Stücke gesucht im Stil von Prokofiev: Violin Sonaten

Tiaswin (18.08.2024, 01:13):
Hallo,

ich suche Kammermusik mit Violine und Klavier, ähnlich wie Prokofiev: Violin Sonaten.

Wer hat eine Empfehlung für mich?

Vielen Dank.
Sfantu (18.08.2024, 19:32):
Hallo Tiaswin,

herzlich willkommen hier!
Schön, daß Du Interesse und Freude an Kammermusik aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hast.

Mir fielen einige mögliche Antworten auf Deine Anfrage ein. Aber nur Weniges davon ist im Hörgedächtnis verankert. Und so verbrachte ich heute viel Zeit mit dem Nachhören von Violinsonaten und Ähnlichem. Daraus ergab sich neben dem Hörvergnügen manche Korrektur im eigenen Koordinatensystem. Danke für diesen Impuls.

Die beiden Prokofieff-Sonaten (ich nehme an, Du meinst opp. 80 und 94a?) sind schon ziemliche Brocken - die erste zudem von so kühler Distanz, gruselig bis bedrückend, mit vielen leisen, beinahe ersterbenden Passagen. Das kann schonmal ziemlich nahe gehen, ja auslaugen.

Welches wären also hörenswerte Werke, in etwa aus dem gleichen zeitlichen Umfeld und mit Berührungspunkten, was das Stilistische angeht? Ich habe vorläufig folgende Beispiele gefunden:



Béla Bartók

Sonaten Nr. 1 und 2

Ida Bieler, Violine
Nina Tichman, Klavier
(CD, MDG, 1996)

Ähnlichkeiten zu Prokofieff höre ich in der schroffen Musiksprache und dem teilweise Verlassen der Dur-Moll-Tonalität. Bartók wie Prokofieff erweisen sich dennoch als ausgesprochene Melodiker - Prokofieff vielleicht auf eine etwas ansprechendere Art. Dagegen bleibt der Ungar doch recht trocken und rätselhaft.




Mieczysław Weinberg

Sonatine op. 46

Gidon Kremer, Violine
Daniil Trifonow, Klavier
(CD, ECM, 2014)

Erdiger, wärmer, zugänglicher als Bartók dürfen Geige und Klavier beim nahen Freund Schostakowitschs spielen. Der melancholische Mittelsatz ist von schlichter, schnörkelloser Anmut. Der rastlose schnelle Mittelteil steht unter einem Druck, einer unheimlichen Getriebenheit, die unheilvoll und sinister wirken. Das abschließende Allegro moderato poco rubato beginnt mit schelmisch-doppelbödigem Witz. Die Violinstimme darf hier mit lakonisch-komödiantischen Floskeln glänzen. Die zweite Hälfte dieses Satzes gleitet dann aber in eine verträumt-lyrische Stimmung, die leise und nachdenklich ausklingt. Die Lagen sind teils unbequem hoch (das sage ich freilich als unwissender Nicht-Geiger). In "meiner" Aufnahme meistert Gidon Kremer diese Aufgabe
bewundernswert. Und nahezu perfekt.



Bohuslav Martinů

Sonate Nr. 1

Ida Levin, Violine
Alexander Lonquich, Klavier
(CD, Český rozhlas, live, 1996)

Mein heutiger Favorit ist die erste Sonate von Martinů.
Die geschäftige, jazzbeeinflußte Motorik in den Ecksätzen ist unmittelbar ansteckend. Levin und Lonquich spielen das so lustvoll und pointiert, daß es einfach großen Spaß macht. Auch beweist der Komponist Sinn für Humor. Bemerkenswert für einen Menschen mit autistischen Zügen.

Wer ausscheiden mußte, war Leoš Janáčeks Violinsonate. Sie hatte ich deutlich neutönerischer im Ohr als daß ich sie heute wieder erlebte. Da steckt doch noch eine ordentliche Portion Romantik drin. Erst gegen Ende erlaubt er sich ein paar schroffere, perkussivere Gesten.

Dürfen es auch andere Streichinstrumente sein? Auch die Bratschensonate von Martinů und Prokofieffs Cellosonate op. 119 finde ich sehr hörenswert. Und sie würden hier ebenfalls gut dazu passen.

Viel Freude beim Hören und Entdecken!
Sfantu (24.08.2024, 18:11):
@Tiaswin,

hattest Du inzwischen Gelegenheit, weiter zu forschen und zu hören?
Was mich ebenfalls interessieren würde: was sind denn im speziellen die Eigenschaften, die Dich an den Prokofieff-Sonaten faszinieren?

Immerhin wurde die Neugierde bei mir geweckt, Werke mit denkbaren Anknüpfungspunkten neu zu hören.
Die vier Sonaten, welche Paul Hindemith für diese Besetzung schuf, illustrieren auf interessante Weise seine stilistische Entwicklung. Die beiden Frühwerke zeigen noch deutlichen Bezug zur verebbenden Romantik - wobei Nr. 2 aus dem Herbst des letzten Kriegsjahres einen Schritt zurück zu machen scheint gegenüber dem Schwesterwerk vom Frühjahr.

Dagegen sind die beiden Werke aus den Dreißigern fahler, schroffer, (etwas) abgeklärter. Und doch bleibt Hindemith hier expressiv in Melodie und Rhythmik. Die angegebenen Tonarten bleiben nur noch vage Koordinaten - es wird mehrheitlich freitonal gespielt. Die letzte Sonate endet mit einer Tripelfuge.

Nachdem die Sinfonie "Mathis der Maler" 1934 mit stürmischem Erfolg aus der Taufe gehoben wurde und zahlreiche Folgeaufführungen im In-und Ausland erlebte, kam eine systematische Kampagne der Nazis gegen Hindemith allmählich in Gang - er wurde mit dem damals so gängigen wie abstrusen Menetekel "Kulturbolschewist" gebrandmarkt. Als am 9. Oktober 1936 die Erstaufführung der E-dur-Sonate ebenfalls zu einem großen Erfolg geriet, wurde es der Obrigkeit zu bunt. Es folgte ein komplettes Aufführungsverbot der Werke Hindemiths. Der letzte Gattungsbeitrag entstand dann bereits im Exil.




Sonaten für Violine und Klavier
Es-dur op. 11 Nr. 1 (1918)
D-dur op. 11 Nr. 2 (1918)
E.dur (1935)
C-dur op.(1939)

Ulf Hoelscher, Violine
Benedikt Koehlen, Klavier
(CD, cpo, 196)

Hoelscher und Koehlen spielten diese Werke 1995 mustergültig ein. Mit allem, was der Komponist an Vielfalt der Ausdruckspalette fordert. Bald zart und verloren, bald traumwandlerisch, bald mit Emphase und großer Geste. Satter, klarer, trockener Klang.