Verdi: Simon Boccanegra

Severina (29.07.2012, 15:51):
SIMON BOCCANEGRA

Entstehungsgeschichte:

Als Giuseppe Verdi vom Teatro La Fenice einen Kompositionsauftrag bekam, begann die Suche nach einem passenden Sujet. Den Plan, Shakespeares "Lear" zu vertonen, verwarf er bald und griff zum zweiten Mal nach einem Schauspiel des spanischen Autors Antonio Garcia Gutiérrez, der ihm schon die Vorlage zum "Trovatore" geliefert hatte. Eigentlich nicht wirklich nachvollziehbar, dass er sich ein noch einmal auf diesen Meister absurder Handlungsstränge einließ! Verständlicher ist hingegen, was Verdi an dem Stoff an sich reizte: Die Machtkämpfe zwischen Venedig und Genua und der Appell, diese zugunsten des gemeinsamen Vaterlandes zu beenden, passte natürlich perfekt zu seiner Vision von einem einigen Italien und wurde auch in diesem Sinne von seinen Zeitgenossen verstanden. Selbstverständlich auch von der Zensur, weshalb der patriotische Aufruf Simones in der Erstfassung von 1857 noch sehr schaumgebremst ausfiel. Francesco Maria Piava, beauftragt, die verworrene Vorlage in ein stringentes Libretto zu gießen, soll an dieses Quadratur des Kreises schier verzweifelt sein.

Die Uraufführung des "Simon Boccanegra"am 12. März 1857 wurde daher auch ein Misserfolg, was nicht nur am Libretto und einer unzulänglichen Besetzung lag, sondern auch an der zum Teil völlig ungewohnten "musikalischen Sprache", die Verdi verwendete. Das Publikum vermisste die "Gassenhauer", die es beim "Trovatore" über die Albernheiten der Handlung hinwegsehen ließen, und reagierte enttäuscht auf diese im ersten Moment so gar nicht mitreißende Oper. (Es soll Leute geben, die das auch heute noch so empfinden!)

Zwei Jahre später reagierte das Mailänder Publikum ähnlich ablehnend, nur am San Carlo in Neapel wurde Verdis jüngstes Kind freundlicher aufgenommen.

24 Jahre musste "Simon Boccanegra" warten, bis er in überarbeiteter Form dann doch zur Erfolgsstory wurde:
1881 wollte die Scala mit einer neuen Verdioper eröffnen, der Meister war aber mit Vorarbeiten zum "Otello" beschäftigt und hatte so schnell kein Werk parat. Also wurde "Simon Boccanegra" aus der Schublade geholt und Arrigo Boito zur Überarbeitung übergeben, der die Handlung straffte und so manche Absurdität ausbügelte. (Da auch dieses Libretto auf Anhieb nicht so ohne weiteres aufzudröseln ist, würde mich wirklich die Erstfassung von Piave interessieren.....)
Auch musikalisch wurde die Oper einer Revision unterzogen, das erste Finale völlig neu konzipiert und noch vorhandene Anklänge an die alten "Nummernopern" eliminiert.
Am 24. März 1881 wurde die 2. Fassung des "Simon Boccanegra" an der Scala uraufgeführt und brachte Verdi nun endlich den erhofften Erfolg für seine Oper, die er selbst zu seinen besten zählte.




Inhaltsangabe
Prolog (Genua, 1339)

Vor dem Palast der Fieschi versammelt sich in der Nacht eine Gruppe von Plebejern (Volkspartei), um die Weichenstellung für die bevorstehende Wahl des Dogen zu besprechen. Ihr Wortführer ist Paolo Albiani, der vorschlägt, den Korsaren Simon Boccanegra zu nominieren, der wegen seines erfolgreichen Kampfes gegen die Piraten große Popularität genießt. Mit diesem Kandidaten an der Spitze könne man die Macht der Patrizier brechen. Mit der Aussicht auf "Oro, possanza, onore" (Gold, Macht und Ehre) gewinnt er die Unterstützung von Pietro, der das Volk auf Simone einstimmen will.
Simone, von Paolo zu der Versammlung gebeten, erscheint und reagiert zunächst ungläubig und ablehnend auf dessen Vorschlag. Erst als ihn Paolo mit der verlockenden Aussicht ködert, als Doge könne er um die Hand von Maria, der Tochter des Patriziers Fiesco, anhalten, stimmt Simone zu. Maria und Simone lieben einander - eine hoffnungslose Liebe zwischen einem Korsaren und einem Mädchen aus einem der angesehendsten Geschlechter Genuas. Trotzdem ist es den beiden in der Vergangenheit gelungen, eine Liebesbeziehung einzugehen, die nicht ohne Folgen geblieben ist. Nach der Geburt des Kindes, eines kleinen Mädchens namens Maria, wurde die Mutter allerdings wie eine Gefangene im Palast der Fieschi eingesperrt, die "Frucht der Sünde" dem Vater Simone überlassen.
Pietro führt eine Gruppe Genueser Bürger herein und Paolo schwört sie auf Simon Boccanegra als nächsten Dogen ein, worauf sich der Platz leert.
Jacopo Fiesco tritt aus dem Palast, verzweifelt über den soeben eingetretenen Tod seiner Tochter Maria und hasserfüllt auf ihren Verführer Simone. In der Arie "Il lacerato spirito" kommt all dies zum Ausdruck, er verflucht Simone und bittet seine Tochter im Himmel, für ihn zu beten.
Simone, der von Marias Tod nichts weiß, kommt dazu, erkennt Fiesco und im Bewusstsein seiner bevorstehenden Wahl zum Dogen will er mit dem Erzfeind Frieden schließen. Doch Fiesco verweigert ihm den Handschlag und meint, Friede könne es nur geben, wenn einer von ihnen tot sei. Darauf bietet ihm Simone seine Brust zum tödlichen Streich an, doch ein feiger Mord wäre eines Fiesco unwürdig. Nur einen Weg gäbe es zur Versöhnung, wenn ihm Simone nämlich die kleine Enkeltochter überlasse. Doch gerade das kann Simone nicht, wie er ihm verzweifelt gesteht:
Er habe die Kleine der Obhut einer alten Frau anvertraut, die mit ihr in einer bescheidenen Behausung am Meer lebte. Als Simone sie wieder einmal besuchen wollte, fand er die Hütte verlassen vor. Die Alte war gestorben, Maria tagelang weinend am Ufer umhergeirrt und dann spurlos verschwunden.
Dann werde es niemals Frieden zwischen ihnen geben, erwidert Fiesco kalt und wendet sich ab, taub für Simones weitere Worte.
Wütend über diese unbarmherzige Haltung dringt Simone gewaltsam in den Palast der Fieschi ein, wo er die aufgebahrte Geliebte sieht. Verzweifelt stürzt er auf die Straße, wo eben das Volk zusammenströmt, um ihm als neuen Dogen zuzujubeln. Fiesco, eben noch triumphierend über Simones Schmerz, vernimmt fassungslos die Wahl seines größten Feindes zum Dogen.

1. Akt (25 Jahre später, Garten im Palast der Grimaldi bei Genua)
1. BildAmelia Grimaldi erwartet ihren Geliebten Gabriele Adorno, einen Genueser Edelmann. Er verspätet sich, und Amelia vermutet zu Recht, dass er bei einer geheimen Zusammenkunft einer Gruppe von Patriziern weilt, die den Dogen stürzen wollen. Sie sagt ihm das auch auf den Kopf zu und fleht ihn an, von diesem gefährlichen Vorhaben abzulassen. Er solle sich ganz der Liebe weihen.
Ein Bote kündigt an, dass der Doge auf der Rückkehr von einer Jagd zu Savona im Palast der Grimaldi absteigen werde. Amelia fürchtet, dass er im Namen seines Günstlings Paolo Albiani um ihre Hand anhalten werde und drängt Gabriele, sofort die Vorbereitungen zu ihrer Vermählung zu treffen.
Während Amelia im Inneren des Palastes verschwindet, tritt Fiesco im Mönchhabit auf. Er lebt als Padre Andrea und Vormund von Amelia seit 25 Jahren im Palast der Grimaldi, nachdem der Doge seine adeligen Gegner aus Genua verbannt hat. Nur Gabriele Adorno kennt seine wahre Identität. Nun bittet er Fiesco, als Amelias Vormund ihren Bund zu segnen, worauf ihm dieser ein Geheimnis offenbart: Amelia sei keine Grimaldi, sondern ein Findelkind, das am selben Tag in einem Kloster in Pisa Aufnahme gefunden habe, als die echte Grimaldi-Tochter dort verstorben sei. Um den Besitz der vom Dogen verbannten männlichen Grimaldis vor der Konfiskation zu schützen, habe man die kleine Waise als Amelia Grimaldi aufgezogen. Ihre wahre Identität sei unbekannt. Diese Enthüllung ändert nichts an Gabrieles Liebe zu dem Mädchen, und Fiesco segnet ihn. Als die Ankunft des Dogen gemeldet wird, entfernen sich die beiden Männer, Fiesco mit der Hoffnung auf baldige Rache.

Simone überrascht Amelia mit der unerwarteten Begnadigung ihrer verbannten Brüder. Er äußert Verwunderung, dass eine solche Schönheit wie sie so versteckt in diesem Palast lebe. Amelia fasst Mut und gesteht ihm, dass sie einen würdigen Mann liebe, aber von einem anderen begehrt werde, der es aber nur auf den Reichtum der Grimaldi abgesehen hätte. Der Doge weiß sofort, dass es sich um Paolo handelt. Amelia gesteht ihm nun ihre niedere Abstammung, in der berechtigten Hoffnung, damit für Paolo uninteressant zu sein. In zunehmenmder Erregung lauscht Simone nun ihrer Erzählung von ihrer glücklichen Kindheit in Pisa, umhegt von einer alten Frau, die ihr vor ihrem Tod ein Bildnis ihrer unbekannten Mutter überlassen hat. Auf Simones Frage
bestätigt Amelia, dass zuweilen ein Semann auf Besuch gekommen sei, und als er ihr ein Medaillon zeigt, erkennt sie darauf das Ebenbild ihrer Mutter. Simone gibt sich nun als ihr Vater zu erkennen, nennt ihr ihren wahren Namen - Maria - und beide träumen von einer glücklichen Zukunft. Amelia (Sie wird im Libretto weiter so genannt) soll in den Dogenpalast ziehen, allerdings wollen sie ihre wahre Beziehung noch geheim halten.
Als Paolo auftritt und begierig den Ausgang der vermeintlichen Brautwerbung erfahren will, teilt ihm der Simone kalt mit, er solle sich Amelia aus dem Kopf schlagen, dies sei ein Befehl des Dogen.
Paolo kocht vor Zorn, schließlich habe Simone seine Wahl zum Dogen ihm zu verdanken, und als Pietro hinzutritt, schmieden beide den Plan, Amelia zu entführen und im Haus Lorenzinos festzuhalten. Der müsse mitmachen, denn Paolo weiß, dass er an der geplanten Verschwörung gegen Simone beteiligt ist.
2. Bild
Im Ratssaal haben sich Partizier und Plebejer versammelt. Simone weist einen Brief Petrarcas vor, in dem dieser um Frieden mit Venedig bittet, doch die Ratsherren wollen davon nichts wissen:"Guerra a Venezia!" Simone, des ewigen Krieges zwischen den Stadtstaaten müde, beschwört eben die gemeinsame Heimat im zerrissenen Italien, als von der Straße tumultartiger Lärm in den Saal dringt. Ein Bote berichtet, es herrsche Aufruhr, ausgehend vom Palast der Fieschi, Gabriele Adorno werde von der Menge verfolgt usw. Paolo, der zurecht argwöhnt, die Entführung Amelias sei gescheitert, will sich heimlich aus dem Staub machen, doch Simone bemerkt ihn, lässt die Tore schließen und verkündet, wer fliehe, sei ein Verräter. Als der Ruf "Tod dem Dogen!" heraufschallt, befiehlt Simone die Tore wieder zu öffnen und schickt den Herold mit der Boschaft hinaus, er fürchte sich nicht und werde sich seinen Feinden stellen. Ruhe tritt ein und kurz darauf hört man "Evviva il Doge!", was diesen zu der ironischen Feststellung veranlasst "So ist das Volk!"
Das Volk von der Straße strömt herein, Gabriele Adorno und Fiesco festhaltend. Sie fordern Gabrieles Tod, weil er Lorenzino getötet hat. Gabriele rechtfertigt sich damit, dass Lorenzino Amelia Grimaldi entführt und kurz vor seinem Tod gestanden habe, eine hohe Persönlichkeit hätte ihn dazu angestiftet. Blind vor Eifersucht beschuldigt er den Dogen, diese Person zu sein, was Paolo erleichtert zur Kenntnis nimmt. Als er sein Schwert gegen Simone richtet und von der Garde umringt wird, stürzt Maria herein, wirft sich dazwischen und bittet um Gnade für Gabriele, worauf Simone die Wachen anweist, ihn wieder loszulassen. Dann fordert er Maria auf zu erzählen. Sie schildert ihre Entführung vom Meeresufer, wo sie spazieren gegangen war, ins Haus des Lorenzino. Da sie aber seine "feige Seele" kannte, habe er sie nach der Drohung, der Doge werde alles erfahren, in Ruhe gelassen, bis Gabriele zu ihrer Befreiung herbeigeeilt sei. Wütend dringen nun Patrizier und Plebejer mit gezückten waffen aufeinander ein, weil sie in der jeweils anderen Partei den Anstifter der Entführung vermuten.
Simone kontert mit seiner berühmten Ansprache an "Plebe! Patrizi! Popolo", geißelt darin den Hass, mit dem sich alle gegenseitig zerfleischen und plädiert am Ende mit seinem Herzblut für "pace" und "amore". Beschämt lassen alle ihre Waffen sinken. Gabriele will dem Dogen sein Schwert überreichen, doch dieser gibt sich mit seinem Ehrenwort zufrieden, bis zur Aufklärung der Verschwörung als Gefangener im Palast zu bleiben.
Dann ruft Simone Paolo zu sich und fordert ihn auf, als sein Kanzler und Vertreter von Recht und Gesetz den gemeinen Schurken, den Entführer Amelias, dessen Namen ihm, dem Dogen, bekannt sei, öffentlich zu verfluchen. Entsetzt befolgt Paolo diesen Befehl, und unter dem "Sia maledetto" aller Anwesenden fällt der Vorhang.

2. Akt
Im Zimmer des Dogen sinnt Paolo auf Rache. Er weiß, dass er verspielt hat, aber bevor er flieht, soll Simone sterben. Während er Pietro in den Kerker schickt, um Fiesco und Gabriele zu holen, schüttet er Gift in den Trinkpokal des Dogen. Der Tod solle "zwischen Gift und blankem Eisen" wählen. Er bietet Fiesco die Freiheit an, wenn er dafür Simone während des Schlafes tötet. Fiesco hasst Simone zwar aus tiefstem Herzen, aber er ist ein Ehrenmann und kein feiger Mörder, weshalb es dieses Ansinnen schroff zurückweist. Während ihn Pietro zurück in den Kerker bringt, solll nun Gabriele als Mörder gedungen werden. Auch er lehnt zunächst ab, doch geschickt entfacht Paolo seine Eifersucht: Ob er denn nicht wisse, dass Amelia hier im Palast lebe, als Gespielin des "lüsternen Greises" Simone? In der Arie "O inferno" verleiht Gabriele seinem Rachedurst Ausdruck. Simone, der Mörder seines Vaters, der Schänder seiner Geliebten, soll sterben!!
Amelia tritt ein und findet zu ihrer Verwunderung den Geliebten im Gemach ihres Vaters. Statt ihre Frage, woher er den Schlüssel habe, zu beantworten, bezichtigt er sie sofort der Untreue. Amelias Beteuerung, der Doge liebe sie mit einer "reinen Liebe", ebenso wie sie ihn, schenkt er keinen Glauben. Es beruhigt ihn auch wenig, dass sie ihm verspricht, bald das geheime Band zwischen ihr und dem Dogen zu enthüllen, und fest entschlossen diesen zu töten, verlässt er auf Amelias Drängen hin den Raum.
Simone findet seine verstörte Tochter und glaubt die Ursache ihres Kummers zu kennen. Sie solle ihm den Namen ihres Liebsten nennen, wenn er würdig sei, wolle er ihren Bund segnen. Entsetzt hört er den Namen seines Feindes und zeigt Amelia ein Schriftstück mit den Namen der Verschwörer, an der Spitze Fiesco und Gabriele Adorno. Die Bitte seiner Tochter um Gnade weist er brüsk zurück, erst als sie erklärt, lieber mit Gabriele zusammen zu sterben als auf ihn verzichten zu wollen, gibt er sich geschlagen. Wenn Gabriele bereut, würde er ihn begnadigen, aber nun solle sie ihn alleine lassen.
Simone ist der ewigen Kämpfe müde, aber die Milde des Dogen werde ihm von seinen Feinden nur als Schwäche ausgelegt. Er trinkt aus dem vergifteten Pokal, beklagt, dass auf den Lippen eines Herrschers selbst reines Quellwasser bitter schmecke, und schläft, Marias Namen murmelnd, ein.
Gabriele schleicht herein und zögert kurz, einen Schlafenden zu töten. Doch dann ruft er sich das Bild seines ermordeten Vaters ins Gedächtnis und will zur Tat schreiten, als Amelia hereinstürzt und ihm in den Arm fällt. Für Gabriele ist das ein weiterer Beweis ihrer Untreue, und blind vor Wut dringt er auf den inzwischen erwachten Simone ein. Sein Vater sei längst gerächt, eröffnet ihm da Simone, denn er habe ihm dafür das Liebste geraubt, das er besitze: Seine Tochter! Bestürzt erkennt Gabriele seinen Irrtum, sinkt vor dem Dogen auf die Knie ("Un assassin son io...") und bietet ihm sein Leben an. Aber Simone will den Hass endgültig begraben, dem Feind die Hand reichen und Genua den Frieden bringen.
Lärm von draußen unterbricht diese rührende Szene: Die Guelfische (Patrizische) Verschwörung ist ausgebrochen, und unter den Rufen "Tod dem Tyrannen!" stürmen die Aufständischen gegen den Dogenpalast. Simone schickt Gabriele "zu den Seinen", doch dieser will nie wieder seine Hand gegen den Dogen erheben, erklärt sich aber bereit, dessen Friedensbotschaft zu überbringen. Die Hand Amelias werde sein Lohn sein!

3. Akt:
Der Aufstand ist niedergeschlagen, der Frieden verkündet. Fiesco wird frei gelassen, doch im Zeichen des Sieges von Simone bedeutet ihm seine Freiheit nichts. Paolo wird zur Hinrichtung gebracht und enthüllt Fiesco nicht nur den Giftanschlag auf den Dogen, sondern auch, dass er hinter Amelias Entführung steckt. Fiesco zieht zwar sein Schwert, besinnt sich dann aber - dieser Tod wäre für einen Schurken wie Paolo zu ehrenhaft - ihm gebührt das Beil des Henkers.
Während Paolo weggebracht wird, realisiert Fiesco, dass nun auch für ihn die Stunde der Rache gekommen ist. Aber er hat sie sich anders gewünscht, denn dass Simone einem feigen Giftanschlag zum Opfer fällt, erfüllt ihn mit keinerlei Genugtuung, im Gegenteil: Ein solches Ende hat sich auch sein Todfeind nicht verdient!
Als Simone hereinwankt, zieht er die Kapuze seiner Mönchskutte übers Gesicht und tritt in den Schatten zurück. Der Doge fühlt bereits das Gift in seinem Körper, ohne aber den Grund für seine Übelkeit zu kennen. Er blickt hinaus auf die Weite des Meeres, erinnert sich an seine Zeiten als Korsar und sehnt sich nach einem Grab in den Wellen.
Fiesco tritt aus dem Schatten, verkündet dem Dogen seinen nahen Tod und gibt sich ihm zu erkennen. Nach einer Schrecksekunde (er glaubt Fiesco ja seit 25 Jahren tot oder zumindest im Exil) realisiert Simone, dass nun der von ihm einst ersehnte Friede mit dem Haus der Fieschi geschlossen werden kann, denn die Bedingung, an die Fiesco dies einst geknüpft hat, kann er nun erfüllen. Er lüftet also die wahre Identität von Amelia Grimaldi. Fiesco ist zutiefst erschüttert, und Simones Bitte um Vergebung und um Freundschaft rührt ihn zu Tränen. Aber es gibt keine Zukunft mehr, und schweren Herzens enthüllt er ihm Paolos gemeinen Anschlag.
Maria (erst an dieser Stelle wird sie im Libretto so genannt!) und Gabriele, eben erst getraut, treten hinzu. Simone führt seine Tohter in die Arme ihres Großvater, segnet das Ehepaar und bereitet sie schonend auf sein nahes Ende vor. Maria und Gabriele flehen Gott verzweifelt um Gnade an, aber Simone fühlt bereits den Tod, rafft sich noch einmal alle seine Kräfte zusammen, fordert die herbeigeeilten Patrizier und Pebejer auf, Gabriele Adorno als seinen Nachfolger anzuerkennen, und stirbt in den Armen seiner Tochter.

Ich hoffe, Stiffelio fühlt sich nicht auf den Schlips getreten, weil ich ihr die Eröffnung dieses Themas weggeschnappt habe. Falls doch, habe ich kein Problem, meinen Beitrag wieder zu löschen! Aber diese Inhaltsangabe habe ich in grauer Vorzeit schon einmal für einen Forumsopernführer verfasst, und warum soll sie nur dort stehen!



lg Severina :hello
stiffelio (29.07.2012, 17:04):
Liebe Severina,

Ich hoffe, Stiffelio fühlt sich nicht auf den Schlips getreten, weil ich ihr die Eröffnung dieses Themas weggeschnappt habe.
keine Spur, meine Inhaltsangabe wäre sicher nicht so ausführlich geworden. Und du hast mir damit ein bisschen Luft verschafft, zunächst noch einen Beitrag zu einem anderen Thread fertig zu stellen. Aber ich verspreche dir, dass ich mich so bald wie möglich wieder hier blicken lasse. Ich bin schon eifrig dabei, meine verschiedenen Boccanegra-Versionen zu sichten :D.

Da einzige was ich bedauere, ist die verpasste Chance, mal einen Thread zu starten, bei dem du garantiert nicht behaupten könntest, dass diese Oper nicht zu deinen bevorzugten gehört :wink.

VG, stiffelio
Karolus Minus (29.07.2012, 18:54):
Liebe Severina,

das Libretto der Erstfassung kann ich zwar auch nicht beibringen, ich möchte aber darauf hinweisen, daß zuminest eine Aufnahme dieser Fassung existiert. Aufgenommen wurde sie Mitte der 70er bei der BBC, als man dort alle Verdi-Opern, von denen es mehrere Versionen gibt, in der Erstfassung machte (u.a. auch den ersten kompletten französischen Don Carlos).
Die Sänger sind Sesto Bruscantini, Josella Ligi, Andrew Turp und Gwynne Howell. Meine CDs stammen von der Firma Ponto, er ist aber wohl auch anderweitig erschienen.

Lg
Karolus Minus
Billy Budd (29.07.2012, 21:29):
Danke, liebe Severina, für diese sehr ausführliche Inhaltsangabe!

Ich mag eigentlich nur drei Verdiopern: Simon Boccanegra, Otello und Nabucco. Meine Lieblingsoper dieses Komponisten ist der Boccenegra nicht zuletzt, weil er humpatata-frei ist und vom ersten bis zum letzten Takt wunderschöne Musik hat.

Billy :hello
stiffelio (29.07.2012, 22:09):
dann springe ich mal mitten hinein in meine Leidenschaft für diese Aufnahme der Oper (zu meiner persönlichen Geschichte mit dem SIMON und weiteren Aufnahmen ein andermal mehr):

Simon Boccanegra - Thomas Hampsom
Amelia/Maria - Christina Gallardo-Domas
Fiesco - Ferruccio Furlanetto
Gabriele Adorno - Miroslav Dvorsky
Paolo - Boaz Daniel
Pietro - Dan Paul Dumitrescu
Dirigent: Daniele Gatti
Regie: Peter Stein
WSO, 2002

Immer wenn ich sie sehe schwanke ich zwischen absoluter Begeisterung (inklusive der festen Überzeugung, dass dies und keine andere meine absolute Lieblingsoper ist :wink), dem Wunsch, noch einmal einen weiteren SIMON zu erleben, der mich derart fasziniert, und der wehmütigen Ahnung, dass das wohl praktisch unmöglich sein wird :I.

Es gibt sicherlich einige Sänger (z.B. Cappuccilli), die mit einem voluminöseren und in der Tiefe substanzvolleren Bariton punkten können, als ihn Thomas Hampson sein eigen nennt (obwohl er es auch an einigen Stellen ordentlich dröhnen lässt). Aber was Hampson statt dessen an anderen Stellen aus dem Simon herausholt, grenzt für mich an Zauberei. Die Innigkeit, die er bereits in das erste Duett mit seiner Tochter legt, ist nicht zu überbieten und sein "fiiiiglia" am Ende dieser Szene kann sich durchaus mit dem von Domingo messen (der mich als erster mit dieser Stelle begeistert hat). Seine Verfluchung von Paolo am Ende des 1. Aktes ist vermutlich schon legendär: er schraubt seine Stimme zu einem ungeheuer einschüchternden Flüstern herab, das beim "È nella sua paura" an die Grenze des Hörbaren geht (das wird selbst mir fast schon zu leise). Selbst das "riperti il giuro" nach dem "sia maledetto", das z.B. Domingo und Cappuccilli zum durchaus eindruckvollen Schrei steigern, nimmt er wieder zu einem derart zornbebenden Halblaut zurück, dass mir an Paolos Stelle auch Hören und Sehen vergangen wäre.
Im 2. Akt ist sein intensiv-leises "Il voglio", als er Amelia schlafen schickt, nur die Krönung einer wunderbaren Stimmgestaltung. Auch diese Stelle habe ich noch von keinem anderen Sänger ähnlich erlebt und sie wäre mir allein schon die DVD wert gewesen. Im Terzett mit Amelia und Gabriele zeigt er dann eine Durchschlagskraft, die für mich nichts zu wünschen übrig lässt.
Auch im 3. Akt steigert er sich im Duett mit Furlanetto als Fiesco in eine Stimmstärke hinein, dass ich für mich persönlich diese Szene "Duett der Giganten" getauft habe. Den absoluten Höhepunkt (soweit das überhaupt möglich ist) liefert Hampson dann aber in der Sterbeszene. Schon beim "Gran dio, il benedici" halte ich regelmäßig den Atem an und kann mir nicht vorstellen, dass diese Ausdruckskraft jemals übertroffen werden könnte und das gipfelt dann in seinem letzen "Maria", das bereits nicht mehr von dieser Welt ist (vom Bild her leider mies, aber der Ton ist o.k.: http://www.youtube.com/watch?v=K8yR7jQfccQ ).
Überflüssig zu sagen, dass Hampson auch ein großartiger Schauspieler ist, der an etlichen Stellen zu seiner Stimmgestaltung eine Darstellungskraft hinzugibt, die seinesgleichen sucht und diesen Simon zu einem einzigartigen Erlebnis werden lässt. Da ist es nur folgerichtig, dass in dieser Inszenierung oft wenig bis praktisch keine Kulissen vorhanden sind - ich habe an keiner Stelle etwas vermisst und das Wenige wird sehr effektvoll eingesetzt.
Es ist leider ziemlich unfair, dass durch meine Schwärmerei für Hampson die anderen Sänger in den Hintergrund gerückt sind. Keiner von ihnen hat das verdient und oft genug ist es das wunderbare Zusammenspiel,das dem Ganzen die Krone aufsetzt.
Im Duett Fiesco-Simone des Prologs wird die Wut von Fiesco nicht nur durch die Musik, sondern unschlagbar auch durch Furlanettos Bass und das Zusammenspiel dieser beiden herrlichen Schauspieler ausgedrückt http://www.youtube.com/watch?v=UUMy0ViqLPA . Und niemand anderer kann das "Si", mit dem Fiesco Poalos Ansinnen eines Mordanschlags zurückweist, stolzer und verachtungsvoller singen als Furlanetto. Ganz zu schweigen von seiner Trauer und Reue im 3. Akt.
Gallardo-Domas und Dvorsky sind ein wunderbar temperamentvolles Liebespaar, das vor allem im 2. Akt die Funken sprühen lässt. Und Boaz Daniel hat hier einen rundum überzeugenden Paolo hingelegt.

Wenn man wie ich noch mehr ein Darstellungs-Junkie als ein Stimmen-Junkie ist, kommt man jedenfalls an dieser DVD nicht vorbei. Obwohl sie wie beschrieben auch stimmlich Höhepunkte bietet, die mich jedesmal wieder atemlos zurücklassen.
Ach so, bevor ich es vergesse: unabhängig von jeder Inszenierung ist der SIMON BOCCANEGRA für mich neben DON CARLOS und STIFFELIO eine der drei Opern, für die alleine Verdi die Aufnahme in den Opernhimmel gebührt.

Fortsetzung folgt bestimmt :wink

VG, stiffelio
Karolus Minus (29.07.2012, 23:03):
Liebe Stiffelio,

ich kenne die DVD nicht, habe aber 2003 exakt diese Besetzung in Wien gesehen - und kann Deine Begeisterung von daher nur bedingt teilen, weil es im Saal über weite Strecken leider ein ziemlich belnagloses Herumstehen war, aus dem Hampson und Furlanetto in ihren beiden gemeinsamen Szenen mittels Eigenarbeit und Persönlichkeit noch eine ganze Menge herausholten, aber von irgendeinem Konzept war für meine Begriffe nichts zu spüren.

Stimmlich waren Galliardo-Domas und Dvorsky ordentliches Repertoire, Furlanetto sicherlich deutlich darüber. Und Hampson? Natürlich hochintelligent seinen Möglichkeiten angepasst, sehr viel Piano, so daß ein kräftiges Mezzoforte schon sehr laut wirkte (sowas ist ja immer relativ). Aber die Donnerstimme für "Fratricidi" hat er nunmal nicht (aber die hatte Bruson eigentlich auch nicht, der ihm ja mit der Intelligenz des Singens vermutlich am nächsten war) und "losgehen" wenn es emotional wird, ist nun einmal seine Sache - durchaus im Interesse seiner Stimmbänder - auch nicht unbedingt.
Am Ende eine Leistung, vor deren Können ich den Hut ziehe, begeistert hat es mich im Saal aber nicht wirklich.

Lg
Karolus Minus
Severina (30.07.2012, 00:33):
Lieber Karolus,

das ist eine der DVDs, wo durch geschickte Schnitte eine Dramatik suggeriert wird, die man in dieser Intensität im Zuschauerraum nicht empfunden hat, da gebe ich Dir völlig Recht. Meine Meinung zu dieser Peter-Stein-Produktion liegt also irgendwo in der Mitte - ich halte sie insgesamt für nicht ganz so belanglos wie Du, aber auch nicht so toll wie Stiffelio. (Wobei man natürlich sagen muss, dass 2003 viele Details in der Personenführung nicht mehr so exakt funktionierten wie in der PR-Serie ein Jahr zuvor, die auch der DVD zugrunde liegt.)
Wirklich packend war immer das Zusammenspiel von Furlanetto und Hampson, das war großes Musiktheater, und in den Serien mit Boaz Daniel konnte auch der Paolo mithalten. Das war dann später leider nicht mehr der Fall. Die Besetzung des Gabriele Adorno ist meist problematisch, stimmlich am überzeugendsten fand ich Fabio Sartori, darstellerisch blieb er allererdings fast alles schuldig.

Aber meine Simone-Prägung erfolgte 20 Jahre früher, in der Strehler/Abbado-Produktion, die ich auch im Rückblick noch positiv bewerte, obwohl ich alles andere als ein Strehler-Fan bin. Aber für seine Begriffe war die Ausstattung des "Simon Boccanegra" beinahe minimalistisch. Ich weiß, dass ich damals schon von den ersten Klängen der Ouvertüe elektrisiert wurde und eine wohl lebenslange Liebe zu dieser Oper begann. Diese Liebe wurde damals aber nicht allgemein geteilt, denn trotz toller Besetzungen blieb in der ersten Serien der Stehplatz meist ziemlich leer. Viele empfanden den "Simon Boccanegra" inhaltlich verquast und musikalisch langweilig und meine flammenden Plädoyers für dieses Werk stießen in meinem Freundeskreis auf wenig Widerhall. Es dauerte wirklich Jahre, bis sich der Simone in Wien so richtig durchsetzen konnte.
Renato Bruson und Ruggero Raimondi hatten jahrelang ein Abonnement auf Simone und Fiesco, dazu kam meist Luis Lima als Gabriele Adorno und diverse Amelias (Riccarelli, Freni, Cotrubas, Zampieri....)
Bruson war ein sehr kultiviert singender, edler Simone, in der großen Ratsszene immer zu edel für meinen Geschmack. Da fehlte es ihm einfach an der nötigen Autorität, um glaubhaft zu machen, dass er die zerstrittenen Parteien zur Ordnung rufen konnte, aber auch an stimmlicher Durchschlagskraft. Da ist Hampson um vieles intensiver und mitreißender und es geht mir wie Stiffelio, dass ich bei der Verfluchung Paolos immer Gänsehaut bekomme. Bruson war immer als liebender Vater sehr überzeugend, und einige Passagen von ihm - das so unendlich zarte "Amelia" vor dem Einschlafen z.B. , habe ich noch immer im Ohr.

Aber die ultimative Einspielung ist natürlich die CD mit Cappuccilli, Ghiaurov, van Dam, Carreras und Freni, deren Würdigung ich aber gerne Rideamus überlasse :D!

lg Severina :hello

PS: Vergleiche ich die Wiener DVD mit der verstaubten MET-Produktion unter Levine (Chernov, Domingo.....), teile ich allerdings Stiffelios Begeisterung voll und ganz! Andere DVDs besitze ich nicht, denn bei meiner Lieblingsoper bin ich heikel, was die Besetzung betrifft, und irgendetwas stört mich immer. In der Aufzeichnung aus Wien z.B. Gallardo-Domas, die ich liebend gerne durch Krassimira Stoyanova ersetzen würde.
Rideamus (30.07.2012, 17:25):
Original von Severina

Aber die ultimative Einspielung ist natürlich die CD mit Cappuccilli, Ghiaurov, van Dam, Carreras und Freni, deren Würdigung ich aber gerne Rideamus überlasse :D!

lg Severina :hello


Na, das verpflichtet aber. :B

Leider habe ich drei Probleme damit, jetzt schon auf diesem Niveau in die Diskussion einzusteigen:

- da ist einmal mein Versprechen an stiffelio, mich intensiver der LUISA MILLER zu widemen. Das täte ich auch gerne, zumal das Versprechen ja noch nicht einmal zwei Wochen alt ist.

- auch wenn ich zu dem Kreis derer gehöre, die den SIMON zu ihrer Lieblingsoper von Verdi erkoren haben (noch vor DON CARLOS und OTELLO und neben FALSTAFF, der ja etwas ganz anderes ist), ist es doch eine Weile her, dass ich zuletzt in meine Aufnahmen hinein gehört habe. Bei der Tonaufnahme Abbados, die ich fast auswendig kenne, die als eine der ganz, ganz wenigen rundum perfekten Operneinspielungen aber ohnehin zum Pflichtstück einer jeden ernst zu nehmenden Sammlung von Verdi-Opern gehört, ist das nicht so wild, aber sonst...

- es gibt einen hervorragenden Thread in dem befreundeten CAPRICCIO-Forum, in dem auch Severina sehr viel Kluges geschrieben hat. Den habe ich gerade noch einmal durchgelesen, und mir fällt zur Oper gar nicht mehr so viel ein, was da noch zu ergänzen wäre. Wiederholen möchte ich mich aber auch nicht. Deshalb kann ich nur raten, dort einmal nachzulesen und dann hier weiter zu machen: http://www.capriccio-kulturforum.de/oper/563-verdi-simon-boccanegra-%E2%80%93-wendepunkt-hin-zur-musikdramatischen-reife/

Ansonsten nehme ich mir aber die angenehme Aufgabe vor, eine vergleichende Darstellung wenigstens meiner zehn TV-Mitschnitte und DVDs in Angriff zu nehmen. Ob ich allerdings gleich dreimal Domingo in der Titelrolle hören und sehen möchte, steht, bei aller Achtung vor seiner Leistung, die ich keineswegs gering schätze, auf einem anderen Blatt. Mit Abbados Aufnahme der Strehler-Inszenierung anzufangen, wäre mir aber geradezu ein Bedürfnis, das Ihr jetzt schon kräftig befeuert habt

Nur braucht das leider alles etwas Zeit. Und was wird derweilen aus Lieschen Müller?

:ignore Rideamus
Severina (30.07.2012, 17:53):
Lieber Rideamus,

nur kein Stress, bleibe ruhig einmal bei Lieschen Müller und Deinen Rätselauflösungen, der Simone läuft Dir/uns ganz bestimmt nicht davon. Ich habe im Moment auch nicht die Ausdauer, stundenlang vor dem Fernseher zu hocken, weil ich dann doch lieber draußen den im Moment angenehm temperierten Sommer genieße.

lg Sevi :hello
stiffelio (30.07.2012, 21:45):
Ihr Lieben,
hmmm, aktuell fühle ich mich hier im Forum gerade wie vor einem Schlemmerbuffet. Wo noch Solitaire den Ring-Thread wiederbelebt hat, weiss ich ja kaum, mit welchem Leckerbissen ich anfangen soll. Die Sommerpause verspricht jedenfalls, nicht langweilig zu werden.
:beer

Lieber Karolus,

vielen Dank für deinen Live-Eindruck, der mich einmal mehr überzeugt, dass es sich mit DVDs und Live-Opern wie mit dem sprichwörtlichem Vergleich zwischen Äpfel und Birnen verhält.
Live ist auch für mich das absolute, raumfüllende Volumen einer Stimme ein ganz wichtiger Punkt, im Heimkino ist das dank Tontechniker und Lautstärkeregler viel untergeordneter - da kommt es wirklich viel mehr auf die Differenz zwischen laut und leise an.
Und zumindest auf Konserve bewegen mich die leisen Töne eines Sängers oft mehr als seine lauten.
Ich werde Thomas Hampson - ebenso wie viele andere Sänger - wohl nie live erleben, deshalb beurteile ich ihn vermutlich auch anders als jemand, der ihn von Live-Auftritten, insbesondere in Riesenhäusern wie der WSO kennt. Und auf der DVD kann man dank Nahaufnahmen auch noch ganz andere schauspielerische Eindrücke bekommen als im Saal.
Was das Inszenierungskonzept angeht, so reicht es mir beim SIMON völlig aus, wenn das emotionale Feuerwerk, das in dieser Oper steckt, ohne weiteres Wenn und Aber sichtbar gemacht wird. Und das ist zumindest auf der DVD für mich (u.a. wieder mal dank Nahaufnahmen) 100%ig gelungen. Vom Saalerlebnis her kann ich mir durchaus vorstellen, dass die Akteure auf der leeren Riesenbühne manchmal etwas verloren gewirkt haben.

Liebe Severina,
Zur Strehler/Abbado-Produktion mit Cappuccilli, Ghiaurov, Freni und Luchetti von 1978:
die gibt es zur Zeit sogar zweimal in voller Länge auf youtube und ich habe erst kürzlich gemerkt, dass es tatsächlich nicht zwei verschiedene Schnitte des gleichen Opernabends, sondern zwei unterschiedliche Aufführungen sind.
Sogar bei der reduzierten Tonqualität kann ich spüren, dass hier viel größere, gewichtigere Stimmen am Werk sind, als auf der Stein-DVD. Aber ich entdecke keine einzige Szene, die schauspielerisch (also nicht stimmlich) ausdrucksvoller dargestellt ist.
Interessant gemacht finde ich die Szene im Prolog an Marias Totenbett, wo dank Spot-Scheinwerfer auf ansonsten stockdunkeler Bühne die Illusion erzeugt wird, dass Simone den Palazzo der Fiesci betritt und dennoch sichtbar bleibt. (In der Stein-Inszenierung wurde dieses Problem ja durch Glastüren gelöst.) Und die einzige Szene, die darstellerisch wenigstens heranreicht, ist die Umarmung von Simone und Amelia am Ende der ersten gemeinsamen Szene. Ansonsten...weder z.B. in dem Duett Fiesco-Simone im Prolog, noch im Terzett Amelia-Gabriele-Simone 2. Akt, noch im Duett Fiesco-Simone 3. Akt kann ich darstellerisch die Wucht der Emotionen empfinden, die die Stein-DVD vermittelt. Die kommt höchstens rein stimmlich rüber.
Dass es nicht unbedingt fair ist, eine Inszenierung von 1978 mit einer von 2002 zu vergleichen, ist mir klar. Und dass die Strehler/Abbado- Produktion bei entsprechender Tonqualität (oder sogar live) musikalisch sicherlich allererste Sahne ist/war, soll damit nicht in Abrede gestellt werden.

Dir, Rideamus, vielen Dank für den Link zum Capriccio-Thread. Ich hatte ihn vor längerer Zeit schon einmal ab der Charakterisierung der Amelia gelesen, aber den Anfang erst eben.

Fortsetzung folgt :wink
VG, stiffelio
Severina (31.07.2012, 00:00):
Liebe Stiffelio,

Cappuccilli habe ich live nie als Simone gehört, ich besitze nur die CD mit ihm. Aber ein begnadeter Schauspieler war er nie, eher ein Showman, also glaube ich Dir gerne, dass er Dich auf youtube nicht berührt hat.
Wie gesagt war MEIN Simone in unserer Strehler-Inszenierung fast ausschließlich Renato Bruson, der mich als liebevoller Vater immer überzeugte, nicht jedoch als Staatsmann.

Ich bin ja auch ein großer Hampson-Fan, pilgere demnächst zu einem LA mit ihm nach Grafenegg, aber stimmlich befand er sich zum Zeitpunkt des "Simon Boccanegra" nicht mehr ganz auf der Höhe seines Könnens. Aber durch seine intensive Darstellung machte er das natürlich wett.

Inzwischen ist die Peter-Stein-Inszenierung leider wirklich ziemlich heruntergekommen und bietet nur mehr langweiliges Stehtheater, speziell wenn Leute wie der zwar wunderschön singende, aber mit sehr wenig Persönlichkeit gesegnete Zejilko Lucic den Simone singen oder ein Leo Nucci, der sich prinzipiell um ein Regiekonzept nicht schert und macht, was er will.

lg Severina :hello
Billy Budd (31.07.2012, 09:46):
Hat jemand von Euch auch Franz Grundheber als Simon erlebt?
Billy :hello
pavel (31.07.2012, 11:07):
Von der Originalfassung gibt es bei Dynamic noch eine Aufnahme(mit Vittorio Vitelli, Francesco Ellero d'Artegna, Annalisa Raspagliosi und Warren Mok unter Renato Palumbo).
Diese Box enthält auch das Libretto (it/eng).
Im Verrgleich der beiden Fassungen fällt besonders schmerzlich auf, dass statt des Ratsbildes ein Volksfest stattfindet und einige der schönsten und intensivsten musikalischen Stellen (wie Fratricidi!!! Plebe! Patrizi! Popoloi ) fehlen.
Severina (31.07.2012, 11:34):
Original von pavel
Von der Originalfassung gibt es bei Dynamic noch eine Aufnahme(mit Vittorio Vitelli, Francesco Ellero d'Artegna, Annalisa Raspagliosi und Warren Mok unter Renato Palumbo).
Diese Box enthält auch das Libretto (it/eng).
Im Verrgleich der beiden Fassungen fällt besonders schmerzlich auf, dass statt des Ratsbildes ein Volksfest stattfindet und einige der schönsten und intensivsten musikalischen Stellen (wie Fratricidi!!! Plebe! Patrizi! Popoloi ) fehlen.

Nun ja, das wäre anno 1857 wohl kaum durch die Zensur gekommen! 1888 war Italien längst geeint, also konnten Boito und Verdi da patriotisch nachbessern!

lg Severina :hello
stiffelio (31.07.2012, 18:21):
Liebe Severina
Original von Severina
Wie gesagt war MEIN Simone in unserer Strehler-Inszenierung fast ausschließlich Renato Bruson, der mich als liebevoller Vater immer überzeugte, nicht jedoch als Staatsmann.
Es gibt ein winziges Schnipselchen von dem Duett Raimondi-Bruson vor dem Finale auf youtube http://www.youtube.com/watch?v=zP_mUd4SQ4A.
Da agiert Bruson ja auch eher als Vater denn als Staatsmann, aber was ich ganz grob von der Darstellung erahnen kann, gefällt sie mir in dieser Szene eher besser als Cappuccillis. Ich denke, wenn das mein Ersterlebnis mit dieser Oper gewesen wäre, hätte sie mich auch absolut fasziniert.

Inzwischen ist die Peter-Stein-Inszenierung leider wirklich ziemlich heruntergekommen und bietet nur mehr langweiliges Stehtheater
Umso schöner, dass es wenigstens diese wunderbare DVD davon gibt. :wink

Bis bald,
stiffelio

P.S.: Lieber Rideamus (oder auch an jeden anderen, der die folgende DVD kennt),
mich würde speziell deine Einschätzung der DVD mit Carlo Guelfi unter Abbado interessieren - natürlich nur, wenn du sie dir dafür jetzt nicht extra anschauen musst. Ist die etwas für einen Darstellungs-Junkie wie mich?
Rideamus (01.08.2012, 09:06):
Liebe Stiffelio,

ich muss und werde mir die DVD in Kürze noch einmal eigens anschauen, zumal ich das ja ohnehin vorhatte, habe aber eine vage Erinnerung, dass die Inszenierung sich nicht so wesentlich von der Wiener mit Thomas Hampson unterscheidet. Das wäre auch kein Wunder, sind doch beides Regiearbeiten von Peter Stein.

Erst aber möchte ich bei Lieschen Müller bleiben und mir ein paar Gedanken zur Strukturierung des Opernforums machen, wenn's recht ist. Und das Rätsel will ja auch noch weiter aufgelöst werden.

:hello Rideamus
stiffelio (01.08.2012, 18:22):
Lieber Rideamus,

ja, man kann vom Cover erahnen, dass es die gleichen Kostüme und das gleiche Bühnenbild sind. Aber wie schon Severina sagte, kann diese Inszenierung ohne engagierte Darsteller sicher leicht zur Stehpartie werden. Deshalb bezog sich meine Frage eigentlich darauf, ob die Sänger den Wienern darstellerisch das Wasser reichen können.
Ist aber bei Hampson/Furlanetto als Vergleich sicher schwer.

Ich warte dann mal, bis sie bei dir "dran" ist.

VG, stiffelio
stiffelio (02.08.2012, 21:03):
Ihr Lieben,

ich möchte ausgehend von der o.g. DVD

einige Szenen näher beschreiben, weil sich daraus auch Rückschlüsse auf den Charakter der Opernrollen und manche Fragen dazu ergeben.

Die erste meiner Lieblingsszenen ist das Zusammentreffen von Simone und Fiesco im Prolog: Simone eilt mit ausgesteckten Armen auf Fiesco zu und prallt vor dessen gezogenem Schwert mit erhobenen Händen zurück. (Absolut grandios die Darstellung der Wut Fiescos in der Musik!!). In der gesamten Szene wird eines sehr deutlich: So sehr sein Stolz Fiesco gebietet, Simone im Kampf zu töten, so zuverlässig verbietet der gleiche Stolz ihm, einen Wehrlosen zu erschlagen. Simone weiß das genau (je drohender Fiesco das Schwert zückt, desto höher hebt er die Hände) und versucht seinerseits, Fiesco mit Gesten der Unterwerfung die Vergebung geradezu abzuringen. Fiesco WILL Simone töten, aber er KANN es nicht. Begeistert greift er wieder zum Schwert und erhofft den Kampf auf Leben und Tod, als Simone beginnt: "Vuoi col sangue mio placarti?"- und stösst es enttäuscht in die Scheide zurück, als Simone mit den Worten "Qui ferisci..." vor ihm niederkniet. In dieser Szene ist praktisch jeder Satz mit der entsprehenden Gestik unterstrichen und das macht diese Auführung so ungeheuer lebendig: wenn Fiesco Simone die bittende Hand wegschlägt, wenn Simone zusammenzuckt, als Fiesco von der "impuro amor" zwischen Maria und Smone spricht, wenn Simone sich verzweifelt abwendet, als Fiesco auf seine Tochter zu sprechen kommt usw. usw.

Meine nächste Lieblingsszene ist (natürlich) das Zusammentreffen von Simone und Amelia im 1. Akt. Ganz nebenbei verdient sich hier Boaz Daniel als Paolo einen Oscar, wenn er Amelia zu seinen Worten "Oh qual beltà!" mit Blicken bedenkt, die mich vor dem Gedanken erschauern lassen, wie eine Brautnacht zwischen den beiden aussähe. Auch wenn Paolo vom Libretto "nur" als feiger Intrigant begriffen werden könnte, ist er in dieser Inszenierung mit einer Schwärze unterlegt, die ihresgleichen sucht. Gallardo-Domas spielt eine sehr selbstbewusste Amelia, wenn ihr die Mimik auch manchmal ins Grimassenhafte abgleitet. Ich finde das durchaus rollendeckend, auch wenn es sicherlich alternative Darstellungsmöglichkeiten gibt. (Es würde mich interessieren, was Severina an ihr auszusetzen hat?) Sie weiss sehr genau, was die Begnadigung ihrer Brüder zu bedeuten hat; das lässt ihre Miene erkennen, als sie ihrer Begleiterin das Begnadigungsschreiben weitergibt und sie setzt ihre Waffe dagegen - die Enthüllung ihrer niedrigen Herkunft - sehr bewusst und keinesfalls im blinden Vertrauen auf die Güte des Dogen ein.
Mimik, Gestik UND Tonfall von Hampson spiegeln hier mal wieder jede seiner Emotionen, z.B. in seinem ahnungsvollen Erschauern bei den Worten "In Pisa tu?" und wenn er sich voller Angst vor dem entscheidenen Moment abwendet, als er Amelia das Bild von Maria überreicht. Die Abschiedsblicke der beiden am Ende dieser Szene sagen dann mehr als tausend Worte und Simones "Figlia" kommt mit unendlicher Zartheit und ohne künstliche Überdehnung daher.

In der Ratsszene bin ich mit folgenden Fragen nicht zu Rande gekommen: Bei der Beobachtung des Volksaufstandes singt Simone über Gabriele: "An seiner Seite kämpft ein Guelfe". Woran erkennt er das? Trugen die Guelfen eine bestimmte Tracht? Und Fiesco soll doch als Mönch verkleidet gewesen sein. Trugen die auch guelfische Symbole?
Dann singt Fiesco nach Simones Fratricidi-Arie: "O patria! a qual mi serba vergogna il mio sperar! Sta la città superba nel pugno d'un corsar!". Da werde ich aus dem ersten Satz, der in meinen Untertiteln mit "wie sehr bereitet mein Hoffen mir Schande" übersetzt ist, nicht ganz schlau. Sieht er hier ein, dass seine Hoffnung auf Kampf das Verderben der Stadt wäre? Aber wie passt das dann zum zweiten Satz?
Ebenso gibt das Zusammentreffen von Paolo und Fiesco zu Beginn des 2. Aktes mir Rätsel auf: Wieso gesteht Fiesco Paolo ohne jede Not, dass er einen Aufstand der Guelfen gegen Simone plant? Einfach nur (geradezu selbstmörderischer) Stolz? Wieso verschleiert er dann überhaupt seine Identität, wenn er auf die erstbeste Frage seine Pläne gegen Simone preisgibt? Selbst wenn er Paolo hier schon als Gegner von Simone erkannt haben sollte: er traut ihm doch ganz offensichtlich nicht über den Weg.
Paolo besticht mich in diese Szene durch seine bei aller Verschlagenheit verführerische Eleganz. Beim "questo Doge..." bewegt er sich geradezu tänzerisch, ebenso wie bei seinem Abgang, der mit dem Erlöschen des Lichtes in den Türfüllungen zu Paolos Worten "von hier ist dir jeder Ausgang verschlossen" für mich zu den stärksten Kulissen-Regieeinfällen der Inszenierung zählt.

Dvorsky spielt den wutbebenden, vor Eifersucht berstenden Gabriele der nächsten Szenen sehr ausdrucksvoll und überzeugend. Da nehme ich es in Kauf, dass das durchaus auch mal auf Kosten der Schönheit des Gesangs geht und einige Töne auf mich sehr forciert wirken. Überhaupt übertrifft für mich der 2. Akt als Gesamtpaket an Spannung sogar die Ratsszene: der vergiftete Kelch im Rampenlicht, wie Simone nach ihm greift, sich dann doch nochmal abwendet bevor er sich endgültig zum Trinken anschickt, das könnte geradezu von Hitchcock inszeniert sein. (Und noch eine Frage an Severina: hat Bruson das "Amelia" vor dem Einschlafen tatsächlich noch zarter hinbekommen??)
Ebenso spannend dann das Gerangel zwischen Amelia, Gabriele und Simone und absolut unnachahmlich dann der Blick, mit dem Simone Gabriele nach dessen entsetzten Ausruf "Du bist ihr Vater!?" ansieht. Er sagt für mich ungefähr: "Ja, ich bin ihr Vater. Ich hätte jedes Recht, eure Beziehung zu unterbinden. Und doch nützt mir das nichts, denn ich habe ihr Herz an dich verloren: sie verteidigt dich auch dann noch, wenn du mein Feind bist. Und dagegen bin ich machtlos, denn ich will nicht ihren Gehorsam, sondern ihre Liebe - du hast gewonnen."
Von nichts ist Simone hier weiter entfernt als von Triumphgefühlen, obwohl die angesichts der Bestürzung von Gabriele durchaus nachvollziehbar wären.

Im 3. Akt fehlen mir dann spätestens ab Simones Arie "Il mare" langsam aber sicher die Worte für das, was sich da auf der Bühne abspielt. Fiesco treibt den entsetzten Simone mit seiner Donnerstimme geradezu über die Bühne und sowohl Gestik als auch Tonfall triefen im "I morti ti salutaro!" vor Hohn und Genugtuung. Umso stärker wirkt seine Reue beim "Piango, perché mi parla...". Die zögernde, gestisch lang vorbereitete Umarmung der beiden fällt hier zusammen mit Simones Zusammensacken aufgrund des Giftes.
Ich denke, es ist kein Zufall, dass die Anordnung der Personen in Simones Sterbeszene Erinnerungen an Pieta-Darstellungen wecken. Und wie schon mehrfach gesagt: Absolut niemand stirbt stimmlich und darstellerisch so berührend wie Hampson als Simone (obwohl auch z.B. Domingo da Beeindruckendes geleistet hat), gerade weil er nicht - wie in den meisten Inszenierungen - am Ende wie ein Baum umfällt, sondern langsam in Amelias Armen verlöscht.
Die letzte Geste, die mich dann zutiefst beindruckt hat, ist Fiescos leises, trauervolles Kopfschütteln zum "E morto...", bevor das Volk von Genua den aufgebahrten Simone zum Klang der Glockenschläge langsam umringt und geradezu einhüllt...

Sorry für die Detailfülle, die hier sicher nicht jeden interessiert, aber diese Aufnahme reißt mich eben immer wieder dahin.
Wer kann mir eine Aufnahme mit einer auch nur halb so eindrucksvollen gestisch-mimischen Darstellung nennen? Ich würde sie sofort kaufen! Meine anderen sieben Aufnahmen mit 3xDomingo, Cappuccilli, Chernov, Milnes und Frontali (Details das nächste Mal) sind es, trotz unbestreitbarer Vorzüge in einzelnen Punkten, jedenfalls nicht.

VG, stiffelio
stiffelio (08.08.2012, 16:12):
Ihr Lieben,

hier also meine Geschichte mit dem SIMON BOCCANEGRA, die dann auch in eine kleine DVD-Diskographie mündet:

Es war noch in der Säuglings- bis Kleinkindzeit meiner Opernleidenschaft, als mir beim youtube-Surfen unvermutet die Schlussszene mit - man glaubt es nicht - der bereits vielzitierten Cappuccilli-(Video)Aufnahme über den Weg lief. Ohne zu wissen, was das für eine Oper ist und ohne ein Wort von dem gesungenen Text zu verstehen, war ich trotzdem tief beeindruckt von dieser Szene und habe erstmal meinen Opernführer herausgekramt (da standen dann rückblickend so ulkige Sachen drin wie: Fiesco habe Gabriele die Hand von Amelia nur unter der Bedingung versprochen, dass er sich dem Kampf der Guelfen anschließe - wo der Autor das herhat, ist mir schleierhaft :B) und beschlossen, dass ich mich mit dieser Oper näher beschäftigen muss. Die Recherche bei a...n ergab, dass eine DVD mit Cappuccilli nicht im Handel war (ich hätte sie sofort gekauft) und so musste ich mich wohl oder übel für eine andere Inszenierung entscheiden.
Der Name Domingo sagte mir bereits damals etwas :wink, ich konnte mich nur nicht zwischen MET und ROH entscheiden und so habe ich kurzerhand beide bestellt. Durch einen Bestellungsfehler erwischte ich dann auch noch nebenbei die Aufnahme mit Chernov dazu, weil ich nicht gemerkt hatte, dass Domingo da "nur" den Gabriele singt.

So weit, so gut - von der ROH hatte ich mir bereits die Szene Amelia-Simone im ersten Akt auf youtube angeschaut (mal wieder ohne zunächst ein Wort vom Text zu verstehen) und das "Fiiiglia" von Domingo hatte mich endgültig überzeugt, dass ich diese Oper haben muss. Die MET-Aufnahme kam dann ein paar Tage früher an und so wurde sie mein erstes vollständiges SIMON-Erlebnis:

Domingo/Morris/Pieczonka/Giordani - Levine, MET 2010

Gegen konventionelle Kulissen per se habe ich auch heute noch nichts einzuwenden und damals war ich eher noch konservativer geprägt.
So hat mir diese DVD keinesfalls schlecht gefallen, die Schlüsselszenen kann ich mir heute noch aus dem Kopf abrufen, auch das Finale. Da ich Furlanetto als Fiesco noch nicht kannte, hatte es Morris nicht schwer, mich mit seiner Fiesco-Darstellung zu überzeugen (ich mag ihn aber auch heute noch in dieser Rolle) und Domingo liefert auch darstellerisch hier seine meiner Meinung nach beste Sterbeszene. Dass Frau Pieczonka die Amelia singt und ich sie somit unbewusst doch schon vor ihrer Bayreuth-Senta erlebt habe, ist mir tatsächlich erst vor einigen Tagen aufgefallen.

Domingo/Furanetto/Poplavskaya/Calleja/Summers/Jakobski - Pappano, ROH 2010

Die ROH-Aufnahme war dann aber auch rückblickend der noch größere Wurf. Sie ist neben der Stein-Inszenierung bisher auch die einzige geblieben, die ich mir mehr als einige Male angeschaut habe. Domingo ist als Gesamtpaket mindestens so gut wie in der MET, Furlanetto ist umwerfend und auch wenn ich mir damit hier vermutlich wenig Freunde mache: ich mag Calleja in der Rolle des Gabriele! Amelia wird hier von Frau Poplavskaya deutlich mädchenhafter, zurückhaltender gespielt als von Gallardo-Domas in der Stein-Inszenierung und mit Calleja passt das darstellerisch und stimmlich gut zusammen. Sie harmonieren auf ihre Weise genauso wie Gallardo-Domas und Dvorsky, auch wenn ich diese Paare nicht würde mischen wollen. Auch wenn ich hier im Forum inzwischen vom "Mecker-Vibrato" von Calleja gelesen habe und nachvollziehen kann, was damit gemeint ist: es ist mir beim ersten Hören gar nicht aufgefallen, jedenfalls nicht negativ. Er singt längst nicht so furios wie Dvorsky, aber auch nicht so forcierend, die Töne kommen für mein Ohr mit einer wunderbaren Leichtigkeit, die einen schönen Kontrast zu Dvorsky bildet. Genau wie Frau Poplavskaya strahlt er zwar eher "Sanftheit" aus als das Paar Dorsky/Gallardo-Domas, kann aber in Schüsselszenen durchaus Energie vermitteln. Ich habe noch von keiner Amelia das "D'amor santo", mit dem sie Gabrieles Anschuldigung im 2. Akt zurückweist, so entschieden gehört wie von Frau Poplavskaya.
Zusammenfassend gibt es auf dieser DVD vieles, was mir sehr gut gefällt, einiges, was mich nicht so überzeugt, aber nichts, was ich völlig ablehne.

Chernov/Lloyd/Te Kanawa/Domingo/Pola/Tian - Levine 1995

Die DVD mit Chernov brachte mir demgegenüber nichts wirklich Überwältigendes, was sich in meiner Erinnerung festgegraben hätte. Soo aufregend war die Inszenierung dann doch nicht, dass ich sie gleich in zwei Besetzungen gebraucht hätte... :wink

s.o.

"Modernen" Inszenierungen stand ich damals noch recht skeptisch gegenüber, so dass es einige Zeit dauerte, bis ich mich an die Stein-Inszenierung heranwagte. Naja, was soll ich noch sagen - die Sternstunden, die mir diese DVD bescherte, hab ich ja schon mehr als ausführlich geschildert. Ich habe sie auch in den letzten Tagen noch einige Male angehört und kann Karolus zustimmen, ohne dass das meine eigene Begeisterung schmälert: die Stellen, die ich bei Hampson als "dröhnend" empfunden habe, sind verglichen mit anderen Interpreten tatsächlich oft "nur" kräftiges (Mezzo)forte, der Kontrast zum Pianissimo sorgt für den lauteren Höreindruck. Eine Ausnahme bildet das "Sopra l'ali della gloria" im Prolog - da fliegen mir tatsächlich die Ohren weg, ohne dass ich sicher sagen könnte, ob das am Tontechniker oder an Hampsons ausgeruhten Stimmbändern liegt. Und in der Ratsszene sorgt z.B. seine Gestik beim "In die Scheide die Schwerter!" für die nötige Autorität, ohne dass er sie an dieser Stelle allein mit seinen Stimmbändern erzeugen müsste. Was mir aber viel wichtiger ist: Hampson gestaltet an vielen der weiter oben im Thread genannten Stellen auch rein stimmlich einzelne Silben mit einer Intensität, die ihresgleichen sucht (ähnlich kenne ich das nur von Roman Trekel in "O du mein holder Abendstern"). Das mag allgemein für einen Liedsänger angemessener erscheinen als für einen Opersänger - ich liebe es auch in der Oper!

Milnes/Plishka/Tomawa-Sintow/Moldoveanu - Levine, MET 1984

Da ich Sherill Milnes als Sänger auch durchaus schätze, kam dann nach angemessener Pause auch noch seine DVD hinzu. Bleibenden Eindruck hat sie trotzdem nicht hinterlassen, was an Frau Tomawa-Sintow als Amelia gelegen haben mag, mit der ich mich nicht so recht anfreunden konnte.
Aber nach der Stein-DVD lag die Messlatte vermutlich auch einfach zu hoch.

Ähnliches gilt für meine beiden letzten Neuerwerbungen des SIMON:
Frontali/Prestia/Giannattasio/Gipali/Vratogna/Rota - Mariotti, Bologna 2007

und Domingo/Furlanetto/Harteros/Sartori/Cavalletti/Panariello - Barenboim, Scala 2010.


Beide bieten für meinenGeschmack sehr anständige Umsetzungen des SIMON mit guten bis hervorragenden Sängern. Gegen die Stein-DVD konnten sie trotzdem nicht anstrahlen. Giuseppe Gipali wurde in einer Rezension für sein temperamentvollen Spiel als Gabriele gelobt, ich konnte allerdings kein überdurchschnittliches Temperament in seiner Rollengestaltung bemerken.

Durch diesen Thread schloss sich mit Cappuccilli dann wieder der Kreis. Noch heute würde er mich im Ersterlebnis tief beeindrucken, wäre ich inzwischen nicht durch Hampson verdorben. Und so bin ich weiterhin auf der Suche nach SIMON-Inszenierungen, die für mich damit stimmlich und darstellerisch mithalten können und ahne doch, dass es dazu geradezu einer Jahrhundertinszenierung bedürfen würde.
Wenigstens wisst ihr jetzt, bei welchen Aufnahmen ich ansatzweise mitdiskutieren könnte und bei welchen nicht. :wink

VG, stiffelio
Rideamus (08.08.2012, 17:38):
Liebe Stiffelio,

danke für diese ausführliche Darstellung. Ich habe den SIMON nicht vergessen, hänge aber noch immer an der LUISA MILLER, die ich nach der Auflösung meines Rätsels in Anmgriff nehmen will, nachdem ich jetzt schon sporadisch in die Inszenierung aus Venedig geblickt habe, die ja, wie die Oper selbst, von Akt zu Akt besser wird.

Der SIMON BOCCANEGRA muss also noch ein bisschen warten, aber vorab kann ich schon sagen, dass meine Präferenzen bei Cappuccilli, Hampson und Chernov liegen - in dieser Reihenfolge. Bei Domingo fehlt mir trotz aller Bewunderung auch für seine darstellerische Leistung einfach das Fundament der Partie, denn sie liegt zwar in der Tat für einen Bariton recht hoch, braucht aber die Tiefen um gegen Fiesco zu bestehen und gegenüber Gabriele und Amelia die rechte Autorität und Väterlichkeit aufzubringen. Immerhin ist er als Doge deutlich besser denn als Hofnarr, als Gabriele Adorno aber am besten (nach Carreras).

Welchen Cappuccilli meinst Du eigentlich? Den mit Freni in der Scala oder mit Caballé in Orange?

Es gibt übrigens auch noch einen recht guten aus London mit Alexandru und Te Kanawa, aber da Du die Inszenierung Moshinskys schon mit Domingo kennst, musst Du den nicht unbedingt haben. Als sehens- und vor allem hörenswert erinnere ich auch noch Abbados zweite TV-Aufnahme aus FLorenz von 2002, in der Peter Stein seine Wiener Inszenierung variiert. Carlo Guelf, Karita Mattila und Vincenzo LaScola sind hier die Protagonisten, aber um zu denen etwas sagen zu können, müsste ich sie mir mal wieder aufmerksam ansehen. Dito die 1997er Aufführung Daniel Orens in Monte Carlo mit Leo Nucci, Fiorenza Cedolins und Ruggero Raimondi

:hello Rideamus
Karolus Minus (08.08.2012, 18:13):
Liebe Stiffelio,

rein vom sehen her tendiere ich zur Domingo-Version vom Covent Garden, die ist ästhetisch für meinen Geschmack gelungen und bei aller konservativen Grundrichtung nicht plüschig, im Gegensatz zu den beiden Met-Versionen, wobei Morris für mich auch kein Fiesco - mehr - ist, weil er zum einen weit über seinen stimmlichen Zenit hinaus war und zweitens von Haus aus ohnehin kein Basso profondo war, den man für meine Ohren für die Partie braucht.

Bei Stein hab ich halt meine Vorbehalte wegen der gesehenen Vorstellung; genauso übrigens bei Domingos Scala-Version, die ich in Berlin auf der Bühne gesehen habe. Eine wirklich unbedeutende Produktion mit finster herumlaufenden Verschwörern und reichlich stehengelasssenen Protagonisten. Die Solisten waren dort fast identisch außer einem anderen Paolo und Kwangchul Youn als wirklich grandiosem Fiesco, der für mich stimmlich noch vor Furlanetto kommt.

ich hab beim blättern in den Akten ohnehin feststellen müssen, daß ich das Werk doch erstaunlich oft live gesehen habe in insgesamt 6 verschiedenen Inszenierungen, wobei optisch allerdings nur Schenk in München (wegen der ausnehmend schönen Bühnenbilder) und die wirklich überzeugende Inszenierung von Klaus Guth in Hamburg (mit Grundheber) hängen geblieben sind; ein Zeichen wohl auch dafür, daß das Werk anscheinend auch für den Regisseur eine sperrige Angelegenheit ist.
Lg
Karolus Minus
stiffelio (08.08.2012, 18:48):
Lieber Rideamus,

ich weiß doch, dass bei dir noch eine Menge ansteht, bevor der SIMON dran ist. Aber ich habe nunmal gerade jetzt ein paar Tage Urlaub :wink und die wollte ich zum Schreiben nutzen, bevor ich im Alltag dann wieder nicht dazu komme.

Ich kenne Cappuccilli nur von Youtube und in Gänze gibt es da nur die Aufnahme mit Freni in der Scala, auf die ich mich beziehe.

Lieber Karolus,

ja, von der Bühnengestaltung her sagt mir die Aufnahme aus Covent Garden auch durchaus zu.
Kannst du noch etwas von der Guth-Aufführung mit Grundheber erzählen? Ich kann mir vorstellen, dass Grundheber nochmal ein ganz anderer Simone ist. Und was konkret hat dich in der Inszenierung so überzeugt?

VG, stiffelio
Severina (11.08.2012, 15:27):
Liebe Stiffelio,
mit einiger Verspätung, aber doch, möchte ich auf Deine tolle DVD-Analyse vom 2.8. eingehen, wo ich in allen Punkten mit Dir einer Meinung bin.
Du wirfst auch einige Fragen auf, die ich zunächst einmal zu beantworten versuche:

Dann singt Fiesco nach Simones Fratricidi-Arie: "O patria! a qual mi serba vergogna il mio sperar! Sta la città superba nel pugno d'un corsar!". Da werde ich aus dem ersten Satz, der in meinen Untertiteln mit "wie sehr bereitet mein Hoffen mir Schande" übersetzt ist, nicht ganz schlau. Sieht er hier ein, dass seine Hoffnung auf Kampf das Verderben der Stadt wäre? Aber wie passt das dann zum zweiten Satz?

Das ist wieder einmal eine dieser typisch sinnentstellenden Übersetzungen, die speziell bei Untertiteln (Wo Knappheit oberstes Gebot ist!) immer wieder passieren. In meinem Libretto wird der Satz so übersetzt, und da passt er dann perfekt zum zweiten Teil:
"Wie wird so bald, o Heimat, zuschanden all mein Hoffen!"

Deine zweite Frage betrifft Fiescos in Deinen Augen voreiliges Geständnis gegenüber Paolo, dass er einen Aufstand gegen Simone plane. Nun, wozu noch etwas leugnen, was bereits evident ist? Er sitzt ja bereits im Gefängnis, sein Todesurteil ist unterzeichnet, die Liste mit den Verschwörern längst in Simones Händen. Paolo lässt ihn ja extra aus dem Kerker holen, weil er - seinen eigenen miesen Charakter als Maßstab nehmend - hofft, dass Fiesco zum willigen Mordwerkzeug wird, um sein Leben zu retten. Paolo will zwar Simones Tod, ist aber zu feige, das selbst zu erledigen, obwohl er mehr als genug Möglichkeiten dazu hätte.
Aber er verrechnet sich in Fiesco, denn der ist ein Ehrenmann. Er will zwar Simones Sturz, aber nicht durch feigen Mord.
Auch Gabriele Adorno ist ja erst dann zu der Drecksarbeit bereit, als Paolo geschickt seine Eifersucht weckt und Simone nicht nur als politischen Gegner, sondern gemeinen Verführer von Amelia hinstellt.

Dann zu Gallardo-Domas: Das ist so einer dieser Fälle, wo man sein Unbehagen nicht genau definieren kann. Mich berührt diese Stimme einfach nicht, und vom Spiel her finde ich G-D immer ein wenig steif.
Ich höre eben, angeregt durch Deine Fragen, meinen uralten Privatmitschnitt von der Vorstellung 1987 mit Bruson, Raimondi und Zampieri an. (Nach 25 Jahren ist dieses kriminelle Delikt wohl verjährt, dass ich damals heimlich aufgenommen habe, und ich darf es hier erwähnen :engel) Nein, die Zampieri ist stimmlich alles andere als eine ideale Amelia, viel zu expressiv, oft schrill in der Höhe, und trotzdem reißt sie mich wesentlich mehr mit.

Renato Bruson besaß 1987 eine noch völlig intakte, weich strömende Stimme, während Hampson zum Zeitpunkt des Wiener Simone über seinen Zenit schon hinaus war.
Ja, und sein traumverlorenes "Amelia....! gefällt mir immer noch besser als das von Hampson (Aber nur um winzige Nuancen!), was aber vielleicht auch an Claudio Abbado liegt, der da mit den Philis einen irisierenden Klangteppich wob, der nicht mehr von dieser Welt war. Die intensive Sogwirkung dieser wenigen Takte spüre ich noch in der Erinnerung in meiner Magengrube. Und solche magischen Momente prägen und verderben einen einfach ein bisschen für alles Nachfolgende.
Wo Hampson aber natürlich meilenweit vor Bruson liegt, sind Bühnenpräsenz und Spiel. Bruson sang immer wunderschön und blieb immer ein bisschen langweilig.
Hampson hingegen fegt mit seiner Persönlichkeit stets alle meine Einwände hinweg, die ich bezüglich seines Singens eventuell hätte. (Nur mit seinem Gebrülle als Germont gelingt ihm das in letzter Zeit nicht mehr, das ist für meine Ohren zu viel des Schlechten!)

Deshalb ist auch eine meiner Gänsehautstellen die, in der Simone Paolo dazu bringt, sich selbst zu verfluchen. Wie Hampson ihn da Kraft seiner Autorität, seiner Persönlichkeit, langsam auf die Knie zwingt, bis er sich wie ein Wurm verzweifelt am Boden krümmt, dazu die unverhohlene Verachtung, die in seiner Stimme liegt, der Ausdruck seiner Augen, das gefährlich leise letzte "Sia maledetto!" - das ist in Summe die beste Interpretation dieser Szene, die ich je erlebt habe.
Und gerade in ihr zeigt sich die inzwischen leider eingetretene Verschlampung der Stein-Inszenierung am deutlichsten, weil kein Simone-Paolo-Duo das auch nur annähernd so hinbringt wie Hampson und Daniel. Nucci blieb überhaupt auf seinem Thron sitzen und der arme Daniel, der sich brav an die Regie hielt, handelte sich negative Puiblikumsreaktionen für sein "blödsinniges Herumrollen am Boden" ein (Das ja tatsächlich als Solo keinen Sinn macht!), Lucic bequemte sich zwar über die Stufen herunter, aber fürchten musste sich vor ihm kein Paolo.
Also preise Dich glücklich mit der DVD, und falls Du je traurig sein solltest, dass Du unseren Simone nicht live sehen kannst, dann tröste Dich mit der Gewissheit, dass Du wahrscheinlich bitter enttäuscht wärst!

lg Sevi :hello
stiffelio (11.08.2012, 17:45):
Liebe Severina,

vielen Dank für deine Antwort, auf die ich natürlich gehofft hatte :D.

Meine erste Frage hast du mit deinem Libretto auch sehr schlüssig beantwortet.

Das einzige, was mir immer noch nicht einleuchtet, ist Fiescos Geständnis gegenüber Paolo. Er ist zwar gefangengesetzt, aber ich habe das immer im Zusammenhang mit Gabriele gesehen, dem ja vom Dogen zugesichert wurde: "Diese Nacht nur halte ich dich fest, bis die Verschwörung (zu Amelias Entführung) völlig geklärt ist." Ich habe da keinen direkten Zusammenhang zu der Verschwörung der Guelfen gegen Simone gesehen. Auch wenn Lorenzino in beide Verschwörungen verwickelt war: er ist ja tot und kann nichts mehr verraten. Ein Todesurteil gegen Fiesco (das ja dann schon Jahre bis Jahrzehnte alt sein muss - Simone geht ja davon aus, dass Fiesco schon lange tot ist) mag existieren, aber zum Zeitpunkt des Geständnisses weiß Fiesco doch noch gar nicht, dass Paolo seine Identität durchschaut hat.
Auch, dass einige Szenen weiter eine Liste der Guelfen-Verschwörer in Simones Händen ist, habe ich nie in direktem Zusammenhang mit der Festsetzung von Gabriele und Fiesco gesehen. Und Fiesco, der ja direkt nach der Ratsszene festgesetzt wurde, kann doch auch unmöglich von dieser Liste wissen. Es sei denn, es hätten seit der Ratsszene noch Verhöre stattgefunden, die in der Oper nicht thematisiert werden. Aber das ist reine Spekulation.
Letztlich hätte Paolo, wenn das alles so evident ist, ja auch gar keine Frage stellen müssen, sondern lediglich konstatieren können: "Du weisst, der guelfische Aufstand ist längst verraten - deine einzige Chance auf Rache ist es, Simone selbst zu töten."
Na gut, das Frage-Antwort-Spielchen ist natürlich bühnenwirksamer. Aber logisch einleuchten tut es mir immer noch nicht (was freilich bei Opern bekanntermaßen nichts Besonderes ist :wink).

Über den Rest sind wir uns ja weitgehend einig, mit Abstrichen vielleicht bei Gallardo-Domas, der ich nach wie vor ein durchaus expressives Spiel zugestehen würde (wozu natürlich auch die Interaktion mit ihren Partnern beiträgt). Aber möglicherweise fehlen mir da einfach nur die noch besseren Alternativen. Immerhin hat sie aus meiner Sicht keine Mühe, keine geringere als Karita Mattila in der Florenzer Stein-Inszenierung darstellerisch zu toppen. Wenn du dich zu einem kurzen youtube-Ausflug überwinden kannst: http://www.youtube.com/watch?v=Rnh0yApZXak . Allein bei Amelias "Ah pieta!" (bei 2:25) wirkt Mattila auf mich wie eine Gouvernante, die streitende Kinder trennt, während Gallardo-Domas sich durchaus ernst zu nehmend zwischen Simone und Gabriele wirft.

Ich habe übrigens noch nie Verlangen nach einem Live-Erleben der Stein-Inszenierung verspürt - schon gar nicht ohne Hampson&Co. Aber auch sonst war mir immer klar, dass die DVD mir ein wesentlich eindrücklicheres Erlebnis bietet, schon allein wegen der Großaufnahmen.

VG, stiffelio
Karolus Minus (11.08.2012, 17:52):
Original von stiffelio
Lieber Karolus,

ja, von der Bühnengestaltung her sagt mir die Aufnahme aus Covent Garden auch durchaus zu.
Kannst du noch etwas von der Guth-Aufführung mit Grundheber erzählen? Ich kann mir vorstellen, dass Grundheber nochmal ein ganz anderer Simone ist. Und was konkret hat dich in der Inszenierung so überzeugt?

VG, stiffelio

Liebe Stiffelio,
hab deine Anfrage irgendwo überhaupt nicht registriert und gerade erst bemerkt. Werde versuchen, morgen darauf zu antworten.
Lg
Karolus Minus
stiffelio (11.08.2012, 18:14):
Original von Karolus Minus
Werde versuchen, morgen darauf zu antworten.

:leb
VG, stiffelio
Severina (11.08.2012, 18:49):
Liebe Stiffelio,

ich fürchte, mit den Gesetzen der Logik kommt man beim Simone nicht weiter, da spießt sich so manches. (Schon die nachhaltige Liebesbeziehung zwischen einer doch sicher wohl behüteten Tochter eines Adeligen des 14. Jhdts. mit einem Korsaren ist eine mehr als kühne Konstruktion! Denn ein One-night-stand war's ja wohl kaum, dem Amelia ihre Entstehung verdankt :wink!) Wenn man aber weiß, dass die literarische Vorlage vom selben Autor stammt, der schon für den Trovatore verantwortlich zeichnete, darf man sich darüber nicht wundern.

Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich die bewusste Szene noch nie so akribisch durchleuchtet habe wie Du. Paolo sucht einen Handlanger, und ob er nun weiß oder nicht, wer Andrea in Wahrheit ist, macht für ihn sicher keinen Unterschied. Ich denke, dass die bewusste Frage vielleicht nur ein dramaturgischer Kunstgriff von Piave ist, um den edlen Charakter von Fiesco besonders herauszustreichen: Da ist einer, der berechtigte Gründe (politischer und privater Natur) hätte, den Dogen zu ermorden, der damit möglicherweise sein eigenes Leben retten könnte - denn dass er wieder in Freiheit gesetzt wird, kann Fiesco in diesem Moment nicht wissen - und trotzdem weigert er sich, einen feigen Mord zu begehen. Dadurch wird auch das moralische Gefälle zwischen den beiden Simone-Gegnern Fiesco und Paolo umso deutlicher.
Das sind so meine Gedanken :).

lg Sevi :hello
Severina (11.08.2012, 18:50):
Original von stiffelio
Original von Karolus Minus
Werde versuchen, morgen darauf zu antworten.

:leb
VG, stiffelio

Ich freue mich auch, weil ich Guth-Inszenierungen meist sehr spannend finde!

lg Sevi :hello
stiffelio (11.08.2012, 19:34):
Liebe Severina
Original von Severina
ich fürchte, mit den Gesetzen der Logik kommt man beim Simone nicht weiter, da spießt sich so manches. :times10

Schon die nachhaltige Liebesbeziehung zwischen einer doch sicher wohl behüteten Tochter eines Adeligen des 14. Jhdts. mit einem Korsaren ist eine mehr als kühne Konstruktion! Denn ein One-night-stand war's ja wohl kaum, dem Amelia ihre Entstehung verdankt :wink!
Ui, das war mir schon immer klar :cool.
Natürlich eine Entführung, wie es einem Korsaren ansteht :D! Maria hat dann eine Zeitlang mit Simone zusammengelebt und ihm ihre Tochter geboren. Das erklärt auch, warum sich die Tochter immer in Simones Zugriff befand und Fiesco sie bekanntermaßen nie gesehen hat (Io, che ancor non la mirai). Dann gab es igendwann eine Gegenentführung von Seiten der Fieschi (ohne Marias Tochter mit zu erwischen) und seitdem lebte Maria unter strenger Ausgangssperre im väterlichen Palast...

Ich denke, dass die bewusste Frage vielleicht nur ein dramaturgischer Kunstgriff von Piave ist, um den edlen Charakter von Fiesco besonders herauszustreichen.
Klar ist sie das und auf dieser Ebene macht sie auch absolut Sinn. Ich hab ja schonmal erwähnt, dass ich Furlanetto für sein zweites "Si!" (auf Paolos "Tu rifiuti?") geradezu küssen könnte - ob nun in London oder in Wien. :down
Für solches "Edelgehabe" bin ich emotional hoffnungslos anfällig :wink, wenn es auch auf einer anderen Ebene meinen Intellekt nicht ausschaltet.

VG, stiffelio
Karolus Minus (12.08.2012, 20:45):
Sooo, jetzt also zur Inszenierung von Claus Guth von Anfang 2005, also ziemlich zu Beginn der Intendanz von Simone Young.

Guth hat das Ganze als Rückblick des sterbenden Simone angelegt, er liegt zu Beginn am Boden, die Trauernden um ihn herum - diese weichen zurück und er erhebt sich, in der Art als wenn ein Film rückwärts läuft, um in seinen letzten Momenten sein Leben noch einmal vor sich ablaufen zu sehen. Damit ist auch der Einheitsraum, der sich bis auf wenige Requisiten nicht verändert, logisch, er selbst verläßt den ja nicht mehr. Über der Tür nach hinten befindet sich ein riesiger Spiegel, der aber nicht echt ist, sondern nur eine durchsichtige Scheibe, hinter der mitunter eben auch Dinge ablaufen.
Guth arbeitet, wie sehr häufig, mit Doppelung der Figuren, in diesem Fall vor allem Simones als junger Mann. Der Sänger sieht sein junges Abbild neben Fiesco stehen. Ich nehme an, daß die Idee auch Grundheber geschuldet ist, der damals ja auch schon Mitte der 60er war und aufgrund seiner Hüftprobleme ohnehin immer leicht steif wirkt in der Bewegung, als junger Mann also kaum glaubhaft wäre, aber so ist das sehr geschickt gelöst.
Der Tod Marias ist eindeutig Selbstmord, sie zerbricht unter des Vaters strenger Fuchtel.
Amelia und Gabriele laufen relativ konventionell ab, ganz interessant war damals der mit Jan Buchwald, einem noch ziemlich jungen lyrischen Bariton, der von Haus aus rein optisch die Gemütlichkeit in Person ist, eigentlich völlig gegen die Rolle besetzte Paolo. Aus dem machte Guth einen permanent ängstlich schwitzenden Schreibtischtäter, eine höchst unsympathische Figur OHNE Schurkenattitüde.
Insgesamt eine in sich konsequente, in der Personenführung genaue Arbeit, sicher kein absoluter Geniestreich - aber wenn Theater immer auf dem Level stattfinden würde, hätt ich nichts dagegen...
Lg
Karolus Minus
stiffelio (12.08.2012, 21:32):
Lieber Karolus,

vielen Dank für deinen ganz persönlichen Rückblick :wink.
Das hört sich tatsächlich recht interessant an, wenn ich auch kein großer Freund von Personenverdopplungen bin (vieleicht hab ich aber nur nie eine gut gemachte gesehen).
Ich habe aus dem Netz noch folgende Kritik ausbuddeln können (leider keine Fotos, die mich an meisten interessiert hätten): http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/466458/ . Würdest du es auch so sehen, dass die Rückschau, so interessante Aspekte sie auch ermöglicht (z.B. die Darstellung der Mutter Maria), das Agieren der Personen eher behindert hat?
Und konnte Grundheber das Väterliche überzeugend darstellen?

VG, stiffelio
Karolus Minus (15.08.2012, 19:59):
Original von stiffelio
Lieber Karolus,

vielen Dank für deinen ganz persönlichen Rückblick :wink.
Das hört sich tatsächlich recht interessant an, wenn ich auch kein großer Freund von Personenverdopplungen bin (vieleicht hab ich aber nur nie eine gut gemachte gesehen).
Ich habe aus dem Netz noch folgende Kritik ausbuddeln können (leider keine Fotos, die mich an meisten interessiert hätten): http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/466458/ . Würdest du es auch so sehen, dass die Rückschau, so interessante Aspekte sie auch ermöglicht (z.B. die Darstellung der Mutter Maria), das Agieren der Personen eher behindert hat?
Und konnte Grundheber das Väterliche überzeugend darstellen?

VG, stiffelio

Liebe Stiffelio,
jetzt habe ich Dich hier vor lauter Carmen völlig vergessen X(, sorry!

Nein, daß das Agieren durch das Rückschau-Prinzip behindert wurde, kann ich zumindest für die Premierenserie nicht sagen. Es war sicher in Teilen - dem Schreiber offensichtlich zu sehr - relativ statisch, aber das ist mir lieber als planloses Gewusel, weil die Sache halt auch Hand und Fuß hatte.
In späteren Serien bei geänderter Besetzung ist allerdings aufgefallen, daß der Tenore szenisch ein bißchen stiefmütterlich weggekommen ist - aber was macht man auch mit diesem garantiert intellektfreien emotionalen Achterbahnfahrer? ich bin ja rein vom Stück her immer der meinung, daß es Simones mit Abstand dümmste politische Idee ist, den zu seinem Nachfolger zu ernennen, das kann nur schiefgehen....

Zu Grundheber: der war für mich eine gute Mischung aus Vater und Politiker, nicht zu weich, aber auch nicht der reine Stratege mit ein paar sentimentalen Anwandlungen. Das kam auch stimmlich gut rüber, weil er enorm differenziert sang, mit dem Text etwas anfangen konnte und sowohl die lyrische Linie als auch die nötige Power hatte. Nur die ganz langen Bögen a la Cappuccilli hatte er nicht, weil er auch 2005 schon das ein oder anderemal mehr zwischengeatmet hat. Aber das war auch die einzige Einschränkung. Zu DVD-Ehren hat er es ja leider nicht gebracht, es existieren nur 2 Radio-Mitschnitte. Zum einen der aus Hamburg (mit Angela Marambio, einer damals sehr aufstrebenden jungen Sopranistin, deren Karriere inzwischen aber scheints auch irgendwo versickert ist, Miro Dvorsky und einem in der übertragenen Premiere leider stimmlich ziemlich problematischen John Tomlinson, dessen grandiose Persönlichkeit zwar noch irgendwo in der Phrasierung rüberkommt, aber die Macken überwiegen halt).
Zum anderen Covent Garden (ich glaube 2000), wo mit Gheorgiu, Shicoff und Robert Lloyd sicher die attraktivere Restbesetzung gegeben war.

Als Video bin ich inzwischen aber immerhin auf Grundhebers Paolo gestoßen, eine sehr karge, stilisierte Produktion 1982 in Brüssel (Bild- und Tonqualität dem Alter des VHS-Bandes entsprechend), die vor allem wegen des Simones von José van Dam interessant ist, der damit wohl der einzige sein dürfte, der in dem Stück alle drei tiefen Rollen gesungen hat.

Lg
Karolus Minus
stiffelio (15.08.2012, 21:52):
Lieber Karolus,

hach ja, wenn's doch nur alle interessanten Inszenierungen als Video gäbe - seufz :(
Aber mit van Dam bist du bei mir auf eine Tretmine geraten, ich hab seinen Simone nämlich schon vor einigen Tagen auf youtube gefunden: den aus Brüssel von 1982 und den aus dem Teatro Colon von 1995. Der Brüsseler gefällt mir auf den ersten Blick noch besser und wenn da auch noch Grundheber dabei ist, werde ich ihn mir garantiert zulegen (hab schon recherchiert, dass es ihn beim House of Opera gibt :wink).

VG, stiffelio
stiffelio (05.09.2012, 21:39):
Ihr Lieben,
ich muss nur schnell etwas von meiner geballten Begeisterung loswerden. Heute ist die DVD mit dem Brüsseler SIMON BOCCANEGRA angekommen. Ich hab zwar noch nicht alles sehen können, aber schon jetzt ist diese Auführung bei mir auf Platz 2, dicht hinter die Stein-DVD hochgeschnellt. Und das, obwohl Bild und leider auch Ton wirklich alles andere als ideal sind.
Van Dam ist (für mich) ein wunderbarer Simone, obwohl er in der Ratsszene weder eine "Donnerstimme", noch Hampsons Gänsehaut-Flüstern einsetzt. Insgesamt kommt er aber von der Stimmgestaltung her Hampson am nächsten. Und außerdem ist er ein ganz eigener Simone, ohne Vergleich mit allem, was ich bisher gesehen habe.
Grundheber spielt und singt den berechnendsten und klügsten Paolo, der mir je untergekommen ist, mit einer sagenhaft differenzierten Stimmgestaltung.

Die Inszenierung ist tatsächlich sehr karg (wenn auch mit mehr symbolischen Elementen als die Stein-DVD), aber wenn der dadurch entstehende Raum zum Schaupielern genutzt wird, wie hier zuvorderst von van Dam, ist es genau das, was ich mag.
Mehr dazu, wenn ich mehr Zeit und die gesamte DVD gesehen habe. :leb

VG, stiffelio
stiffelio (04.10.2012, 21:54):
Liebe Forumsmitglieder,
hier meine angekündigte ausführlichere Auseinandersetzung mit der Aufführung des SIMON BOCCANEGRA von 1982 aus Brüssel (dirigiert von Cambreling).
Wer möchte, zur Einstimmung hier die beiden derzeit einzigen verfügbaren, kurzen youtube-Szenen:
"Favella il Doge ad Amelia Grimaldi?": http://www.youtube.com/watch?v=nA7lhrn6Nio
und "M'ardon le tempia": http://www.youtube.com/watch?v=dJ5yhAPBxmU

Der von Jose van Dam gespielte Simone ist in erster Linie weder Staatsmann noch Vater sondern ein durch die Trennung von seiner Geliebten verzweifelt leidender Mensch. Das zieht sich durch das ganze Stück hindurch, nicht nur im Prolog und in der Sterbeszene: Es ist ein Simone, der mich sehr überzeugt (mit einer kleinen Einschränkung: es fällt mir schwer, mir diesen grüblerischen, schwermütigen Mann als (ehemaligen) Korsaren vorzustellen).
Folgerichtig spielt die verstorbene Maria im Inszenierungskonzept eine relativ große Rolle. Symbolisiert wird sie durch eine weißgekleidete junge Frauengestalt, die spielerisch im Hintergrund über die Bühne läuft und dabei einen Papierdrachen in Form eines weißen Vogels steigen lässt: schon vor der Ouvertüre zum ersten Mal und dann wiederholt in Situationen, in denen wohl angedeutet werden soll, dass Simone und Maria sich seelisch ganz nah sind.
Die Bühne ist wie schon erwähnt insgesamt sehr karg: ein riesiger Torbogen, der sich vor einem Meeresstrand erhebt. In manchen Szenen wird der Hintergrund durch vom Torbogen herabfallende Seidentücher verhüllt. Ansonsten gibt es in einigen Bildern nur noch eine hölzerne, betende Statue, die wie eine Galionsfigur aus dem Sand ragt und in der Ratsszene sowie der folgenden im Dogenpalast einen langen hölzernen Tisch.
Im Prolog wird überdurchschnittlich stark betont, dass sich Simone nur wegen der Aussicht auf eine Ehe mit Maria von Paolo zum Dogen ködern lässt: seine Zustimmung singt er abgewandt von Paolo, zum Himmel und damit zu Maria gekehrt. Überhaupt herrscht eine große Asymmetrie in der Beziehung Paolo-Simone. Paolos Freundschaftsgesten und Umarmungen werden von Simone von Anfang an nicht erwidert und nur sehr zögernd lässt er sich beim Bund zu einem Händedruck herbei.
Bei Fiescos Auftritt fallen dann zum ersten Mal pechschwarze Tücher vom Torbogen herab. Fiesco wird in dieser Inszenierung von Pierre Thau als stocksteifer Adeliger mit sehr wenig Gestik gespielt, das ist zwar durchaus stimmig, aber mir ist Furlanettos expressivere Darstellung trotzdem lieber. Das gleiche Konzept scheint auch Giorgio Lamberti als Adorno zu verfolgen. Dadurch verlieren viele Szenen arg an Dramatik (z.B. seine Attacken auf Simone, bei denen sich dieser nicht wirklich bedroht fühlen muss). Es geht nur deshalb einigermaßen auf, weil die wenige Gestik in dem stilisierten, symbolhaltigen Rahmen umso bedeutungsschwerer wirkt.
Mein größtes musikalisches Aha-Erlebnis hatte ich bei der Erzählung Amelias (Ellen Shade) vom Tod ihrer alten Betreuerin: da wird der
Rhythmus der Streicher ganz wunderbar als Herzschlag von Simone herausgearbeitet (im ersten Link ab 5:20), das habe ich noch bei keiner anderen Aufführung ähnlich erlebt. Zu Anfang des folgenden Duetts Simone-Amelia läuft dann die symbolisierte Maria mit dem Papiervogel zum zweiten Mal im Hintergrund über die Bühne, auch das ist ein sehr schöner Effekt. Nachdem Simone Amelia als seine Tochter erkant hat, bleiben dennoch beide dem Weinen näher als dem Lachen. Da ist kaum etwas von der überschwänglichen Freude zu spüren, die diese Szene in vielen anderen Inszenierungen auszeichnet und dennoch oder gerade deshalb hält diese Szene den Spannungsbogen. Eine Umarmung findet nach mehrmaligem Innehalten auch erst ganz am Schluss, beim "oh figlia" von Simone statt, die dann aber wirklich als Krönung und Lösung des Spannung fungiert. Interessant, dass Amelia bei Paolos folgendem Auftritt anwesend bleibt und erst bei Simones "Il voglio" nahezu gemeinsam mit ihm die Bühne verlässt.
Interessant bleibt das Konzept auch bei der Ratsszene, obwohl die Dramatik des Aufstandes und Simones Bedrohung hier sehr gebremst daherkommt. Beim "Piango su voi" von Simone legt dieser den Dogenmantel und damit symbolisch den Herrschaftsanspruch ab: Er appelliert hier an Rat und Volk in erster Linie als Mitbürger und Mensch, nicht als Herrscher und bei seinem Aufruf zu Frieden und Liebe geht er sogar auf die Knie - weniger vor der Versammlung als vor dem Schicksal, das er mit seinem ganzen Wesen anfleht, den Bürgerkrieg abzuwenden: eine sehr überzeugende Vorlage für die Reaktion der Versammlung "Il suo commosso accento sa l'ira in noi calmar".
Rein stimmlich ragt van Dam hier nicht immer heraus. Am meisten hat er mich mit dem "riperti il sciuro" überzeugt, das sich durchaus mit dem von Hampson messen kann.
Im zweiten Akt beherrscht Franz Grundheber als Paolo zunächst einmal die Szene wie er will. Verzweifelung, Bedrohung, Verführung - das alles kann er unnachahmlich mit seiner Stimme ausdrücken. Die Tücher, die in diesem Bild den Torbogen gegen den Hintergrund abschirmen, sind feuerrot. Vor dem Einschlafen klammert sich Simone an den einen und reißt ihn herunter, so dass die Hälfte des Hintergrundes sichtbar wird. Vor dem Eintreten von Adorno läuft dann Maria zum dritten Mal über die Bühne.
Der Beginn der 3. Aktes deutet den Bürgerkrieg an, indem die Holzstatue und eine andere reglose Gestalt im Sand liegen. Zu Fiescos "ecco il Doge" treten einige andere schwarzgekleidete Gestalten auf und tragen die Holzstatue weg, eine schwarzgekleidete Frau hebt die andere Gestalt auf, die sich als ein lebloser Kinderkörper herausstellt und trägt sie stumm in ihren Armen weg. Diese Szene wirkt auf mich stärker als ein vielseitiges Antikriegspamphlet.
Nachdem sie gegangen ist, bricht der allein zurückgebliebene Simone zusammen und während er im Sand liegt, läuft Maria zum vierten und letzten Mal über die Bühne.
Fiesco macht bei seinem letzten Auftritt während seiner Anschuldigungen gegen Simone zunächst wieder mit Haltung und Gestik einem Spazierstock alle Ehre. Aber dadurch wirkt es ungeheuer stark, dass dieser die Senkrechte geradezu verkörpernde Mann dann bei der Versöhnung zum ersten und einzigen Mal das Haupt vor Simone beugt.
Beim Sterben kann van Dam für mich Hampson dann doch nicht toppen, aber während Hampson spätestens ab seinem "Gran Dio" bereits mit einem Bein im Himmel steht, hält van Dam das Leiden bis zur letzten Sekunde durch, bis hin auf Kosten der Stimmschönheit: beim letzten "Maria!" ist die Stimme dann endgültig am Wegbrechen.

Insgesamt ist im Vergleich mit der Stein-Inszenierung die Gestik wesentlich sparsamer, aber das Wenige wirkt umso bedeutungsschwerer.
Z.B. die Verfluchung von Paolo: Dieser wendet sich am Schluss der Szene wie hilfesuchend an Volk und Doge, die sich auf der anderen Seite des langen Tisches versammelt haben. Simone hatte bis dahin die Hände auf den Tisch gestützt, jetzt nimmt er sie herunter, wie um das Durchschneiden jedes Bandes zu Paolo anzudeuten. Eine ganz kleine Geste, die alles sagt.
Gut gefällt mir auch der symbolträchtige Einsatz von Tüchern an vielen Stellen der Oper, z.B. wird Amelia an einigen Stellen in ihrer Abwesenheit durch ihren blauen Überwurf repräsentiert. Und am Schluss wird Simones Leichnam in die roten Vorhangtücher gehüllt (die sowohl Herrschaft, als auch den Aufruhr symbolisieren).

Bei den Stimmen kann ich nur bedauern, dass die Tonqualität nicht der von sonst handelsüblichen DVDs entspricht. Denn es scheint mir, dass hier durchweg alle Rollen stimmlich sehr gut besetzt sind, aber die Nebengeräusche machen den letzten Genuß dann doch zunichte. Ich kann nur hoffen, das sich ein schlauer DVD-Produzent mal dieser Aufnahme mit liebevoller Restauration annimmt. Das wäre jedenfalls mal wieder eine DVD, die mir fast jeden Preis wert wäre und für mich dann die echte langgesuchte Alternative zur Stein-DVD.

VG, stiffelio
Amonasro (19.10.2012, 00:50):
Den Simon Boccanegra habe ich erst vor kurzem entdeckt und er gehört mitlerweile zu meinen Lieblingsopern, trotz oder gerade weil er keine Ohrwurmarien enthält sonden als Gesamtwerk zu betrachten ist. Musikalisch ist es das beste, was ich bisher von Verdi gehört habe. Vor allem die Stelle im 3. Akt, in der der Doge auf das Meer blickt und sich wehmütig an seine Korsarenzeit zurückerinnert hat mich tief beeindruckt.

Ich besitze nur eine Aufnahme dieses Werkes, und zwar diese Met-DVD:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41RgHAxxBqL._SL500_AA300_.jpg

Simone Boccanegra: Sherrill Milnes
Amelia Grimaldi/Maria Boccanegra: Anna Tomowa-Sintow
Pater Andrea/Jacopo Fiesco: Paul Plishka
Gabriele Adorno: Vasile Moldoveanu
Paolo Albiani: Richard J. Clark
Pietro: James Courtney
Un capitano dei balestrieri: Robert Nagy
Un'ancella di Amelia: Dawn Upshaw

Ich halte diese Aufnahme vor allem optisch für gelungen, da ich ein Freund von schlichten, historischen Inszenierungen bin. Der Hauptdarsteller Sherrill Milnes vermag hauptsächlich schauspielerisch zu überzeugen. Man nimmt ihm sowohl den verliebten Korsar, den liebenden Vater als auch den harten Staatsmann ab. Stimmlich gibt es besseres von ihm. Aber er singt trotzdem sehr differenziert und überzeugt vor allem in den Pianissimi.

Bei Anna Tomowa-Sintow bin ich unsicher. Zwar ist in ihrer Auftrittsarie ein starkes Vibrato bemerkbar, aber ich finde, dass sie die Rolle vor allem im späteren Verlauf deutlich besser singt, als häufig behauptet wird.

Der Tenor Vasile Moldoveanu singt solide, aber nicht überragend. Schauspielerisch könnte er auch mehr aus der Rolle machen. Paul Plishka als Fiesco überzeugt mich völlig, auch wenn ich Ghiaurov und Christoff vorziehe.

Alles in allem eine doch sehr gelungene Aufführung, deren Kauf ich nicht bereue. Abstriche muss ich leider bei dem eher mäßigen Paolo machen. Das Orchester unter Levine und der Simone von Milnes machen das jedoch wieder wett.

Da das jedoch noch nicht die ideale Aufnahme des Boccanegra ist, will ich mir auf jeden Fall noch eine andere Aufnahme zulegen. Noch schwanke ich zwischen der schon erwähnten Aufnahme unter Abbado mit Cappuccilli, Freni und Ghiaurov und der schon älteren Aufnahme mit Tito Gobbi, de los Angeles und Boris Christoff unter Santini. Weiß zufällig jemand etwas zu der Tonqualität der letzteren zu sagen? Das wäre sehr hilfreich.

Gruß Amonasro
Rideamus (19.10.2012, 09:17):
Der Abbado-BOCCANEGRA gehört zu den ganz wenigen rundum vollkommenen Opernaufnahmen, und auch an der Tonqualität habe ich nichts zu beanstanden. Diese Aufnahme ist eigentlich eine Pflicht für alle Liebhaber dieser Oper.

Die Gobbi-Aufnahme habe ich vor all zu langer Zeit gehört, so dass ich mich dazu nicht wirklich äußern kann. Die Besetzung ist mindestens die zweitbeste, aber in meiner ERinnerung ist die Tonqualität leicht historisch, wenn auch akzeptabel. Allerdings kenne ich die Mischung der Naxos-Aufnahme nicht.

Falls auch eine DVD in Frage kommt, würde ich noch die Wiener Aufnahme mit dem sehr guten Thomas Hampson in Betracht ziehen. Leider sind die übrigen Leistungen nicht ganz auf diesem hohen Niveau.

:hello Rideamus
Amonasro (22.10.2012, 14:45):
Danke für diese Einschätzung, Rideamus.

Ich werde wahrscheinlich zur Abbado-Aufnahme greifen. Die Santini-Einspielung bleibt trotzdem auf der Wunschliste.

Ich besitze fast ausschließlich CDs, da bei diesen Aufnahmen meist bessere Sänger zu hören sind als bei den DVD-Aufnahmen. Und von den großen Sänger von damals (z.B. Maria Callas, Leonard Warren, etc.) gibt es (meines Wissens) ohnehin so gut wie keine Videoaufzeichnungen. Ich vermute mal, dass auch beim Boccanegra CDs vorzuziehen sind.

Amonasro
Billy Budd (22.10.2012, 19:07):
Original von Amonasro
Ich vermute mal, dass auch beim Boccanegra CDs vorzuziehen sind.
Entschuldigung für dieses OT, aber CDs sind mE immer vorzuziehen, weil man da nicht durch das Bild abgelenkt wird.
Billy :hello
stiffelio (22.10.2012, 19:31):
Jetzt kann auch ich mir ein OT nicht verkneifen:
Noch besser ist eine CD nur mit Orchester, dann wird man nicht durch den Gesang abgelenkt :haha
Und am besten (und dazu noch am günstigsten) ist weder CD noch DVD dann wird man weder durch Ton noch durch Bild abgelenkt :haha :haha

VG, stiffelio
Rideamus (23.10.2012, 07:27):
Original von Amonasro
Und von den großen Sänger von damals (z.B. Maria Callas, Leonard Warren, etc.) gibt es (meines Wissens) ohnehin so gut wie keine Videoaufzeichnungen. Ich vermute mal, dass auch beim Boccanegra CDs vorzuziehen sind.

Amonasro

Spaß und Polemik beiseite: auf diese einfache Frage gibt es speziell im Fall BOCCANEGRA die relativ einfache Antwort, dass rein musikalisch das cd-Angebot dem offiziellen DVD-Angebot vorzuziehen ist. Bei vielen anderen Opern, auch von Verdi, muss das nicht unbedingt der Fall sein. Aber auch beim BOCCANEGRA gibt es eine starke Konkurrenz, und zwar von Abbados Aufführung aus der Scala selbst, denn die hat den zusätzlichen Vorteil von Giorgio Strehlers vorzüglicher Inszenierung. Veriano Lucchetti ist zwar kein Carreras, aber insgesamt ist das eine sehr hörens- und sehenswerte Aufführung.

Und das Beste: man kann sie, derzeit jedenfalls noch, hier kostenlos hören und sehen:
http://www.youtube.com/watch?v=s89cFWVDGeE und http://www.youtube.com/watch?v=zctoMumwRrg&feature=relmfu

Überhaupt lohnt es sich inzwischen sehr, Opern auf YouTube zu testen, denn es gibt dort inzwiwschen sehr viele vollständige Aufnahmen. Am besten gibst Du einen Komponisten oder gleich ein bestimmtes Werk ein. Wenn Du dann noch den Filter auf "Lang" stellst, kriegst Du ein ziemlich vollständiges Angebot der erhältlichen Gesamtaufnahmen. Allerdings haben nicht alle Untertitel oder eine gute technische Qualität.

Ansonsten bin ich nicht der Meinung, dass die "alten" Stimmen, so grandios viele waren, zwangsläufig immer die besseren sind. Der Vorteil der im Studio aufgenommenen cds besteht gegenüber den live aufgezeichneten DVD eher darin, dass sie mehr visuelle Fantasie zulassen und in der Regel unter sehr kontrollierten Bedingungen entstanden, was manchmal aber auch zur Sterilität führte. Es kommt eben auf das Repertoire an. Vor allem aber darauf, welches Medium einem die bessere Konzentrationshilfe bietet: das bewegte Bild oder das mitgelieferte Libretto (wenn denn noch eines mitgeliefert wird, was bei den meisten Billigaufnahmen ja nicht mehr der Fall ist)

Aber das gehört eher in einen allgemeinen Thread für Einsteigerhilfen, den man ja vielleicht mal wieder aufgreifen und hier fortführen kann: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=213

:hello Rideamus
Amonasro (04.01.2013, 14:28):
Da hier ja auch schon über den Inhalt diskutiert wurde, hätte ich auch noch etwas beizutragen. Ich denke auch eher, dass die Gefangennahme Andreas/Fieskos nach der Ratsszene mit der Entführung zusammenhängt.

Original von stiffelio

In der Ratsszene bin ich mit folgenden Fragen nicht zu Rande gekommen: Bei der Beobachtung des Volksaufstandes singt Simone über Gabriele: "An seiner Seite kämpft ein Guelfe". Woran erkennt er das? Trugen die Guelfen eine bestimmte Tracht? Und Fiesco soll doch als Mönch verkleidet gewesen sein. Trugen die auch guelfische Symbole?


Der historische Simone war ja guibellinisch gesinnt. Daher denke ich, dass für ihn sowieso jeder Geistliche per se verdächtig war. Wie die papsttreuen Adligen waren Mönche für ihn einfach Guelfen, da sie ja häufig die selben Ansichten hatten. Wahrscheinlich kannte Simone ja auch Pater Andrea schon (er hatte sich auf Ersuchen von Paolo schon näher mit Amelia beschäftigt und Andrea als ihr Vormund hätte bei dieser Heirat denke ich ein natürliches Mitspracherecht gehabt). Da ja die ganze Familie Grimaldi (wie auch die Fieschi) Guelfen waren, war Simone klar, dass auch der von der Familie eingesetzte Vormund Amelias ein Guelfe sein muss. Und mit den Grimaldi und Fieschi ging der historische Simone Boccanegra schließlich besonders hart ins Gericht. Der guibellinische Adel (Doria und Spinola) wurde da etwas besser behandelt.

Interessant wäre vielleicht noch, wen der Doge ganz am Ende mit seinem letzten Ausruf Maria! meint. Es wären sowohl die Tochter als auch die ehemalige Geliebte möglich. Allerdings nennt Simone seine Tochter davor (in der Ratsszene; im Schlaf) Amelia.

Das waren ein paar spontane Gedanken zu dieser Oper.

Gruß Amonasro
stiffelio (04.01.2013, 15:40):
Hallo Amonasro,

ich denke, dass das Libretto bewusst offenlässt, wer mit dem letzten "Maria" von Simone gemeint ist. Jedenfalls nennt Simone in der letzten Szene seine Tochter nicht mehr Amelia, sondern Maria ("Maria, coraggio..." und "In tue braccia, o Maria, mi concede spirar").
Verschiedene Inszenierungen haben das dann unterschiedlich interpretiert. In den meisten, die ich gesehen habe, hält Simone beim letzten "Maria" mit seiner Tochter Blickkontakt, was nahelegt, dass er sie anspricht.
Dagegen ist bei meinen beiden Lieblingsinszenierungen mit Hampson und van Dam als Simone mit dem letzten "Maria" eindeutig die verstorbene Geliebte gemeint.
Denkbar wäre auch die Interpretation, das im Moment des Todes beide Marias für Simone zu einer Person quasi verschmelzen.

Auf jeden Fall ist dies einer der wichtigsten Momente in dieser Oper für mich, den ich dementsprechend liebe.

Hast du dir denn inzwischen die Abbado-Aufnahme zugelegt?

VG, stiffelio
Amonasro (04.01.2013, 16:27):
Nein, noch nicht. Aber ich werde sie in kürze bestellen. Ich war noch mit anderen Opern beschäftigt. Nach allem, was ich gelesen habe, muss sie aber wirklich herausragend sein. Auch die Scala-Aufführung mit Cappuccilli, Ghiaurov, Freni und Luchetti, die ich auf Youtube gesehen habe, hat bleibenden Eindruck hinterlassen. Anscheinend gibt es davon aber leider keine DVD.

Gruß Amonasro
stiffelio (05.01.2013, 23:23):
Hallo Amonasro
Original von Amonasro
Der historische Simone war ja guibellinisch gesinnt. Daher denke ich, dass für ihn sowieso jeder Geistliche per se verdächtig war. Wie die papsttreuen Adligen waren Mönche für ihn einfach Guelfen, da sie ja häufig die selben Ansichten hatten. Wahrscheinlich kannte Simone ja auch Pater Andrea schon (er hatte sich auf Ersuchen von Paolo schon näher mit Amelia beschäftigt und Andrea als ihr Vormund hätte bei dieser Heirat denke ich ein natürliches Mitspracherecht gehabt).

mir ist hierzu noch etwas aufgefallen: deine Annahme, dass Mönche in der Regel guelfisch gesinnt waren und Simones Annahme erklären könnte, klingt logisch.
Dass Simone Pater Andrea von Sehen her kannte, glaube ich allerdings nicht, denn als Andrea ihm - weiterhin in seiner Pater-Verkleidung - im letzten Akt mit den Worten "erkennst du mich nicht?" unter die Augen tritt, ruft Simone nicht "Andrea" sondern "Fiesco". Er wird sich vorher von Simone bewusst ferngehalten haben, eben, um von ihm nicht erkannt zu werden. Passend dazu drängt Gabriel Andrea im ersten Akt, als der Doge sich bei Amelia anmeldet, "komm, er darf dich nicht sehen".

Mit Cappuccilli gibt es auch nach meinen Recherchen tatsächlich keine DVD, aber wenn du dir eine weitere DVD zulegen willst, würde ich dir sowieso wie Rideamus wärmstens zur Aufnahme mit Hampson raten, den ich insbesondere im letzten Akt nach wie vor unübertroffen finde, auch und gerade stimmlich. Hast du dir den Link von der Sterbeszene mal angehört, den ich am 29.7. eingestellt hatte?

VG, stiffelio
Amonasro (06.01.2013, 18:54):
Hallo stiffelio!

Original von stiffelio
Dass Simone Pater Andrea von Sehen her kannte, glaube ich allerdings nicht, denn als Andrea ihm - weiterhin in seiner Pater-Verkleidung - im letzten Akt mit den Worten "erkennst du mich nicht?" unter die Augen tritt, ruft Simone nicht "Andrea" sondern "Fiesco". Er wird sich vorher von Simone bewusst ferngehalten haben, eben, um von ihm nicht erkannt zu werden. Passend dazu drängt Gabriel Andrea im ersten Akt, als der Doge sich bei Amelia anmeldet, "komm, er darf dich nicht sehen".

An deinen Ausführungen ist schon etwas dran, allerdings denke ich, dass Fiesco sich nach 25 Jahren stark verändert haben kann, und so trotz einer Begegnung mit Simone unerkannt geblieben sein könnte. Schließlich erkennt Simone Fiesco auch in der Ratsszene nicht, obwohl sich hier ja alle Augen auf Gabriele und ihn heften. Und auch in der von dir angesprochenen Szene, als Fiesco Simone im 3. Akt gegenüber tritt, erkennt er ihn erst nicht. Erst als Fiesco ihn auf eine frühere Begegnung aufmerksam macht

("DOGE
Was für Reden?

FIESCO
Du hörtest sie schon einmal.

DOGE
Und wann?
Erwachen aus dem Grab die Toten?") Übersetzung von opera-guide.ch

und noch einmal fragt, ob Simone ihn denn nicht mehr erkenne (hier wird Simone ihm wahrscheinlich noch einmal genau ins Gesicht sehen), erkennt er ihn. Zudem hält er ihn ja offensichtlich für tot.
Außerdem wäre es unverständlich, wenn Simone der Vormund der Grimaldi-Erbin (wie gesagt zählten die Grimaldi zu den größten politischen Feinden des Dogen) nicht interessiert hätte. Die Heiratspläne Paolos tragen noch mehr dazu bei. Allerdings muss in einer Oper ja nicht immer alles realistisch sein. Bei Verdi ist man das ja ohnehin nicht gewohnt.

Gruß Amonasro
stiffelio (06.01.2013, 20:17):
Hallo Amonasro,

stimmt, stringente Logik sollte man in der Oper nicht veraussetzen, trotzdem macht es mir immer wieder einen Heidenspass, über die Gedanken und Motive der Opernfiguren zu spekulieren.
An dieser Stelle können wir uns vielleicht darauf einigen, dass Simone Pater Andrea durchaus einige Male gesehen haben könnte, aber vermutlich hat Andrea das möglichst kurz und mit wenig Blickkontakt gehalten. Dass er ihn in der Ratsszene nicht als Fiesco erkennt, könnte auch daran liegen, dass Gabriele da von Anfang an wesentlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Jedenfalls denke ich eher nicht, dass Simone Pater Andrea als Andrea identifiziert hat, als er ihn an der Seite von Gabriele kämpfen sah. Denn er nennt ja Gabriele bei dieser Gelegenheit beim Namen, warum sollte er dann nicht auch gesagt haben: "An seiner Seite kämpft Pater Andrea."

VG, stiffelio
Amonasro (06.01.2013, 20:23):
Hallo stiffelio,

als Simone Gabriele in der Ratsszene beim Namen nennt, konnte er Fiesco/Andrea vielleicht noch nicht richtig erkennen. Außerdem ließ er Andrea ja genau wie Gabriele verhaften. Er wird also schon "einen Blick auf ihn geworfen" haben. Aber ich gebe dir Recht; wir können es auf einer flüchtigen Begegnung, der Fiesco aus dem Weg zu gehen suchte (vielleicht mit Erfolg?), beruhen lassen.

Gruß Amonasro
Amonasro (16.01.2013, 21:41):
Ich habe nun die Abbado-Aufnahme gehört. Ich denke es braucht keine großen Worte. Es ist einfach eine der besten Opernaufnahmen, die ich kenne. Die Oper an sich ist inzwischen sowieso zu meiner absoluten Lieblingsoper geworden und diese Aufnahme ist einfach phantastisch! Ich würde sie jedem weiterempfehlen.

Gruß Amonasro
Amonasro (07.07.2013, 16:19):
Inzwischen konnte ich mir auch die Santini-Aufnahme zulegen und ich muss sagen, ich würde sie auf jeden Fall als Ergänzung zur Abbado-Aufnahme empfehlen. Vor allem Tito Gobbi in der Titelrolle und Boris Christoff als Fiesco/Andrea sind herausragend. Für mich schlägt Gobbi auch Cappuccilli. Insgesamt bleibt für mich allerdings Abbado Referenz, der nicht nur mit besserer Tonqualität (ich weiß: nicht ganz so wichtig), sondern auch mit dem besseren Gabriele punkten kann. Die Aufnahme wirkt aber auch in ihrer Gesamtheit homogener, was wahrscheinlich am Dirigenten liegt. Bei Abbado klingen viele Stellen (vor allem die Konfrontation Simone/Fiesco im 3. Akt und Simones vorhergehender Monolog) einfach spannender und es werden viele Details herausgearbeitet, die bei Santini etwas untergehen. Natürlich hat auch Santini viele gute Stellen (z.B. Duett Amelia/Simone im 1. Akt); die Santini-Aufnahme bietet jedoch eher eine expressivere Interpretation. Daher finde ich auch die Kritik an Walter Monachesi, die ich häufig gelesen habe, ungerechtfertigt: Sicher erreicht er nicht die Stimmschönheit und Differenziertheit eines van Dam; er spielt eher den komplett schwarz gezeichneten Bösewicht, passt dadurch aber optimal zum Gesamtkonzept der Aufnahme. Ich würde auf jeden Fall beide Aufnahmen empfehlen.

Ich stellte zudem fest, dass doch einige Fragen betreffs der Handlung für mich noch unklar sind:

1. Warum wartet Fiesco mit seiner Rache so lange (immerhin 25 Jahre)?

2. Warum wird Paolo nicht "beseitigt"? Sowohl der Doge als auch Amelia wissen, dass er hinter der Entführung steckt; es scheint sogar öffentlich zu sein ("Ich bin geächtet, wohin ich geh'"). Trotzdem spaziert er noch ungehindert in den Privaträumen des Dogen herum, befreit Gefangene und vergiftet das Trinkwasser des Herrschers.

3. Warum will/kann Amelia Gabriele nicht die Wahrheit über ihre Beziehung zu Simone sagen? Das hätte einiges leichter gemacht.

Gruß Amonasro (der sich freut, wieder die Gelegenheit gehabt zu haben, sich mit seiner Lieblings-Verdi-Oper zu beschäftigen) :hello
Severina (07.07.2013, 17:55):
Lieber Amonasro,

zunächst einmal danke für Deinen Tipp, man kann nie genug Simones haben :D!
Was Deine Fragen betrifft, so steckt in diesem Libretto mehr als eine Merkwürdigkeit, aber damit befindet sich Simone bekanntlich in guter Gesellschaft!

ad 1) Die späte Rache: Ich denke mir halt, dass Simone als Korsar nicht so einfach greifbar ist, er bekämpfte die Seeräuber, genießt große Popularität, hat seine "Fans", wie man es heute nennt. Wer weiß, wie oft er überhaupt in Genua anwesend war in diesen 25 Jahren, selbst seine Tochter hat er ja in einer Hütte am Meer und nicht in der Stadt untergebracht. Auf seinem Schiff mit einer treu ergebenen Mannschaft kann er nicht so einfach gemeuchelt werden!

ad 2) Man muss bedenken, dass im 14. Jhdt. Fehden zwischen verfeindeten Familien/Parteien an der Tagesordnung waren. Immerhin ist Paolo Plebejer, gehört also Simones Partei an, außerdem verdankt dieser ihm sein Dogenamt. Die Entführung kann ihm nicht 100%ig nachgewiesen werden (Lorenzino spricht ja nur von einer "hoch gestellten Persönlichkeit") und ist ohnehin gescheitert. Außerdem ist die gesellschaftliche Ächtung im 14.Jhdt. eine viel schlimmere Strafe als Gefängnis oder Hinrichtung. Ziemlich sicher unterschätzt Simone Paolos Gefährlichkeit, dass er plant ihn ums Eck zu bringen, ahnt er nicht. Also besteht für Simone kein akuter Handlungsbedarf.

ad 3) Gute Frage, aber wenn in der Oper immer im richtigen Moment die richtigen Worte gesprochen werden würden, gäbe es bei vielen keinen 3. Akt und wir kämen um jede Menge schöne Musik :wink

lg Severina :hello
stiffelio (07.07.2013, 18:38):
Hallo Amonasro,

jetzt ist Severina mir mal wieder zuvorgekommen :wink, aber ein paar eigene Gedanken kann ich noch beisteuern:

zu 1.: Simone hat offenbar, nachdem er zum Dogen gewählt wurde, unter seinen Gegnern tüchtig aufgeräumt: sie gingen ins Exil (wie Amelias Brüder) und/oder wurden in An- oder Abwesenheit zum Tode verurteilt. Auch gegen Fiesco hat Simone in den ersten Jahren seiner Herrschaft ein Todesurteil ausgesprochen (Paolo im 2. Akt: "Hat der Doge nicht schon längst Fiescos Enthauptung verfügt?"), man kann also vermuten, dass Fiesco schon damals Aufstände gegen Simone organisierte oder dies zumindest versuchte. Nur: sie waren offenbar nicht erfolgreich, ebensowenig wie der in der Oper stattfindende Aufstand. Daraufhin tauchte Fiesco als Pater Andrea unter und versuchte, die Aufstände im Vorborgenen zu organisieren.
Mein Fazit: Fiesco hat sicher durchaus schon früher versucht, sich zu rächen, es hat nur nicht geklappt. Der historische Simone hatte jedenfalls auch mit mehreren Aufständen während seiner Herrschaftszeit zu kämpfen.

zu 2.: Ja, Amelia ist sich offenbar sehr sicher, dass Paolo hinter ihrer Entführung steckt und nach ihrer Erzählung gilt das auch für Simone. Ich vermute allerdings, dass beide das zu diesem Zeitpunkt nicht beweisen können. Daher Simones Aussage gegenüber Gabriele: "Diese Nacht halte ich dich fest, bis die Verschwörung aufgeklärt ist." Simone plant also eine offizielle Untersuchung, in deren Verlauf Paolo als Auftraggeber identifiziert werden soll. Paolo versucht deshalb - noch nicht offiziell angeklagt - der Untersuchung durch den Mordanschlag zuvorzukommen. Paolos Selbstgespräch "Ich bin geächtet, wohin ich geh." sehe ich eher als Schlussfolgerung aus seinem vorherigen Satz "Ich habe mich selbst verflucht.": Seinem eigenen Fluch kann er nicht entkommen, egal wohin er flieht. Er fügt zwar noch an "Ehrlos, verstoßen vom Senat, von Genua, verschieße ich meinen letzten Pfeil, bevor ich fliehe.", aber die Verstoßung aus Genua interpretiere ich als Paolos Blick auf seine Zukunft - er weiß, dass die Untersuchung nur mit der Aufdeckung seines Komplotts enden kann und ihm dann die Verstoßung gewiss ist.
Im Kern sehe ich es wie Severina: Simone unterschätzt Paolo, dadurch bekommt dieser die nötige Zeit für den Anschlag.

zu 3.: Sowohl Amelia als auch Simone scheinen sehr wohl zu wissen, dass es mit trauter Zweisamkeit erstmal vorbei ist, wenn öffentlich bekannt wird, dass sie Simones Tochter ist. Heute würde eine solche Entdeckung sofort etliche BILD-Reporter auf den Plan rufen (mindestens), damals wird es Entsprechendes gegeben haben, denn die menschliche Natur hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht wesentlich geändert :wink.
Amelia und Simone beschließen deshalb als Plan zumindest für die nächsten Stunden/Tage(?) einmütig im ersten Akt: "Wir werden uns im Stillen freuen, und nur der Himmel schaut uns zu."
Dieses Versprechen möchte Amelia im zweiten Akt gegenüber Gabriele nicht so schnell brechen. Zudem vermute ich, dass sie sowohl Simone als auch Gabriele zunächst im Stillen einzeln bearbeiten will, um deren gegenseitige Animositäten abzubauen, bevor sich beide als Vater und prospektiver Schwiegersohn erkennen.

Was hältst du davon?

VG, stiffelio
Severina (07.07.2013, 20:01):
Liebe Stiffelio,

davon halte ich sehr viel, dankenswerter Weise hast Du ja auch die von mir ziemlich schnoddrig abgetanene 3. Frage erschöpfend beantwortet :D.

Zu 2: Geächtet, also vogelfrei zu sein, aus seiner Heimatstadt vertrieben zu werden, war zu einer Zeit, als der Mensch mehr als heute das Eingebettetsein in eine Gemeinschaft brauchte, um überhaupt (über)lebensfähig zu sein, tatsächlich eine Katastrophe, die man heute wahrscheinlich gar nicht in vollem Umfang nachempfinden kann. Man muss sich auch immer vergegenwärtigen, dass Ehre im 14.Jhdt. einen ganz anderen Stellenwert hatte und vor allem das gesprochene Wort viel mehr galt als heute - logisch, war es doch beim großen Anteil von Analphabeten die einzige Garantie! Das Wort/die Treue brechen war daher eines der größten Verbrechen überhaupt, verachtenswerter als ein Angriff auf Leib und Leben, das man damals so hoch nicht achtete. Genau genommen bricht ja auch Simone sein Wort, indem er Paolos Werben um Amelia nicht unterstützt, und zwar in Paolos Augen völlig unmotiviert und willkürlich. Dass er sich ungerecht behandelt fühlt, darf man ihm also nicht ganz übel nehmen, denn immerhin hat er Simone zur Macht verholfen und darf mit einigem Recht erwarten, dass der sich revanchiert. Und Simone begründet seinen Gesinnungswandel ja auch nicht, er befiehlt Paolo, Amelia zu vergessen, und als der nachhakt, kriegt er nur ein herrisches "Lo voglio!" hingeworfen.
Natürlich ist Paolo ein windiger Typ, machthungrig, opportunistisch, zu jeder Intrige bereit, aber so ganz grundlos ist sein Hass auf Simone nun auch nicht. Dass er sich das mit Gewalt holen will, was man ihm freiwillig nicht gewährt - auch darin ist er nur ein Kind seiner Zeit.

Bis zu seinem Giftanschlag auf Simone kann ich also für Paolo durchaus einiges Verständnis aufbringen, dann natürlich nicht mehr, denn ab dann agiert er nur mehr als Charakterschw...n und jämmerlicher Feigling. Er hätte mehr als nur eine Gelegenheit, um Simone mit eigener Hand zu töten, aber nein, er versucht sich erst Fiescos und dann Gabrieles als Werkzeug zu bedienen, und um auf Nummer sicher zu gehen, vergiftet er auch noch das Wasser.

lg Severina :hello
stiffelio (07.07.2013, 23:14):
Liebe Severina,

ja, diese Oper ist wirklich ein psychologisches Füllhorn. Die Beziehung zwischen Paolo und Simone wäre eine eigene Abhandlung wert :D, zumal ich mich erinnere, dass die in meinen liebsten Inszenierungen durchaus unterschiedlich nuanciert dargestellt wurde.
Ich melde mich wieder - bin sowieso schon wieder eifrig dabei, meine verschiedenen Aufzeichnungen zu sichten und zu vergleichen (danke für den Anstoß, Amonasro!).

VG, stiffelio
Amonasro (08.07.2013, 08:21):
Nein, ich habe zu danken für die ausführlichen Antworten. :thanks

Gruß Amonasro
stiffelio (09.07.2013, 22:41):
Original von Severina
...man kann nie genug Simones haben :D!


Zu Amonasros CDs kann ich aus den bekannten Gründen nichts beitragen, aber ich kann kurz über die Simones berichten, die seit dem letzten Jahr in meiner Video-Sammlung neu Einzug gehalten haben (sie halten aber alle keinem Vergleich mit der weiter oben beschriebenen starken Konkurrenz stand):

1. Parma 2010 ("Tutto Verdi") mit Nucci, Scandiuzzi, Iveri, Meli und Piazzola in den Hauptrollen unter Callegari (Gallione)
War o.k., aber nicht mehr. Die Inszenierung von Gallione ist die gleiche wie auf der DVD aus Bologna 2007 unter Mariotti und nicht besonders aufregend.

2. Salerno 2013 mit Nucci, Colombara, Rey, Sartori, Platanias unter Oren (Canessa)
Bild- und Tonqualität sind suboptimal und schauspielerisch ist nicht viel mehr los als in Parma (gilt insbesondere für Sartori als Gabriele)

3. Tokio 1976 mit Cappuccili, Ghiaurov, Ricciarelli, Merighi, Saccomani unter de Fabritiis
Für das Alter der Aufnahme eine durchaus anständige Bild-und Tonqualität. Die berühmten Protagonisten sind auch gut bei Stimme, aber mehr als einmal musste ich an Severinas Bemerkung denken, Cappuccilli sei mehr ein Showman als ein Schauspieler. Ich zolle ihm für seine überlang gehaltenen Töne stimmlich den vollen Respekt, aber außer großen Gesten kam bei ihm nicht viel. Das gilt allerdings auch für die anderen Mitwirkenden (z.B. die Attacke von Gabriele auf Simone in der Ratsszene ist einfach nur lächerlich) und ist wohl auch einer anderen Generation von Oper geschuldet.

4. die Variante der Stein-Inszenierung mit Guelfi, Mattila, Konstantinov unter Abbado:
Leider für mich nur der lebende Beweis dafür, dass diese Inszenierung fürchterlich langweilig sein kann, wenn die Sänger nicht so begnadete Schauspieler sind wie Hampson, Furlanetto & Co.

5. Tokio 1994 mit Bruson, Colombara, Watanabe und Ichihara unter Campori (Diaz)
Hier wird fast nur die Totale gezeigt, echte Nahaufnahmen gibt es nicht. Und nein, Bruson hat weder die Stimmkraft noch den langen Atem von Cappuccilli und doch bringt er mir wesentlich mehr Gefühl rüber. Müsste ich zwischen den beiden wählen, ich würde Bruson vorziehen. Watanabe als Amelia zieht dabei gut mit, Ishihara als Gabriele hätte sich dagegen darstellerisch besser mit Cappuccilli vertragen.

6. Zürich 2006 mit Hampson, Colombara, Davidson, Shicoff, Moody, Camarena unter Ranzani (Marelli)
größtes Manko: dies ist eine Einkamera-Aufnahme ohne Bewegung und ohne Zoom, wie es aus Zürich mehrere im Internet gibt - vermutlich nur zu Dokumentationszwecken. Denn man erlebt die Oper dadurch wie mit leichter Kurzsichtigkeit aus der hintersten Reihe im obersten Rang. Die Gesichter haben das Format mittlerer Stecknadelköpfe - kein Gedanke daran, dass man auch nur einen Hauch vom Mimik erkennen könnte. Soweit man es aus der Körpersprache erahnen kann, hat Hampson hier viel aus der Stein-Inszenierung übernommen. Colombara hat zwar die nötige Substanz in der Tiefe für den Fiesco, aber ein Furlanetto ist er darstellerisch nicht und damit fehlt Hampson in vielen Szenen der Counterpart. Die Inszenierung ist ansonsten eher noch zurückhaltender als die von Stein und damit macht sie zwar wenig falsch, bietet aber auch keine nennenswerten Highlights.

7. Orange 1985 mit Cappuccilli, Plishka, Caballé, Bartolini und Fondary unter Arena (Karpo)
Auch diese Aufnahme ist kein Höhepunkt darstellerischer Leistungen, aber das wäre für das Aufführungsjahr und den Ort vermutlich auch zuviel verlangt. Stimmlich hat mir Caballé als Amelia im ersten Akt sehr gut gefallen, im zweiten hätte ich mir noch mehr Temperament gewünscht. Bild- und Tonqualität sind zu Beginn recht gut, lassen aber am Ende des dritten Aktes leider deutlich nach.

Auf der Suche bin ich noch nach einer Aufnahme mit anständiger Qualität aus dem Teatro Colon 1995 mit van Dam und Furlanetto - ich konnte zwar eine Aufnahme über premiereop... ergattern, die war aber leider die mieseste Qualität, die ich je erlebt habe (immer wieder bleibt das ohnehin verzerrte Bild stehen und lässt sich nur durch Weiterspringen zum nächsten Kapitel fortbewegen, so dass man die Oper nicht mal voll ansehen, geschweige denn genießen kann).

VG, stiffelio
Amonasro (12.07.2013, 01:24):
Was ich mich mittlerweile frage: Gibt es verschiedene Versionen der Oper (ich meine der Überarbeitung, die erste Version ist mir bekannt). Auf der Seite Opera-Guide.ch ist nämlich eine Übersetzung des Librettos zu finden, dass von den anderen mir bekannten abweicht. Am Ende des 1. Bildes des 1. Aktes z.B. sagt Paolo zu Pietro:

"Ich geh' nach Genua mit den Meinen
Und reize auf den Adel..."

Stattdessen steht in der Übersetzung, die der Abbado-Aufnahme beiliegt:

"Sag ihm, ich wüßt' um seine Pläne,
dann wird er gern mir helfen!"

Diese Übersetzungen sind so unterschiedlich, dass man das nicht mehr mit übersetzerischer Freiheit begründen kann.

Auch in dem Gespräch zwischen Fiesco und Paolo im 2. Akt gibt es rätselhafte Unstimmigkeiten:

Opera-Guide:
"FIESCO
Willst den Adel so schlau du gewinnen?
Soll Andrea dir dienen als Mörder?"

im Beiheft der Abbado-Aufnahme:
"FIESCO
Willst Fiesco du dingen als Mörder?"

Das ist ein ganzer Satz weniger und auch wenn ich kein italienisch kann, ist aus dem italienischen Text ersichtlich, dass die letztere Version wohl stimmen muss. Bemerkenswert ist vor allem, dass in der Opera-Guide-Übersetzung durch die durchgehende Benutzung des Namens Andrea gar nicht gezeigt wird, dass Paolo seine wahre Identität kennt, während er ihn auf allen meinen Aufnahmen (Abbado, Santini, Levine) klar mit "Fiesco" anspricht. Bei Opera-Guide werden Paolo und Pietro zudem als Kanzler und Senator bezeichnet. Auf anderen Seiten und in meinen Aufnahmenbeiheften werden sie immer nur als Höflinge bezeichnet.

Dies veranlasst mich nun zu der Frage, ob es mehr als die üblichen zwei genannten Versionen (erste Version und Boito-Überarbeitung) gibt bzw. ob auch Verdi/Boito mehere Überarbeitungen vorgenommen haben.

Ich hoffe, jemand kennt sich mit diesem Thema etwas aus.

Gruß Amonasro :hello
Severina (12.07.2013, 09:33):
Lieber Amonasro,

Mir sind nur die zwei Fassungen bekannt. Ob jetzt das Libretto auf opera guide das der nie gespielten 1. Fassung ist, wage ich aber trotzdem zu bezweifeln. Ich selbst habe speziell bei Rossini-Opern, aber auch bei Verdi, schon oft die Erfahrung gemacht, dass die deutschen Übersetzungen oft abenteuerliche Abweichungen vom italienischen Original enthalten, sodass oft ein ganz anderer Sinn herauskommt.
Mein Italienisch ist zwar auch äußerst rudimentär, aber um festzustellen, dass die deutsche Version nur sehr "frei nach..." ist, reicht es.
Inzwischen ist es ja so, dass viele Dramaturgien eigene Übersetzungen in Auftrag geben bzw. selber basteln (Tantiemen!!), die nicht selten auf das Inszenierungskonzept abgestimmt sind. Da darf man dann überhaupt nicht erwarten, dass alles 1:1 stimmt.

Gibt es bei opera guide keinen Hinweis auf den Übersetzer, so wie bei den Beiheften der CDs?

lg Severina :hello
Amonasro (12.07.2013, 17:51):
Nein, bei Opera-Guide gibt es keinen Hinweis auf den Übersetzer.

Bisher habe ich diese Seite immer gerne genutzt. Es ist natürlich nicht so gut, wenn dort mit den Libretti so frei umgegangen wird, dass der Sinn ein ganz anderer ist. Schade. Die Erstfassung wird bei Opera-Guide allerdings nicht verwendet (Ratsszene ist vorhanden). Wenn es keine anderen Fassungen gibt, ist es wohl wirklich nur eine sehr freie Übersetzung.

Gruß Amonasro :hello
stiffelio (12.07.2013, 18:26):
Hallo Amonasro,

mir fällt noch ein anderer Grund für eine sehr freie Übersetzung ein: wenn ein Libretto nicht für Untertitel sondern zu singbaren Zwecken übersetzt wurde, so dass nicht nur auf den Sinn, sondern auch auf die Sprachmelodie geachtet werden muss. Bei solchen Gelegenheiten habe ich auch schon sehr heftige Sinnveränderungen erlebt.

VG, stiffelio
stiffelio (12.07.2013, 21:53):
Original von stiffelio
Die Beziehung zwischen Paolo und Simone wäre eine eigene Abhandlung wert :D

In jeder Inszenierung warte ich gespannt auf die erste Szene im Prolog, in der Paolo und Simone sich begegnen: Un amplesso... Che avvenne? - Da Savona perché qui m'appellasti?

In meiner immer-noch-Nummer 1 mit Hampson und Daniel habe ich immer den Eindruck gehabt, dass es hier am ehesten Kameradschaft (mit Tendenz zur Freundschaft) ist, die Simone Paolo entgegenbringt: http://www.youtube.com/watch?v=v4VPwYsoj4o

In der Inszenierung mit Domingo und Summers (ROH) scheint Simone noch mehr mit Paolo zu verbinden, da würde ich es von Simones Seite her mit Überzeugung eine Freundschaft nennen. Fast scheint hier Simone Paolo zu umwerben, während dieser ihn sehr deutlich an seinen Fäden laufen lässt:
http://www.youtube.com/watch?v=lSSCTL09g7A, leider ziemlich unscharf.

Und in der Inszenierung mit van Dam und Grundheber (von der ich leider keinen Link dieser Szene einstellen kann) ist es eher umgekehrt: Simone hält deutliche Distanz zu Paolo, das (sehr geschickte) Umwerben geht ausschließlich von Paolo aus. Von Simones Seite her ist es eine Bekanntschaft, nicht mehr.

Obwohl mir klar ist, dass diese Eindrücke vermutlich noch mehr von den unterschiedlichen Besetzungen als vom Inszenierungskonzept abhängen:
Wie seht ihr das, was verbindet Simone mit Paolo zu Beginn der Oper? Freundschaft, Kameradschaft oder nur Bekanntschaft?

Und eine Frage an die mit (Opern-)Italienisch-Sprachgefühl: wie wäre das "un amplesso" (wörtlich: "eine Umarmung", aber in meinen Übersetzungen abgestuft bis hin zum schlichten "Sei mir gegrüßt") am richtigsten übersetzt? Impliziert dieser Begriff eine solche Intimität, wie es die wörtliche Übersetzung nahelegt, oder ist das eine typische Floskel mit wesentlich weniger Inhalt?

VG, stiffelio
Amonasro (12.07.2013, 23:05):
Ich könnte mir vorstellen, dass die Freundschaft zwischen Simone und Paolo überwiegend politischer Natur war. Beide sind den Plebejern zuzuordenen, genießen zudem großes Ansehen in der Bevölkerung. Beide sind gegen die Patrizier eingestellt (wobei bei Simone das natürlich auch auf dem persönlichen Konflikt mit Fiesco beruht). Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Freundschaft sehr tiefgehend ist. Simone scheint mit seiner Situation überfordert und sieht in Paolo, der sich ihm gegenüber verständnisvoll gibt (z.B. suggeriert die Erinnerung Simones an Maria seitens Paolo, dass letzterer vorrangig Simones persönliches Glück im Blick hat), einen vertrauenswürdigen Menschen. Dies zeigt auch die Tatsache, dass er sich nach der Erkenntnis, dass Maria tot ist, als erstes hilfesuchend an Paolo wendet. Paolo sieht Simone wohl eher als Mittel zum Zweck und benutzt auch das Schicksal Marias zu Propagandazwecken. Später (als Simone wieder klar denkt) scheint er keine hohe Meinung mehr von Paolo zu haben - und zwar schon vor der Entführung. Als Maria/Amelia erzählt, dass es jemand auf das Vermögen der Grimaldi abgesehen hat, ruft Simone sofort "Paolo!" aus. Seine herrablassende Attitüde gegenüber Paolo nach dem Gespräch mit Amelia zeugt überhaupt nicht mehr von irgendwelchen Sympathien. Dass Paolo dennoch (trotz konträrer politischer Ansichten und abgekühltem Verhältnis) immernoch einen hohen Rang unter Simones Herrschaft innehat, ist angesichts der Tatsache, dass er offenbar der Kopf der plebejischen Bewegung ist und daher große Unterstützung im Volk hat, nicht weiter verwunderlich (und seine außenpolitischen Ansichten decken sich schließlich mit denen aller anderen Ratsherren).

Soviel davon, wie ich diese vielschichtige Beziehung sehe.

Gruß Amonasro :hello
Severina (13.07.2013, 01:21):
Ich glaube auch, dass es mehr ein Zweckbündnis ist als wirkliche Freundschaft, was Simone und Paolo verbindet. "Un amplesso" würde ich nicht überbewerten, in Italien sind heute noch Umarmungen als Begrüßung auch unter Männern üblich, die sich eher flüchtig kennen. Für Simone ist Paolo vielleicht das Verbindungsglied (und Informant) zu Genua, wo seine geliebte Maria unter Hausarrest steht, denn dass sie in Kontakt stehen, ist klar: Paolo ist es, der Simone aus Savona herbeizitiert.
Simone ist populär, das Volk liebt ihn für seine tollkühnen Heldentaten, also genau die Gallionsfigur, die Paolo in seinem Kampf gegen die Patrizier benötigt. Natürlich würde er am liebsten selbst um das Dogenamt rittern, aber dazu fehlt es ihm wahrscheinlich an Format und vor allem eben Popularität.

Also hievt er Simone auf den Thron und rechnet mit seiner Dankbarkeit. Das geht zunächst ja auch auf, Paolo gilt als Günstling des Dogen, und es ist sehr die Frage, ob Simone eine Weigerung Amelias, dessen Hand anzunehmen, akzeptieren würde, wäre sie nicht seine Tochter. Ob ihm da nicht sein treuer Gefolgsmann näher stünde als das Glück dieses Mädchens aus dem Haus der feindlichen Grimaldi? (Ich frage mich ja auch, ob die Begnadigung der Brüder nicht ein Trick ist, Amelia positiv zu stimmen für sein Anliegen, als Paolos Brautwerber aufzutreten!)
Andererseits ist sich Simone der negativen Charaktereigenschaften Paolos wohl bewusst, denn als Amelia von einem Mitgiftjäger erzählt, der es nur auf das Gold der Grimaldi abgesehen hätte, antwortet Simone wie aus der Pistole geschossen "Paolo!"(Es gibt für ihn später auch keinen Zweifel, wer hinter der missglückten Entführung steckt!) Keine Rede, seine Tochter an diesen habgierigen Emporkömmling zu verschachern, mag er ihm auch noch so viel verdanken. Wäre Paolo in Simones Augen ein Ehrenmann, hätte er ihn als Schwiegersohn zumindest in Betracht gezogen. Klar, das ist alles spekulativ.

Wie ich schon sagte, verstehe ich zu diesem Zeitpunkt Paolos Frustration und Wut auf Simone, von dem er sich nicht ganz grundlos hängen gelassen und verraten fühlt. Nun kommt der wahre Paolo zum Vorschein, der hemmungslose Opportunist. Zunächst bedient er sich Lorenzinos, den er doch in der ersten Szene als moralisch untragbar für das Dogenamt bezeichnet hat, will dann sogar gemeinsame Sache mit den Patriziern machen und schreckt nicht einmal vor dem feigen Giftmord an Simone zurück. (Gut, eine Prise Gift galt zu dieser Zeit als probates und häufig angewandtes Mittel zur Problemlösung, dass Verdi das aber anders sieht, zeigt er am kontrastrierenden Charakter Fiescos: Nicht einmal für seine Freiheit ist der bereit, seinen Todfeind und Totengräber seines Glücks hinterlistig zu ermorden. Er will Simones Untergang, aber in einem offenen und fairen Kampf.)

Ich finde auch, dass Boaz Daniel in der Wiener Aufführung dem Paolo das schärfste Profil verliehen hat. Er hat von Anfang an so ein bisschen was von einer feigen Kanalratte an sich.

lg Severina :hello
stiffelio (14.07.2013, 19:57):
Danke, Severina und Amonasro, für eure Denkanstöße - insbesondere dir, Severina, für deine Sicht des "un amplesso", die ich sehr einleuchtend finde.

Im Prinzip stimme ich euch zu, allerdings mit Betonung der Ansicht, dass zumindest zu Beginn der Oper Paolo vom Libretto her sehr unterschiedliche Interpretationsansätze offenlässt. Die ungemein überzeugende Interpetation durch Boaz Daniel, die Severina so treffend mit "Kanalratte" beschreibt, ist nur eine von mehreren möglichen.
Paolo könnte auch ein hochintelligenter, in der Vergangenheit vielfach gedemütigter und daher hasserfüllter Schurke von vergleichsweise hohem Format sein. Ein Mann aus dem Material, aus dem man im alten Rom legendäre Volkstribunen machte.
Dass Simone in Amelias Schilderung sofort Paolo erkennt, würde ich nicht zu sehr gegen Paolo auslegen wollen. Schließlich bedarf es bei Simones Hintergrundwissen über die Lage keinen besonderen Scharfsinn, zu erfassen, dass Amelia hier von Paolo spricht, egal ob man ihrer Sicht seines Charakters zustimmt oder nicht.
Dass Paolo nach der Vater-Tochter-Szene für Simone als Schwiegersohn nicht mehr in Frage kommt, ebenfalls nicht. Schließlich hat Amelia ihrem Vater bereits zu verstehen gegeben, dass sie mit ganzer Seele einen anderen liebt.
Letztlich bleibt wirklich vor allem die Feigheit Paolos bei der Beseitigung Simones übrig, die am stärksten gegen ihn spricht. Denn dass seine Gefolgschaft gegenüber Simone sofort in tödlichen Hass umschlägt, nachdem ihn dieser zunächst mit seinem herrischen "Ich will es" und dann vor dem Rat gedemütigt hat, könnte bei einem Mann, der auf Demütigungen wie auf ein rotes Tuch reagiert, zumindest nachvollziehbar sein. (Die unmittelbar kaum verständliche Schärfe dieses "ich will es" könnte aus meiner Sicht übrigens dadurch begründet sein, dass Simone hier schon ganz wie ein Vater fühlt - zudem noch im emotionalen Ausnahmezustand - , der einen Bewerber um seine Tochter ohne größere Begründung ablehnen kann. Die Tragik läge dann vor allem darin, dass Paolo das nicht wissen kann.)

Unterstützt würde diese alternative Sicht auf Paolo durch die lange Dauer (25 Jahre), die das Bündnis Simone-Paolo nicht nur anhält, sondern Paolo auch als erklärter Günstling Simones durchhält. Trotz aller Unterstützung, die Paolo im Volk haben mag, eine erstaunlich lange Dauer für ein reines Zweckbündnis zwischen einem durchweg miesen und einem edlen Charakter. Entweder kann Paolo sooo "schwarz" nicht sein oder in Simones Charakter muss es doch mehr Schatten geben, als die Oper vordergründig erkennen lässt.

VG, stiffelio

Original von Severina
Ich frage mich ja auch, ob die Begnadigung der Brüder nicht ein Trick ist, Amelia positiv zu stimmen für sein Anliegen, als Paolos Brautwerber aufzutreten!
Ehrlich gesagt, FRAGE ich mich das gar nicht, sondern es war für mich immer sonnenklar. :wink Und nicht nur mir, sondern auch Amelia selbst!
Sie ist ja keine Spur naiv und wenn sie an dieser Stelle ihr jahrelanges Geheimnis lüftet, kann das aus meiner Sicht nur bedeuten:
Zurückweisen kann sie diese Gunst des Dogen nicht, honorieren will sie sie aber auch nicht. Sie nimmt sie also an, will aber jedem, der (auch) auf ihr Erbe und ihren patrizischen Namen aus ist, klarmachen, dass sie eben KEINE Erbin des Grimaldischen Vermögens und Namens ist. Und wenn ihre "Brüder" aus dem Exil zurückkehren, ist ihre Rolle der Amelia für die Familie Grimaldi auch nicht mehr notwendig.
Severina (14.07.2013, 21:00):
Liebe stiffelio,

ich denke, wenn man die Charaktere dieser Oper so einfach in Schurken und Edelmänner einteilen könnte, hätten wir diesen tollen Thread nicht, denn dann würden sich alle unsere Überlegungen erübrigen. Das Faszinierende ist eben, dass der Librettist hier nicht in plakativem Schwarz-Weiß zeichnet, sondern sich die meisten Personen in der psychologisch wesentlich interessanteren Grauzone bewegen.

So ist für mich Simone keineswegs der Edelmann mit der fleckenlosen weißen Weste, denn auf dem Weg zum Friedensapostel, als der er sich in der Ratsszene gibt, hat er so manche Schuld auf sich geladen und viele Leichen zurückgelassen.
Seine größte Schuld besteht zweifellos darin, Maria ins Unglück gestürzt und letztendlich ihren Tod bewirkt zu haben, wenn auch nur indirekt. Denn man kann es drehen und wenden, wie man will: Simone verführt und schwängert ein junges Mädchen, das gesellschaftlich turmhoch über ihm steht, als Ehefrau also nie in Frage käme. Dessen muss er sich bewusst sein, und trotzdem ruiniert er ihr Leben, entführt sie (Zumindest muss man das annehmen, denn wie sonst käme er zu ihrem Kind?) und mutet ihr ein Leben als seine Geliebte zu, also verstoßen von der Familie, gesellschaftlich geächtet und wahrscheinlich auch materiell nicht besonders gut gestellt. (Seine Lorbeeren als Korsar verdient er sich wohl erst später, seinen Ruhm als Volksheld bekommt die inzwischen von ihrer Umwelt abgeschottete Maria kaum mit.)
Er muss also wissen, was er Maria antut, wenn er sie wirklich liebt, müsste er eigentlich auf die verzichten. (Denn noch einmal: Durchbrennen und damit jede Verbindung zu Familie und Gemeinschaft kappen, hat im 14. Jhdt. schwerwiegendere Konsequenzen als heute!)

Und auch als frisch gebackener Doge räumt er zunächst kräftig unter seinen Gegnern auf und schickt die mächtigsten in die Verbannung. (Gut, das kann man natürlich als Akt der Selbstverteidigung interpretieren!) Zur Friedenstaube mutiert er erst, als ihn das Glück über die wiedergefundene Tochter milde stimmt, er des ewigen Kämpfens müde wird und sich seine Werteskala deutlich verschiebt.

Die Tatsache, dass man Simone den Großteil der Oper als den um den Frieden und das Glück seiner Tochter besorgten väterlichen Dogen sieht, dessen edle Absichten von allen missverstanden werden, verstellt eben leicht den Blick auf den düsteren Teil seiner Biografie.

lg Severina :hello
stiffelio (14.07.2013, 21:38):
Liebe Severina,

so sehr mich Simone als Opernfigur und darüber hinaus fasziniert - ja, das geht auch in die Richtung meiner Überlegungen.

VG, stiffelio
stiffelio (25.09.2013, 22:57):
Original von stiffelio
1. Parma 2010 ("Tutto Verdi") mit Nucci, Scandiuzzi, Iveri, Meli und Piazzola in den Hauptrollen unter Callegari (Gallione)
War o.k., aber nicht mehr.

Nachdem ich diese Aufnahme heute nochmal angesehen habe, möchte ich meine Einschätzung in einem Punkt ein wenig revidieren:
Einen Sänger gibt es, der mir auf dieser DVD überdurchschnittlich gut gefällt und das ist Roberto Scandiuzzi als Fiesco. Scandiuzzi hat für mein Empfinden (natürlich nicht nur auf dieser Aufnahme) ein ganz eigenes, unverwechselbares Timbre, das ich sehr schön finde. Es klingt oft so, als ob er sich erst in den ganz tiefen Lagen so richtig zuhause fühlen würde.
Kennt jemand hier Scandiuzzi als Fiesco? Wie gefällt er euch?

VG, stiffelio
Severina (25.09.2013, 23:36):
Liebe Stiffelio,

diese Frage hättest Du mir eine Woche früher stellen sollen, denn da lief diese Produktion auf ORF III, da ich aber Nucci als Simone nicht sonderlich mag, habe ich mir das geschenkt. (Unser Kultursender bringt jetzt jeden Sonntag von der Früh bis spät in die Nacht Verdi-Opern am Fließband, die meisten aus Parma) Hätte ich geahnt, dass Du just nach dieser Aufführung fragen würdest,hätte ich natürlich hingeschaut. Dafür darf ich übermorgen "Simon Boccanegra" live genießen, mit Hampson, Furlanetto, Calleja (Da muss ich durch....) und Iveri :leb :leb :leb

lg Severina :hello
stiffelio (26.09.2013, 18:17):
Liebe Severina,

ich freue mich schon auf deinen Bericht. :wink
Hast du denn Scandiuzzi mal bei irgendeiner anderen Gelegenheit live erlebt? Zumindest von Konserve kennst du ihn ja...(Banco in Macbeth).

Und völlig OT: hast du mal in irgendeine andere Verdioper der Parma-Reihe hineingeschaut? Wenn ja, hast du Lust darüber mal in "Oper im TV" oder noch besser in Rideamus Verdi-Thread zu berichten? Ich kenne inzwischen ein paar davon (Un Giorno, Nabucco, I Lombardi, Ernani, I due Foscari, Giovanna d'Arco, Macbeth, I Masnadieri, La Battaglia, Luisa, Stiffelio, Il Trovatore, I Vespri, und Simon Boccanegra) und dein Urteil würde mich sehr interessieren.

VG, stiffelio
Amonasro (03.10.2022, 18:08):
Da ich in letzter Zeit wieder häufiger den Boccanegra gehört habe, hier ein paar lose Gedanken dazu:

I. Verdi und Genua

Ein auffälliger Unterschied zwischen Simon Boccanegra und anderen Verdi-Opern ist die große Rolle, die dem Schauplatz der Oper eingeräumt wird. Nicht nur wird die Stadt in fast jeder Szene des Librettos explizit genannt - teilweise auch in poetischen Bildern, z. B.:

Vieni a mirar la cerula -
Marina tremolante;
Là Genova torreggia
Sul talamo spumante

Genua thront in dieser Metapher als Braut auf dem “schäumenden Hochzeitsbett” (= talamo spumante), also dem Meer -,

sondern es werden auch viele Schauplätze und historische Begebenheiten erwähnt, die für den Nicht-Ortskundigen wohl nur schwer einzuordnen sind, z. B. Kirche San Lorenzo, Palazzo degli Abati, die Familien Doria und Spinola, die historischen Ämter Abate del popolo und Consoli di mare, Krieg zwischen Genua und Venedig, der „Eremit von der Sorga“ (gemeint ist Petrarch), etc.

Vor allem jedoch hat Verdi versucht den Schauplatz an der Küste auch musikalisch einzufangen. Sowohl die Republik Genua als auch die Titelfigur verdanken ihren Aufstieg dem Meer und das Meer ist in dieser Oper auch musikalisch allgegenwärtig: In der wellenartigen Streicherbegleitung der ersten Szenen des Prologs, in dem stimmungsvollen Vorspiel zum 1. Akt, der Arie Amelias, in den Binnenerzählungen Del mar sul lido (Prolog) und Nell'ora soave (Ratsszene), vor allem aber im kurzen Monolog des Dogen im 3. Akt:

Oh refrigerio!... la marina brezza!...
Il mare!... il mare!... quale in rimirarlo
Di glorie e di sublimi rapimenti
Mi si affaccian ricordi! - Il mare!... il mare!...
Perché in suo grembo non trovai la tomba?...

Tatsächlich ist es sogar so, dass das der Großteil der Oper in Innenräumen spielt, das Meer also die meiste Zeit nicht sichtbar, sondern nur in der musikalischen Landschaftsmalerei anwesend ist. Ähnlich musikalisch präsent ist der Schauplatz bei Verdi eigentlich nur in Aida.

Verdi scheint Genua besonders gemocht zu haben. Ab 1860 (also erst nach der Komposition des Boccanegra) verbrachte Verdi oft mehrere Monate im Jahr (meistens im Winter) in Genua, ab 1874 in einem Palazzo mit Meerblick, dem historischen Palazzo Doria.1 Nach seinem Landgut Sant’Agata bei Roncole Verdi (damals Le Roncole) war Genua damit der Ort, an dem sich Verdi am meisten aufhielt. Der Autor der dramatischen Vorlage Antonio García Gutierrez war 1870-72 spanischer Konsul in Genua - ob die beiden sich in dieser Zeit mal begegnet sind?

Der Komponist Jules Massenet besuchte Verdi 1894 in Genua. In seinen Erinnerungen beschreibt er seinen Eindruck so:

Il avait la tête nue, bien droite sous le soleil qui dardait. Il me montra les couleurs changeantes de la ville et la mer dorée en desssous, d’un geste fier comme son génie et simple, comme sa belle âme d’artiste. Il paraissait évoquer les grands doges du passé, parcourant la ville de Gênes de sa main puissante et bienveillante.2

Er hatte den Kopf unbedeckt, aufrecht unter der stechenden Sonne. Er zeigte mir die schillernden Farben der Stadt und des goldenen Meeres unter uns, mit einer Geste so stolz wie sein Genius und so schlicht wie seine schöne Künstlerseele. Er erschien mir wie einer der großen Dogen der Vergangenheit, mit seiner mächtigen und wohlwollenden Hand die Stadt Genua durchmessend (die holprige Übersetzung stammt von mir, ich bitte um Nachsicht).

Ich kann nicht anders, als bei diesem Zitat an Boccanegras Il mare! Il mare! zu denken.

Quellen:
1Zeittafel in Anselm Gerhard (Hrsg.): Verdi-Handbuch (2013)
2Jules Massenet: Mes souvenirs 1848-1912 (1912)

II. Die Hauptfigur

Sehr interessant ist die Oper auch durch ihren faszinierenden Titelhelden. Simon Boccanegra hat im Gegensatz zu den anderen Hauptpersonen keine ausladende Arie. Abgesehen von seiner Ansprache in der Ratsszene (Plebe! Patrizi! Popolo) hat er nur wenige Solo-Momente, die dann kurz und deklamatorisch daher kommen. Auch in seinen Duetten mit Amelia und Fiesco übernimmt sein Gegenüber die musikalische Führung. Diese ungewöhnliche Behandlung passt aber genau zu seinem introvertierten und melancholischen Charakter. Der Doge ist von einem latenten Todeswunsch geprägt, der sich sowohl bei seiner Reaktion auf seine Wahl (Paolo, una tomba!) als auch in seiner nostalgischen Meeresanrufung im 3. Akt, die bezeichnender Weise auf dem selben Wort - tomba! - endet, zeigt. Die Orchesterbegleitung bei seinem Auftritt im 2. Akt evoziert das Bild eines müden, unter der Last seines Amtes leidenden Mannes.

Trotz seiner Friedensbemühungen und Versöhnungsgesten ist Boccanegra eine sehr ambivalente Figur. Denn zum Friedensstifter scheint er erst unter dem Eindruck der Wiederbegegnung mit seiner verlorenen Tochter, die er im feindlichen Lager findet, zu mutieren. Die diversen Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben werden (Tötung von Adorno Senior, Exilierung der Grimaldi und Fiescos, Konfiszierung des Besitzes seiner Gegner) sprechen für sich, genauso wie die fortwährende Gunst, die der Schurke Paolo auch nach 25 Jahren noch genießt, was bedeutet, dass Boccanegra seinen wahren Charakter entweder nicht durchschaut oder ihn trotzdem duldet. Gabrieles

Ah taci... il vento
Ai tiranni potria recar tai voci!
Parlan le mura... un delator s'asconde
Ad ogni passo...
(Ah schweig... Der Wind könnte deine Worte zu den Tyrannen tragen! Die Mauern reden… Ein Späher steht versteckt an jeder Ecke…)

hört sich - wenn nicht nur Paranoia - geradezu nach einem repressiven Überwachungsstaat an. Auch Fiescos Äußerungen wie:

Vincitor fra le larve morrai
Cui la tomba tua scure negò.
(Du, der Eroberer, stirbst zwischen den Geistern derer, denen dein Richtbeil das Grab verwehrte.)

klingen nicht nach einer milden Herrschaft. In einer Stadt, die beständig am Rande des Bürgerkriegs steht, kann man anders wohl auch nicht 25 Jahre an der Macht bleiben.

Freilich stammen alle diese Vorwürfe von Boccanegras politischen Gegnern. Theoretisch könnte also auch alles ganz anders sein. Überhaupt verweigert uns das Libretto jede nähere Information über die Hintergründe der Ereignisse, auch an Stellen, wo dies eigentlich naheliegend wäre; so lässt sich Simones Antwort auf Adornos Vorwurf seinen Vater getötet zu haben als Schuldeingeständnis lesen oder auch nicht - der Interpretationsspielraum ist bei dieser Rolle also relativ groß. Auch in anderen Fragen ist der Text nicht eindeutig: Wer ist der Mann, der im Garten der Grimaldi herumschleicht? An wen ist Boccanegras letztes Wort vor seinem Tod, „Maria“, gerichtet: Die verstorbene Geliebte? Die Tochter? Die Gottesmutter? Wahrscheinlich wird das ganz bewusst offen gelassen.

Gruß Amonasro :hello
palestrina (03.10.2022, 19:15):
Ich kann nicht anders, als bei diesem Zitat an Boccanegras Il mare! Il mare! zu denken.
Hallo Amonasro, das ist schon immer mein liebstes Stück in der Oper gewesen :I quasi die Schlüsselszene!

Für mich spielt sozusagen das Meer die Hauptrolle in der Oper.

Ich war oft in Genua auf der Reise nach Sizilien, und immer musste ich an Simon Boccanegra denken, bei der Fahrt über das Meer

Es ist jedenfalls für mich nach der Traviata meine liebste Verdi Oper! Es gibt wunderbare Gesamtaufnahmen!

LG palestrina
Philidor (03.10.2022, 19:31):
Es gibt wunderbare Gesamtaufnahmen!
Hmmm ... ich kenne nur Cappuccilli(Abbado, Gobbi/Santini, Warren/Stiedry und Tibbett/Panizza ... fehlt da etwas Wichtiges?

(Irgendwo habe ich auch noch eine DVD ...)
palestrina (04.10.2022, 11:38):
fehlt da etwas Wichtiges?
Aber> ja doch< lieber Philidor, im laufe des Tages wenn dazu komme stelle ich was ein!

LG palestrina
Amonasro (04.10.2022, 22:36):
Hallo Amonasro, das ist schon immer mein liebstes Stück in der Oper gewesen quasi die Schlüsselszene!
Das ist auch meine liebste Stelle, neben der Versöhnung mit Fiesco "Piango perchè mi parla".

Hmmm ... ich kenne nur Cappuccilli(Abbado, Gobbi/Santini, Warren/Stiedry und Tibbett/Panizza ... fehlt da etwas Wichtiges?
Aus meiner Sicht sind das die wichtigsten. Von den anderen gefiel mir Silveri/Molinari-Pradelli am besten, wobei die vor allem durch die schönen Stimmen beeindruckt, das Drama kommt etwas kurz; deswegen kommt sie für mich nicht an die von dir genannten heran.

Schwieriger ist es bei der 1. Fassung. Die beiden erhältlichen Aufnahmen (Palumbo bzw. Matheson) überzeugen mich nicht wirklich. Am besten gefiel mir da ein Mitschnitt auf Youtube mit Leiferkus und Domingo unter Mark Elder.

Gruß Amonasro :hello
palestrina (05.10.2022, 17:18):
neben der Versöhnung mit Fiesco "Piango perchè mi parla"
Hallo Amonasro, natürlich die ganze 4. Szene! :I

LG palestrina

Hallo Philidor das andere ist nicht vergessen! Musste wiedermal Hals über Kopf in die Augenklinik, ist aber wieder soweit alles in Ordnung!
Philidor (05.10.2022, 18:47):
Hallo Palestrina,

oha, klingt dramatisch ... alles Gute!

Viele Grüße
Philidor :hello
palestrina (06.10.2022, 11:56):
Der Doge tritt ein........nach langer Pause......
Mein Kopf brennt wie Feuer! Wie eine gift'ge Schlange kriecht mein Blut durch die Adern!
Ah! Hier zu atmen....liebliche Düfte des endlosen Himmels!
Süße Erfrischung! Meeres laue Lüfte!
Das Mee, das Meer.....das weite Meer!
WIe doch, wenn ich es sehe, an Ruhm und an erhabene Gefühle mich Erinnerung beseligt!
Das Meer, das Meer!
Ah, warum fand in seinem Schosse längst ich nicht schon

Das Meer als zentrales Element in Verdis "Simon Boccanegra"

Boccanegra ist, wie schon gesagt, eine faszinierende Oper, wegen ihrer politischen Neigung, ihrer kraftvoll reichen Beziehungen und/aber auch wegen ihres Zentralen Bildes und einer zentralen Idee, um die komplexe Natur der Hauptfigur auszudrücken.
Das ist natürlich das Meer selbst.
Das Meer oder seine Umgebung sind der Ort, an dem die lebensverändernden Ereignisse in seinem Leben stattfinden.
Am Meer wird seine Tochter vermisst. Und am Meer findet er sie schließlich. Als sie von ihm weggeht, spielt eine Harfe, was sich wie Wellen anhört, während er das erhabene "Filia" ausspricht, in einem gefühlvollen zarten Ton!
Schließlich wird Wasser oft mit Reflexion in Verbindung gebracht, so wie es keines der anderen natürlichen Elemente ist. Simon Boccanegra ist eine (nach meiner Meinung, ich glaube es gibt derer noch viele) von Verdis nachdenklichsten Opern, die über die Rolle und Verantwortung des Einzelnen an der Macht/über die Macht nachdenkt.


Er eröffnet dann eine Tür wie in ein Himmelreich, wie ein Trost. Er stirbt nicht naturalistisch, sondern er geht in eine andere Welt. Er geht in die Welt seiner Erinnerungen."


LG palestrina
palestrina (06.10.2022, 13:03):
Meine beiden liebsten Interpreten des Simon Boccanegra sind José van Dam und Renato Bruson, bei öfter Live erlebt!

Also, ergeben sich diese Gesamtaufnahmen.......

KlickKlick
Die Aufnahmen sind beide gut und die mit Veltri besonders GUT, eildiweil Manfred Schenk den Fiesco singt, mit dem ich bis zu seinem Tode '99 regen Kontakt hatte. Wogegen ich pers.Nancy Gustafson besser finde als Daniela Longhi. In der Produktion in Brüssel war ich dabei.

Klick
Das ist die Aufnahme die Amonasro erwähnt hat, ich würde sagen das ist eine typische Aufnahme der 50ziger, da wurde mMn.mehr auf schön Gesang geachtet als auf Interpretation, wenn man davon absieht ist die Aufnahme sehr gut!

Klick
Rundum gesehen ist das meine liebste Aufnahme, Bruson :down Scandiuzzi ist ein sehr überzeugender Fiesco und Mariana Nicolesco ist eine überaus überzeugende Interpretation gelungen, Sabbatini ist gut aber stimmlich nicht so ganz mein Fall. Paternostro überzeugt mich auch mit einem nicht europäischen Orchester (was heute allerdings auch kein Kriterium mehr ist).
Die andere Aufnahme mit Bruson aus der Wiener Staatsoper unter Abbado, ist mir wegen der seltsamen Live Technik nicht überzeugend. Die Ton Balance ist so unterschiedlich, dass man nur die Fernbedienung in der Hand hält!


Ja ihr lieben, die GA mit Abbado ist schon erste Sahne !? aber Cappuccilli ist so gar nicht mein Boccanegra, hatte nie einen Faible für ihn! :(

Aber alles ist eine Geschmackssache! :)

LG palestrina
palestrina (06.10.2022, 14:02):
Im Prinzip würde ich sagen das hier.....
Klick
.....ist die sogenannte Referenz, aber ich kann es nicht erklären warum ich sie einfach nicht soooo oft höre, kann es sein, dass ich immer die anderen im Kopf habe!?


Das Cover ist noch was zum lachen......war Gobbi bei >Mainz bleibt Mainz

Klick

Das ist natürlich was für den eingefleischten Gencer Fans, jedoch auch generell sehr gut!

Klick

Diese Aufnahme mit Rahbari ist auch zu empfehlen, allerdings werden die Aufnahmen mit ihm ziemlich kontrovers beurteilt, ich pers. finde einige dann doch ziemlich gelungen, sowie auch diese hier.
Tumagian ist ein mehr als nur guter Boccanegra, Peter Mikuláš ist ein sehr ansprechender Bass , Sadinero als Paolo muss man erwähnen und ebenso Vladimir de Kanel als Piero ( oft in Ffm gehört in div.Partien). Miriam Gauci bietet eine solide Interpretation der Amelia/Maria, Giacomo Aragall singt einen überaus klangschönen Gabriele.


LG palestrina
palestrina (06.10.2022, 17:34):
Klleja und Opick Klick

Das sind in meiner Boccanegra Diskographie die beiden zuletzt erworbenen Aufnahmen!

Ich fange mit der Hvorostovsky GA an, das ist alles wunderbar gesungen, jedoch mit zuviel Überdruck und an einigen Stellen fehlt mir die Differenzierung und das Gefühl, am besten kommt der Fiesco von Ildar Abdrazakov weg. Hvorostovsky ist der mit dem meisten Überdruck, das ist manchesmal des guten zuviel! Barbara Frittoli füllt ihre Rolle gut aus Stefano Secco ist allerdings nicht nach meinem Gusto, zu neutral. Orbelian allerdings macht, wie so oft einen ausgesprochen guten Job.
Die Hampson Aufnahme ist fast das Gegenteil, das ist alles zum größten Teil sehr schön gesungen, aber hier fehlt der Hauptperson Boccanegra die nötige Autorität, hier hätte auch etwas mehr Sonorität gutgetan. Calleja und Opolais sind beide hervorragend, für mich sozusagen die Überflieger, mit Colombara kann ich überhaupt nichts anfangen. Hier gefällt mit die Orchestrale Seite sehr gut, der letzte Akt gefällt mir ausgesprochen gut, aaaber gerade da fällt das gesangliche etwas ab von Hampson und besonders von Colombara!

Fazit: Beide Aufnahmen sehr undifferenziert in der Interpretation und im Gesang. Wird somit für viele Hörer nicht genügen!

LG palestrina
Philidor (06.10.2022, 19:33):
Lieber Palestrina,

ganz herzlichen Dank für die Riesenarbeit, die Du Dir da gemacht hast!

Ich sehe schon, nach diversen Rigoletti kommt noch etwas auf mich zu ...

Viele Grüße
Philidor :hello
Amonasro (07.10.2022, 18:52):
Lieber palestrina,

auch von mir vielen Dank für die Aufnahmeempfehlungen und gute Besserung!

Die Paternostro-Aufnahme habe ich vor längerer Zeit mal gehört, aber nicht mehr in Erinnerung. Das muss ich wohl bald auffrischen.

Bei der Santini-Aufnahme geht es mir im Prinzip ähnlich wie dir. Die Sänger sind wundervoll, aber das Dirigat finde ich zum Teil zu spannungsarm (vor allem im Vergleich zu Abbado), das schmälert für mich die Wirkung dieser Aufnahme, die ich trotzdem immer wieder mal höre. Ich habe die Naxos-Ausgabe, die hat ein sehr starkes Grundrauschen. Das Cover der EMI-Version ist tatsächlich witzig. Interessant, dass die meisten vermeintlich historisierenden Inszenierungen dem Dogen sehr fantasievolle Kopfbedeckungen, die gänzlich ahistorisch sind, verpassen. Sehr oft sieht man sogar den venezianischen Dogenhut. Die Kopfbedeckung der Grabskulptur von Simone Boccanegra ist dagegen ein langgezogener Kegel umgeben von einer nach oben stehenden, kronenförmigen Krempe.

Gruß Amonasro :hello
palestrina (08.10.2022, 11:02):
Ich habe noch was....



Klick

New York -- January 30, 1965, Colzani, Tebaldi, Shirley, Hines, Diaz, Cleva

Das ist leider Mono, und ich bin nicht mehr der große Liebhaber älterer Aufnahmen. Hier jedoch muss ich zugeben, diese Met Produktion ist schon ziemlich gut, die Rollen sind sehr gut besetzt besonders Colzani als Boccanegra und noch besser Hines als Fiesco. Tebaldi bleibt eben Tebaldi!

Klick

Wie ich dchon schrieb, ist Cappuccilli nicht so der Liebling von mir, hier jedoch finde ich ihn jedenfalls besser als bei Abbado. Ricciarelli in ihren jungen Jahren ist eine bezaubernde Amelia/Maria, Domingo ebenfass jung ist auch gut.
Aber der Knackpunkt der Aufnahme ist der lasche Fiesco von Raimondi. Mastromei als Paolo ist superb, er wurde von der Industrie ziemlich mies behandelt. Gavazzeni ist für meine Begriffe etwas zu kontrolliert, dagegen spielt Abbado doch etwas gelöster das Drama!

LG palestrina

palestrina (08.10.2022, 13:15):
Eine geht noch!

Klick
Das ist eine jener Aufnahmen, von der ich wesentlich mehr erwartet hätte, Te Kanawa, ist noch das Beste dieser Interpretation, sie singt wie immer sehr schön, beseelt und ausdrucksstark im Rahmen ihrer >Möglichkeiten Nucci hat mich sehr enttäuscht, da fehlt so viel an Ausdruck :( das hört sich zum Teil belanglos an! Burchuladze ist alles andere, nur kein Fiesco!
Aragall mach sehr viel aus der Rolle des Gabriele, kommt aber, wenn ich das so sagen kann, nicht ganz an Domingo und Carreras heran. Solti, ich weiß nicht was er uns hier zeigen will?

LG palestrina
Amonasro (14.10.2022, 16:03):
III. Historischer Hintergrund

Der historische Boccanegra war anders als in der Oper kein Pirat, sondern Kaufmann. Er hatte aber einen Bruder, Egidio Boccanegra, der als Freibeuter für die Könige von Kastilien und Aragon tätig war. Gutiérrez hat diese beiden Personen zu einer verschmolzen. Der historische Simone herrschte auch nicht durchgängig 25 Jahre, sondern wurde gestürzt und kehrte dann Jahre später nach einem erneuten Umsturz ins Amt zurück. Er regierte 1339-1344 und 1356-1363. In der Zwischenzeit lebte er in Pisa, der Heimat seiner Mutter und der Ort, an dem er in der Oper seine Tochter versteckt. Simone Boccanegras Leibwache galt als die größte seiner Zeit. Dennoch starb er schließlich durch Gift bei einem Bankett zu Ehren des Staatsgastes König Peter von Zypern. Der Täter blieb unbekannt. Boccanegra heiratete 1360 eine Costanza und hinterließ einen zweijährigen Sohn.

Zum Recherchieren der historischen Hintergründe hat mich vor allem dieser mir zunächst unverständliche Wortwechsel im Prolog angeregt:

PAOLO: All’alba eletto
Esser vuoi nuovo abate?
SIMONE: Io?… no.
PAOLO: Ti tenta
Ducal corona?

(PAOLO: Möchtest du am Morgen zum neuen Abt gewählt werden?
SIMONE: Ich?...Nein.
PAOLO: Lockt dich nicht die Dogenkrone?)

Was ist das Amt des Abate (Abt), zu dem Simone gewählt werden soll? Der Begriff taucht dann in der Ratsszene wieder auf, die im Palazzo degli Abati angesiedelt ist. Ein geistlicher Stand kann hier unmöglich gemeint sein.

Der Schlüssel liegt darin, dass das Amt des Dogen zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte, sondern erst mit Boccanegras Wahl 1339 geschaffen wurde. Vorher gab es verschiedene Magistrate in Genua:
- Zunächst wurde Genua von einer wechselnden Zahl Konsuln regiert; diese wurden 1190 durch einen Podestà ersetzt, der traditionell nicht aus Genua stammen durfte.
- Ein Großonkel von Simone Boccanegra, Guglielmo Boccanegra, wurde nach einem Handwerkeraufstand 1257 unter der Bezeichnung Capitano del popolo Alleinherrscher. Diese Amtsbezeichnung gab es in vielen italienischen Städten, noch heute heißen die beiden Staatsoberhäupter von San Marino Capitani. Nach Guglielmos Sturz wurde Genua meistens von zwei Capitani regiert. Entgegen der Bezeichnung, die auf einen Volksvertreter hinweist, hatten nach dem Plebejer Guglielmo die Patrizier alleinigen Zugriff auf dieses Amt. Im ständig währenden Kampf zwischen Guelfen und Ghibellinen hatten sich zwei Allianzen herausgebildet: Hatten die Guelfen die Oberhand wurden die Capitani von den Familien Fieschi und Grimaldi gestellt, in ghibellinischen Zeiten von den Spinola und Doria. Diese vier Familien befanden sich quasi ständig im Bürgerkrieg. Anders als bei Gutiérrez und Verdi angedeutet, ging der Wahl Boccanegras eine Regierung der Spinola und Doria voraus; hierauf spielt vermutlich die Erwähnung dieser Familien in Boccanegras „Plebe! Patrizi! Popolo“ in der Ratsszene an: „Erede sol dell'odio dei Spinola, dei Doria“ (Ihr seid Erben des Hasses der Spinola und Doria). Das Amt des Podestà blieb die ganze Zeit über bestehen, aber mit wechselnden Befugnissen.
- Die von der Macht ausgeschlossenen Plebejer rebellierten mehrmals gegen die Herrschaft der Patrizier, sodass 1276 als Ausgleich ein zusätzliches Amt, der Abate del popolo (Volksabt), geschaffen wurde. Dieses Amt wurde in der Regel von Plebejern begleitet und gewählt.
Die genauen Kompetenzen und Machtverteilung der einzelnen Ämter waren durch die häufigen Bürgerkriege einem steten Wandel unterworfen.

Deutschsprachige Literatur zur Geschichte Genuas ist rar. Zu den Vorgängen um Boccanegras Wahl habe ich aber ein paar ältere Bücher gefunden, aus denen ich hier zitiere:

Pierer’s Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart (1842):
„1339 neuer Aufstand über die Wahl des Abate del popolo; dieser Abate, neben dem Capitano, war stets vom Volk gewählt worden, wenn man ihn sonst bei den verschiednen Veränderungen gewählt hatte. Jetzt hatten ihn die Capitani gewählt, weshalb das Volk Unruhen erregte. In einer Versammlung kam man darin überein, anstelle eines Abate einen Dogen zu wählen, dem dann ein Rath beigegeben ward. Der 1. Doge war Simon Boccanegra; die Guelfen wurden von der Regierung ganz ausgeschlossen, auch einige der Spinolas und Dorias aus G. vertrieben.“

Das Amt des Dogen entstand also aus dem Amt des Abate. Bis zu den Verfassungsreformen Andrea Dorias 1528 blieb das Amt des Dogen ein plebejisches Amt, wurde aber nur von Angehörigen einiger weniger Kaufmannsfamilien besetzt, zu denen auch Gabriele Adorno (1363-1371) gehörte, der in der Oper fälschlich als Patrizier dargestellt wird, und in keinem Verwandtschaftsverhältnis zu Boccanegra stand. Adorno verbannte die Familie Boccanegra aus Genua. Er wurde wegen einer unbeliebten Steuerreform gestürzt.

Gruß Amonasro :hello
Amonasro (14.10.2022, 16:04):
Der Historiker August Lebrecht Herrmann schildert in seiner Geschichte von Genua (1831) die Schaffung des Dogenamts so:
„Daß die Capitani einen Volksabt nach ihrem Willen gewählt, gereichte ihnen jetzt zu einem Hauptvorwurf. Diese suchten den Sturm durch zeitiges Nachgeben zu beschwören und befahlen, man möchte einen neuen Volksabt nach sonstiger Weise ernennen. Zwanzig vom Volk bestimmte Wähler versammelten sich in einem der Säle des Palastes des Volksvertreters, konnten aber, in schwankender Willensverschiedenheit, zu keinem Entschlusse gelangen. Harrend und allmählig ungeduldig umstand indessen die Menge, Adlige, Bürger und die Capitani selbst, das Gebäude; da erhob plötzlich ein unbedeutender Handwerker, einer von jenen kecken, mit Geläufigkeit redenden Wortführern, seine Stimme : „Nehmt meinen Rath auf, wie ihr wollt, aber sagen muß ich Euch doch, was ich denke; wozu viel Umstände einen Volksabt zu finden? Wählt hier Simon Boccanegro, den ich Euch vorschlage.“
Wie ein Blitzstrahl zuckte diese unerwartete Anrede durch die anwesende Menge. Boccanegro, ging es von Mund zu Mund; Boccanegro soll unser Volksabt seyn! Voll Verwunderung kamen die zwanzig Wähler aus dem Palaste hervor, überreichten Boccanegro den Degen, als das Zeichen der fraglichen Würde und vereinigten ihre Stimme mit dem Beschlusse des Volks.
Doch stolz lächelnd gab Boccanegro den erhaltenen Degen zurück; „ keiner meiner Vorfahren war jemals Volksabt, und ich will nicht der erste seyn, der diese Würde auf meine Familie bringt; wählt einen andern, für den sie besser passt als für mich!“ Wilhelm Boccanegro, welchen man vor beinahe 100 Jahren zum ersten Capitano del Populo erhob, war sein Ahne. „Nun wohl!“ schrie einer aus dem Haufen, „so machen wir Boccanegro zum Herrscher von Genua!“ Voll Bestürzung sahen Doria und Spinola, wohin sich die Sache neige; sie drängten sich an Boccanegro und beschwuren ihn, die Würde eines Volksabts anzunehmen. Mit stillem Triumphe erblickte dieser die Frucht seiner geheimen Aussaat, denn offenbar war alles planvoll durch ihn vorbereitet. So soll ich, fuhr er fort, Herrscher sein in Gemeinschaft mit den Capitani’s? Nein, nein, war die Antwort, Herrscher allein und sey unser Doge! Das Wort der Entscheidung war gesprochen Man ernannte ihn zum lebenslänglichen Dogen von Genua, mit einem, aus den Bürgern gewählten, Rathe. Die Guelfen sollten fortan von allen Staatsgeschäften ausgeschlossen und die Vornehmen von der Hauptstadt entfernt bleiben, die Ghibellinen wurden geduldet. Aus einer Aristocratie verwandelte sich Genua nun in eine Democratie unter einem Dogen, der seine Würde jedesmal auf die Dauer seines Lebens erhielt, und diese wichtige Umänderung der ganzen Staatsverfassung war das Werk eines einzigen Tages, des 23. Sept. 1339. Simon Boccanegro beginnt die Reihe der genuesischen Dogen.“

Diese Version der Ereignisse ist auch in Steven A. Epsteins Genoa and the Genoese 958-1528 (1996) enthalten und geht zurück auf die im 15. Jahrhundert geschriebenen Annales Genuenses der Brüder Giorgio und Giovanni Stella, deren Vater Facio zur Zeit Boccanegras als Kanzler in der Verwaltung arbeitete.
Es fällt nicht schwer in dieser historischen Darstellung die Ereignisse des Opernprologs wiederzuerkennen: Der Handwerker als Königsmacher erinnert stark an Paolo, der nicht zufällig ebenfalls als Handwerker bezeichnet wird (Epstein spricht von einem „silver worker“, das Libretto bezeichnet Paolo als „filatore d'oro“, „Goldwirker“). Hier wie dort wird das Amt des Dogen erst ins Spiel gebracht, nachdem Boccanegra das Amt des Abate ablehnt. In dem oben zitierten kurzen, schnell untergehenden Wortwechsel des Librettos steckt also eine ganze Menge Geschichte.

Anders als in der Oper dargestellt, scheint Boccanegra keineswegs auf Versöhnung hingewirkt zu habe. Bei Herrmann heißt es zu seiner zweiten Amtszeit:
„Er verwaltete die ihm übertragene Würde mit durchgreifender Kraft. Alle Adligen, welcher Partei sie auch angehören mochten, wurden von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen; durch strenge Haussuchungen entwaffnete man die Mißvergnügten, von denen die Mächtigern die Verbannung erlitten; und so kam über die Genueser, die einer starken Faust bedurften, eine Ruhe, welche selten unter ihnen gedieh. Sieben Jahre behauptete sich Boccanegro auf seinem Posten; mehrere Verschwörungen wurden zwar gegen ihn angesponnen, aber auch immer wieder entdeckt, bis es endlich einem tückischen Giftmischer gelang, den mehrfach versuchten Streich zu vollführen. Nach eingenommenem Mahle bei einem vornehmen Genueser, Pietro de' Malocolli, fühlte er einen tödtlichen Schmerz in seinen Eingeweiden, und starb 1363 kurz darauf, ein Opfer des Hasses und der Parteienwuth.“

Möglicherweise hat sich Gutiérrez von Boccanegras Gastgeber dazu inspirieren lassen, Paolos Handlanger Pietro zu nennen. Denn im spanischen Drama und der 1. Fassung der Oper ist es Pietro, der das Gift appliziert. Erst in Boitos Bearbeitung tut Paolo dies selbst.

Quellen:
August Lebrecht Herrmann: Geschichte von Genua (1831) aus der Reihe „Allgemeine
Historische Taschenbibliothek für Jedermann“
Pierer’s Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart oder neuestes encyklopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe (1842)
Steven A. Epstein: Genoa and the Genoese 958-1528 (1996)
Carrie E. Beneš (Hrsg.): A Companion to Medieval Genoa (2018)

Gruß Amonasro :hello