der Antwortbeitrag von Henning hat mich veranlaßt auf die sehr sehr umstrittene Bernstein-Einspielung von 1986 (DG) einzugehen. Vorab möchte ich sagen, dass ich es für falsch halte diese grundsätzlich abzulehnen.
:) Meine Favoritenaufnahme ist nach wie vor die DG-Aufnahme von 1960 mit Karajan / Berliner PH, die mich geprägt hat, da ich diese schon von Anfang an auf LP hatte und heute natürlich auf CD. Die später als Interpretationsvergleich gekaufte digitale Einspielung aus Wien mit Karajan finde ich dagegen "nicht so doll", die habe ich bereits als Geschenk abgesetzt. Die DG-Aufnahme mit Karajan aus Berlin von 1977, in meiner Tschaikowsky-Sinfonien-Gesamtausgabe ist ebenfalls sehr gut. Was hat Karajan blos in Wien gemacht ? Na ja, es sollte digital sein
war IMO nicht nötig, denn es gibt noch zwei weitere Einspielungen auf EMI mit Karajan.
Später kamen dann noch weitere Aufnahmen dazu. :)Eine die mich neben anderen richtig aufhorchen ließen war Solti / Chicago SO (Decca, ADD). Er liefert einen straffen und sehr aufgepeitschten Tschaikowsky, der mir liegt. Diese Aufnahme gehört bis heute zu meinen Favoriten.
Auch noch nach den Mrawinsky-Aufnahmen, die ich erst im Jahre 2006 kennenlernte (dazu haben wir ja einen separaten Thread).
Als Bernstein-Fan und wegen der unterschiedliche Bewertungen zu seiner Aufnahme bezüglich der ungewohnt langen Spielzeiten, hatte ich mir die DG-CD mit den NY PH / Bernstein (1986) vor längerer Zeit zugelegt : :wink Man muß bereit sein sich auf die Bernsteinsche Gefühlswelt einzulassen - und wer das kann wird hier mit einer famosen Interpretation belohnt, die alles bisher dagewesene in anderem Licht erscheinen läßt. Die dramatischen Stellen werden unheimlich gefühlvoll aufgeputscht (was ich nicht als negativ ansehe). Der dritte Satz kommt mit einem überbordenden Temprament und der 4.Satz ist in seinem Gegensatz dann so eindruckvoll das man die Tränen kaum zurückhalten kann. :down Eine Wahnsinnsaufnahme, die jeder der Tschaikowsky mag kennen sollte.
:hello Das heißt nicht, das ich jetzt beim nächsten Hören nicht wieder zur Solti-Aufnahme greife, denn man kann einfach nicht immer bereit sein, diese außergewöhnliche Bernstein-Aufnahme zu verkraften.
Pollux (03.12.2007, 18:18): Ursprünglich hatte ich ja vor, diese Interpretation in dem Thread "Forbidden Pleasures: Interpretationen jenseits von Gut und Böse" vorzustellen, hab's mir dann aber anders überlegt, denn gar so exzentrisch ist die Aufnahme auch wieder nicht, wenn man vom Finalsatz einmal absieht, der in der Tat ungeheuer langsam gespielt wird. Doch Tempi sind bekanntlich relativ. Wie es Bernstein im Finalsatz nämlich gelingt, diesen Abschied von der Welt in seiner ganzen Resignation und Trauer zu Gehör zu bringen, vom nur mehr matten Aufbäumen gegen das Unausweichliche bis zum endgültigen Verdämmern, wird keinen kalt lassen, der es hört.
Ich besitze die Doppel-CD aus der Panorama-Reihe, die neben der Pathétique noch eine hervorragende Romeo und Julia (eines meiner absoluten Lieblingsorchesterstücke) ebenfalls unter Bernstein zu bieten hat, dazu noch die 5. Sinfonie sowie die Nussknackersuite unter Rostropowitsch. Schönes Einsteigerpaket für Tschaikowsky-Anfänger.
Ich kann mich Wolfgang also nur anschließen. Diese Aufnahme muss man mal gehört haben. Ich weiß natürlich auch, dass viele sie ablehnen, und ich kann die Kritik auch problemlos nachvollziehen. Theoretisch jedenfalls. Denn egal was geschrieben und gesagt wird, für mich ist das, was aus den Lautsprechern kommt, so bezwingend, da interessiert es mich einfach nicht, was jemand gegen diese Aufnahme vorzubringen hat. Immerhin gibt es zu Bernstein's kongenialer Interpretation Alternativen in reichlicher Anzahl.
Meine erste Begegnung mit dieser Sinfonie hatte ich ebenfalls mit Karajan / Berliner Philharmoniker aus den 60er Jahren. Die Musik hatte es mir sofort angetan. Die Karajan-Aufnahme gefällt mir nach wie vor sehr gut. Dramatisch und packend, keine Spur von Weichspülerklang, so jedenfalls mein Eindruck.
Ich besitze darüber hinaus noch die Interpretationen von Ormandy/Philadelphia Orchestra, Celibidache/Münchener Philharmoniker sowie die hoch gelobte Mrawinsky-Aufnahme. Ormandy hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, Mrawinsky allen Vorschusslorbeeren zum Trotz seltsamerweise ebenfalls nicht (kann ja noch kommen). Celi ist natürlich auch laaaaaangsam, aber, die Celi-Fans mögen's mir nachsehen, leider auch laaaaangweilig, während bei Bernstein über vier Sätze hinweg alles bis zum Zerreißen gespannt ist.
HenningKolf (03.12.2007, 19:03): Ich habe mich ja bereits an anderer Stelle als Mitglied der Mrawinski - Fraktion geoutet. Solti, Giulini und Karajan (1976) sind auf ihre Weise sicherlich nicht schlecht, ich mag halt nur eindeutig die russische Lesart von Mrawinski lieber.
Bernstein aus dem Jahre 1964(?) finde ich auch nicht schlecht (natürlich nicht so gut wie Mrawinski, aber das sagte ich schon)
Die Version von 1986 finde ich allerdings wirklich eher misslungen. Die extremen Tempi mutieren die "Pathetique" zu - in meinen Augen künstlichem - Pathos und darüberhinaus habe ich in Erinnerung, dass die New Yorker, so gut sie sonst sein mögen, den einen oder anderen Einsatz schlicht versemmeln. Ich schrieb das heute morgen schon im sich mit Mrawinski befassenden Faden - ich weiß Teleton findet es nicht - ich kann es aber nicht belegen, die Aufnahme habe ich entweder verschenkt oder auch auf einem Flohmarkt getauscht, genau weiß ich das jetzt nicht mehr.
Henning :hello
Amadé (03.12.2007, 23:15): @ teleton
Hallo Wolfgang,
ich bin ein wenig perplex. Geht es bei der Pathetique um Tschaikowsky oder um Bernstein? ?(
Dann noch eine zweite Frage:
Karajan BPh DG 1960? Mir sind nur folgende Aufanahmen bekannt: 1939 BPh DGG 1949 WPh EMI 1956 Philharmonia Orchestra EMI 1976 BPh DGG 1984 WPh DGG dann gab es noch eine EMI Produktion mit den BPh aus den frühen 70er, ich kenne sie jedoch nicht. Vielleicht kannst du mir helfen. Mein favorit bei HvK ist 1976, siehe meine homepage.
Gruß Bernd
teleton (04.12.2007, 08:30): Geht es bei der Pathetique um Tschaikowsky oder um Bernstein?
Hallo Bernd (Amade),
es ging mir in erster Line mal um Bernstein als Tschaikowsky-Dirigent für die Pathetique. Aber warum soll man nicht auch andere Dirigenten zum Vergleich in die Waagschale werfen. Ich selber habe ja schon einige Aufnahmen als Gegenpool zu Bernstein genannt. Ich glaube wir haben auch sonst keinen Thread zur Pathetique- dann also hier.
Zu Karajan: Ich kenne auch die EMI-Aufnahme von 1957 von der LP meines Stiefvaters. Eine klanglich miserable Aufnahme, die mir nie gefallen hatte.
Als Vergleich stand mir meine erste Tschaikowsky-Doppel-LP mit den Aufnahmen der Sinfonien Nr.5 und 6 (DG 1960) zur Verfügung. Diese Aufnahme habe ich auch im Falle der Sinfonie Nr.6 auf CD; hier gekoppelt mit der Romeo und Julia-Ouvertüre. :) Diese scheinst Du nicht zu kennen ! :engel Es ist von Karajan meine höchstgeschätzteste Aufnahme der Pathetique. Die Sinf.Nr.5 (DG1960) habe ich leider auf CD nie wiedergesehen. http://ecx.images-amazon.com/images/I/612PZACBKFL._AA240_.gif Berliner PH, H.v.Karajan DG, 1960, ADD
Die DG-Aufnahmen von 1976 habe ich in der Tschaikowsky-Sinfonien-GA. Diese ist für mich wegen den Sinfonien Nr.1-3 wertvoll.
Die DG-Aufnahmen von 1984 mit den WPO fand ich sehr schwach und habe von der 6 nur noch eine Sicherheitskopie (eigendlich Schade um die CD-R, hätte ich mir sparen können).
daniel5993 (04.12.2007, 11:02): Hallo Wolfgang,
Man muß bereit sein sich auf die Bernsteinsche Gefühlswelt einzulassen - und wer das kann wird hier mit einer famosen Interpretation belohnt, die alles bisher dagewesene in anderem Licht erscheinen läßt. Die dramatischen Stellen werden unheimlich gefühlvoll aufgeputscht (was ich nicht als negativ ansehe). Der dritte Satz kommt mit einem überbordenden Temprament und der 4.Satz ist in seinem Gegensatz dann so eindruckvoll das man die Tränen kaum zurückhalten kann.
Du schreibst mir aus dem Herzen! Ich schätze beide Bernstein Aufnahmen, die Sony, sowie die DGG Aufnahme!
http://www.jpc.de/image/w300/front/0/6311935.jpg
Mich spricht diese ungeheure Breite der DGG-Aufnahme sehr an. Eine überaus große Leistung sehe ich darin, das Lenny das Gesamte Werk, trotz der breiten Tempi, die Dramatik aufrecht erhällt und es aus meiner Sicht nie Langweilig wird. Für mich ist Tschaikowskys 6 die Meistersymphonie schlechthin! Ich lass mich nur zu gern in diese Gefühlswelt Bernsteins mitnehmen.
Karajan kenne ich bei Tschaikowsky noch garnicht! Da fällt mir ein, ich wollte Tschaikowsky unter Mavrinsky kaufen! An vielen stellen hier im forum Positiv herrausgehoben, seine Aufnahmen Anfang der Sechziger!
Gruß Daniel
Amadé (04.12.2007, 18:31): Hallo Wolfgang,
ich glaube Du täuschst Dich, die von Dir ins Jahr 1960 angesiedelte LP gab und gibt es nicht. In meinen älteren Katalogen der DGG sowie Bielefelder Katalogen sind Tschaikowsky-Sinfonien mit HvK aus dieser Zeit nicht verzeichnet. Damals wurde sehr selten ein Werk im selben Jahr oder zeitnah nochmal produziert. 1960 fanden die Aufnahmen mit Mrawinsky statt, da musste Karajan warten. Unter dem von Dir abgebildeten Cover steckt die 76er-Produktion!
teleton (05.12.2007, 08:15): Hallo Bernd,
?( nur weil Du in deinen Katalogen diese Aufnahme nicht verzeichnet findest muß das kein Grund sein, das es diese Aufnahme nicht geben soll.
Nochmal: Ich habe die DG-Doppel-LP der Tschaikowsky: Sinfonien Nr.5 und 6 mit Karajan / Berliner PH (DG1960). Dieses Datum ist auf der LP deutlich verzeichnet. Diese Aufnahmen schätze ich mehr, als die späteren DG-Aufnahmen von 1976, die ich in der Tschaikowsky-Sinfonien-GA (DG) habe. Ich habe mich nach meinen ersten Höreindrücken der Sinf.Nr.5 und 6 von 1960 auch nur schwer an diese neueren Karajan-Aufnahmen in der GA-Box gewöhnen können.
:W Die oben gezeigte DG-CD KARAJAN EDITION habe ich mir später zugelegt und war froh diesen Schatz nun auch auf CD zu haben. Auf der Rückseitze der CD steht ebenfalls Aufnahmedatum 1960 !!!
Jürgen (05.12.2007, 09:52): Eine tolle Aufnahme !
Sogar meine Lieblingsaufnahme dieser Sinfonie. Ich hatte schon ca.3 andere Aufnahmen, als ich sie mir zulegte. Da ist es erfahrungsgemäß schwierig, sich noch an die Spitze zu setzen. Aber Bernstein schaffte es. Gerade die Ecksätze sagen mir sehr zu. Trotz der Länge wird die Spannung gehalten. Die Dramatik wird hier immer weiter bis ins Gigantische gesteigert. Das berührt mich, wie sonst bei keiner Interpretation.
Jedes ander Finale klingt für mich seither gehetzt.
Vielleicht liegt es daran, dass Bernstein wie kein Anderer sich in das Autobiographische (ob es stimmt sei mal dahingestellt) hineinversetzen kann.
Ich will gar nicht auf andere Einspielungen eingehen, auf CD habe ich noch Solti, Karajan (ich glaube seine letzte) und Masur. Zu groß ist bei mir der Abstand zwischen Bernstein und dem Hauptfeld. Dennoch: Zur Abwechslung höre ich etwa einmal im Jahr eine andere Aufnahme.
der Antwortbeitrag von Henning hat mich veranlaßt auf die sehr sehr umstrittene Bernstein-Einspielung von 1986 (DG) einzugehen. Vorab möchte ich sagen, dass ich es für falsch halte diese grundsätzlich abzulehnen.
:) Meine Favoritenaufnahme ist nach wie vor die DG-Aufnahme von 1960 mit Karajan / Berliner PH, die mich geprägt hat, da ich diese schon von Anfang an auf LP hatte und heute natürlich auf CD. Die später als Interpretationsvergleich gekaufte digitale Einspielung aus Wien mit Karajan finde ich dagegen "nicht so doll", die habe ich bereits als Geschenk abgesetzt. Die DG-Aufnahme mit Karajan aus Berlin von 1977, in meiner Tschaikowsky-Sinfonien-Gesamtausgabe ist ebenfalls sehr gut. Was hat Karajan blos in Wien gemacht ? Na ja, es sollte digital sein
war IMO nicht nötig, denn es gibt noch zwei weitere Einspielungen auf EMI mit Karajan.
Später kamen dann noch weitere Aufnahmen dazu. :)Eine die mich neben anderen richtig aufhorchen ließen war Solti / Chicago SO (Decca, ADD). Er liefert einen straffen und sehr aufgepeitschten Tschaikowsky, der mir liegt. Diese Aufnahme gehört bis heute zu meinen Favoriten.
Auch noch nach den Mrawinsky-Aufnahmen, die ich erst im Jahre 2006 kennenlernte (dazu haben wir ja einen separaten Thread).
Als Bernstein-Fan und wegen der unterschiedliche Bewertungen zu seiner Aufnahme bezüglich der ungewohnt langen Spielzeiten, hatte ich mir die DG-CD mit den NY PH / Bernstein (1986) vor längerer Zeit zugelegt : :wink Man muß bereit sein sich auf die Bernsteinsche Gefühlswelt einzulassen - und wer das kann wird hier mit einer famosen Interpretation belohnt, die alles bisher dagewesene in anderem Licht erscheinen läßt. Die dramatischen Stellen werden unheimlich gefühlvoll aufgeputscht (was ich nicht als negativ ansehe). Der dritte Satz kommt mit einem überbordenden Temprament und der 4.Satz ist in seinem Gegensatz dann so eindruckvoll das man die Tränen kaum zurückhalten kann. :down Eine Wahnsinnsaufnahme, die jeder der Tschaikowsky mag kennen sollte.
:hello Das heißt nicht, das ich jetzt beim nächsten Hören nicht wieder zur Solti-Aufnahme greife, denn man kann einfach nicht immer bereit sein, diese außergewöhnliche Bernstein-Aufnahme zu verkraften.
Pollux (03.12.2007, 18:18): Ursprünglich hatte ich ja vor, diese Interpretation in dem Thread "Forbidden Pleasures: Interpretationen jenseits von Gut und Böse" vorzustellen, hab's mir dann aber anders überlegt, denn gar so exzentrisch ist die Aufnahme auch wieder nicht, wenn man vom Finalsatz einmal absieht, der in der Tat ungeheuer langsam gespielt wird. Doch Tempi sind bekanntlich relativ. Wie es Bernstein im Finalsatz nämlich gelingt, diesen Abschied von der Welt in seiner ganzen Resignation und Trauer zu Gehör zu bringen, vom nur mehr matten Aufbäumen gegen das Unausweichliche bis zum endgültigen Verdämmern, wird keinen kalt lassen, der es hört.
Ich besitze die Doppel-CD aus der Panorama-Reihe, die neben der Pathétique noch eine hervorragende Romeo und Julia (eines meiner absoluten Lieblingsorchesterstücke) ebenfalls unter Bernstein zu bieten hat, dazu noch die 5. Sinfonie sowie die Nussknackersuite unter Rostropowitsch. Schönes Einsteigerpaket für Tschaikowsky-Anfänger.
Ich kann mich Wolfgang also nur anschließen. Diese Aufnahme muss man mal gehört haben. Ich weiß natürlich auch, dass viele sie ablehnen, und ich kann die Kritik auch problemlos nachvollziehen. Theoretisch jedenfalls. Denn egal was geschrieben und gesagt wird, für mich ist das, was aus den Lautsprechern kommt, so bezwingend, da interessiert es mich einfach nicht, was jemand gegen diese Aufnahme vorzubringen hat. Immerhin gibt es zu Bernstein's kongenialer Interpretation Alternativen in reichlicher Anzahl.
Meine erste Begegnung mit dieser Sinfonie hatte ich ebenfalls mit Karajan / Berliner Philharmoniker aus den 60er Jahren. Die Musik hatte es mir sofort angetan. Die Karajan-Aufnahme gefällt mir nach wie vor sehr gut. Dramatisch und packend, keine Spur von Weichspülerklang, so jedenfalls mein Eindruck.
Ich besitze darüber hinaus noch die Interpretationen von Ormandy/Philadelphia Orchestra, Celibidache/Münchener Philharmoniker sowie die hoch gelobte Mrawinsky-Aufnahme. Ormandy hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, Mrawinsky allen Vorschusslorbeeren zum Trotz seltsamerweise ebenfalls nicht (kann ja noch kommen). Celi ist natürlich auch laaaaaangsam, aber, die Celi-Fans mögen's mir nachsehen, leider auch laaaaangweilig, während bei Bernstein über vier Sätze hinweg alles bis zum Zerreißen gespannt ist.
HenningKolf (03.12.2007, 19:03): Ich habe mich ja bereits an anderer Stelle als Mitglied der Mrawinski - Fraktion geoutet. Solti, Giulini und Karajan (1976) sind auf ihre Weise sicherlich nicht schlecht, ich mag halt nur eindeutig die russische Lesart von Mrawinski lieber.
Bernstein aus dem Jahre 1964(?) finde ich auch nicht schlecht (natürlich nicht so gut wie Mrawinski, aber das sagte ich schon)
Die Version von 1986 finde ich allerdings wirklich eher misslungen. Die extremen Tempi mutieren die "Pathetique" zu - in meinen Augen künstlichem - Pathos und darüberhinaus habe ich in Erinnerung, dass die New Yorker, so gut sie sonst sein mögen, den einen oder anderen Einsatz schlicht versemmeln. Ich schrieb das heute morgen schon im sich mit Mrawinski befassenden Faden - ich weiß Teleton findet es nicht - ich kann es aber nicht belegen, die Aufnahme habe ich entweder verschenkt oder auch auf einem Flohmarkt getauscht, genau weiß ich das jetzt nicht mehr.
Henning :hello
Amadé (03.12.2007, 23:15): @ teleton
Hallo Wolfgang,
ich bin ein wenig perplex. Geht es bei der Pathetique um Tschaikowsky oder um Bernstein? ?(
Dann noch eine zweite Frage:
Karajan BPh DG 1960? Mir sind nur folgende Aufanahmen bekannt: 1939 BPh DGG 1949 WPh EMI 1956 Philharmonia Orchestra EMI 1976 BPh DGG 1984 WPh DGG dann gab es noch eine EMI Produktion mit den BPh aus den frühen 70er, ich kenne sie jedoch nicht. Vielleicht kannst du mir helfen. Mein favorit bei HvK ist 1976, siehe meine homepage.
Gruß Bernd
teleton (04.12.2007, 08:30): Geht es bei der Pathetique um Tschaikowsky oder um Bernstein?
Hallo Bernd (Amade),
es ging mir in erster Line mal um Bernstein als Tschaikowsky-Dirigent für die Pathetique. Aber warum soll man nicht auch andere Dirigenten zum Vergleich in die Waagschale werfen. Ich selber habe ja schon einige Aufnahmen als Gegenpool zu Bernstein genannt. Ich glaube wir haben auch sonst keinen Thread zur Pathetique- dann also hier.
Zu Karajan: Ich kenne auch die EMI-Aufnahme von 1957 von der LP meines Stiefvaters. Eine klanglich miserable Aufnahme, die mir nie gefallen hatte.
Als Vergleich stand mir meine erste Tschaikowsky-Doppel-LP mit den Aufnahmen der Sinfonien Nr.5 und 6 (DG 1960) zur Verfügung. Diese Aufnahme habe ich auch im Falle der Sinfonie Nr.6 auf CD; hier gekoppelt mit der Romeo und Julia-Ouvertüre. :) Diese scheinst Du nicht zu kennen ! :engel Es ist von Karajan meine höchstgeschätzteste Aufnahme der Pathetique. Die Sinf.Nr.5 (DG1960) habe ich leider auf CD nie wiedergesehen. http://ecx.images-amazon.com/images/I/612PZACBKFL._AA240_.gif Berliner PH, H.v.Karajan DG, 1960, ADD
Die DG-Aufnahmen von 1976 habe ich in der Tschaikowsky-Sinfonien-GA. Diese ist für mich wegen den Sinfonien Nr.1-3 wertvoll.
Die DG-Aufnahmen von 1984 mit den WPO fand ich sehr schwach und habe von der 6 nur noch eine Sicherheitskopie (eigendlich Schade um die CD-R, hätte ich mir sparen können).
daniel5993 (04.12.2007, 11:02): Hallo Wolfgang,
Man muß bereit sein sich auf die Bernsteinsche Gefühlswelt einzulassen - und wer das kann wird hier mit einer famosen Interpretation belohnt, die alles bisher dagewesene in anderem Licht erscheinen läßt. Die dramatischen Stellen werden unheimlich gefühlvoll aufgeputscht (was ich nicht als negativ ansehe). Der dritte Satz kommt mit einem überbordenden Temprament und der 4.Satz ist in seinem Gegensatz dann so eindruckvoll das man die Tränen kaum zurückhalten kann.
Du schreibst mir aus dem Herzen! Ich schätze beide Bernstein Aufnahmen, die Sony, sowie die DGG Aufnahme!
http://www.jpc.de/image/w300/front/0/6311935.jpg
Mich spricht diese ungeheure Breite der DGG-Aufnahme sehr an. Eine überaus große Leistung sehe ich darin, das Lenny das Gesamte Werk, trotz der breiten Tempi, die Dramatik aufrecht erhällt und es aus meiner Sicht nie Langweilig wird. Für mich ist Tschaikowskys 6 die Meistersymphonie schlechthin! Ich lass mich nur zu gern in diese Gefühlswelt Bernsteins mitnehmen.
Karajan kenne ich bei Tschaikowsky noch garnicht! Da fällt mir ein, ich wollte Tschaikowsky unter Mavrinsky kaufen! An vielen stellen hier im forum Positiv herrausgehoben, seine Aufnahmen Anfang der Sechziger!
Gruß Daniel
Amadé (04.12.2007, 18:31): Hallo Wolfgang,
ich glaube Du täuschst Dich, die von Dir ins Jahr 1960 angesiedelte LP gab und gibt es nicht. In meinen älteren Katalogen der DGG sowie Bielefelder Katalogen sind Tschaikowsky-Sinfonien mit HvK aus dieser Zeit nicht verzeichnet. Damals wurde sehr selten ein Werk im selben Jahr oder zeitnah nochmal produziert. 1960 fanden die Aufnahmen mit Mrawinsky statt, da musste Karajan warten. Unter dem von Dir abgebildeten Cover steckt die 76er-Produktion!
teleton (05.12.2007, 08:15): Hallo Bernd,
?( nur weil Du in deinen Katalogen diese Aufnahme nicht verzeichnet findest muß das kein Grund sein, das es diese Aufnahme nicht geben soll.
Nochmal: Ich habe die DG-Doppel-LP der Tschaikowsky: Sinfonien Nr.5 und 6 mit Karajan / Berliner PH (DG1960). Dieses Datum ist auf der LP deutlich verzeichnet. Diese Aufnahmen schätze ich mehr, als die späteren DG-Aufnahmen von 1976, die ich in der Tschaikowsky-Sinfonien-GA (DG) habe. Ich habe mich nach meinen ersten Höreindrücken der Sinf.Nr.5 und 6 von 1960 auch nur schwer an diese neueren Karajan-Aufnahmen in der GA-Box gewöhnen können.
:W Die oben gezeigte DG-CD KARAJAN EDITION habe ich mir später zugelegt und war froh diesen Schatz nun auch auf CD zu haben. Auf der Rückseitze der CD steht ebenfalls Aufnahmedatum 1960 !!!
Jürgen (05.12.2007, 09:52): Eine tolle Aufnahme !
Sogar meine Lieblingsaufnahme dieser Sinfonie. Ich hatte schon ca.3 andere Aufnahmen, als ich sie mir zulegte. Da ist es erfahrungsgemäß schwierig, sich noch an die Spitze zu setzen. Aber Bernstein schaffte es. Gerade die Ecksätze sagen mir sehr zu. Trotz der Länge wird die Spannung gehalten. Die Dramatik wird hier immer weiter bis ins Gigantische gesteigert. Das berührt mich, wie sonst bei keiner Interpretation.
Jedes ander Finale klingt für mich seither gehetzt.
Vielleicht liegt es daran, dass Bernstein wie kein Anderer sich in das Autobiographische (ob es stimmt sei mal dahingestellt) hineinversetzen kann.
Ich will gar nicht auf andere Einspielungen eingehen, auf CD habe ich noch Solti, Karajan (ich glaube seine letzte) und Masur. Zu groß ist bei mir der Abstand zwischen Bernstein und dem Hauptfeld. Dennoch: Zur Abwechslung höre ich etwa einmal im Jahr eine andere Aufnahme.
Grüße Jürgen
Nordolf (18.05.2012, 00:55): Die 6. Symphonie in h-Moll ist nicht nur von den Kritikern, sondern auch vom Komponisten selbst als ein instrumentales Requiem verstanden worden: - als ihm der Großfürst Konstantin vorschlug, ein Requiem mit den Worten des russischen Dichters Apuchtin zu vertonen, lehnte Tschaikowsky ab. Er schrieb, das seine letzte, die 6. Symphonie (besonders das Finale) von einem ähnlichen Geist durchdrungen sei – er laufe Gefahr sich zu wiederholen.
Tschaikowsky wollte der Sechsten ursprünglich den lapidaren Beinamen "Programmsymphonie" geben: - allerdings ohne auch nur ein Wort über dieses Programm zu verlieren. Das Programm der Symphonie sei "bis ins Innerste subjektiv". Nach der Uraufführung verwarf Tschaikowsky diese Bezeichnung und griff einen Vorschlag seines Bruders Modest auf, die Symphonie "Die Pathetische" zu nennen.
Sie wirkt wie ein tönendes Spiegelbild der Empfindungen eines sensiblen Menschen, dem emotionale Erfüllung im Leben versagt geblieben ist. Mit teils kraftvollen, teils klagenden Gesten führt die Musik hin zu einem Ende des Verlöschens ohne jede Art von jenseitiger Verklärung. Der Dirigent Leonard Bernstein erklärte die Musik Tschaikowskys einem jugendlichen Publikum gelegentlich einmal damit, das sie klinge wie ein Mensch, der ausruft "I want it, I want it – I can’t have it…". Die Sehnsucht bleibt ohne positive Antwort vom Leben. In allen vier Sätzen der Symphonie taucht eine musikalische Figur auf, die durch eine abwärts gerichtete Tonleiter gekennzeichnet ist. Der Tschaikowsky-Biograph Edward Garden sieht in ihr ein Leitmotiv des Todes.
Für mich stellt die Symphonie eines meiner Lieblingswerke dar. Von den dräuenden Klängen des Solofagotts zu Beginn bis zum Zerfallen des Adagios am Schluss, wirkt alles ganz konzentriert und wie aus einem Guss. Das Werk führt von der dunklen Dramatik des ersten Satzes, über den verhaltenen Walzer des Zweiten und der kraftvollen Scherzo-Marsch-Verbindung des Dritten bis hin zum wehmütig-klagenden Adagio des vierten Satzes.
Bernsteins Einspielung aus den 60zigern verbindet ein Höchstmaß an Drama und Passion mit kompakter Geschlossenheit. Sie stellt für mich die Referenzeinspielung der Sechsten dar.
Evgeny Svetlanov / The USSR Symphony Orchestra 1967
Ähnlich passioniert und hochemotional geht Svetlanov an das Werk heran. Der Orchesterklang ist hier allerdings um einiges ruppiger und schärfer – das lässt sich vor allem bei den Blechbläsern hören.
Jascha Horenstein / London Symphony Orchestra 1967
Ausdrucksstark und intensiv… - der Orchesterklang scheint mir modern und transparent orientiert, trotzdem ist Horensteins Interpretation mit reichlich Sentiment versehen. Letzteres wurde ihm damals wohl auch von einigen Kritikern vorgeworfen. Für mich ist es ein Gütesiegel.
Eine äußerst aufwühlende, emotionale, sehr plastisch eingefangene Interpretation liefert Solt ab: - wie von einem kalten Feuer angetrieben. Nach dem Verhallen des Andantes im ersten Satz, führt Solti die Musik einen kleinen Moment fast bis zum Rande der Stille, um das folgende Tutti mit einer sagenhaften Brutalität und Jähheit hereinkrachen zu lassen. Die Interpretation der Fantasie-Ouvertüre ’Romeo und Julia’ - 1986 aufgenommen - glänzt durch ihre besonders Betonung eines melancholischen, von mir als "russisch" empfunden Tons.
Carlo Maria Giulini / Los Angeles Philharmonic Orchestra 1980
Wie zu erwarten führt Giulini das Orchester aus Los Angeles viel feinnerviger und klangweicher. Seine Interpretation ist episch wie eine große Erzählung und scheint die Tragik der Symphonie mit einem verklärten, fast mystischen Blick zu betrachten. Jeder Ton verströmt ein warmes Glitzern.
Bei dieser außergewöhnlichen Einspielung kostet Bernstein jeden einzelnen Ton aus. Er lässt sich in die Klagen und gestenreichen Klänge der Musik wie in eine Trance hineinfallen. Das Ausdehnen des Schlussadagios auf 17 Minuten ist je nach Standpunkt berühmt oder berüchtigt.
Bei Celibidache wird aus der einfühlenden Langsamkeit Bernsteins ein analytisches Zerdehnen, das der Musik ihre Dramatik nimmt. Trotzdem entströmt einigen Passagen in dieser Einspielung so etwas wie Detail-Magie: - die Töne schwingen aus und lassen einen Sog entstehen, dem ich mich dann auch kaum entziehen kann. Die Melodien allerdings werden gnadenlos zerdehnt – so als wolle Celibidache das Gegenteil von einem Legato demonstrieren.
Yehudi Menuhin / The Royal Philharmonic Orchestra 1994
Die Klanglichkeit Menuhins scheint wie in lila Samt gepackt: - der Klang wird weich bis zum zerfliessen. Den Depressionen des 1. und 4. Satzes kann er damit einige interessante Klangfarben entlocken. Der Marsch des 3. Satzes wird sogar mit überraschender Verve gespielt. Doch mitunter gerinnt das Ganze zu einer trägen Klangmasse, die nicht recht aus sich heraus kommen will. Insgesamt erscheint mir diese Einspielung zu indifferent.
Justus Frantz / Philharmonie der Nationen (ohne Jahr)
Diese Indifferenz findet sich noch stärker bei Frantz und seiner jugendlichen Philharmonie der Nationen. Es gibt einige kraftvolle Momente, die aber sofort in leises Säuseln abgleiten. Die dynamischen Kontraste werden dadurch jedoch nicht betont, sondern geradezu unterbelichtet. Es dumpft alles ein wenig vor sich hin. Schade – der durchaus mit Kraft gespielte "Slawische Marsch" auf dieser CD liess anderes vermuten…
Anton Nanut / Radio Symphony Orchestra Ljubljana (ohne Jahr) Bystrik Rezucha / Slowakische Philharmonie (ohne Jahr)
Diese beiden Versionen habe ich schon lange nicht mehr gehört.
Als nächste Anschaffung ist Gergievs Version mit dem Petersburger Kirov Orchester geplant: - Gergiev interpretiert wohl sehr langsam, wodurch die Dramatik etwas leiden soll. Dafür soll sich die Aufnahme durch große Tiefe, einen sanglichen Fluß der Musik und leuchtkräftige Orchesterfarben auszeichnen.
Obwohl Tschaikowskys letzte Symphonie ja besonders für ihren Finalsatz berüht ist, so hat mich persönlich besonders der erste Satz immer besonders fasziniert. Präsentiert sich der letzte Satz als großer Abgesang auf Welt und Leben, so ist der erste Satz besonders reizvoll, weil er nicht eindeutig, sondern ein Wechselbad der Gefühle ist.
Sollte ich eine Aufnahme, ja gar eine Gesamteinspielung der Symphonie empfehlen, so wäre es wohl Riccardo Mutis 70er Jahre-Zyklus mit dem Londoner Philharmonia Orchestra. Schon Hurwitz lobte diese Einspilungen einst und wenn man das Ganze durchhhört, so wird man feststellen, dass Mutis Tschaikowsky nicht nur genau, sondern auch farbenreich, dramatisch, klar strukturiert, lyrisch und an den richtigen Stellen mit einer vorsichtigen Portion Sentiment gewürzt ist. Gleiches gilt für seine Wiedergabe des ersten Satzes der Pathétique. Angemessen düsterer Beginn, leidenschaftliches Allegro, große Aufschwünge, sinnvoll eingesetztes Rubato, eleganter Klang - und all das, ohne dass sich das Ganze allzu kalkuliert anhören würde. Ja, Muti setzt hier einen Standard, präsentiert eine Aufnahme "by the book". Von hier aus kann man andere Aufnahmen anhören und erleben, welche Formen das Material in den Händen anderer - zum Teil deutlich idiosynkratischerer - Interpreten annehmen kann.
Ähnlich macht es Eugene Ormandy in seiner 1960 entstandenen Aufnahme mit dem Phildelphia Orchestra, wobei in dieser an sich recht guten Einspielung der Eingangssatz vielleicht der schwächste ist. Ormandys Ansatz ist mir insgesamt etwas zu leichtfüßig, ohne den Mut, deutliche Akzente zu setzen. Daneben ist er recht schnell, sodass die nur vorsichtige Gestaltung schnell dazu führt, dass der Satz eher durchdirigiert wirkt. Hinzu kommt, dass der Streicherapparat hier recht dünn klingt und das Holz bisweilen (vornehmlich bei Triolenfiguren) zum buchstabieren neigt.
Ein ähnlich flottes Tempo gibt Lorin Maazel in seiner Einspielung mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1964 vor. Wirkt die Adagio-Einleitung dadurch etwas gesichtslos, so folgt dann doch eine höchst interessante Interpretation dieses Satzes. Maazel lässt lange sehr leise spielen, was dem Satz einen geisterhaft-huschenden Charakter verleiht, wie ich ihn sonst noch nicht gehört habe (beispielsweise um den Buchstaben E herum: die Violinseptolen). Ab dem großen, die Durchführung eröffnenden Orchesterschlag (Allegro vivo) entfesselt Maazel einen Hexensabbat, der nicht selten an Berlioz erinnert und den in dieser Form keine der anderen mir vorliegenden Aufnahmen bietet.
Sehr eigen ist dann Giuseppe Sinopoli. Eigene Interpretation mag ich ja recht gern, so lange man eine dahinter stehende Idee erkennen kann. Bei Sinopolis Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra aus dem Jahre 1989 zeigt sich meines Erachtens seine Absicht, Tschaikowskys letzte Symphonie als ein Werk des Fin de siècles kenntlich zu machen und Bezüge zu Zeitgenossen wie Bruckner, Mahler und Wagner aufzuzeigen. Der schicksalsschwer-lastende Charakter, den Sinopoli in der Einleitung malen lässt, setzt sich organisch im düsteren Allegro fort. Überhaupt ist Sinopolis Deutung von unheilvoll-getriebener Nervosität geprägt, sodass man einen Tschaikowsky zu hören glaubt, dem immer wieder fast die Kontrolle über seine Musik abhanden kommt. Plötzlich bricht dann in der Eyxposition - kurz vor Beginn des zweiten Themas - ein schon fast Parsifal'sches Erlösungsmoment durch, das den perfekten Übergang zum sanften zweiten Thema schafft. Doch auch hier ist es so, dass Sinopoli mit der Erwatungshaltung bricht. Die Vorstellung des zweiten Themas klingt durchweg lapidar und sofort ab der Anweisung Moderato mosso kehrt durch die Streicherbewegung die Grundnervosität der Interpretation zurück. Die Durchführung ist von höchster Emotionalität gekennzeichnet, wobei Sinopoli das Blech hier sehr grell in krass Mahler'scher Manier auffahren lässt. Der Clou ist dann jedoch der in der Regel als "Erlösung" gespielte Schluss (Andante mosso). Erneut greift Sinopoli zu einem zügigen Tempo, das den Effekt hat, dass das ersehnte "Alles wird gut"-Gefühl nicht aufblüht. Vielmehr klingt das entlarvend nach belangloser Chimäre. Eine Erlösung gibt es nicht wirklich. Man muss diese Interpretation nicht mögen. Ich finde sie allerdings hochspannend.
Schließlich Sergiu Celibidache. Wenn man seine Tschaikowsky-Einspielungen mi den Münchner Philharmonikern hört, dann sollte man alles, was man sonst so an Tschaikowsky-Deutungen kennt, erst einmal vergessen. Wagt man den Sprung in die Klangwelt des Dirigenten, so können sich - ich habe für besonders bei der Fünften erlebt, die ich nunmehr fast ausschließlich in seiner Interpretation höre - wirklich außergewöhnliche musikalische Momente einstellen. Grundsätzlich fragt man sich sicher, wie ein Satz, der im Schnitt in so etwa 18 Minuten gespielt wird, fast 26 Minuten dauern kann. Er kann, wenn man jede seiner Fasern gestaltet, jeden Ton ernstnimmt und mit Gefühl und Bedeutung auflädt. Auch das muss man sicher nicht mögen, man man als zuviel des Guten empfinden. Ich wiederum bin hingerissen. Nach der enorm dunkel-schwermütigen Einleitung beginnt Celibidache bei der Vorstellung des ersten Themas deutlich langsamer als üblich, um dann aber nach und nach Fahrt aufzunehmen. Man hat beim Hören den Eindruck, sich durch eine Entwicklungsgeschichte, ja einen Bildungsroman zu hören. Das geht langsam los, wird bewegter, vehemter, zügiger, durchwachsener. Dann das zweite Thema. Celibidache zaubert eine Phase höchster Ruhe und Sicherheit ein Gefühl des Aufgehobenseins. die Durchführung beginnt auch hier zügig, allerdings bei weitem nicht so schnell wie bei Muti oder Maazel. Aber die Kraft zerfließt schnell, die wilde Jagd verliert scheinbar an Energie, bevor sich das Geschehen dann bei Buchstabe Q nicht zu einer Katastrophe, sondern zu einem Kataklysmus steigert, den ich mit nichts mir bekanntem vergleichen kann. Ist das noch Tschaikowsky? Und wenn nicht: Was ist das dann? Die Struktur löst sich fast auf, droht zu reißen und zu bersten bis die letzten Takte dann die "Erlösung" bringen. Eine - wie ich meine - außergewöhnliche, wenn nicht große Aufnahme.
To be continued...
:hello Agravain
Armin70 (27.05.2012, 20:57): Peter I. Tschaikowsky (1840 - 1893):
Sinfonie Nr. 6 h-moll, op. 74 "Pathétique": IV. Satz: Adagio lamentoso
1. Ungarische Nationalphilharmonie, Adam Fischer (1988): 10:00 Wenn ich es positiv ausdrücken würde, könnte ich von einer ordentlichen Interpretation sprechen aber im Falle von Tschaikowskys "Pathétique", insbesondere beim Finalsatz erwarte ich dann doch etwas mehr. Adam Fischer scheut meiner Meinung nach zu sehr die Extreme und bleibt insgesamt etwas blass und die Musik bleibt mir zu vordergründig. Nicht gerade vorteilhaft ist der etwas dumpfe Klang, dem auch etwas die Tiefenstaffelung fehlt.
2. Chicago Symphonie Orchestra, Georg Solti (1976): 09:20 Soltis Aufnahme ist da von ganz anderem Kaliber, denn hier findet man eine spannungsgeladene und intensive Interpretation. Lediglich beim Tempo ist mir Solti insgesamt etwas zu schnell, denn beim Finale ist Solti im Vergleich zu den anderen mir vorliegenden Aufnahmen am schnellsten. Da hätte er sich an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Zeit nehmen können.
3. Kirov Orchestra, Valery Gergiev (1995): 11:39 Eine sehr schwerblütige, melancholische Interpretation. Wenn es nicht zu klischeehaft klingen würde, könnte man meinen, hier die tatsächlich die "russische Seele" zu hören. Vielleicht ist das dem einen oder anderen etwas zu viel Gefühl; emotionaler ist wohl nur noch Bernsteins DG-Aufnahme, die ich aber nicht kenne.
4. Wiener Philharmoniker, Valery Gergiev (2004): 10:26 Bei der 9 Jahre später im Wiener Musikverein entstandenen Aufnahme ist Gergiev in allen Sätzen etwas schneller. Mir kommt diese Version ausgereifter und auch geschärfter vor. Vor allem die Passage, die kurz vor Buchstabe C beginnt und mit Andante überschrieben ist, baut Gergiev hier für meinen Geschmack etwas besser auf als in der früheren Aufnahme, d. h. den Spannungsbogen baut Gergiev hier für mein Empfinden organischer auf. Desweiteren verzichtet Gergiev im Gegensazu zu seiner früheren Aufnahme auf knallige Effekt und der hervorragende "dunkel-goldene" Klang der Wiener Blechbläser schafft eine feierliche Atmosphäre.
5. Boston Symphony Orchestra, Pierre Monteux (1955): 10:35 Die Interpretation von Monteux erinnert mich etwas an Soltis Aufnahme was die Expressivität betrifft. Monteux lässt die Musik aber etwas mehr atmen. Dafür zieht er dann das Tempo kurz vor Buchstabe F sehr an und schafft so einen fulminanten Höhepunkt ab Buchstabe F. Auch sehr eindringlich und dramatisch dann die letzte Steigerung ab Buchstabe I (Moderato assai) bevor die Musik dann quasi wie in sich zusammenbricht. Messerscharf und nicht irgendwie diffus erklingen die gestopften Hörner ab Buchstabe K (Andante). Gefällt mir insgesamt sehr gut.
6. Russian National Orchestra, Mikhail Pletnev (1995): 11:31 Pletnev schafft eine sehr analytische, detailgetreue Interpretation. Der Beginn des Finales mit dem raffinierten Wechsel zwischen 1. und 2. Violinen kommt hier am deutlichsten zum Klingen. Auch sonst hält sich Pletnev sehr genau an die Partitur aber es wäre falsch, da nur kühle Perfektion herauszuhören. Hier wird auf wohltuende Weise auf jegliches falsche Pathos verzichtet und Pletnev verwechselt "lamentoso" nicht mit Larmoyanz. Auch die Spannung wird konsequent gehalten und reisst nie ab. Sehr gut gefällt mir das hervorragende Orchesterspiel des Russian National Orchestra.
3. Kirov Orchestra, Valery Gergiev (1995): 11:39 Eine sehr schwerblütige, melancholische Interpretation. Wenn es nicht zu klischeehaft klingen würde, könnte man meinen, hier die tatsächlich die "russische Seele" zu hören. Vielleicht ist das dem einen oder anderen etwas zu viel Gefühl; emotionaler ist wohl nur noch Bernsteins DG-Aufnahme, die ich aber nicht kenne.
als auch die Charakterisierung, die ich mir aus verschiedenen Hörer-Bewertungen im Internet zusammengetragen hatte:
Original von Nordolf Als nächste Anschaffung ist Gergievs Version mit dem Petersburger Kirov Orchester geplant: - Gergiev interpretiert wohl sehr langsam, wodurch die Dramatik etwas leiden soll. Dafür soll sich die Aufnahme durch große Tiefe, einen sanglichen Fluß der Musik und leuchtkräftige Orchesterfarben auszeichnen.
treffen im Kern denn auch auf diese Interpretation zu.
Gergievs Version der Sechsten beeindruckt zunächst durch einen warm-sonoren, fast seufzenden Streicherklang, dem er seinem Kirov Orchester entlockt: - etwas ähnliches gelingt ihm auch auf der derzeit beim Label Newton erhältlichen Aufnahme von Rachmaninovs 2. Symphonie. Die Tempi sind im allgemeinen eher langsam, aber im 3. Satz geht es sogar besonders schnell zu. Gergiev ist um eine samtige, doch glutvolle Klanglichkeit bemüht: - wenn die Blechbläser erklingen, steigert er die Intensität bis zum höchsten Grad. Aber ein melancholischer, atmender Ton durchzieht alle Sätze - alles ist auf den erwähnten sanglichen Fluss der Musik abgestellt. Der Sound ist manchmal vielleicht etwas wattiig, aber das tut dem Genuß dieser hervorragenden Interpretation keinen Abbruch.