Shruti (09.09.2013, 17:53): Für alle, die mit Scriabins Werk nicht vertraut sind: Scriabin sah seine eigene 6. Klaviersonate von dämonischen Geistern befallen und weigerte sich, diese selbst öffentlich zu spielen.
Um die Dämonen auszutreiben, komponierte er die 7. Klaviersonate als exorzistische Waffe, als "Weiße Messe". Und in der Tat, hört man die Interpretation der Sonate mit einem Interpreten wie z.B. John Ogden,
so kann man sich dem psychotischen Reiz Scriabins nur schwerlich entziehen. Gemäß seinem Anspruch, als erster Kopulationen vertont zu haben, gab er sich einem promisken und okkulten Leben hin.
Gab es noch mehr "Verrückte", deren Wahnsinn sich in Form eines Werks oder Teilen des Schaffens manifestiert hat?
Florestan (09.09.2013, 19:08): Original von Shruti Für alle, die mit Scriabins Werk nicht vertraut sind: Scriabin sah seine eigene 6. Klaviersonate von dämonischen Geistern befallen und weigerte sich, diese selbst öffentlich zu spielen.
Um die Dämonen auszutreiben, komponierte er die 7. Klaviersonate als exorzistische Waffe, als "Weiße Messe". Und in der Tat, hört man die Interpretation der Sonate mit einem Interpreten wie z.B. John Ogden,
so kann man sich dem psychotischen Reiz Scriabins nur schwerlich entziehen. Gemäß seinem Anspruch, als erster Kopulationen vertont zu haben, gab er sich einem promisken und okkulten Leben hin.
Gab es noch mehr "Verrückte", deren Wahnsinn sich in Form eines Werks oder Teilen des Schaffens manifestiert haben?
Hallo Shruti
Skrijabin als "verrückt" zu bezeichnen möchte ich gern widersprechen. Auch ist nicht bekannt, dass er an Syphilis gelitten hätte. Der Mann war überspannt, von seiner Großartigkeit überzeugt und träumte von einer mystischen Verklärung, aber er wusste genau was er tat. Er ist ja auch nicht in einer Anstalt geendet sondern an einem Abzess verstorben. Das war ja die Ironie, ein Mann der sich für Gott hält, stirbt an einem Pickel!
Die 6. Sonate ist in der Tat ein tiefdunkles Stück, und er hat sie nicht geliebt und daher auch nicht selber aufgeführt. Sie steht aber an einem entscheidenden Wendepunkt in seinem Schaffen, denn hier manifestiert sich seine durch das "Poème du feu" eingeleitete Spätphase. Die 7. Sonate wurde übrigens nahezu zeitgleich komponiert und sogar kurz vor der 6. vollendet. Er sah diese Sonate als Vorstufe zu seinem Mysterium, welches in seinem Kopf schon seit längerem herumspukte und nie vollendet wurde. Das Thema der Verschmelzung aller Künste war das beherrschende seiner letzten Jahre. Das er hier eine Kopulation vertont hätte halte ich für eine etwas gewagte Behauptung, denn er hat lediglich den Schluss in einem Gespräch mit Leonid Sabanejew als die Erschlaffung nach einem erotischen Akt beschrieben. Skrijabins Musik weist in der Spätphase schon deutlich auf den Futurismus hin, der jedoch durch Musiker wie Mossolov, Roslavets oder Lourié erst Anfang der 20er Jahre eingeführt wurde. Sie ist also entwicklungsgeschichtlich sehr bedeutsam und keineswegs die Ausgeburt eines kranken Hirns.
Es gibt aber eine Reihe von Komponisten, die erhebliche psychische Probleme hatten. Die meisten haben aber im Endstadium nichts nennenswertes oder gar nicht mehr komponiert. Hierzu zählen unter anderen Hugo Wolf, Robert Schumann oder Mikalojus Konstantinos Ciurlionis.
Florestan
Shruti (09.09.2013, 19:32): Original von Florestan Skrijabin als "verrückt" zu bezeichnen möchte ich gern widersprechen. Auch ist nicht bekannt, dass er an Syphilis gelitten hätte. Der Mann war überspannt, von seiner Großartigkeit überzeugt und träumte von einer mystischen Verklärung, aber er wusste genau was er tat. Er ist ja auch nicht in einer Anstalt geendet sondern an einem Abzess verstorben. Das war ja die Ironie, ein Mann der sich für Gott hält, stirbt an einem Pickel!Florestan
Hallo Florestan,
ich bin ein großer Fan der Klaviersonaten, mir ist auch die musikhistorische Bedeutung Scriabins bekannt. Ich möchte ihn keineswegs denunzieren!
Auf der anderen Seite zeigte seine Persönlichkeit tatsächlich wahnhaft-psychotische Züge, die - zu recht oder unrecht sei dahingestellt - nach heutigen Maßstäben als behandlungsbedürftig eingestuft würden. Ich bin davon berzeugt, dass es gerade diese "Verrücktheit" im Sinne der "Entrücktheit" war, die sein Schaffen vorangetrieben hat!
Das "Mysterium in seinem Kopf" verließ allmählich denselben und nahm ja auch tatsächlich Gestalt an. Sein unvollendets "Mysterium", welches er 1903 begann, beschrieb er selbst wie folgt:
"There will not be a single spectator. All will be participants. The work requires special people, special artists and a completely new culture. The cast of performers includes an orchestra, a large mixed choir, an instrument with visual effects, dancers, a procession, incense, and rhythmic textural articulation. The cathedral in which it will take place will not be of one single type of stone but will continually change with the atmosphere and motion of the Mysterium. This will be done with the aid of mists and lights, which will modify the architectural contours."
Scriabin beabsichtigte, das Werk am Fuße des Himalayas über die Dauer einer Woche aufzuführen, an dessen Ende der Weltuntergang und die Verdrängung der Menschheit durch eine noblere Art von Wesen stehen sollte.
Scriabin - (nur) der Andre Heller des Frühexpressionismus? Nein, ich bin davon überzeugt, dass Scriabin heute ein Fall für die Medizin wäre.....womit ich keineswegs seine unbestrittenen Leistungen schmälern möchte.
Andréjo (09.09.2013, 19:40): Die Skrjabin-Sonaten begeistern mich schon lange.
Man kann im Prinzip drei Phasen unterscheiden: Die ersten drei Sonaten verkörpern einen tonal noch klar gebundenen Über-Chopin. Die vierte und fünfte weisen in ihrer exaltierten rauschhaften Grundhaltung - ähnlich wie die drei großen Sinfonien - über dieses Vorbild hinaus. Die Nummern sechs bis zehn entwickeln sich dann nicht mehr weiter (eher tendenziell rückwärts), das heißt, am radikalsten modern erscheint (mir) die Sechste, von der oben die Rede ist. Skrjabin bezieht sich in diesen letzten Sonaten auf eine eigene Neuntonreihe.
Ich hatte die Sonaten alle schon gehört und mich auch zunehmend an die Faszination der späten gewöhnt, als mir die zum Teil doch sehr konkrete Quasi-Metaphorik des Komponisten bekannt wurde - wobei es explizit wohl nur die beiden Titel "Weiße" bzw. "Schwarze Messe" gibt. So gilt etwa die zehnte als "Insektensonate".
Meines Erachtens ist ein solches Wissen eher kontraproduktiv, da es eine bei aller Fieberhaftigkeit abstrakte Musik einengt, ohne sonderlich relevante Aussagen über den musikalischen Gehalt zu liefern.
In jeder Hinsicht aber eine faszinierende Angelegenheit! Und besten Dank für die Neuigkeiten, welche Shruti mir hier bieten kann, auch wenn sie mich nicht über Gebühr überraschen. :D
:beerWolfgang
Shruti (11.09.2013, 17:16): Original von Andréjo Meines Erachtens ist ein solches Wissen eher kontraproduktiv, da es eine bei aller Fieberhaftigkeit abstrakte Musik einengt, ohne sonderlich relevante Aussagen über den musikalischen Gehalt zu liefern.
Ja, das kann man/Du natürlich so sehen...:-) Auf der anderen Seite hat Scriabin auch aufschlussreiche Anweisungen in seinen Werken und schriftliche Aufzeichnungen über sein Schaffen hinterlassen, die sich überwiegend mit dem musikalischen Gehalt beschäftigen.
Scriabin ist sicherlich ein "Konzept"-Komponist gewesen, der uns nicht nur mit skurillen Anekdoten aus seiner Biographie unterhält, sondern tatsächlich einen Beitrag zur Entwicklung der russischen Musik (z. B. dort Etablieren der Sonatenhauptsatzform) und der tonalen Grenzen (z.B. Auflösen tonaler Zentren, oktatonische Skala) geleistet hat.
Ich glaube, dass die Kenntnis seines mystischen Denkansatzes und seiner Absichten, was sein Werk und dessen Interpretation angeht, hilfreich sein können, den Gestus dieser Gedanken - soweit das möglich ist - mit einfließen zu lassen.
Andréjo (11.09.2013, 18:04): Ich glaube, dass die Kenntnis seines mystischen Denkansatzes und seiner Absichten, was sein Werk und dessen Interpretation angeht, hilfreich sein können, den Gestus dieser Gedanken - soweit das möglich ist - mit einfließen zu lassen.
Davon bin ich auch überzeugt und das wird mich bestimmt weiterhin interessieren.
Vielleicht hätte ich oben auch nicht "kontraproduktiv" schreiben sollen, sondern nur "die Fantasie einengend". Das mag auch gar nicht der Fall sein bei mystischen Termini wie "schwarze / weiße Messe"; bei einem Beinamen wie "Insektensonate" ist es aber m. E. so, und ich war überrascht, dass dies eine Eigenblüte des Meisters ist, so wie offenbar Deine hübschen Beispiele.
Skrjabin als pantheistisch angehauchter Utopist und andererseits als ein musikalischer Systematiker jenseits konventioneller Tonalität, den man wie im Rausch assoziativ genießen kann und der sich dennoch präzise analysieren lässt - das ist schon einmalig.
Nicht umsonst enthält die Gesamtaufnahme des Klavierwerks durch Maria Lettberg auch eine DVD mit bewegten Farbspektren als Filmclips.
Florestan (13.09.2013, 08:38): Original von Andréjo
Nicht umsonst enthält die Gesamtaufnahme des Klavierwerks durch Maria Lettberg auch eine DVD mit bewegten Farbspektren als Filmclips.
:beerWolfgang
Bei diesen "Farbspektren" handelt es sich um die Realisierung des sog. Farbenklaviers, bei dem einzelnen Tonarten bestimmte Farben zugeordnet werden. Diese Technik wurde als erstes in seinem Schlüsselwerk "Prometheus" vorgesehen, getreu der Vorstellung des Komponisten, das wahre Kunst nur aus der Verbindung aller Kunstarten (bei ihm waren das 6) entstehen kann, versuchte er zunächst Licht und Musik zu verbinden. Im Prometheus tritt auch noch die menschliche Stimme als wortloser Chor hinzu. Für heutige Hörer kann der angestrebte Effekt wahrscheinlich nur bedingt nachvollzogen werden. In einer Aufführung fast aller Klavierwerke des Komponisten in Bochum, wurde auch das Farbenklavier eingesetzt. Das war ganz interessant anzuschauen, hat aber zum Verständnis der Musik nichts wesentliches beigetragen.
Wir sollten jedoch die aussermusikalischen Einflüsse im Werk von Skrjabin nicht überbewerten. Sie kommen ja auch erst in seiner letzten Schaffensperiode zum Tragen. Möglicherweise wären seine Ideen klarer geworden, wenn er sein letztes Werk "Mysterium" hätte vollenden können. Einen Eindruck davon erhält man, wenn man sich die sog. "vorbereitende Handlung", den "acte préalable" in der Rekonstruktion von Alexander Nemtin anhört.
Die ältere Aufnahme mit Kyrill Kondraschin, die ich besitze ist nicht mehr erhältlich. Sie enthält auch nur den 1. Teil "Universum".
Aber es bedürfte natürlich einer szenischen Aufführung um alle Aspekte der Partitur zur Geltung zu bringen.
Florestan
Rachmaninov (13.09.2013, 10:25): IMHO gehört das Entweder ins Komponisten Forum oder zu den Klavierwerken.
Dort gibt es glaube ich schon einen Thread zu Skriabins Klaviersonaten.
Shruti (13.09.2013, 16:40): Scriabin ist natürlich auch ein Kind seiner Zeit, doch sind seine messianischen Ideen tatsächlich mehr als nur Ausdruck eines hypertrophen Egos. Wie viel von seinen Allüren Selbststilisierung sind und wie viel Ausdruck einer neurotischen Persönlichkeit, sei einmal dahingestellt.
Wie sehr der Zeitgeist zu "Verrücktheiten" animiert, kann man nur wenige Jahre nach Scriabins Tod studieren. In den 1920er Jahren verschmelzen die "Errungenschaften" der industriellen Massenfertigung, gesellschaftspolitischen Umbrüche und künstlerische Aufbrüche zu einem brisanten, explosiven Zeitalter.
Hier blühen Okkultismus, Psychoanalyse und Parapsychologie auf und erzeugen ein intensives Spannungsfeld, einen fruchtbaren Nährboden für neue Ideen, Experimente und Provokationen in einer zunehmend mechanisierten Welt. Es ist auch die Zeit des Surrealismus, der Art Deco, des Dadaismus .
In diesem Milieu gedeihen zahlreiche Komponisten wie Strawinski, Bartok, Hindemith, Schönberg, Krenek. In diesem Milieu, vor allem in einer Stadt wie Paris, mutiert der Skandal zu einem besonderen gesellschaftlichen Unterhaltungsformat. Einer der bekanntesten Skandale ist sicherlich die Uraufführung des Sacre (Strawinski) bzw. die Reaktionen des Publikums darauf. Dieser Skandal hat einen heute relativ unbekannten Komponisten besonders angespornt - Georg Antheil.
Georg Antheil (geboren 1900 als Georg Johann Carl Antheil, gestorben 1959) erhält 1921 ein Stipendum für einen Studienaufenhalt in Berlin, das er 1932 Richtung Paris verlässt. Dort "lümmelt" er in Künstlerzirkeln herum und macht sich unter anderem mit Satie und Cocteau bekannt.
Getrieben von einem hypertrophe Ego und an Popularität interessiert, arbeitet Antheil intensiv an einen Skandal, der den Strawinskis übertreffe sollte - sein "Ballet Mecanique" (mit Pianola, Ventilatoren, Propellern, Xylophonen).
Antheil schrieb über 300 Werke, darunter Opern, Symphonien, Filmmusik und Kammermusik. Er war in gewisser Weise ein gewiefter, begabter Tausendsassa, der sich für viele Kunstformen und wissenschaftliche Themen interessierte (unter anderem meldete er zusammen mit der Schauspielerin Hedy Lamarr ein Patent zur Steuerung von Torpedos an).
Antheil behauptete in seinen Memoiren, während seiner Aufführungen immer einen Revolver bei sich getragen zu haben, um sich bei den Tumulten notfalls den Weg durch das Publikum frei schießen zu können.
Die Tumulte im Paris der 1920er Jahre waren im Grunde sein Markenzeichen. Ich habe das Ballet Mecanique mehrfach gehört und muss sagen, dass es keinen besonderen musikalischen Gehalt aufweist. Vielmehr ist es darauf angelegt, einen Rahmen für viel Lärm um Nichts zu schaffen.
Der junge Antheil ist für mich ein Beispiel für produktive narzistische Selbstinszenierung, um populär zu werden. Was ist von seinen Symphonien zu halten? Kennt jemand seine übrigen Werke?