vielen Komponisten war es nicht mehr vergönnt, vor ihrem Tode das Stück zu vollenden, an dem sie gerade arbeiteten. Einige legten Kompositionen bereits früher beiseite, da sie keine konsequente Fortsetzung fanden. Hier ist in erster Linie Schubert zu nennen, der eine Menge Fragmente hinterlies. Eine der berühmtesten Unvollendeten stammt von J.Seb.Bach: Die Kust der Fuge. Sein Sohn C.Ph.Emanuel schrieb sinngemäß in die Noten "bei der Komposition dieser Stelle starb J.S.Bach". Verschiedene Bearbeiter u. a. Helmut Walcha komponierten einen Schluss. Auch W.A.Mozart hinterlies sein Requiem als Torso. Da Konstanze Mozart jedoch auf das Geld der bestellten Totenmesse nicht verzichten konnte, führte Mozarts Schüler F.X.Süßmayer die Komposition zu Ende. Später versuchten Sich auch andere Musikologen mit mehr oder weniger Erfolg an einer Vervollständigung. G.Puccini war es nicht mehr vergönnt, seine letzte kürzlich hier im Forum diskutierte Oper Turandot zu vollenden, dies übernahm F.Alfano. A.Borodin standen illustre Bearbeiter zur Seite, für die Vervollständigung und Instrumentation seiner Oper Fürst Igor stellten sich N. Rimsky-Korssakoff und A.Glasunow zur Verfügung.
Man könnte noch vieles mehr nennen. Lieber Forianer, kennt ihr noch weitere vollendete unvolledete Werke?
Gruß Amadé
ab (19.04.2007, 14:47): Mir fällt natürlich sofort Mahlers 10. Sinfonie ein. Bei wikipedia ist dazu zu lesen:
Vor der Fertigstellung der Partitur ist Mahler 1911 gestorben, jedoch wurden zunächst der erste Satz, ein Adagio, und der dritte, genannt Purgatorio von Ernst Krenek nach den Skizzen in eine aufführungsreife Form gebracht und in Wien (Staatsoper), am 12. Oktober 1924 von Franz Schalk uraufgeführt. Die Partitur dieser beiden Sätze wurde erst 1951 veröffentlicht.
1961 stellte der englische Musikwissenschaftler Deryck Cooke eine umstrittene Aufführungsfassung der ganzen Sinfonie vor, die seither von vielen namhaften Orchestern und Dirigenten, so z. B. den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle, in ihr Repertoire aufgenommen wurde. Weitere Versuche zur Vervollständigung der Sinfonie stammen von Clinton Carpenter (1949), Hans Wollschläger (1954–1962, zurückgezogen), Joe Wheeler (1953–1965), Remo Mazzetti (1989), Rudolf Barshai (2000) sowie von Nicola Samale/Giuseppe Mazzucca (2002).
Ich kenne nur die Cooke- und Barshai-Fassungen, wobei mir letztere besser gefällt.
Ganong (19.04.2007, 14:53): Lieber Amadé ,
an welche "Fragmente" denkst Du bei Franz Schuberts Schaffen konkret ?
U d gibt es nicht auch "Fragmente" , die man durchaus zu einer unvollendeten Klaviersonate hinzufügen kan ?
Und : Was ist mit der f+ünfsätzigen Klaviersonate ?
Es bleiben seit zig Jahren in der Schubertforschung fast mehr Fragen , als das wir auf den Tagungen Antworten , Lösungsmodelle erhalten .
Viele Grüsse ,
Frank
Amadé (22.04.2007, 16:25): Lieber Frank,
meine Antwort kommt etwas später, die komplexe Situation möge es entschuldigen. Zunächst muss man unterscheiden zwischen Stücken/Werken oder Sätzen, die von Schubert fertig komponiert wurden und solchen, bei denen er das Komponieren aus irgendeinem Grund eingestellt hat. Zum ersten: Da ist die wenig bekannte Klaviersonate D. 459 in E-dur. Schubert schuf sie nicht als Sonate, es handelt sich um 5 Klavierstücke, die der Leipziger Erst-Verleger C.A.KLemm als Sonate druckte. Einige Pianisten haben sie in Gesamteinspielungen berücksichtigt. Bei den anderen nun angesprochenen Werken handelt es sich um fertig komponierte Sätze bzw. solche, die er während der Komposition abgebrochen hat. Klaviersonate C-dur D.613. Der 1. und 3. Satz wurde nicht zu Ende ausgeführt. Das einzeln veröffentlichte Adagio D.612 könnte der langsame Satz dazu sein. KLaviersonate f-moll D.625, ein kleines Juwel, 3 Sätze, der 1. und 3. unvollständig. Richter hat sie so eingespielt, wie sie Schubert hinterlassen hat. Kempff ergänzt sehr geschmackvoll die fehlenden Takte, sehr hörenswert!! Klaviersonate C-dur D.840. Den 1. und 2. Satz komponierte Schubert vollständig, der 3. und 4. Satz sind Fragment geblieben. In vielen jüngeren Ausgaben sind sie ergänzt. Einspielungen von Richter und Dalberto. Stücke, die als Particell (Klavier u. Hinweise zu Instrumentierung) komponiert wurden, um sie später evtl. als Orchesterstück (z.B. Sinfonie) auszuarbeiten: Introduktion und Allegro D.615 4 Sätze D.708 A (fragmentarisch) 3 Sätze D.936 A (fragmentarisch) diese letzten drei "Werke" 615-936 wurden sowohl von Peter Gülke als auch Brian Newbould bearbeitet und instrumentiert sowie eingespielt (Gülke und Marriner) Sinfonie E-dur D.729 Schubert hat alle Sätze entworfen und den ersten bis zu Takt 110 instrumentiert. Es gibt mehrere Vervollständigungen, z.B. Felix Weingartner und B. Newbould, letztere wurde wieder von Marriner eingespielt. Sinfonie h-moll D.759 "Unvollendete". Satz 1 und 2 fertiggestellt. Schubert entwarf auch einen 3. Satz als Particell (112 Takte) sowie der Beginn eines Trios mit 16 Takten. Er instrumentierte jedoch nur die ersten 9 Takte. B. Newbould wiederum schuf auf Schuberts Skizzen eine vervollständigte Fassung, die Marriner im Rahmen seiner Gesamteinspielung berücksichtigte. Quartettsatz c-moll D.703, alle kennen den ersten Satz, im 2. brach Schubert nach 41 Takten ab. Das Juilliard-Quartett hat die Skizze in der 2.Aufnahme bei CBS eingespielt. Lazarus D.689 - Szenisches Oratorium in 3 Akten. 1. Satz vollständig, 2. unvollständig. Ob Schubert am 3.SAtz gearbeitet hat, ist nicht belegt. Soviel "in Kürze" zu Schuberts Fragmenten und den Bearbeitungen.
- Gruß Bernd
Ganong (22.04.2007, 19:22): Lieber Amad#e ,
besten Dank für Deine Antwort .
Würdest Du meine Meinung teilen können , das das Sonatenschaffen Schuberts als Einheit anzusehenn ist , oder würdest Du eher dazu tendieren , die Kompositionen in mehrer Teile aufzugliedern ?
Meines Wissens ging die Tendenz bis etwa 1995 eher in die zweite Richtung . Die lässt sich auch an der Henle-Ausgabe von 1973 von P. Mies ablesen und weiteren Publikationen der Schubertgesellschaft .
Viele Grüsse ,
Frank
Amadé (22.04.2007, 20:45): @ Ganong
Schuberts Klaviersonaten wie auch seine anderen Kompositionen, von Liedern bestimmter Dichter einmal abgesehen, sind meiner Meinung nach Einzelkompositionen, ausgenommen die letzten drei, die kurz hintereinander oder vielleicht auch teilweise gleichzeitig entstanden sind. Man kann in seinem Schaffen zwar zeitlich bestimmte Abschnitte erkennen, aber immer wieder hat er Meisterwerke geschaffen, auch schon in "jungen" Jahren. In seinen letzten Lebensjahren können wir jedoch eine kompositorische Dichte und Verinnerlichung staunend wahrnehmen, WErke die uns/mich besonders beglücken, die erwähnten Kaviersonaten,die 3 Klavierstücke D.946, die Fantasie für Violine und Klavier C-dur D.934, die beiden Trios, die letzten Streichquartette, das Streichquintett C-dur, Die Winterreise. Sicher hat dies mit Schuberts Lebensumständen in den letzten Lebensjahren zu tun.
Gruß Bernd
manrico (09.08.2007, 11:31): Also, wenn wir schon bei Schubert und seinen unvollendeten Kompositionen sind, muss ich doch auch seinen "Graf von Gleichen" ins Spiel bringen. Abgesehen davon, dass Schuberts Opern immer noch ein kümmerliches Dasein fristen, sollten vor allem seine beiden großen Meisterwerke "Fierrabras" und "Alfonso und Estrella" viel intensiver dem Vergessen entrissen werden.
Der Graf von Gleichen existiert nur als Torso, von vielen Nummern existieren nur Szizzen der Gesangsstimmen. Der österreichische Komponist Richard Dünser hat diese Komposition sehr wirkungsvoll ergänzt und das fehlende Finale nachkomponiert. Dieses Finale sehe ich als die eigentliche Meisterleistung Dünsers, denn er verläßt hier die Tonsprache des 19. Jahrhunderts, um Schuberts Winterreise mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts zu zitieren. Ein durchaus hörenswertes Experiment.
Werner
Telramund (17.04.2007, 11:35): Anton Bruckner wäre so ein Fall.
Seine 9. Symphonie konnte er nicht ganz vollenden, da er starb, bevor der 4. Satz zuende komponiert und instrumentiert war.
Nicolaus Harnoncourt hat die Fragmente des Finales aufgeführt
Unter anderem von Johannes Wildner existiert eine Version des rekonstruierten Finalsatzes durch Mazucca/Cohrs etc.
Sfantu (17.05.2023, 22:45): Lieber Amadé,
nach mittlerweile 16 Jahren stellt sich die Frage, ob Du weiter auf der Suche nach Vollendungen unvollendeter Werke bist. Dienten Dir die Antworten für eines Deiner editorischen Projekte? Oder war es mehr aus Neugier oder Spaß an der Freud''?
Die Frage, welche ich mir in diesem Kontext immer zuerst stelle, lautet: Wer hat etwas von solch einer "Vollendung"?
Mein erster Impuls auf der Suche nach einer Antwort ist dann fast immer: "Niemand".
Mit etwas Abstand neu betrachtet ergibt sich aber ein differenzierteres Bild. Umstände, die einen Vollendungsversuch legitimierten, wären meiner Ansicht nach:
Dem Vollendungsversuch widmet sich ein Weggefährte/Vertrauter des erst kürzlich verstorbenen Komponisten - am besten noch durch dessen (des Komponisten) ausdrückliche Autorisierung. Darunter fielen beispielsweise Johann Straussens "Wiener Blut" (Adolf Müller junior) resp. "Aschenbrödel" (Josef Bayer) oder aber George Gershwins Billigung resp. sogar der Auftrag, seine "Rhapsody in blue" durch Ferde Grofé orchestrieren zu lassen. In diesen Beispielen kommt die Intention/der Wunsch des Urhebers zum Tragen, das betreffende Werk in diesem oder jenem Sinne vervollständigt zu wissen.
In Beispielen aber, in denen zu nachträglichen Komplettierungsabsichten keine entsprechenden Wünsche des jeweiligen Urhebers vorliegen und zudem die erhaltenen Original-Skizzen allerlei vagen Spekulationen Raum bieten, sollte man - dies meine persönliche Meinung, nota bene - erst recht die Finger von Vervollständigungen lassen.
Als regelrechte Leichenfledderei betrachte ich daher die Versuche, Schuberts h-moll-Sinfonie oder Bruckners Neunte zu vervollständigen. Die eigenen Skizzen für eine Weiterführung dieses wie jenen Werks sind ausgesprochen dürftig. Zudem stellen diese beiden fast schon Archetypen "vollendeter Unvollendeter" dar. Will sagen - sie sind in ihrer Unvollendung vollkommen vollendet.
Joe Dvorak (18.05.2023, 05:37): In diesen Beispielen kommt die Intention/der Wunsch des Urhebers zum Tragen, das betreffende Werk in diesem oder jenem Sinne vervollständigt zu wissen. Ein Bespiel, bei dem die Intention in einer an Stoerrigkeit grenzenden Haeufigkeit ignoniert wird, ist der Fall Bruckner, der sich wuenschte, dass sein Te Deum als Finale der Neunten verwendet werden sollte, falls er es nicht vollenden konnte.
In Beispielen aber, in denen zu nachträglichen Komplettierungsabsichten keine entsprechenden Wünsche des jeweiligen Urhebers vorliegen und zudem die erhaltenen Original-Skizzen allerlei vagen Spekulationen Raum bieten, sollte man - dies meine persönliche Meinung, nota bene - erst recht die Finger von Vervollständigungen lassen.
Als regelrechte Leichenfledderei betrachte ich daher die Versuche, Schuberts h-moll-Sinfonie oder Bruckners Neunte zu vervollständigen. Die eigenen Skizzen für eine Weiterführung dieses wie jenen Werks sind ausgesprochen dürftig. Zudem stellen diese beiden fast schon Archetypen "vollendeter Unvollendeter" dar. Will sagen - sie sind in ihrer teils torsohaften Unvollendung vollkommen vollendet. Ich stimme zu, dass die Unvollendeten so wie sie sind in vollendeter Perfektion vorliegen, sehe das aber etwas milder. Man kann das auffuehren oder aufnehmen, wenn man klar macht, dass es eben keine "Vollendung" ist und auch nicht "Schubert" oder "Bruckner".
Also folgendes Programm ist 'legitim': Anton Bruckner - Sinfonie Nr. 9 d-Moll, WAB 109 Joe Dvorak - Sinfoniesatz in d-Moll (auf der Basis von Skizzen, Particellen und Manuskripten von Anton Brucker) Aber nicht: Anton Bruckner - Sinfonie Nr. 9 d-Moll, WAB 109 (mit Finale, vollendet von Joe Dvorak)
Maurice inaktiv (18.05.2023, 08:47): Das ist ein sehr schwieriges, komplexes Thema, was man nicht mit "richtig" oder "falsch", "sinnvoll" oder "sinnlos" beantworten kann. Mit "Leichenfledderei" hat das auch absolut nichts zu tun, warum denn auch, so lange klar vermerkt wurde, was man aus den Skizzen des Komponisten gefunden und verwendet hat, und was man, entsprechend begründet, neu geschrieben hat.
Bruckners Neunte ist vermutlich sehr sehr grenzwertig, weil das vorhandene Material recht dürftig ist über weite Teile. Bei Mahlers Zehnten sind aber weite Teile bereits geschrieben, ein Satz komplett fertig komponiert worden.
Bei Schuberts Sinfonie E-Dur, D729 liegt der Entwurf aller vier Sätze vollständig vor, 110 Takte wurden noch von Schubert voll orchestriert. Hier hat sich mit Brian Newbould ein ausgewiesener Schubert-Experte kein Dummkopf damit beschäftigt, damit diese Musik der Welt nicht verborgen geblieben ist.
Auch bei Elgars "3.Sinfonie" in der rekonstruktion von Anthony Payne wurde bekannt. Auch er war ein Kenner von Elgar, studierter und erfolgreicher Musiker und Musikwissenschaftler, also auch niemand, der sich hier in den Vordergrund drängen musste.
Sfantu (18.05.2023, 13:09): Brian Newbould ein ausgewiesener Schubert-Experte kein Dummkopf Anthony Payne . Auch er war ein Kenner von Elgar, studierter und erfolgreicher Musiker und Musikwissenschaftler Ach, das waren studierte Experten?! Wie konnte ich das übersehen, ich Dummchen! Das ändert freilich alles - dann durften die das natürlich auch. Und ich dachte, die haben einfach eine KI-App dafür benutzt.
Scherz beiseite - solch eine Arbeit ist ohne Frage herausfordernd. Und doch bleibt die oben gestelle Frage offen: Wer hat etwas von solch einer "Vollendung"?
Joe Dvorak (19.05.2023, 02:19): Wer hat etwas von solch einer "Vollendung"? Diejenigen, die es interessiert. Im Fall Bru9kner scheint dieser Kreis nicht gerade klein zu sein. Ich habe mir waehrend meiner Bruckner-Hochphase aus Neugierde ein paar dieser Versuche angehoert, weil mich interessiert hat, welche Themen, Motive und ungefaehren Formverlaeufe vorhanden sind - weniger die Spekulationen der Vollender. Mit dem Erscheinen der Aufnahme von Harnoncourt hatte sich das Thema erledigt.
Joe Dvorak (19.05.2023, 02:19): Edvard Grieg konnte sein zweites Streichquartett F-Dur nicht vollenden. Die ersten beiden Saetze waren schon 1891 fertig, dann fand er nicht mehr hinein. Das unselige Streichquartett liege ewig herum wie alter norwegischer Käse, schrieb er 1895 an Adolf Brodsky. Er aeusserte spaeter mehrfach, dass es er fertig stellen wolle, aber nicht koenne. Als er 1907 schliesslich starb, waren lediglich Skizzen fuer einen 3. und 4. Satz vorhanden. Griegs Auesserungen koennen kaum als Wille oder gar Autorisierung fuer eine Fremdvollendung interpretiert werden, dennoch erstellte ein enger Freund, der Komponist Julius Roentgen eine auffuehrungsreife Version (mit eigenkomponierter Coda), die jedoch kaum gespielt wird. Ich habe eine Aufnahme mit dem Zilliacus-Quartet. Levon Chilingirian, Chef des gleichnamigen Quartetts hat auch komplettiert und dabei gleich einige Aenderungen, die Roentgen an den ersten beiden Saetzen des Originalmanuskripts vorgenommen hatte, wegredigiert.
Maurice inaktiv (19.05.2023, 05:33): Wem das was nutzt ist doch relativ einfach erklärt: Jedem, der sich dafür interessiert, wie weit ein Komponist sich entwickelt hat. Bruckner als auch Mahler haben den Weg zur Zweiten Wiener Schule geebnet, ihn vorbereitet, sind bis an den Rand der Tonalität gegangen. Schubert war der Wegbereiter für Rott und Mahler, was bestimmt viel deutlicher geworden wäre, wenn er nur 5 oder 10 Jahre länger gelebt hätte.
Harnoncourt hat sich sehr viel Mühe gegeben, dies bei der Neunten von Bruckner aufzuzeigen, Rattles Einspielung dürfte mit jener von Bosch der interessanteste Versuch gewesen sein bis jetzt, dies durch die Einspielung aufzuzeigen. Natürlich sind das keine "Endgültige Fassungen", die gibt es ja nicht, aber sie wollen den Wen zeigen, den Bruckner gegangen war.
Bruckners Weg aufzuzeigen, wäre ohne seine zwei frühen Studienwerke und die "Nullte" nicht vollständig, und es ist gut, dass man sie aus der Versenkung geholt hat. Wichtig ist aber, dass man sie auch entsprechend einordnet und beschreibt, nämlich als noch unfertige Werke des Komponisten, die eigentlich nicht zu bewerten, aber zu analysieren sind. Gerade Bruckner ist ja auch der "Problemfall" schlechthin, weil er so leicht zu verunsichern war, dass er seine Werke (bis auf eines wohl) alle immer wieder umgeschrieben hat.
Bei der Neunten das "Te Deum" hintendran zu setzen war doch auch nur eine Notlösung, weil er selbst das Finale nicht mehr geschafft hatte. Das "Te Deum" stammt aber aus dem Jahre 1881 (Skizze), also 15 Jahre vor dessen Tod. Es kann also niemals das letzte Wort gewesen sein, daher ist das Werk als Torso mit drei Sätzen vermutlich die bessere Lösung, ohne nur als "Werk ohne Finale" zu gelten. Da macht es doch mehr Sinn, das rekonstruierte Finale zumindest einzuspielen, aber es nicht aufzuführen. So bleibt es jedem selbst überlassen, wie er mit diesem Werk verfährt, da jede andere Umsetzung keine ideale Lösung ergeben würde. So würde ich es zumindest, Stand jetzt, sehen.
Natürlich ist mir bewusst, dass damit immer noch keine "letzte Fassung des Komponisten" vorliegt, doch gab es die bei Bruckner überhaupt? Hätte er, würde er noch 5 Jahre länger gelebt haben, seine früheren Werke nicht noch einmal revidiert? Wir wissen es nicht, es ist reine Spekulation, auf Grund seines bisherigen Lebens.
Andréjo (19.05.2023, 08:36): Gerd Schaller hat mit seiner Philharmonia Festiva ebenfalls einen Finalsatz zur neunten Sinfonie Bruckners verfasst. Dieser erscheint mir vor allem rhythmisch sehr prägnant.
Schallers Gesamtprojekt lag erstmals bereits 2018 vor - diese Ausgabe habe ich mir zugelegt - und wurde 2020 nochmals erweitert. Bis 2024 sollen weitere Versionen von Bruckner-Sinfonien hinzutreten. Inwieweit Vollständigkeit erreicht wird oder überhaupt erreicht werden kann respektive wie solche definiert wird, steht auf einem anderen Blatt. Es ist im vorliegenden Faden nicht Thema.
Den Ausführungen von Maurice von vorhin kann ich gut folgen. Einigkeit in der Problematik wird nicht zu erzielen sein - und auch nicht anzustreben letztlich. Die Schaller-Integrale von 2018 enthält zusätzlich den Finalsatz, wie William Carragan ihn sich vorgestellt hat. Ich würde Schallers Versuch sogar vorziehen, aber eine Begründung fällt mir nicht leicht.
Sfantus Frage, wer etwas "hat" von "solch einer Vollendung" würde ich vielleicht dahingehend beantworten, dass die Komposition als Hörangebot per se relevant ist - im Sinne einer neuen Komposition. Meines Erachtens ist das doch so klar wie banal. Ich möchte neue Musik kennenlernen und von der Motivation des Komponisten erfahren.
:) Wolfgang
Joe Dvorak (19.05.2023, 09:00): Schaller ist ein echter Intensiv-, ich meine Ueberzeugungstaeter. Er hat seine Vervollstaendigung (2016) nochmal revidiert (2018) und auch diese komplett mit den bestehenden Saetzen neu eingespielt. (Recordings - Bruckner2024, Dirigent Gerd Schaller)
Andréjo (19.05.2023, 10:03): NB: Mir gefällt, dass die komplette (? :P ) Orgelmusik in der 2018-Integrale auf kaum einer halben CD dabei ist. Sie ist sehr überschaubar und wird selten veröffentlicht. Ich habe nichts davon gekannt und auch in ihrem Kontext gibt es Unvollendetes ... Schaller wohnt nicht viele Kilometer von uns entfernt und ist woanders wenige Kilometer von uns geboren. Falls es jemanden interessiert. :ignore
Maurice inaktiv (19.05.2023, 13:07): Gerd Schaller hat mit seiner Philharmonia Festiva ebenfalls einen Finalsatz zur neunten Sinfonie Bruckners verfasst. Dieser erscheint mir vor allem rhythmisch sehr prägnant.
Schallers Gesamtprojekt lag erstmals bereits 2018 vor - diese Ausgabe habe ich mir zugelegt - und wurde 2020 nochmals erweitert. Bis 2024 sollen weitere Versionen von Bruckner-Sinfonien hinzutreten. Inwieweit Vollständigkeit erreicht wird oder überhaupt erreicht werden kann respektive wie solche definiert wird, steht auf einem anderen Blatt. Stimmt. An DEN hatte ich überhaupt nicht gedacht. Ach Tintner hat bei Naxos da schon ein wenig Pionierarbeit geleistet übrigens.
Schaller wohnt nicht viele Kilometer von uns entfernt und ist woanders wenige Kilometer von uns geboren. Falls es jemanden interessiert Na, dann bist Du besonders geeignet für Bruckner-Rezensionen. Viel Erfolg, Herr Dr. Wolfgang von Andréjo :thumbsup: Lasse mich ein wenig lästern, ich kann sonst nix. :rofl
Andréjo (19.05.2023, 14:58): Lästern kann ich auch am besten. Ansonsten ist das alles schwierig. :P
Sfantu (19.05.2023, 15:23): @Maurice @Andréjo
Ihr habt natürlich recht. Die Frage danach, wer etwas davon hat ist so sinnlos wie das Streiten über Geschmack. Und für fast Alles gibt es am Ende einen Markt. Eben auch für Was-wäre-wenn-Spiele.
Maurice inaktiv (20.05.2023, 02:45): Es geht überhaupt nicht um "Recht oder Unrecht", Markt oder nicht, sondern es sind durchaus interessante musikwissenschaftliche Dinge, die, wenn man sie sinnvoll erklären kann, akzeptabel sind, so lange sie entsprechend darauf hingewiesen wird.
Man könnte ja weitergehen und sich fragen, ob dann z.B. Arrangements von etwa den "Ungarischen Tänzen" von Brahms nicht genau so angreifen könnte, aber dann würden wir uns wirklich im Kreis drehen.
Sfantu (20.05.2023, 08:36): Das sind allerdings wieder zwei Paar Schuhe - spekulative oder teilspekulative Komplettierungen hier, Arrangements von etwas bereits Vorhandenem dort. Wollte man die Daseinsberechtigung von Bearbeitungen fremder Hand angreifen, dürften bspw. Mussorgskijs Bilder nur in der originalen Klavierfassung gespielt werden. Scelsis Notenfolgen oder Gurdjewffs Melodien dürften nur gesummt werden, da sie sie durch Andere haben aufschreiben lassen.
Maurice inaktiv (20.05.2023, 08:55): Genau das meine ich damit. Es sind auch nur teilweise zwei Paar Schuhe, weil auch hier von Anderen in das Werk eigegriffen worden ist. Auch Gustav Mahlers oder George Szells "Anpassungen" bei den Sinfonien von Schumann sind solche Beispiele. Hier wurde auch nicht dem Willen des Komponisten entsprochen. Wobei man sic dann noch darüber streiten kann, wer von den beiden es "besser" gemacht hat.
Auch Mozarts "Requiem" wäre so ein Fall, über den man diskutieren könnte.
Die Beispiele sind sehr lange und teilweise sehr unterschiedlich, aber letzten Endes meistens gegen den Willen des Komponisten geschehen. Bei Brahms' Ungarischen Tänzen weiß ich es nicht ganz genau, ich meine, dass Brahms die Orchestrierungen noch abgesegnet hatte, aber ich weiß es nicht wirklich gerade.
Joe Dvorak (21.05.2023, 02:12): George Enescu hat zwei nicht fertiggestellte Sinfonien hinterlassen. Die Vierte (1934) liegt als Particell vor, der erste Satz ist vollstaendig orchestriert, dazu ein kleiner Teil des Mittelsatzes. Von der Fuenften (1941) sind zwei Drittel des Kopfsatzes fertig ausgearbeitet, der Rest liegt als Skizzen vor. In beiden Faellen hat der Komponist und Landsmann Pascal Bentoiu spielbare Versionen erstellt. Bei cpo kann man die hoeren. Wem nutzt es? Ich denke, der gemeine Klassikfreund wird bereits seine liebe Muehe mit den vollstaendigen Sinfonien (1905, 1914, 1918) haben. Das ist schon ein sehr dichtes und komplexes Rankenwerk, fuer dessen Durchdringen Ohren in Machetenform benoetigt werden. Viele werden sich erst gar nicht mit ihm beschaeftigen, weil er aus dem Kanon gefallen ist. Was fehlt, ist ein renommiertes Sinfonieorchester samt einem Dirigenten, der gerade in Mode ist, die sich seiner annehmen. Vielleicht richtet die anwachsende Reputation von Hannu Lintu etwas Aufmerksamkeit auf die Einspielungen, die er vor rund 10 Jahren mit dem Tampere PO gemacht hat.
Maurice inaktiv (21.05.2023, 07:15): George Enescu hat insgesamt nicht den Stellenwert, der auf eine Verbesserung dieser Situation in den nächsten Jahren führen dürfte. Du hast die Punkte bereits aufgezählt, warum dies so ist, dazu kommt, dass e an rumänischen Dirigenten mangelt, die auf der großen Bühne mitspielen, um vielleicht ihren Landsmann wieder ins Rampenlicht zu stellen.
Dazu kommt, dass er viele Jahre nicht in seiner Heimat lebte, sondern vor allem in Paris und den USA. In seinem Fall ist der als Kosmopolit ein "Heimatloser", auch wenn er mit den Rumänischen Suiten Werke geschaffen hatte, die man hin und wieder hören kann.
Arte Nova hatte es mal mit dem rumänischen Dirigenten Cristian Mandeal versucht, aber diese durchaus gelungenen Einspielungen haben sich nie wirklich durchgesetzt. Enescu ist halt, wie Du richtig geschrieben hast, keine leichte Kost, im Gegenteil. Dafür wird sich kaum ein bekannter Dirigent finden lassen, der sich die Mühe macht, wirklich hinter die Partituren schauen zu wollen, von einem Orchester der ersten Güteklasse ganz zu schweigen.
Mit Petrenko und den Berlinern würde eigentlich eine Kombination zur Verfügung stehen, denen ich es zutrauen würde, hier einmal tätig zu werden, aber man muss schon froh sein, wenn sich Naxos mal dazu entscheiden würde, hier aktiv zu werden. CPO ist ja auch nur in den Anfängen hängen geblieben. Lintu und das Orchester aus Tampere sind da meiner Meinung nach auch nicht gerade die Topp-Wahl für.
Ergänzung: Immerhin hat CPO die Vierte und Fünfte unter Peter Ruzicka auf 7,99 € reduziert. Die Vierte wurde in der Fono-Forum sogar mit der Empfehlung "CD des Monats" ausgezeichnet. Vielleicht steigt dadurch der Verkauf mal bei den beiden CDs, das wäre zumindest ein ganz kleiner Anfang. Ein Durchbruch wäre aber auch das nicht. Wenn schon prämierte CDs nicht ankommen, dann wird es echt schwierig.
Maurice inaktiv (21.05.2023, 09:07): Es gibt aber auch noch die Serie "The Unknown Enesco" von Toccata, allerdings auch nicht gerade mit Musikern erster Reihe. Doch manchmal machen die bei solchen Werken einen sehr guten Job, weil sie sich mehr mit der Musik identifizieren, denke ich mal.