Terry Riley - In C

Joe Dvorak (04.08.2025, 06:22):
Terry Rileys In C (1964) gilt als erster Meilenstein der Minimal Music. Das Stück ist durch seine offene Architektur geprägt, in der sich eine festgelegte Reihe musikalischer Zellen bei jeder Aufführung anders entfaltet. Es besteht aus 53 kurzen melodischen, tonalen Phrasen, die nacheinander gespielt werden. Jede Phrase kann nach eigenem Ermessen mehrfach wiederholt, oktaviert und augmentiert werden, bevor der Spieler zur nächsten schreitet. Als Orientierung dient ein Puls, der meist als hohes C gespielt wird. Durch die Überlagerung der Motivzellen, die erst durch das unterschiedliche Fortschreiten der Spieler bewirkt wird, entsteht Polyphonie und Polyrhythmik. Riley schlägt 35 Spieler als Optimum vor, aber es können beliebig mehr oder weniger sein. Als Richtlinie für die Spieldauer sind 45 Minuten bis 1,5 Stunden zu veranschlagen. Die Instrumentierung ist offen.

Ein in meinen Augen hervorragender Artikel von Tero Parviainen, der alle Aspekte dieses Werk beleuchtet findet sich hier: Terry Riley's "In C". Dort kann man die Partitur ansehen, MIDI-Files für die einzelnen Zellen abspielen, Erläuterungen zu Rileys detaillierten Spielanweisungen lesen, und es findet sich ein Generator, mit dem anhand eines MIDI-Trios für die ersten Zellen studiert werden kann, wie sich das unterschiedliche Verhalten der Spieler auf das Gesamtergebnis auswirkt. Wer nach mehr Information giert und etwas Kleingeld übrig hat, wird in der Monographie von Robert Carl fündig: Terry Riley's In C (Studies in Musical Genesis, Structure, and Interpretation) (English Edition): Carl, Robert. Vieles von dem, was ich nachfolgend zusammendilettiere, kann man bei Parviainen, der sich wiederum auf Carl stützt, ausführlicher nachlesen.

In C ist ebenso eine Komposition wie ein Prozess: eine Reihe von Anweisungen, die, einmal von den Musikern aktiviert, einzigartige und unwiederholbare Interpretationen hervorbringen. Die 53 Phrasen wirken wie genetische Sequenzen, die die essentielle Information für die Entwicklung des Stücks enthalten, deren Ausdruck jedoch von den Entscheidungen der Interpreten abhängt. So wie die DNA je nach Umweltfaktoren verschiedene Phänotypen hervorbringt, manifestieren sich auch Rileys Zellen abhängig von der Dynamik des Ensembles unterschiedlich. Die Möglichkeiten sind dabei fast unbegrenzt. Selbst wenn nur ein Trio im Einsatz ist, gibt es nach Parivainen so viele Realisierungen, dass auch dann, wenn die ganze Welt von nun an nichts anderes mehr täte, als In C-Trios zu spielen, nicht alle durchgespielt werden könnten, bevor das Universum den Wärmetod erleidet. Dennoch klingt das Werk immer unverwechselbar nach sich selbst.

Der Ansatz entspricht dem Konzept von Musik als "Wahrscheinlichkeitsraum" – einem Feld möglicher Ergebnisse statt einer vorgegebenen Struktur, was nach dem Verständnis mancher Kosmologen auf das Universum selbst zutrifft. Die Musiker navigieren diesen Raum, indem sie entscheiden, wann sie zwischen den Phrasen wechseln, wie lange sie verweilen und wie sie Individualität und Kohäsion in Einklang bringen. Der letzte Punkt ist sehr wichtig und wird bei Kurzbeschreibungen des Werks oft unterschlagen. Riley fordert, dass die Musiker nicht zuweit auseinanderdriften. Sie sollen sich im Bereich von 2 bis 3 Zellen aufhalten. Er rät den Musikern, gelegentlich auszusetzen und zuzuhören, um die Auswirkung ihres Beitrags auf das Ensemble zu verstehen, wenn sie wieder einsteigen. Diese Anweisung spiegelt soziologische Prinzipien des Gruppenverhaltens wider, in denen Individuen zwischen Teilnahme und Beobachtung wechseln müssen, um Harmonie zu bewahren. (Wird Selbstausdruck über das "Gemeinwohl" gestellt, gibt es Disharmonie, weil der Zusammenklang von Motivzellen, die zu weit auseinander liegen, nicht mehr harmonisch ist). So entsteht trotz aller Freiheiten eine kohärente Struktur. Diese emergente Ordnung ähnelt soziologischen Theorien der Selbstorganisation, in denen dezentrale Interaktionen stabile Strukturen hervorbringen. Der sets präsente Puls wirkt dabei wie eine unsichtbare Hand, die leitet, ohne zu diktieren.

Architektur, Genetik, Kosmologie, Soziologie, Emergenz – das ist ja schön und gut, wenn auch etwas arg dick aufgetragen. Aber wie hört sich das klingende Ergebnis an? Das hängt in erster Linie davon ab, wer spielt. Da es keine Vorgaben zur Instrumentierung gibt, kann das ein reines klassisches Ensemble sein. In der Regel wird das Werk jedoch mit Beteiligung von Instrumenten gespielt, die nicht in der klassischen Tradition stehen. So mancher Purist wird das daher in den Bereich der U-Musik verbannen. Sodann errechnet man aus der Spieldauer und der Zahl der Motive, dass die Spieler im Schnitt rund eine Minute lang bei einem Muster bleiben. Konsequenterweise klingt es repetitiv mit der gut gemachter Minimal Music eigenen, hypnotischen Qualität. Wie es sich für jeden historischen Meilenstein geziemt, muss man sich dem Werk durch wiederholtes Hören in verschiedenen Interpretationen nähern. Erst wenn man die Muster sicher wiedererkennt, kommt zum ästhetischen Genuss noch der intellektuelle hinzu. In C ist ein faszinierendes Meisterwerk, und ich werde nicht müde, mich sowohl hörend als auch studierend damit zu beschäftigen.

Die Zahl der Einspielungen ist kaum überschaubar, zumal immer neue hinzukommen und alte verschwinden. 7 der rund 25 bei meinem Strömer gelisteten Alben stammen aus den letzten 3 Jahren. Einige Aufnahmen werde ich im Laufe der Zeit vorstellen, und dabei vielleicht auf noch nicht beleuchtete Aspekte des Werks näher eingehen oder auch nicht - und hoffe dass es Mitglieder gibt, die es mir gleichtun.
Joe Dvorak (05.08.2025, 05:11):


Piano Circus (1990)

20 Minuten, 2 x Klavier, 2 x Cembalo, E-Piano, Vibraphon

Das war die erste Aufnahme, die als CD den Weg ins Haus gefunden hat. Ich bin lange nicht mit ihr warm geworden. Sie wirkte mechanistisch kühl, nicht zuletzt durch das vorlaute, auf einem Klavier gehämmerte hohe C. Die Jungs und Mädels schlagen ein rasantes Tempo an und bleiben weit unter den 45–90 Minuten, die eine Aufführung laut Reichs Anleitung dauert – wobei er durch den Zusatz "normally" Spieldauern außerhalb dieses Zeitfensters nicht ausschließt. Die geringe Anzahl von Spielern hält das transparent und erlaubt dem Hörer, sehr genau nachzuvollziehen, wie das Stück gemacht ist. Man fühlt sich informiert und wird durch die Kürze auch nicht überfordert, aber die Interpretation ist vielleicht weniger geeignet, um die potenzielle Wirkung des Werks zu erfahren. Dieser Eindruck hatte sich gestern beim Nachhören über meine Zweitanlage weitgehend bestätigt, und so hätte ich es bei dieser Beurteilung belassen – wenn nicht in der Nacht ein nahes Gewitter eine gute Stunde lang regelrechte Kanonenschläge losgelassen hätte, bevor es von dannen zog. Danach war ich hellwach und nutzte die Zeit, um mir nach einem kräftigen Schluck Baijiu die Aufnahme nochmal auf der großen Anlage zu Gemüte zu führen. Und höre da: Anderes Wiedergabe-Equipment, andere Tageszeit, andere Stimmung und von den negativen Punkten war nichts mehr zu hören. Der Puls vom hohen C wirkte weit weniger aufdringlich, integrierte sich immer wieder in die sich überlagernden Muster, die Zusammenklänge der Instrumente wirkten nun weit organischer und, am wichtigsten, das "In C-Feeling" stellte sich ein. Alles gut also. Wie wird das Stück zu Ende geführt? Hierzu macht Reich klare Angaben: Wer Nummer 53 erreicht, bleibt so lange drauf, bis alle anderen angekommen sind, und dann macht das Ensemble einige große Crescendi und Diminuendos und jeder Spieler steigt aus, wie er will. Das bleibt uns der Klavier-Zirkus schuldig. Es gibt lediglich ein Diminuendo, und wenn am Schluss nur das hohe C übrig bleibt, stellt man fest, dass sich der Puls deutlich verlangsamt hat. Fazit: Eine Aufnahme, die, was die Zahl der Spieler und die Spieldauer angeht, weit weg von Reichs Idealen ist und bei der Umsetzung der Performance Directions die letzte Genauigkeit vermissen lässt. Dennoch unter den richtigen Umständen sehr hörenswert.
Joe Dvorak (06.08.2025, 13:38):


Terry Riley, Members of Center of the Creative and Performing Arts, State Univ NY - Buffalo (1968)

42 Minuten, Flöte, Oboe, Klarinette, Sopransaxophon, Fagott, Trompete, Posaune, Viola, Vibraphon, Marimba, Klavier - mit zahlreichen Overdubs

Die erste Aufnahme entstand vier Jahre nach der Uraufführung. So mancher sieht diese heute noch als Referenz an, weil sie Abenteuerlust und Pioniergeist, das Vordringen in fremde Sphären, wie keine andere vermittelt. Ich kann sie nicht mehr gut hören. Es dauert zu lange, bis das Ensemble zusammengefunden hat, und die teils schludrige, unkultivierte und desorganisierte Spielweise verhindert, dass ich als Hörer "In Sync“ mit der Musik gehe. Es hat seinen Grund, dass Reich in der Aufführungsanweisung fordert, alle Spieler müssten streng im Rhythmus bleiben und jedes Motiv sorgfältig gespielt werden. Das gelingt auf einigen späteren, polierteren Interpretationen deutlich besser, und so bleibt diese Ersteinspielung für mich in erster Linie historisch interessant.
Joe Dvorak (08.08.2025, 06:50):


Bang on a Can (2001; Live at WFC, New York, Nov 20, 1998)

45 Minuten, Sopransaxophon, Klarinette, Pipa, Mandoline, E-Gitarre, Violine, Violoncello, Kontrabass, Röhrenglocken/Marimba, Glockenspiel/Vibraphon, Klavier

Das gilt als moderne "Referenz". Dauer, Anzahl der Spieler, Instrumentierung – der Bezug zur Uraufnahme ist nicht zu übersehen. Die Dosenschläger haben das ungeeignete Blech, das stark zum schrägen Eindruck der 68er-Aufnahme beigetragen hat, weggelassen und mehr Saiten ins Spiel gebracht. Darunter auch ein chinesisches Instrument, das etwas Weltmusik-Flair hineinbringt. In puncto Präzision kann man dem Ensemble nicht an den Karren fahren, da liegen Welten zwischen dieser und der vorhergehenden Aufnahme. Aber der Funke will nicht so recht überspringen. Es dauert fast bis zur Hälfte der Spielzeit, bis es bei mir einigermaßen einrastet. Statt des meditativ entgrenzten Zeitbewusstseins, von dem Spieler und Hörer (mich eingeschlossen) gelegentlich berichten, erfahre ich hier lediglich gedehnte Zeit, die nach erbauenderem Hörstoff verlangt. Das Ensemble sieht das freilich anders. Nach dem Konzert wollten sie das Stück im Studio einspielen, aber weil es ihnen nicht wieder so gut gelang, entschieden sie sich für die Veröffentlichung dieses Mitschnitts.
Philidor (08.08.2025, 19:31):
Terry Riley, Members of Center of the Creative and Performing Arts, State Univ NY - Buffalo (1968)

42 Minuten, Flöte, Oboe, Klarinette, Sopransaxophon, Fagott, Trompete, Posaune, Viola, Vibraphon, Marimba, Klavier

Die erste Aufnahme entstand vier Jahre nach der Uraufführung. So mancher sieht diese heute noch als Referenz an, weil sie Abenteuerlust und Pioniergeist, das Vordringen in fremde Sphären, wie keine andere vermittelt. Ich kann sie nicht mehr gut hören.
Vielen Dank für den Thread und die Besprechung dieser CD, einem Remaster der Erstaufnahme des Werks aus dem Jahre 1968.

Tatsächlich ist das meine einzige Aufnahme des Werks, und ich war nach einmaligem Hören derart enttäuscht, dass die CD seitdem im Regal geblieben ist, und ich habe den Hype um das Stück nicht verstehen können.

Nun bin ich gespannt, welche Einspielungen eventuell das Werk erschließen können! Freue mich darauf!
Joe Dvorak (09.08.2025, 01:02):


Terry Riley, Kronos Quartet, Henry Kaiser, William Winant, u. v. a. (1995; 25th Anniversary Concert, San Francisco, Jan 14, 1990)

75 Minuten, 4 x Stimme, 5 x Saxophon (SSATB), Flöte, Klarinette, Bassklarinette, 2 x Posaune, 2 x Gitarre, Akkordeon, Sheng/Guzheng/Sitar, Streichquartett, Klavier, 2 x Synthesizer, Schlagzeug, Perkussion, 2 x Xylophon, Marimba, Glockenspiel

Diese Aufnahme mit Beteiligung des Komponisten, der einen der Gesangsparts übernimmt, gibt mir Rätsel auf. Nicht weil sie schlecht wäre, sie gehört für mich ins Vorderfeld, sondern weil das Ensemble sehr frei mit den Partitur-Anweisungen umgeht. Die allererste Instruktion lautet: "All performers play from the same page of 53 melodic patterns played in sequence." Das ist unmissverständlich und so ziemlich das einzige, was dieses Werk mit traditioneller westlicher Klassik gemein hat. Nimmt man dazu die Forderung, dass sich die Musiker im Bereich von 2 bis 3 Zellen aufhalten sollten, musste nach spätestens 5 Minuten das volle Ensemble im Einsatz sein. Das ist aber de facto nur selten der Fall, die Gesangsstimmen tauchen zum Beispiel erst sehr spät auf, und es gibt immer wieder Passagen, in denen nur eine Handvoll Instrumente auszumachen ist. Man könnte sich damit herausreden, dass es erlaubt ist, auszusetzen, um zuzuhören, und dass laut Anleitung Zellen ausgelassen werden sollen, wenn sie aus irgendeinem Grund nicht gespielt werden können. Wenn die Sänger erst mal 30 Minuten zuhören und dann feststellen, dass der Rest der Truppe schon beim 20. Motiv angekommen ist, können sie die ersten 17 nicht spielen. Aber ich denke kaum, dass das so gemeint war. Was das Stück dadurch gewinnt, ist eine äußerlich leichtere Hörbarkeit, denn die ständige Änderung von Textur und Klangfarbe sorgt für willkommene Abwechslung. Was es über weite Strecken verliert, ist die der 'Monotonie der inneren Wandlung' eigene hypnotische Kraft – und bei vollem Bewusstsein kann die Zeit sehr lang werden. Man muss schon in Stimmung sein, um sich ganz darauf einzulassen, und in einigen Phasen Geduld aufbringen, um mit einigen grandiosen Höhepunkten belohnt zu werden. Insbesondere die letzten Minuten sind phänomenal und würden ohne den langen Anlauf kaum eine solch packende Wirkung entfalten. Diese Interpretation ist für viele Nachfolger eine Art Modell geworden. Ab jetzt kann nicht nur jeder -mit den genannten Einschränkungen- so lange bei einem Motiv bleiben, wie er will, sondern er hat auch den Segen des Komponisten, sich auf ausgewählte beschränken.
Joe Dvorak (09.08.2025, 03:00):
Terry Riley, Members of Center of the Creative and Performing Arts, State Univ NY - Buffalo (1968)

42 Minuten, Flöte, Oboe, Klarinette, Sopransaxophon, Fagott, Trompete, Posaune, Viola, Vibraphon, Marimba, Klavier

Die erste Aufnahme entstand vier Jahre nach der Uraufführung. So mancher sieht diese heute noch als Referenz an, weil sie Abenteuerlust und Pioniergeist, das Vordringen in fremde Sphären, wie keine andere vermittelt. Ich kann sie nicht mehr gut hören.
Vielen Dank für den Thread und die Besprechung dieser CD, einem Remaster der Erstaufnahme des Werks aus dem Jahre 1968.
Tatsächlich ist das meine einzige Aufnahme des Werks, und ich war nach einmaligem Hören derart enttäuscht, dass die CD seitdem im Regal geblieben ist, und ich habe den Hype um das Stück nicht verstehen können.

Nun bin ich gespannt, welche Einspielungen eventuell das Werk erschließen können! Freue mich darauf!
Meine In C-Manie begann erst so richtig, als ich an Aufnahmen geriet, die überwiegend mit elektronischen Klangerzeugern gemacht wurden. Ich hatte lange nur den Piano Circus, der mich -siehe Besprechung- nicht sonderlich begeistern konnte, aber doch ein bleibendes Interesse weckte, mehr davon zu hören. Wenn dich die Erstbegegnung allerdings dazu veranlasst hat, dich nie wieder mit dem Werk zu beschäftigen, dann habe ich nicht viel Hoffnung, dass sich etwas Passendes findet. Mal sehen...
Joe Dvorak (11.08.2025, 08:55):


Raôul Duguay, Ensemble Vocal De Montréal, Société de musique contemporaine du Québec, Walter Boudreau (2000; Live, Montreal, 12 Jun, 1997)

(ca. 30 Minuten, Stimme, Chor (3 x SATB), Flöte, Oboe/Englischhorn, Klarinette, 2 x Horn, Fagott, Trompete, Posaune, Tuba, Streichquartett, Kontrabass, Harfe, Sitar, Tabla, 2 x Perkussion, Klavier)

Diese Interpretation gehört zum Pflichtprogramm, da sie häufig in Aufzählungen der besonders beachtenswerten genannt wird. Die Besetzung lässt hoffen, dass hier ein näherungsweise 'klassisches' Klangbild zu erwarten ist, aber das täuscht – die 'Exoten' dominieren. Der Aufführung wird eine raga-artige Einleitung vorangestellt, wo der Sänger Kehlkopf-Obertongesang und andere Kunststücke vorführt, bis schließlich der Puls in das eigentliche Stück überleitet. Der Pulsschlag des Klaviers wird hierbei mit Perkussionsmustern der Tabla umspielt. Diese Option ist in der Aufführungsanleitung ausdrücklich vorgesehen – solange der Rhythmus absolut präzise ist, kann der C-Puls auch weggelassen werden. Nicht vorgesehen sind Improvisationseinlagen von Gesang und Violine, die freilich einiges hermachen, was man vom Rest des Ensembles nicht immer sagen kann. Das verschwimmt manchmal gewaltig und streckenweise hat man das Gefühl, dass niemand mehr so recht weiß, wo man gerade ist, und unabhängig von dem, was der Rest gerade macht, einfach drauflos spielt. Die Größe dieses Werks rührt nicht zuletzt daher, dass es – bei korrekter Ausführung – trotz aller Unbestimmtheit und Freiheit an jeder Stelle immer sofort identifizierbar ist. In diesem Fall bin ich mir bei so mancher Passage allerdings nicht sicher, ob ich es beim blinden Reinzappen erkennen würde. Ich finde das ganz erbaulich, aber es klingt über weite Strecken mehr wie ein aleatorisches, von Weltmusik inspiriertes Neutonwerk als wie In C. Daher erhält es die Bewertung "Nur für Fortgeschrittene".
Joe Dvorak (13.08.2025, 07:14):


Ictus with Blindman Kwartet (2000; Live, Bruxelles, 31 Mai, 1997)

65 Minuten, 4 x Saxophon (SATB), 2 x Klarinette, Oboe, Harfe, Gitarre, Akkordeon, Violine, Violoncello, 2 x Kontrabass/Perkussion, 2 x Perkussion, Klavier

In einem Interview mit L.A. Record im Jahr 2009 bezeichnete Riley die Aufnahme dieses belgischen Ensembles neben denen von Bang on a Can und vom Hillier Ensemble (die ich leider nicht kenne und momentan nicht greifbar habe) als besonders wertvoll. Ich bin hier zwiegespalten. Beim ersten Versuch erreichte sie mich überhaupt nicht und ich musste nach rund 15 Minuten abbrechen. Beim zweiten Mal lief es viel besser und immer wieder stellte sich das hypnotische "In C-Feeling" ein, das mich bis zum Schluss bei der Stange hielt. Einige Schlagmuster und Übergänge gelingen der Band spektakulär, es gibt kollektive Crescendi, sie finden unisono zusammen – etwas, das die Aufführenden laut Rileys Anleitung mindestens ein bis zweimal anstreben sollten – und die ganze Performance ist von einer durchdachten Dynamik durchzogen, die nach einigen Hochs am Anfang langsam abflaut, bis es in der Mitte beinahe zu Stillstand und Unhörbarkeit kommt, um dann wieder Fahrt aufzunehmen. Klanglich ist das faszinierend und manchmal ist kaum auszumachen, welche Instrumente spielen – ich könnte schwören, dass hier Elektronik im Spiel ist. Der Hinweis, dass dem Livemitschnitt später geringfügig Overdubs zugefügt wurden, verweist auf ein gewisses Maß an Postproduktion. Ich müsste diese Interpretation ein weiteres Mal hören, um sie abschließend einzuordnen. Für jetzt kann ich nur sagen, dass sie zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in der richtigen Stimmung gehört, durchaus im Verfolgerfeld einzuordnen ist - aber mir fallen mindestens vier noch vorzustellende Kandidaten ein, die mich weit mehr einnehmen können.
Joe Dvorak (14.08.2025, 08:15):


Jeroen van Veen (2015, Multitrack-Aufnahme)

79 Minuten; 2 x Klavier, Clavichord, 3 x Elektronisches Keyboard, 4 x Synthesizer

Rileys Einfluss auf die elektronische Musik außerhalb der Klassikzirkel kann kaum überschätzt werden. Klaus Schulze, einer der wichtigsten Vertreter der Berliner Schule, welche maßgeblich zur späteren Entwicklung des Minimal Techno beigetragen hat, nahm Anfang der 70er seine Study for Terry Riley auf. Mit dem Techno sind wir auf einem Gebiet angelangt, das die wenigsten der Klassikfreunde jemals aufsuchen werden, und damit seien sie vor dieser Auslegung von In C gewarnt, denn sie klingt mehr nach Techno/Trance als nach klassischer Musik. Man sollte freilich differenzieren. Was von diesem Musikstil so weit an die Oberfläche kommt, dass man in Funk & TV oder aus vorbeifahrenden Autos heraus versehentlich damit konfrontiert werden kann, verhält sich zu "richtigem" Techno wie das Neujahrskonzert zu den Bayreuther Festspielen.
Van Veen, der am Fließband Boxen für das Brilliant-Label füllt und Saties Vexations in voller Länge am Stück eingespielt hat, nahm die 53 Patterns mit Wiederholungen auf allen Instrumenten einzeln auf und kreierte das Endergebnis durch Überlagerung. Das hat zwar den Vorteil, sich nicht mit Ungenauigkeiten der Mitstreiter plagen zu müssen, spielt aber am inhärent 'soziologischen‘ Aspekt des Werks, der im Eingangsbeitrag beschrieben wurde, vorbei. Doch entscheidend ist das Endergebnis, und das ist trotz der Länge über die volle Distanz überzeugend, weil die vorherrschende hypnotische Qualität immer wieder totale Immersion zulässt und die Zeitwahrnehmung aus den Fugen gerät. Man kann sich in dem Stück verlieren, nach gefühlt einer Stunde wieder auftauchen und feststellen, dass gerade mal ein paar Minuten vergangen sind, oder umgekehrt. Es gibt eine weitere, kürzere Aufnahme mit Van Veen aus dem Jahr 2006, die in einer der Brilliant-Boxen steckt und mich weit weniger einnehmen konnte.




Jeroen van Veen (2006, Multitrack-Aufnahme)

58 Minuten; keine Angaben zur genauen Instrumentierung
Joe Dvorak (14.08.2025, 12:51):


Han de Vries, Ensemble Interpolation, u. a. (2016; Live, Concertgebouw Amsterdam, 19 Feb, 1972)

53 Minuten; Flöte, Oboe, Bassklarinette, Posaune, Violine, 2 x Klavier, Elektrische Orgel, Marimba

Das ist ein Rundfunkmitschnitt der niederländischen Erstaufführung. Ich meine, der war im Archiv gut aufgehoben. In buddhistischer Diplomatie ausgedrückt: Ich sage nicht, dass es ein Flop war, aber es war ein Flop. Bis auf ein paar Momente um die Mitte herum herrscht keine Zusammenheit, einige Spieler wirken regelrecht komatös , es gibt reichlich schiefe Töne und der Schluss wird komplett versemmelt. Für solche Aufnahmen hat man die Einstufung "Nur für Komplettisten", aber selbst die fällt hier flach, denn das gibt es nur in dieser 18-CD-Box.
Philidor (14.08.2025, 15:46):
Ich sage nicht, dass es ein Flop war, aber es war ein Flop.
Nicht verstehen, nicht nicht-Verstehen,
sondern verstehen, dass nichts ist, das es zu verstehen gäbe,
und gleichzeitig nicht verstehen, dass etwas wäre, was nicht verstanden würde.
Joe Dvorak (17.08.2025, 15:29):


Africa Express presents ... In C Mali (2015)

41 Minuten; 3 x Stimme, Flöte, Melodica, 2 x Gitarre, 2 x Kora, Imzad, Kamel-N’Goni, 2 x Balafon, 3 x Perkussion, 1 x div. Instrumente

Riley nannte Cage, Jazz und Afrikanische Musik als Haupteinflüsse für das Werk. Auf eine reine Jazz-Darbietung müssen wir noch warten, aber ein westafrikanisches Ensemble hat sich, unterstützt von westlichen Musikern, darunter Brian Eno, des Werkes angenommen und eine fulminante Interpretation vorgelegt. Die an vielen früheren Realisierungen bemängelten Unzulänglichkeiten bei der rhythmischen Präzision oder dem Ensemblespiel sucht man hier vergeblich. Die rasiermesserscharfe Genauigkeit und die Fähigkeit, Build Ups & Break Downs als verschmolzene Einheit zu bewerkstelligen, erinnern paradoxerweise an die Realisierungen, die mit vorwiegend elektronischen Klangerzeugern vorgenommen wurden, aber ohne das dort fehlende Gefühl der Gemeinschaftlichkeit. Musiker berichten manchmal von einem Flow, als ob nicht sie die Musik spielen, sondern die Musik durch sie spielt, und ich meine manchmal, wenn das geschieht, als Nachhörer mit in diesen Fluss mit einzutauchen. Und das ist hier ein fast permanenter Zustand. Das reißt so dermaßen mit, dass alle Freiheiten, die sich das Ensemble herausnimmt, transzendiert werden – so wie wir das von Spitzen-Interpretationen aus der 'richtigen' Klassik kennen. Die Malier stülpen dem Narrativ von Rileys Werk ihr eigenes über – es ist eine klare vierteilige Struktur auszumachen und das Decrescendo in der Mitte mit dem Ausstieg fast aller Instrumente, an das sich eine kurze gesprochene Passage anschließt, erfolgte sicher nicht ungeplant. Weiter verzieren sie die Aufführung mit nicht vorgesehenen Solodarbietungen, und doch ist das näher an Rileys Intention als die meisten der unzähligen Realisierungen, die ich kenne, weil nirgends die unberechenbaren Strukturen, Formen und Muster -die Riley vorhersagte- so organisch aus dem Fluss herauswachsen und ineinander übergehen wie hier. Es gibt zuhauf 'magische' Momente, die so unwirklich wirken, dass man sich fragt (lies: ich mich frage), welcher Geist hier gerade am Wirken ist. Mit dieser Interpretation wird das Werk auf sich selbst und seinen originären 'spirituellen' Gehalt zurückgeführt. Alles natürlich meiner unbedeutenden Meinung nach.
Joe Dvorak (18.08.2025, 05:35):


Salt Lake Electric Ensemble (2010)

64 Minuten; 6 x Laptop, Marimba/Vibraphon/Klavier, Vibraphon/Glockenspiel/Klavier, 2 x Perkussion/Vibraphon/Marimba/Klavier

Riley schreibt in den 'Performance Directions', dass Instrumente, wenn gewünscht, elektrisch verstärkt werden können und elektronische Keyboards willkommen sind. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass Keyboards handlicher Maschinen zum Einsatz kommen, über die man beliebige Klänge samt einem Ablauf, nach dem diese wiederzugeben sind, einprogrammiert. Aber die Machart des Werks schreit danach, es mithilfe von Hard- und ‑Software wiederzugeben. Die Wiederholungszahl und die Pausen können zufallsgesteuert im Rahmen der 2–3-Zellen-Regel sein, um der aleatorischen Natur des Stücks Rechnung zu tragen. Heute gibt es In C-Programme, auch solche, die mit Solisten interagieren. Rhythmische Ungenauigkeiten oder schräge Töne sind damit passé (wobei Bang on a Can und das Mali-Ensemble bewiesen haben, dass Musiker aus Fleisch und Blut das perfekt spielen können), spontane Interaktion und Flow allerdings auch.
Wenn man die Aufnahme von SLEE hört, wird klar, dass beide Ansätze allerbeste Ergebnisse erzielen.können – sofern man kein Purist ist, der elektronischer Musik konsequent aus dem Weg geht. Der gewählte Puls ist sehr langsam und er ist lange nicht wahrnehmbar, weil er weder gespielt noch umspielt wird. Damit hat man in den ersten beiden Dritteln den Eindruck, einer Ambient-Produktion, und zwar einer der allerbesten, zu lauschen. Um die 40‑Minuten‑Marke herum kommt erstmals ein Rhythmusinstrument zum Einsatz und der C-Puls erklingt erst kurz vor Schluss auf dem Klavier, um das gewaltige Schlusscrescendo einzuleiten. Und jenes entschädigt für die Wartezeit, in der zwar faszinierende Klangskulpturen aufgebaut werden, die das zu einem Vergnügen machen, in der es aber auch längere ereignisarme Haltepunkte gibt, durch die freilich die fulminanten letzten Minuten umso mächtiger wirken. Ich bleibe da immer über die volle Distanz dran – aber ich habe auch ein Faible für Elektronik und für Ambientmusik. Wer Rhythmus, Melodie, Form und "echte" Instrumente (die hier zwar per Overdub dabei sind, aber sehr spärlich eingesetzt werden) in seiner Musik braucht, hört sich besser woanders um.
Joe Dvorak (19.08.2025, 07:10):


Re-Sound (2002)

Altstimme, 2 x Saxophon (SA), Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, E-Gitarre, E-Bass, Perkussion/Tasteninstrumente, Drumcomputer

Bei vielen Einspielungen kann man diskutieren, ob das noch im Rahmen der Interpretation liegt oder ob es sich um eine Bearbeitung handelt. Hier liegt eindeutig der zweite Fall vor. Die Australier unterlegen dem Stück vorproduzierte synthetische Schlagmuster, wie sie in der populären elektronischen Musik (vulgo: Techno/Trance) üblich sind. Die Linie von Rileys Werk zu diesem Genre ist evident, doch so direkt aufgezeigt hat das zuvor noch niemand. Damit klingt es technoider als von SLEE, obwohl bei Re-Sound die 'akustischen' Instrumente viel prominenter sind. Man kann Zeter und Mordio schreien, dass dem Stück damit Gewalt angetan wird und dabei mit Kampfbegriffen wie "überflüssig" um sich werfen, oder man kann die Seite wechseln und fragen, was das Ergebnis denn als Werk der tanzbaren Electronica taugt. Und meine Antwort lautet: sehr viel! Die Stärke dieser nach Labelangaben 'elektroakustischen' Produktion ist die sagenhafte Ausgewogenheit zwischen den beiden Seiten, die das zu einer Einheit verschmelzen lässt. Ich habe wenig Alben gehört, bei denen elektronische Beats und "richtige" Instrumente eine so selbstverständliche Symbiose eingehen wie hier. Auch der Fluss -wie die Schlagmuster kommen und gehen, wie und wann die Instrumente eingesetzt werden, wie Bögen gespannt werden- ist einfach nur stimmig und auf einer Höhe mit den besten Produktionen der Electronic/Dance-Szene. Ein Detail am Rande: Während bei Besprechungen von In C‑Interpretationen die Qualität der Spieler in der Regel anhand der rhythmischen Präzision und des ausgehörten Ensemblespiels gemessen wird, sticht hier ins Ohr, wie gespielt wird. Und ich bin überrascht, wie eindringlich und schön selbst Motiv-Zellen, die nur einen Takt lang sind, gestaltet werden können. Die poppigste aller bisher gehörten Realisierungen ist gleichzeitig die musikalischste und überzeugt auf ganzer Linie, wenn man sich damit abfinden kann, dass sich das sehr weit vom Originalwerk entfernt hat.
Joe Dvorak (20.08.2025, 04:29):


Ragazze Quartet & Slagwerk Den Haag (2016)

40 Minuten; Streichquartett, 4 x Perkussion

Diese Aufnahme ist zunächst mal ein Prüfstein für Rezensenten. Wer hier die 11 Musiker gehört haben will, die oberflächlich aus dem PR-Text gelesen werden, hat sie nicht gehört – das Horn und die E-Gitarre (sowie der fünfte Perkussionist) sind bei In C nicht dabei. Viel abgeschrieben wird auch, dass die dynamische Bandbreite enorm ist. Das stimmt, aber ist eine massive Untertreibung. Beim üblichen Abstand von den Boxen und normalem Alltagsgeräuschpegel sind weite Teile (fast das ganze erste Viertel und eine Strecke um die Mitte herum) selbst dann kaum hörbar, wenn man den Regler in gefährliche Bereiche zieht, und das fliegt einem spätestens dann um die Ohren, wenn das ozeanische Schlusscrescendo – etwas, für das viele Ensembles scheinbar eine Vorliebe haben – kommt. Der Zwang zum mehrfachen Nachregeln der Lautstärke trübt den Genuss gewaltig, und so geht fast unter, dass hier endlich mal wieder eine "reine", ohne Elektronik, Vorproduktion oder Oberdubs auskommende Produktion vorliegt, für die man in der erste halben Stunde das Attribut "klassik-nah" vergeben könnte. Aber ab dann spielen die Holländer Schlagmuster, die mehr an die elektronischen Beats der Australier Re-Sound erinnern und schließlich auch diese Version im Unterhaltungsfach ablegen.
Joe Dvorak (21.08.2025, 08:38):


Brooklyn Raga Massive (2017)

ca. 70 Minuten; Sitar/Stimme, 2 x Stimme, 2 x Bansuri-Flöte, Trompete/Zugtrompete, Kora/Oud, E-Gitarre, Karnatische Violine, 2 x Violine, Violoncello, 2 x Tabla, Tambourin/Rahmentrommel, Cajón

Nachdem Riley einen Auftritt dieses vorwiegend aus Musikern mit indischem Hintergrund bestehenden Ensembles gesehen hatte, ermutigte er die Gruppe, das Stück mit Solo-Improvisationen, die in der Indischen Klassischen Musik ein zentrales Element sind, anzureichern. Dass man charakteristische Tala-Rhythmen und Raga-Melodien, die sonst in der Regel von 2 bis 3 Musikern gespielt werden, hier mit Orchester-Unterstützung erleben kann, macht diese Live-Aufnahme zu etwas Einzigartigem. In C ist das nur noch zur Hälfte und ein gewisses Faible für südostasiatische Musik sollte man mitbringen, um daran Freude zu haben. Vielleicht regt diese Aufnahme den einen oder die andere an, sich näher damit zu beschäftigen - es lohnt sich.
Joe Dvorak (21.08.2025, 11:56):


Maya Beiser (2024)

55 Minuten; Violoncello/E-Cello/Loop-Station/Computer/Stimme, 2 x Perkussion

25 Jahre nachdem sie bei der legendären Aufnahme mit Bang on a Can dabei war, spielte die Cellistin das Werk nochmal fast im Alleingang ein, mit allem, was die Studiotechnik hergibt. In C ist dabei nicht viel mehr als der Ausgangspunkt für eine eigene Erzählstruktur, die sie über die Evolution der 53 Motivzellen legt. Dem Ganzen liegen Drone-Schleifen von der tiefen C-Saite zugrunde, der Puls wird durch das Schlagen mit der Spitze des Bogens erzeugt. Gelegentlich unterstützen zwei Schlagzeuger. Wie bei Van Veen wurde erst mal alles einzeln aufgenommen und später gezielt zusammenmontiert. Sie hat Riley von dieser Bearbeitung einen Roh-Mix geschickt, und sich erst zur Fertigstellung und Veröffentlichung entschlossen, nachdem sie den Hochdaumen bekommen hat. Nur Cello erscheint wenig einladend, wenn man nicht gerade eine besondere Affinität zu diesem Instrument hat. Aber was Beiser an Klängen und Effekten zaubert, ist abwechslungsreich und faszinierend genug, um auch jemanden, der diesem Instrument eine eher verhaltene Liebe entgegenbringt, fesseln zu können. Fürs Spitzenfeld ist mir das allerdings doch etwas zu ausgefallen.
Joe Dvorak (22.08.2025, 04:24):


The Styrenes (2002)

53 Minuten; Gitarre/Tasteninstrumente, 3 x Gitarre, E-Bass, Schlagzeug, Vibraphon - durch Overdubs zu einem 20-stimmigen Ensemble erweitert.

Eine Rockgruppe, deren Schaffen man grob unter experimentellem Garagen-Punk-Jazz-Kunst-Rock einordnen kann, scheint nicht unbedingt eine naheliegende Wahl zu sein. Aber die Vorbehalte verschwinden schnell. Das Septett geht unglaublich diszipliniert zu Werk und hält sich ganz eng an Rileys Vorgaben. Da gibt es keine Sperenzchen, mit vorangestellten Einleitungen, verzögernden Eintritten, ausgelassenen Zellen, improvisierten Rhythmen oder wechselnden Instrumentierungen. Wenn das Klangbild, das filigraner ist, als ich es von einem Rock-Orchester erwartet hätte, nach kurzer Zeit steht, verändert es sich nicht mehr groß und lenkt das Ohrenmerk auf die Struktur. Das Ensemble hält sich sehr oft innerhalb derselben Zelle auf, lediglich versetzt, und so gelingen ihnen immer wieder die von Riley gewünschten Unisoni. Kollektive Crescendi halten das dynamisch im Fluss, der nie abreißt, aber stets mitreißt. Jeder Eintritt eines neuen Motivs wird hier zum Ereignis. Das Stück treibt dabei – wie von selbst – drängend, aber elegant vorwärts. Mir kommt die Metapher einer Schlange in den Sinn, die sich rasch, doch stilvoll voran windet – und wenn man näher hinsieht, erkennt man, dass das nicht ein Reptil ist, sondern 20, die sich unabhängig, aber doch koordiniert, ja choreografiert bewegen. Die Anweisung das Stück innerhalb der letzten Zelle mit mehreren Crescendi und Decrescendos abzuschließen wird vorbildlich umgesetzt. Das ist die "werkdienlichste" Interpretation, die ich bisher gehört habe. Und der Dienst wird reichlich belohnt. Es ist monoton genug, um die Trance-artige Qualität zum Vorschein zu bringen, und es hat die nötige Agilität und Wucht, um ein Wegdösen sicher zu verhindern. Im Zusammenhang mit diesem Werk fällt oft das Wort "hypnotisch". Das heißt für mich nicht, dass man die Musik als Droge benutzt, um abzudriften und für ein Weilchen alles zu vergessen. In C – richtig gespielt – erschafft eine Kathedrale, innerhalb derer aller Unbill der Welt unwichtig erscheint, und worin der Höher hellwach ganz bei sich selbst ist.
Das ist eine atemberaubende Version ohne eine einzige Durststrecke. Hier werden die Genauigkeit von Bang on a Can, die Hochenergie des Mali-Ensembles und die (bisweilen) hypnotische Kraft der Elektroniker vereint. Dabei bleibt trotz Overdubs der Flow, der aus gemeinschaftlichem Musizieren entstehen kann, voll intakt. Ich kann mir das nur so erklären, dass das zunächst im Septett eingespielt, dann kollektiv darüber gespielt wurde, und das ein weiteres Mal wiederholt wurde. Wie auch immer das Ergebnis erreicht wurde – es ist phänomenal und beweist, dass es manchmal am besten ist, einfach akribisch das zu befolgen, was in der Partitur steht, und dem Werk zu vertrauen.
Joe Dvorak (24.08.2025, 04:45):


Orkest de Volharding (2009)

51 Minuten; Flöte/Piccolo, 3 x Saxophon, Horn, 3 x Trompete, 2 x Posaune, Bassposaune, Kontrabass, Vibraphon/Marimba, Klavier

Weiter oben habe ich beklagt, dass es keine Aufnahme mit einer reinen Jazzgruppe zu geben scheint. Diese Formation kommt dem von der Besetzung her nahe, aber es handelt sich um ein renommiertes Ensemble der zeitgenössischen Klassik, das mit Hunderten von Auftragskompositionen bedacht wurde. Wie man es in diesem Fall erwarten würde, nehmen sie es mit dem Komponistenwillen besonders ernst. Man kann die originalen Aufführungsanweisungen Im Detail studieren und versuchen, der Gruppe irgendetwas nachzuweisen – vergeblich. Alles wird akribisch umgesetzt und fehlerfrei gespielt. Das muss, wo die Partitur von einer großen Zahl von Interpreten als eine Art Open Source angesehen wird und die Ausführenden nicht immer sicher agieren, besonders herausgestellt werden. Nun ist absolute Werktreue kein Garant für eine gelungene Interpretation, in diesem Fall allerdings schon. Dem Ensemble gelingen einige spektakuläre Momente, etwa wenn es kurz nach der Hälfte der Zeit sehr leise wird und dann mit einem Crescendo, das in ein strahlendes Unisono führt, wieder aufsteigt, oder wenn die Saxophon-, Trompeten- und Posaunengruppen innerhalb einer Motivzelle einen Dreierkanon hinbekommen. Die "Fantastic Shapes", die Riley durch die polyrhythmische Überlagerung prophezeit, gibt es eher selten. Weil die Instrumentengruppen meistens zusammenbleiben – ich habe z. B. nicht vernommen, dass sich die Trompeten mal in drei verschiedenen Zellen aufhalten –, bleiben die einzelnen Motive fast immer klar abgegrenzt hörbar. Wenn sie sich mal zu etwas Neuem verschlingen, dann ist der Effekt umso fantastischer. Das klingt vielleicht etwas akademisch, und das ist es auch, denn die emotionale Direktheit, die bei Afrika Express oder den Styrenes schon durch die elementare Wucht der Darbietung vorhanden ist, weicht bei den Holländern einer gewissen Trockenheit, statt eines Flows gibt es Kontrolle, anstelle von Hypnose bekommt man Analytik. Aber durch die Ansprache auf der intellektuellen Ebene, die daraus erwächst, dass hier alles richtig gemacht wird, wird (bei mir) auf indirektem Weg auch die Gefühlsebene erreicht und es stellt sich eine tiefe Befriedigung ein. Für die Erstbegegnung ist das wahrscheinlich nichts, aber als gimmickfreie Ergänzung, die ihre Eigenständigkeit nicht mit Eigenwilligkeit erkauft, ist sie kaum verzichtbar.
Joe Dvorak (24.08.2025, 15:38):


Grand Valley State University New Music Ensemble (2010; Live at Le Poisson Rouge, NYC, Nov 8, 2009)

ca. 55 Minuten; Bassflöte, Tenorsaxophon, Klarinette, Bassklarinette, Trompete, 2 x E-Gitarre, Akkordeon, Violine, Violoncello, Kontrabass, 3 x Perkussion, Klavier, Elektronik/Laptop

Dem eigentlichen Werk wird ein Intro vorangestellt, bei dem das Saxophon aus einem mulmigen Orchester-Drone aufsteigt und ein sich langsam ins Frenetisch-Expressive steigerndes Solo zelebriert. Diese 5 Minuten würden den Einstandspreis schon für sich alleine rechtfertigen, aber was dann nachfolgt, ist unglaublich. Während manche Ensembles das Klangbild durch Konstanz der Instrumentierung und Durchspielen aller Zellen einheitlich halten und so die positiv hypnotische Wirkung des Stücks herauskehren, legen andere durch Aussetzen und kalkulierten Einsatz der Instrumente eine eigene narrative Struktur über das Werk. Das GVSU-Ensemble treibt den zweiten Ansatz auf die Spitze. Die Textur wechselt praktisch mit jedem Muster. Mal dominiert die Perkussion, mal spielen sich die Streicher in den Vordergrund, mal die Bläser, mal die delikaten Effekte der Elektronik, dann wieder gibt es ganz ungewöhnliche Kombinationen und Klangwirkungen. Und doch entsteht ein konstanter, trance-induzierender Fluss, weil die Wechsel – zumindest in den ersten beiden Dritteln, bevor dann die Elektronik vorherrschend wird – so schnell erfolgen, dass sie die Struktur nachzeichnen, und weil das Klangbild trotz der verschiedenartigen Instrumente außergewöhnlich homogen bleibt. Man könnte hier von einer Idealbesetzung fabulieren. Die originelle Herangehensweise des Studentenensembles nutzt die Partitur als Open Source, behält jedoch klar den Bezug zum Originaltext. Aber das kann man alles vergessen und sich staunend treiben, überraschen und verblüffen lassen. Was diese Aufnahme über alle anderen heraushebt, lässt sich nicht in Worte fassen. Es ist diese Magie, bei der alle Fragen aufhören und einfach nur glückselig zugehört wird. Das fällt in die – etwas pathetische – Kategorie: Platten, für die es sich zu leben lohnt.
Joe Dvorak (28.08.2025, 05:31):


The Young Gods (2022)

57 Minuten; Gitarre/Elektronik/Stimme, Elektronik, Schlagzeug/Perkussion

Diese mir bis dato unbekannte, seit 30 Jahren bestehende Gruppe wird unter Industrial Rock eingeordnet. Davon ist hier nur eine Prise vorhanden, aber es bleibt so klassikfern wie nur denkbar. Man hört schon noch Riley, da die 53 Motivzellen mit Wiederholungen gespielt werden, aber sonst macht die Combo ihr völlig eigenes Ding draus. Sie teilen das Werk in 9 Abschnitte ein, von denen jeder eine ganz eigene klangliche und stilistische Behandlung erfährt. Hier kreuzen sich Electronica, Tribal/Dance, Ambient, Post Rock und Spuren aus weiteren subkulturellen Stilen der Unterhaltungsmusik. Wer sich in den genannten Ecken tummelt und das nicht kennt, sollte das schleunigst ändern. Das ist ein echt spitzes Brett. Randbemerkungen: Die Aufnahme wurde live im Studio gemacht, worauf man bei den ausgefeilten Arrangements nicht unbedingt käme. Es gab für dieses Projekt Geld aus drei Schweizer Kulturfördertöpfen. Von den jungen Göttern gibt es auch Play Kurt Weill.
Joe Dvorak (28.08.2025, 12:03):


Joakim & Guests - Live at the Philharmonie Paris (2024)

45 Minuten; 7 x Synthesizer

Die mal mehr, mal weniger bekannten Künstler, von denen sich einige nach etwas Netzforschung als echte Multitalente erweisen, kombinieren uralte Synthesizer aus den Anfangstagen mit modernen Serienmaschinen und modularen Spezialanfertigungen, wobei jeder der sieben Spieler nur ein Instrument bedient. Trotz der rein elektronischen Realisierung klingt es recht organisch, und die geringe Zahl der Musiker sorgt ungeachtet des üppigen Klangbildes dafür, dass man immer jede Einzelstimme im Ohr behält. Als echtes Live-Ereignis kommt auch die spontane Interaktion nicht zu kurz. Durchaus nahe am Werk (ein Indiz dafür ist oft, dass Zelle 53 'korrekt' gespielt wird) und über den klanglichen Aspekt hinaus hörenswert.
Joe Dvorak (29.08.2025, 05:48):


Bl!ndman (2023)

45 Minuten; Elektronik/Sub-Basssaxophon/E-Gitarre, Saxophon-Quartett, Streichquartett, 4 x Perkussion (gestimmt, ungestimmt & elektronisch)

Die Blindmänner sind ein interessantes Ensemble, das seine drei Quartett-Sektionen , & modular für Kollaborationen mit anderen Künstlern einsetzt und spannende Projekte im Programm hat. Das Bläserquartett ist uns schon einmal bei Ictus Live begegnet, hier ist die ganze Gruppe ohne weitere Verstärkung im Einsatz. Riley schreibt in den Aufführungsanweisungen, dass im Verlauf des Stücks durch die spontane polyrhythmische Überlagerung von Zellen ziemlich fantastische Formen entstehen und wieder zerfallen, wenn es genau gespielt wird. Nimmt man das als Maßstab, dann macht der Dreizehner sehr vieles richtig – vor allem die erste Hälfte wartet mit zahlreichen hirnverschiebenden Mustern auf. Wenn es nach hinten raus etwas abflaut, wird durch kreativen Einsatz von Elektronik gegengesteuert. Irgendwo habe ich gelesen, dass diese Aufnahme spontaner (improvisiert) sein soll, als die vorgeplante und nachproduzierte Liveaufnahme, mit in meinen Ohren weit überzeugenderem Ergebnis.
Joe Dvorak (29.08.2025, 11:28):


"The Metropolitan Philharmonic Orchestra" - Bernhard Jarvis (Live at the Roundhouse, 2022)

44 Minuten, die ich allerdings nicht alle gehört habe.

Eine Obskurität. Alle Versuche, durch verschiedene Suchbegriff-Kombinationen etwas über Orchester (sicher keines der bekannten MetSOs) und Dirigenten herauszubekommen, führen auf diese Aufnahme. Lediglich auf Bandcamp scheint es einige Informationen zu geben. Die Seite ist bei mir gesperrt, aber wenn ich in der Vorschau lese, dass mit Jarvis ein "renommierter/namhafter" Dirigent die Aufführung geleitet hat, ist das alles mit größter Vorsicht zu genießen. Zum einen findet man zu Jarvis außerhalb von Bandcamp nichts und zum anderen hätte ein bedeutender Dirigent gemerkt, dass die drei Noten des ersten Motivs Vorschläge haben und sich das ohne diese recht deppert anhört. Die Einförmigkeit der (Nicht-)Phrasierung deutet auf ein gesampeltes Orchester und schlechte Programmierung hin, der Applaus dürfte Fake sein. Das Ereignis soll 2022 in der Roundchapel von Hackney stattgefunden haben. Der Detektiv in mir war geweckt und fand im Veranstaltungskalender aus besagtem Jahr zwar keinen Hinweis auf In C, aber dafür unter anderem die Weltmeisterschaft im Freistil-Trampolinspringen, ein psychedelisches Gong-Bad und das Schweinsohr-Bierfestival. Na dann Prost.
Joe Dvorak (30.08.2025, 02:39):


LCMS Ensemble - In C Irish (2023)

49 Minuten; 2 x Bouzouki, Fiedel, Akkordeon, Sackpfeife, Flöte, Harfe

Dass hier die irischen Varianten der Instrumente zum Einsatz kommen, ergibt sich aus dem Titelzusatz. Man muss den Klang mögen und man braucht etwas Geduld, denn der erste Flow stellt sich erst nach ein paar Minuten ein, wenn die beiden Spieler der Kastenhalslaute richtig Betrieb machen. In den ruhigen Momenten ergeben sich einige delikate Klangkombinationen, insbesondere um die 40-Minutenmarke herum wird es für eine Weile regelrecht psychedelisch-trippig. Am Schluss dreht das Ensemble, dessen Mitglieder es das erste Mal mit einem Konzert nach notierter Musik zu tun hatten, richtig auf und es wird wild improvisiert. So befreit, macht das Laune und entschädigt für zwischenzeitliche Brache. Aber so als Ganzes drängt sich das nach zwei Hördurchgängen nicht zum Verbleib in der Spielliste auf, ohne dass ich jetzt genau benennen könnte, was mich daran stört. Dem Ensemble kann man nichts vorwerfen, sodass es am Ende halt Geschmacksache ist. Wer In C liebt und viel im Irish Folk unterwegs ist, kennt das schon. Für Novizen gibt es wahrscheinlich geeignetere Aufnahmen.
Joe Dvorak (31.08.2025, 04:29):


Hans Balmer (2009)

40 Minuten; Flöte/Piccolo/Alt- & Bassflöte (Multitrack, 36 Stimmen)

Ein weiterer Einzelgänger, der als Spezialität einen separaten Track "The 53 Patterns of Terry Riley" anbietet und zeigt, wie wenig Musik In C beinhaltet. Für das eigentliche Werk verwandelt er sich in ein 36-köpfiges Flötenorchester und kommt damit zumindest der von Riley als ideal empfundenen Zahl der Stimmen ganz nahe. Über die Vor- und Nachteile von Mehrspuraufnahmen und darüber, inwiefern das die Intentionen unterstützt (rhythmische Präzision und genaue Ausführung) oder ihnen zuwiderläuft (aufeinander hören, spontane Interaktion, Gemeinschaftssinn, Flow), kann man diskutieren oder die Zeit nutzen und zuhören. Klanglich ist das interessant, aber nicht immer angenehm, vor allem wenn die Piccolos zu vorlaut werden. Es gibt jedoch auch Passagen, in denen fast außerweltliche Klangbilder entstehen, insbesondere wenn die tieferen Instrumente dominieren. Originell ist das allemal, erreichen kann es mich nicht wirklich. Dem Interpreten kann man nichts vorwerfen, sodass es am Ende halt Geschmacksache ist. Wer In C liebt und viel in Neuer Flötenmusik unterwegs ist, kennt das schon. Für Novizen gibt es wahrscheinlich geeignetere Aufnahmen.
Joe Dvorak (01.09.2025, 01:52):


Ensemble Percussione Ricerca (1995, AD: 1983)

41 Minuten; Marimba/Crotales, Marimba, Vibraphon/Glockenspiel, Vibraphon, Xylophon

Das ist eine Aufnahme, die sich nach den Vorgaben richtet und ohne eigene Erzählstruktur, ohne Improvisationen außerhalb des Zellenmaterials sowie ohne Vor- oder Nachproduktion von Stimmen auskommt. Lediglich weicht die Anzahl der Spieler weit von der Idealvorstellung ab, ist aber "zulässig". Es stellt sich die Frage, ab welcher kritischen Masse das Stück in der Reinform funktioniert. Riley selbst war mit dem Ergebnis seiner Erstaufnahme von 1968 mit 11 Mitwirkenden unzufrieden und hat reichlich Overdubs hinzugefügt, bevor er es auf Vinyl pressen ließ. Ich meine, dass es bei diesem Fünfer, der nur gestimmte Perkussionsinstrumente nutzt, sehr gut funktioniert, allerdings braucht es die richtige Hörsituation und das richtige Equipment. Das ist eine Binse, die eigentlich für jede Musik gilt, aber mir scheint, dass das Werk bei mir dafür besonders anfällig ist – wobei es durchaus Interpretationen gibt, die ich immer gut und gerne hören kann, wenn ich Lust auf In C habe. Beim ersten Durchgang (nachts, Zweitanlage) erschien mir das mechanistisch, ereignisarm und klanglich aufdringlich, und nervte zeitweise regelrecht. Bei der Wiederholung (frühmorgens, Top-Anlage) war ich sofort drin, nun wirkte es ritualistisch, geschäftig, mit sehr einnehmendem Klangbild. Die erhoffte hellwache Immersion fand statt. Spielerisch ist das erste Sahne, die rhythmische Präzision und die Genauigkeit der Ausführung sind vorbildlich. Bleibt als Fazit, dass das eine Top-Aufnahme ist, wenn auch nicht für alle Tage.
Joe Dvorak (01.09.2025, 03:44):


Ensemble 1604 (Live, 2019)

26 Minuten; Countertenor, Blockflöte, Barock-Cello, Laute, Live-Elektronik

Alte Instrumente und Elektronik ergeben eine sehr delikate Kombination, vor allem wenn die Effekte so dezent, aber wirksam eingesetzt werden wie hier. So richtiges In C-Feeling will bei der Kombination von langsamem, nicht explizit gespieltem Puls und kurzer Spieldauer allerdings nur selten aufkommen. Es gibt zu wenig Wiederholungen, als dass sich stabile Verzahnungen zwischen den Patterns einstellen könnten. Das hört sich in dieser Konstellation für mich an wie das Werk eines von Alter Musik beeinflussten Postminimalisten, etwa Gavin Bryars in der Zeit um Vita Nova herum. Ein interessantes Experiment, das allerdings nicht in der Spielliste bleibt, weil ich mit Countern so meine Probleme habe.
Joe Dvorak (01.09.2025, 08:38):


Flock (2023)

17 MInuten (Full Length Version) / 5 Minuten (Short Version); Flöte/Sopransaxophon/Bassklarinette, Synthesizer, Schlagzeug/Perkussion, Perkussion, Klavier/Elektronik

Die Londoner Supergroup mit Mitgliedern aus dem Avantgarde-Jazz-Umfeld bietet In C für Eilige und ganz Eilige. Bei der Kürze, in Verbindung mit einem eher langsamen Puls und der Tatsache, dass viele Wiederholungen gespielt werden – alleine für die 53. Zelle gehen in der Langversion mehr als 2 Minuten drauf –, können nur ausgewählte Motive gespielt werden, aber das fällt kaum ins Gewicht. In dieser mit extremem Elektronikeinsatz und vielen Overdubs komplett durchproduzierten Version wird das Ohrenmerk stark auf das klangliche Moment gerichtet. Und es klingt, wie man es von einem Kollektiv aus visionären Vordenkern erwartet: futuristisch und einzigartig - aber es ist fest in der Tradition verankert und dem Stück verpflichtet, das an jeder Stelle sofort erkennbar bleibt. Sowohl für den Cuiky zwischendurch, als auch für konzentrierte Hörsitzungen geeignet – jedoch keineswegs in der ersten Erkundungsphase. Die Schnittmenge mit der Musik, die wir als klassisch bezeichnen, ist leer.
Joe Dvorak (01.09.2025, 13:50):


Ut Gret (2006, AD: 2002, live)

64 Minuten; Flöte, Altsaxophon, Bassklarinette, Synthesizer, Vibraphon, Marimba

Eine geht noch ... dachte ich. Aber die geht überhaupt nicht. Riley äußerte sich zurückhaltend auf die Frage nach der schlechtesten Version, die er je gehört hat. Er wolle keine nennen, aber nicht immer seien die geeigneten Kräfte zur richtigen Zeit vereint gewesen, um das Stück zum Funktionieren zu bringen. Ich könnte nun diplomatisch sagen, dass hier ein solcher Fall vorliegt, aber das wäre der blanke Euphemismus. Die Gruppe weiß mit diesem Stück absolut nichts anzufangen, die Bläser phrasieren so hölzern, dass es einem die Schuhe wegzieht, und sie intonieren dazu noch so schlecht, dass eine einzige Kakophonie entsteht. Unbegreiflich, dass das selbsternannte "Pan-idiomatic musical ensemble" die Veröffentlichung dieses Livemitschnitts auf der Kompilation zu ihrem 25. Geburtstag zugelassen hat - falls sie denn gefragt wurden. Nicht trance-, sondern kopfschmerz-induzierend. Einfach nur grottenschlecht.
Joe Dvorak (01.09.2025, 15:43):


The Flautadors Recorder Quartet (2017)

15 Minuten; 7 Blockflöten

Beim Lesen des Begriffs "Blockflöte" denken manche der Älteren unter uns wahrscheinlich an die handlichen Instrumente, mit denen wir in der Grundschule gequält wurden. Aber das Coverbild verrät, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Größe hin oder her, die Frage ist: Kann In C, für das sich das Stammquartett mit drei weiteren Leuten verstärkt hat, nur mit Blockflöten befriedigend realisiert werden? Es kann. Das Septett schlägt einen hohen, auf dem Sopranino gespielten Puls an und hält die Wiederholungszahl in Grenzen, wohl wissend, dass die perkussiven Muster auf Dauer ihren Tribut zollen, wie es um die 11-Minuten-Marke herum an – leicht tolerierbaren – Intonationsproblemen zu hören ist. Aber das ist ein kleines Manko, das die stimmige und involvierende Darbietung keineswegs trübt. Man muss kein ausgesprochener Fan des Instruments sein, um sich von dieser zwar originellen, aber nicht gewollt ausgefallenen Interpretation mitreißen und begeistern zu lassen. Sehr schön.
Joe Dvorak (02.09.2025, 07:11):


Katia & Marielle Labèque

29 Minuten; E-Gitarre/E-Bass/Elektronik/Stimme, Tasteninstrumente/Elektronik, Schlagzeug/Perkussion/Elektronik, 2 x Klavier

Wie in einigen Fällen zuvor dienen die 53 Patterns als Ausgangspunkt für eigene Weitererkundungen. Es wird nichts hinzukomponiert oder außerhalb der Motive improvisiert, aber mit häufig wechselnden Klangbildern und ausgiebigem Elektronikeinsatz samt verfremdender Nachbearbeitung legt das Quintett eine eigene Architektur darüber. Trotz des gelben Labels ist das mit seinen teils rockigen Anklängen im Crossover zu verorten. Das ist zwar ein schmutziges Wort, aber hier liegt eine blitzsaubere Produktion vor, an der nichts zu bekritteln gibt und die sich locker im Vorderfeld einreiht.
Joe Dvorak (03.09.2025, 05:06):


DésAccordes (2005)

43 Minuten; 9 x E-Gitarre, 7 x Akustikgitarre, 7 x E-Bass, 2 x Violoncello, Harfe, Schlagzeug, Perkussion

Die Styrenes haben gezeigt, dass eine Gitarrenarmee nicht unbedingt zu einem lärmigen Ergebnis führen muss, und das ist hier nicht anders. Es ist eine über weite Strecken filigrane Interpretation mit nur gelegentlichen Ballungen geworden. Bei dieser Produktion ist man ohne vorab eingespieltes Material und ohne nachträgliche Overdubs ausgekommen – alle 28 Musiker sind gleichzeitig im Einsatz und verlieren auch dann nicht die Linie, wenn die Polyrhythmik grotesk komplex wird. Dem Stück wird eine ca. 5-minütige Orchesterimprovisation vorangestellt, aus der sich der Puls herausschält. Veränderungen vollziehen sich oft langsam und subtil. Hier sind hohe Aufmerksamkeit und manchmal etwas Geduld erforderlich, die aber angemessen belohnt werden. Wie bei einer solchen Besetzung erwartet, gibt es ständig Raffinessen in Klang und Textur zu bewundern, und bei jedem Wiederhören ist etwas Neues zu entdecken. Ich bin mir sicher, dass es nach weiteren Durchläufen irgendwann einrastet, aber bislang will sich die allerletzte Begeisterung, Immersion, Elektrifizierung nicht einstellen, ohne dass ich festmachen könnte, was dazu fehlt. So ist es rein geschmäcklerisch zu verstehen, dass ich das nicht ganz im Vorderfeld sehe.
Joe Dvorak (04.09.2025, 12:31):


Ensemble Assonance (2020, live)

26 Minuten; 2 x Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello, Klavier

Gerade diskutieren wir im anderen Thread über die Tagesform des Hörers und hier kommt ein Paradebeispiel. Die Freude war groß, doch noch ein Ensemble ausgegraben zu haben, das nur gängige klassische Instrumente einsetzt. Da fiel die Ernüchterung umso größer aus. Meine Gedanken: Das Septett weiß mit dem Werk wenig anzufangen und auch die technische Ausführung lässt zu wünschen übrig. Beim Wiederhören konnte ich nicht mehr nachvollziehen, was mich zu diesem ersten Urteil veranlasst hat. Eine dritte Überprüfung musste her, und ich meine nun, dass das eine textnahe und einnehmende Version ist – mit dem Alleinstellungsmerkmal, dass auch Leuten, die bei Marimbas, Saxophonen, rhythmischer Perkussion oder Elektronik von vornherein passen, zumindest der Versuch ermöglicht wird. Sicher ist das nicht das beste Kammerensemble auf dem Planeten. Um die Mitte herum kommen sie etwas aus dem Tritt, und der Prozess des Zurückfindens wird von ein paar Unsauberkeiten begleitet. Aber das fällt nicht ins Gewicht. Unterm Strich ist das eine der besseren Interpretationen. Andere Aufnahmen mögen fantastischer (im Sinne von Rileys Instruktionen) sein, aber die klingen dann halt nicht mehr nach klassischer Musik.
Joe Dvorak (04.09.2025, 17:16):


Acid Mothers Temple (2001)

20 Minuten; Stimme, Gitarre/Violine/Zurna/Synthesizer/Tambura/Drones, Gitarre/Synthesizer, E-Bass, Schlagzeug, Vibraphon/Marimba

Ich bin ein Freund des psychedelischen Space-Rocks, aber diese hyperaktive Combo war mir immer zu lärmend und abgedreht. Hier üben sie etwas Zurückhaltung, um das Stück nicht völlig zu erschlagen, aber es hilft nichts. Das klingt wie eine der unsäglichen Krautrock-Produktionen à la Can aus den 70ern, in die zufällig ein paar Motive von In C eingearbeitet sind. Nicht der Rede wert.
Joe Dvorak (05.09.2025, 08:52):


Iron Giant Free Association (2025)

39 Minuten; 4 Spieler (E-Gitarre, Akustikgitarre, Mandoline, E-Piano, Clavinet, Synthesizer, Synth-Bass, E-Bass, Schlagzeug, Vibraphon, Marimba, Glockenspiel, Röhrenglocken, Klangschale, Perkussion, Elektronik/Drones, Radio, Feldaufnahmen)

Dieser junge Zugang zur Diskografie bringt einen extremen Open Source-Ansatz. Das Quartett, das seither als reines Perkussionsensemble auf die Aufführung von notierter Musik festgelegt war, hat für dieses Stück sein Instrumentarium erweitert und mit festgelegten Arrangements und mit Improvisationen über das Zellenmaterial hinaus eine Rekomposition vorgelegt. Jeder hat seinen Part über ein Jahr lang im Heimstudio ausgearbeitet, bevor der finale Mix fertiggestellt wurde. Ob das noch im Geist des Originals ist, weiß ich nicht, aber dass der Geist des Originals hier präsenter ist als oft anderswo, kann ich hören.

Die eisernen Giganten teilen das Werk in 4 Abschnitte, von denen jeder eine andere Charakteristik hat. Raffiniert täuscht die Gruppe erst mal an, es handele sich lediglich um eine weitere Me Too-Realisierung. Der typische Puls auf dem Klavier, reichlich gestimmte Perkussion... aber schon hier ist man in Habachtstellung, weil das mit viel Zug nach vorn und gnadenlos präzise losgeht, wobei sich schnell die ersten Interlocks einstellen. Nach drei Minuten macht der Einsatz von E-Bass und Schlagzeug klar, dass es in eine andere Richtung geht, und bald schwirren synthetische Drones durch den Raum, bei denen man das Gefühl hat, sie versuchten, den stoisch auf ihren Mustern bleibenden Schlägeln den Grund wegzuziehen. Das ist nur eines von zahlreichen Ereignissen, die bereits den ersten Abschnitt von Höhepunkt zu Höhepunkt steuern. Völlig anders geraten ist der nächste Teil, bei dem zwei E-Pianos ewig lange auf einem Motiv herumreiten, begleitet vom Walkingbass und einem Breakbeats spielenden Schlagzeug, das mit seiner intensiven Dringlichkeit die meditativ-perlenden Linien konterkariert. Gegen Schluss zieht das Tempo scharf an und kurz bevor es zum Überschlag kommt, stürzt das Stück regelrecht in den dritten Teil ab, zu dem mir nun nichts mehr einfällt. Man kann diese Geräusch-Ambient-Meditation als außerweltlich oder überweltlich bezeichnen, aber was sagt das schon? Für mich sind das diese magischen Momente, die die Frage aufwerfen, wie um alles in der Welt jemand darauf kommt, etwas so Abgelegenes zu schaffen und darauf zu vertrauen, dass da draußen jemand ist, der das ganz genau so hören will. Wunderbar, wie sich Rileys Motive extrem langgezogen in diesen surrealen Klanglandschaften verstecken und das dünne Band, das noch Verbindung mit dem Original hält, vor dem Zerreißen bewahren. Und dann folgt aus dem Nichts, wie ein Weckruf strahlend hell, ein Motiv von den Röhrenglocken, das den treibenden Schlussabschnitt einleitet, mit dem das Stück fulminant zum Trugschluss geführt wird, um dann in einer zweiten Welle zu enden. Das ist ein atemberaubender Trip sondergleichen. Trotz der Verschiedenartigkeit der Teile und dem oft nur noch vage wahrnehmbaren Bezug zur Quelle, ist das wie aus einem eisernen Guss. Das erinnert an die Konzeption der Young Gods. Hier wie dort scheint es, dass man mit dem Stück tun kann, was man will – sofern man weiß, was man tut, wirkt das Original wie ein Faden, der auch die entlegensten Bereiche miteinander verbunden hält. Gigantisch gut!
Joe Dvorak (07.09.2025, 16:02):


Shanghai Film Orchestra (1989)

28 Minuten; traditionelle chinesische Instrumente

Wie bei den Beträgen aus Irland (mit traditionellen Folk-Musikern) und aus Brooklyn (vorwiegend von Musikern mit indischem Hintergrund) scheiden sich die Geister wohl zuerst an den fremdartigen Klangfarben und der nicht gleichstufigen Stimmung. Ich empfinde die Hafenstädter bisweilen als etwas grell, und das dünne, fundamentschwache Klangbild hilft da nicht weiter. Warum der Mix so bescheiden ausgefallen ist, ist kaum erklärlich, denn immerhin war Riley selbst daran beteiligt, und mit Brian Eno sowie John Hassell standen ihm zwei kompetente Mitstreiter zur Seite. Ausführungstechnisch und hinsichtlich des Zusammenspiels ist das besser als Rileys Originalaufnahme von 1968, aber zu den besten Interpreten fehlt einiges, sodass diese Realisierung von mir nicht mehr als einen "Exoten"-Bonus bekommt.
Joe Dvorak (08.09.2025, 04:36):


Anthony Pirog (2020, AD: 2011, live)

54 Minuten; 2 x Altsaxophon, Tenorsaxophon, Oboe, Horn, Trompete, 2 x Posaune, Mandoline, Akkordeon, Harmonium, Klavier, 2 x Violine, 2 x Viola, Violoncello, 4 x Kontrabass, Vibraphon, Glockenspiel, Synthesizer, Synthesizer/Elektronik, Oszillator, Samples, Plattenspieler, Gitarre/Mellotron/Elektronik/Becken

Eine Live-Einspielung mit 30 Köpfen ist prädestiniert dafür, eine Sonic Mess zu produzieren. (Ich finde den englischen Ausdruck so treffend, dass ich auf einen Übersetzungsversuch verzichte. Schallunordnung klingt irgendwie matt). Versuche, mich in diesem unaufgeräumten Schallraum zu orientieren, schlugen fehl, daher ließ ich mich einfach treiben, um zu sehen, wohin mich diese unerhörten Klänge tragen. Pirog, Komponist & Multiinstrumentalist, lässt nichts aus. So kommen gesampelte, mit einem Unterwasser-Mikrofon gemachte Aufnahmen zum Einsatz, ein "4MS Noise Swash Modul" verspricht die Erzeugung chaotischer, unvorhersehbarer Klänge und Modulationen, die Glamour Box schafft einen Wirbel intensiver verzerrter schizophrener Wellenbewegungen. Weiter umfasst das Arsenal eine lichtgesteuerte Pieps- und Brutzelgeräusche von sich gebende Maschine, Drone-Generatoren, die sich gegenseitig modulieren und so weiter. Auf eine penibel genaue Rendition scheint man es hier nicht abgesehen zu haben, eher auf eine abenteuerliche Expedition in unerhörtes Territorium, wobei jede Menge traditioneller Instrumente die Verbindung zur vertrauten Welt halten. Und wie es bei der Erkundung von unwirtlichem Gelände ist, kann die damit verbundene Anstrengung belohnt werden oder sich das Unternehmen als Fehlschlag erweisen. Eine gewisse Erfahrung mit ähnlichen Geländeformationen ist freilich unabdingbar. Die Frage, ob das eine gute Realisierung von In C ist, erweist sich als irrelevant. Riley sagte, er freue sich über jede Aufnahme, auch wenn sie weniger gelungen sei. Denn sie war ein Anlass, um gemeinsam – hoffentlich mit Freude – zu musizieren. Und ja, die Protagonisten hatten unüberhörbar Spaß, und den hatte ich als Hörer auch.
Joe Dvorak (08.09.2025, 11:40):


Castle in Time Orchestra, Matan Daska (2025, live)

71 Minuten; ca. 20 Spieler (Holz- & Blechblasinstrumente, Streichinstrumente, E-Gitarre, Harfe, E-Bass, Synth-Bass, Synthesizer, Perkussion (gestimmt, umgestimmt, elektronisch, Wasser-), Stimme, Laptop, Elektronik

Ein weiteres Hybrid-Orchester, das klassische und elektronische Instrumente kombiniert. Im Gegensatz zu Pirogs Ensemble, welches einmalig für den Auftritt zusammengestellt wurde, besteht diese Gruppe seit mehr als 10 Jahren und ist hervorragend eingespielt. Dementsprechend klingt das hier um Längen aufgeräumter. Die Darbietung dürfte weitgehend vorgeplant gewesen sein. Es spielen oft nur Gruppen mit wenigen Instrumenten, deren Klang genau ausgehört erscheint, und die Steigerungen sind groß angelegt, was vermutlich die Auswirkung davon ist, dass hier ein Dirigent den Stab schwingt. Insgesamt ist das eher auf der entspannten und fließenden Seite und weniger fantastisch, als sich das Riley vielleicht vorgestellt hat. Dabei stehen sich die akustischen Instrumente und die Elektronik nicht gegenüber und werden perfekt zu einer Einheit verschmolzen, sondern es gibt von vornherein nichts Trennendes. Da braucht es keinen Crossover mehr. Die Ausführung ist allererste Sahne. Durch den Verzicht auf jegliches Spektakel rückt das Spielerische in den Vordergrund, und wohl kein anderes Ensemble achtet so akribisch auf die sorgfältige Phrasierung jeder einzelnen Zelle. Sonderlob gibt es für das Blech, das bei vielen Aufnahmen ein notorischer Schwachpunkt ist – es scheint, dass die wenigen Noten im Dauereinsatz und oft stakkato nicht so einfach zu spielen sind, wie sie aussehen. Daher springt es regelrecht in die Ohren, dass es hier keinerlei Probleme gibt. Man darf freilich nicht verschweigen, dass diese Liveaufnahme nachträglich editiert und mit Overdubs versehen wurde. Das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie, wenn man statt zu erwarten, ins hypnotische Nirwana katapultiert zu werden, das Stück einfach nur wunderbar gespielt und betörend klangschön hören will. In C für den Genießer. Mir gefällt das ganz ausgezeichnet.
Joe Dvorak (09.09.2025, 05:59):
Dylan Henner | Great Prairie Plains: Studies of American Minimalism - Objects & Sounds

22 Minuten; Marimba, Synthesizer, Synth-Chor, Klavier

Eine Version die sich bisweilen gefährlich nahe der Grenze zur seichten New Age-Musik nähert, aber noch auf dem Pfad der Tugend bleibt. Der Rezensent hinter dem Link (Cover dort) schreibt, dass sie "das perfekte Kissen für deine Tagträume" sei. Henner, in der Ambient-Szene kein Unbekannter, hält sich nicht an das Original, sondern paraphrasiert auf der Marimba über die Motive und unterlegt das Ganze mit warm-organischen Klangflächen. Das ist in meinen Ohren geschmackvoll gemacht, aber sicher kein essenzieller Beitrag zum Katalog
Joe Dvorak (09.09.2025, 07:14):


Ars Nova Copenhagen, Percurama Percussion Ensemble, Paul Hillier (2006)

55 Minuten; Chor, 8 x Marimba, Vibraphon/Gong

Diese gefeierte Aufnahme (unter anderem die Doppel-10 bei Hs Postille: Riley: In C - Classics Today) bringe ich der Vollständigkeit halber. Dazu sagen kann ich nichts, weil sie bei meinem Strömer nicht vorhanden ist. Am Wochenende war ich außerhalb der Great Firewall und wollte die Gunst der Stunde nutzen, aber zu meiner Enttäuschung führten alle Links zum Ergebnis "This video is not available".
Joe Dvorak (09.09.2025, 07:14):
Es gibt noch eine weitere Aufnahme mit den Kopenhagenern, die ebenfalls nicht auffindbar war. Ferner fehlt die bei Wergo erschienene Re-Interpretation von zignorii++ mit dem European Music Project.

Von dem weiteren halben Dutzend, das ich gehört (oder begonnen) habe, fand ich Feldgrau recht launig. Auf der Basis eines 80er-Sounds à la The Cure und Joy Division bieten sie gleich fünf durchaus gut gemachte Bearbeitungen (zwischen 3 und 19 Minuten lang), die freilich nur für den, der diese Zeit erlebt hat oder die genannten und artverwandte Bands mag, einen Mehrwert haben.
Joe Dvorak (10.09.2025, 04:29):
Zeit für ein kurzes, erstes, vorläufiges Fazit. Von den 39 besprochenen Aufnahmen haben mir 19 so gut gefallen, dass sie zunächst in der Spielliste verbleiben und eine weitere Runde durchlaufen werden – womit die Frage, ob ich des Stücks nicht langsam überdrüssig werde, beantwortet ist. Die Einschätzung, welche Realisierungen die "besten" sind, hängt bei einem so vielschichtigen Werk davon ab, auf welche Aspekte besonders viel Wert gelegt wird. Will man es "authentisch" hören, muss es spieltechnisch einwandfrei sein, erwartet man einen stringenten Fluss ohne Längen, versteht man das Werk "spirituell" und will es so erfahren, kann man mit exotischen Instrumenten umgehen, und was hält man vom Einsatz der Elektronik? Gehen wir es Reihe nach durch.

Authentizität

Das erscheint bei einer Partitur, die so viele Entscheidungen den Interpreten überlässt, nicht sonderlich wichtig zu sein. Aber bei allen Freiheiten gibt Riley in seinen Performance Directions klare Anweisungen, hier nochmal stark verdichtet wiedergegeben: Alle Zellen werden gespielt – das Ensemble bleibt innerhalb von 2–3 Zellen – ab und zu wird ausgesetzt, um sich zu orientieren – kollektive Laut-Leise-Dynamik soll etabliert werden – 1–2 Unisoni werden angestrebt – es wird strikt im Rhythmus und sorgfältig gespielt – das Stück wird gemeinsam in Zelle 53 mit einigen Crescendi und Decrescendi beendet.

Hier bestehen nur die wenigsten, selbst wenn sie sich sonst keine weiteren Freiheiten herausnehmen. Man sollte erwarten, dass die Aufnahmen mit Beteiligung des Komponisten hier punkten, aber das ist nicht so. Die klaren Gewinner sind unter diesem Aspekt das Orkest de Volharding und The Styrenes.



Die Mehrheit (ohne statistischen Beleg) der Interpreten drückt dem Werk einen individuellen Stempel auf, indem sie gelegentlich über die Motive improvisieren oder mit wechselnden Instrumentierungen spielen, das heißt, nicht jeder spielt alle 53 Motive, oder indem sie mit vorgeplanten Arrangements arbeiten und nachträglich weitere Stimmen addieren. Manche spielen erst gar nicht zusammen, sondern nehmen ihre Parts vorher auf und montieren sie dann zusammen – bei Solisten wie van Veen geht das ohnehin nicht anders –, und einige begreifen das Werk als Open Source und fügen Teile hinzu, die nur noch einen vagen Bezug zum Originaltext haben, wenn überhaupt. Als ergebnisorientierter Hörer ist mir das alles freilich egal, und Riley selbst ist damit einverstanden. So hat er beispielsweise das Brooklyn Raga Massive ausdrücklich dazu ermutigt, bei ihren nächsten Auftritten frei zu improvisieren, nachdem er sie einmal spielen gehört hat, und Maya Beisers vorproduziertes und montiertes Solounternehmen (nicht in meinen Top 18) wurde von ihm vor der Veröffentlichung abgesegnet.

Spielerische Qualität

Das sollte, wenn man sich die Noten anschaut, kein Problem sein. Aber die ständigen Wiederholungen, viel Stakkato-Spiel und dabei immer darauf achten zu müssen, was die anderen machen, scheinen vor allem den Bläsern Schwierigkeiten zu bereiten. Bei den vor- oder nachproduzierten Versionen ist das kein Thema, aber es gibt auch live oder im Studio durchgespielte und unbearbeitete Aufnahmen, die zeigen, dass es geht. Bang on a Can und wieder das Orkest de Volharding sind hier die Großmeister. Auch das Ensemble aus Mali -dessen besondere Qualitäten aber woanders liegen und noch besprochen werden- und insbesondere das Castle in Time Orchestra glänzen. Eigentlich gibt es unter den Verbliebenen wenige, die negativ auffallen.Von Rileys 68er-Original (nicht in den Top 18) lässt man besser die Finger, wenn man empfindlich ist, das Brooklyn/Indien-Ensemble strauchelt hier und da, bei Pirogs Ensemble geht es nicht immer ganz sauber zu, und auch die einzige mit rein klassischem Instrumentarium eingespielte Aufnahme vom Ensemble Assonance ist nicht ganz ohne Fehl und Tadel. (Es gibt noch eine Streichquartett-Version, die ich aber aus gutem Grund erst gar nicht vorgestellt habe).



Fortsetzung folgt...
Joe Dvorak (10.09.2025, 10:22):
Weil wir in einem Klassikforum sind und viele ambitionierte Hörer klassischer Musik besonderen Wert auf Authentizität (Werktreue) und perfekte Ausführung legen, waren die Bemerkungen dazu notwendig, auch wenn ich vermute, dass die Mehrheit dieser Hörer-Spezies selten bis nie Minimal Music hört. Für mich sind das die uninteressanteren Aspekte, und ich bin mehr daran interessiert, was an der Schnittstelle zu mir als Hörer passiert, was das Werk mit mir macht. Hier wird es unvermeidlich subjektiv, denn Empfindungen des Hörers sind nie werkimmanent. Es gibt keine langweilige Musik, sondern nur Hörer, die sich langweilen, ebenso gibt es keine schöne, aggressive, primitive, ungenießbare – und welche Attribute man ihr auch immer anheftet – Musik. Das ist eine Binsenweisheit, wird aber regelmäßig vergessen.

Fluss und Flow

Es gibt zweierlei Ebenen. Zunächst stellt sich die Frage, ob die Realisierung von vorne bis hinten spannend genug ist, um mich bei der Stange zu halten. Bei repetitiver Musik, die kaum Melodien aufweist, ist das nicht einfach. Da haben es die nicht authentischen Interpreten leichter, weil sie mit einem eigenen Narrativ aufwarten, das über die drohende Monotonie hinweghilft. Es ist jedoch besonders beeindruckend, wenn es Ensembles, die sich nahe am Originaltext (Noten und Instruktionen) halten, mühelos gelingt. Hier sind wieder The Styrenes zu nennen und weiter Bl!ndmann (die zweite Einspielung). Das Ensemble aus Mali nimmt sich zwar die eine oder andere Freiheit heraus, aber es gehört noch nicht zu den Open Source-Vertreten und außerhalb von diesen vermag mich niemand bei jedem Hören von der ersten bis zur letzten Sekunde so in den Bann zu ziehen.



Die Frage ist, wie man mit den Durststrecken, die auf nicht wenigen Aufnahmen auszumachen sind, umgeht. Oft stellt sich in der Retrospektive heraus, dass nachfolgende Steigerungen erst durch die vorangegangenen vermeintlichen Längen so unglaublich effektiv sind. Es ist wie bei einer Wanderung, wenn man nach der langen Durchquerung eines wenig aufregenden Waldstücks plötzlich auf eine Lichtung tritt und mit einer grandiosen Aussicht belohnt wird. Direkt an diese Stelle zu fahren, hat nicht dieselbe Wirkung. Daher kommt das Wort "Geduld" gelegentlich in meinen Besprechungen vor. Wer die nicht hat, sollte etwa um das Salt Lake Electric Ensemble oder das Orkest de Volharding sowie Joreen van Veen einen weiten Bogen machen.

Die zweite Ebene bezieht sich auf den Flow, der eintritt, wenn man ganz in einer Sache aufgeht und dabei wie fremdgesteuert und die Zeit vergessend agiert. Ich kenne das von der Arbeit, wenn ich unter hohem Zeitdruck eine komplexe Aufgabe lösen muss, und irgendwann weit nach Büroschluss "zu mir komme" und kaum nachvollziehen kann, wie ich darauf gekommen bin. Autoren berichten, dass sie automatisch schreiben, dass der Text regelrecht aus ihnen herausfließt. Und Musiker empfinden den Flow als das Gefühl, dass nicht sie die Musik spielen, sondern die Musik durch sie gespielt wird. Ich bilde mir ein, mitzubekommen, wenn das geschieht – es scheint auf einmal alles wie magisch auf eine höhere Ebene transponiert – und manchmal ist es mir erlaubt, hörend-nachschöpfend mit in diesen Fluss einzutauchen. Das sind beglückende Momente, die ich außer von den Maliern vom GVSU New Music Ensemble und von Anthony Pirogs Gruppe haufenweise geschenkt bekommen habe.



Fortsetzung folgt...
Joe Dvorak (12.09.2025, 02:56):
Ob man mit Rileys Mutter aller Minimal-Hits etwas anfangen kann, hängt stark davon ab, mit welcher Motivation klassische Musik gehört wird. Will man emotionale Ansprache, eine ganze Palette von tiefgründigen Seelenzuständen durchlaufen und nachempfinden, oder klinkt man sich auf der intellektuellen Ebene ein, um mit Freude nachzuvollziehen, wie sich strukturelle Komplexität in der Zeit entfaltet, sich motivisch-thematische Entwicklungen und Verflechtungen folgerichtig wie bei einem guten Roman vollziehen – oder beides? Dann wird sich die Güte einer Interpretation danach richten, inwiefern der Interpret versteht, diese emotionalen Inhalte und die handwerkliche Meisterschaft oder Einzelaspekte davon dem Rezipienten zu vermitteln. Als darauf festgelegter Hörertyp wird man mit diesem Stück oder der ganzen Musikrichtung, die bewusst außermusikalische Inhalte und Komplexität meidet, kaum zurechtkommen.
Will man einfach entspannen und genießen oder sich in eine andere Welt der Schönheit und Harmonie entführen lassen, findet sich sicher auch Geeigneteres.
Es gibt gewiss noch weitere Hörertypen und es gibt Kombinationen davon oder graduelle Abstufungen dazwischen. Die Gruppe, die auf In C ansprechen könnte, sind wahrscheinlich Menschen, die in klassischer Musik Spiritualität und transzendente Erfahrungen suchen. Das sind viel missbrauchte Begriffe, die jeder anders versteht, aber auf einen gemeinsamen Nenner kommt man vielleicht mit der Definition, dass das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, zur unmittelbaren Erfahrung wird, und dass Wahrheiten jenseits der Worte vermittelt werden, die weit über das Verstehen hinausgehen und direkt "die Seele berühren". (Das klingt deshlab so pathetisch, weil es Unfug ist, etwas beschreiben zu wollen, das jenseits der Worte liegt).

"Spirituelle" Qualität

Wie macht Riley das? Zum einen mittels Repetivität, die von Hörern oft als hypnotisch oder als Trance (im Verbund mit verzerrter Zeitwahrnehmung) erfahren wird, zum anderen dadurch, dass aus etwas Einfachem organisch etwas Komplexes erwächst, das mehr ist als die Summe seiner Teile. "Hypnotisch" ist ein etwas unglücklicher Ausdruck, denn ein Merkmal der Hypnose ist, dass man sich hinterher nicht mehr erinnert. Das Gegenteil ist hier der Fall: Es geht nicht darum, (von sich) wegzutreten, sondern hellwach ganz bei sich selbst zu sein, ohne dass Alltagsgedanken stören. Beides hängt unmittelbar mit den anderen Aspekten zusammen. Nur wenn präzise im Rhythmus gespielt und sorgfältig ausgeführt wird, wird das einförmig genug, um Trance zu induzieren, und nur dann können sich durch Überlagerung und Verriegelung von simplen Motiven die "fantastischen" Strukturen bilden, welche sich nicht mehr auseinander dividieren lassen und ungreifbar erscheinen, weil sie wie aus dem Nichts entstehen und wieder vergehen. Und wenn die Spieler im Flow sind und den Hörer mitnehmen, dann ergibt sich "Transzendenz" von selbst. Eine gute Interpretation zeichnet sich dadurch aus, dass sie diesen "spirituellen" Gehalt unmittelbar vermittelt, und weil jeder Mensch anderes ist, wird das jeder anders oder gar nicht erfahren. Die Folgenden sind also unter diesem Aspekt ganz allein meine Favoriten: Von den schon genannten The Styrenes, Mali & GVSU New Music Ensemble und weiter mit Abstrichen van Veen II und das Ensemble Percussione Ricerca.
Joe Dvorak (12.09.2025, 05:46):
Mehr noch als das Fehlen von "Inhalten“ und kompositorischer Komplexität dürfte die Instrumentierung konservativen Klassikfreunden Schwierigkeiten bereiten. Weil sie frei wählbar ist, finden sich bei den Realisierungen in aller Regel Instrumente, die in herkömmlichen Klassikensembles keine Rolle spielen: gestimmte und/oder ungestimmte, rhythmisch gespielte Perkussion, außereuropäische und elektrisch verstärkte Instrumente oder rein elektronische Klangerzeuger. Leider hat sich kein renommiertes rein klassisches Kammerensemble, wie etwa das Orpheus Chamber Orchestra, des Werkes angenommen, sodass uns nur das Ensemble Assonance bleibt, wobei das Fehlen von exotischen Klängen auch schon das einzige herausragende Merkmal von deren Aufnahme ist – nicht schlecht, aber weit weg von den großen. Auf der anderen Seite ist das Werk durch diese Offenheit in Verbindung mit Rhythmen, die von Musizierenden überall auf dem Globus gespielt werden können, ein Stück Weltmusik par excellence.

Instrumentierung

Ob die Instrumentierung "gelungen" ist, hängt in erster Linie vom Geschmack ab. Wer null Toleranz gegenüber Elektronik in jedweder Form hat, kann die Diskographie gleich mal auf eine Handvoll eindampfen. Bei den exotischen Instrumenten gilt ebenso: Man kommt damit klar (so wie ich mit dem Brooklyn Raga Massive und Mali) oder nicht (so wie ich mit den Iren und dem Filmorchester aus Shanghai). Da braucht man sich, wenn drei Dutzend Alternativen zur Verfügung stehen, nicht zu verbiegen. Bei prinzipieller Offenheit und Neugierde in diese Richtung ist das natürlich ein Fest. Die Vielfalt an ungehörten Klängen, die einem auf der Reise durch die Aufnahmegeschichte begegnet, ist atemberaubend. Da können Instrumente aus Klassik, Jazz, Rock und außereuropäischer Musik so selbstverständlich miteinander harmonieren, dass man die Trennung als regelrecht absurd empfinden mag. In dieser Beziehung sind unter anderem Bang on a Can und das Castle in Time Orchestra echte Ohrenöffner.
Es gibt auch den Gegenpol in Form von Spezialistenensembles aus obskuren Subgenres, die sich an dem Stück zu schaffen machen und nicht selten hervorragende Ergebnisse erzielen, ohne dem Werk Gewalt anzutun. Zum wiederholten Male sind hier The Styrenes zu nennen, sowie The Young Gods. Nicht zuletzt glänzen Re-Sound, die elektronische Beats und "akustische" Instrumente so gelungen zu einer Symbiose führen, dass sie auf diesem Feld auch jenseits von Riley in einer eigenen Liga spielen.
Joe Dvorak (12.09.2025, 06:53):
Es fehlt noch der erratische Block. Die Iron Giant Free Association wurde wahrscheinlich durch ein Wurmloch aus einem Paralleluniversum ins C katapultiert.



Diese Open Source Neuerscheinung hat meine seitherigen Favoriten GVSU New Musik Ensemble und Mali vorläufig auf die Plätze verwiesen.
Dahinter liegen The Styrenes, Re-Sound und The Young Gods in Lauerstellung.
Hoffnungen können sich noch Anthony Pirog, das Ensemble Percussione Ricerca und das Castle in Time Orchestra machen.
Schon etwas abgeschlagen, aber mit ihren Allround-Qualitäten nicht ganz abzuschreiben sind Bang on a Can und Bl!ndmann II.
Allenfalls theoretische Außenseiterchancen gibt es noch für die Elektronik-Spezialisten Salt Lake Electric Ensemble, Joreen van Veen II und Joakim & Guests. Aufholpotential, wenn auch nicht bis ganz an die Spitze kann man noch DésAccordes bescheinigen.

Der zweite Durchgang verspricht spannend zu werden.
Joe Dvorak (22.09.2025, 03:20):
Der zweite Durchgang verspricht spannend zu werden.
Und los geht es mit dem Ensemble Assonance, dem Schlusslicht der überdurchschnittlichen. Das bleiben sie wohl auch. Das Hin und Her, sie mal indifferent, mal eher wohlwollend zu beurteilen, hat sich nach einem neuerlichen Durchlauf nun wegen der spielerischen Schwächen und dem gefühlten Fehlen jedweder Verbindung mit dem Werk auf "schwach" eingependelt. Der erste Eindruck – Das Septett weiß mit dem Werk wenig anzufangen und auch die technische Ausführung lässt zu wünschen übrig – war der richtige. Die einzige Einspielung mit reiner klassischer Instrumentierung ist in meinen Ohren nicht geeignet, dem Neugierigen Lust auf mehr zu machen.
Joe Dvorak (23.09.2025, 02:55):
Hier herrscht heute Früh gespenstische Ruhe vor dem Sturm – im wahrsten Sinne des Wortes. Der bislang stärkste Taifun der Saison ist angekündigt und die höchste Alarmstufe wurde ausgerufen. Schulen, Fabriken, Büros, Ämter, Geschäfte usw. bleiben drei Tage lang geschlossen, der öffentliche Verkehr wurde eingestellt, private Fahrten sind untersagt. Viel Zeit also, um zu erleben, auf welch unterschiedliche Arten man durch den Raum der weißen Tasten navigieren kann.

Katia & Marielle Labèque

Diese Aufnahme bereitete mir bislang höchstes Vergnügen, ohne dass ich sagen konnte, was genau ihre Vorzüge sind. Nun ist es klarer. Obwohl es sich um eine durchkonstruierte Version handelt, kommen hier die fantastischen Interlock-Muster besonders eindrucksvoll und häufig vor. Es scheint, als ziele die Umsetzung ganz bewusst darauf ab, diese bizarren polyrhythmischen Überlagerungen herauszuarbeiten. Das ist zwar nicht im Sinne des Erfinders, wirkt aber ebenso spontan wie bei Ensembles, die sich ohne große Vorausplanung an das Stück heranmachen. Der Crossover-Sound (um die 17-Minuten-Marke herum wähnt man sich in einem Stück von King Crimson) stört dabei überhaupt nicht – im Gegenteil. Das rückt in der Rangliste sicher weit nach vorne. Ich sehe die Geschwister und ihre Mitstreiter nicht allzu weit weg von den besten Interpreten mit ähnlichen Konzepten, wie etwa die Young Gods.

DésAccordes

Allen im früheren Beitrag genannten objektiven Qualitäten zum Trotz bleibt es dabei: Das sollte mir eigentlich gefallen, aber es will sich keine rechte Begeisterung entwickeln und ein neuerlicher Wiederhör-Impuls ist in einem solchen Konkurrenzumfeld sehr unwahrscheinlich.

Orkest de Volharding

Das ist und bleibt die genaueste Umsetzung der Partitur (Noten und Textanweisungen). Zurücknehmen muss ich die Bemerkung, dass es bisweilen etwas zu akademisch wirkt. Heute kam ich sofort in den Fluss und die emotionale Ansprache durch diese inhärent gänzlich unemotionale Musik erfolgte direkt. Korrigieren muss ich auch die Einschätzung, dass das absolut perfekt gespielt wurde. Im Schlussviertel erlaubt sich das Blech minimale Schnitzer, über die man freilich problemlos hinweghören kann. Alles in allem eine extrem starke Aufnahme. Ich würde sagen, dass diese Einspielung weiter nach vorne gehört, aber wenn ich sehe, was für Kaliber noch kommen, muss erst mal weitergehört werden.

Brooklyn Raga Massive

Brahma im Nirwana! Was habe ich da zuvor bloß gehört? Das bisweilen etwas chaotisch und nicht immer souverän anmutende dieser Spezialität ist wie weggeblasen und die zuvor ausgemachten Längen sind verschwunden. Natürlich muss man den Klang der indischen Instrumente und die mikrotonale Stimmung, die bei den häufigen freien Improvisationen zum Einsatz kommt, mögen, aber dann steht einem gewaltigen Hörerlebnis, das einen nahezu in die formlose Leere transportieren kann, nichts mehr im Wege.
Joe Dvorak (23.09.2025, 12:18):
Joakim & Guests

Ein weiterer Kandidat, dessen Beurteilung nach diesem Durchgang von hörenswert auf begeisterungsauslösend hochgestuft wurde. Das Stück entwickelt sich hier organisch, fließend und immer 'logisch' voranschreitend, wie aus einem Guss. Der Trance-Sucher und der Analyst in mir kommen gleichzeitig auf ihre Kosten. Ergänzend zum vorherigen Text, will ich die Kreativität und Individualität herausstellen, mit der die synthetischen Klänge ausgestaltet werden. Da gibt es keinen New-Age-Plüsch und keine Club-Technoklänge, das ähnelt oft Instrumenten wie Holzbläsern oder Gamelan, ohne auch nur die Nähe von Imitaten oder Pseudo-Orchester-Sounds zu kommen. Über alles ist das eine extrem starke Realisierung, höchst unikal und dabei sehr nahe am Werk.
Joe Dvorak (24.09.2025, 04:27):
Jeroen van Veen II

Das im Originaltext gezogene positive Fazit - über die volle Distanz überzeugend - zu dieser mit überwiegend elektronischen Tasteninstrumenten im Alleingang eingespielten Mehrspur/Overdub-Aufnahme kann so stehenbleiben. Der relativ flotte Puls und die CD‑füllende Dauer verraten, dass sehr viele Wiederholungen gespielt werden. Van Veen hat ein gutes Gespür dafür, auf welchen Mustern er minutenlang herumreiten kann, ohne dass es (mich) nervt – im Gegenteil: Hier wird ohne Umschweife der hypnotisch-tranceartige Aspekt der Komposition herausgearbeitet, und ich fühle mich danach immer verleitet, mal wieder virtuell die alten Klaus Schulze-Platten aufzulegen.

Salt Lake Electric Ensemble

Diese mit 6 Laptops realisierte, sehr langsame Aufnahme war lange ein Grundnahrungsmittel meiner Riley-Diät. Neben der mit dem GVSU-Ensemble habe ich diese in den rund 10 Jahren, in denen ich mit dem Projekt schwanger ging, am häufigsten gehört. Aufgrund dieser Prägung bin ich nicht neutral und siedle das weit oben an, aber man muss objektiv schon konstatieren, dass die 55 Minuten, welche die Gruppe als Anlauf braucht, um das wohl beeindruckendste Schlusscrescendo der gesamten Diskografie zu liefern, für Hörer, die nicht gerade viel im Electro-Ambient zu Hause sind, sehr lange werden können.
Joe Dvorak (24.09.2025, 14:22):
Bang on a Can

Man kann an dieser hochbeleumundeten Interpretation wenig bekritteln, aber es gibt auch kaum etwas, das ich irgendwie außergewöhnlich finde. Vielleicht ist es das Fehlen von Angriffspunkten, wegen dessen die Dosenschläger regelmäßig auf Empfehlungslisten zu finden sind. Die Ausführung ist diszipliniert und makellos, die Instrumentierung ausgewogen. Jazz-, Rock- und Weltmusik-Einflüsse geben dem Ganzen ein eigenes Gepräge, und dürften, weil sie vollständig integriert und kaum als Einzelelemente wahrnehmbar sind, niemanden verschrecken. Somit taugt das durchaus als Everybody’s Darling. Aber die Ausführung wirkt blutleer und lässt mich auch nach mehreren Versuchen seltsam unbeteiligt, sodass dieses Album auf dem virtuellen Stapel der Aussortierten landet.
Joe Dvorak (25.09.2025, 03:59):
Bl!ndman II

So wie ich manchmal bei einer Aufnahme, an der objektiv gehört nichts verkehrt ist, nur feststellen kann, dass sie nicht zündet, aber nicht weiß, warum, so fällt es mir hin und wieder schwer, festzunageln, womit eine andere bei mir Begeisterungsstürme auslöst. Das belgische Tripel-Quartett +1 macht alles richtig. Die Besetzung ist so ausgewogen und die Spielweise so rein, dass man das keinem Genre mehr zuordnen kann. Ein Gedankenspiel: Würde man mir das vorspielen, ohne dass ich das Werk kenne, und fragen, wie das zu klassifizieren ist, müsste ich bei den ersten vier Teilen dieser in 6 Abschnitte unterteilten Interpretation passen. Klassik ist es nicht, Jazz auch nicht, Avantgarde, Rock, Folk, 'Ethno', Techno erst recht nicht, und es ist auch keine Mischung von irgendwas. So "absolut" habe ich das Werk, so weit ich das im Kopf habe, nirgends sonst vernommen.
Aber es klingt keineswegs abstrakt, im Gegenteil: So viel Hingabe und so viel Liebe zum Detail hört man von Interpreten dieses Werkes nicht immer. Auch sonst ist alles drin: die ungreifbaren fantastischen bis bizarren Formen (deren Auftreten meist ein Indikator für eine 'gelungene' Realisierung ist), unerhörte Klangkombinationen, Energie, die vom Stuhl reißt, dann wieder trance-induzierende Momente. Offenbar wurde hier ein wenig vorausgeplant, aber genug Raum für Improvisation gelassen, sodass sich immer wieder der Flow einstellt. Doch was es letztlich ausmacht, bleibt wie stets bei Großer Musik ein Geheimnis. Es ist dieses Quäntchen an Magie, das Erfahren von absoluter Stimmigkeit und das damit verbundene Glücksgefühl, das nicht auf irgendwelche Einzelelmente zurückgeführt werden kann und auch nicht muss. Die im ersten Durchgang lediglich sehr überzeugenden Blinden setzen sich erst mal mit großem Abstand an die Spitze und da wird schwer dran vorbeikommen zu sein.
Joe Dvorak (26.09.2025, 08:55):
Ensemble Percussione Ricerca

Hier stimmt sehr vieles. Die Relation von Puls und Länge ist optimal, um das spannend zu halten, obwohl das Klangbild der fünf gestimmten Perkussionsinstrumente über die gesamte Dauer konstant bleibt. Da auch sonst streng nach Vorschrift agiert wird und jegliche Eigenwilligkeiten unterbleiben, wird das Ohrenmerk ganz auf die Struktur und deren Entfaltung in der Zeit gerichtet. Das ist von derselben Qualität wie die konzeptionell stark verwandte 7-Synthesizer-Einspielung von Joakim & Guests, welche ich wegen der facettenreicheren Klanglandschaft leicht vorne sehe.

Anthony Pirog

Bei diesem 30-köpfigen Ensemble steht das Schallereignis so sehr im Vordergrund, dass die Struktur in den Hintergrund rückt. Die teils zufallsgesteuerte Live-Elektronik manipuliert das Klangbild stellenweise bis zur Unkenntlichkeit. Das ist durchaus spektakulär, aber wie es bei allzu Effektgeladenem oft der Fall ist, ist die Halbwertszeit bis zur Abnutzung sehr kurz. Bereits der zweite Hördurchgang war weit weniger immersiv als der erste. Neben mangelnder Koordination zu Beginn fallen hier und da spieltechnische Probleme auf. Hinzu kommt, dass der Gruppe nach hinten raus die Luft ausgeht und die letzten Minuten im Fußgänger-Modus absolviert werden. Das ist nicht sehr zuträglich für den Gesamteindruck. Als Fazit sehe ich diese Realisierung dann doch eher als Sonderfall, der nur dem erfahrenen C-Navigator zum Antesten empfohlen ist.
Joe Dvorak (27.09.2025, 02:12):
Castle in Time Orchestra

Hierzu gibt es kaum etwas zu ergänzen, weil die Vorzüge, die mir beim Wiederhören dieser "elektroakustischen" Liveeinspielung (mit Nachbearbeitung) in den Sinn gekommen sind, schon alle im Erstbeitrag genannt wurden. Das Fazit - Das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie, wenn man statt zu erwarten, ins hypnotische Nirwana katapultiert zu werden, das Stück einfach nur wunderbar gespielt und betörend klangschön hören will - muss allerdings leicht korrigiert werden. Es gibt bei aller Klangschönheit dieser mit einer durchdachten Ebbe-und-Flut-Dynamik aufwartenden Version durchaus Passagen, bei denen sich die hypnotisch-tranceartige Qualität zeigt.
Joe Dvorak (29.09.2025, 09:13):
Re-Sound

John Adams soll gesagt haben, dass der Groove von In C so kraftvoll sei, dass man es in der Disco spielen könne. Spätestens wenn man diese Version gehört hat, sind jegliche Zweifel an dieser Aussage ausgeräumt. Mir gefällt das zum Ausrasten gut, aber ich bin da nicht ganz neutral, weil ich ebenso gerne (Untergrund-)Techno/Trance höre wie Moderne Klassik und Riley (wie auch Glass und Reich) als Bindeglied fungiert. Die Verwandtschaftsbeziehung wird hier so deutlich aufgezeigt wie sonst nirgends – aber wichtiger noch ist, dass das energiegeladene Vitalität in Reinform versprüht und dass es einfach superb gespielt und klanglich betörend ist.
Joe Dvorak (30.09.2025, 08:03):
The Styrenes

Beim Zwischenfazit punkteten die Styrenes in fast allen Belangen, und so ist es kein Wunder, dass sie ein heißer Kandidat für den Thron sind. Dieser Anspruch wurde durch die heutige Hörsitzung nachdrücklich untermauert. Alles, was ich preisend im Originaltext gesagt habe, kann so stehenbleiben und nochmals bekräftigt werden. So nahe am "Geist" des Werkes, wie ich ihn hmmm … verstehe, erfahre, sind maximal zwei, drei andere.

The Young Gods

Wie die Styrenes sind auch die jungen Götter ursprünglich in obskuren Randgenres der Rockmusik zu Hause. Damit hören die Gemeinsamkeiten in Stilfragen aber auf. Während die Ersteren In C in Reinstform zelebrieren, nehmen die Zweiteren das Original als Vorlage, um ihre eigene Geschichte daraus zu machen. Gemeinsam ist beiden wieder, dass sie qualitativ überzeugen, emotional beglücken und geistig erheben.
Joe Dvorak (02.10.2025, 03:01):
Die Großen bleiben die Großen. Zu allen Dreien habe ich in den Originalbeiträgen alles gesagt, daher reichen Ein-Satz-Fazits. Begrifflichkeiten wie "Magie" und "Trip" stehen als Ersatz für das Unaussprechliche, das jeder Großen Musik innewohnt.

Africa Express presents ... In C Mali

Es gibt zuhauf 'magische' Momente, die so unwirklich wirken, dass man sich fragt (lies: ich mich frage), welcher Geist hier gerade am Wirken ist.

Grand Valley State University New Music Ensemble

Was diese Aufnahme über alle anderen heraushebt, lässt sich nicht in Worte fassen. Es ist diese Magie, bei der alle Fragen aufhören und einfach nur glückselig zugehört wird.

Iron Giant Free Association

Das ist ein atemberaubender Trip sondergleichen. Trotz der Verschiedenartigkeit der Teile und dem oft nur noch vage wahrnehmbaren Bezug zur Quelle, ist das wie aus einem eisernen Guss.
Joe Dvorak (02.10.2025, 04:49):
Ich bin geneigt, als Fazit festzustellen, dass 15 der Aufnahmen hervorragend bis überragend sind, was aber angesichts der Tatsache, dass ich nur ca. 45 gehört habe, mathematisch-logisch nicht hinhaut. Wenn ein Drittel außerhalb der Streuung um den Durchschnitt liegt, ist die Messlatte falsch gelegt, etwas, woran fast jedes Rating-System krankt. Fragen wir Gauß, dann wird es haarig, denn er lässt bei dieser kleinen Menge, nur 7 hervorragende und darunter eine überragende zu. Also Sahne bei die Forellen: Die Rekomposition der Iron Giants ist die In C, die gewählt wird, wenn es nur eine sein darf.

Iron Giant Free Association
Open Source, Rock/Psychedelic/Elektro-Ambient, Hybrid

________________________
Grand Valley State University New Music Ensemble
Semi Open Source, Klassik/Electronica/Jazz, Hybrid
Africa Express presents ... In C Mali
Semi Open Source, "Ethno", akustisch
Re-Sound
Open Source, Klassik-Techno/Trance-Crossover, Hybrid
Joakim & Guests
Authentisch, 70er Techno, rein elektronisch
The Styrenes
Authentisch, Rock-Orchester, elektrisch verstärkt
The Young Gods
Open Source, Rock/Ambient/Techno, Hybrid

Lobende Erwähnung

Bl!ndman II
Authentisch, Klassik/Jazz/Rock, überwiegend akustisch

Ensemble Percussione Ricerca
Authentisch, nur gestimme Perkussion, akustisch
Authentisch = nahe am Text (Noten und Aufführungsanweisungen), Semi Open Source = mit eigenen Elementen (z. B. Improvisation) erweitert, Open Source = mit eigener Struktur und/oder hinzukomponierten Teilen, Hybrid = Elektronik und akustische Instrumente etwa gleichberechtigt. Stilangaben dienen lediglich der groben Orientierung, in welche Richtung das klanglich geht.
Joe Dvorak (16.11.2025, 19:18):


Ars Nova Copenhagen, Percurama Percussion Ensemble, Paul Hillier (2006)

55 Minuten; Chor, 8 x Marimba, Vibraphon/Gong

Diese gefeierte Aufnahme (unter anderem die Doppel-10 bei Hs Postille: Riley: In C - Classics Today) bringe ich der Vollständigkeit halber. Dazu sagen kann ich nichts, weil sie bei meinem Strömer nicht vorhanden ist. Am Wochenende war ich außerhalb der Great Firewall und wollte die Gunst der Stunde nutzen, aber zu meiner Enttäuschung führten alle Links zum Ergebnis "This video is not available".
Diesmal hatte ich mehr Glück und konnte die Version hören. Und ich komme zu dem Schluss, dass der Hype in meinen Ohren nur sehr bedingt gerechtfertigt ist. Es ist richtig, dass das mit viel Erfahrung in Mittelalter- und Renaissance‑Musik ausgestattete Ensemble eine betörende Atmosphäre schafft, die sofort gefangen nimmt. Allerdings wird das auf Dauer ermüdend, nicht zuletzt, weil das Perkussionsensemble nur wenig zum Geschehen beisteuert. Der vom Dirigenten dynamisch fein durchstilisierte Fluss raubt das Spontane, es wirkt alles etwas zu kontrolliert, echte Höhepunkte blieben Mangelware. Für mich eher enttäuschend.
Joe Dvorak (18.11.2025, 11:38):


David Harrow (2020)

27 Minuten (LP-Version) / 47 Minuten (Fast Version) / 71 Minuten (Slow Version); Modularer Synthesizer, DAW (Digital Audio Workstation)

Diese Aufnahme ist nicht neu, erhielt jedoch gerade eine Neuauflage der Vinylausgabe und fand so den Weg zu meinem Stromdienst. Ich hatte erwähnt, dass einige Versionen schnell ad acta gelegt wurden, weil es sich um maue Programmierarbeiten handelte. Manchmal suggerieren fantasievolle Namen, dass da irgendein "Ensemble" am Werk ist, aber man erkennt solche Machwerke schnell daran, dass Versuche, im weltweiten Netz Informationen darüber zu finden, immer nur auf die Aufnahme selbst führen. Bei Harrow ist solcherlei Fragwürdigkeit nicht zu befürchten. Er ist seit Jahrzehnten als Produzent und DJ im Electronica-Umfeld aktiv und hat Dutzende Alben herausgebracht. Somit ist es nicht verwunderlich, dass hier einmal mehr gezeigt wird, wie weit Riley seiner Zeit voraus war. In C reüssiert immer dann besonders, wenn Elektronik im Spiel ist – und wenn die Bediener wissen, was sie tun. Die LP-Version ist die erste Wahl.
Joe Dvorak (23.11.2025, 02:34):


Modular Theme Time (2020)

36 Minuten; 6 x Modularer Synthesizer

MTT ist ein Kollektiv von über 100 Musikern, vorwiegend aus Ozeanien. Hier treffen sich sechs davon, die nie zuvor zusammengespielt haben, um live im Studio ohne weitere Vorbereitung zu improvisieren. Rileys Komposition dient dabei lediglich als Inspirationsquelle und verbindendes Thema - das geht schon weit über einen Open Source-Ansatz hinaus. Was die Bediener an ausgeklügelten Klängen aus ihren Euroracks hervorzaubern, wie sie zusammenspielen, immer wieder in den Flow geraten und auch in Passagen, in denen vom Original nichts zu hören ist, doch dessen Geist transportieren, hievt das in die Liste der für mich Unentbehrlichen.
Joe Dvorak (21.12.2025, 03:25):


American Festival of Microtonal Music (AFMM) Ensemble (2006)

23 Minuten; 2 x Gitarre, Viola, Cembalo, Kanon, Gitarre (Puls)

Schlampige Recherche und ein mieses Gedächtnis sind die Ursache dafür, dass ich diese Interpretation übersehen habe. AFMM betiteln ihre Aufnahme mit In C In Just Intonation. Just Intonation (JI) ist ein Stimmungssystem, das nur ganzzahlige Frequenzverhältnisse verwendet, wie es der Oberton- oder Naturreihe entspricht, und das in der Grundtonart entsprechend rein klingt. Sobald man aber moduliert, wird es reichlich schräg. Wie das Problem in der abendländischen klassischen Musik gelöst wurde, ist bekannt, und wir haben uns daran gewöhnt, dass im gleichstufig temperierten System alle Intervalle verstimmt sind. Die JI-Leute gehen andere Wege und versuchen durch eine gezielte Auswahl der verwendeten Verhältnisse den Klang möglichst rein zu halten - die Möglichkeiten sind unbegrenzt und nicht selten klingt das Ergebnis durch die reichliche Verwendung von Mikrointervallen erst recht bizarr. Auch wurden Instrumente entwickelt, die einfach und blitzschnell umzustimmen sind, um das Modulationsproblem zu umgehen. Das hier verwendete, mit der orientalischen Zither (Qanun) verwandte Kanon ist ein Beispiel. Rileys Stück ist prädestiniert dafür, natürlich gestimmt zu werden, da es, wie der Name schon andeutet, nur wenige Patterns mit Noten außerhalb der C-Dur-Reihe enthält und Modulationen nicht gezielt, sondern nur scheinbar durch die Überlagerung der Muster entstehen. Schon wegen der Machart ist das ein absolutes Muss, aber auch unter den anderen abgehandelten Aspekten ist es eine Spitzenaufnahme, wenn man davon absieht, dass die geringe Zahl der Instrumente und die kurze Spieldauer deutlich von Rileys Ideal abweichen. Ich meine, beide sind in diesem Fall optimal.
Sfantu (21.12.2025, 22:47):
Es ist kein Geheimnis, daß ich mit minimal music fremdle.
Daher meide ich sie mit einer Konsequenz, die an Sturheit grenzt.

Joe setzt sich mit einer Konsequenz für "In c" ein, die an Obsession grenzt.
Und läßt sich eben dadurch auf Dauer nicht ignorieren.

Bei den ersten Konfrontationsversuchen über die Tube scheiterte mein Durchhaltevermögen an den auf das erste Hören hin gleichförmigen Klangereignissen, mehr noch aber am orientierungslosen Ausgeliefert-Sein an stehende Cover-Abbildungen. Den Knoten vermochte daher erst dieser Aufführungsmitschnitt zum Platzen zu bringen.
Man sieht also, was geschieht, sieht das Engagement und die Spielfreude dieses Generationen-Projektes. Ob das nun eine der besseren Versionen dieses Werkes ist - keine Ahnung. Aber es war von einer Minute zur nächsten zunehmend mitreißend.
Ich versuche erst gar nicht, die genaue Besetzung zu erkunden und zu benennen - allein deshalb, da ich eine ganze Reihe dieser Instrumente oder Nicht-Instrumente erst überhaupt nicht benennen könnte. Vollen Respekt habe ich für die Perkussionisten - sie bewältigen einen echten Knochen-Job.

Am Anfang hielt ich es für Gruppen-Therapie mit Instrumenten - am Ende war ich begeistert.

Third Coast Percussion, Chicago
(live, 2017)
Joe Dvorak (23.12.2025, 08:37):
Third Coast Percussion, Chicago
Die Suche nach einer Aufnahme auf CD oder als Streaming/Download blieb erfolglos. Die Tube kann ich innerhalb der Great Firewall nicht empfangen und ich bin da nicht traurig drüber, denn irgendwo muss man eine Grenze ziehen. Ebenso außen vor bleiben Aufnahmen, die nur auf Bandcamp verfügbar sind.
Obsession? Ja, schon irgendwie, aber aus der Freude geboren. "Einsetzen" klingt allerdings etwas verfänglich, denn das tut man in der Regel für Komponisten aus den hinteren Reihen (wenn man glaubt, sie sitzen da zu Unrecht) oder unbekannte Werke. Das trifft hier nicht zu.