Tonartenplan in Mozarts Zauberflöte

Hosenrolle1 (25.01.2015, 06:00):
Ein interessantes Thema, wie ich finde!

In einem Musiklehrbuch aus den späten 70er Jahren gibt es eine längere Beschreibung von Mozarts Zauberflöte. Um es gleich vorwegzunehmen: mit dieser Oper konnte ich noch nie etwas anfangen.

Aber da gab es eine Passage, die mich interessiert hat.

Es wurde ein Tonartenplan aufgestellt, in dem die in den einzelnen Stücken verwendeten Tonarten aufgelistet wurden.

So sieht er aus:

Ouvertüre: Es-Dur

Nr.1: c-Moll zu C-Dur
Nr.2: G-Dur
Nr.3. Es-Dur
Nr.4: B-Dur
Nr.5: B-Dur
Nr.6: G-Dur
Nr.7: Es-Dur
Nr.8: C-Dur
Nr.9: F-Dur

Nr.10: F-Dur
Nr.11: C-Dur
Nr.12: G-Dur
Nr.13: C-Dur
Nr.14: d-Moll
Nr.15: E-Dur
Nr.16: A-Dur
Nr.17: g-Moll
Nr.18: D-Dur
Nr.19: B-Dur
Nr.20: F-Dur
Nr.21: Es-Dur

c-Moll zu C-Dur
G-Dur
c-Moll zu B-Dur
Es-Dur


Nun wird dazu folgendes gesagt:

Es-Dur, Sarastros Welt darstellend, ist die Grundtonart. Sie wird bereits in der Ouvertüre festgelegt und im Finale des zweiten Aktes wieder erreicht.

Ähnliches kenne ich auch aus dem Freischütz, der in C-Dur beginnt und in C-Dur endet.

Nun aber:


Alle Tonarten sind harmonisch miteinander verwandt, mit Ausnahme von Nr. 13, 14 und 15, wo das Eindringen der Königin der Nacht in Sarastros Bezirke einen heftigen Kontrast fremder Tonarten notwendig zu machen scheint, und Nr.17, wo Paminas Arie in g-Moll wie eine dunkle Wolke dem hellen A-Dur-Terzett der drei Knaben folgt.

Da wurde ich gleich hellhörig, denn nun frage ich mich natürlich, ob sich das auch auf andere Opern anderer Komponisten übertragen lässt, ob es da ähnliche Beispiele gibt.

Mir geht es jetzt nicht um das Musiktheoretische, die angesprochene Verwandtschaft konnte ich nur bei ein paar Tonarten nicht nachvollziehen.

Müssen hierbei die Grundtöne der Tonarten in der Es-Dur Tonleiter liegen?

Nr.8 steht auch in C-Dur, wie Nr. 13. Wieso wird das nicht erwähnt?

Die letzten fünf Szenen sind zu einer besonderen Einheit zusammengefügt durch die unmittelbare Aufeinanderfolge von Es-Dur, c-Moll zu C-Dur, G-Dur, c-Moll und Es-Dur.

Inwiefern eine "besondere Einheit"? Soll sich daraus eine Art Kadenz ergeben?


LG,
Hosenrolle1
Wooster (25.01.2015, 14:03):
c-moll ist die Parallele zur "Grundtonart" Es-Dur, C-Dur ist die "Unterterz", G-Dur die Oberterz, es sind demnach alles relativ "nahe" Tonarten. Freilich fehlt die Dominante; ich habe auch keine Ahnung, ob eine von den genannten Tonarten die Dominante "ersetzen" kann. Meinem sehr begrenzten Wissen zufolge wirken die "Medianten" (also die Tonarten im Terzabstand) eher wie die subdominante (spannungsverrringernd).

Ich nehme das hörend nicht wahr (die Stücke sind ja auch viel länger als Sinfonien und es kommen normalerweise einige Arien in relativ entfernten Tonarten vor), aber auch anderen der späten Mozart-Opern kann man eine "Grundtonart" zuschreiben, die Ouverture und Finale umfasst, und um die sich der Rest "gruppieren" lässt, wobei typischerweise das Finale des ersten oder zweiten Aktes (Figaro) in einer Tonart steht, die ziemlich weit von der Grundtonart entfernt ist.

Figaro: D-Dur
Don Giovanni d-moll/D-Dur
Cosi fan tutte: C-Dur
Zauberflöte Es-Dur

Gerade Es-Dur wird (warum auch immer) öfters mit der Freimaurersymbolik in Verbindung gebracht. Bei Mozart scheint die Tonart insgesamt mit einem festlichen, aber auch weichen, oft von Klarinetten (wie zB in der Sinfonie Nr. 39 und dem Klavierkonzert 22) geprägten Klang assoziiert zu sein.
Hosenrolle1 (31.07.2016, 20:07):
Nachdem ich einen Beitrag von Joachim Kaiser zur "Entführung aus dem Serail" gesehen habe, wo es um eine ähnliche Sache geht, hätte ich doch ein paar Fragen:

Lohnt es sich, sich in allen Werken, egal ob Oper, Operette oder Oratorium, die Tonarten anzusehen, in der bestimmte Passagen oder Arien stehen?

Haben alle Komponisten zu jeder Zeit darauf geachtet, welche Tonarten sie wofür einsetzen, und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen?




LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (05.08.2016, 11:07):
Original von Hosenrolle1

...

Lohnt es sich, sich in allen Werken, egal ob Oper, Operette oder Oratorium, die Tonarten anzusehen, in der bestimmte Passagen oder Arien stehen?

...


Lieber Hosenrolle1,

einem Interesse zu mehr Erkenntnis nachzugeben, lohnt sich grundsätzlich immer. Ob dieses Interesse für angewandte Tonarten für "alle Werke" gilt, bestimmt der Grad Deiner Neugier. Aber bei "älteren" Werken ist der Tonartencharakter dem Komponisten sehr oft bewusst gewesen und dann mit Intention verbunden (vgl. auch Affektenlehre). Aber es gibt auch zahlreiche Kritiker eines 'eindeutigen Tonartencharakters'.

Bis dann.
Hosenrolle1 (05.08.2016, 11:12):
Hallo Keith,

danke für deine Antwort!

Ich hätte meine Frage präzisieren sollen: haben die meisten, wenn nicht alle Komponisten nicht nur darauf geschaut, welchen Charakter welche Tonart hat, sondern auch auf eine gewisse Dramaturgie geachtet?

Joachim Kaiser schreibt etwa, dass in der "Entführung" irgendein Stück in h-moll steht, ein anderes bestimmtes Stück in D-Dur, was ja die parallele Tonart ist, und ein drittes, das darauf folgt, in d-moll, wo auch eine Verwandtschaft besteht.

Haben andere Komponisten auch so gedacht? Oder war es "nur" der Gedanke "XY-Dur klingt für dieses Stück am besten, das nehme ich"?




LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (05.08.2016, 11:21):
Lieber Hosenrolle1,

aus dem Stegreif:

Ich würde die Verwendung der Tonarten unterscheiden nach:
- eher "technischem" Charakter, z. B. Paralleltonarten
- eher "dramatischem" Charakter, der bis zu einer gewissen "esoterischen Begründung" reichen kann.

...obwohl die Differenzierungsmöglichkeit nicht immer eindeutig sein muss.

Zitat Von Hosenrolle1: "Haben andere Komponisten auch so gedacht?"

Grundsätzlich weiß ich nicht, was sich die Komponisten gedacht haben, es sei denn sie haben es z. B. schriftlich fixiert. Oder es gibt Hinweise, Indizien aus denen man eine Intention begründet ableiten kann, ansonsten ist es Spekulation. Aber es soll auch Stimmen geben, die die Ergründung von "Intentionen" gänzlich ablehnen bzw. verneinen (und schon beim Wort 'Intention' Bauchschmerzen bekommen); oder "allein" das Musikwerk i. S. der "absoluten" Musik "sprechen" lassen wollen.
:wink

Bis dann.
Hosenrolle1 (05.08.2016, 15:28):
Original von Keith M. C.
Grundsätzlich weiß ich nicht, was sich die Komponisten gedacht haben, es sei denn sie haben es z. B. schriftlich fixiert.

Das Witzige ist, J. Kaiser meint in der Kolumne genau zu diesem Thema (Gedächtniszitat): "Ob Mozart diese Zusammenhänge bewusst so gewählt hat, oder ob sie seiner Genialität zuzuschreiben sind, braucht uns nicht zu interessieren".

Ob die Genialität wirklich beim Komponieren solche "technischen" Sachen unterbewusst macht? Dass zufällig eine böse Figur in Dur singt, und darauf die gute Figur in der parallelen Moll-Tonart?

Bei Strauss weiß ich, dass er sich in das Libretto der Salome schon Tonarten notierte, die er später verwenden wollte, etwa welche Tonart er für den Mond haben will. Ich könnte mir vorstellen, dass er auch bei seinen anderen Werken so verfuhr; auf jeden Fall aber zeigt das, dass zumindest Strauss sich vorher schon Gedanken gemacht hat, und nicht erst beim komponieren unterbewusst irgendwelche Tonarten gewählt hat.





LG,
Hosenrolle1