Rideamus (04.02.2013, 17:15):
Wenn ich die düsterste Oper aller Zeiten benennen müsste, so wäre in Ermangelung besserer Kenntnis mancher osteuropäischer Opern Verdis I DUE FOSCARI ein starker Kandidat, denn die Oper steht von Anfang an unter einem solch rückhaltlos gnadenlosen Stern, dass der in manchen Aspekten nicht unähnliche FIDELIO daneben fast wie eine Situationskomödie wirkt. Lediglich Verdis ungemein kraftvolle Musik, die nur gelegentlich (wie so oft vor allem in den Chören) in Routine verfällt, bringt die Oper zum Glänzen wie eine Katakombe, die durch den Widerschein vieler Kerzen auf den kostbaren, aber wenig tröstlichen Kostümen und Schmuckstücken der Protagonisten erleuchtet und bewegt erscheint.
Warum das gerade jetzt in Verdis Karriere, die doch, ein Jahr nach dem Verlöschen Donizettis, dessen letzte Oper 1843 uraufgeführt wurde, die er noch um Jahre in geistiger Umnachtung erlebte, ihn zum unumstrittenen König der italienischen Oper hatte aufrücken lassen, der von Intendanten aller großen Opernstädte gejagt und angefleht wurde, für sie zu schreiben? Vielleicht lag es vor allem daran, denn mit dieser Oper, bereits seiner zweiten des Jahres 1944, begannen die von Verdi so kennzeichnend beschriebenen Galeerenjahre, während der er Jahr für Jahr ein bis zwei Opern abliefern musste mitsamt den Verpflichtungen zu Reisen und der Anpassung seiner Partituren an die jeweils verfügbaren Sänger – von den Schikanen einer inkonsequenten Zensur, die allerorten ihr Unwesen trieb, ganz zu schweigen.
Allerdings war diese Fron, die erst mit dem Riesenerfolg des RIGOLETTO (1851) und dem sich daraus ergebenden internationalen Ansehen endete, zu der damaligen Zeit üblich, und die jeweiligen Intendanten dachten gar nicht daran, ihre unmenschlichen zeitlichen Vorstellungen den Bedürfnissen ihrer Komponisten oder wenigstens der Qualität ihrer Hervorbringungen anzupassen. Es bedurfte also schon besonderer Genies, dieses System konstanter Überforderung zu überstehen, und für jemanden, der wie Verdi immer skrupulöser in der Anwendung seiner Kunst wurde, musste das wie eine zunehmenden Quälerei erscheinen, die nur dazu geschaffen war, jemanden wie ihn vorzeitig zu verschleißen. Und das geschah ja auch in der Regel. Man sehe sich nur die Namen der anderen führenden Kollegen seiner Zeit an, die Verdi für sein REQUIEM zu Ehren Rossinis verpflichtete: Von den damals hoch geschätzten Antonio Buzzolla, Antonio Bazzini, Carlo Pedrotti, Antonio Cagnoni, Federico Rici, Alessandro Nini, Raimondo Boucheron, Carlo Coccia, Gaetano Gaspari, Pietro Platania, Lauro Rossi und Teodulo Mabellini kenne ich gerade mal ein Werk, nämlich Carlo Coccias hübsche Buffa ARRIGHETTO, und wäre sicher niemand ein Grund, sich die von Helmut Rilling eingespielte MESSA PER ROSSINI zuzulegen.
Aber es kamen auch noch aktuelle Umstände hinzu. Jemand wie Verdi konnte es nicht kalt lassen, dass er das, schon vor dem ERNANI begonnene, Projekt der RE LEAR – Oper bei all seinem Optimismus nicht in den Griff kriegen konnte, und so musste er notgedrungen zu dem Projekt greifen, das er zuvor begonnen und ohne großes Bedauern abgebrochen hatte. Es war eine Oper nach Lord Byrons Versdrama THE TWO FOSCARI um den venezianischen Dogen Francesco Foscari, dessen Sohn unter Korruptionsverdacht geriet und zur Verbannung verurteilt wurde, die Francesco selbst anordnen musste. (1373 – 1457 – s. http://de.wikipedia.org/wiki/Francesco_Foscari). Später begnadigte er ihn, aber seine Feinde erzwangen weitere Verfahren, die schließlich zu einer Verurteilung zu Kerkerhaft führten, in der Jacopo verstarb. Gebrochenen Herzens widersetzte sich der Doge, der am längsten regierende und lange Zeit in Krieg und Frieden erfolgreichste Doge des Stadtstaates, nicht mehr der Absetzung durch seine Feinde, die er nur um wenige Tage überlebte. Byrons Drama, das wohl nicht wirklich für die Bühne gedacht war, hält sich relativ eng an die historischen Fakten. Im Original kann man es, zusammen mit kritischen Appendices, hier nachlesen: http://petercochran.files.wordpress.com/2009/03/the_two_foscari.pdf
Verdi arbeitete hier erstmals mit dem sehr folgsamen Librettisten Francesco Maria Piave zusammen, dem aber die Theatererfahrung fehlte, so dass Verdi ihm wenig mehr als die Dichtung der Verse überließ. Dabei war er fast durchweg übel gelaunt, weil eine – vermutlich psychosomatische – Magenerkrankung ihn leiden ließ, und so überrascht es nicht, dass vermutlich etliche der düsteren Passagen aus dem RE LEAR Eingang in diese Partitur fanden, was ihr ersichtlich gut tat, und dass über der Oper ein konstanter Eindruck von Verbitterung schwebt, als sei Verdi erst jetzt bewusst geworden, welche Last der große Ruhm ihm zuteil werden ließ. Der Zeitdruck des Teatro Argentina in Rom, das eine fertige Oper in vier Monaten erwartete, tat ein Übriges um zu verhindern, dass manche routinierten Passagen noch verbessert werden konnten.
Um so erstaunlicher, ja an ein Wunder grenzend ist das meisterhafte Werk, das unter diesen Umständen dennoch entstand. Einige banale Chorpassagen und zwei Aktschlüsse unter Verdis Niveau im zweiten Akt (ein Schlussquartett im Walzerrhythmus, zu dem Jacopo vor den Rat der Zehn geführt wird???) hätte er später sicher besser komponiert, aber sie dienen immerhin als Folie, in deren Umfeld die großartigen Arien und Ensembles des Werkes erst recht zu ihrer hell leuchtenden, besten Wirkung kommen. So kommt es, dass die Oper nicht nur wegen des Dogenmilieus wie eine pessimistische Urfassung des SIMON BOCCANEGRA klingt. Leider fand sich hier kein Boito, der Verdi davon überzeugte, noch einmal Hand an dieses Meisterwerk zu legen.
Über die Musik wird anlässlich der Inhaltserzählung und der Diskographie sicher noch einiges zu sagen sein, so dass ich an dieser Stelle erst einmal abbrechen und auf Später vertrösten kann.
:hello Rideamus