Dabei träumt er einen von Nick eingegebenen Traum von einer Maschine, die Steine zu Brot verwandelt. Als er erwacht ist Nick da, präsentiert eine solche Maschine und überredet ihn, sie mit geborgtem Geld produzieren zu lassen. Tom fühlt sich als Wohltäter und tut das.
3. Akt 1. Szene: Die Brotmaschine ist eine Schwimdel, funktioniert nicht, Tom hat sich verschuldet und steht außerdem als Betrüger da. Sein ganzer Besitz wird auf einer auktion versteigert. Anne trifft auf Baba, diese berichtet ihr, dass Tom sie immer noch liebt und bittet sie, Tom zu retten.
2. Szene: Auf einem Friedhof. Ein Jahr ist vergangen, seit Tom Nick traf. Nick fordert nun als seinen Lohn die Seele Toms. Er ist aber ien Spieler und sagt, wenn er 3 Karten erraten kann, wäre er frei. Tom gelingt das, obwohl Nick betrügt. Nick fährt zur Hölle, verflucht aber Tom vorher, ab jetzt wahsinnig zu sein.
3. Szene: In einem Irrenhaus. Tom hält sich für Adonis hält und wartet auf Venus. Die andren Irren spotten. Anne und ihr Vater kommen. Tom erkennt in ihr Venus und bereut, sie verlassen zu haben. Anne tröstet ihn, wiegt ihn in Schlummer und besänftigt auch die anderen Geisteskranken, bevor sie die Anstalt verlässt. Tom erwacht und klagt über den endgültigen Verlust von Venus.
Epilog: Alle Beteiligten verkünden die Moral von der Geschichte.
Die Handlung enthält Anspielungen auf verschiedene bekannte Opern und Motive: Ein junger Mann, der in der großen Stadt sein Erbe antritt und seine Geliebte vergisst (Le Villi von Giacomo Puccini); ein Gebet mit Hornklängen, das an Fidelio erinnert; das Faustmotiv; der Gedanke des Übermenschen; der Gang in die Hölle um den Geliebten mit Gesang zu erlösen (Orpheus) sowie Venus und Adonis.
Quellen: Wiki, Programmheft
Heike (11.12.2010, 14:26): Premiere, 10.12.2010 Staatsoper im Schillertheater
Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin, Ingo Metzmacher Inszenierung Krzysztof Warlikowski
Anne: Anna Prohaska Tom: Florian Hoffmann Nick: Gidon Saks Baba the Turk: Nicolas Ziélinski Mother Goose Birgit Remmert Sellem: Erin Caves Keeper of the madhouse: James Homann Vater: Andreas Bauer
Zunächst mal vorab: Ich kannte die Oper vorher nicht und fand das Ganze daher ziemlich unterhaltsam und spannend.
Zur Inszenierung: Nick wird hier gar nicht als teuflisch böser Gegenpol zu Tom gesehen, sondern in Beziehung zu ihm, mit homoerotischen Anklängen. Aus dieser Beziehung soll sich das Böse entwickeln. So wirkt er denn auch eher als sexy Verführer denn als böse. Es ist ein Wechselspiel zwischen Spiel und Ernst. Gut gedacht, nicht immer gut gemacht. Anna bleibt blass, wirkt anfangs fast etwas dümmlich.
Einige Szenen fand ich sehr gelungen (z.B. die Friedhofszene, die eher minimalistisch gestaltet war), andere waren ziemlich daneben (z.B. der Beginn auf dem Land inmitten einer Fastfood-Orgie; oder im Bordell lutschte eine grell geschminkte Transe lüsternd an einer Banane). Insgesamt gab es einige gute Ideen, aber insgesamt wurde das Konzept nicht gut durchgehalten. Da fehlte mir auch die Subtilität in der Personenführung und ein paar mehr Schocker hätte es bei de Thema auch geben dürfen.
Das Bühnenbild ist sehr modern/schick, der Chor sitzt erhöht wie Zuschauer im Bühnenbild. Die Kostüme und die Statisten machen immer wieder Anspielungen auf bekannte Film- und Musikgrößen der letzten ca. 40 Jahre. Da wäre weniger mehr gewesen. Und natürlich gab es die fast schon obligatorischen Videoprojektionen (meist als Vergrößerungen von Details von der Bühne), die nicht besonders originell waren.
Zu den Sängern: Am besten hat mir Nick (Gidon Saks) gefallen, er hatte auch die beste Bühnenpräsenz. Im hätte man den teuflischen Verführer durchaus abgenommen. Auch sehr passend fand ich die Besetzung der Baba mit einem Counter (Nicolas Ziélinski), der eine relativ schrille und nervige Stimme hatte (sehr passend zur Rolle), aber eine hinreißende Figur und Perücke hatte. In der Reihe vor mir haben mehrere Leute lange nicht bemerkt, dass da ein Mann sang (und waren dann sehr erstaunt, als er sich teilweise entkleidete und man doch erkannte, dass da was zwischen den Beinen ist, was bei einer Dame nicht hingehört. War sehr lustig, das Raunen im Publikum zu beobachten. Anna Prohaska machte keinen großen Eindruck auf mich, fiel aber auch nicht negativ auf. Tom (Florian Hoffmann) war als Gegenpart zu Nick für dieses Konzept viel schwach, sowohl stimmlich als auch vom Aussehen her; der sah einfach nicht aus wie ein Wüstling, sondern eher wie ein braver Highschool-Absolvent.
Zum Orchester: Musikalisch fand ich es zwar spannend, aber irgendwie fehlte der Strawinsky-typische Pepp. Transparenz kann das DSO vermutlich besser als die Staatskapelle und daran änderte auch Metzmacher nichts. Das Orchester sitzt im Schillertheater ungewohnt hoch im Graben, man kann den Musikern quasi zusehen.
Es gab am ende viel Applaus für alle und ich habe keine Buhs gehört für die Inszenierung, was selten vorkommt. Heike
Severina (11.12.2010, 15:25): Liebe Heike, interessant zu lesen, wie dieses Stück in Berlin umgesetzt worden ist. Ich habe es auch erst einmal auf der Bühne erlebt, in einer erstaunlich zahmen Inszenierung von Martin Kusej im ThadW. Bei uns war die Baba ein Zwitter, Anne Sofie von Otter sang und spielte ganz toll.
Von Eurer Besetzung sagt mir nur Birgit Remmert etwas, die kenne ich gut aus Zürich. (und als köstliche Juno in "Semele"!)
lg Sevi :hello
Heike (11.12.2010, 15:42): Birgit Remmert hatte ja hier nur eine vergleichsweise kleine Rolle, also die ist mir gar nicht aufgefallen; vermutlich war ich so von den projezierten Bananen-Großaufnahmen vereinnahmt.... Jedenfalls vergnügt sich die Mother auf der Couch erst mit Nick und dann im silbernen Wägelchen mit Tom. Was ihr möglicherweise mehr akrobatische als sängerische Künste abverlangte. Heike
Severina (11.12.2010, 16:12): Bei uns war Mother Goose oben ohne unterwegs (Nein, kein fleischfarbenes Kostüm, wirklich mit gar nix), daher standen bei der Rollenvergabe sicher nicht sängerische Qualitäten im Vordergrund, sondern die Bereitschaft zu Exhibitionismus.... lg Sevi :hello
Heike (13.12.2010, 12:10): Hier bei Cappriccio gibt es auch einen Bericht zur Premiere, den ich auf Wunsch von Alviano hier verlinke. Heike
Maria-Anna (13.12.2010, 15:47): Liebe Heike, danke für den Bericht und Link! Ich will's mir vielleicht - wahrscheinlich, wenn alles so klappt wie geplant im Januar ansehen ..... :D
Heike (13.12.2010, 15:55): Hallo Maria-Anna, viel Spaß wünsch ich dir, und schreib mal, wie es dir gefallen hat! Ich fand es auf jeden Fall sehens- und hörenswert und über Langeweile konnte ich nicht klagen, auch wenn ich bei weitem nicht mit allem rundum einverstanden war, was da auf der Bühne und im Orchestergraben geschah.
Hier noch 2 aktuelle Berliner Kritiken zur Premiere: Tagesspiegel Kulturradio
Heike P.s. ich hab mir gerade mal dein Opernblog angeschaut, ganz interessant und hübsch gemacht! Z.B. was Metanoia angeht, war ich ganz deiner Meinung, siehe hier!