Verdi: La Forza del Destino

Gerion (16.08.2009, 10:30):
Hallo Miteinander,

ich kann mir nach längerer Zeit wieder etwas Zeit zum Posten (und Lesen der vielen, vielen lesenswerten Beiträge hier) nehmen und dachte mir, dass ich mit einer kleinen Frage gerne den OpernThread ansteuern möchte:

Ich suche eine empfehlenswerte Aufnahme der o.g. Oper in passabler oder guter Klangqualität (also keinen alten Radiomitschnitt, dort gibt es sicherlich Schätze).

Zirkelt man das Feld der Aufnahmen ab, stößt man als unbedarfter Entdecker bald auf Folgende:

Callas/Tucker/Serafin, Mailand 1954 (Naxos)

Price/Cossotto/Domingo/Levine/London SO (RCA)

Tebaldi/Simionato/del Monaco/Siepi/Molinari-Pradelli (Decca Originals)

Arroyo/Bergonzi/Cappuccilli/Reimondi/Lamberto Gardelli (EMI)

Plowright/Carreras/Bruson/Sinopoli (DG)


sehr interessant, aber mE derzeit nicht bzw. nur teuer gebraucht greifbar:
Price/Tucker/Merrill/Verret/Tozzi, RCA

Kann jemand etwas zur Arroyo-Aufnahme berichten? Ich kenne ihre Stimme noch gar nicht (ebensowenig wie Plowright). Ist dort ein Libretto beigelegt?

Die Levine-Aufnahme wird oft hervorgehoben (zB von den ehrenwerten Herren des Penguin Guide), oft liest man aber auch, dass die frühere, gerade nicht greifbare, Aufnahme vorzuziehen sei. Da frage ich mich, ob ich angesichts der Marktlage denn die ältere ohne zu starke Einbußen kaufen kann?

Was ich von der Sinopoli-Aufnahme halten soll, weiß ich gar nicht. Es gibt auch noch eine recht neue unter R. Muti, von der ich aber bis dato auch noch nichts Überragendes gelesen habe.

Kann mir jemand weiterhelfen?

Mit Grüßen und vielem Dank im Voraus :thanks

Gerion
Gerion (17.08.2009, 22:48):
Hallo noch einmal,

es hat sich jetzt erledigt; ich habe die Arroyo-Aufnahme bestellt. Jetzt bin ich gespannt.

Es grüßt
Gerion
Amonasro (15.10.2012, 22:29):
Ich freue mich, dass hier ein Thread zu dieser Oper existiert. Auch ich bin auf der Suche nach einer Gesamtaufnahme. Ich würde mich freuen, wenn du deine Erfahrungen mit der Arroyo-Aufnahme hier posten könntest. Ich hoffe, dass sich auch andere an der Diskussion beteiligen und etwas zu den anderen von dir genannten Aufnahmen sagen können. Vor allem die Aufnahme unter Molinari-Pradelli mit Tebaldi, del Monaco, Bastianini und Siepi liest sich sehr interessant.
Es grüßt Amonasro, der sich freut seinen ersten Beitrag im Forum geschrieben zu haben!
stiffelio (17.10.2012, 22:11):
Hallo Amonasro,

erstmal herzlich willkommen hier im Forum. Es freut mich besonders, dass ein Verdi-Fan zu uns gestoßen ist.
Ich kann nur zu Aufnahmen mit Bild ansatzeise etwas beisteuern und da habe ich eine persönliche Vorliebe für die Aufnahme mit Carreras und Caballé von 1979.
Vollständige Besetzung:
Montserrat Caballé: Doña Leonora.
Josep Carreras: Don Álvaro.
Mateo Manuguerra: Don Carlos de Vargas.
Montserrat Aparici: Preziosilla.
Mario Rinaudo: Padre Guardián.
Otello Borgonovo: Fray Melitone.
José Simorra: El Marqués de Calatrava.
Cecilia Fondevila: Curra.
Raúl Montero: El alcalde.
José Ruiz: Maestro Trabuco.
Rafael Campos: Un médico.

VG, stiffelio

P.S.: möchtest du dich vielleicht auch im Mitgliederbereich (im Thread "Wer bin ich?") mal vorstellen?
Amonasro (06.01.2013, 20:16):
Hallo, ich bin gerade auf folgende Aufnahme gestoßen und würde mich freuen, wenn jemand etwas dazu sagen könnte, ob sich die Anschaffung lohnt. Sind Bild- und Tonqualität sehr schlecht? Wie sind die Sänger? Es sind ja lauter berühmte Nahmen.

http://www.sainsburysentertainment.co.uk/media/ProductImage/largeImage/ProductImage-2900253.jpg

Gruß Amonasro

PS: @Gerion Hast du die Arroyo-Aufnahme schon gehört?
Amonasro (09.01.2013, 00:51):
Die DVD hat Regionalcode 0, aber NTSC-Format. Ist sie überhaupt bei mir (Blue-ray Disc/DVD Home Theatre System BDV-F700/F500 von Sony und Samsung-Fernseher LE22D450G1W) abspielbar?

Gruß Amonasro
stiffelio (28.12.2013, 22:18):
Musikalische Leitung / Conductor Asher Fisch
Inszenierung / Director Martin Kušej
Bühne / Set Martin Zehetgruber
Kostüme / Costumes Heidi Hackl
Licht / Lighting Reinhard Traub
Produktionsdramaturgie / Dramaturgy Benedikt Stampfli, Olaf A. Schmitt.
Chöre / Chorus Sören Eckhoff

Il Marchese di Calatrava / Padre Guardiano - Vitalij Kowaljow
Donna Leonora - Anja Harteros
Don Carlo di Vargas - Ludovic Tézier
Don Alvaro - Jonas Kaufmann
Preziosilla - Nadia Krasteva
Fra Melitone - Renato Girolami
Curra - Heike Grötzinger
Un alcade - Christian Rieger
Mastro Trabuco - Francesco Petrozzi
Un chirurgo - RafaB Pawnuk

Hallo an Alle,

hat noch jemand den Livestrem der BSO von LA FORZA DEL DESTINO eben gesehen? Ich habe die erste halbe Stude (und damit den gesamten ersten Akt, der mir eigentlich am liebsten ist X() verpasst, konnte aber wenigstens den Rest noch sehen.
Die Inszenierung von Kusej ging bei den Kriegsdarstellungen wenige Male an meine Grenzen, aber es hielt sich im Rahmen, das hatte ich von ihm eher schlimmer erwartet. Und die Personenführung war spannend, ich kenne diesbezüglich keine bessere Aufführung.
Stimmlich und darstellerisch haben mir alle Sänger sehr gut gefallen, allen voran natürlich Kaufmann und Harteros (die mit ihren Rollen m.E. sichtbar mehr anfangen konnten als zuletzt im TROVATORE), aber auch Tezier und Kowaljow fand ich sehr überzeugend. Machte die Doppelrolle von Kowaljow inzenatorisch Sinn? Ich habe ihn ja nur als Pater, nicht als Marchese erlebt.

Bei Kaufmann staune ich immer wieder, wie er mit seiner körperlichen Schlankheit solche Partien nicht nur sängerisch durchhält, sondern auch noch einen darstellerisch hohen physischen Einsatz abliefert. Bei dem, was ihm da an Sprüngen abverlangt wurde, wäre ich auch ohne Singen bereits nach 5 Minuten k.o. gewesen.

Ich habe diesen Beitrag bewusst im Werkthread, nicht im "Oper im Internet" eingestellt, wei ich hoffe, dass sich aus dieser Aufführung evtl. noch eine Werkdiskussion entwickelt, die bisher in diesem Thread ja ein bisschen kurz gekommen ist.

VG, stiffelio
Billy Budd (28.12.2013, 23:06):
Original von stiffelio
Machte die Doppelrolle von Kowaljow inzenatorisch Sinn? Ich habe ihn ja nur als Pater, nicht als Marchese erlebt.
Ich habe besagten Livestream nicht gesehen, aber in unserer (eher missglückten) Pountney-Inzenierung ist das auch so.
Der Regisseur bemerkte dazu im im Programmheft abgedruckten Interview:
Man fühlt, dass Verdi mit der Guardiano-Leonora-Szene eine seiner Vater-Tochter-Situationen herstellt, auch wenn Guardiano nicht ihr tatsächlicher Vater ist. Außerdem wollten wir das Wesen des Schicksals an sich zeigen: Keiner der Hauptcharaktere kann sich von den Auswirkungen dieses ungewollten Pistolenschusses, dieses absurden Unfalls am Beginn der Oper befreien. Und am Ende schließt sich der Kreis: im selben Bühnenbild wie in der ersten Szene sieht man bei uns die Personengruppierung wie zum Zeitpunkt des alles bestimmenden Pistolenschusses: eine quasi Vater-Tochter-Konstellation plus der Geliebte.
Billy :hello
Schweizer (29.12.2013, 10:36):
FORZA DEL DESTINO: allgemeine Betrachtung

Die Macht des Schicksals (oder des Zufalls) hat ein für kritische Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts derart unglaubwürdiges, schlecht konstruiertes, abstruses Libretto, dass sie schon längst von allen Spielplänen verschwunden wäre, gäbe es nicht a) die wunderbare Ouvertüre, die oft auch in Konzertsälen zur Aufführung gelangt, b) prächtige-schöne Partien für Sopran, Tenor, Bariton und in etwas geringerem Masse für den Bassisten, c) über weite Strecken Verdi-Musik at his best!
Weitere Schwächen:
1) Die drei Hauptpartien sind schlecht miteinander verzahnt:
- Leonora ist bis zur Pause omnipräsent, dann verschwindet sie bis zum zweiten (letzten) Bild von Akt4 in der Versenkung; und selbst dort ist die "Pace"-Arie der Höhepunkt, mit dem kurzen Zusammentreffen der drei Hauptcharaktere endet das Werk blutig-abrupt.
- Umgekehrt verhält es sich mit Alvaro's Partie: kurz präsent im Eingangsbild, dann Urlaub bis Akt3, danach kommt seine grosse Zeit.
- Das Manko der Verzahnung wird in Akt2 noch zusätzlich dadurch verstärkt, dass zwar Carlos de Vargas im Schenkebild eingeführt wird, aber zwischen Leonora und ihrem Bruder auf Grund des Plots keine Interaktion stattfinden darf. Carlos kommt erst nach der Pause echt zum Zug.
2) Zwei Nebenpartien sind nur äußerst marginal in die Handlung eingebettet, Preziosilla und Fra Melitone (zer-)dehnen den Fortschritt der Kernhandlung, sind dafür überflüssig. Mit den nach Schiller's Wallenstein inspirierten Kriegsszenen (Kapuzinerpredigt Fra Melitone, Preziosilla's Rataplan und Kriegsverherrlichung mit Chor wird Fluss und Spannung der Handlung gebremst.

Fazit: von allen "bekannten" Werken Verdi's aus obigen Gründen das eindeutig Schwächste, das nur auf Grund der musikalischen Qualität und drei grossartigen Gesangspartien überlebt.

Gruss vom Schweizer
Billy Budd (29.12.2013, 11:37):
Also, ich mag die Forza eigentlich mehr als mehrere andere "bekanntere" und "beliebtere" Verdi-Opern ... aber wahrscheinlich liegt das daran, dass ich mehr auf die Musik als auf den Inhalt achte.
Billy :hello
Ingrid (29.12.2013, 18:17):
Liebe Stiffelio,

obwohl ich in der Premiere um 18 Uhr war, bildete ich mir fest ein, es gäbe bei der Übertragung eine Zeitverschiebung. Habe das wohl mit der Rundfunkübertragung verwechselt und war total entsetzt, als Kaufmann schon sang. Zum Glück fehlten mir nur 20 Minuten. Es ging mir also leider ähnlich wie Dir. Szenisch hast Du nicht viel verpasst. Während der Ouvertüre, die lt. einiger Aussagen nicht gut gelungen war (Fisch handelte sich auch ein paar Buhs ein) saß die Familie an diesem bewußten Tisch, der ja immer präsent war. Der Bruder noch als Kind, aber die Optik der Bekleidung blieb lange erhalten. Hinter dem Tisch war eine Fensterfront mit leichten Gardinen, in die dann recht romantisch das Wiedersehen der Verliebten verwoben wurde. Der Vater platzte dann mit mehreren Bediensteten in diese Szene und Pistolen wurden gezückt. Alvaro ergab sich bald und als er die Pistole dem "Schwiegervater" vor die Füße warf, löste sich der Schuss. Es gab dann noch ein Gerangel, auch kam der sehr schnell gealterte Bruder auf die Bühne gerannt und beweinte den Vater, bevor der Vorhang fiel. Viel mehr war nicht. Danach warst Du wohl mit von der Partie.

Erstmals hatte ich eine sehr gute Übertragung, nur keinen perfekten Ton (bei Anja total übersteuert) und ich genoss die Sicht von vorne sehr und natürlich die Nahaufnahmen :wink

Die Kraterlandschaft war wirklich beeindruckend. Auf dem Sesselplatz in der Galerie hörte man zwar sehr gut, aber optisch wirkte doch vieles verzerrt. Hatte auch noch mehr Hochachtung, so man die überhaupt steigern konnte, dass Anja Harteros und Jonas Kaufmann doch einige Arien in sehr anstrengenden Posen (z.B. unter oder auf dem Tisch liegend) bewältigen mußten und das natürlich noch sehr gut und glaubwürdig. Inzwischen habe ich mich auch schon so sehr an Kaufmanns Timbre gewöhnt, sodass mir Gaumigkeit überhaupt nicht mehr auffällt. Denke auch, dass davon wirklich nicht mehr viel vorhanden war.

Sehr angetan war ich ebenfalls von Ludovic Tézier, den ich als Albert nicht mochte und deshalb ungerechter Weise abhakte. Stimme und Spiel gefielen mir ausgesprochen gut. Eine Freundin hatte das Glück, sich einige Zeit mit ihm unterhalten zu können (auf der Premierenfeier) und fand ihn unglaublich sympathisch, auch seine Frau. Schon blöd, wenn man manchmal Vorurteile hat.
In den Duetten Tenor/Bariton hatte man allerdings schon Mühe, die Stimmen zu trennen. Sie verschmolzen stark miteinander. Bei der Rundfunkübertragung wurde das bestimmt noch schwieriger.

Der Chor leistete ebenfalls Enormes, auch schauspielerisch in diesem Sex- Alkoholrausch und auch sie mußten dann noch liegend singen. Wo da wohl die Monitore versteckt waren? Die Artisten zogen mich auch stark in ihren Bann. Mußten die Muckis haben! Da vergaß ich teilweise sogar, dass Jonas wieder auf der Bühne war :D

Und da komme ich endlich auch zu Dir, lieber Schweizer, denn Du hast die Vor- und Nachteile dieser Oper wirklich sehr genau auf den Punkt gebracht. Vielen Dank dafür. Ich fand es auch sehr schade, oft auf die Hauptprotagonisten verzichten zu müssen und die mögen es wohl ebenfalls nicht so gerne, lange die Spannung aufrecht erhalten zu müssen, bis sie endlich wieder zum Einsatz kommen. Asher Fisch erwähnte ja auch im Interview, dass er mit diesen Nebenschauplätzen musikalisch nicht gut klar kommt. Das stieß einigen dann wohl sauer auf. Ich kannte diese Oper nicht wirklich (höchstens einmal live erlebt) und deshalb kann ich alles nur gefühlsmäßig beurteilen. Ich weiß nur, dass ich bei der Premiere bis zur Pause keinerlei Gefühle (positiv oder negativ) entwickelte. Danach wurde es dann doch entschieden besser, denn spannender.

Herzliche Grüße
Ingrid
stiffelio (29.12.2013, 21:42):
Liebe/r Ingrid, Schweizer und Billy Budd,

ich empfinde es auch so, dass Preziosilla und Fra Melitone den Ablauf der Haupthandlung eher behindern. Das hätte man wirklich dramaturgisch besser hinkriegen können. Davon abgesehen finde ich die Story gar nicht soo schlimm, da würden mir einige Verdiopern mehr einfallen, die eine abstrusere Handlung haben.
Ich stimme ziemlich genau mit dem überein, was Kaufmann in der Pause über Alvaro sagte: ein ungewöhnlicher Held mit Anklängen an einen Antihelden, der eigentlich immer auf Deeskalation aus ist, aber regelmäßig alles nur noch schlimmer macht. Psychologisch ein sehr interessanter Charakter. Etwas unglaubwürdig konstruiert finde ich nur seine Vorgeschichte mit dieser Inka-Königin-Abstammung.

Die Sänger an der BSO, zumindest der Hauptrollen, fanden wir offenbar alle wunderbar, oder? Auf YT habe ich inzwischen zumindest einige Minuten aus dem 1. Akt gefunden und hoffe, dass da bald noch mehr kommt.

VG, stiffelio
Ingrid (29.12.2013, 22:10):
Original von Billy Budd
Also, ich mag die Forza eigentlich mehr als mehrere andere "bekanntere" und "beliebtere" Verdi-Opern ... aber wahrscheinlich liegt das daran, dass ich mehr auf die Musik als auf den Inhalt achte.
Billy :hello

Hallo Billy Budd,

wie schade, dass Du diese Übertragung dann nicht sehen konntest. Wäre wirklich an Deiner Meinung interessiert gewesen. Vielleicht hätte Dir JK als Alvaro sogar mal gefallen. Er wird von allen off. Kritikern, die ich bis jetzt las, sehr gelobt. Sogar von einem, der früher kein gutes Haar an ihm ließ. Wunder gibt es immer wieder.

Herzliche Grüße
Ingrid
Schweizer (30.12.2013, 11:38):
Liebe stiffelio,
"Davon abgesehen finde ich die Story gar nicht soo schlimm, da würden mir einige Verdiopern mehr einfallen, die eine abstrusere Handlung haben." …
welche, ich bin gespannt? Ich weiss unter den bekannten Werken Verdi's schon auch noch eine, die ich völlig absurd/unglaubwürdig finde, habe sie aber mit Absicht nicht erwähnt.
Zurück zur Forza, die den falschen Titel hat, "richtigerweise" DIE MACHT DES ZUFALLS heissen müsste. Denn zufällig löst sich ein Schuss, zufällig treffen sich Flüchtender und Verfolger im selben Kriegslager derselben Kriegspartei, zufällig werden sie Freunde, zufällig fällt ein verräterisches Bild in die Hände des Rächers, zufällig zieht sich Alvaro in dasselbe Kloster zurück in dem Leonora ausserhalb der Mauern in einer Klause haust und, last not least, spielt sich das letzte tödliche Zusammentreffen der Feinde zufällig just vor dieser Klause ab.
Ich bleibe dabei, unglaubwürdiger, konstruierter geht es nun wirklich nimmer!
Billy, auch ich mag die Forza trotzdem, aber wirklich nur auf Grund der über weite Strecken wunderbaren Musik. Für mich ein Werk zum zu Hause ab Konserve konzertant anhören/geniessen, szenisch bleiben für mich, klassisch oder modern aufbereitet, immer Vorbehalte/Ungereimtheiten bestehen, mein analytischer Verstand hat mit soviel Zufall schlicht Mühe.

"Ich stimme ziemlich genau mit dem überein, was Kaufmann in der Pause über Alvaro sagte: ein ungewöhnlicher Held mit Anklängen an einen Antihelden, der eigentlich immer auf Deeskalation aus ist, aber regelmäßig alles nur noch schlimmer macht." …
völlig d'accord, eine kluge Einschätzung von J Kaufmann.
Gruss vom Schweizer
Schweizer (30.12.2013, 13:51):
Liebe Ingrid,
Du hast das Geschehen der Ouvertüre und der ersten Szene trefflich geschildert, allerdings bin ich mit Deiner Aussage "Szenisch hast Du nicht viel verpasst" nicht einverstanden.
Wie Ihr wisst, bin ich wahrlich kein Freund von bebilderten Ouvertüren: was Kusej da aber hinbekommen hat, war eine an Familienaufstellungen erinnernde stumme Szene, spannend-interessant und in völliger Reduktion sehr genau gearbeitet … da hatte jede kleine Bewegung, jeder Blick eine Bedeutung. Es lastete eine von strenger Erziehung und religiösen Regeln diktierte bedrückte, steife Atmosphäre über der Szene.
Stiffelio, ich bedaure, dass Du das nicht gesehen hast, das wäre grossartiges Futter für Diskussionen/Deutungen zwischen einigen unter uns.
Ich erlaube mir Ingrid folgendermaßen zu ergänzen: Curra, gemäss hergebrachten Opernführern "Leonores Zofe" wurde zur am Tisch sitzenden Gesellschafterin befördert, war sexy hergerichtet, flirtete ganz offensichtlich mit dem Kellner, der den Wein einschenkte. Warum ich das erwähne: weil Preziosilla beim Aufgehen des Vorhangs zum Schenkebild mit Rücken zum Publikum genau in demselben violetten Deux-Pièces wie Curra gekleidet dastand und danach, wie schon in der Wiener Forza-Inszenierung als Western-Girl hier von der Regie zur eindimensionalen, ordinären Schlampe/Hure degradiert wurde. (Dabei ist eine Marketenderin per definitionem eine Frau, die militärische Truppen begleitete, verpflegte und auch medizinisch versorgte. Der Begriff kommt aus dem spätmittelalterlichen Militärwesen) Nun gut, wenn man die Handlung in die 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts verlegt, muss der Regisseur logischerweise der Preziosilla eine neue Identität geben, nur passen dann marktschreierische Verherrlichung des Kriegsleben und Herummacherei in den Ruinen der Twin-Towers in New York oder dem Gefängnis Abu Graibs nicht dazu, machen wenig Sinn … Problem also nicht gelöst.-
Auch der Weinkellner/Mundschenk der Ouvertüre kam im Schenkebild wieder vor, bin mir nicht mehr sicher ob er einfach der stumme Wirt der Schenke war oder vielleicht sogar Trabucco, original Maultiertreiber.- Auch die zwei Bodyguards vom Beginn trennten später die kämpfenden Alvaro/Carlos.

Kusej's Ansatz, gewisse Personen der späteren Handlung gleich schon zu Beginn einzuführen, sollte offensichtlich seine etwas herbeikonstruierte These/Interpretation belegen, dass die ganze Handlung auf Grund des tragischen Schlüsselereignisses des sich lösenden Schusses (Verlust des Vaters und Schuldgefühle ihm gegenüber weil sie mit dem dem strengen Papa nicht genehmen Liebhaber abhauen wollte) aus der traumatisierten Sicht Leonoras im Essraum des Elternhauses stattfindet.
Dazu gleich Kritikpunkte:
a) Verbreitete das Bühnenbild mit den wehenden Gardinen trefflich die Unruhe Leonoras vor dem Eintreffen ihres Liebhabers und war schön anzusehen, war in all den folgenden Bildern NUR noch der Bühnenahmen/die Öffnung des ursprünglichen Zimmers vorhanden … dazu, anstelle der Gardinen, diese unsäglich hässliche Faltwand, wenn hintenrum umgebaut werden musste. Visuell erinnerte mich zu wenig an das ursprüngliche Setting und somit blieb Kusej's These heisse Luft, ich kaufe sie ihm nicht ab.
b) Wenn wir uns schon während eines Werks im Zuge der Modernisierung /Aktualisierung an den verschiedensten Orten der Welt aufhalten, was durch die Optik eines traumatisierten Hirns/Menschens mir vorstellbar erscheint, sollte aber das Ganze durch eine Klammer zusammengehalten werden … sprich, das letzte Bild hätte zwingend mit dem ersten identisch sein müssen, das Drama der Leonora endet genau dort wo es begonnen hat.
c) Kusej's mir zusagender, hochinteressanter Ansatz versandete leider relativ bald, schade. Für mich war der Beginn der Aufführung neben den sehr gut gemachten Kampfszenen der zwei Männer in Akt3 und 1.Bild/Akt4 das wirklich Positive/Gelungene seiner Arbeit.
Alles andere war meiner Meinung nach medioker/unbedeutend.
d) Der Schluss des ersten Bildes war schlecht gelöst: wenn uns ein Mafia- oder Sektenmilieu mit bewaffneten Gorillas gezeigt wird, wäre dieser Alvaro von diesen, wenn er denn nicht fliehen kann, ohne mit der Wimper zu zucken gleich kaltblütig abgeknallt worden.

Gruss vom Schweizer
Schweizer (30.12.2013, 18:30):
Weitere Bemerkungen zur Forza:
Wenn ein Regisseur eine neue Sichtweise, eine Modernisierung anstrebt, sollte ich als Zuschauer nachvollziehen können was mir präsentiert wird, was er damit aussagen will.
Zwei Szenen haben mich völlig ratlos gelassen, das sogenannte "Schenkebild" im 2.Akt und das Akt3 beschliessende Volksbild mit Kapuzinerpredigt und Rataplan. Ich bitte Ingrid und stiffelio (und selbstverständlich wer sonst die Aufführung kennt) zu berichten, was sie gesehen/empfunden haben, was sie sich dabei gedacht haben.
Meine Unfähigkeit mir auf diese Bilder einen Reim zu machen, führt dazu, dass die ganze Regiearbeit für mich keinen zusammenhängenden Bogen vermittelt, für mich zerbröselt, ich sie folglich als medioker-uninteressant, letztlich als Flop einstufe. Bitte belehrt mich eines Besseren!

Äussern möchte ich mich hingegen zum Kusej mehrfach in Kritiken gemachten Vorwurf, er habe mit der katholischen Kirche abrechnen wollen: bin ich als Evangelischer zu doof und habe da was übersehen, mir ist in dieser Hinsicht nichts Kritisches oder gar Blasphemisches aufgefallen?
Natürlich war die althergebrachte Klosterszene mit Padre Guardiano und Mönchschor hier eher als Eintrittsritus in eine Sekte (inklusive Taufe) angelegt, der Leiter/Vorsitzende eher ein gütiger väterlicher Freund als ein Priester. Dass Leonora sich freudig zu ihm als Vaterersatz hingezogen fühlt, passte für mich zum von der Regie erwähnten Trauma-Konzept, machte durchaus Sinn, eine Interpretation, die ich annehmen konnte.
Und insofern ist für mich zumindest stiffelio's Frage "Machte die Doppelrolle von Kowaljow inszenatorisch Sinn?" positiv zu beantworten.

Im Gegensatz zu den oben erwähnten zwei Szenen, kam dieses Bild bei mir an.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (30.12.2013, 23:14):
Lieber Schweizer,

zunächst einmal vielen Dank für deine ausführlichen und wohlüberlegten Anmerkungen,die sehr anregende und wertvolle Informationen für mich enthielten.
Ich gehe mal der Reihe nach vor:
Original von Schweizer
Liebe stiffelio,
"Davon abgesehen finde ich die Story gar nicht soo schlimm, da würden mir einige Verdiopern mehr einfallen, die eine abstrusere Handlung haben." …
welche, ich bin gespannt? Ich weiss unter den bekannten Werken Verdi's schon auch noch eine, die ich völlig absurd/unglaubwürdig finde, habe sie aber mit Absicht nicht erwähnt.
wie aus anderen Beiträgen von mir schon herauszulesen, fallen mir da als erstes IL TROVATORE und I LOMBARDI ein. In eine ähnliche Richtung geht auch ALZIRA, die allerdings weniger bekannt ist. Ehrlich gesagt stört mich auch weniger eine Anhäufung von Zufällen (das ist sowieso rein quantitativ, da m.E. praktisch jede Oper mit einigen unwahrscheinlichen Zufällen arbeiten muss) als vielmehr unglaubwürdiges bzw. dem Grundcharakter zuwider laufendes Verhalten der handelnden Personen. Und diesbezüglich kann man der FORZA nicht allzuviel vorwerfen.

Zurück zur Forza, die den falschen Titel hat, "richtigerweise" DIE MACHT DES ZUFALLS heissen müsste. Denn zufällig löst sich ein Schuss, zufällig treffen sich Flüchtender und Verfolger im selben Kriegslager derselben Kriegspartei, zufällig werden sie Freunde, zufällig fällt ein verräterisches Bild in die Hände des Rächers, zufällig zieht sich Alvaro in dasselbe Kloster zurück in dem Leonora ausserhalb der Mauern in einer Klause haust und, last not least, spielt sich das letzte tödliche Zusammentreffen der Feinde zufällig just vor dieser Klause ab.

Ohne dass ich eine Anhäufig unwahrscheinlicher Zufälle bei der FORZA leugnen möchte, ganz so zufällig ist einiges davon für mich nicht. Bei dem Charakter von Don Carlos ist es nicht so überraschend, dass er sich bei seiner Ankunft im Heereslager demjenigen anschließt, der nach seiner Aussage "der Stolz der Truppe" ist. Lediglich die Schnelligkeit und damit der Anlass, mit dem dies in der Oper aus dramaturgischen Gründen geschehen muss, ist konstruiert. Dass Don Carlos das verräterische Bild findet, sehe ich ebenfalls nicht als Zufall: sein Mißtrauen wird durch das verständliche Erschrecken von Don Alvaro bei Erwähnung des Namens Calatrava geweckt. Dass Don Alvaro sich just in Leonores Kloster zurückzieht, ist dramaturgisch sinnvoll (damit keine neuen Personen als Mitmönche eingeführt werden müssen), aber für die Handlung nicht zwingend, Don Carlos hätte ihn auch in jedem anderen Kloster aufspüren können. Lediglich dass der Kampf vor Leonores Klause stattfindet, ist wieder ein unglaubwürdiger Zufall.

Ich hoffe sehr, dass ich möglichst bald entweder per DVD oder per YTnochmal Einblick in die Anfangsszene erhalten kann, denn ohne das werde ich bei deinen interessanten Ausführungen zum ersten Bild wohl nicht mitreden können. Bis jetzt habe ich auf YT vom 1. Akt lediglich das Duett von Harteros und Kaufmann gefunden, das aber keine Einblicke bezüglich der anderen Personen gewährt.
Wie schon angedeutet, habe ich mit den Szenen von Preziosilla, geringer auch von Fra Melitone sowieso meine Probleme, sie in die Handlung eingebettet zu sehen. Da wundert es mich wenig, wenn eine Regie das nicht überzeugend schafft.
Zum Weinkellner der Ouvertüre: meinst du den Sänger, der in diesem Trailer bei Sekunde 6 zu sehen ist (Christian Rieger)? Der hat in der Schenkeszene den Alkalden gesungen, obwohl er auch da eher als Kellner gekleidet war.

Kusej hat als optische Klammer für seine Interpretation (die mir logisch gesehen auch ziemlich herbeikonstruiert erscheint, lediglich emotional gesehen einige starke Momente hatte) offensichtlich der Esstisch gereicht, der meiner Erinnerung nach in allen Szenen vorhanden blieb und der auch der zentrale Blickfang der Schlussszene war.

Zwei Szenen haben mich völlig ratlos gelassen, das sogenannte "Schenkebild" im 2.Akt und das Akt3 beschliessende Volksbild mit Kapuzinerpredigt und Rataplan. Ich bitte Ingrid und stiffelio (und selbstverständlich wer sonst die Aufführung kennt) zu berichten, was sie gesehen/empfunden haben, was sie sich dabei gedacht haben.
In das Schenkebild bin ich erst mitten hineingestolpert und musste mich erst zurechtfinden, dazu kann ich leider nichts sagen. Zum Finalbild des 3. Aktes irrte Kaufmann ja durch die wie Gefallene aufgereihten Chormitglieder: das war für mich eine Art Antikriegsbild, allerdings ziemlich unverbunden mit dem Grundkonflikt Alvaro-Carlos-Leonore. Und damit sind wir wieder bei der Schwierigkeit, diese Handlungsstränge sinnvoll zu verbinden. Ich gestehe, dass ich das von einem Regisseur gar nicht erwarte; eine FORZA ist für mich dann gelungen, wenn sie die Emotionen von Alvaro, Carlos und Leonore glaubwürdig darstellen kann. Wenn dann noch wie in dieser Inszenierung ein glaubwürdiger und durch die Doppelrolle interessanter Pater Guardian hinzukommt, umso besser.

Etwas grundsätzlich Katholizismus-Kritisches habe ich in dieser Inszenierung auch nicht empfunden.

Für heute muss ich erstmal Schluß machen, vielleicht kommen mir in den nächsten Tagen noch erhellende Einfälle.
VG, stiffelio
Schweizer (01.01.2014, 12:22):
Guten morgen am Neujahrstag, ich wünsche allen Forumsteilnehmern spannende Momente, Minuten, Stunden im 2014!
Liebe stiffelio, danke für den Kommentar und Deine eigenen Meinungen zu meinen Ausführungen: ich versuche kurz darauf Bezug zu nehmen.
Verdi-Werke mit "ABSTRUSER HANDLUNG": I Lombardi und Alzira habe ich je nur einmal auf der Bühne erlebt, meine Erinnerungen daran sind verwischt und somit kann ich mir kein Urteil erlauben; zudem gehören beide für mich nicht zum Standardrepertoire der bekannten Verdi-Opern. Dem Trovatore hängt das Attribut der Verworrenheit als Cliché seit jeher an, zu Unrecht meine ich: denn wenn man die Kindesverwechslung mal kapiert hat, ist der ganze Rest logisch.
"ZUFÄLLE": Deine Sicht der Dinge enthält rationale Argumente, denen ich zustimmen, sie nachvollziehen kann, was allerdings für mich die Handlung in toto nicht glaubwürdiger macht.
PREZIOSILLA: ich möchte präzisieren, dass Frau Krasteva nur im ersten Moment in Rückenansicht (des Schenke-Bilds) gleich wie Curra gekleidet war: wenn der Regisseur also einen Bezug herstellen wollte, frage ich mich warum er Krasteva nicht gleich von Beginn an auch Curra spielen/singen liess?
DIENER/ALKALDE: ich entschuldige mich, da habe ich geirrt, es war genauso wie Du beschreibst/korrigierst, danke.
INTERPRETATIONS-KLAMMER: auch da hast Du recht, der Tisch war allgegenwärtig; trotzdem hätte ich mir gewünscht, das bei einem Werk, das eh schon nicht so toll zusammenhält und um des Regisseurs Intention zu untermauern, das letzte Bild mit dem ersten kongruent gewesen wäre, es hätte zum Verständnis der Regie-Absicht geholfen.
SCHENKE-BILD: gegessen stiffelio, dass Du Dich dazu auf Grund Deiner Verspätung nicht äussern kannst. Hier meine Einwände/Ideen zu dieser Szene. Basierend auf Vorabinterviews/Trailers/Kritiken habe ich erfahren, dass wir uns da in New York beim 9/11-Anschlag befinden sollen. Ohne Anleitung/Information wäre das für mich nicht erkennbar gewesen; das ewige Herumgerenne des Chors von rechts nach links war offensichtlich Ausdruck der Panik nach einem Anschlag. Wenn das denn Kusej's Absicht war, warum ist Preziosilla dann eine Nutte und nicht eine Terroristin, die sich mit ihrer Kriegsverherrlichung (Evviva la guerra) zum Anschlag bekennt? Und hat in solch einer Ausnahmesituation irgendwer Zeit und Musse sich Carlos' zweistrophige Studenten-Lügengeschichte (Son Pereda) anhören zu wollen? Dieses Bild liess mich ratlos zurück, es passte nichts zusammen, für mich unlogisch-disparat!

Zum Kriegsbild: Liebhaber/Verfechter moderner Sichtweisen werfen den Traditionalisten immer wieder vor sie seien nicht offen für Neues. Nun, dieses Argument sticht natürlich schon bis zu einem gewissen Grad, aber mittlerweile lässt sich das Argument genau so trefflich gegen das "Regietheater" verwenden, denn - um nur einige Beispiele zu nennen - die Sonnenbrillen, Aktenkoffer, Kampfanzüge, Kriegsversehrten, Krankenhausbetten, barfüssige Hauptdarstellerinnen im Unterrock, oder im jetzigen Fall der Chor in Unterwäsche und/oder in various state of undress werden bei passender und unpassender Gelegenheit auch stets wiederholt. Entschuldigung, das hab ich schon bis zum Erbrechen oft gesehen!
Dass Preziosilla in Leonora's traumatischem Alb unterschiedliche Erscheinungsformen an unterschiedlichen Örtlichkeiten annimmt, wäre für mich verständlich und nachvollziehbar, dass sie Im Gefängnis Abu Graib also Hure ist, einverstanden. Aber dass da keine Sträflinge, keine Kriegsversehrten zu sehen waren, sondern nur eine Orgie und Brutalitäten stattfanden, ist mir dann wieder zu eindimensional um mich zu überzeugen.
Noch ein weiterer Kritikpunkt an die Adresse der Regie unter Bezugnahme auf Ingrid "Die Artisten zogen mich auch stark in ihren Bann. Mußten die Muckis haben! Da vergaß ich teilweise sogar, dass Jonas wieder auf der Bühne war."
Was sollten "diese Übungen" an der Rückwand bedeuten, was sollte mir das sagen, kann mir das bitte jemand erklären??? Mein Spontangedanke und Ärger war, dass da ein Regisseur der Musik wieder mal misstraut, nebenher Aktionismus, einen ablenkenden Blickfang über eine herrliche Arie stülpen zu müssen vermeint. Wenn man einen Singschauspieler wie Kaufmann hat, ist das unverständlich.
Zu guter Letzt möchte ich doch dankbar und lobend anmerken, dass die drei Hauptdarsteller hervorragend bis gut waren, auch die grossen Nebenpartien mit Ausnahme der Preziosilla auf hohem Niveau besetzt waren.
Gruss vom Schweizer
Schweizer (01.01.2014, 15:05):
stiffelio, ich habe mir soeben Ouvertüre und das erste Bild nochmals angesehen: ich bin mir nicht sicher, aber es könnte sein, dass Fra Melitone als Hausgeistlicher auf der rechten Stirnseite des Tisches auch bereits präsent/eingeführt wird?
stiffelio (01.01.2014, 15:22):
Lieber Schweizer,

ja, du hast recht. Ich sehe mich auch gerade durch den 1. Akt, der mittlerweile im Netz zu finden ist, und bin sehr sicher, dass der Hausgeistliche Fra Melitone ist. Der Bodyguard links im Bild ist der spätere Trabuco, der Kellner (wie oben erwähnt) ist der spätere Alkalde und Curra wird optisch zu Preziosilla. Warum Kusej dafür nicht die gleiche Sängerin genommen hat, ist mir auch nicht klar. Ich würde aber vermuten, dass er es vielleicht sogar gewollt hat, dass dem jedoch irgendwelche administrative Gründe entgegenstanden (irgendwelche Verträge o.ä.).

Ich gebe dir auch recht, dass diese Einführungsszene sich absolut lohnt und zu den stärkten Momenten der Regie gehört, ich bin davon begeistert!

Mehr sicherlich noch heute, wenn ich tiefer eingestiegen bin.

VG, stiffelio
stiffelio (01.01.2014, 17:06):
Lieber Schweizer,

ich verstehe sicherlich noch nicht alles an dieser Inszenierung (habe an Erläuterungen dazu auch nur das gelesen, was du hier geschrieben hast), aber die psychologische Konstruktion, die Kusej da während der Ouvertüre beginnt, fasziniert mich. Es wird auch klarer als in anderen Inszenierungen herausgearbeitet, dass Leonoras Vater von Anfang an über den Entführungsplan Bescheid weiß. Ist das deiner Ansicht nach schon so im Libretto angelegt? Ich habe es eben nochmal gelesen und bin mir immer noch nicht schlüssig, ob der Librettist diesbezüglich eine klare Absicht gehabt hat oder ob das einfach mehrdeutig ist.
Hast du eine Idee, warum Bodyguard und Kellner des 1. Aktes, wo sie ja als Bediensteten des Marchese eher gegen Leonora (auf jeden gegen ihre Beziehung zu Alvaro) auftreten, im 2. Akt eher zu Helfern mutieren? Wenn das alles eine Wahnvorstellung der traumatisierten Leonora ist, hätte ich erwartet, dass sie auch im 2. Akt als Feinde auftreten. Gut, man könnte natürlich spekulieren, dass Leonora ab dem 2. Akt nur ihren Bruder als Feind wahrnimmt. Ihr Vater hat ihr in Gestalt von Pater Guardian Vergebung in Aussicht gestellt und damit sind auch seine Bediensteten zu Helfern geworden. Oder noch ganz anders: die Helferin Curra, die wie du gut beobachtet hast schon während der Ouvertüre mit dem Kellner flirtet, hat im 2. Akt Kellner und Bodyguard auf ihre Seite gezogen. (Dafür sollte sie dann aber auch in der Schenkeszene heftiger mit diesen beiden firten, als sie es miner Beobachtung nach tut...)
Auf jeden Fall scheint das Inszenierungskonzept eine Menge interessanter Beziehungsfragen aufzuwerfen und das gefällt mir natürlich, ohne dass ich es bisher befriedigend lösen kann.

Zum Schenkebild: das hatte ich heute mittag bereits nochmal gesehen, ohne deine Erklärung (New York, 9.12.) zu kennen und gebe dir insofern recht: dieser Bezug war für mich nicht zu erkennen. Ich bin im Erkennen solcher aktualisierten Bezüge freilich auch nicht besonders gut. Dennoch war für mich diese Szene durch die personellen Bezüge zum 1. Akt wesentlich interessanter als z.B. die Forza-Inszenierung mit Price, Giacomini und Nucci unter Levine aus der MET, die ich am besten kenne, weil sie meine erste FORZA war (hast du eine bevorzugte FORZA-DVD?).

Zum Kriegsbild: auch darin gebe ich dir recht, dass viele der verwendeten Motive in modernen Inszenierungen inflationär auftreten. Es war auch ein Punkt, der mir weniger gefallen hat, aber er war wenigstens nicht ganz so aufdringlich, dass ich nicht weitgehend darüber hinwegsehen könnte. Zumal ich vermute, dass dahinter doch noch ein bisschen mehr Bedeutung steckt, als ich auf den ersten Blick erkennen konnte.
Ähnliches gilt für die artistischen Szenen während Kaufmanns Arie: ich hätte gut darauf verzichten können, vermute aber dennoch Bedeutung dahinter. Unter diesen Figuren war ja auch eine Artistin, die sich aus der weißen Truhe erhob und senkrecht die Wand hochschritt: das sollte eindeutig die "Himmelfahrt" Leonores symbolisieren ( "O tu che seno agli angeli..."). Ich vermute deshalb, dass auch die anderen Figuren (es war ja auch ein Paar darunter) Sinnbilder waren, die mit Alvaros Innenleben zusammenhingen und seine "auf den Kopf gestellte Welt" darstellten.

Noch eine Idee, warum ausgerechnet der 11.9., Abu Graib usw. bildlich thematisiert wurden: Kusej begreift diesen Konflikt offenbar als ein aktuelles Paradebeispiel für die zerstörerische und unversöhnliche Macht der Rache, die in dieser Oper ab dem zweiten Akt zur treibenden Kraft für alles wird.

Soweit meine aktuellen Gedanken, ich melde mich bei Gelenheit wieder (bin mit dieser Inszenierung noch lange nicht fertig :wink).

VG, stiffelio
stiffelio (01.01.2014, 22:26):
P.S.: hast du eine Idee, warum Alvaro sich nach Leonoras Bitte um Aufschub erstmal gemütlich zu einem Gedeck und einem Glas Wein an den Tisch setzt, bevor er ihr Vorwürfe macht? Das hat bestimmt einen Sinn, aber ich komme nicht darauf.
Fra Melitone als einschüchternder Hausgeistlicher, dem Leonora sich offensichtlich nicht anvertraut hat, passt für mich sehr schön in das Regiekonzept und liefert eine Erklärung, warum Leonoras Erinnerung ihn im weiteren Verlauf mit eher unsympathischen Zügen ausstattet.
Im Gegensatz zu dir fand ich das Schlussbild des 1. Aktes gut gelöst und sehr verständlich, warum die Bodyguards nicht drauflosballern: zuerst will Leonoras Vater es offensichtlich nicht (er will Alvaro am Galgen sehen) und als er tot ist, haben die Bodyguards erst recht keinen Grund mehr zu schießen - Alvaro ist nicht ihr persönlicher Feind und wer sollte sie dafür belohnen? Don Carlos wäre zwar eine Möglichkeit, aber er ist in diesem Moment als wesentlich jüngerer Bruder von Leonora ja erst dabei, sich als neues Operhaupt der Familie zu etablieren. Im Augenblick des Todes von Leonoras Vater sind viel eher Leonora selbst und evtl. auch Curra Machtinhaber, mit denen man rechnen muss (zumindest könnte es für einen Augenblick der Loyalitätsverwirrung reichen) und beide wären klar gegen Alvaros Tod. Das könnte eine weitere Erklärung sein, warum sich Alkalde und Trabuco im 2. Akt eher auf Seiten von Leonora und Curra/Preziosilla positionieren (bzw. Trabuco nach eigener Aussage auf Seiten dessen, von dem er bezahlt wird: "De' viaggiator non bado che al danaro.")

VG, stiffelio
Schweizer (02.01.2014, 14:37):
Liebe stiffelio, Du hast mir mit Deinen Kommentaren erneut mächtig Futter zum nachdenken geliefert, danke, das macht Spass!
Du bist nicht allein mit dem Nicht-Verstehen, mir geht es genauso, soll ich :I oder soll ich :W? Keins von beiden, es gibt zwar wie immer Aktionen/Stellen, bei denen ich verdammt gern dahinter käme wie es vom Regisseur gemeint ist, aber es gibt auch wieder Dinge, die mir egal sind oder "sowohl als auch-Momente", offene, ambivalente Möglichkeiten, die ich als das akzeptieren kann.
Aktueller Stand: bin bis zur Pause gelangt. Habe festgestellt, das sich bei meinen ersten Kommentaren zum Schenke-Bild Eindrücke von späteren Szenen hineingeschmuggelt haben, ich nicht mehr alles RICHTIG dem entsprechenden Bild zugeordnet habe. Beim erneuten Betrachten dieser Szene habe ich nun vermehrt auf das Bühnenbild insgesamt, das Verhalten des Chors/Volks geachtet: und so denke ich neu, dass wir uns da eher in einer Art Auffanglager für Opfer (ich meine damit nicht Tote) des Anschlags 9/11 befinden. Im Hintergrund "raucht es noch", wir befinden uns also in der Nähe des Attentats, die Leute irren relativ ruhig, wie unter Schock, umher, scheinen am Boden nach Essen/Trinken, nach verwendbaren Abfällen zu suchen (?) …
Das Verhalten Preziosillas und was der Regisseur mit ihr wollte, ist mir aber völlig schleierhaft. Denn Frau Krasteva - ich irrte, die nicht schon als Hure, sondern im veritablen Curra-Kostüm die ganze Szene bestreitet -kommt ja nicht über zwei-drei nichtssagende Gesten hinaus, immer wieder hoch die Arme wie wenn sie einen Triumph (aber was für einen?) feiern würde; zu Leonora besteht nicht mehr der minimste Bezug, zum Alkalde/Diener auch nur am Rande (der Flirt in der Ouvertüre versandet also im nichts) … Aufmerksamkeit schenkt sie nur gerade Carlos, sonst scheint sie vornehmlich mit sich selbst beschäftigt zu sein.
Dieses Bild stufe ich weiterhin als missglückt ein. Ich wiederhole mich, Preziosilla als sich zum Attentat Bekennende wäre mutiger/interessanter gewesen, hätte ihr zu einer einigermassen vernünftigen Identität verholfen.
Stiffelio, ich habe Deine Spekulationsvarianten *wer sich im zweiten Akt mit wem verbündet hat* gelesen: ich habe keine schlüssige Antwort anzubieten und weil ich die ganze Szene und vorab die Interpretation Preziosilla/Krasteva dermassen ärgerlich/schlecht finde, habe ich keine Lust mir diese Bild ein weiteres Mal anzutun.
Weiter geht's mit der Szene Guardiano-Leonora: nach der von Harteros herrlich gesungenen Arie "Madre, pietosa vergine" (ich stimme ihrer Aussage im Trailer zu, dass Leonore eigentlich immer betet/bittet und das dies ausdrucksmässig auf die Länge zur schwierigen Herausforderung für sie als Darstellerin wird) wandern meine Gedanken in Erinnerung zurück an eine Veroneser Sommernacht Mitte der Siebzigerjahre als Leonora Ljiljana Molnar-Talajic bei langsam häufigeren Blitzen und fernem Donnerrollen ihre Arie beseelt singt und nach dem grandiosen Duett mit Padre Guardiano und dem Männerchor aus dem Off das Gewitter losbricht, die Aufführung für mehr als eine Stunde unterbrochen werden musste, schliesslich kurz nach drei in der Früh endete. Die Natur hat damals das Geschehen geradezu mystisch untermalt/überhöht: unvergessen!!!
Und nun dieselbe Musik vor dieser hässlichen Faltwand: verzeih(t), aber da kam bei mir, was die Szene anlangt, einfach nur Wehmut auf und ich war auch beim zweiten Mal unfähig mich dem Gebotenen objektiv auszuliefern. Ich bin überzeugt, dass Ihr mich korrekt interpretiert, dass das nichts mit Harteros/Kowaljew zu tun hat. Allerdings interessiert mich immerhin warum Leonore mehrfach schwankt, vom PadreG aufgefangen werden muss … Deine Interpretation, stiffelio?
Zum nachfolgenden Bild mit Chor und Bad habe ich meinen früheren Ausführungen nichts beizufügen.
Nun zu Deinen weiteren Fragen:
ENTFÜHRUNGSPLAN: stiffelio, wie oder an was leitest Du ab, dass der Vater über den Fluchtplan Bescheid weiss? Ich habe ihn als religiösen, strengen, in nicht saubere Geschäfte involvierten Patriarch empfunden (deshalb Bodyguards), der aus diesem Grund jederzeit allem und allen misstraut.
Das ist bestimmt nicht so im Libretto angelegt.
FORZA-DVD: ich habe fast keine DVD's, also auch keine der Forza, ich will nicht 10mal dasselbe sehen/hören. Und wenn dann so eine Aufführung wie aktuell die Münchner durchbesprochen/analysiert ist, nehme ich mir eine Forza-Pause und irgendwann ergibt sich die nächste Forza-Begegnung.
DEINE INTERPRETATION: "Kusej begreift diesen Konflikt offenbar als ein aktuelles Paradebeispiel für die zerstörerische und unversöhnliche Macht der Rache, die in dieser Oper ab dem zweiten Akt zur treibenden Kraft für alles wird" … von Dir grossartig interpretiert/formuliert, chapeau :down !
IDEE WARUM ALVARO…: ich hatte bisher das Gefühl, dass er sich mit einem Schluck Wein etwas ablenken, ruhig bleiben, sich Geduld abfordern wollte. Ich werde mir Ouvertüre und Akt1 noch ein drittes Mal ansehen, muss genauer darauf achten.
Meiner Meinung nach ist Ouvertüre und Akt1 das Beste an Kusej's Arbeit, für gleich hohes Niveau reichte für alle weiteren Szenen die Zeit nicht.
SCHLUSS AKT1: danke für Deine Version, ich hätte mit Kaufmann aber einen spektakulären Stunt à la Don Giovanni Finale Akt1 mit Flucht vorgezogen.
Mehr dann sobald ich Akt3 und 4 nochmals angesehen habe … Gruss vom Schweizer
stiffelio (02.01.2014, 16:57):
Lieber Schweizer,
Original von Schweizer danke, das macht Spass!
danke, gleichfalls! :J

Preziosilla und den zweiten Akt muss (und will :wink) ich mir nochmal ansehen, vielleicht hab ich dann noch Ideen.

Weiter geht's mit der Szene Guardiano-Leonora: ...Die Natur hat damals das Geschehen geradezu mystisch untermalt/überhöht: unvergessen!!! Ich kann gut verstehen, dass gegen ein solches Erlebnis alles Andere nur abfallen kann. Das ist eben die Kehrseite von solchen Jahrhunderterlebnissen, obwohl ich deswegen natürlich auch nicht darauf würde verzichten wollen.

ENTFÜHRUNGSPLAN: stiffelio, wie oder an was leitest Du ab, dass der Vater über den Fluchtplan Bescheid weiss? Das sind mehrere Punkte. Im Libretto scheint bereits die Option angelegt, dass die offene Terrassentür einen Verdacht bei ihm weckt. In dieser Inszenierung geht das aber m.E. schon während der Pantomime weit über einen Verdacht hinaus. Bereits der Blick, den der Vater Leonora zuwirft, als sie sich noch während des Gebetes der offenen Terrassentür zuwendet, spricht Bände. Dann die Szene, in der der Bodyguard offensichtlich eine Nachricht von einem Späher über seinen Kopfhörer erhält (wahrscheinlich eine Botschaft, dass Alvaro sich dem Hause nähert), zu Leonoras Vater eilt, mit ihm flüstert und beide immer wieder Leonora Blicke zuwerfen. Da wird wesentlich mehr als ein allgemeines Mißtrauen erkennbar. Dann die Szene, in der der Vater Leonora völlig hektisch auf dem Balkon sucht - klar zu erkennen, dass er fürchtet, sie könne ihm trotz aller Vorsicht irgendwie entwischt sein. Und schließlich die Szene, als er mit den Bediensteten wieder ins Zimmer kommt - null Überraschung, er weiß genau, wen er da findet und wieso.

IDEE WARUM ALVARO…: ich hatte bisher das Gefühl, dass er sich mit einem Schluck Wein etwas ablenken, ruhig bleiben, sich Geduld abfordern wollte. Hm, da muss m.E. doch noch mehr dahinter sein... Denn das Gedeck, an das er sich setzt, liegt schon von Anfang an, quasi überzählig auf dem Tisch (nur das Weinglas holt er sich von Leonoras Gedeck). Dabei muss sich Kusej irgendetwas gedacht haben. ?(

Zu den restlichen Punkten bei nächster Gelegenheit, dafür muss ich mir einige Szenen nochmal anschauen.

VG, stiffelio,

P.S.:ich will nicht 10mal dasselbe sehen/hören. Dann behalte ich mal lieber für mich, wie oft ich mir bevorzugte DVDs hintereinander anschaue... :A
stiffelio (02.01.2014, 18:09):
So, aktuelle Gedanken nach Akt 2, erste Szene:
Wofür steht Preziosilla?
Bereits Preziosillas Vorgängerin Curra hat sich im 1.Akt während Leonoras Gewissenskonflikten sehr eindeutig positioniert: sie steht für die schlichte Gleichung: wer liebt, dem gilt alles andere nichts mehr. Ein Schwarz-Weiß-Denken also, dass sich bei Preziosilla fortsetzt. Denn ich deute ihren Aufruf zum Krieg als eine ähnliche Gleichung: wer geschlagen wird, der soll zurückschlagen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dass sie der privaten Rache Carlos eher entgegensteht, sehe ich als ihren Trend zur Vereinfachung: private kleine Rachespielchen werden bedeutungslos, wenn es die große Rache zwischen zwei Völkern gilt. Carlos soll nicht seine Energie auf seine private Rache verschwenden, sondern sich dem großen Krieg anschließen. Deshalb spielt auch Leonora für Preziosilla keine Rolle mehr, es gibt Wichtigeres.

Insofern eine Deutung, die nicht weit von deinem Wunsch, Schweizer, entfernt ist, Preziosilla möge als bekennde Attentäterin Profil gewinnen. Nur dass Kusej sie offensichtlich nicht auf der muslimischen Seite, sondern auf der amerikanischen sieht.
Kusej hat somit die Geschichte Leonora-Alvaro-Carlos doch noch stärker mit der Kriegsgeschichte verzahnt, als ich beim ersten Ansehen gedacht hätte: die "kleine" Rachegeschichte wird eingebettet in eine große "Völker-Rachegeschichte". Ich wäre allerdings wohl nie selber darauf gekommen, wenn du mir nicht mit dem 9.11. einen entscheidenden Hinweis geliefert hättest. Und völlig organisch geht das auch noch nicht auf, ich empfinde immer noch Einiges herbeikonstruiert und schwer verständlich.
Aber vielleicht wird das auch noch besser.

VG, stiffelio
Schweizer (02.01.2014, 18:46):
stiffelio, Deine Sicht betreffend FLUCHTPLAN hat mich voll überzeugt, der Vater weiss auf Grund seiner Wachmannschaft klar was ansteht; und damit wird auch das üblicherweise etwas fragwürdige Zögern Leonora's recht plausibel, da sie um den goldenen Käfig weiss, in dem sie eingesperrt ist. Sie hat Zweifel ob heute der richtige Tag zum abhauen ist (vielleicht wäre morgen günstiger?) und vergisst dass ihr Zögern die Chance dazu verkleinert.
Dieses unbenützte Gedeck auf dem Tisch ist echt rätselhaft?!?

Hochinteressant was Du in Deinem jüngsten Beitrag zu Preziosilla, ihrem Schwarz-Weiss-Denken, ihrer Nationalität/Parteiseite vorschlägst … bedenkenswert!
Gruss vom Schweizer
stiffelio (02.01.2014, 19:04):
Original von Schweizer
damit wird auch das üblicherweise etwas fragwürdige Zögern Leonora's recht plausibel, da sie um den goldenen Käfig weiss, in dem sie eingesperrt ist. Sie hat Zweifel ob heute der richtige Tag zum abhauen ist (vielleicht wäre morgen günstiger?) und vergisst dass ihr Zögern die Chance dazu verkleinert.
Hier verkleinert übrigens Kusej den allgegenwärtigen Zufall in der FORZA. Wenn Leonora allein durch ihr Zögern den Erfolg der Flucht vereitelt, ist dies ein weiterer Zufall (oder Schicksal, je nach Definition). Dagegen steht in dieser Inszenierung das Scheitern der Flucht von vorneherein fest, hat nichts mit Zufall zu tun. Ob mit oder ohne Zögern Leonoras, die Flucht wäre auf jeden Fall mißglückt.

VG, stiffelio
Schweizer (02.01.2014, 19:16):
Zusätzliche Beobachtungen zu Ouvertüre/Akt1
- Leonora starrt mehrfach intensiv auf das auf dem Tisch stehende Kreuz: bin mir nicht sicher ob sie tiefgläubig oder unterdrückt darauf blickt (oder ob beides gemeint ist?).
Melitone ist genau wie Curra dem Rotwein sehr zugetan.
Vater schliesst die Fenster um die Flucht zu verhindern bevor er sich am Ende des Dialogs mit der Tochter zurückzieht, Curra öffnet sie kurz darauf wieder.
Alvaro geht zum Tisch kurz nachdem er schon mit ihr fliehen wollte … er sucht sich zu beherrschen wie ich das bereits vermutet habe. Allerdings greift er nach dem Rotweinglas nochmals über den Tisch, aber im übertragenen Bild ist nicht zu sehen was er da macht?
Das zusätzliche Gedeck bleibt für mich ein Rätsel?
Gruss vom Schweizer (ich komme heute nicht mehr weiter, sorry)
stiffelio (02.01.2014, 19:16):
aktuelle Gedanken zu Akt 2, zweites Bild
Leonora bei Pater Guardian
Leonoras Wunsch, als Einsiedlerin in der Klause zu wohnen, steht zunächst die eindringliche Warnung des Paters entgegen, ihre Kräfte nicht zu überschätzen, gerade auch angesichts ihrer Jugend. Wenn man sich den Text vom letzten Akt ansieht, ist seine Warnung nicht unberechtigt: Leonora schafft es in all den Jahren in der Klause zwar, ihre äußerliche Buße durchzuhalten, jedoch nicht, Alvaro aus ihren Gedanken zu verbannen, was dem innerlichen Teil der Weltabkehr entsprechen würde ("Invan la pace qui sperò quest'alma").
Ich deute ihr körperliches Schwanken in der Szene vor dem Kloster daher als eine frühe Andeutung des Sachverhaltes, dass Leonora zwar fest zur Weltabkehr entschlossen ist, dies aber in letzter Konsequenz doch die Kräfte ihres Willens übersteigen wird. Dies unterlegt auch die Anordnung Pater Guardians, Leonora noch mit einem letzten Sakrament Kaft zu spenden, bevor sie allein den Weg zur Einsiedelei beschreitet, mit einer weiteren Prise Sinn: sie hat diese zusätzliche Kraft bitter nötig.

Vermutlich ist das auch mit der Katholizismus-Kritik Kusejs gemeint: die Erlösung Leonoras wird im Finale zwar von der Musik dargestellt (wobei dies auch erst in der hier gespielten Zweitfassung in den Vordergrund rückt, in der Urfassung ist der Fluchgedanke mit dem finalen Selbstmord Alvaros wesentlich dominanter), bleibt bildlich aber fraglich. Das ist freilich ambivalent genug dargestellt, dass ich sehr gut damit leben kann, besser jedenfalls als mit überzogenen Erlösungs-Darstellungen mit Wölkchen und Engelein. :ignore

VG, stiffelio
stiffelio (02.01.2014, 20:04):
Original von Schweizer
Zusätzliche Beobachtungen zu Ouvertüre/Akt1
- Leonora starrt mehrfach intensiv auf das auf dem Tisch stehende Kreuz: bin mir nicht sicher ob sie tiefgläubig oder unterdrückt darauf blickt (oder ob beides gemeint ist?). Ich würde sagen: verzweifelt. Was beides umschließt, tiefgläubig und unterdrückt. Sie weiß gut, wie gering ihre Fluchtchancen sind und setzt ihre einzige Hoffnung auf Gott.
Melitone ist genau wie Curra dem Rotwein sehr zugetan. Direkt dazu fällt mir nichts ein. Aber das Brot, was Leonora in ihre Suppe bröckelt, sehe ich als Parallele zu dem Brot, von dem sie in der Finalszene spricht (und es dabei zur Hand nimmt): "Misero pane, a prolungarmi vieni la sconsolata vita."
Vater schliesst die Fenster um die Flucht zu verhindern bevor er sich am Ende des Dialogs mit der Tochter zurückzieht, Curra öffnet sie kurz darauf wieder. Das sehe ich als librettogemäß. Bin mir unsicher, ob hier noch mehr dahintersteckt.
Alvaro geht zum Tisch kurz nachdem er schon mit ihr fliehen wollte … er sucht sich zu beherrschen wie ich das bereits vermutet habe. Allerdings greift er nach dem Rotweinglas nochmals über den Tisch, aber im übertragenen Bild ist nicht zu sehen was er da macht? Das zusätzliche Gedeck bleibt für mich ein Rätsel? Nur der Wunsch, sich zu beherrschen? Dann würde ich erwarten, dass er den Wein hektisch hinuntergießt. Aber er lächelt Leonora bei ihrem beschwörerischen "Io t'amo" ganz entspannt an und tupft sich mit der Serviette den Mund - nur Sekunden, bevor er beim "e lagrimi" wieder aufbraust.
Ich habe irgendwie den Eindruck, indem Alvaro sich an den Tisch setzt, wird er Teil dieser Familie, die ja bei diesem Abendessen fast alle "Masken" tragen. Das passt auch ein bisschen zu der einzigen Idee, die mir zu dem Gedeck gekommen ist: Am Anfang der Diskussion hast du die Tischszene mit einer Familienaufstellung verglichen. Dazu passt dann sinnbildlich das überzählige Gedeck, das den noch fehlenden Alvaro symbolisiert.
Evtl. markiert der Entschluss Alvaros, sich an diesen Tisch zu setzen, auch den unwiderruflichen Punkt, an dem er Teil dieser Schicksalsgemeinschaft wird. Bis dahin hätte er noch unbehelligt ohne Leonora wieder gehen können, aber indem er sie bewegt, trotz ihrer Zweifel an der Flucht festzuhalten, besiegelt er sein Schicksal. Was hältst du davon? (was Kaufmann beim zweiten Griff über den Tisch macht, kann ich zwar auch nicht sehen, aber das Gedeck hat sich danach nicht wesentlich verändert, vielleicht rückt er nur irgendetwas geringfügig zurecht.)

VG, stiffelio
Schweizer (03.01.2014, 10:16):
Liebe stiffelio, ich finde Deine Idee Alvaro/Familienzugehörigkeit zwar interessant, glaube indes nach nächtlichen Überlegungen nicht wirklich daran, denn warum sollte der gestrenge Vater ein Gedeck für einen imaginären Gast respektive Feind an seinem Tisch tolerieren? Mittlerweile habe ich eine einfachere Idee für das zusätzliche Gedeck: es ist der Platz für Trabucco/ Bodyguard, der genau wie der Hausgeistliche/Fra Melitone in die Familie integriert ist, aber - weil Vater von der bevorstehenden Flucht seiner Tochter Wind bekommen hat - infolge der Alarmstimmung ausser Hörweite seiner Tochter mit Aussenposten in Verbindung sein muss, aus diesem Grund heute nicht am Tisch sitzt.
Eine meiner Schwestern wird am 11.1. die Aufführung vor Ort erleben: ich werde sie nach ihrer Rückkehr aus München nach ihrem Eindruck betreffend Gedeck befragen.

Zum Thema *Wofür steht Preziosilla?*: Mit Deinem Vorschlag/Gedanken, dass sie eine sehr schwarz-weiss denkende/agierende Person ist, kann ich mich durchaus anfreunden, nur stimmt für mich dann - wenn sie denn Amerikanerin ist und ich an rechtskonservative, nationalistische Kreise der USA denke (z.B: Tea-Party/Quäker), der Outfit mit Dekolleté nicht … bei aller nach aussen gekehrten Prüderie/Propreté dieser Kreise müsste sie hochgeschlossen daherkommen. Auch ihre Siegerpose passt für mich nicht (r)echt dazu.

Stiffelio, ich wollte soeben mit Akt3+4 weiterfahren, bekam aber wiederholt eine Fehlermeldung, kann folglich zu meinem Bedauern erst mal nicht weiterschauen! Wie schaut das bei Dir aus?
Gruss vom Schweizer
Schweizer (03.01.2014, 14:25):
Stiffelio, das bedeutet leider für den Moment das Ende unserer weiteren Betrachtungen:
This video is no longer available due to a copyright claim by Bayerische Staatsoper.
Gruss vom Schweizer
Billy Budd (03.01.2014, 14:32):
Irgendwann, irgendwo taucht die Aufnahme sicher wieder auf.
Billy :hello
stiffelio (03.01.2014, 16:27):
Lieber Schweizer,

ich meinte meine Idee mit dem Gedeck für Alvaro im Rahmen der Familienaufstellung eigentlich nur symbolisch. Nicht, dass der Vater tatsächlich ein Gedeck für ihn auflegen lässt. Nur so symbolisch wie die im 3. Akt die Wand senkrecht hochschreitende Leonora, die ja auch nur in Alvaros Psyche, nicht in realiter vorhanden ist.
Aber deine Idee mit dem Gedeck für den Bodyguard ist natürlich auch interessant. Freilich stört mich dann daran, dass für den anderen Bediensteten, der ja später mit Pistole auch als eine Art Bodyguard fungiert, kein Gedeck vorhanden ist. Hältst du es für realistisch, dass der Vater so große Unterschiede zwischen seinen Bediensteten macht, dass der eine ein Gedeck wie ein gleichberechtigtes Familienmitglied zu seiner Rechten bekommt, während der andere in Kellnerpose steif in der Ecke verharren muss? Das ist freilich nur ein relativer, kein absoluter Einwand: Es kann natürlich sein, dass der erste Bodyguard ein altgedienter Vertrauter ist und der Kellner neu ist und sich noch bewähren muss.
Ich hätte aber noch eine dritte Möglichkeit anzubieten: Leonoras Mutter ist ja offensichtlich bereits verstorben. Das Gedeck könnte im Rahmen eines religiös motivierten Gedenkens für sie mit aufgelegt sein.
Ehrlich gesagt gefällt mir das symbolische Gedeck für Alvaro aber immer noch am besten, weil du sehr treffend bemerkt hast, dass in dieser Ouvertüre alles eine tiefe Bedeutung hat. Und weder den Bodyguard noch die Mutter empfände ich als besonders tiefschürfend.

Zu Preziosilla: da wäre dann wohl ein anderes Outfit wirklich passender gewesen. Allerdings kann ich mir nur schwer vorstellen, dass es keine nationalistischen Amerikanerinnen mit Dekolleté gibt :wink. Und auch zu der religös-fundamentalistisch angehauchten Tischgesellschaft des 1. Aktes würde dann das Kostüm Curras nicht wirklich passen, oder? Vielleicht hat das Kusej einfach nicht so schubladenmäßig vorexerzieren wollen (was ein rasches Verständnis natürlich erschwert).

Die Kurzlebigkeit von YT-Links ist wirklich bedauerlich, aber leider häufig.

VG, stiffelio
Schweizer (03.01.2014, 17:16):
Liebe stiffelio, diesmal scheinen mir Deine Einwände nicht ganz hieb- und stichfest, denn:
- der Mundschenk/Alcalde schenkt Wein ein, entfernt später auch die Suppenschüssel und geht damit nach links ab, kann also nicht gleichzeitig als Kellner arbeiten/funktionieren und am Tisch sitzen, das fände ich dann höchst seltsam. Er hat also ganz bestimmt nicht denselben Rang wie der Hausgeistliche/Melitone … und eben auch eventuell nicht wie Trabucco, grosses Fragezeichen?
- ich will jedoch keineswegs auf meiner Idee beharren, dass dieses Gedeck für Trabucco/Bodyguard bestimmt sei, ich nehme sogar Abstand davon, denn Dein neuester Vorschlag, dass der leere Platz, das Gedeck in dieser stark religiösen Familie der toten Mutter geweiht ist, ist derart naheliegend und somit absolut logisch/plausibel. Und der Platz rechts neben dem Vater (auf Grund meiner marginalen Kenntnisse was Familienaufstellungen angeht) deutet 100%-ig auf die verstorbene Gattin hin, das ist ein ganz starkes Indiz in diese Richtung. Es hat auch bei einem klugen Kopf wie Kusej bestimmt nicht alles eine tiefe Bedeutung. Geben wir uns Rechenschaft wie lange wir an diesem Gedeck herumgerätselt haben, ich bin überzeugt, dass wir *vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen haben!*
Denn die Alvaro-Geschichte scheint mir je länger je mehr zu weit hergeholt, frei nach dem Motto *Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah!* Ich glaube nicht mehr daran stiffelio, für mich ist das Gedeckrätsel dank Dir überzeugend gelöst!

Curra muss mit ihrem Outfit in Akt1 nicht zu Preziosilla im Schenkebild passen, obwohl sie das gleiche Kleid tragen, ab Akt2 ist infolge Leonora's Trauma alles möglich … Preziosilla erscheint ihr und uns ja in verschiedenen Identitäten, später im Hurenlook.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (03.01.2014, 17:34):
Lieber Schweizer
Original von Schweizer
Curra muss mit ihrem Outfit in Akt1 nicht zu Preziosilla im Schenkebild passen, obwohl sie das gleiche Kleid tragen
ich habe nicht ganz verstanden, was du damit meinst.
Ich meinte mit meinem ursprünglichen Einwand lediglich, dass ein tiefes Dekolleté für mich genauso wenig zu einer religiös-fundamentalistischen Szenerie passt wie zu einer nationalistisch-prüden Szenerie. Das ist für mich lediglich ein Indiz (kein Beweis) dass Kusej dieses Kostüm offenbar nicht unter solchen Gesichtspunkten ausgewählt hat. Aber wir können es auch einfach bei der Feststellung belassen, dass das Kostüm und die Gestik von Preziosilla nicht bruchlos zu der Annahme einer nationalistischen Amerikanerin aus der Schublade Tea-Party/Quäker passen.

Dass dir die Mutter als Erklärung zu dem Gedeck so gut gefällt, freut mich ja, (obwohl die andere Möglichkeit weiterhin in meinem Hinterkopf herumspuken wird :ignore). Bin gespannt, was deine Schwester dazu sagen wird.

VG, stiffelio

P.S.: du hast übrigens noch eine PN von mir.
P.P.S: wieso eigentlich Quäker als nationalistisches Beispiel (mit Tendenz zu militärischen Rachgedanken)? Sind die nicht pazifistisch/antimilitaristisch angehaucht?
Schweizer (20.01.2014, 08:09):
Nachfolgend was mir meine Schwester auf die Frage des Gedecks nach Besuch der Forza vom 11.1. schriftlich berichtet hat:

"Du fragtest mich, für wen das Gedeck bzw. der Platz am Tisch bestimmt sei (während der Ouvertüre zur Macht des Schicksals). Mir kam dabei sofort die fehlende Mutter in den Sinn. Als ich dann in der Münchner Oper sass und die Aufführung miterlebte, erkannte ich, dass der Tisch omnipräsent ist auf der Bühne, aber jeweils mit anderer Bestimmung als zu Beginn. So habe ich meine ursprüngliche Idee revidiert und bin zur Ansicht gelangt, dass das Gedeck für den Heiland bestimmt sein sollte (Abendmahl).
Meine Einschätzung: erst im letzten Bild fehlt dieser Stuhl an diesem Platz und Alvaro ergreift das Kreuz, das ebenfalls wieder auf dem Tisch steht, und schmeisst es zum riesigen Berg an Kreuzen, wo Leonora zuvor als Eremitin gelebt hat.
Ja, der Heiland konnte das Schlamassel und all das Unglück in den Bildern zuvor (9.11. + Abu Ghuraib) und den Verlauf der Liebes-Tragödie nicht verhindern. Die Religion hat sich überlebt, hat in der heutigen Zeit nicht mehr soviel Bedeutung. Alvaro ist der Kirche und ihren Regeln entwachsen, sieht ihren Sinn nicht, mehr noch, diese Religion und Kirche hat sein Glück indirekt zerstört (Carlos war ja stur und päpstlicher als der Papst...). Ich habe mich gefragt, wer wohl den grösseren Beitrag dazu geliefert hat: die Religion, die Kirche, die Tradition oder der Mensch mit seiner individuellen Prägung. Es ist wohl eine unglückliche Mischung von alledem (genau wie im Alltag in unserer Welt seit das Matriarchat vom Patriarchat abgelöst worden ist)."

Gruss vom Schweizer
stiffelio (20.01.2014, 20:31):
Lieber Schweizer,

vielen Dank dir und natürlich besonders deiner Schwester für diese sehr interessanten Überlegungen!
Auf den Stuhl an dem besagten Gedeckplatz hatte ich gar nicht geachtet, das ist sehr fein beobachtet und nährt meine Überlegungen, dass dieser Platz doch nicht (nur) für Leonoras Mutter steht, so naheliegend das auf den ersten Blick zu sein scheint.
Die Parallelen zum Abendmahl liegen tatsächlich auf der Hand, über die stark religiös-fundamentalistische Atmosphäre waren wir uns ja schon immer einig. Ich habe es allerdings noch nie erlebt, dass bei einem Abendmahl, in welcher Form auch immer, ein Platz am Tisch für den Heiland freigehalten wird.
Wie auch immer, ich habe auf jeden Fall wieder wichtige Hinweise für weitere Überlegungen bekommen, dafür wie gesagt vielen Dank.

Mit ihren Überlegungen zu Kirche und Religion könnte deine Schwester auch ziemlich dicht an Kusejs Intentionen herankommen. Ich sehe das persönlich zwar ein bisschen entspannter bzw. die Kirche/Religion nicht so stark verantwortlich für Alvaros Unglück, aber das hat weniger direkt mit dieser Inszenierung zu tun.

VG, stiffelio
Schweizer (21.01.2014, 20:55):
"Alvaro ergreift das Kreuz, das ebenfalls wieder auf dem Tisch steht, und schmeisst es zum riesigen Berg an Kreuzen" … das habe ich während des live-streams am PC überhaupt nicht mitbekommen; scheint mir aber zum Regie-Verständnis von Wichtigkeit zu sein.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (21.01.2014, 21:35):
Lieber Schweizer,

ich hatte ja das Glück, mir den Schluss mehrfach ansehen zu können und daher ist mir diese Geste am Ende präsent. Mir kam es ein wenig so vor, als ob Kusej da eine Brücke zur ersten Fassung schlägt, in der Alvaro am Ende sich ja in eine Schlucht stürzt, also Suizid begeht. Soweit geht Kusejs Alvaro nicht, aber er setzt hinter den versöhnlichen Schluss der zweiten Fassung ein Fragezeichen. Kaufmann hat dieses ambivalente Ende m.E. sehr gut rübergebracht.

VG, stiffelio
stiffelio (01.08.2014, 19:55):
Original von Billy Budd
Irgendwann, irgendwo taucht die Aufnahme sicher wieder auf.
Billy :hello

"https://www.youtube.com/watch?v=slXoxktVF6s" - sogar mit deutschen Untertiteln

VG, stiffelio
Billy Budd (06.08.2014, 15:32):
Haha, ich wußte es! :cool :D
stiffelio (08.08.2014, 19:18):
"https://www.youtube.com/watch?v=slXoxktVF6s" - sogar mit deutschen Untertiteln
Beim Anschauen konnte ich mittlerweile feststellen: das ist ein Mitschnitt einer anderen Aufführung der gleichen Inszenierung. Und das ist wiederum sehr interessant, weil sich dadurch endlich eine Frage aus diesem Thread geklärt hat:
Original von Schweizer
Alvaro geht zum Tisch kurz nachdem er schon mit ihr fliehen wollte … er sucht sich zu beherrschen wie ich das bereits vermutet habe. Allerdings greift er nach dem Rotweinglas nochmals über den Tisch, aber im übertragenen Bild ist nicht zu sehen was er da macht?

Antwort: er legt das Kreuz auf dem Tisch um! Beim ersten Video war das allerdings kaum erkennbar, weil Leonora es sofort danach wieder hinstellt. Das tut sie in dem 2., aktuell verlinkten Video nicht, es bleibt also während der restlichen Szene liegen (und liegt auch in der letzten Szene im vierten Akt wieder so da, bevor Alvaro es ganz zum Schluss fortwirft). Jetzt ist natürlich die Frage, was eigentlich dem Regiekonzept entspricht, das Wiederaufrichten oder das Liegenlassen. Ich persönlich tippe auf das Liegenlassen, habe aber noch keine gute Idee anzubieten, was das aussagen soll. Ein Konflikt zwischen der Religiosität Leonoras und Alvaros? Dazu würde passen, dass das Kreuz auch während der Klosterszene im zweiten Akt auf dem Tisch liegt, bis Leonora es bei der Anrufung Marias wieder aufrichtet. Allerdings blicke ich da noch nicht voll durch.

Überhaupt ist Kusejs Inszenierung ein wahres Sammelsurium von schwer zu knackenden Nüssen. Auch beim erneuten Durchsehen hänge ich wieder an den Stühlen um den Tisch fest. Ich bin fest überzeugt, dass deren Anordnung (ebenso wie das Gedeck) etwas symbolisieren soll, habe es aber immer noch nicht befriedigend durchschaut.
Im ersten Akt sind es sechs Stühle: Marchese (später Prior), Carlos, Leonora, Curra, Hausgeistlicher (später Fra Melitone) und der zunächst leere Stuhl, auf dem dann später Alvaro sitzt, Im zweiten Akt zähle ich in der Schenkeszene noch fünf, der von Leonora fehlt. In der Szene vor dem Kloster sind es nur noch drei: Marchese, Carlos und der vom Hausgeistlichen. Im dritten Akt ist nur ein einziger da: der von Alvaro (und er verschwindet irgendwann während der Rataplan-Szene).
Im vierten Akt gibt es in der Klosterszene gar keinen Stuhl. In der Schlussszene vor der Einsiedelei sind es fünf Stühle, nur der von Alvaro fehlt. Carlos und Leonora sterben auf ihren Stühlen, der Prior sitzt auf dem des Marchese.
So, kann sich jetzt jemand darauf einen schlüssigen Reim machen?

VG, stiffelio
Amonasro (09.04.2015, 01:31):
La forza del destino gehört mittlerweile zu meinen liebsten Verdi-Opern. Sie vereint die für Verdi typischen dramatischen Duette mit besonders lyrischen Abschnitten mit Solo-Instrumenten wie dem Zusammenspiel von Orgel und Violine im 2. und der Klarinetten-Einleitung zum 3. Akt. Letztere haben meines Wissens keine Entsprechung in anderen Verdi-Opern (außer vielleicht das Solo-Cello zu Philips Arie im Don Carlo(s). Das Libretto finde ich nicht wirklich schlechter als das anderer Verdi-Opern. Ich habe mal irgendwo einen Artikel gelesen, in dem das Libretto sogar besonders gelobt wurde, da es als einziges der Verdi-Libretti nicht nur auf den privaten Konflikt einer Familie beschränkt sei, sondern das soziale Umfeld der Figuren darstelle, das dazu beiträgt, dass sie so handeln wie sie handeln. Die Inszenierung an der BSO habe ich mir bisher nur teilweise auf YT angesehen.

Ich besitze drei Aufnahmen:

https://www.jpc.de/image/w220/front/0/0028947586814.jpg

Meine erste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1955 mit Mario del Monaco als Alvaro, Renata Tebaldi als Leonora, Ettore Bastianini als Carlo, Cesare Siepi als Padre Guardiano, Fernando Corena als Melitone, Giulietta Simionato als Preziosilla und dem Chor und Orchester der Accademia di Santa Cecilia di Roma unter der Leitung von Francesco Molinari-Pradelli. Sie ist mir die liebste. Das hängt vor allem an den Sängern, die mich alle voll überzeugen. In den meisten Rollen kann ich mir kaum bessere Sänger vorstellen. Tebaldi, Bastianini, Siepi und Corena sind für mich so etwas wie Idealverkörperung dieser Figuren.
Einzige Ausnahme bildet Mario del Monaco, der mir im 3. Akt zu undifferenziert singt, was insbesondere im Duett Solenne in quest’ora deutlich wird. Im 4. Akt gestaltet er die Rolle dafür aber umso überzeugender. Zusätzlich bietet diese Aufnahme mit Piero de Palma den meiner Meinung nach besten Trabuco. Die Aufnahme ist in Stereo und ist von der Tonqualität her sehr gut, das Orchester ist vielleicht etwas zu sehr in den Hintergrund gerückt.

https://www.jpc.de/image/w220/front/0/0886979860025.jpg

Diese Aufnahme aus den 70ern mit dem London Symphony Orchestra unter James Levine kommt für Leontyne Price etwas zu spät. Ihre Stimme klingt nicht mehr jung genug und zeigt an einigen Stellen eine unschöne Schärfe. Die sehr selbstbewusste Darstellung der Price passt meiner Meinung nach weniger zur Rolle als die eher lyrisch-verinnerlichte Interpretation der Tebaldi. Placido Domingo und Sherrill Milnes als Alvaro und Carlo überzeugen mich dagegen völlig. Gabriel Bacquiers Melitone ist dem Fernando Corenas gleichwertig. Der Rest ist u. a. mit Bonaldo Giaiotti als Padre Guardiano und Fiorenza Cossotto als Preziosilla solide besetzt. Mit Kurt Moll bietet diese Aufnahme den besten Marquese di Calatrava, den ich bisher gehört habe. Ihm kommt auch entgegen, dass Levine die kurzen Dialoge wie die Anfangsszene zwischen Marquese und Leonora eher langsam angeht. Das Orchester kommt hier deutlich besser zur Geltung als in der Aufnahme Molinar-Pradellis. In der Lagerszene im 3. und der Szene Melitones im 4. Akt gibt es ein seltsames elektronisches „Knistern“ (ich weiß nicht, wie ich es besser ausdrücken soll), das den Hörgenuss etwas trübt; davon abgesehen ist die Tonqualität hier natürlich besser als bei der älteren Aufnahme.

https://www.jpc.de/image/w220/front/0/8018783040023.jpg

Dann besitze ich noch diese DVD mit einer Aufführung in Neapel, ebenfalls unter Molinari-Pradelli. Renata Tebaldi und Ettore Bastianini erbringen ähnliche Leistungen wie in der Studioaufnahme. Franco Corellis emotionalere Darstellung gefällt mir persönlich besser als die del Monacos. Mit Boris Christoff, Renato Capecchi und Oralia Dominguez ist auch der Rest prominent besetzt. Diese Aufzeichnung hat eine miserable Bild- und Tonqualität, sodass man sie sich nur zulegen sollte, wenn man die Sänger einmal sehen will; zumal einige von ihnen (insbesondere Renata Tebaldi) miserable Schauspieler sind und die Oper deutlich gekürzt wurde (das 1. Duell zwischen Alvaro und Carlo fehlt ganz).

Gruß Amonasro