Tonartencharakteristik

satie (22.11.2016, 16:00):
Tonartencharakteristika werden immer wieder zum Thema, wenn man nach Aussagen, Emotionen, verborgenen Programmen etc. in Kompositionen sucht. Die Idee dabei ist, dass die Tonart selbst ein – mehr oder minder eindeutiger - Bedeutungsträger sei. Sehr gerne wird dabei ein fundamentaler Fehler gemacht, indem angenommen wird, C-Moll bedeutet immer dies oder jenes.Das würde einer Überprüfung sehr schnell nicht standhalten, man muss sich dazu nur einige Stücke in derselben Tonart vornehmen, was ich hier nicht tun will,die Mühe kann man sich sparen.

Zunächst muss man sich fragen, warum überhaupt (angeblich) verschiedene Charakteristika existieren. Auf dem Klavier kann man ein Stück genauso gut in A-Moll spielen wie in C-Moll, ohne dass es deutlich anders klingt (von den Tonhöhenänderungen mal abgesehen). Zu Bachs Zeit wäre das noch ganz anders gewesen, weil die temperierte Stimmung noch eine ungleichstufige war. Um es nicht unnötig kompliziert zu machen: die Tonschritte der Halbtonleiter waren nicht gleich groß (heute sind sie es). Dadurch weisen etwa eine C-Dur-Tonleiter und eine E-Dur-Tonleiter in sich unterschiedliche Frequenzverhältnisse auf, waszu einem deutlich anderen Klang führen kann.
Diese andere Stimmung wird als entscheidendes Argument fürdie Tonartencharakteristik immer wieder angeführt, aber man muss bedenken, dasses keine einheitliche Stimmung gegeben hat. Mozarts Hammerklavier kann in einem anderen Stimmungssystem gestimmt gewesen sein als das von Haydn. Man bedenke,dass hier minimale Tonveränderungen im mikrotonalen Bereich zum Tragen kommen. Das heißt: es ergeben sich eindeutig Unterschiede im Gefüge der Tonarten, aber diese sind situativ verschieden. Daher kann man keine allgemeingültigen Aussagen zu den Tonarten machen. Erschwerend kommt hier noch dazu, dass es keinenfestgelegten Kammerton gab, C-Dur also auf dem einen Cembalo einen Halbtontiefer sein konnte als auf dem nächsten (als Beispiel).
Ein wichtiger Punkt ist daneben die instrumental-praktische Seite einer Tonart: bekanntermaßen sind Kreuztonarten für Streicher die bessereWahl, B-Tonarten für Blechbläser, und es hat wenig Sinn, eine technisch extrem schwere Tonart nur um der Tonartencharakteristik Willen zu benutzen.

Und zu guter Letzt darf nicht übersehen werden, dass dieTonart nur ein Aspekt neben allen anderen musikalischen Bestandteilen ist.Tempo, bestimmte Rhythmen und vor allem satztechnische Topoi bestimmen den Charakter einer Komposition mindestens ebenso sehr.

Weitere Gründe für das Entstehen solcher Charakteristika führt Amon in dem sehr ausführlichen Artikel, aus dem ich unten zitieren werdean. Wer noch tiefer eindringen will in die Materie, muss sich die Quellen anschauen.

Wie unterschiedlich selbst die historischen Quellen zu denTonartencharakteristika sind, zeige ich mal an einem durch einen aktuellen Thread angeregtes Beispiel. Dieses stammt aus Reinhard Amon: Lexikon derHarmonielehre, Artikel „Tonartencharakteristik“ (Doblinger/ Metzler, 1. Aufl.,2005):

g :
1.Schwermütig, ziemlich hellklingend, sanft.
2.Mißvergnügen, Unbehaglichkeit, Zerren an einemverunglückten Plane; mißmutiges Nagen am Gebiß; mit einem Worte: Groll und Unlust.
3.Ist fast der allerschönste Ton, weil er eineungemeine Anmuth und Gefälligkeit mit sich führet, dadurch er so wol zu zärtlichen,als erquickenden, so wol zu sehnenden als vergnügten; mit kurtzen beydes zu mäßigen Klagen und temperirter Frölichkeit bequem und überaus flexibel ist.
4.Wehmut und Freude, Schwermuth und Heiterkeit, Grazie, tragisch-sentimental, erhaben, geheimer Schmerz

Interessant sind nun die Quellen, aus denen diese Angaben ursprünglich stammen (gottseidank hat Amon das so schön gesammelt…):
1.Berlioz/ Strauss: „Instrumentationslehre“1844/1904
2.Schubart: „Ideen zur Ästhetik der Tonkunst“ 1784
3.Mattheson: „Der vollkommene Capellmeister“ 1739
4.Hand: „Ästhetik der Tonkunst“ 1837

Amon nutzte daneben noch Riemann („Katechismus derFugen-Komposition“ 1906) und Vogler („Betrachtungen der Mannheimer Tonschule“1778), aber diese enthalten offenbar nicht genug verwertbare Informationen zu g-Moll,weshalb sie oben fehlen.
Zumindest Schubart und Mattheson dürfen wir als Zeitgenossen Mozarts sehen, und man darf sich fragen, ob nun die Symphonie Nr. 40 in g-Moll tatsächlich als ein „mißmutiges Nagen am Gebiß“ empfunden werden kann…

Dennoch ist das Thema eine nähere Betrachtung wert. Man muss nur anders vorgehen und die Tonarten immer im Kontext des Werkes des jeweiligenKomponisten betrachten. Die Frage muss also lauten: „Was bedeutet d-Moll bei Mozart?“ oder sogar: „Was bedeutet h-Moll in Bachs geistlichen Kompositionen?“,oder auch noch spezifischer „Was bedeutet C-Dur in Bartoks Blaubarts Burg?“, denn tatsächlich kann der Bezug derart kompliziert sein.
Hierzu werden (hoffentlich) etliche Beispiele folgen.

Bevor das hier alles zu lang wird noch ein Beispiel, das –entgegen den Aussagen von eben – tatsächlich sehr universell benutzt wurde und idealer Ausgangspunkt ist:

C-Dur

C-Dur ist von erstaunlich vielen Komponisten als Licht-Tonart benutzt worden. Berühmtestes Beispiel ist vermutlich Beethoven inseiner 5. Symphonie, die zwar in c-Moll beginnt, aber sich im Finale zum strahlenden C-Dur entwickelt. Das Thema des letzten Satzes ist überdies ein revolutionärer Sonnengesang. Das Programm „durch Nacht zum Licht“ ist hier leicht nachvollziehbar. Ähnlich benutzt Bartok die Tonart in seinem Blaubart: Mit jedem Öffnen einer der Türen entwickelt sich die Musik mehr in Richtung C-Dur (ausgehend von fis-Moll), und es wird immer heller. Dann natürlich Haydns „Schöpfung“: nach der Vorstellung des Chaos in einem fast spätromantisch umspielten c-Moll erstrahlt beim Wort Licht ein Fortissimo-C-Dur.
Diese drei Beispiele seien stellvertretend für viele weitere erst einmal genug. C-Dur ist aus naheliegenden Gründen vielfach eine Tonart der Reinheit, Einfachheit, Helligkeit, Klarheit, aber auch der Einfalt.
Nicolas_Aine (22.11.2016, 18:02):
Danke für den interessanten Beitrag.

Folgende Gedanken fallen mir gerade dazu ein: Eine Tonart kann auch aus pragmatischen Gründen gewählt werden, wie du es ja schon angesprochen hast. Bspw. fällt auf, dass bei Violinliteratur, insbesondere bei Violinkonzerten, D-Dur / d-moll die mit Abstand am häufigsten gewählte Tonart ist (Beispiele: Brahms, Beethoven, Sibelius, Tchaikovsky, 2x Mozart, Korngold, Britten...). Tatsächlich liegt D-Dur auf der Geige sehr bequem. Genau begründen kann ich das nicht; Es hängt wohl, so denke ich, damit zusammen, wie die wichtigen Töne und Akkorde in den Lagen verteilt sind, und das sowohl Subdominante als auch Dominante leere Saiten sind.
Interessant in dem Zusammenhang ist auch Paganini. Sein erstes Violinkonzert schrieb er in D-Dur, spielte es allerdings in Es-Dur. Da D-Dur wie angesprochen aber bequem liegt, und Es-Dur als Tonart mit b-Vorzeichen sehr unbequem ist, stimmte er einfach seine Geige einen Halbton nach oben. Dadurch spielte er D-Dur, es klang aber das Es-Dur, das - je nachdem, welche Quelle man liest - entweder wesentlich schwieriger und damit beeindruckender oder einfach strahlender klang. Auch sonst stimmte er seine Geige zum Zwecke der Effekthascherei gerne um.
satie (23.11.2016, 13:09):
Im Konzertführer meines Cellolehrers (in den 80ern) war man dagegen der Ansicht, g-moll sei Mozarts "Schicksalstonart". Wir haben uns beide über diesen melodramatischen Begriff amüsiert (der im Buch natürlich nicht weiter begründet wurde... ).

Und wenn schon "Todestonart", warum nicht wenigstens d-moll? In der steht immerhin das Requiem...
D-Moll bei Mozart ist tatsächlich eine interessante Tonart. Überhaupt finden sich bei Mozart nicht so furchtbar viele Werke in Moll, bei den Symphonien sind es gerade mal die beiden in g-Moll, eine von der Urheberschaft her zweifelhafte frühe in a-Moll können wir getrost vergessen.
Bei den Klavierkonzerten ist das 20. in d-Moll, dann gibt es nur noch eines in Moll, Nr. 24 in c-Moll. Die Nähe zum Don Giovanni (zwei Jahre später, im Todesjahr des Vaters) ist bei dem d-Moll-Konzert häufig angesprochen worden. Zwar ist natürlich fraglich, ob dadurch das d-Moll als Todestonart schon genügend eindeutig belegt ist, aber es ist schon auffällig, dass auch das Requiem in dieser Tonart steht. Allerdings ist d-Moll in der Form des Dorisch eine traditionelle Kirchen-Tonart (im doppelten Sinn!). Bei Mozart finden sich einige geistliche Werke in d-Moll, und als "dorische" Tonart ist es auch eine Tonart der Stabilität, der Ehrfurcht etc. für viele Komponisten. Amon, den ich oben zitiert habe, spricht dem Dorischen oder generell den D-Tonarten diese Stabilitäts-Konnotation auch deshalb zu, weil das D der einzige Punkt ist, wo die Tasten des Klaviers symmetrisch geteilt werden können, allerdings geht dies auch mit dem gis/as, was aber eine (jetzt wieder wegen der Stimmung) nicht wirklich nutzbare Tonartenstufe gewesen wäre. Ob da was dran ist, weiß ich nicht, aber es ist ein weiterer Gedanke dazu.
Wie ich gesehen habe, hat auch Cherubini ein Requiem in d-Moll geschrieben, später dann Bruckner.
Schuberts "Der Tod und das Mädchen" und das danach benannte Streichquartett haben ebenfalls die Verbindung von Tod und d-Moll gemeinsam.
Weitere d-Moll-Beispiele bei Mozart wären die Streichquartette KV 173 und KV421.
Todestonart oder nicht? Schwer zu sagen. Ich vermute, dass hier das Requiem der Grund für diese vermeintliche Konnotation ist, und das diese in der Nachfolge sicher ausgestrahlt hat, ist offensichtlich.
Amon möchte ich zum Schluss noch einmal erwähnen, der noch die erstaunlich vielen "letzten Werke" von Komponisten in d-Moll erwähnt (Beethovens 9. Symphonie, Bruckners 9. Symphonie, Mozarts Requiem, Bachs Kunst der Fuge u.v.a.). Zufall? Oder etwa nicht.....?