Those were the days...

Sfantu (02.11.2025, 23:58):
Nachdem ich zum Lachner-Faden aus Rezensionen Schumanns zitierte, kam mir die Idee zu diesem Thema:

Ich las weiter in Schumanns Besprechungen und bekam Lust, das jeweilige Werk unter dem Eindruck seiner Gedanken neu zu hören. Man lauscht so der Musik mit leicht verändertem Blickwinkel. Zwar schon auch aus heutiger Perspektive, im (oberflächlichen) Wissen um das, was danach kam (wie könnte man das auch ausblenden?). Aber eben doch mit leicht veränderten Koordinaten - der Mentalität, dem Empfinden, der Konventionen der Epoche eingedenk.
Es mag erstaunen, zu welcher Einschätzung der damalige Rezensent kam. Das Werk noch taufrisch, seine ganze Wirkungsgeschichte noch vor sich. Und eben teils im doppelten Wortsinne unerhört.

Jede bekannte oder anonyme Quelle soll in diesem Faden erlaubt sein.
Es können Musiker und/oder Komponisten die Verfasser sein - müssen es aber nicht.

Den Anfang macht wiederum Robert Schumann.
Er verquickt in einer Rezension zwei neue Klavierkonzerte, von denen ich anschließend nur eines hören konnte, da ich vom anderen leider keine Aufnahme besitze:

Es handelt sich um eine Rückschau auf das Jahr 1839.
In blumigem, weit ausholendem Stil beklagt er zunächst die spärliche Zahl interessanter, der Betrachtung würdiger Klavierkonzerte der letzten Zeit.
Dann fährt er fort:

" Bis dahin werden wir aber noch oft nach jenen älteren Kompositionen greifen müssen, die ein Konzert in kunstwürdigster Weise zu eröffnen, des Künstlers Gediegenheit am sichersten zu erproben geeignet sind: nach jenen trefflichen von Mozart und Beethoven oder, will man endlich Neues zu Gehör bringen, nach jenem, in welchem die alte Spur, namentlich die Beethovensche, mit Glück und Geschick weiter verfolgt ist. Unter die Letzteren zählen wir mit der gehörigen Einschränkung zwei unlängst erschienene Werke von I. Moscheles und F. Mendelssohn Bartholdy. Von beiden Künstlern war in der Zeitschrift bereits so oft die Rede, daß wir uns kurz fassen können.

In Moscheles haben wir das seltenere Beispiel eines Musikers, der, obschon in älteren Jahren und noch jetzt unablässig mit dem Studium alter Meister beschäftigt, auch den Gang der neueren Erscheinungen beobachtet und von ihren Fortschritten benutzt hat. Wie er nun jene Einflüsse mit der ihm angebornen Eigenthümlichkeit beherrscht, so entsteht aus solcher Mischung von Altem, Neuem und Eigenem ein Werk, eben, wie es das neueste Konzert ist, klar und scharf in den Formen, im Charakter dem Romantischen sich nähernd und wiederum originell, wie man den Komponisten kennt. Daß wir nicht zu fein spalten - das Konzert verrät überall seinen Meister; aber alles hat seine Blüte, und der einst das g-moll-Konzert schrieb, der ist er nicht mehr, wohl aber immer der fleißige, treffliche Künstler, der keine Mühe scheut, sein Werk den besten gleich zu machen. Auf Popularität verzichtet er diesmal gleich von vornherein; das Konzert heißt pathetisch und ist es; was kümmern sich unter 100 Virtuosen 99 darum. Das Abweichen in der Form von anderen und Moscheles' eigenen früheren Konzerten wird Jedem im Augenblick auffallen. Der erste Satz schreitet rasch vorwärts, die Tutti sind kürzer als gewöhnlich, das Orchester greift überall mit ein; der zweite mit seinen langsameren Zwischenspielen scheint mir mühsamer gefunden, er leitet den letzten ein, der den pathetischen Charakter des ersten in leidenschaftlicherer Bewegung wieder aufnimmt. Mechanisch schwierig möchten wir das Konzert im Vergleich zu andern neuern nicht nennen: das Figurenwerk ist sorgfältig ausgewählt, aber auch von mäßigen Spielern nach einigem Studium zu bewältigen. Zusammen mit dem Orchester erfordert es aber von beiden Seiten größte Aufmerksamkeit, genaue Kenntnis der Partitur, und so vorgetragen wird es in seiner kunstvollen Gedankenverwebung in hohem Grade interessieren, wie wir uns mit Freuden daran erinnern, als Moscheles es in Leipzig spielte.

Einen besonderen Dank votieren wir neueren Konzertschreibern, daß sie uns zum Schluß nicht mehr mit Trillern, namentlich mit Oktavspringern langweilen. Die alte Kadenz, in die die alten Virtuosen an Bravour einpackten, was irgend möglich, beruht auf einem weit tüchtigeren Gedanken und wäre vielleicht noch jetzt mit Glück zu benutzen. Sollte nicht auch das Scherzo, wie es uns von der Symphonie und Sonate her geläufig, mit Wirkung im Konzert anzubringen sein? Es müßte einen artigen Kampf mit den einzelnen Stimmen des Orchesters geben, die Form des ganzen Konzerts aber eine kleine Änderung erleiden. Mendelssohn dürfte es vor allen gelingen.

Wir haben über des Letzteren zweites Konzert zu berichten. Wahrhaftig, noch immer ist er der nämliche, noch immer wandelt er seinen alten fröhlichen Schritt; das Lächeln um die Lippen hat niemand schöner als er. Virtuosen werden beim Konzerte ihre ungeheuren Fertigkeiten nur mit Mühe anbringen können: er gibt ihnen beinahe nichts zu tun, was sie nicht schon hundertmal gemacht und gespielt. Oft haben wir von ihnen diese Klage gehört. Sie haben etwas recht; Gelegenheit, die Bravour zu zeigen durch Neuheit und Glanz der Passagen, soll vom Konzerte nicht ausgeschlossen bleiben. Musik aber steht über alles, und der uns diese immer und am reichsten gibt, dem gebührt auch immer unser höchstes Lob. Musik aber ist der Ausfluß eines schönen Gemüthes; umbekümmert, ob es im Angesicht von Hunderten, ob es für sich im Stillen flutet; immer aber sei es das schöne Gemüth, das sie ausspreche. Daher wirken auch Mendelssohns Kompositionen so unwiderstehlich, wenn er sie selbst spielt; die Finger sind nur Träger, die ebensogut verdeckt sein könnten; das Ohr soll allein aufnehmen und das Herz dann entscheiden. Ich denke mir oft, Mozart müßte so gespielt haben. Gebührt Mendelssohn so das Lob, daß er uns immer solche Musik zu hören gibt, so wollen wir deshalb garnicht leugnen, daß er es oft in einem Werke flüchtiger, in dem andren nachdrücklicher tut. So gehört auch dies Konzert zu seinen flüchtigsten Erzeugnissen. Ich müßte mich sehr irren, wenn er es nicht in wenig Tagen, vielleicht Stunden geschrieben. Es ist, als wenn man an einem Baum schüttelt, die reife, süße Frucht fällt ohne weiteres herab. Man wird fragen, wie es sich zu seinem ersten Konzert verhalte. Es ist dasselbe und nicht dasselbe; dasselbe ist es, weil es von einem ausgelernten Meister, nicht dasselbe, weil es zehn Jahre später geschrieben ist. Sebastian Bach sieht an der Harmonieführung hier und da heraus. Melodie, Form, Instrumentation im übrigen sind Mendelssohns Eigenthum. So freue man sich der flüchtigen heiteren Gabe; sie gleicht ganz einem jener Werke, wie wir manche von älteren Meistern kennen, wenn sie von ihren größeren Schöpfungen ausruhten. Unser jüngerer wird sicherlich nicht vergessen, wie jene dann oft plötzlich mit etwas Mächtigem hervortraten, und das d-moll-Konzert von Mozart, das in G-dur von Beethoven ist uns Beweis davon".

(aus "Robert Schumann - Schriften über Musik und Musiker", Stuttgart 1982, S. 152 - 155)

Von Moscheles insgesamt 8 Konzerten stehen bei mir nur die Nummern 2, 3 und 6 in der Sammlung - das Dritte dafür gleich 3x.
Und auf Letzteres nimmt Schumann ja namentlich Bezug, läßt es als das frischere, jugendlichere Werk erscheinen. Ich hörte es also und im Anschluß das Sechste um im Ungefähren einzukreisen, nachzuvollziehen, was er meint.




Ignaz Moscheles
Klavierkonzert Nr. 3 g-moll op. 58

Howard Shelley,
Tasmanian Symphony Orchestra
(CD, hyperion, 2002)

Allegro moderato 15'06
Adagio 5'11
Allegro agitato 9'09




Ignaz Moscheles
Klavierkonzert Nr. 6 B-dur op. 90 "Concert fantastique"

Liu Xiao Ming,
Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt - Nikos Athinäus
(CD, Christopherus, 2008)

Allegro con spirito 6'32
Andante espressivo 4'53
Allegro agitato - Vivace 6'03

Die Fortführung der Gesamtaufnahme aller acht Moscheles-Konzerte auf hyperion habe ich seinerzeit offenbar verschlafen. Die anderen beiden CDs scheint es derzeit nur noch auf dem Zweitmarkt zu geben.

Im Vergleich ist bereits vom Dritten zum Sechsten eine frappante Entwicklung von Moscheles' Konzertstil spürbar. Weg vom abgerundet-eleganten, bravourösen Stil, hin zu einer Art Programm. Formale Geschlossenheit erreicht er durch die atacca-Übergänge zwischen den Sätzen. Wie Schumann für das Siebte bemerkt, sind auch hier die Orchester-Tutti in der Tat knapper, dafür umso markanter. "Fantastique" mutet mithin Einiges in der Komposition an. Hochromantisch der Hörnerklang im langsamen Satz. Ideen von Übernatürlichkeit, ja Fieberwahn scheinen in der Überleitung zum Allegro agitato und überhaupt im Verlauf dieses Schlußsatzes auf. So lautet denn auch die Vortragsbezeichnung einer Passage "con smania" = mit Raserei. Wohlgemerkt - dies sind keine Berliozschen Exorzismen. Alles bleibt mehrheitlich gesittet.
Höchst spannend wäre allemal ein Kennenlernen des von Schumann besprochenen Siebten, des "Concert pathétique".





Felix Mendelssohn

Klavierkonzert Nr. 2 d-moll op. 40

Peter Katin,
London Symphony Orchestra - Anthony Collins
(CD, Decca, 1989, AD: 1955)

Allegro appassionato 10'22
Adagio. Molto sostenuto 7'24
Presto scherzando 6'30

Macht Schumann es sich nicht ein wenig einfach, das zweite Mendelssohn-Konzert als einen quasi Aufguß des Ersten zu bezeichnen? Ich meine doch, daß man dem op. 40 seine 10 Jahre mehr Erfahrung und Praxis anmerkt. Es wird eine Spur weniger draufgängerisch drauf los gestürmt als im Erstling. Und Vieles scheint mir mit mehr Bedacht und Sorgfalt ausgearbeitet.
Andréjo (03.11.2025, 13:33):
Mit ein paar Konzerten von Moscheles kann ich dienen. Sfantu hat oben die offensichtlich noch nicht vergriffene CD von Hyperion abgebildet.

EDIT nach Sichtung: Überraschung! Es sind sogar alle sieben, die bei Hyperion veröffentlicht wurden. Ich könnte mal wieder hineinhören. Sfantu spricht von acht Konzerten. Da fehlt mir jetzt der Durchblick. Vielleicht ist auch nur das Extra-Werk (op. 75) gemeint.

Und abgesehen davon, dass ich schon auch der Meinung bin, dass vom ersten Mendelssohn-Konzert zum zweiten eine gewisse Entwicklung stattgefunden hat, könnte ich das jetzt nicht regelrecht beweisen. Mal in die Konzertführer schauen - Fachliteratur besitze ich nicht.

EDIT 2: Die Klassika-Seite spricht allerdings auch von acht Konzerten und dieses achte Konzert ist auf den drei Hyperion-Scheiben nicht dabei. Es trägt die Opusnummer 96 und nennt sich Concerto Pastorale. Eine käufliche CD finde ich auf die Schnelle nicht - doch man wird offenbar fündig in der Tube. Und es gibt dieses Konzert zum Herunterladen bei den relevanten Diensten - da bin ich nicht angemeldet.

https://www.youtube.com/watch?v=NcGPVdzs-aU

Unter den Anmerkungen zur youtube-Datei - bitte dort nachsehen! - wird auf die CD verwiesen, die hier hochgeladen wurde und die es wahrscheinlich überhaupt nicht mehr gibt. Aber das wollte ich jetzt nicht überprüfen.

Nach zehn Minuten Anhörung meine ich, dass das gefällige und durchaus elegante wie auch virtuose Musik darstellt - freilich ohne "Exorzismen". ;)
Sfantu (19.11.2025, 21:27):
Die beiden mir fehlenden Folgen von Howard Shelleys Klavierkonzert-Reihe konnte ich glücklicherweise noch rasch beschaffen.



Ignaz Moscheles

Klavierkonzert Nr. 7 c-moll op. 93 "Concert Pathétique"

Howard Shelley -
Tasmanian Symphony Orchestra
(CD, hyperion, 2003)

Allegro maestoso 11'28
Allegro agitato 3'46
Allegro con brio 6'56

Hörend läßt sich nun etwas besser nachvollziehen, was Schumann dazu schrieb.
Gleichzeitig aber wirft es auch Fragen auf.

Insgesamt markieren das Sechste wie das Siebte - wie angedeutet - ein Fortschreiten des individuellen Ausdrucksgehaltes. Dort phantastisch, hier pathetisch - das Programm klingt wiederholt durch. Beide Werke beinhalten attacca-Verbindungen der Sätze.
Schumann handelt den Mittelsatz ein wenig lapidar ab:

" der zweite mit seinen langsameren Zwischenspielen scheint mir mühsamer gefunden".

Dabei stellt er nichts weniger als eine kleine Sensation dar: hier haben wir doch bereits das in der Folge von Schumann ins Spiel gebrachte Experiment, ein Scherzo in ein Konzert zu integrieren. Ein markanter Staccato-Baß bildet das Thema des 1x wiederkehrenden A-Teils. Jeweils gefolgt von einem balladenhaften B-Teil von einem fromm-andächtigen Charakter. Es erinnert mich an ein wiederkehrendes Motiv aus Conradin Kreutzers "Nachtlager". Bei seinem zweiten Erscheinen wird das Staccato des A-Teils kunstvoll abstrahiert eingewoben. Um dann attacca in den stürmischen Schlußsatz zu münden. Und dieser hebt wiederum mit einem hämmernden Motiv an, welches im Grunde an den Staccato-Baß des Scherzos anknüpft.
Während sich Schumann in dem Zitat aus Beitrag Nr. 1 auf Ereignisse des Jahres 1839 bezieht, gibt Henry Roches Booklet-Text 1835 als Datum für eine (anders als zuvor in England) erfolgreiche Aufführung der Konzerte Nr. 6 und 7 in Leipzig an.

Zu Shelleys Instrument(en) finde ich leider keine Angaben. Es klingt elegant, eher fein als breit und auch in durchschlagendem Forte immer kernig und konturiert, nie diffus.