Typisch Wienerisch

Jeremias (09.10.2006, 19:28):
Immer wieder stelle ich mir die Frage, was denn eigentlich typisch wienerische Instrumentalmusik ausmacht. Ist es wirklich nur der 3/4 Takt? Ist es der besondere Charme der Geigen? Ist es der durchweg fröhlich beschwingende Charakter? Ist es die Gemütlichkeit, die diese Musik ausstrahlt?
ab (09.10.2006, 20:53):
statt einer Antowrt: das Wienerische hat doch eher stets auch etwas morbides.
Ganong (12.10.2006, 17:52):
Das "typisch wienerische" könne wir besser lesen als hören !

Man greife zu Zweig , Musil , Schnitzler .

In deren Werken , grösster literatur , ist alles enthalten .

Grüsse ,

Frank
Sarastro (08.03.2008, 18:07):
Tja, eigentlich sollte ich es ja als jemand, der in Wien geboren ist und lange dort gelebt hat, wissen, aber ich habe darüber noch nie so gründlich nachgedacht.
Statt eigener krampfhafter und subjektiver Versuche, das Wesen des "Wienerischen" in der Musik zu ergründen, zitiere ich lieber aus dem Buch von Kurt Pahlen (auch ein Wiener ...), Neue Musikgeschichte der Welt, der S. 311 Folgendes über Johann Strauss schreibt: "Denn wer in der Musik Johann Strauss' nur den Frohsinn, die Heiterkeit, die überschwengliche Lebenslust hört, der irrt. In ihr klingt die 'lächelnd schalkhafte Wehmut' (Arthur Schnitzler) , die seltsame, wohl echt wienerische Mischung von Lust und Schmerz, von Jauchzen und Weinen, wie sie auch Schubert eigen war, Nestroy und Raimund, aber auch noch Wildgans und Hofmannsthal. Eine Schwermut, die sich tänzerisch verkleidet, ein Humor, der in anderer Zeit und Umwelt zum Drama geraten wäre."
Daran ist wohl etwas Wahres.
Damit mich niemand einseitiger patriotischer Parteinahme für den (von mir freilich durchaus geschätzten) Walzerkönig verdächtigt, zitiere ich aber auch gleich Alfred Einstein, Größe in der Musik, 155, der Johann Strauss wahre "Unsterblichkeit" abspricht, da in seiner Musik "nicht bloß 'Wien' vorhanden ist, sondern auch 'Wean', das Wien der Gründerzeit, die schmalzige und industrielle Selbstbespiegelung." Auch daran ist zumindest teilweise etwas Wahres, was aber wiederum über die spezifische Eigenart des "Wienerischen" in der Musik nicht viel aussagt.

Herzliche Grüße,
Sarastro
Maurice inaktiv (20.03.2013, 15:19):
Ich war schon in Wien,sogar drei Mal.Mir deshalb anzumaßen,Wien und die Wiener zu kennen,wäre unverschämt.

Das Wien von heute dürfte mit dem Wien der "guten,alten K&K-Zeit" auch nicht mehr viel gemein haben,denke ich mal.

Der besondere Klang liegt wohl an der Tradition,die seit vielen Generationen weitergegeben wird.Hier sehe ich auch einen der Gründe,warum man bei den Wiener Philharmonikern keine Fremden haben möchte.

Wie weit man vom "speziellen Klang" weg ist,höre ich bei den Kollegen des Berliner Philharmonischen Orchesters.Hier ist nicht mehr viel vom berühmten Karajan-Klang zu hören,was gerade bei Brahms oder Bruckner zum Teil fehlt.

Dirigenten prägen Orchester,in Wien prägen Musiker die Orchester.Hier das berühmte tiefe Wiener Horn,die Oboe,die ebenfalls anders klingt,die Trompeten,die nicht so "stählern" sind wie in den USA oder GB,nur mal um ein paar Beispiele zu nennen....

Gruß,Maurice
abendroth (20.03.2013, 21:22):

Wie weit man vom "speziellen Klang" weg ist,höre ich bei den Kollegen des Berliner Philharmonischen Orchesters.Hier ist nicht mehr viel vom berühmten Karajan-Klang zu hören,was gerade bei Brahms oder Bruckner zum Teil fehlt.


Nur Geduld, in ein paar Jahren kommt ja Herr Thielemann, der neue Platzhirsch unter den deutschen Dirigenten. Dann dürfen wir wieder vom Sound schwärmen.
Maurice inaktiv (20.03.2013, 21:56):
Das hoffe ich nicht!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Ich hatte damit sagen wollen,dass dieser Klang hätte bei bestimmten Komponisten beibehalten werden können.Ich würde mir so einen hervorragenden Mann wie Paavo Järvi wünschen.

Herr Thielemann liegt mir genau so schwer im Magen wie eine Wagner-Oper oder Zehn Kilo Backsteine....

Mal schauen,was er in Dresden leistet.Seine Fünfte von Bruckner hat mir nicht gefallen.Die habe ich gleich wieder verkauft....
Don Juan d' Austria (17.02.2017, 10:52):
Ich als Fast-Wiener behaupte jetzt einmal das "typisch" Wienerische gibt es nicht - es handelt sich eher um die Gefühlswelt der Entstehungszeit. Und sind wir uns ehrlich - die meisten Österreicher sehnen sich wieder nach einem Kaiser und nach der guten alten Zeit... :saint:

Strauß ist mehr als schnöder 3/4 Takt - das sind kleine Geschichten/Tondichtungen, die uns die Komponisten dieser Zeit erzählen. Man muss ihnen nur mal genau zuhören :D
Waldi (17.02.2017, 11:42):
Wie hat es doch Jörg Mauthe so schön und richtig schon vor etlichen Jahrzehnten ausgedrückt:

Lassen Sie den Wiener, wie er ist. Es gibt Schlimmeres. Noch besser ist: Werden Sie selbst ein Wiener, Wien wird Ihnen bei der Ausführung eines diesbezüglichen Vorhabens keinerlei Schwierigkeiten bereiten.
Waldi (04.08.2024, 18:08):
Zumindest eine Facette des Wienertums:

Ein Wiener Philharmoniker unterhält sich im Café mit einem Freund. Der fragt: "Sag einmal, wie ist das denn mit dem jungen deutschen Dirigenten gegangen, der letzte Woche bei Euch das erste Mal geprobt hat?" Der Musiker lächelt: "Ganz gut! Nach dem ersten Niederstreich hat er keinen nennenswerten Widerstand mehr geleistet."