Gamaheh (07.03.2007, 22:43):
Liebe Musikfreunde,
nachdem ich neulich eine Platte aus den HÖB hörte: Mozart, Sonate in C, K.330 / Beethoven, Pathétique in c op.13, von Uwe Kliemt am Hammerflügel gespielt und herausgegeben von „Tempo Giusto“ und „Original Sound Approach“, kam mir wieder in den Sinn, wie ich mal vor 15 oder 16 Jahren ein Konzert dieser Tempo Giusto-Bewegung hörte (Grete Wehmeyer), das auf mich einen Eindruck von Absurdität hinterließ (wie auch genannte Platte). Ich hatte damals eine ausführliche Diskussion mit dem Organisator, der bei mir um die Ecke wohnte, und wir konnten uns nicht annähern.
Ein niederländischer Musikwissenschaftler namens Willem Retze Talsma stellte die These auf (aber nicht als erster, glaube ich), daß man heute die Musik der Klassik mit dem doppelten vorgesehenen Tempo spiele, d.h. daß sie eigentlich halb so schnell gespielt gehört. Dies bezieht Talsma allerdings (für mich nicht nachvollziehbar) nur auf die schnelleren Sätze.
Seine Ansicht untermauert er durch Überlegungen zur Geschichte des Metronoms als Pendel, so daß man statt einer Hin- und Herbewegung als ein Maß zu zählen, jeweils eine Hin- und eine Herbewegung zählen müsse.
Desweiteren wird mit Schlagworten wie „Verlust der Zeitvorstellung“, „industrielle Revolution“, „schnelle Filmschnitte“ usw. operiert – für mich alles soviel Dross. Wenn man sich z.B. Konzertprogramme aus Beethovens Zeit ansieht, gegenüber denen die heutigen ein Schnelldurchgang sind, müßten die die ganze Nacht dabeigewesen sein, und kein Wunder, daß das Publikum sich nebenbei anderen Tätigkeiten hingab, wie Tee trinken, Whist spielen und schwätzen, was den armen Kreisler so verbitterte.
Kennt Ihr diese Kontroverse, und habt Ihr sowas mal gehört? Wie ist Eure Meinung dazu?
Ich hörte damals ausgerechnet u.a. die Waldstein, die ich als zähflüssig und, wie gesagt, absurd langweilig in Erinnerung habe. Nun heißt es von Artur Schnabel, er habe es als erster gewagt, Beethovens Sonaten im „Original-Tempo“ auf Schallplatte zu spielen, d.h. mit sehr zügigem Tempo. Diese Einspielungen, die ich alle habe, empfinde ich z.B. nicht als sinnlose Raserei. Ein kleines Gegenargument wäre vielleicht die Aussage E.T.A.’s (immerhin eines Zeitgenossen): „Wenn von bloßer Fingerfertigkeit die Rede ist, haben die Flügel-Kompositionen des Meisters gar keine besondere Schwierigkeit, da die wenigen Läufe, Triolenfiguren u.d.m. wohl jeder geübte Spieler in der Hand haben muß.“ Allerdings kann ich das als Nicht-Praktikantin nicht beurteilen.
Wie es sich trifft, habe ich zu der Zeit einmal eine Cassette mit neun verschiedenen Versionen des ersten Satzes von Beethovens „Mondscheinsonate“ („adagio sostenuto“, „si deve suonare tutto questo pezzo delicatissimamente e senza sordini“; „sempre pp e senza sordini“) aufgenommen und die Auflösung versteckt. Da ich selten etwas wegwerfe, habe ich auch die kürzlich wiedergefunden.
Das Erstaunliche ist hier meiner Meinung nach, daß ich fast alle Versionen (eigentlich alle bis auf eine), die ich gerade nochmal gehört habe, gern hören mag, obwohl sie sich im Tempo enorm unterscheiden (ich sollte sagen: in der Spieldauer, welche zwischen gut 4 Minuten und sehr gut 7 Minuten schwankt). Dieser Unterschied scheint ja nicht banal, aber es drängt sich mir die Frage auf, was Tempo überhaupt ist. Ist das nicht alles sehr relativ, und kommt es nicht auf ganz andere Sachen an als auf stures Zählen? (Es fällt mir übrigens teilweise recht schwer zu sagen, welche die schnellere und welche die langsamere Version ist (teilweise liege ich richtig falsch), obwohl ich meine, ein recht gutes Gefühl für Zeit zu haben.)
Zudem habe ich oft den Eindruck, daß es wirklich die Marke eines herausragenden Pianisten (sage ich jetzt mal, da ich hauptsächslich Klaviermusik höre) ist, daß er langsam und zugleich spannend spielen kann (nur wenige können das meiner Beobachtung nach). Allerdings entspricht der Eindruck der Langsamkeit, ebenfalls meiner Erfahrung nach, nicht unbedingt dem tatsächlichen Zeitmaß.
Insgesamt habe ich den Eindruck, daß sich Pianisten recht wenig um Tempoangaben scheren und so spielen, wie sie es für gut befinden. Ist das so? Und ist das nicht richtig so? (Eine Frage an die Praktikanten wie an die Konsumenten.)
Was überhaupt ist Tempo? Eine Illusion? Eine Chimäre? Augenwischerei? Zauberei? (Entschuldigung: Mir kommt hier der englische Ausdruck sleight of hand in den Sinn, eigentlich passend, für so viel in der Musik.)
Bitte um Eure Meinung!
Grüße,
Gamaheh