Verdi: Stiffelio

stiffelio (11.02.2012, 10:50):
Hallo liebe Forumsmitglieder,

passend zu meinem Nick möchte ich eine knappe Darstellung meiner "heimlichen" bzw. ganz persönlichen Lieblingsoper versuchen: Stiffelio von Verdi.
"Heimlich" deshalb, weil ich offen zugebe, dass es sicher objektiv tollere Opern gibt. Aber der Stiffelio spricht bei mir subjektiv so viel an, dass ihn vermutlich nichts so schnell vom ersten Platz in meinem Herzen verdrängen kann.
Die Story in Kurzfassung:
Sie spielt zur Zeit des Pietismus (19. Jh.) in Deutschland. Der Wanderprediger Stiffelio hatte sich unter dem Pseudonym Rodolfo Müller vor (religiös motivierten?) Verfolgern einst auf das Schloss des Grafen Stankar gerettet und dort dessen Tochter Lina geheiratet. Inzwischen wird er von der dortigen Gemeinde vorbehaltlos verehrt.
Lina wurde während seiner letzten Predigtreise vom notorischen Frauenheld Raffael, einem Freund der Familie, zum Ehebruch verführt. Die Oper beginnt mit Stiffelios Heimkehr und der schrittweisen Entdeckung des Ehebruchs durch ihn (die sein Schwiegervater Stankar zur Wahrung der Familienehre und Stiffelios Seelenfrieden zu verhinden sucht). Stiffelio steht die ganze Oper hindurch in der Spannung zwischen dem christlichen Anspruch der Vergebung und der Sündenbestrafung.
Wobei auf der Seite der "Bestrafung" natürlich ein ganzes Bündel von Emotionen herrscht: verletzte Ehre, verletzter Stolz, verletzte Liebe, stinknormale Eifersucht und meiner Meinung nach auch der idealistische-fundamentalistische Anspruch (und Stiffelio ist Idealist!), Böses auch und gerade dann anzuprangern, wenn die Konsequenz daraus ihn selbst bzw. seine Ehe trifft. Nach dem Motto: "So dich dein rechtes Auge ärgert, so reiße es aus".
Man könnte die Oper auch unter das Motto stellen: "Was ist wichtiger im Christentum: Vergebung oder Reinheit zumindest bei den Repräsentanten?"
Die Extreme bei Stiffelio schwanken dabei zwischen dem zumindest im Affekt gefassten Vorsatz, den Verführer seiner Frau eigenhändig umzubringen und seinem Entschluss, sich von ihr scheiden zu lassen, damit sie ihrem vermeintlichen Geliebten Raffael (von dem Lina selbst längst nichts mehr wissen will) heiraten kann. Diese Schwankungen und der damit verbundene Seelenkampf Stiffelios machen einen Großteil der Dramatik der Oper aus. Getötet wird Raffael dann kurz vor Schluss im Duell mit Stankar.
In der Schlussszene liest Stiffelio während einer Predigt die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin - und vergibt seiner Frau.
(Zur ausführlichen Handlungsbeschreibung und Geschichte der Oper siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Stiffelio )

Ich habe von dieser Oper beide DVDs, die meines Wissens momentan auf dem Markt sind (und bin immer an weiteren Aufnahmen inkl. Bild interessiert):
die MET-Inszenierung 1993 mit Placido Domingo und die ROH-Inszenierung 1993 mit José Carreras.
Obwohl Domingo üblicherweise die stärkere Bühnenpräsenz hat, kommt er zumindest im Vergleich dieser Inszenierungen meinem Empfinden nach nicht annährend an Carreras heran. Carreras hat alles, was ich für den Stiffelio brauche: die Ernsthaftigkeit, die an Humorlosigkeit grenzt, die Verletzlichkeit, den Anspruch an sich selbst, der immer wieder in Überforderung umschlägt.
Die ROH-Inszenierung hält außerdem das Ende relativ offen (ich könnte es mir auch anders vorstellen, dann kann es allerdings leicht kitschig werden): der Prediger Stiffelio vergibt seiner Frau - tut es auch der Mann Stiffelio? Er wird sich wohl ernsthaft bemühen, aber dieses Ende verrät nicht, wie die Beziehung zwischen Stiffelio und Lina konkret weitergehen wird.
Auch sängerisch besteht ein ungeheurer Kontrast z.B. im Finale des ersten Aktes, in dem Verdi "die Zeit anhält", als Stiffelio kurz vor der Aufdeckung der Affäre steht und dies selbst ahnt: "Oh qual m'invade ed agita terribile pensiero." Domingo singt das in einer völlig anderen Interpretation total abgehackt und gehetzt http://www.youtube.com/watch?v=Ov_M_bB2r4I&feature=related (ab 1:54), während Carreras in ein Piano übergeht, das ihn geradezu aus seiner Umgebung entrückt http://www.youtube.com/watch?v=00wwbA190qo

Domingo muss man zugute halten, dass seine Partnerin Sharon Sweet als Lina wohl leicht das doppelte Gewicht erreicht, was erstens wenig zu Linas Rolle passt und zweitens in manchen Szenen für unfreiwillige Komik sorgt.

Stiffelio wird relativ selten gespielt, in Mannheim wurde eine geplante Premiere diesen Monat gerade wegen Krankheit auf die nächste Spielzeit verschoben. Wenn ich es dann schaffe, mir eine Live-Aufführung anzusehen, werde ich nochmal berichten.

Übrigens habe ich eines trotz vieler Recherchen nicht herausbekommen können: ich gehe davon aus, dass der Name "Stiffelio" eine Bedeutung hat (wie ja praktisch alle Namen). Aber welche das ist, danach habe ich vergeblich gesucht. Weiss das hier jemand?

VG, stiffelio
Severina (11.02.2012, 12:45):
Liebe Stiffelio,

ich muss gestehen, mich mit dem "Stiffelio" noch nie eingehender beschäftigt zu haben, was ich nach Deiner sehr interessanten Werkeinführung bedauere. Nun ist es zwar bekanntlich nie zu spät, aber ich habe zumindest die Gelegenheit verpasst, mir diese Oper öfter anzuschauen, als sie am Spielplan der WSO stand. Sogar sehr oft mit Deinem Idealinterpreten, José Carreras. Da ich kein Carrerasfan war, beließ ich bei einer einzigen Aufführung, obwohl ich gerne zugebe, dass er mich als Stiffelio mehr überzeugt hat als in anderen Partien. Und so wie Du diese Figur charakterisierst, passte er wohl wirklich besser als der viel vitalere Domingo, der bei aller Liebe zu ihm nie der ideale Darsteller für gebrochene Charaktere war/ist.

lg Severina :hello
stiffelio (11.02.2012, 15:21):
Liebe Severina,

kann es sein, dass die WSO sogar das gleiche Bühnenbild wie die ROH-Inszenierung hatte? Ich hatte bei einem youtube-Link, der meiner Erinnerung nach Wien zugeordnet war, mal diesen Eindruck.

Tja, in Wien würde ich wohl auch noch zum Live-Opernfan werden... :(

Ich vermute, dass auch noch viele andere Sänger den Stiffelio überzeugend darstellen könnten. Nur Domingo gehört eben nicht dazu, zumal in der MET-Inszenierung auch vieles arg ins Amerikanische geht (Kostüme, Ambiente, eben der gesamte Darstellungsrahmen). Das geht mit Domingo meinem Empfinden nach nicht zusammen.
Ich war sehr gespannt auf die Mannheimer Inszenierung und hab ganz schön geschimpft, als sie verschoben wurde - hoffentlich wenigstens nicht aufgehoben.

VG, stiffelio
Tosca (11.02.2012, 17:12):
Hallo Stiffelio,

ich kenne auch beide DVDs. Obwohl ich Domingo sehr viel lieber mag als Carreras, halte ich Carreras als Stiffelio für erheblich besser und ich liebe diese DVD sehr. Die Rolle ist ihm wirklich auf den Leib geschnitten.

LG Tosca
Rideamus (11.02.2012, 17:14):
Lidr kann ich im Moment nur kurz daauf eingehen, aber ich möchte zumindest einmal festhalten, dass ich den STIFFELIO für die am meisten unterschätzte Oper Verdis halte. Einige Gründe sind schon genannt worden, aber man sollte auch darauf hinweisen, dass es kein Zufall ist, dass die Oper zwischen den Meisterwerken LUISA MILLER und RIGOLETTO entstand, mit denen man den Beginn von Verdis Reifezeit ansetzt, und die mittlere von Verdis bürgerlichen Tragödien ist, die in der TRAVIATA kulminieren. Ich finde, dass sich alle vier Opern nur wenig nachgeben, und das gilt nicht nur für die musikalische Qualität.

Wo war nur der aufstrebende Jonas Kaufmann, als man ihn in der Titelrolle dieser Oper ideal hätte besetzen können? Ich kenne die DVD von der MET nicht, würde aber blind zustimmen, dass Domingo eine Fehlbesetzung und Sharon Sweet nicht nur vom Aussehen her als Lina ein Desaster sein musste, wo schon Katia Ricciarelli zu brav gewesen wäre, wie man bei Philips zum Glück realisierte, als man die Oper aufnahm. Man hätte da wohl besser das "Remake" Aroldo gegeben, denn als Kreuzfahrer überzeugt Domingo bestimmt eher denn als reformierter Pfarrer. Wahrscheinlich auch eher als Gianfranco Cecchele in der Aufnahme mit der auch nicht gerade ideal besetzten Montserrat Caballé unter Eve Queler, so dankbar ich ansonsten für diese Aufnahme als Zeugnis für die Qualitäten dieser Alternative zum STIFFELIO bin. Mit ihrem radikal veränderten Plot und dem weitgehend neu komponierten letzten Akt ist AROLDO aber schon eine ziemlich andere Oper, die man dennoch im Auge behalten sollte, weil man ihr entnehmen kann, worauf Verdi musikalisch besonderen Wert gelegt hatte.

Leider gibt es anscheinend keine andere Aufnahme des eigentlichen STIFFELIO, die mit den beiden genannten mithalten kann, und deswegen finde ich trotz des drögen Dirigats von Edward Downes die Londoner DVD mit Carreras und einer ordentlichen Catherine Malfitano durchaus annehmbar. Die eigentliche Qualität dieser meisterhaften Oper kommt für mich aber nur in der Plattenaufnahme Lamberto Gardellis zur Geltung, der das Drama im Kern dieser für ihre Zeit extrem ungewöhnlichen Liebes- und Ehegeschichte zu verstehen scheint und auch vermitteln kann. Ein enormes Verdienst daran hat neben dem damals noch deutlich besseren José Carreras auch Sylvia Sass, die in der Rolle der reumütigen Ehefrau so viel Erotik ausstraht, dass man sehr wohl verstehen kann, warum man sich intensiv um sie bewarb, und ihr der abwesende Prediger nicht immer genügte. Von dieser Lina führt ein gerader Weg zu der ebenfalls von Sylvia Sass großartig verkörperten Ehebrecherin Giorgetta in Puccinis 70 Jahre jüngerer Kurzoper IL TABARRO.

Dank beider überzeugender Gestaltung gelingt dieser Aufnahme ein hinreißendes Finale, denn natürlich ist Stiffelios abschließende Predigt über die Ehebrecherin, der Jesus ebenso verzeiht, wie das auch Stiffelio tun muss, weit mehr als ein Gleichnis. Wer einen Beleg für die erstaunliche Modernität nicht nur des Komponisten, sondern auch des Menschen Verdi in seiner Zeit sucht, kann hier leicht fündig werden.

:hello Rideamus
Schweizer (11.02.2012, 17:53):
Liebe Stiffelio, am Opernhaus Zürich hatte "Deine Oper" am 26.September 2004 Première: in der Regie von Cesare Lievi und dem Dirigat von Stefano Ranzani sangen Emily Magee die Lina, José Cura den Stiffelio, Leo Nucci den Stankar, Günther Groissböck den Jorg.
Das Werk wurde in keiner der folgenden Spielzeiten wieder auf den Spielplan gesetzt.
Gruss vom Schweizer
Severina (11.02.2012, 20:24):
Liebe Stiffelio,

ja, unsere Produktion wurde in der Tat aus London importiert! Ich habe gerade meine Aufzeichnungen studiert, demgemäß war ich 1996 drin, neben Carreras sangen noch Mara Zampieri und Renato Bruson.
2004 ging die letzte Serie über die Bühne, allerdings mit José Cura, den ich nicht ausstehen kann, weswegen ich einen Besuch gar nicht in Erwägung gezogen habe.
Aber die DVD mit Carreras habe ich jetzt einmal auf meine Wunschliste gesetzt!

lg Severina :hello
stiffelio (11.02.2012, 23:13):
ich freue mich sehr über das Interesse, das der Stiffelio hier findet!

Hallo Tosca,
deine Sätze hätten 1:1 von mir sein können :W
Deinen früheren Beiträgen habe ich entnommen, dass wir wohl noch mehr Schnittmengen haben, z.B. die Vorliebe für den Mephisto von Ramey. Aber das ist hier off topic, mehr vielleicht später in den entsprechenden Threads oder per PN - du wohnst ja offenbar auch in NRW.

Hallo Rideamus,
es gibt ein paar youtube-Schnipsel mit Sylvia Sass (nur Ton), allerdings offenbar nicht das Finale. Vom ersten Hören her gefällt mir ihre Stimme tatsächlich noch um einiges besser als C. Malfitano. Vor allem ihre Arie zu Begin des zweiten Aktes. Allerdings weiss ich nicht, wie mir eine "erotische" Lina im Bild gefallen würde. Die ROH-Inszenierung hat mich wohl so geprägt, dass ich von Lina eine sexuell eher naive, wenn nicht sogar verklemmte Ausstrahlung erwarte. Das macht für mich die Ansiedlung im Pietismus-Millieu wesentlich glaubhafter. Es käme also auf einen Versuch an, mich neu zu orientieren - den es mit S. Sass aber leider leider wohl nicht geben wird, falls nicht doch irgendwo eine mir unbekannte Bildaufzeichnung existiert :I

Hallo Schweizer,
ich hatte von der Züricher Inszenierung ein paar Kritiken gelesen, die allerdings meiner Erinnerung nach ("einfallslos") nicht sehr schmeichelhaft waren. Hast du die Aufführung selbst gesehen?

Liebe Severina,
um diese Live-Aufführung 1996 beneide ich dich! Bruson kann ich mir gut als rollendeckenden Stankar vorstellen. Kannst du dich noch an M. Zampieri erinnern?

VG, stiffelio
Billy Budd (11.02.2012, 23:31):
Ich muss gestehen, dass ich Stifellio nur dem Namen nach kenne, was mir aber ein Versäumnis zu sein scheint und ich demnächst ändern werde!
Billy :hello (Eben von einem fulminanten "Barbiere" heimgekommen, Bericht folgt morgen.)
Severina (12.02.2012, 14:40):
Liebe Stiffelio,

leider kann ich mich an diese Vorstellung nur mehr sehr nebulos erinnern. Aber Mara Zampieri war generell weder vom Typ noch von der Stimme her prädestiniert für die naive Unschuld (Sie war toll in sehr expressiven Partien!) , also fürchte ich, dass sie Deinen Vorstellungen wohl kaum entsprochen hätte.

lg Severina :hello
Rideamus (12.02.2012, 19:02):
Original von stiffelio

Hallo Rideamus,
es gibt ein paar youtube-Schnipsel mit Sylvia Sass (nur Ton), allerdings offenbar nicht das Finale. Vom ersten Hören her gefällt mir ihre Stimme tatsächlich noch um einiges besser als C. Malfitano. Vor allem ihre Arie zu Begin des zweiten Aktes. Allerdings weiss ich nicht, wie mir eine "erotische" Lina im Bild gefallen würde. Die ROH-Inszenierung hat mich wohl so geprägt, dass ich von Lina eine sexuell eher naive, wenn nicht sogar verklemmte Ausstrahlung erwarte. Das macht für mich die Ansiedlung im Pietismus-Millieu wesentlich glaubhafter. Es käme also auf einen Versuch an, mich neu zu orientieren - den es mit S. Sass aber leider leider wohl nicht geben wird, falls nicht doch irgendwo eine mir unbekannte Bildaufzeichnung existiert :I
VG, stiffelio

Ich scheine mich etwas übertrieben ausgedrückt zu haben. Auch die Lina von Sylvia Sass ist natürlich keine Schwester der CARMEN, sondern sie hat nur eine besonders starke, sagen wir, weibliche, Ausstrahlung, die Verdi seinen Heroinen in der Regel ja nur sehr sublimiert gönnt.

Das aber ist ein eigenes Thema, das zu diskutieren sicher auch einmal interessant. Mit der bezeichnenden Ausnahme der frechen Frauen von Windsor verkörpern die Soprane bei Verdi ja durchweg ziemlich abstrahiert verherrlichte Frauenbilder, und außer ihren zeitlichen Nachbarinnen Gilda, der verführten Unschuld, Violetta und in Grenzen der Amelia vom MASKENBALL fällt mir keine Verdi-Heldin ein, die ernsthaft in Versuchung gerät, gegen den Moralkodex ihrer bzw. Verdis Zeit zu verstoßen, oder der man das überhaupt zutrauen könnte. Das scheint den Mezzosopranen wie Eboli vorbehalten. Da ist zwischen den Sopranen bei Mozart (selbst Rossini) und Verdi ein erhebliches Gefälle zu konstatieren.

Gerade dieses Element der gefallenen und zu rehabilitierenden Heldin aber ist es doch, das diese Oper so stark (und, wie ich finde, auch positiv) von Verdis anderen abhebt, denn ich meine, man hört das zumindest ein wenig auch der musikalischen Gestaltung der Rolle an. Catherine Malfitano ist ja in anderen Partien wie der Salome alles andere als asexuell, aber hier ist sie vor allem pietistisch. Sylvia Sass dagegen glaube ich den Fehltritt der Vergangenheit ebenso wie die spätere Reue, und allein ihr zuzuhören, wenn sie, ähnlich wie Mirella Freni das Finale des zweiten Aktes von Abbados SIMON BOCCANEGRA, das weit ausschwingende Finale des STIFFELIO überragt, ist den Erwerb dieser Aufnahme wert (einen etwas schwächeren, aber immer noch eindrucksvollen Reflex dieser Qualität - und auch den noch besseren Carreras - kann man im ersten Finale hier hören: http://www.youtube.com/watch?v=vdSphSNTg44&feature=related und zum Vergleich dasselbe, und wahrlich auch nicht schlechte, Finale mit Carreras, Malfitano: http://www.youtube.com/watch?v=ty0TNzT83eM&feature=related).

In dem Finale ultimo ist der Unterschied noch deutlich ausgeprägter, denn nur in der Studioeinspielung des STIFFELIO findet eine große Frau hörbar zu sich selbst und wird als solche auch von ihrem Mann akzeptiert. Wann eigentlich gibt es das sonst noch bei Verdi, von Wagner und anderen Zeitgenossen - Berlioz und Chabrier ausgenommen - ganz zu schweigen?

Was die Neubewertung der Rolle der Lina betrifft, werden wir wohl leider auf eine neue Sängerin warten müssen, die sich ihrer annimmt, denn soweit ich weiß, hat Sylvia Sass die Rolle leider nie auf der Bühne gesungen. Gerade wenn man die Londoner DVD oder auch nur einige Ausschnitte daraus kennt, die eigentlich genügen, hat man mit der Audioaufnahme Gardellis aber den idealen Soundtrack für das perfekte Kopfkino mit dieser Oper. :down

:hello Rideamus
stiffelio (12.02.2012, 20:06):
Hallo Rideamus,

o.k., du hast mich überzeugt :wink
MP3-Bestellung bei Amazon ist unterwegs.

VG, stiffelio
stiffelio (12.02.2012, 20:20):
Hallo an alle,
angespornt durch euer Interesse möchte ich im Nachgang versuchen, zwei weitere Rollen im Stiffelio zu charakterisieren:
wichtigste Person nach Stiffelio ist natürlich seine Frau Lina.
Linas Charakter und was sie zum Ehebruch motiviert hat, ist sicher teilweise inszenierungsabhängig. Das Libretto gibt aber immerhin vor, dass sie von Beginn der Oper an vorhat, Stiffelio ihren Fehltritt zu gestehen und sich zunächst auch überraschend vehement gegen den Befehl ihres Vaters wehrt, dies zu unterlassen.
Erst sein Hinweis darauf, dass sie bei einem (selbstsüchtigen) Geständnis mit Stiffelios Leben spielen würde, lässt sie einlenken. Sie wird die ganze Oper hindurch von Gewissensbissen geplagt und erklärt sowohl ihrem Verführer Raffael als auch Stiffelio jeweils unter vier Augen, dass sie Raffael nie geliebt habe.
Zudem wird sie von einem unbeteiligten Zeugen zu Beginn der Oper als "völlig von Sinnen" unmittelbar nach dem Ehebruch beschrieben. Das alles lässt für mich darauf schließen, dass sie das Abenteuer mit Raffael weniger gesucht hat, als vielmehr von ihm "überrumpelt" wurde.
Was Raffael für Lina empfindet, ist weniger deutlich festgelegt, aber immerhin reagiert er auf Stiffelios Angebot, Lina freizugeben, völlig perplex und keineswegs wie ein ernsthaft Liebender, der diese Gelegenheit vielleicht ungläubig aber dennoch begeistert ergreifen würde.
Letztlich sehe ich Lina als eine Art ältere Effi Briest, mit dem Unterschied, dass sie ihrem Mann ernsthaft liebt und verehrt.
Zudem kann sie bei allen Schuldgefühlen durchaus Energie entfalten. Am berührendsten ist für mich (neben der Schlussszene) ihre Szene, in der sie Stiffelios ihrerseits als Ehemann freigibt, um stattdessen an den "Mann Gottes" appellieren zu können. Ihr "Il vo'!", als sie an diesem Punkt Gehör nicht erbittet, sondern mit Nachdruck einfordert, geht mir jedes Mal durch Mark und Bein.
Aber in Lina stecken, wie weiter oben im Thread angedeutet, sicher auch noch Facetten, die ich noch nicht voll ausloten konnte.

Kommen wir zu Linas Vater Stankar, der in der ROH-Inszenierung von Gregory Yurisich, in der MET-Inszenierung von Vladimir Chernov verkörpert wird.
Stankar ist aus meiner Sicht vom Libretto her als "harte Schale, weicher Kern" angelegt. Er setzt Lina gewaltig unter Druck, sicher auch aus egoistischen Motiven (Familienehre), aber sein (Teil-)Motiv, Stiffelio zu schützen, halte ich dennoch für ehrlich. Sein großer Auftritt zu Beginn des dritten Aktes, als er Selbstmord begehen will, weil seine Ehre mit der vermeintlichen Flucht von Raffael unwiederbringlich verloren scheint, endet mit den Worten "Addio Stiffelio, addio estremo". Seine vermeintlich letzten Worte gelten Stiffelio, nicht seiner Tochter oder deren Verführer.
Hier wird für mich deutlich, dass er Stiffelio wirklich liebt.
Nur vor dem Hintergrund des geplanten Selbstmordes ist auch seine (zunächst in dieser Intensität irritierende) Begeisterung zu verstehen, als er erfährt, dass Raffael zurückkehrt. Es ist nicht nur reine Mordlust und Rachsucht, die ihn da beflügelt (obwohl diese insbesondere von Yurisich grandios dargestellt wird): er hatte mit dem Leben bereits abgeschlossen und sieht jetzt die Möglichkeit, sein Leben nicht einfach nutzlos wegzuwerfen, sondern damit seine Ehre zurückzubekommen, egal wie das Duell ausgeht.
Der eigentliche Unterschied in den Interpretationen von Yurisich und Chernov wird am deutlichsten während bzw. nach dem tödlichen Duell: Chernov agiert in diesem Moment als kaltblütiger Mörder, der den arglosen Raffael hinterrücks ersticht, während das Duell mit Yurisich hinter der Bühne stattfindet (wie es auch im Libretto steht), aber beim Eintritt von Stankar deutlich wird, dass ein Kampf, also kein Überfall aus dem Hinterhalt stattgefunden hat. Stankar steht in beiden Inszenierungen zu seiner Tat, aber es wird zumindest in der ROH-Inszenierung mit Yurisich deutlich, dass ihn diese Tat auch psychisch mitgenommen hat.
Zusammenfassend sehe ich Stankar (über seine Rolle als typischer Verdischer Familienvater hinaus) angelegt als dunkeler Spiegel von Stiffelio: Stankar führt das aus, was Stiffelio im Affekt zwar auch beabsichtigt, aber als Priester letztlich daran gehindert ist.
Metaphorisch (bzw. mit einem Bild von Luise Rinser) ausgedrückt: Stiffelio - bei aller Gebrochenheit - als geistliches Licht, Stankar als sein Erdenschatten.

VG, stiffelio
Severina (12.02.2012, 22:00):
Liebe Stiffelio,

leider kenne ich das Werk nicht gut genug, um ad hoc etwas zu Deiner sehr interessanten Analyse beitragen zu können, aber ich finde es toll, dass es hier wieder jemanden gibt, der es ebenso wie ich liebt, Opernfiguren psychologisch zu sezieren! Fairy, Solitaire, Rideamus etc. und ich haben in der Vergangenheit (auch im Capriccio-Forum) schon die herrlichsten Diskussionen dazu geführt, leider ist das in letzter Zeit etwas eingeschlafen. Vielleicht "treffen" wir uns also bald bei einer Oper, die wir beide gleich gut kennen.

lg Severina

PS: Immerhin hast Du mir jetzt wirklich Lust auf "Stiffelio" gemacht, ich schätze, die DVd wird auf meiner nächsten Bestellliste für a....n stehen.
Billy Budd (13.02.2012, 10:25):
Original von Severina
ich finde es toll, dass es hier wieder jemanden gibt, der es ebenso wie ich liebt, Opernfiguren psychologisch zu sezieren! Fairy, Solitaire, Rideamus etc. und ich haben in der Vergangenheit (auch im Capriccio-Forum) schon die herrlichsten Diskussionen dazu geführt, leider ist das in letzter Zeit etwas eingeschlafen.
Ich lese solche "Sezierungen" sehr gerne (Unlängst habe ich in T-Forum eine interessante Debatte über den Duca gelesen.), auch wenn ich dazu leider kaum was beitragen kann, denn ich kann das gar nicht gut.
Also bitte macht nur schön weiter! :D :engel
Billy :hello
stiffelio (14.02.2012, 19:06):
Hallo Billy,

und ich lese deine lebhaften und liebevoll gezeichneten Aufführungsberichte sehr gern, denn das kann ich gar nicht. :wink
Also bitte, mach auch du so weiter :D :D

VG, stiffelio
Severina (14.02.2012, 19:46):
Offensichtlich lesen viele Wiener Opernfans hier mit, denn als ich heute bei Saturn nach der DVD Ausschau hielt, gähnte mir hinter dem Schuber "Stiffelio" nur Leere entgegen.....

lg Severina :hello
stiffelio (14.02.2012, 21:04):
:rofl :rofl :rofl

Spitze!!!

VG, stiffelio
Billy Budd (14.02.2012, 22:07):
Original von stiffelio
Hallo Billy,

und ich lese deine lebhaften und liebevoll gezeichneten Aufführungsberichte sehr gern, denn das kann ich gar nicht. :wink
Also bitte, mach auch du so weiter :D :D

VG, stiffelio

Schön, dann können wir uns beide ergänzen! :beer
Und von meinen Berichten verschone ich Euch in Zukunft nicht, keine Sorge! :D :cool
Billy :hello
stiffelio (16.02.2012, 20:09):
Hallo Rideamus,

hier noch ein kurzer Kommentar zur Audio-Version mit S. Sass und J. Carreras:
Sie Stimme von S.Sass klingt tatsächlich viel - ich kann es nur laienhaft beschreiben - "wärmer" als von C. Malfitano, vor allem in der Höhe und sie variiiert auch intensiver mit der Lautstärke. Es ist schon ein sehr eindrucksvolles Hörerlebnis.

Allerdings ist mir bei Carreras an mehreren Stellen aufgefallen, dass seine Stimme zwar noch "strahlender" klingt als in London, dass er dafür aber auf einige Piano-Stellen verzichtet, die mir sehr lieb geworden sind. Ich würde sagen, er mag zwar objektiv besser bei Stimme sein, aber gestalterisch gefällt mir sein Gesang in London trotzdem fast besser.
Das kann natürlich daran liegen, dass mich das erste Hörerlebnis oft sehr stark prägt und Nachfolgerversionen es dann schwer haben.

VG, stiffelio
Severina (16.02.2012, 20:25):
Liebe Stiffelio,
DVD ist geordert :D! Bei jpc fiel die Portofrei-Aktion für Ösis mit einem Geburtstagsgutschein über 5€ zusammen, und da gab es natürlich kein Halten mehr!
Also kann ich hoffentlich bald in die Diskussion einsteigen!

lg Severina :hello
Severina (06.03.2012, 00:41):
So, ich habe jetzt den ersten Durchgang "Stiffelio" hinter mir und bin erst einmal dankbar, dass mich dieser Thread zu einer intensiveren Beschäftigung mit dieser Oper animiert hat, denn die bisher einzige Live-Begegnung mit ihr hat keine nennenswerten Eindrücke hinterlassen. (Allerdings war da Carreras auch nicht mehr so gut bei Stimme wie bei der Aufzeichnung aus London!)
"Stiffelio" ist wirklich ganz wunderbare Musik, und zwar keine dieser typischen Verdi'schen Nummernopern, sondern ähnlich dem "Simone Boccanegra" sehr feinsinnig durchkomponiert.

Was mich beim ersten Ansehen nicht überzeugt hat, ist die Interpretation der Lina durch Catherinine Malfitano, wobei ich es bemerkenswert finde, wie diese Sängerin ihren überreich vorhandenen Sexappeal so völlig verbergen kann. Gerade einen Schuss davon müsste die Lina aber haben - da gehe ich mit Rideamus völlig konform - um ihre Affäre mit Raffaele glaubhaft zu machen. Denn was treibt sie in den Ehebruch? Eine gewisse Leere in ihrer Ehe (Allzu leidenschaftlich dürfte es im Schlafzimmer mit diesem Softie nicht zugehen :ignore..... - das würde natürlich mit einem Domingo anders rüberkommen!), der Reiz des Abenteuers, Langeweile....? Was auch immer, ein Motiv muss es geben, aber der Malfitano traue ich keines davon zu. Sie wirkt auf mich eher wie ein Hascherl, das schon alleine der Gedanke, ein fremder Mann könnte sie berühren, in Panik versetzt. Und es handelte sich ja keineswegs um einen One-night-stand, eine einmalige Überrumpelungsaktion Raffaeles, denn immerhin gibt es Briefe zwischen ihnen, immerhin schenkt ihm Lina sogar ihren Ehe(!)ring (Zumindest kann ich dem Text nicht entnehmen, dass er ihr gewaltsam geraubt wurde), also scheint sie den abwesenden Stiffelio zumindest für kurze Zeit nicht wirklich vermisst zu haben.
Das ist kein Widerspruch zur Echtheit ihrer Gewissensbisse, ihrer Reue. Möglicherweise hat sie sehr rasch erkannt, dass der Windbeutel Raffaele keine wirkliche Alternative ist, möglicherweise kann sie erst jetzt den "langweiligen" Stiffelio wirklich schätzen: Seinen integren Charakter, seine Geradlinigkeit, seine Verlässlichkeit, die ruhige Sicherheit, die er ihr bietet.

So, bevor ich mich aber jetzt in etwas verrenne, warte ich lieber den zweiten Durchgang morgen ab! :D

lg Severina :hello
stiffelio (06.03.2012, 08:23):
Liebe Severina,

ich kann mir inzwischen auch vorstellen, dass man Lina auch ziemlich anders interpretieren kann als in dieser Inszenierung. Und die Sache mit dem Ring ist auch aus meiner Sicht eine Unstimmigkeit. Dass sie ihn Raffael wirklich geschenkt hat, traue ich zumindest dieser Lina absolut nicht zu, hab aber auch generell meine Probleme damit, denn das wäre ja wirklich Blödsinnigkeit hoch drei. Und selbst wenn Lina wirklich so hirnverbrannt sein sollte - Raffael ist es garantiert nicht. Selbst wenn er auf dem Nachttisch lag und Raffael ihn einfach eingesteckt hätte - welches Motiv sollte er dafür haben? Er ist doch wesentlich mehr daran interessiert als Lina, dass die Affäre nicht herauskommt! Was treibt ihn überhaupt, den Ring zu behalten, egal wie er an ihn gekommen sein mag? Er hat schließlich keine dauerhaften Absichten auf Lina, das wird ja kurz vor Schluss ziemlich deutlich. Für mich ist der Ring momentan noch ein etwas mißglückter Opernkunstgriff, um Stiffelio einen handfesten Grund für seinen ersten Verdacht zu liefern.

Vom Ring mal abgesehen, finde ich diese streng pietistische Sicht Linas allerdings nicht völlig daneben. Du hast es sehr gut getroffen mit dem Satz:
Sie wirkt auf mich eher wie ein Hascherl, das schon alleine der Gedanke, ein fremder Mann könnte sie berühren, in Panik versetzt.
Gerade eine solche Frau, deren Umfeld von ihrer frühesten Jugend an nicht zulässt, dass sie mit Sinnlichkeit irgendetwas anfangen könnte, kann ich mir gut als eine von einem Vertrauten der Familie "Überrumpelte" vorstellen. Nicht im Sinne einer platten Vergewaltigung, sondern, dass sie die Gefühle, die ein erfahrener Verführer in ihr erzeugt, überhaupt nicht richtig einordnen kann und sich zumindest eine Zeitlang von ihnen überwältigen und treiben lässt. Wenigstens die Briefe kann ich mir so vorstellen - wir wissen ja auch nicht, ob mehr als kurze Verabredungen in ihnen gestanden haben.

Bin gespannt, wie dir der zweite Durchgang gefällt. Es freut mich schonmal sehr, dass die Oper für dich kein Mißgriff war.

VG, stiffelio
Severina (06.03.2012, 23:11):
Liebe Stiffelio,

eben ist der "2. Durchgang" verklungen, und ich muss zunächst einmal sagen, dass mir zu Musik von Mal zu Mal besser gefällt. Ich kann gar nicht verstehen, dass sie mich bei der Erstbegegnung vor vielen Jahren nur wenig beeindruckt hat, sodass ich an diese Vorstellung insgesamt kaum eine Erinnerung habe. Carreras fand ich zwar typenmäßig gut als Stiffelio, aber so in seinen Bann gezogen wie auf der DVD hatte er mich nicht.

Ich möchte gleich bei folgenden Zeilen von Dir anknüpfen:

Gerade eine solche Frau, deren Umfeld von ihrer frühesten Jugend an nicht zulässt, dass sie mit Sinnlichkeit irgendetwas anfangen könnte, kann ich mir gut als eine von einem Vertrauten der Familie "Überrumpelte" vorstellen. Nicht im Sinne einer platten Vergewaltigung, sondern, dass sie die Gefühle, die ein erfahrener Verführer in ihr erzeugt, überhaupt nicht richtig einordnen kann und sich zumindest eine Zeitlang von ihnen überwältigen und treiben lässt

Gestern verschaffte ich mir in erster Linie einen Überblick über den Plot und die Figurenkonstellation, heute achtete ich mehr auf die Details, und da fand ich besonders die Szene zwischen Lina und Raffaeles auf dem Friedhof höchst aufschlussreich: Man merkt hier deutlich, dass sich Lina körperlich immer noch stark zu ihm hingezogen fühlt, sie lässt sich nicht nur anfassen, sondern erwidert seine Berührungen sogar, scheint in süßer Erinnerung an den Sündenfall zu erbeben und muss ihre ganze Willenskraft zusammenraffen, um nicht erneut schwach zu werden. Das alles untermauert Deine obige Analyse. Aber natürlich ist Lina nicht die Frau, die in Sünde verharrt, nicht die Frau, die Sinnlichkeit über Tugendhaftigkeit stellt, nicht die Frau, die mit einem Lover durchbrennt und Schande und Unglück über ihre Familie bringt.
Und wahrscheinlich ahnt sie auch instinktiv - auf einschlägige Erfahrungen kann sie ja nicht zurückgreifen - dass Ein Leben an der Seite Raffaeles gar kein Glück bedeuten würde. Wie ich schon gestern schrieb, öffnete ihr vielleicht erst diese kurze Affäre dieAugen für die Qualitäten ihres Ehemannes.

Diese verquaste Ringsache sehe ich übrigens genauso wie Du: Unlogisch von A bis Z und wahrscheinlich nur ein dramaturgischer Kniff, um Stiffelios Misstrauen zu wecken. (Denn merkwürdigerweise kommt er auf den Ring nicht mehr zurück, obwohl er Lina doch mit der Androhung verlässt, auf eine Erklärung zu warten!)

Ein wenig rätselhaft ist mir auch die Figur Stankars, denn ich werde den Eindruck nicht los, dass ihm Glück und Seelenfrieden Stiffelios mehr am Herzen liegen als das seiner Tochter. Auch bei seinem geplanten Selbstmord denkt er in erster Linie an Stiffelio, an ihn richtet er seine schriftlichen Abschiedsworte, Lina kommt nur in einem Nebensatz vor.
Ich frage mich ein bisschen, wie sehr er Lina zu dieser Ehe gedrängt hat, mit der er Stiffelio eng an sich binden kann - als Ersatz für den Sohn, den er nicht hat?? (Was ein Mann vom Schlage eines Stankar bei aller Liebe zur Tochter sicher als Manko empfunden hat!)

Carreras ist wirklich erstaunlich gut als Stiffelio. (Erstaunlich, weil ich nie sonderlich viel von ihm gehalten, ihn schauspielerisch eher unbeholfen, eindimensional empfunden habe.) Aber er verkörpert den Priester, der den Unterschied zwischen Theorie und Praxis schmerzhaft am eigenen Leib erfahren muss, absolut überzeugend.
Und ich verstehe jetzt auch, warum Du Domingo als keine Idealbesetzung empfindest, denn das wäre er in der Tat nicht. Der wirkt viel zu vital und viril, als dass man ihm den moralinsauren Stiffelio abnehmen würde, er hätte Lina bei seiner Heimkehr sicher feuriger begrüßt als Carreras, der sie nicht einmal richtig umarmt und statt dessen sofort über die Sündhaftigkeit und Vedorbenheit der WElt zu monologisieren beginnt. (Das ist eine Szene, wo ich gut verstehen kann, was Lina in die Arme Raffaeles getrieben hat....)

Das wären also wieder so einige Gedanken von mir! :D

lg Severina :hello
stiffelio (07.03.2012, 07:44):
Liebe Severina,

wow, macht das Spass, mit dir über den Stiffelio zu diskutieren! :leb
Meine Antwort wird viel zu lang werden, als dass ich sie jetzt niederschreiben könnte, das werde ich frühestens heute abend schaffen.
Ich freue ich jetzt schon darauf :D

VG, stiffelio
stiffelio (07.03.2012, 19:16):
Liebe Severina,

ja, unabhängig von allem anderen hab ich die Musik des Stiffelios auch immer als frühes Meisterwerk von Verdi empfunden. Don Carlos und Simon Boccanegra mögen noch gewaltiger sein, dafür ist der Stiffelio noch straffer.

Ich sehe noch mehr interessante Stellen, die Aufschluss über Lina geben, z.B. spricht sie in der vorletzten Szene von ihrem „Herz, das nie gesündigt habe“. Auch wieder ein Hinweis, dass sie ihre sexuellen Gefühle ganz stark von dem trennt, was sie als ihr „eigentliches Selbst“ empfindet.

Tja, warum kommt Stiffelio nicht mehr auf den Ring zurück? So blöd ich die Sache mit dem Ring an sich finde, wirft das Ende dieser Szene und der Anfang von Stiffelios nächstem Auftritt ein deutliches Licht auf Stiffelios Charakter und die äußeren Umstände, in denen er lebt.
Er steht als bewunderter Prediger ständig unter Beobachtung seiner Gemeinde, ständig will jemand etwas von ihm. Und er steht zwischen dem eigenen Anspruch, dieser Rolle zu genügen und einer latenten Überforderung: angezeigt durch den Ausbruch "Bleibt mir denn niemals ein Moment für mich!?", als Stankar den Raum betritt.
Und wann sollte er denn auf den Ring zurückkommen?
Als er endlich in den Raum zurückkommt, sind die Gemeindemitglieder schon da und allein der Gesichtsausdruck von Stiffelio, als sie wieder in Grüppchen auf ihn zukommen und die Hand schütteln wollen, spricht Bände.
Nichts wäre ihm in diesem Moment lieber als endlich allein sein und seine Gedanken ordnen zu können. Diese Chorszene finde ich (wie auch die meisten anderen) wunderbar gespielt.
Und danach überschlagen sich ja sowieso die Ereignisse.

Schön, dass du es auch so empfindest, dass zwischen Stankar und Stiffelio ein ganz starkes Band besteht, vor allem von Stankars Seite aus. Schon der Beginn, als er ihn mit „mein Sohn“ begrüßt, könnte eine reine Floskel, bzw. die damals übliche Bezeichnung für den Schwiegersohn sein, kommt aber als viel mehr rüber. Umso stärker wirkt die Szene, in der Stankar Stiffelio den Brief Raffaels abnimmt und zerreißt, bevor Stiffelio ihn lesen kann. Stankar ist sich dieses würdelosen Verrats an Stiffelio meinem Eindruck nach voll bewusst, man sehe sich nur seine Körperhaltung danach an. Umso größer ist seine Wut auf Raffael, der daran schuld ist.
Und Stiffelios Gesichtsausdruck, als Stankar ihm den Brief wegnimmt! Er versteht die Welt nicht mehr, Verrat von dieser Seite hätte er niemals erwartet.

Über den von Carreras verkörperten Stiffelio könnte ich wohl noch hundert Seiten schreiben.
Fürs erste nur die Stelle nach der Heimkehr bzw. als sie zum ersten Mal allein sind. Er ahnt schon da ganz vage, dass irgendetwas nicht stimmt („sie hat kein Wort für mich, keinen Blick“). Dennoch, sein Zurückzucken, als Lina ihn mit Rodolfo anredet, hat noch eine andere Wurzel. Da liegen psychologische Pakete, die ich bisher nur ansatzweise erahnen kann und in der Oper an der Oberfläche auch kaum thematisiert werden. Wer ist Rodolfo für Stiffelio? Wie empfindet er diese unter Druck angenommene zweite Identität? Er ist damals lieber geflohen als einen - wie es zu seinem Anspruch vermutlich passen würde - „christlichen Märtyrertod“ zu sterben (falls es überhaupt um sein Leben ging).
Empfindet er das als Schande? Als Versagen?
Und unmittelbar bevor er seinen "Monolog über die Sündhaftigkeit der Welt" beginnt, hat Lina die Erinnerung an diese Zeit nochmal aufgewärmt.
Spricht da wirklich nur die Erfahrung der letzten Reise aus ihm oder auch die Erinnerung an diese Vergangenheit?
Erklärt diese Last zusammen mit seinem vagen Unbehagen, warum er Lina nicht in die Arme nimmt? Und es ist nicht Stiffelio allein, ich habe mir die Szene gerade nochmal angesehen und drei Ansätze für eine Umarmung ausgemacht: in zweien geht auch von Lina eine ganz leichte Abwehrhaltung aus und in der mittleren flüchtet sie sogar ganz eindeutig, als Stiffelio mit ausgebreiteten Armen auf sie zukommt.

Interessant auch in diesem Zusammenhang: der einzige, der Stiffelio konsequent mit "Stiffelio" anredet, ist der Pfarrer Jorg, über den wir noch gar nicht gesprochen haben. Sowohl Stankar als auch Lina wechseln immer wieder zwischen "Stiffelio" und "Rodolfo" bzw. "Müller" hin und her. Raffael redet Stiffelio meiner Erinnerung nach gar nicht mit Namen an.

Bis bald :wink
VG, stiffelio
Billy Budd (07.03.2012, 19:55):
Diese beiden Zitate sind zwar schon etwas älter, aber ich gehe trotzdem kurz darauf ein:
2004 ging die letzte Serie über die Bühne, allerdings mit José Cura, den ich nicht ausstehen kann, weswegen ich einen Besuch gar nicht in Erwägung gezogen habe.
Laut dem Spielplanarchiv war die letzte Serie 2009, allerdings auch mit Cura.
kann es sein, dass die WSO sogar das gleiche Bühnenbild wie die ROH-Inszenierung hatte? Ich hatte bei einem youtube-Link, der meiner Erinnerung nach Wien zugeordnet war, mal diesen Eindruck.
Hier findest Du auch einen kurzen Ausschnitt des Ende des zweiten Aktes aus Wien. ( Keith Ikaia-Purdy - Stiffelio, Eliane Coelho - Lina, Renato Bruson - Stankar, Benedikt Kobel - Raffaele, Goran Simic - Jorg, Peter Jelosits - Federico, Katalin Halmai - Dorotea; Cristian Mandeal - Dirigent). Die Aufnahme ist vom 26. September 1998.
Billy :hello
Severina (07.03.2012, 20:16):
Liebe Stiffelio,

Dein Kompliment kann ich zurückgeben, mir macht diese Diskussion auch riesigen Spaß :leb!
Mein Problem dabei ist nur, das Du mir gefühlte 100 Durchgänge voraus hast, während ich erst bei Nummer 2 halte und daher erst an der tiefenpsychologischen Oberfläche der Figuren herumkratze. Außerdem brauche ich jetzt einmal dringend das Libretto, denn die englischen Untertitel der DVD erscheinen mir ziemlich lückenhaft und mein Italienisch ist viel zu schlecht, um alles zu verstehen, was da gesungen wird. Ich werde also in den nächsten Tagen die Musikabteilung unserer Hauptbücherei beehren!

Mein "Vorwurf", dass Stiffelio nicht mehr auf den Ring zurückkommt, gilt eher dem Librettisten, denn der hat dieses Motiv ziemlich unbefriedigend versanden lassen. Aber wir sind uns ja einig, dass er wohl nur ein dramaturgisches Hilfsmittel ist und nicht weiter wichtig, nachdem er seine Aufgabe, Stiffelios Argwohn zu wecken, erfüllt hat.

Das Dilemma zwischen der öffentlichen Person Stiffelio und dem Privatmann hast Du sehr gut auf den Punkt gebracht. Und natürlich ist für ihn Linas Untreue eine doppelte Katastrophe, weil sie ihn nicht nur als Ehemann, sondern auch als Mann Gottes betrifft - das, was er öffentlich anprangert, holt ihn in seinem eigenen Haus ein - das muss für einen derart sittenstrengen und so hohe Maßstäbe an sich selbst legenden Mann der Supergau sein! Lina bringt sein gesamtes ethisches Fundament ins Wanken, und dass er am Ende über seinen Schatten springt und ihr vergibt, ist wahre Größe.
Aber ob es noch einmal eine Partnerschaft zwischen ihm und Lina gibt, bezweifle ich. Stiffelios starr in die Ferne gerichteter Blick am Schluss, die ganze statuenhafte Pose- er ist bis an die äußerste Grenze seiner Möglichkeiten gegangen, den Schritt darüber hinaus und auf sie zu wird er wohl nicht schaffen. Auf mich wirkt das wie die Absage an den Privatmann, in Zukunft wird er nur mehr im Dienst Gottes und seiner Gemeinde stehen.
Und Lina? Sie liegt in ziemlich genau der Haltung am Boden (Den sie auch küsst!), die auch Novizinnen einnehmen, bevor sie ihr ewiges Gelübde ablegen. Entsagt auch sie der Welt und stellt ihr Leben in den Dienst Gottes? Etwas Entrücktes liegt in ihrem Blick, Stiffelios Vergebung hat sie von ihren übermächtigen Schuldgefühlen befreit, aber ist sie wieder frei für ihn? Mein Gefühl sagt mir nein....

lg Severina :hello
stiffelio (07.03.2012, 23:28):
Liebe Severina,

es dürften zumindest für die meisten Teile deutlich mehr als 100 Durchgänge sein :wink, aber die Menge macht's ja nicht unbedingt.

Jedenfalls bist du schon jetzt an dem Punkt, der für mich auch noch der am meisten ungelöste ist: dem Schluss und der Frage, wie es mit der Beziehung zwischen Stiffelio und Lina weitergeht. Meinem Eindruck nach wurde der in London mit Absicht mehrdeutig bzw. offen inszeniert.
Es war sehr interessant für mich zu lesen, wie du darüber denkst. Bin auch gespannt, ob das auf Dauer so bleibt. Meine persönliche Meinung (die vermutlich mehr über mich als über die Oper bzw. diese Inszenierung aussagt), möchte ich an dieser Stelle lieber noch nicht verraten.

Aber die Vorstellung, dass Stiffelio (und evtl. auch Lina) in Zukunft ausschließlich auf Gott bezogen lebt, stellt mich aus einem Grund nicht ganz 100%ig zufrieden: an diesem Punkt war er ja schon einmal, als er von Lina die Scheidung verlangte. Ich kann nicht ganz wortgetreu wiedergeben, was er da singt (bin gespannt, was dein Libretto da sagen wird, ich habe es leider nur auf Italienisch), aber sinngemäß ist es etwa, dass er an diesem Abend fortgehen will, um zukünftig nur noch auf Gott bezogen zu leben und Lina an der Seite von Raffael versuchen soll, ein neues Leben zu beginnen. Ich fände es daher etwas unbefriedigend wenn er nach diesem gewaltigen Schritt, der sich in der nächsten Szene vollzieht, doch wieder zu dieser Entscheidung sozusagen zurückkehren sollte. Gut, man könnte dagegen einwenden, dass das nach vollzogener Vergebung trotzdem etwas ganz anderes wäre. Es bliebe trotzdem bei mir ein schales Gefühl zurück.

Wenn du bald das Libretto hast, möchte ich dich schonmal auf einen Punkt aufmerksam machen, der in der Inszenierung von dem, was vermutlich im Libretto gemeint ist, diskret aber aus meiner Sicht dennoch sehr entscheidend und gelungen abweicht:
Im Libretto fordert Jorg Stiffelio auf, die Bibel zu öffnen und sich von Gott inspirieren zu lassen. Stiffelio stimmt zu und dann steht im Libretto als Handlungsbeschreibung:
"STIFFELIO: (Molto agitato apre il libro e con voce tremante vi legge)"
Ich verstehe das so, dass Stiffelio die Bibel aufs Geratewohl aufschlägt und per Zufall/von Gott gelenkt auf das Gleichnis der Ehebrecherin stösst (was ja in fundamentalistischen christlichen Kreisen als ein beliebtes Mittel gilt, den Willen Gottes zu erfragen).
Das ist in London anders: Stiffelio blättert meinem Eindruck nach gezielt in der Bibel und wählt GANZ BEWUSST das Gleichnis der Ehebrecherin aus!
Er hat sich dazu entschlossen, bevor er die Kanzel besteigt und zwar - wieder nach meinem Eindruck - ziemlich blitzartig in dem Moment, in dem Jorg ihn auffordert die Bibel zu öffnen. Ab diesem Moment kann er Lina auch wieder anschauen, was er vorher vermieden hat. Schau mal, ob du auch diesen Eindruck hast.

VG, stiffelio

P.S. Lieber Billy,
danke für den Link mit Ikaia-Prudy als Stiffelio. Ich muss ihn schon einmal gesehen haben, die Besetzung reicht allerdings aus meiner Sicht - natürlicherweise - nicht an die der DVD heran. Es gibt sogar (ziemlich miserable) youtube-Links, in denen Domingo nicht in der MET-, sondern in der ROH-Inszenierung als Stiffelio zu sehen ist.
Severina (08.03.2012, 00:13):
Liebe Stiffelio,

diese Abweichung vom Libretto ist mir schon jetzt aufgefallen, weil in dieser Szene der italienische Text gut zu verstehen ist und auch die englischen Untertitel dazu passen. Bei mir war es zunächst ein "Hoppala"-Effekt, aber dann fand ich es interessant, dass Stiffelio nicht zufällig über diese Bibelstelle stolpert, sondern sie ganz bewusst auswählt: Er folgt nicht einem Wink Gottes, fungiert nicht bloß als Werkzeug der Vorsehung (oder als "Vollzugsbeamter" des göttlichenWilens), sondern trifft eine ganz bewusste Entscheidung, nämlich Lina zu vergeben. Damit gewinnt diese Szene für mich aber an Substanz und vor allem Eindrücklichkeit. Vielleicht ist das ja jetzt zu hoch gegriffen, aber mir scheint, dass Stiffelio in diesem Moment erst zum wahren Kern des Christentums durchdringt, nicht mehr bloß "Erfüllungsgehilfe" (Mir fällt gerade kein passenderer Ausdruck ein...) im Dienste des Evangeliums ist, nicht nur stur die Einhaltung religiöser Vorschriften überwacht, Verstöße dagegen leidenschaftlich anprangert (Fanatisch wäre wohl zu weit gegriffen, oder?), sondern die Botschaft Christi (Liebe, Vergebung...) nun erst verinnerlicht. Denn die Kernfrage wäre ja, ob er Lina nur als Priester oder auch als Ehemann vergibt!
Ich finde, dass dies eine der stärksten Szenen von Carreras ist: Wie er beinahe stockend zu lesen beginnt, als müsste er sich erst selbst davon überzeugen, das Richtige zu tun - ich habe das Gefühl, er tastet sich von Wort zu Wort, gewinnt mit jedem mehr Sicherheit - bis zur abschließenden Festigkeit, mit der er Lina schließlich (im übertragenen Sinn) die Absolution erteilt. Er ist jetzt ganz bei sich, wirkt völlig isoliert, scheint vergessen zu haben, dass er sich eigentlich inmitten seiner Gemeinde befindet, seine Augen blicken in visionäre Fernen. Aber was sieht er in diesem Moment?? Darauf weiß ich noch keine Antwort. (Mein Instinkt weist eher in die Richtung: Nicht sich und Lina!)

Eine andere Frage, die mich beschäftig: Wie ist in Zukunft Stiffelios Position innerhalb seiner Gemeinde? Nützt oder schadet es seinem Image, dass er nicht die Erwartungshaltung der Gesellschaft an einen gehörnten Ehemann erfüllt?

lg Severina :hello
stiffelio (08.03.2012, 00:52):
Liebe Severina,

ich sag's ja: man braucht nicht unbedingt Masse sondern Klasse :)

Genauso hab ich das mit dem bewusst Auswählen auch empfunden und bin dem Regisseur sehr dankbar dafür.
Und ja, für die Steigerung hin zum letzten "Perdonata" (das erste "la donna" ist so wunderbar weich gesungen - da schmelze ich jedesmal dahin) könnte ich Carreras heute noch die Füße küssen :down
Stiffelio wird von dem Text, auch wenn er ihn bewusst ausgewählt hat, beim Lesen immer mehr mitgerissen, da kommt in dem Moment sooo viel zusammen und endet doch wieder in der Unbedingtheit, die seine Persönlichkeit ganz entscheidend ausmacht.

Nein, ich glaube auch nicht, dass er bei dem Blick in die Ferne sich und Lina sieht. Er ist mühsam dabei, da ganz zu begreifen, was eben mit und durch ihn geschehen ist - obwohl oder gerade weil er sich bewusst selbst hineingeworfen hat.

Über deine Frage nach Stiffelios künftiger Stellung in seiner Gemeinde muss ich noch länger nachdenken. Spontan fällt mir dazu erstmal ein, dass zumindest der Organist (und dann wohl auch die meisten Gemeindemitglieder) tatsächlich nichts geahnt hat - er begreift sichtlich nicht, was da gerade vor der Kanzel passiert ist. Ich gäbe einiges dafür, Stankar in diesem Moment sehen zu können.

LG, stiffelio
stiffelio (08.03.2012, 22:32):
Liebe Severina,

zur Ergänzung bezüglich der Frage, wie die Gemeinde mit Stiffelios Verhalten vermutlich umgehen wird, bin ich nun zu folgendem Schluss gekommen:
Eine mögliche Antwort darauf könnte die Anfangsszene liefern, als Stiffelio vor den Augen der unbeteiligten Gemeindemitgliedern (wenn auch Familienmitgliedern) Frederico und Dorothea den Beweis für einen ziemlichen offensichtlichen Ehebruch vernichtet.
Sie akzeptieren es zumindest ohne Widerspruch und preisen Stiffelio für seine Großmut - ob sie innerlich das Gleiche denken, sei mal dahingestellt.
Und ich denke, Stiffelio könnte darauf rechnen, Jorg hinter sich zu haben. Zwar ist Jorgs letzter Satz ("was tust du, Stiffelio?") und seine Gestik dabei während der Gleichnisszene mehrdeutig, aber am Ende der Friedhofsszene hat er sich so eindeutig pro Vergebung positioniert, dass ich mir von ihm nicht anderes vorstellen kann.
In diesem Zusammenhang denke ich auch an einen aus meiner Sicht sehr wahren Satz von Stiffelio, als er das erste Mal mit Lina allein ist: "Leicht vergibt nur der, dessen Herz nicht verletzt wurde." Und die Herzen der Gemeindemitglieder sind durch Linas Affäre zumindest nicht in der Tiefe verletzt worden - nur Stiffelios.
Seine Vergebung wird daher vermutlich von ihnen respektiert werden. Einige werden ihn evtl. höher schätzen, andere vielleicht weniger, aber dann doch eher im Stillen.

Aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich mir diese Frage noch nie selbst gestellt hatte.

Was sagst du eigentlich zu meiner Lieblingsszene im ersten Akt, von der ich im ersten Posting die beiden Links eingestellt hatte (Oh qual m'imvade ed agita...)? Ich habe selten ein so eindruckvolles "Zeitanhalten" in einer Opernszene erlebt - musikalisch wie szenisch.

VG, stiffelio
Severina (09.03.2012, 00:37):
Liebe Stiffelio,

ich bin mir da nicht ganz so sicher, denn ob die (biblische) Theorie so einfach in die Praxis des 19.Jhdts. umgesetzt werden kann, wäre eben die Frage. Im 19.Jhdt. hatte man doch sehr klare Vorstellungen, wie sich ein gehörnter Ehemann zu verhalten hat, will er nicht seiner "Ehre" verlustig gehen. Bibel hin, Bibel her - ich kann mir gut vorstellen, dass zumindest die Männer in der Gemeinde Stiffelio insgeheim als Weichei betrachten, denn ein "richtiger Kerl" würde sich doch anders verhalten (Siehe Stancar, der gar nicht der unmittelbar Betroffene ist, sondern "nur" der Vater, und trotzdem nicht ruht, bevor der Schänder der Familienehre tot ist!) . Schon aus diesem Grund kann ich mir nicht gut vorstellen, dass Stiffelio und Lina wieder ein Paar werden - außer sie verlassen diese Gemeinde und fangen irgendwo, wo man sie nicht kennt, völlig neu an. Aber hier, in ihrem Umfeld, bleiben sie doch auf ewig die Ehebrecherin und der Hahnrei, der seinem Schwiegervater die Rache überlassen hat und zur ehelichen Tagesordnung zurückkehrt.

Ich bin mir auch nach wie vor nicht sicher, ob wirklich auch der Mann Stiffelio seiner Frau vergibt oder nur der Priester einer Sünderin. Kann er im tiefsten Inneren wirklich verzeihen (und vergessen!!), dass Lina in den Armen eines anderen gelegen ist?? (Seine Gemeinde kann es sicher nicht, wird ihm vielleicht mit Mitleid oder ärger noch mit Spott begegnen, wenn sein zunächst Respekt heischende Auftritt in der Kirche in der Erinnerung zu verblassen beginnt.) Aber auch Stiffelios starr in die Ferne gerichtete Blick signalisiert mir etwas anderes, nämlich dass er sein künftiges Leben in Einsamkeit und spiritueller Versenkung verbringen wird, abgewandt von der Welt mit ihren Unzulänglichkeiten. Fast kommt es mir so vor, als hätte er Lina gleichzeitig mit ihrem Freispruch aus seinem Leben entlassen. Denn warum schenkt er ihr nicht einen einzigen Blick?

Und Lina? Ihre Position in der Gemeinde ist doch noch unmöglicher als die seine. Werden die "anständigen" Frauen mit einer Ehebrecherin verkehren, sie in ihre Häuser einladen, nur weil Stiffelio ihr vergeben hat? Werden die "anständigen" Männer diesen Umgang ihrer Frauen dulden, der sie womöglich auf dumme Gedanken bringt? Wenn man Lina einlädt, dann aus Respekt gegenüber ihrem Mann, wohl kaum, weil man ihr selbst noch Achtung entgegenbringt.
Stiffelios Vergebung bedeutet für Lina Frieden mit Gott, bedeutet sie aber auch Frieden mit der (mit dieser!!!) Gesellschaft? Ich glaube es ehrlich gesagt nicht.

Noch kurz zu den beiden youtube-links: Nun, sie bestätigen meine Vermutung, dass Domingo von seinem Naturell her kaum ein idealer Stiffelio sein kann. Er gebärdet sich ganz wie ein eifersüchtiger Latin lover, ein als Pietist verkleideter Othello.

Ach ja: Leider gibt es wirklich kein deutsches Libretto, im Internet habe ich überhaupt nur ein italienisches gefunden, und meine Bücherei hat auch keine Stiffelio-CD mit einem mehrsprachigen Booklet.

lg Severina :hello
Billy Budd (09.03.2012, 14:19):
Original von Severina
Leider gibt es wirklich kein deutsches Libretto, im Internet habe ich überhaupt nur ein italienisches gefunden, und meine Bücherei hat auch keine Stiffelio-CD mit einem mehrsprachigen Booklet.

Liebe Severina,
im Programmheft der Wiener Staatsoper befindet sich ein deutschsprachiges Libretto. Leider habe ich - im Gegensatz zu anderen - nur eine Ausgabe. Aber ich glaube, dass es noch in der Bundestheater-Kassenhalle um € 3,50 erhältlich sein müsste.
Billy :hello
Severina (09.03.2012, 14:49):
Das ist ein guter Tipp, danke! Ich werde auch meine Freunde in Zürich fragen, ob noch irgendwo ein Programmheft rumkugelt, denn auch dort ist immer ein deutscher Text dabei!

lg Severina :hello
Rideamus (09.03.2012, 16:00):
Original von stiffelio
...
Übrigens habe ich eines trotz vieler Recherchen nicht herausbekommen können: ich gehe davon aus, dass der Name "Stiffelio" eine Bedeutung hat (wie ja praktisch alle Namen). Aber welche das ist, danach habe ich vergeblich gesucht. Weiss das hier jemand?

VG, stiffelio

Welche Bedeutung der Name Stiffelio hat, darüber kann auch ich nur spekulieren, aber ich habe mal ein wenig recherchiert, wo der Name herkommt, denn es scheint mir für eine Interpretation des Werkes, die mir hier etwas zu sehr auf die londoner Inszenierung fixiert ist, nicht ganz unwichtig. Dedhalb zunächst mal ein kleiner Ausflug in die nicht sehr reichhaltige Dokumentation zur Oper.

In seinem Buch "The Complete Operas of Verdi" behauptet Charles Osborne, dass um 1816 in Hermsdorf nahe Dresden ein protestantischer Prediger namens Stiffelius als Anhänger eines gewissen Professor Müller gewirkt habe. Womöglich handelt es sich hier aber auch um einen Zahlendreher, denn andere Quellen in Wikipedia berichten von einem nahe Köln wirkenden Prediger zu Beginn des 17. Jahrhundert mit Namen Johann Stiefels, der sich Stiffelius nannte. Knapp hundert Jahre nach dem berüchtigten münsteraner "Propheten" Jan van Leiden gab es tatsächlich noch eine ganze Reihe solcher evangelisch/reformierter/pietistischer Wanderprediger. Piaves Buch macht adaraus eine anscheinend fiktive Sekte namens Ahasuerer und siedelt Stankars Schloss nahe Salzburg an - sicher kaum zum Gefallen der österreichischen Zensur. Was immer auch zutreffender ist, ich halte es für denkbar, dass die Autoren des französischen Bühnenstückes "Le Pasteur", dessen italienische Übersetzung Piave 1849 einem begeisterten Verdi als Sujet seiner nächsten Oper nach LUISA MILLER vorschlug, ihre Handlung aus einer biographischen Notiz über einen solchen Prediger entwickelten. Auffällig finde ich aber die Zeitnähe der Handlung, die damals die bis dato mit Abstand modernste war, die Verdi je vertont hatte. Leider weiß ich nicht, ob die schon im französischen Original von Eugène Bourgeois und Émile Silvestre vorgegeben war, das man wohl kennen müsste, wenn man den Hintergrund der Oper besser verstehen will.

In seinem Aufsatz über die zu Unrecht verkannte Oper STIFFELIO, auf den Wikipedia mehrfach verweist (http://de.wikipedia.org/wiki/Stiffelio#cite_ref-1), deutet Julian Budden nämlich darauf hin, dass Piave durch das Weglassen der Vorgeschichte die Motivation Linas unverständlich gemacht habe. Leider hat Budden das in seinem Aufsatz, der in dem Beiheft zur alten LP-Box abgedruckt ist, auch nicht näher erläutert, aber soweit ich es mir aus mehreren Andeutungen und dem Libretto selbst zusammengereimt habe, darf man wohl folgende Vorgeschichte annehmen, die Linas Verhalten zumindest stringenter erklären würde. Hier meine Hypothese:

Stiffelio wurde wegen religiöser Agitation verfolgt und musste anonym unter dem Namen Rudolf Müller umher reisen. Der gläubige Graf Stankar nahm in auf und beschützte ihn, wie es weiland der Landgraf von Thüringen mit Luther tat. Zugleich warben beide mit großem Erfolg um die Seelen der Einwohner von Stankars Grafschaft. Stankar ging aber noch einen Schritt weiter und verheiratete seine Tochter Lina mit Stiffelio - eine damals bekanntlich nicht unübliche Zweckheirat, bei der Lina wohl kaum gefragt wurde und auch der durchgeistigte Stiffelio eher gehorsam als leidenschaftlich mitwirkte. Als Stiffelio dann nach vermutlich kurzen und leidenschaftslosen "Flitterwochen" wieder auf Reisen ging, war Lina also das ideale Opfer der Verführungskunst Raffaels von Leuthold.

Ein Hinweis auf die Aufrichtigkeit von Linas Reue mag es sein, dass erst acht Tage (!) vor Stiffelios Rückkehr Raffael gesehen wurde, wie er mit seinen Briefen (und womöglich dem Ring) als Pfand aus Linas Fenster gesprungen ist, während sie, laut Auskunft des Fährmanns Walter, "wie von Sinnen" um ihn herum lief (um ihn daran zu hindern? Zu welchem Zweck?). Zu dem Zeitpunkt hatte Stankar offensichtlich schon seinen Verdacht, den die Erzählung bestätigte. All dies kommt in dem Septett Nr. 3 zum Ausdruck, weshalb leicht einzelne Informationen des Textes verloren gehen können. Erst in der Stretta danach wird deutlich, dass Lina die Reue quält, aber Raffael hörbar erleichtert darüber ist, dass Stiffelio die Briefe ungesehen verbrannt hat.

Das Lob, das die übrigen Gläubigen Stiffelio für seine Großzügigkeit singen, scheint zu verdeutlichen, dass sie schon wissen oder ahnen, dass Lina die aufgeregte Frau war, und ihrerseits 1 und 1 zusammenzählten, denn warum sonst sollten sie ihn für seine Großzügigkeit loben, wenn nicht, weil sie unterstellen, dass er nicht wissen will, wer da wen betrogen hatte, obwohl er selbst betroffen sein könnte. Das allerdings kann er sich wirklich nicht vorstellen. In dem anschließenden Duett, in dem Stiffelio gegenüber Lina die Lasterhaftigkeit und Untreue der Welt beklagt und Lina preist, dass sie ihm der Beweis sei, dass Treue noch existiere, wird nämlich deutlich, wie ahnungslos er noch ist, aber auch, wie tief getroffen Lina sein muss, die natürlich weiß, wie falsch er liegt. All das wird also schon in den ersten Szenen klar, wenn meine Hypothese zur Vorgeschichte zutreffen sollte. Zumindest spricht wohl nichts dagegen.

Allein ein verheirateter Pfarrer war natürlich schon starker Tobak im katholischen Italien. So verbot man schon bei der Uraufführung in Triest, dass sich die Gemeinde am Schluss in einer Kirche mit Kreuz versammelt, und Lina durfte am Höhepunkt des langen Duetts des letzten Aktes (Szene Nr. 18) nicht bei ihrem Gemahl, dem Pfarrer beichten, sondern nur die unsinnige Bitte aussprechen, Rodolfo möge ihr zuhören, was er schon die ganze Zeit tut. Als Verdi davon hörte, verbot er weitere Aufführungen, bis er die ganze Szene genügend überarbeitet hätte, brach aber auch dieses Vorhaben wütend ab, weil inzwischen eine völlig verfälschte Fassung unter dem Titel GUGLIELMO WELLINGRODE kursierte. Erst Jahre später machte er dann aus Stiffelio den Kreuzfahrer Aroldo und ließ die originale Partitur vernichten, was zum Glück nicht ganz gelang. Aber das ist eine andere Geschichte.

Warum nun hat sich Verdi so für diese Geschichte interessiert, von der er wissen musste, dass sie haufenweise Zensurprobleme aufwerfen würde? Interessant ist der Zeitpunkt, an dem er sich für das Thema interessierte. Zu der Zeit hatte er sich nämlich unlängst mit seiner langjährigen Gefährtin, der Sängerin Giuseppina Strepponi, in Busseto niedergelassen, die er aber erst zehn Jahre später, also auch lange nach STIFFELIO, geheiratet hatte, was zu einer Unmenge von bösartigem Tratsch führte, der ihm natürlich nicht entging. Man muss ihm oder ihr also keine eigene Untreue unterstellen, wenn man Verdi ein starkes persönliches Interesse an dem Sujet bescheinigt. Man muss nur darauf achten, dass die Oper bereits mit der Zeile "Oh heiliges Buch" auf die Bibel verweist, und genau dasselbe Buch (und musikalische Motiv) zum Schluss wieder im Zentrum steht ("Il santo libro schiudi / Öffne das heilige Buch"). Das Thema der Oper zu Beginn wie am Ende ist nämlich die Vergebung, für welche Sünden auch immer - womöglich auch für den, durch das Duell legitimierten, faktisch aber intendierten, Mord Stankars an Raffael. Bekanntlich waren und sind die Einwohner von Busseto nicht die einzigen, die darin nicht besonders stark sind.

Was also wird aus dem Paar Lina/Stiffelio? Ich denke, dass Verdi für die beiden dasselbe erhoffte, wie für sich und seine Lebensgefährtin. Bekanntlich haben diese beiden es geschafft, die Gefahren des langen Ehelebens und auch den bösartigen Tratsch zu überwinden.

:hello Rideamus
Severina (09.03.2012, 16:25):
Liebe Rideamus,

beeindruckend, was Du da über die Entstehungsgeschichte zusammengetragen hast :down! Danke dafür!

Was das Zustandekommen der Ehe zwischen Lina und Stiffelio betrifft, so liegen wir da ganz auf einer Linie. Auch ich habe ja schon die Frage aufgeworfen, wie weit sie Linas freiem Willen entsprochen hat, denn offensichtlich war Stancars Interesse, Stiffelio zu seinem "Sohn" zu machen, ein stärkeres Motiv als das Glück seiner Tochter. Wobei unsere moderne Vorstellung, eine Ehe müsse von beiden Seiten als Glück empfunden werden, sowieso nicht auf das 19.Jhdt. übertragen werden kann.
Daher scheint Linas Erweckung zur Frau eher Raffaele als Stiffelio gelungen zu sein, denn auch Deine Einschätzung von den "leidenschaftslosen Flitterwochen" teile ich. Wobei ich gestehen muss, dass ich das bei Domingo als Stiffelio wahrscheinlich etwas anders sähe :wink :D (Für mich war Carreras immer ein Langeweiler ohne jede erotische Ausstrahlung, wahrscheinlich finde ich ihn gerade deshalb auf dieser DVD so toll, weil er da absolut typengerecht besetzt ist :ignore!)

Generell könntest Du recht haben, was die Zukunftsperspektive von Lina und Stiffelio betrifft, aber ich beziehe mich in meiner Interpretation ja ausschließlich auf die Inszenierung von Moshinsky mit Carreras als Stiffelio - eine andere kenne ich nicht, da sie auch an der WSO gespielt wurde - und da gelange ich zu einer pessimistischen Einschätzung. (siehe oben!)


lg Sevi :hello
stiffelio (09.03.2012, 16:28):
Liebe Severina,

eines sollte man nicht übersehen: aus meiner Sicht haben wir es hier nicht mit einer "durchschnittlichen" Gruppierung aus dem 19. Jh. zu tun, sondern mit einer streng pietistischen Gemeinde, in der sowohl ein Pfarrer (bzw. sogar zwei) als auch die Bibel eine noch viel größere Autorität haben können als üblicherweise.

Dass Stankar sich trotz seiner Gemeindezugehörigkeit anders verhält, könnte auch damit zusammenhängen, dass er neben der Gemeinde auch im Militär verwurzelt ist, was für die meisten anderen Mitglieder nicht gelten dürfte. Und wenn man bedenkt, dass selbst in unserer Generation Theologiestudenten prinzipiell vom Wehrdienst befreit waren, glaube ich nicht, dass von Stiffelio erwartet worden wäre, den Ehebruch selbst zu "rächen" (dass er zweimal dazu bereit scheint, ist aus meiner Sicht Affekt - der allerdings insbesondere das erste Mal aufgrund der absoluten psychischen Ausnahmesituation durchaus ins Auge hätte gehen können)

Wie gesagt finde ich, dass der Schluss hier prinzipiell offen inszeniert ist und mehrere Zukunftsmodelle anbietet.
Weder Lina noch Stiffelio sind am Schluss an einem Punkt, an dem sich für sie die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft überhaupt stellt. Beide sind noch völlig damit beschäftigt, das überwältigende Erlebnis der Vergebung zu begreifen: eine Sache, die für beide an dieser Stelle noch ausschließlich mit Gott zu tun hat. Darum schauen sie sich auch gegenseitig nicht an. Die Frage der Zukunft kommt erst NACH dem Schlussvorhang.

Warum glaube ich, dass beide nach dem Schritt der geistlichen Vergebung wieder zueinander finden könnten?
Weil sie beide trotz allem was war, eine ganz tiefe Liebe zueinander empfinden - für mich erkennbar in der Szene unmittelbar vor Raffaels Tod. Warum kämpft Lina derart um die Vergebung von Stiffelio, auch wenn sie erkennt, dass sie ihn dafür als Ehemann zunächst freigeben muss? Rein geistliche Vergebung hätte ihr auch Jorg zusprechen können. Ihre "Beichte" ist ja gar keine Beichte im eigentlichen Sinne, sie spricht mit keinem Wort über ihre "Sünde" mit Raffael. Es ist eine entschiedene Weigerung irgendeinem anderen Mann angehören zu wollen und damit ein uneingeschränktes Liebesgeständnis an Stiffelio.
Und warum geht Stiffelio dieses Liebesgeständnis so nah? Er reagiert auf Linas Worte, sie könne - von ihm verstoßen - unter keinen Umständen mehr Frieden finden mit einer Gestik, die für mich andeutet: "Und ich? Ich weiss doch trotz aller äußerlichen "Panzerung" sehr gut, dass auch ich nach dieser Trennung nirgendwo mehr Frieden finden werde."
Da ist Stiffelio einer Vergebung schon ganz nah, die durch Stankars Eintritt und Raffaels Tod aber erstmal wieder zerstört wird.

Übrigens: vergessen muss Stiffelio Linas Fehltritt gar nicht - und werden beide vermutlich auch nie. Was man vergessen kann, dafür ist keine Vergebung notwenig. Vergeben bedeutet für mich, einen Fehler dem anderen nicht mehr vorzuhalten - weder äußerlich noch innerlich - obwohl man ihn eben NICHT vergessen hat. Und ich halte es nicht für unmöglich (obwohl du mich da für einen hoffnungslosen Träumer halten kannst :wink), dass auch die Gemeinde das schafft.

VG, stiffelio
stiffelio (09.03.2012, 16:46):
Hallo Rideamus,

ups, da haben wir uns überschnitten (ich tippe wohl deutlich langsamer als du :wink)
Auch von meiner Seite Danke für den Hintergrund. Teilweise hatte ich das auch schon gelesen, aber du hast es sehr schön zusammengefasst.

Eines muss ich wohl bekennen: Stiffelio ist für mich einerseits eine wunderbar komponierte Oper von Verdi, über deren musikalischen Vorzüge oder ggf. Schwächen ich diskutieren kann, wie über jede andere Oper auch. Andererseits hat die Londoner Inszenierung für mich in der Tat eine Art Eigenleben entwickelt (wie es mir mit einigen Inszenierungen meiner Lieblingsopern geht), in der nicht mehr nur Sänger ihre Rollen spielen, sondern ihre eigene Welt aufbauen und mich dabei mitnehmen (ähnlich wie in der "Unendlichen Geschichte" von Michael Ende).
Keine Sorge, ich bin nicht komplett durchgeknallt :P und weiss Fiktion und Realität durchaus noch auseinanderzuhalten. Aber manchmal möchte ich dennoch vorübergehend einfach in meinen Fiktionen leben dürfen.
Dies nur zur Entschuldigung, warum dieser Thread eine so starke Schlagseite zur Londoner Inszenierung bekommen hat.

VG, stiffelio

P.S.: weisst du, ob man das Bühnenstück "Le pasteur" irgendwo bekommen könnte? Ich hatte im Internet mal eine Besprechung davon gefunden, aber nie das Stück selbst.
Severina (09.03.2012, 16:52):
Liebe Stiffelio,

Du schreibst, dass beide "trotz allem, was war", noch tiefe Liebe füreinander empfinden. Ich sehe es nach wie vor so, dass Lina nicht "trotz allem", sondern erst jetzt Stiffelio wirklich liebt, und mit ihrem Bekenntnis, nie einem anderen Mann angehören zu wollen, sagt sie jetzt freiwillig ja zu einer Ehe, die sie zuvor eher als gehorsame Tochter eingegangen ist. (Sie mag den umschwärmten Prediger bewundert haben, aber wohl kaum geliebt, sonst wäre sie nicht so leicht Raffaeles Werben erlegen...)

Was ich mich übrigens von Anfang an frage: Wie viele Frauen leben eigentlich in Stancars Haus, dass nicht von Anfang an der Verdacht der ganzen Gemeinde auf Lina fällt? Aus wie vielen Fenstern könnte Raffaele theoretisch gesprungen sein?? (Ich gehe doch davon aus, dass der "Sündenfall" nicht im Salon, sondern in Linas Zimmer stattgefunden hat.) Also zumindest Stancar müsste mehr als nur ahnen, was Sache ist. Da der Fährmann das Fenster offensichtlich genau beschrieben hat, hat Stiffelio vielleicht sehr persönliche Gründe, nicht genau wissen zu wollen, welche Beweismittel er da in Händen hält.

lg Severina :hello
Rideamus (09.03.2012, 17:15):
Original von stiffelio
Hallo Rideamus,

P.S.: weisst du, ob man das Bühnenstück "Le pasteur" irgendwo bekommen könnte? Ich hatte im Internet mal eine Besprechung davon gefunden, aber nie das Stück selbst.

Da bin ich selbst auch noch auf der Suche, aber beim Suchen stieß ich soeben auf diesen interessanten Artikel der NZZ, der meine Vermutung zu Verdi, Strepponi und Stiffelio sowie dem zentralen Thema der Vergebung mindestens teilweise zu bestätigen scheint: http://www.nzz.ch/2004/09/25/ku/article9urpe_1.311579.html

:hello Rideamus
stiffelio (09.03.2012, 17:24):
Liebe Severina

Original von Severina

Du schreibst, dass beide "trotz allem, was war", noch tiefe Liebe füreinander empfinden. Ich sehe es nach wie vor so, dass Lina nicht "trotz allem", sondern erst jetzt Stiffelio wirklich liebt, und mit ihrem Bekenntnis, nie einem anderen Mann angehören zu wollen, sagt sie jetzt freiwillig ja zu einer Ehe, die sie zuvor eher als gehorsame Tochter eingegangen ist. (Sie mag den umschwärmten Prediger bewundert haben, aber wohl kaum geliebt, sonst wäre sie nicht so leicht Raffaeles Werben erlegen...)
mh ja. Ich glaube, das ist eine Sichtweise mit der ich mich anfreunden könnte. Ich denke nochmal darüber nach.

Was ich mich übrigens von Anfang an frage: Wie viele Frauen leben eigentlich in Stancars Haus, dass nicht von Anfang an der Verdacht der ganzen Gemeinde auf Lina fällt? Aus wie vielen Fenstern könnte Raffaele theoretisch gesprungen sein?? (Ich gehe doch davon aus, dass der "Sündenfall" nicht im Salon, sondern in Linas Zimmer stattgefunden hat.) Also zumindest Stancar müsste mehr als nur ahnen, was Sache ist. Da der Fährmann das Fenster offensichtlich genau beschrieben hat, hat Stiffelio vielleicht sehr persönliche Gründe, nicht genau wissen zu wollen, welche Beweismittel er da in Händen hält.

Immerhin ist Stankars Haus ein Schloß, vermutlich auch mit einigen Zimmermädchen :P. Und es könnte ja durchaus auch Raffaels Zimmer gewesen sein. Stankar zählt im Übrigen ja auch sofort 1 und 1 zusammen - der weiss nach dieser Story durchaus Bescheid und braucht nur noch den letztgültigen Beweis. Dass Stiffelio in diesem Punkt nur ein Meister im Verdrängen ist, kann ich mir allerdings nicht vorstellen - es passt einfach nicht zu seinem restlichen Verhalten, weder zu der Ahnungslosigkeit in der übernächsten Szene bis zum Ring, noch zu der völligen Entgeisterung, die ihn auf dem Friedhof ereilt.

VG, stiffelio
stiffelio (09.03.2012, 17:32):
Original von Rideamus

Da bin ich selbst auch noch auf der Suche, aber beim Suchen stieß ich soeben auf diesen interessanten Artikel der NZZ, der meine Vermutung zu Verdi, Strepponi und Stiffelio sowie dem zentralen Thema der Vergebung mindestens teilweise zu bestätigen scheint: http://www.nzz.ch/2004/09/25/ku/article9urpe_1.311579.html

:hello Rideamus

Lieber Rideamus,

diesen Artikel der NZZ kenne ich und fand ihn auch sehr interessant, teile seine Interpretation allerdings nicht in allen Punkten. Unabhängig davon, ob Linas Beichte nun eine Beichte ist oder nicht: eine Beichte - durchaus im katholischen Sinne - kenne ich auch aus lutherischen Gemeinden, auch wenn sie dort sicherlich seltener praktiziert wird. Aber auch ein evangelischer Prediger kann in solchen Situationen Sündenvergebung zusprechen.

VG, stiffelio
Rideamus (09.03.2012, 17:34):
Ich meine auch, dass Stiffelio, wie oben angesprochen, keine Ahnung von dem Fehltritt Linas hat - nicht, weil er ihn nicht haben will, sondern weil er ihn sich nicht vorstellen kann. Das macht er gleich zu Beginn bei ihrer Begrüßung deutlich, wenn er die Unsitten und Treulosigkeit der Welt beklagt und sich damit tröstet, dass wenigstens seine Frau ihm die Gewissheit gibt, dass es Treue doch auch noch gibt. Gerade das trifft sie ja so stark.

Demgegenüber gehen aber die meisten Gemeindemitglieder - Stiffelio ist ja, wie Ehemänner oft genug, fast der einzige, der die Untreue seiner Frau nicht ahnt - davon aus, dass er auch Bescheid weiß und den Beweis als Demonstration seines Verzeihens bewusst verbrennt, als er ihn in Händen hält. Deshalb preisen sie zu Beginn seine Großzügigkeit. Die Gemeinde geht also schon zu Beginn von dem aus, wozu sich Stiffelio selbst am Schluss durchringt. Für Häme gegenüber dem Betrogenen sehe ich da wenig Raum.

:hello Rideamus
Severina (09.03.2012, 17:34):
Ja, klar, da hast du natürlich Recht, es handelt sich um kein bescheidenes Eigenheim, sondern um ein Schloss -Denkfehler meinerseits! Da gibt es natürlich viele in Frage kommende Fenster, und Stiffelio ist wohl wirklich ahnungslos.

Dann ist aber doppelt interessant, warum Stancar sofort seine Tochter verdächtigt. Weil er weiß, dass Stiffelio seine Wahl und nicht ihre war, dass ihre Ehe sie nicht wirklich ausfüllt?

Spannendes Werk :D!

lg Severina :hello
stiffelio (09.03.2012, 17:47):


Demgegenüber gehen aber die meisten Gemeindemitglieder - Stiffelio ist ja, wie Ehemänner oft genug, fast der einzige, der die Untreue seiner Frau nicht ahnt - davon aus, dass er auch Bescheid weiß und den Beweis als Demonstration seines Verzeihens bewusst verbrennt, als er ihn in Händen hält. Deshalb preisen sie zu Beginn seine Großzügigkeit.

Lieber Rideamus,

zumindest Stankar muss aber wissen, dass Stiffelio keine Ahnung hat. Warum sonst sollte er mit aller Macht zu verhindern versuchen, dass Lina ihm ihren Fehltritt beichtet?

VG, stiffelio
Severina (09.03.2012, 17:48):
Original von Rideamus
Ich meine auch, dass Stiffelio, wie oben angesprochen, keine Ahnung von dem Fehltritt Linas hat - nicht, weil er ihn nicht haben will, sondern weil er ihn sich nicht vorstellen kann. Das macht er gleich zu Beginn bei ihrer Begrüßung deutlich, wenn er die Unsitten und Treulosigkeit der Welt beklagt und sich damit tröstet, dass wenigstens seine Frau ihm die Gewissheit gibt, dass es Treue doch auch noch gibt. Gerade das trifft sie ja so stark.

Demgegenüber gehen aber die meisten Gemeindemitglieder - Stiffelio ist ja, wie Ehemänner oft genug, fast der einzige, der die Untreue seiner Frau nicht ahnt - davon aus, dass er auch Bescheid weiß und den Beweis als Demonstration seines Verzeihens bewusst verbrennt, als er ihn in Händen hält. Deshalb preisen sie zu Beginn seine Großzügigkeit. Die Gemeinde geht also schon zu Beginn von dem aus, wozu sich Stiffelio selbst am Schluss durchringt. Für Häme gegenüber dem Betrogenen sehe ich da wenig Raum.

:hello Rideamus

Lieber Rideamus,
gut, Ihr habt mich von Stiffelios Ahnungslosigkeit überzeugt!

Dass aber die gesamte Gemeinde das Geweih auf Stiffelios Haupt sprießen sieht, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Dann müsste es ja auch Stancar wissen (und nicht nur vage ahnen), warum darf dann Raffaele immer noch in seinem Haus verkehren, warum wartet er bis zu Stifellios Rückkehr mit seiner Abrechnung? (Oder habe ich eines wesentliche Textpassage übersehen?)
Stiffelios Großzügigkeit zu preisen, hätten die Gemeindemitglieder auch Grund, wenn sie nicht genau Ross und Reiter benennen können, denn immerhin sichert der durch das Verbrennen der Beweismittel verhinderte Skandal die Ruhe innerhalb der Community. Irgendeine Frau und irgendein Mann haben gefehlt. ihnen wurde vergeben und alle können zur Tagesordnung übergehen.

Was haltet Ihr davon?

lg Sevi :hello
stiffelio (09.03.2012, 18:28):
Original von Severina

Stiffelios Großzügigkeit zu preisen, hätten die Gemeindemitglieder auch Grund, wenn sie nicht genau Ross und Reiter benennen können, denn immerhin sichert der durch das Verbrennen der Beweismittel verhinderte Skandal die Ruhe innerhalb der Community. Irgendeine Frau und irgendein Mann haben gefehlt. ihnen wurde vergeben und alle können zur Tagesordnung übergehen.

Was haltet Ihr davon?



Liebe Severina,

Volle Zustimmung :times10

VG, stiffelio

P.S.: falls du tatsächlich am Bundestheater ein Librettoheft kaufen solltest: bitte, bitte auch ein Exempar für mich! Oder kann man da anrufen/hinschreiben und um einen Versand bitten? (Billy, weisst du das?)

update: ich glaube, ich hab einen Link gefunden: http://www.wiener-staatsoper.at/shopnode/shop/?sid=tYEb3rBLgsMJRwf&shopid=3&lng=&do=14&catid=58&count=4&from=44&step=3
Leider, leider ist der Stiffelio an der Stelle, wo er alphabetisch stehen müsste, nicht dabei :I :I :I
Billy Budd (09.03.2012, 22:52):
Original von stiffelio
P.S.: falls du tatsächlich am Bundestheater ein Librettoheft kaufen solltest: bitte, bitte auch ein Exempar für mich! Oder kann man da anrufen/hinschreiben und um einen Versand bitten? (Billy, weisst du das?)

update: ich glaube, ich hab einen Link gefunden: http://www.wiener-staatsoper.at/shopnode/shop/?sid=tYEb3rBLgsMJRwf&shopid=3&lng=&do=14&catid=58&count=4&from=44&step=3
Leider, leider ist der Stiffelio an der Stelle, wo er alphabetisch stehen müsste, nicht dabei :I :I :I

Liebe stiffelio,
ja, im Internet ist das Programmheft nicht verzeichnet, da diese Oper nicht zu den derzeit gespielten Produktionen gehört.
Meines Wissens nach werden aber alle verfügbaren Programmhefte verkauft. Demnächst werde ich in der Kassenhalle nachfragen, ob noch zwei vorrätig sind. Wenn nicht, glaube ich aber, eine eventuelle Quelle zu wissen. Wenn ich also nichts bekommen sollte, werde eine E-Mail dorthin schreiben und nachfragen, ob noch zwei vorhanden sind.
Billy :hello
stiffelio (10.03.2012, 11:59):
Lieber Billy,

supernett, dass du das versuchen willst. Vielen Dank!

Liebe Severina,

ich habe noch mal über deine Hypothese nachgedacht:
Ich sehe es nach wie vor so, dass Lina nicht "trotz allem", sondern erst jetzt Stiffelio wirklich liebt, und mit ihrem Bekenntnis, nie einem anderen Mann angehören zu wollen, sagt sie jetzt freiwillig ja zu einer Ehe, die sie zuvor eher als gehorsame Tochter eingegangen ist. (Sie mag den umschwärmten Prediger bewundert haben, aber wohl kaum geliebt, sonst wäre sie nicht so leicht Raffaeles Werben erlegen...)
die ja auch von Rideamus mit getragen wird:
Stankar ging aber noch einen Schritt weiter und verheiratete seine Tochter Lina mit Stiffelio - eine damals bekanntlich nicht unübliche Zweckheirat, bei der Lina wohl kaum gefragt wurde und auch der durchgeistigte Stiffelio eher gehorsam als leidenschaftlich mitwirkte. Als Stiffelio dann nach vermutlich kurzen und leidenschaftslosen "Flitterwochen" wieder auf Reisen ging, war Lina also das ideale Opfer der Verführungskunst Raffaels von Leuthold.

Ich kann euch soweit folgen, dass die Beziehung zwischen Stiffelio und Lina vermutlich nie wirklich sexuell befriedigend war - wobei ich glaube, dass beide sich bewusst gar nicht eingestehen könnten, mehr als höchstens rudimentäre sexuelle Bedürfnisse zu haben.
Da kann Raffael also wirklich in eine Lücke gesprungen sein.
Aber eine reine Zweckgemeinschaft Lina-Stiffelio im Vorfeld der Oper auf Drängen des Umfelds? Nur Bewunderung bzw. Wertschätzung? Dagegen sehe ich doch eine ganze Reihe Indizien und höchstens wenige davon spezifisch für die Londoner Inszenierung.

Auf Stiffelios Seite:
Warum ist er so sichtlich irritiert von der vermeintlichen Nichtbeachtung Linas bei seiner Heimkehr? Seine Worte: "Endlich sind wir allein" - "wenn ich dich sehe, weiss ich, dass es noch weibliche Treue gibt": Alles nur Ausdruck einer Zweckheirat ohne Liebe, Höflichkeitsfloskel? Das sind aus meiner Sicht auch nicht die Worte eine Mannes, der nach kurzen, leidenschaftslosen Flitterwochen gleich wieder auf Reisen gegangen ist. Lina und Stiffelio müssen vor seiner letzten Reise schon mehr als nur einige Wochen eine Beziehung gehabt haben.
Und die Szene auf dem Friedhof: nur verletzte Ehre, gekränkter Stolz, rein geistliches Entsetzen über die Sünde der Treulosigkeit? Nein, ich sehe da durchaus auch tief getroffene Liebe.
Ebenso wie in der oben schon genannten Szene kurz vor Raffaels Tod, als sein Schutzpanzer zu bröckeln beginnt.
Die Scheidung hat er auch (natürlich nicht nur) vorgeschlagen, weil er davon ausgeht, dass Lina Raffael wirklich liebt ("der Mann deines Herzens")

Auf Linas Seite als wichtigstes Argument:
in der gleichen Szene ihre Worte: "Ich habe dich immer geliebt (v'amai sempre) - ich liebe dich immer noch. Ich rufe Gott zum Zeugen an!"
Ein Meineid (bezogen auf den ersten Satzteil) in Gottes Namen in dieser Situation? Um ihre Chancen auf Stiffelios Vergebung zu erhöhen?
Nein, das passt nicht zu Lina.

Also: eine durchaus liebevolle Ehe - ja. Sexuell leidenschaftlich - vermutlich nein. Könntet ihr da mitgehen?

VG, stiffelio
Rideamus (10.03.2012, 12:37):
Ja, damit kann ich leben, zumal sich sowohl Lina als auch Stiffelio wohl nicht so recht über ihre Gefühle im Klaren sind.

Was mich aber bleibend irritiert, ist, dass es erst acht Tage her sein soll, dass Raffael aus Linas Fenster stieg, bevor die Handlung beginnt. Wir reden also nicht über eine länger zurück liegende Affäre.

Kann es sein, dass Raffael Lina, ermutigt durch missverständliche Briefe, auf ähnliche Weise "verführt" hat, wie Don Giovanni dereinst die Donna Anna, und dass sie sich dennoch schuldig fühlte, weil sie seiner Gewalt nachgab und sich auch noch den Ring als Pfand nehmen ließ? Im Gegensatz zu Giovanni war Raffael ja wohl bereit, mit Lina durchzrubrennen, muss sie also zumindest weiterhin begehrt haben.

:hello Rideamus
stiffelio (10.03.2012, 13:02):
Lieber Rideamus

Original von Rideamus
Ja, damit kann ich leben, zumal sich sowohl Lina als auch Stiffelio wohl nicht so recht über ihre Gefühle im Klaren sind.
nur zur Klarstellung: über ihre sexuellen Gefühle.

Was mich aber bleibend irritiert, ist, dass es erst acht Tage her sein soll, dass Raffael aus Linas Fenster stieg, bevor die Handlung beginnt. Wir reden also nicht über eine länger zurück liegende Affäre.
Ich stehe offenbar auf der Leitung. Was irritiert dich daran?

Kann es sein, dass Raffael Lina, ermutigt durch missverständliche Briefe, auf ähnliche Weise "verführt" hat, wie Don Giovanni dereinst die Donna Anna, und dass sie sich dennoch schuldig fühlte, weil sie seiner Gewalt nachgab und sich auch noch den Ring als Pfand nehmen ließ? Im Gegensatz zu Giovanni war Raffael ja wohl bereit, mit Lina durchzrubrennen, muss sie also zumindest weiterhin begehrt haben.

Hm. Also doch ziemlich in Richtung einer Vergewaltigung? Manches, vor allem wie Lina das Geschehene mehrfach schildert (sorpresa und tradimento übersetzt mein Wörterbuch mit "Überraschung" bzw. "Verrat") scheint in diese Richtung zu deuten. Allerdings hab ich mir Don Giovannis Vorgehen dann doch immer noch ein bisschen "zielstrebiger" vorgestellt. :ignore
Aber in einer deutlich abgeschwächten Form könte ich mir das schon vorstellen.
Ich sehe übrigens nicht die ehrliche Absicht Raffaels, mit Lina durchzubrennen in dem Sinne, dass er vorhätte, dauerhaft bei ihr zu bleiben. Dass er Lina auf dem Friefhof etwas anderes andeutet und sie nach seiner Flucht brieflich auffordert, ihm zu folgen ist für mich weiterhin "Verführergehabe". Anders kann ich mir nicht vorstellen, warum er auf Stiffelios diesbezügliche Frage die Antwort verweigert.
Und "durchbrennen" im Sinne von "noch ein paar Tage vernaschen" wäre wohl auch Don Giovanni bei Donna Anna bereit gewesen, wenn er darauf eine Chance gesehen hätte.

Aus meiner Sicht ist Raffael wirklich "nur" ein Frauenheld (vermutlich großteils aus Komplexen - siehe das Stichwort Findelkind), ohne die "Brutalität" eines Don Giovanni, wenn dieser sie nötig hatte.

VG, stiffelio
Severina (10.03.2012, 13:29):
Meine Lieben,
so weit sind wir drei gar nicht auseinander, denn wenn ich meine, dass die Heirat zwischen Lina und Stiffelio nicht ihre freie Entscheidung, sondern Stancars Wille war, so heißt das ja nicht, dass sie in ihrer Ehe unglücklich war. Wie ich schon sagte, hat es sie vielleicht sogar geschmeichelt, dass der bewunderte Prediger gerade sie auserwählt hat, war sicher gern mit ihm verheiratet, und was in ihrer Ehe gefehlt hat ihr erst Raffaele deutlich gemacht, der - und da bin ich ganz bei Rideamus - wohl so eine Art sexuelles Erweckungserlebnis für Lina gewesen ist.
Dass Stiffelio Lina aufrichtig liebt, daran zweifle ich übrigens auch nicht, die Frage ist nur, ob er sie wirklich "ganzheitlich" liebt oder doch nur das Ideal von Tugend und Sittsamkeit, das er anfangs in ihr sieht. Gerade deshalb bin ich ja so skeptisch, ob es noch einmal mit den beiden klappen könnte. Denn das Bild, das Stiffelio sich von Lina gemacht hat, ist zerbrochen, daran ändert auch seine Vergebung nichts. Und ob er dauerhaft über die Sprünge hinwegsehen kann, bezweifle ich bei einem Menschen mit einer derart rigorosen Moralvorstellungen doch ziemlich.

Raffaele sehe ich wie Stiffelio (die Stiffelio, nicht der :D!): Ein Windbeutel, der in Lina nur ein pikantes Abenteuer sucht, vielleicht auch den Nervenkitzel des Verbotenen. Da er wegen seiner Herkunft sicher Komplexe hat, mag es ihm vielleicht eine besondere Befriedigung bedeuten, just diesem allseits verehrten Tugendbolzen Stiffelio Hörner auszusetzen. Mir scheint ja, dass er auf Stiffelios Frage, was er täte, wenn Lina frei wäre, beinahe ein bisschen erschrocken reagiert, denn das Letzte, was er wohl will, ist tatsächlich Verantwortung für sie zu übernahmen, sie quasi offiziell am Hals zu haben. Dass Raffaele mit Lina durchbrennen will, bedeutet für mich nicht, dass er ernsthaft daran denkt sie zu heiraten.

Gegen die "Gewalttheorie" sprechen meiner Meinung nach die Briefe, denn eine Vergewaltigung (oder auch nur Nötigung) ist doch ein einmaliges Ereignis, und ganz bestimmt führt man mit dem Täter keine Korrespondenz (Oder schenkt ihm den Ehering!!)! Und wenn Lina die Avancen Raffaeles so unangenehm gewesen sind, hätte sie sich doch sicher ihrem Vater anvertraut, der ihn hinausgeworfen hätte. Raffaele hat sicher Linas Unerfahrenheit ausgenützt, sie vielleicht auch überrumpelt, aber nur unschuldiges Opferlämmchen war sie bestimmt nicht. Sie hat schon auch ihren Spaß dabei gehabt :ignore

lg Sevi :hello
Rideamus (10.03.2012, 13:56):
Letzteres werden wir wohl nicht wirklich beurteilen können, selbst wenn man ignoriert, dass aolche Gefühle und Erinnerungen selten in Marmor gemeißelt sind.

Ich denke auch, dass Raffael Lina nur noch eine Weile gerne genossen hätte und deswegen bei seinem letzten Fensterln die Briefe und den Ring eher gewaltsam an sich genommen hat um Lina in der Hand zu haben, aber natürlich keine dauerhaften Absichten hatte. Offensichtlich hat er ja schon länger den Ruf eines "Debauchierers und Verführers". Das würde auch ihr aufgeregtes Herumlaufen am Fenster erklären. Dass Lina ihn zuvor halb ermutigt, ihm wohl auch zumindest missverständliche Briefe geschickt und vor allem zuließ, dass sie welche bekommen hat, wäre ja so neu nicht, selbst wenn sie nicht wirklich daran dachte, ihrem Mann untreu zu werden. Dass sie mindestens in Versuchung war und deshalb, als Raffael nächtens bei ihr war, sich zwar zunächst wehrte, dann aber auch halb schwankte, halb hinsank, ist ja nicht ganz unrealistisch. Donna Anna ist da nicht das einzige, wenn auch bekannteste Beispiel.

Was mich an der Kurzfristigkeit des Zwischenfalls irritiert, ist mein ursprünglicher Eindruck - auch aus allen Synopsen - dass die Affäre in fernerer Vergangenheit lag. Da unterlag ich wohl einem Irrtum. So aber ist erklärlich, warum Stankars Verdacht gegen Raffael (und Lina) noch recht frisch ist und er erst weitere Beweise haben wollte, die er, so verstehe ich seine Reaktion zu Beginn der Handlung, in den Reaktionen der beiden auf Stiffelios Rückkehr bekam. So schnell trieb und womöglich auch noch grundlos trieb man damals als gottestfürchtiger Mann einen Gast ja auch nicht aus dem Haus.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass die Oper nicht Lina oder gar Raffael heißt, sondern STIFFELIO. Hauptthema bleibt die Vergebung, und die halte ich für glaubhaft - mit allen Konsequenzen. Nicht umsonst sagt Stiffelio irgendwo, dass nur der wirklich vergeben kann, der auch wirklich verletzt wurde.

:hello Rideamus
stiffelio (10.03.2012, 14:11):
Liebe Severina,

wenn du das, was zwischen Lina und Stiffelio vor seiner Reise war, als "Liebe" (wenn auch sexuell unerfüllte) bezeichnen kannst, sind wir beieinander. :wink

Das Bild, das Stiffelio sich von Lina gemacht hat, mag Risse bekommen haben, muss aber nicht auf Dauer zerbrochen sein, wenn er bereit ist, ihr zu glauben, was sie in der vorletzten Szene von sich behauptet: dass ihr Herz nie gesündigt habe (was immer sie damit konkret meinen mag). Stiffelio ist vorher auch deshalb so tödlich verletzt, weil er da annehmen muss, dass Lina Raffael wirklich liebt und nicht nur in ihrer Unerfahrenheit von ihm ausgenutzt wurde. Spaß hin oder her - darum geht es an dieser Stelle nicht.

Und Linas Bild ist nicht das einzige mit Rissen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Stiffelio nach dem Schlußvorhang sich selbst noch so sehen kann, wie vor der Oper. Da sind genauso Risse entstanden, beide haben seitdem ein Menge dazugelernt. Keiner von beiden wird einfach zum Status vorher zurückkehren können oder das auch nur wollen. Es wäre tatsächlich ein "Neuanfang" im tiefsten Sinne dieses Wortes.
Helfen würde Stiffelio, dass er nicht nur rigorose Moralvorstellungen, sondern ganz zuvorderst rigorose Glaubensvorstellungen hat. Er wird Gottes Vergebung, die er Lina zugesprochen hat, sehr ernst nehmen. Und wer ist er, dass er Lina etwas vorhalten darf, was Gott ihr vergeben hat. (zur Ergänzung: wir machen hier zwar ständig die Unterscheidung zwischen dem Prediger und dem Ehemann, aber ich glaube, dass Stiffelio selbst diesen Unterschied am allerwenigsten sieht. Was er als Prediger erkannt hat, darum wird er sich auch als Mann bemühen. Alles andere würde seinem Naturell nicht entsprechen.)

Auch wenn ich einer Gewalttheorie im Wortsinne ebenfalls misstraue: völlig unmöglich ist sie nach dem Libretto wohl nicht. Wir wissen weder, ob die besagte Briefe vor oder nach dem "Sündenfall" geschrieben wurden, noch wie Raffael an den Ring gekommen ist (zumal ich diesen dusseligen Ring wirklich gern außer vor lassen würde - darüber geben Libretto und Handlung einfach zuwenig Auskunft). Und Lina wäre nicht die erste Frau, die sich nach einer erfolgreichen Vergewaltigung so schämt, dass ihr Vater der letzte wäre, dem sie sich anvertrauen würde.
Aber das sind meinerseits nur Spekulationen, was theoretisch aufgrund des Librettos möglich wäre. An eine "echte" Vergewaltigung glaube ich genausowenig wie du, da spricht zumindest in der Londoner Inszenierung die von dir oben schon geschilderte Friedhofsszene mit Lina und Raffael eindeutig dagegen.
Ich bin absolut bei dir, dass da deutlich zu sehen ist, dass sich Lina von Raffael sexuell angezogen fühlt.

VG, stiffelio
stiffelio (10.03.2012, 14:19):
Original von Rideamus

Wir sollten aber nicht vergessen, dass die Oper nicht Lina oder gar Raffael heißt, sondern STIFFELIO. Hauptthema bleibt die Vergebung, und die halte ich für glaubhaft - mit allen Konsequenzen. Nicht umsonst sagt Stiffelio irgendwo, dass nur der wirklich vergeben kann, der auch wirklich verletzt wurde.


Lieber Rideamus,

das ist ein wunderschöner Absatz, bei dem ich in der Aussage voll bei dir bin. :times10

Stiffelio sagt allerdings an der Stelle, die du vermutlich meinst (und Verdi hat eine traumhafte Musik dazu komponiert):

Ah no, il perdono è facile
Al core non ferito;
Ma occulto sta nell'anime
Tesoro indefinito,
Che nulla mano infrangere
Impunemente può.

Das hat für mich doch einen etwas anderen Touch - was ja nicht heisst, dass dein obiger Satz deshalb falsch wäre und es schön ist, sich vorzustellen, dass Stiffelio das nach dem Schlussvorhanb vielleicht ganz genauso formulieren würde. :engel

VG, stiffelio
Severina (11.03.2012, 13:51):
Liebe Stiffelio,

damit habe ich kein Problem, dass Lina Stiffelio auch vor ihrer Affäre schon geliebt hat, wenn dieser Liebe auch noch einige Facetten gefehlt haben. Denn sie bringt ja sehr schön zum Ausdruck, dass sie ihm im Herzen immer treu geblieben ist, der Betrug sich also auf der rein körperlichen Ebene abgespielt hat, also dort, wo es in ihrer Ehe offensichtlich ein Manko gegeben hat.

DeinTextzitat illustriert übrigens treffend das, was ich mit meiner Bemerkung im ersten Beitrag gemeint habe, dass nämlich Stiffelio den Unterschied zwischen Theorie und Praxis schmerzhaft am eigenen Leib erfahren muss. Dass er diesem Kampf nicht ausweicht, sich ihm stellt und geläutert daraus hervorgeht, ist ein Beweis für seine menschliche Größe.

lg Severina :hello

Darf ich unseren ernsthaften Diskurs mit einer humoristischen Einlage auflockern???
Da ich heute eine Karte bei den Bundestheaterkassen abholen musste, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und fragte nach einem Stiffelio-Programmheft. Man verwies mich an einen Herren, der die alten Programme verwaltet, und dann entspann sich folgender Dialog:

"Stivelio?? Sie meinen Fidelio??"
"Nein, ich meine schon Stiffelio, von Verdi!"
"Von Verdi gibt's keinen Stiffelio, das muss irgendein moderner Komponist sein!"
"Doch, es gibt einen Stiffelio von Verdi, glauben Sie mir!"
"Nein, das verwechseln Sie! Und wenn, wird so was Ausgefallenes bei uns nicht gespielt!"
"Hören Sie, ich hab den Stiffelio von VERDI selbst an der Staatsoper gesehen, vor 20 Jahren mit Carreras, und 2009 war er wieder im Repertoire, mit José Cura."
"Nein. Ich arbeite jetzt 8 Jahre da, das müsste ich wissen. Einen Stiffelio gibt's bei uns nicht!"

Der Wucht dieser Argumente musste ich mich schließlich beugen. Und wir verschwenden hier seit Tagen wertvolle Lebenszeit und zerbrechen uns den Kopf über eine Oper, die's gar nicht gibt :rofl :rofl :rofl
Billy Budd (11.03.2012, 14:02):
Original von Severina
Darf ich unseren ernsthaften Diskurs mit einer humoristischen Einlage auflockern???
Da ich heute eine Karte bei den Bundestheaterkassen abholen musste, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und fragte nach einem Stiffelio-Programmheft. Man verwies mich an einen Herren, der die alten Programme verwaltet, und dann entspann sich folgender Dialog:

"Stivelio?? Sie meinen Fidelio??"
"Nein, ich meine schon Stiffelio, von Verdi!"
"Von Verdi gibt's keinen Stiffelio, das muss irgendein moderner Komponist sein!"
"Doch, es gibt einen Stiffelio von Verdi, glauben Sie mir!"
"Nein, das verwechseln Sie! Und wenn, wird so was Ausgefallenes bei uns nicht gespielt!"
"Hören Sie, ich hab den Stiffelio von VERDI selbst an der Staatsoper gesehen, vor 20 Jahren mit Carreras, und 2009 war er wieder im Repertoire, mit José Cura."
"Nein. Ich arbeite jetzt 8 Jahre da, das müsste ich wissen. Einen Stiffelio gibt's bei uns nicht!"

Der Wucht dieser Argumente musste ich mich schließlich beugen. Und wir verschwenden hier seit Tagen wertvolle Lebenszeit und zerbrechen uns den Kopf über eine Oper, die's gar nicht gibt :rofl :rofl :rofl

:rofl
:rofl :rofl
:rofl :rofl :rofl
:rofl :rofl
:rofl

Vielleicht bekomme ich die gleiche Antwort.
Wir bräuchten einen Thread im Internen Bereich (z.B. analog zu "1000 mal gefreut" und "1000 mal geärgert), in dem wir so etwas sammeln, z.B. "1000 mal gelacht".
Billy :hello
stiffelio (11.03.2012, 14:40):
Liebe Severina, lieber Billy,

hier der einzige WIRKLICH passende Emoticon, auch wenn ich ihn eine Weile im Netz suchen musste:




(Hurra, jetzt hats geklappt)

VG, stiffelio
Billy Budd (11.03.2012, 14:53):
Original von stiffelio
Liebe Severina, lieber Billy,

hier der einzige WIRKLICH passende Emoticon, auch wenn ich ihn eine Weile im Netz suchen musste:


o030.gif


VG, stiffelio

Liebe stiffelio,
ich glaube, Du hast das Smiley falsch verlinkt, zumindest ist es nicht zu sehen.
Billy :hello




EDIT:
Original von stiffelio
Mist, klappt nicht. In einem anderen Forum ist der unter der Bezeichnung o030.gif. Weiss jemand, ob und wie man den hier einfügen kann?


Ich fürchte, ich kenne mich hier auch nicht aus.
Aber vielleicht müsstest Du die Graphik in einem neuen Tab öffnen und diesen Link hier einsetzen.
Billy :hello
Heike (11.03.2012, 17:01):
Original von Billy Budd
Wir bräuchten einen Thread im Internen Bereich (z.B. analog zu "1000 mal gefreut" und "1000 mal geärgert), in dem wir so etwas sammeln, z.B. "1000 mal gelacht".
Billy :hello

bitte schön, hier ist er: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1877
Heike
stiffelio (11.03.2012, 18:26):
Original von Severina

DeinTextzitat illustriert übrigens treffend das, was ich mit meiner Bemerkung im ersten Beitrag gemeint habe, dass nämlich Stiffelio den Unterschied zwischen Theorie und Praxis schmerzhaft am eigenen Leib erfahren muss. Dass er diesem Kampf nicht ausweicht, sich ihm stellt und geläutert daraus hervorgeht, ist ein Beweis für seine menschliche Größe.



Liebe Severina,

um nach dem Schlapplachen wieder ernsthaft zu werden:
An dem obigen Textzitat ("Oh nein, Vergebung ist leicht für ein Herz, das nicht verletzt wurde...") finde ich auch noch bemerkenswert, dass Stiffelio - ungeachtet seiner eben noch so großzügigen Geste mit dem Verbrennen der Papiere - hier bereits in der grauen Theorie ahnt, dass es für jeden Menschen - auch ihn - Dinge gibt, die er nur schwer oder gar nicht vergeben könnte.
Das geht schon fast in Richtung Hellsichtigkeit und ich finde das an dieser Stelle (zwischen "Heiligenschein" und "Absturz") einen wunderbaren Einfall des Librettisten.

VG, stiffelio
Billy Budd (12.03.2012, 15:41):
Original von Billy Budd
Original von stiffelio
P.S.: falls du tatsächlich am Bundestheater ein Librettoheft kaufen solltest: bitte, bitte auch ein Exempar für mich! Oder kann man da anrufen/hinschreiben und um einen Versand bitten? (Billy, weisst du das?)

update: ich glaube, ich hab einen Link gefunden: http://www.wiener-staatsoper.at/shopnode/shop/?sid=tYEb3rBLgsMJRwf&shopid=3&lng=&do=14&catid=58&count=4&from=44&step=3
Leider, leider ist der Stiffelio an der Stelle, wo er alphabetisch stehen müsste, nicht dabei :I :I :I

Liebe stiffelio,
ja, im Internet ist das Programmheft nicht verzeichnet, da diese Oper nicht zu den derzeit gespielten Produktionen gehört.
Meines Wissens nach werden aber alle verfügbaren Programmhefte verkauft. Demnächst werde ich in der Kassenhalle nachfragen, ob noch zwei vorrätig sind. Wenn nicht, glaube ich aber, eine eventuelle Quelle zu wissen. Wenn ich also nichts bekommen sollte, werde eine E-Mail dorthin schreiben und nachfragen, ob noch zwei vorhanden sind.
Billy :hello

Ich habe heute nachgefragt und erfahren, dass das Programmheft erst ausgehoben werden muss. Übermorgen werde ich wieder vorbeischauen und - wenn eines vorrätig war - kaufen.
Billy :hello
stiffelio (12.03.2012, 18:43):
Lieber Billy,

vielen Dank. Aber was um alles in der Welt bedeutet es, ein Programmheft "auszuheben"? ?( :wink
Ist das ein österreichischer Spezialausdruck für "aus einem Archiv/Lager heraussuchen"?

VG, stiffelio
Billy Budd (12.03.2012, 19:43):
Original von stiffelio
Lieber Billy,

vielen Dank. Aber was um alles in der Welt bedeutet es, ein Programmheft "auszuheben"? ?( :wink
Ist das ein österreichischer Spezialausdruck für "aus einem Archiv/Lager heraussuchen"?

VG, stiffelio

Liebe stiffelio,
Du liegtst da ganz richtig. Ich wusste nicht, dass es sich um einen nur in Österreich gebrauchten Ausdruck handelt.
Hinter der Theke (österreischisch: "Budl" :wink ) werden nur die Programme der laufenden Spielzeit aufbewahrt, die anderen stehen im Lager.
Billy :hello
Severina (12.03.2012, 20:13):
Liebe stiffelio,
Ich habe heute nachgefragt und erfahren, dass das Programmheft erst ausgehoben werden muss. Übermorgen werde ich wieder vorbeischauen und - wenn eines vorrätig war - kaufen.
Billy :hello

Lieber Billy,
wenn Du mit "vorbeischauen" das Mini-Archiv bei den Bundestheaterkassen meinst (der kleine Raum hinter dem Infoschalter im Foyer) - dort habe ich die Regale gestern durchforstet, aber kein Stiffelio-Programm gefunden. (Was vom bewussten "Experten" als weiteres Indiz gewertet wurde, dass ich nach einer Oper suche, die's einfach nicht gibt.....)
Welche Quelle hast Du denn angezapft?

lg Severina :hello
Billy Budd (12.03.2012, 21:00):
Original von Severina
Original von Billy Budd
Liebe stiffelio,
Ich habe heute nachgefragt und erfahren, dass das Programmheft erst ausgehoben werden muss. Übermorgen werde ich wieder vorbeischauen und - wenn eines vorrätig war - kaufen.
Billy :hello

Lieber Billy,
wenn Du mit "vorbeischauen" das Mini-Archiv bei den Bundestheaterkassen meinst (der kleine Raum hinter dem Infoschalter im Foyer) - dort habe ich die Regale gestern durchforstet, aber kein Stiffelio-Programm gefunden. (Was vom bewussten "Experten" als weiteres Indiz gewertet wurde, dass ich nach einer Oper suche, die's einfach nicht gibt.....)
Welche Quelle hast Du denn angezapft?

lg Severina :hello

Liebe Serverina,
wie groß das Archiv wirklich ist, weiß ich nicht, denn ich habe es noch nie betreten. Anscheinend gibt es dort wirklich kein Stiffelio-Programm. Das ist gar nicht gut, aber ich werde doch noch - wie gesagt - am Mittwoch noch einmal nachfragen.
Meine eventuelle Quelle habe ich noch nicht angezapft.
Billy :hello
Ricardo (18.03.2012, 00:01):
Hallo,

ich arbeite zur Zeit gerade an einem deutschen - aber hoch interessanten Mitschnitt von Stiffelio (Stiffelius) aus den 70er Jahren und suche verzweifelt nach dem deutschen Libretto-Text, um die Aufnahme überhaupt bearbeiten zu können.
Kann mir jemand helfen?
Als Dank gäbe es
eine Kopie des Mitschnitts

Danke im Voraus
sagt
Ricardo
stiffelio (18.03.2012, 08:06):
Hallo Ricardo,

wow, das würde mich natürlich sehr interessieren. Wo hat diese Aufführung denn stattgefunden? Sobald ich an eine deutsche Übersetzung herankomme (ich setze da im Moment am meisten Hoffnung auf Billy :hello ), werde ich sie dir gerne zur Verfügung stellen.
Für die Zwischenzeit habe ich noch eine andere Idee, die ich dir per PN schicke.

VG, stiffelio

P.S.: das mit der PN (private Nachricht) klappt leider nicht. Hast du das Empfangen von PNs in deinem Profil inaktiviert? Ich wollte dir vorschlagen, dass ich dir fürs erste meine MET-DVD des Stiffelio mit Placido Domingo ausleihen könnte, die hat deutsche Untertitel. Dafür müsstest du mir nur irgendwie deine Adresse mitteilen.
stiffelio (22.03.2012, 20:25):
Hallo Ricardo,

so, ich habe jetzt eine deutsche Übersetzung des Librettos.
( :thanks an ein liebes Forumsmitglied)

Wenn ich sie dir schicken soll, müsste ich wie gesagt nur noch deine Adresse haben. Auch wenn du es nicht mehr brauchen solltest, fände ich es nett, wenn du hier nochmal antworten würdest.

VG, stiffelio
stiffelio (23.03.2012, 17:21):
Hallo an alle STIFFELIO-Liebhaber,

zur Info: ich habe jetzt auch das französische Drama Le pasteur, ou L'évangile et le foyer von Émile Souvestre und Eugène Bourgeois, das Piave dem Libretto vom STIFFELIO zugrundegelegt hat, im Netz gefunden. Man kann es hier: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k57345363/f5.image lesen oder als pdf herunterladen.
Insbesondere die Beziehung zwischen Lina und Raffael vor dem Beginn der Opernhandlung soll darin deutlich ausführlicher geschildert sein.

VG, stiffelio
stiffelio (25.03.2012, 21:33):
Liebe Forumsmitglieder, insbesondere an die mit italienisch/französischen Sprachkenntnissen,

kaum hat man die kompletten Operntexte in verschiedenen Fassungen und Übersetzungen, schon beginnen für einen so detailversessenen Menschen wie mich die Probleme :wink :
Kann mir jemand bei folgender Szene im 3. Akt des STIFFELIO bzw. AROLDO helfen? Es geht um die Szene, in der Lina(=Mina) Stiffelio(=Aroldo) ihre bleibende Liebe gesteht und dieser hinterfragt, was denn dann mit ihrem Verführer Raffael sei.
Es entspinnt sich folgender Dialog:
AROLDO:
Ma colui!...
MINA:
Fu tradimento...
AROLDO:
Vi tradiva?...
MINA:
Sì.
AROLDO:
Fia spento,
Io n'ho il dritto...

Übersetzt wird der letzte Satz von Aroldo mit: "Lass es vorbei sein, ich habe nicht das Recht."
Im STIFFELIO findet sich der exakt gleiche italienische Text, er wird aber übersetzt mit: "So soll er sterben, ich habe das Recht." (bzw. in den deutschen Untertiteln meiner MET-Fassung: "Dann habe ich das Recht ihn zu töten")

Ja, wie denn nun??? Das originale "n'ho" (das auch in allen mir zugänglichen Textversionen und italienischen Untertiteln bestätigt wurde) würde nach meinem rudimentären italienischen Sprachverständnis eher der AROLDO-Übersetzung entsprechen. Im Text von "Le pasteur" (also der "Urfassung") lautet aber die entsprechende Passage: "Se peut-il? Ah! dès que le crime est à lui seul, je reprends mes droits pour le punir." Das würde doch wohl eher der STIFFELIO-Übersetzung entsprechen?

Die englischen und französischen Übersetzungen der Opertexte helfen bei dieser Konfusion leider kaum weiter bzw. sind sich auch nicht einig:
AROLDO: Let it be finished. I do not have the right / Qu'il périsse. J'en ai le droit.
STIFFELIO: Let him be killed (alternativ: Let him die). I have the right / Qu'il périsse. J'en ai le droit.

Einig in der Bestätigung der STIFFELIO-Version sind sich also nur die französischen Untertitel. Auch alle Synopsen sowohl des AROLDO als auch des STIFFELIO, die ich gelesen habe, sind sich einig, dass Aroldo/Stiffelio hier auf Rache sinnt (was freilich nicht viel heißen muss, wenn evtl. einfach voneinander abgeschrieben wurde). Aber gibt es irgendeine sinnvolle Möglichkeit, das "n'ho" so zu übersetzen, dass keine Verneinung, also eine Bestätigung des Rechts (auf Bestrafung) herauskommt? ?(
Und wie wäre das "Fia spento" am sinnvollsten übersetzt? Möglichst zunächst ohne einen Sinn hineinzuinterpretieren, der da nicht steht.

Gibt es hier im Forum einen italienischen Muttersprachler oder jemanden mit fundiertem italienischen Sprachgefühl, der diese Konfusion auflösen kann? Dann würde ich mich über entsprechende Hilfe sehr freuen. :thanks

VG, stiffelio
Fairy Queen (27.03.2012, 08:39):
Liebe Stiffelio, ich kann zwar italienisch, aber Opernitalienisch ist da bekanntlich nochmal etwas Anderes. :wink
Das n'ho kann man m.E. durchaus als "Ich habe davon/dazu das Recht" übersetzen, wenn man es von "ne ho" ableiten würde. Das ne wird dann so gebraucht wie im Frz. "en" J'en ai le droit" Man kann aber genauso von "non ho" ableiten, was dann "Ich habe nicht das Recht", also genau das Gegenteil bedeuten würde. Das ist wirklich Konfusion! Ich würde aber die erste Môglichkeit in diesem Kontext für wahrscheinlicher halten. Es hängt dann ganz davon ab, wie man das "Fia spento" versteht . "Fia spento" ("es" oder ER sei ausgelöscht"? Entweder meint Stiffelio, die vergangene Beziehung(also es) sei ausgelöscht und er habe nun das Recht auf Mina oder der Rivale(also er) gehöre ausgelöscht, er habe das Recht dazu. Heute würde man sicher eher Ersteres annehmen, aber der grossen Opernemotion entsprcht m.E. eher die Rache-Variante. Allerdings kenne ich diese Oper nciht und man muss schauen, was für ein Charakter Stiffelio ist und was am besten zu ihm und dem Fortgang passt. Rein sprachlich ist das wirklich nicht eindeutig zu klâren.
Liebe Frühlingsgrüsse von F.Q. :engel
Rideamus (27.03.2012, 10:42):
Meine Voraussetzungen, mich an dieser Diskussion zu beteiligen, sind nicht die besten, denn ich kann weder gut italienisch noch französisch, und ich kenne auch die Oper STIFFELIO nicht so gut wie die Fragestellerin. Dennoch versuche ich es, weil meine Italienischkenntnisse immerhin zu einem nicht geringen Teil aus Opernlibretti stammen und ich mich in den Konventionen des Opernitalienisch etwas auszukennen meine.

Du hast nämlich völlig Recht, liebe Fairy: das Opernitalienisch kann man nicht einfach wie das heutige umgangssprachliche behandeln. Wenn ich Fairy richtig verstehe, dann sind beide Varianten denkbar, also dass Stiffelio sagt, "Er sterbe. Ich habe das Recht (ihn zu töten)", wie auch "Es sei erledigt. Ich habe das Recht (das zu entscheiden)". Lediglich eine Kombinationen aus den beiden Extremen, wie sie die Übersetzung des AROLDO versucht, erscheint mir ziemlich sinnlos.

Ich versuche mal, die Entscheidung aus dem Blickwinkel des LIbrettisten Francesco Maria Piave zu treffen, dessen Position ich noch am besten nachvollziehen kann, zumal er als beruflicher Übersetzer (er wurde im damals napoleonischen Neapel geboren) sicher auf das französische Original zurückgreifen konnte. Er brauchte also nicht unbedingt die italienische Übersetzung des französischen Stückes, sondern bezog sich vermutlich auf die Passage, die auch Stiffelio (die Fragestellerin) zutiert.

Unter diesen Umständen und in Kenntnis von Piaves Vertrautheit mit den Opernkoventionen - immerhin schrieb er zehn Libretti für Verdi, darunter die rachegeschwängerten RIGOLETTO und LA FORZA DEL DESTINO), vor allem aber in Anbetracht der Situation in dem Stück selbst, lege ich mich auf die Rachevariante fest. Die Andeutung der Verzeihung würde zwar Stiffelios Charakter besser entsprechen, wie es sich im Finale herausstellt. Das tut es aber eben erst am Schluss, denn würde Stiffelio schon an dieser Stelle dafür plädieren, dass Linas Untreue als erledigt gelten und verziehen sein soll, dann könnte man sich den ganzen Rest des Dramas sparen. Das lag aber weder in Piaves noch in Verdis Absicht. Da zudem die französische Vorlage genau dasselbe besagt, denke ich, dass der Übersetzer des AROLDO-Textheftes irrt, was allerdings aus meiner Warte mehr als verzeihlich ist, denn mir ist bislang die Variante des "Ne ho" noch nicht begegnet, wohl aber sehr oft das "Non ho".

:hello Rideamus
stiffelio (27.03.2012, 18:40):
Liebe FairyQueen, lieber Rideamus,

vielen Dank für eure Erläuterungen und Anmerkungen, die für mich sehr erhellend waren. Ich teile Rideamus Meinung, dass von des Gesamtanlage des STIFFELIO, die ja auch mit dem Urtext übereinstimmt, die STFFELIO-Übersetzung bei weitem die passendere ist.
Und mit FairyQueens Erklärung, wie das "n'ho" auch anders übersetzt werden kann, kann ich mir jetzt auch gut vorstellen, wie der AROLDO-Übersetzungsfehler zustande gekommen ist.

Was mal wieder zeigt: man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wen man fragen kann! :D
In diesem Sinne: :thanks

VG, stiffelio
stiffelio (04.05.2012, 21:54):
Lieber Billy,

dank dir konnte ich mich die letzten Tage in das STIFFELIO-Programmheft der WSO vertiefen. :thanks
Hier für alle STIFFELIO-Liebhaber eine Zusammenfassung meiner Erkenntnisse (zum Teil nicht neu, aber in neuen Zuammenhängen):

Zum Libretto (bzw. zum zugrundliegenden Bühnenstück):
STIFFELIO spielt in Österreich zur Zeit einer Protestantenverfolgung, vermutlich ist dies eine Anspielung auf die Ausweisung von ca. 460 Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 durch den Salzburger Erzbischof. Das Schicksal dieser Vertriebenen, die es z.T. bis nach Chile verschlug, könnte der Anlaß für den erfundenen Namen "Ahasverianer" dieser protestantischen Gruppierung gewesen sein, der sich freilich nur im zugrundeliegenden Bühnenstücks "Le pasteur", nicht im Libretto findet.
Im Libretto von Piave steht:
Ort: Schloß des Grafen Stankar an den Gestaden des Salzbachs
(in einer Inhaltsangabe von Piave 1852 in "gelegen in Nord-Tirol" verändert)
Zeit: Zu Beginn des 19. Jh.

Die Handlung von "Le pasteur" von Souvestre/Bourgeois ist zwar frei erfunden, als Namengeber für die Person Stiffelio sind jedoch mehrere Wurzeln denkbar:
1. Michael Stiefel (latinisiert Stifelius), ein ehemaliger Augustinermönch aus Esslingen, wurde 1525 von Luther persönlich als erster evangelischer Prediger nach Österreich geschickt, konkret auf das Schloss Tollet in Oberösterreich, dessen Ahnherren Anhänger der Reformation geworden waren. Die Schoßherrin und Gönnerin von Stifelius hieß übrigens Dorothea Jörger - vermutlich Namensgeberin sowohl für den Pfarrer Jorg als auch für die Cousine Dorothea im Bühnenstück bzw. Libretto. Michael Stiefel musste jedoch 1527, als sich die politische Situation zuspitzte, wieder zurück nach Wittenberg fliehen. Er ist allerdings eine Figur des 16. Jh., während STIFFELIO allein schon wegen der Einbeziehung von Klopstocks Messias (1773 erschienen) eindeutig später spielt.
2. Ein Prediger Stieffelius wird in einer Erzählung von 1870 als Gefolgsmann eines Professors der Akademie Dresden, Johann Friedrich Müller, der sich für einen Propheten hielt, genannt.

Interessant fand ich auch noch, dass der Vorläufer des Bühnenstücks, ein Roman von Souvestre, noch ein tragisches Ende enthält: In seiner Verzweifelung nimmt Stiffelio Gift und erkennt erst im Sterben die (geistliche? moralische?) Unschuld seiner Frau.

Kurios, wie sich der Name Stiffelio im Italienischen bis heute erhalten hat:
Aus einem Lexikon der Kostümkunde: "stifèlius", vielleicht abgeleitet von Giuseppe Verdis Oper Stiffelio...ein Begriff für ein elegantes Kleidungsstück für Männer, eine knielange Jacke..." nach einem Foto von Verdi im "stifèlius" zu schließen, durchaus ähnlich der Jacke, die Stiffelio in der ROH-Inszenierung trägt. :wink

Wie schon Rideamus schrieb, spielt die heimliche Hauptrolle die Bibel: mit ihr beginnt und endet das Stück, sie bewirkt die Auflösung des unauflöslich scheinenden Konflikts, das Wunder der Vergebung.

Zum historischen Hintergrund der Opernentstehung:
Verdi schrieb den STIFFELIO 1850, kurz nach zwei Ereignissen: Es wird angenommen, dass er 1847 in Paris eine Liebesbeziehung zu der Sängerin Giuseppina Strepponi einging, die er erst viele Jahre später heratete. Und 1848 fand der italienische Aufstand gegen die österreichische Herrschaft statt, der in Mailand allerdings schon im August wieder zusammenbrach - auch aufgrund von Streitigkeiten zwischen italienischen Monarchisten und Republikanern, die Verdi tief enttäuschten. Um an dieser Stelle das Programmheft bzw. einen Aufsatz von Peter Dusek zu zitieren: "Der enttäuschte Revolutionär, der nicht mehr ausschließlich patriotische Stoffe vertonte, sondern zu den zeitlosen Themen von Gesellschaft und Moral, Liebe und "Akzeptanz" fand, musste die Hölle der gesellschaftlichen Ächtung erst am eigenen Leibe bzw. an seiner Partnerschaft mit Giuseppina erfahren, um zu den "zeitlos aktuellen" Stücken zu finden. Sein STIFFELIO hat wohl deshalb so viel packende Musik zu bieten, weil Verdis eigenes Herzblut durch Scheinmoral und verlogene Konventionen in den Jahren nach der gescheiterten "Befreiung" zum Sieden gebracht worden war."
Als STIFFELIO in Triest 1850 uraufgeführt wurde, legte Verdi fest, dass es als ein in der Gegenwart spielendes Werk im Alltagsgewand aufgeführt werden sollte. In Triest kämpfte der katholische, österreichische Gouverneur sowohl gegen die Ausbreitung des Protestantismus als auch gegen die pro-italienische Partei. Die Eingriffe der Zensur in die Aufführungsbedingungen und das Libretto müssen auch vor diesem politischen Hintergrund verstanden werden. Die Premiere geriet so auch zum politischen Manifest, das den italienischen Nationalisten in Form von Kritiken gegen den katholischen Zensor neue Nahrung gab.

Zur Inszenierung der ROH/WSO:
STIFFELIO ist im Gegensatz zu den patriotischen, freiheitskämpferischen Opern Verdis eine Oper, die sich auf intime menschliche Beziehungen konzentriert. Dies sollte in der ROH-Inszenierung (die von der WSO übernommen wurde) durch die Darstellung einer abgegrenzten Umgebung, quasi "ein bürgerliches Gefängnis" verdeutlicht werden. Das realistisch gestaltete Ambiente in der ROH-Inszenierung verlegt den Ort der Handlung allerdings aus Österreich in eine amerikanische calvinistische Gemeinde (ups, den Friedhof hätte ich für typisch englisch gehalten :B): selbst im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" seien die handelnden Personen in den gesellschaftlichen Konventionen gefangen.

VG, stiffelio
stiffelio (06.07.2013, 10:26):


In der DVD-Serie "Tutto Verdi" ist nun auch der STIFFELIO als eine Inszenierung von Guy Montavon unter dem Dirigat von Andrea Battistoni herausgekommen. Um es vorwegzunehmen: eine ernsthafte Alternative zur ROH-Inszenierung mit Carreras ist sie für mich leider auf keinen Fall. Insgesamt szenisch und darstellerisch furchbar dröge - ich habe immer wieder voller Wehmut an Moshinsky gedacht und bin ihm für seine viel lebendigere Inszenierung nun umso dankbarer.
Gerade Gabriele Mangione als Raffael ist hier ein derart blasierter Geck, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie Lina an ihm Gefallen finden konnte. Sämtliche feinfühligere Zeichnung von dem vermeintlich vornehmen Adeligen mit fragwürdiger Abstammung, der seine Komplexe als Frauenheld erstickt, den aber auf dem Friedhof dann doch noch Grauen und Skrupel packen, ist hier völlig verloren gegangen.
Die Hauptpersonen Roberto Aronica als Stiffelio, Yu Guanqun als Lina und auch Roberto Frontali als Stankar bleiben in vielen Szenen, in denen es vor aufgeladenen Emotionen nur so funken müsste, sowohl spielerisch als auch stimmlich merkwürdig leidenschaftsarm. George Andguladze als Jorg muss sich mit einer Wirbelsäulenverkrümmung samt Gehstock abplagen und kann seine Gesprächspartner im Grunde immer nur von schräg unten anblinzeln - der Sinn dieser Regieidee blieb mir bisher verschlossen.
Ansonsten waren die Stimmen für mich aber schon in Ordnung, bis auf die oft begrenzte stimmliche Darstellung sind mir keine Defizite aufgefallen.

Insgesamt ist die Inszenierung stark stilisierend und ziemlich düster. Raffael trägt einen roten Anzug, ansonsten ist alles einschließlich der Kostüme in Schwarz-Weiß-Grau gehalten. Die Aufmachung der männlichen Gemeindemitglieder bringe ich eher mit orthodoxen Juden in Verbindung als mit protestantischen Pietisten. Den religiösen Hintergrund finde ich hier fast schon zu aufdringlich gestaltet. Z.B. ist das Gemeindefest zur Ankunft von Raffael mit der Teilung eines Brotlaibs als Abendmahl gestaltet. Bei seinen Drohungen gegen Stankar, als dieser den Brief zerreißt, nimmt Stiffelio das auf dem Tisch stehende Kreuz zur Hand, so dass dies in die Nähe einer religiösen Verfluchung gerät.
Ein paar zumindest nicht uninteressante Ansätze hatte die Inszenierung dann aber doch zu bieten:
In der Chorszene, die auf das Verstecken der Briefbotschaft in Klopstocks "Messias" folgt, wird deutlich, dass die Gemeinde Linas Fehltritt zumindest ahnt und Raffael dafür verantwortlich macht. Sie rücken ihm hier bis zu Stiffelios Eintreffen derart bedrohlich von allen Seiten auf dem Leib, dass es eigentlich nichts anderes bedeuten kann. Schönheitsfehler dieses Einfalls: er passt für mich kaum zur Musik, die mit ihrem beschwingten Tanzrhythmus für mich eher schwer in eine Bedrohung umgedeutet werden kann.
Und am Schluss verfolgt die Inszenierung dann eher den Eindruck von Severina (ist der noch aktuell? oder siehst du das inzwischen anders?), dass Stiffelio und Lina als Paar vermutlich nicht mehr zusammenkommen können - Stiffelio dreht sich bei den Schlusstakten um und flieht aus dem Raum.
Die Inszenierung wurde übrigens auch in Monte Carlo gegeben und von den winzigen YT-Ausschnitten auf http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=rGKu4R6YqEI meine ich zu erahnen, dass sie engagierten Darstellen doch noch mehr Raum bietet, als in Parma genutzt wurde.

VG, stiffelio
stiffelio (30.09.2013, 19:32):
An alle Stiffelio-Liebhaber!

Am 28.9. hatte der STIFFELIO am Theater Mönchengladbach Premierere. Aus den Inszenierungsbeschreibungen im Internet werde ich zwar nicht recht schlau (am ehesten noch aus http://www.omm.de/veranstaltungen/musiktheater20132014/MG-stiffelio.html), aber anschauen will ich mir diese Inszenierung natürlich auf jeden Fall! :D
Für den 1.11. habe ich jetzt eine Karte. Kommt noch jemand aus diesem Forum dorthin? Karten gibt's noch hier

VG, stiffelio
stiffelio (02.11.2013, 20:22):
Stiffelio - Michael Wade Lee
Lina - Izabela Matula
Stankar - Johannes Schwärsky
Raffael von Leuthold - Michael Siemon
Jorg - Hayk Dèinyan
Frederico Andrey Nevyantsev
Dorotea - Eva Maria Güntschmann
Chor des Theaters Krefeld und Mönchengladbach
Niederrheinische Sinfoniker
Dirigent: Mihkel Kütson
Regie: Helen Malkowsky

Gestern war es nun soweit: Termin meiner lang ersehnte STIFFELIO-Aufführung in Mönchengladbach. So sehr ich einer solch seltenen Gelegenheit entgegenfiebere, so klar ist mir auch, dass es angesichts meiner heißgeliebten und bestens bekannter ROH-DVD fast unmöglich ist, es mir mit einer anderen Aufführung recht zu machen. Unter dieser hohen Messlatte und den gegebenen Rahmenbedingungen war die Möchengladbacher Aufführung in der Summe eine hoch respektable Angelegenheit.

Die Inszenierung entsprach dem, was ich unter einer behutsamen Modernisierung verstehe (Kleidung und die sparsamen Requisiten sind gegenwartsbezogen mit einem Trend zum Konservativen - eine Dorfgemeinschaft mit einem diskreten Zug ins Sektiererische). Gerade beim STIFFELIO, den Verdi ausdrücklich in der Gegenwart angesiedelt haben wollte, ist das auf den ersten Blick geradezu geboten. Auf den zweiten Blick ergeben sich aber sehr schnell Schwierigkeiten: Die Ehrbegriffe, die das Duell und den Tod Raffaels "erfordern", sind im 19. Jh. verständlich, aber nicht mehr im 21. Jh. (wenn man sie nicht gerade im Ehrenmord-Milieu der Islamisten ansiedeln will).
Aber der Reihe nach: bereits die bebilderte Ouvertüre macht zweierlei deutlich: dass die gesamte Gemeinde, allen voran Stankar, bereits heftiges Misstrauen gegen Lina und Raffael hegt und das deren Tändelei zu Beginn der Oper noch nicht wirklich vorbei ist (auch noch im 2. Akt auf dem Friedhof schmiegt Lina sich an Raffael und legt ihren Kopf in seinen Schoß). Ich werde diesbezüglich aus Lina nicht recht schlau - einerseits behauptet sie librettogetreu und in diesen Momenten auch glaubhaft, Stiffelio zu lieben, andererseits kann sie von Raffael nicht so recht lassen. Raffael seinerseits scheint ungewöhnlich ehrlich an Lina interessiert, lehnt aber eine Verbindung mit ihr im 3. Akt trotzdem ab. Die beiden senden also widersprüchliche Signale aus, was sie eigentlich wollen.
Stiffelio wird bereits beim Eintreten gestisch mit dem Verdacht gegen Lina - die wie eine Ausgestoßene auf einem einsamen Hocker sitzt - konfrontiert, nimmt sie aber sofort in Schutz. Ich interpretiere das so, dass er den naheliegenden Verdacht gegen Lina auch nach der Geschichte mit dem Bootsmann einfach nicht glauben kann. Egal was da passiert sein mag (und ich habe den Eindruck, dass Stiffelio durchaus ahnt, dass die Frau Lina war), sie kann ihn unmöglich aus freien Stücken betrogen haben! Erst als er merkt, dass ihr Ehering fehlt, schlägt seine Stimmung um 180° um. Dieser Stiffelio ist ebenso idealistisch wie temperamentvoll (dabei wie auch Lina noch recht jung): eine gute Mischung für diese Rolle.
Stankar ist hier als sein Gegenpol von Anfang an von der Gemeinde abgesondert: ein misstrauischer, verbitterter Typ mit Armprothese, Vollbart und grauer Löwenmähne- alles andere, als was man sich unter einem Grafen vorstellt. Jorg hatte nach meinem Empfinden relativ wenig Profil - über einen unauffälligen Stichwortgeber im Straßenanzug hinaus ist nichts bei mir haften geblieben, freilich auch nichts Störendes.

Ästhetisch hat mich die Inszenierung spätestens im 2. Akt überzeugt: in den Einheitsraum mit ockerfarbenen Wänden, der im 1. und 3. Akt den Versammlungsraum der Gemeinde darstellt, wird zum Friedhof, indem hölzerne Regale ohne Rückwand hinabgelassen werden, in deren Fächern als angedeutete "Gräber" je eine Kerze und ein Metallkasten stehen. (Letzterer wird in dieser Gemeinschaft offenbar jedem Mitglied schon zu Lebzeiten zugeordnet (für die persönlichen Unterlagen?), denn in der Ouvertüre hat jedes der lebenden Gemeindemitglieder einen solchen Kasten.) Zwischen den vier Regalen entsteht in der Luft ein Kreuz. Das hatte für mich die richtige Balance zwischen stilisierter Andeutung, Plastizität und Ästhetik.

Die Regie hat sich die Freiheit genommen, das originale Libretto vor allem an zwei Stellen diskret, aber mit spürbarem Bedeutungswandel abzuändern: Auf dem Friedhof spricht Stankar Stiffelio nach dessen "Also war er es" (d.h. Raffael Leuthold der Verführer seiner Frau) nicht mit "Müller" an, sondern sagt an dieser Stelle "Leuthold", was eine Bestätigung von Stiffelios Verdacht darstellt. Stankar ist an diesem Punkt also nicht mehr an einer Verschleierung, sondern einer Aufdeckung der Affäre interessiert. Passend dazu drückt er Stiffelio noch aktiv sein Schwert in die Hand als dieser im Affekt auf Raffael losgeht.
Die zweite Veränderung ergibt einen noch wesentlich dramatischeren Bedeutungswandel, aber dafür muss ich weiter ausholen, denn jetzt sind wir wieder am Ausgangsprobem einer Modernisierung des STIFFELIO:
Im 3. Akt bleiben, als Lina eintritt, sowohl Raffael als auch Stankar sichtbar im Raum, diese Schlüsselszene zwischen Lina und Stiffelio spielt sich also ungewohnter Weise zu viert ab. Raffael wendet sich von Lina zunächst ab, dreht sich aber im Verlauf des Duetts immer öfter nach ihr um. Bei Linas "ich habe dich immer geliebt" eilt Raffael auf Lina zu, wird aber von Stankar abgefangen und - von Lina und Stiffelio unbemerkt - durch einen Stich in den Bauch (ohne Duell) ermordet. Erst beim "er soll sterben" drehen Lina und Stiffelio sich um und erkennen, dass Raffael bereits tot ist. Während Stiffelio sein "Ja, fliehen wir in die Kirche" anstimmt, verstecken Jorg und Frederico den Leichnam von Raffael hektisch unter einem Tisch, der dann mit lang herabhängendem Tischtuch zum Altar wird, an dem Stankar niederkniet. Stiffelio betritt nach kurzem Verlassen erneut den Raum, diesmal mit festlichem Überwurf als Geistlicher gekennzeichnet. Er weicht kurz vor Lina zu den Worten "wer ist diese Frau" zurück, wendet sich dann aber dem Altar zu und erschrickt heftig. Auf Jorgs Frage "was hast du?" antwortet er nicht "Sie" (wie es eigentlich im Libretto steht und Lina meint) sondern "Er" und gemeint ist eindeutig Raffael, dessen Leiche er unter dem Altartuch versteckt weiß. Beim Aufschlagen der Bibel (die verrückterweise das gleiche verschließbare Buch ist, als das im 1. Akt der "Messias" vom Klopstock fungiert) findet Stiffelio den Abschiedsbrief, den Stankar während seiner Arie hineingesteckt hat und scheint seine Predigt von diesem Zettel abzulesen.
Beim "perdonata" bleibt Lina bewegungslos in ihrer Raumecke stehen, sie tritt weder auf Stiffelio zu, noch nimmt sie Blickkontakt mit ihm auf. Dafür springt Stankar auf und geht auf Lina zu. Während des Finalsatzes der Gemeinde ("Ihr wurde vergeben. Das ist Gottes Wort!") reißt Stiffelio das Altartuch vom Tisch und die Gemeinde schickt vor dem sichtbar werdenden Leichnam zurück.
Ich schildere das so detailiert um meine Interpretation verständlich zu machen: der Focus der Vergebung wurde für mich eindeutig von Lina auf Stankar bzw. auf den Mord an Raffael verschoben. Im Wertekodex des 21.Jh. ist ein Seitensprung ein vergleichsweise harmlose Sünde im Gegensatz zu einem Ehrenmord. Folgerichtig wurde also auch der Schwerpunkt der Vergebung verschoben. Ob mir diese Umdeutung gefällt, bin ich mir noch nicht sicher. Problematisch an ihrer Umsetzung war für mich, dass durch den sichtbaren Mord an Raffael und durch das Herumhantieren mit seinem Leichnam die Aufmerksamkeit mehrmals an m. E. entscheidenden Stellen von der Musik und vom librettogetreuen Brennpunkt abgelenkt wurde. Diese Stellen vertragen es nach meinem Geschmack nicht, wenn zuviel an anderen Punkten auf der Bühne los ist.

Stimmlich fand ich das Ganze überraschend gut, ohne einen einzelnen herausheben zu wollen. Alle Sänger hatten klangschöne Stimmen, bewältigten Forte ebenso wie Piano und konnten stimmlich überzeugend gestalten, insbesondere die drei Hauptpartien. Das Applausometer schlug bei Stankar deutlich am stärksten aus, der bereits nach seiner Arie im 3. Akt rasenden Beifall bekam. Ob das an einem ortseigenen Fanclub lag oder daran, dass seine Arie am zündendsten komponiert ist? Oder an Stimmqualitäten, für ich zu unsensibel war - ich fand ihn wie gesagt gut bis sehr gut, aber Stiffelio und Lina genauso. Beim Orchester habe ich über ein paar nicht so klangschöne Bläsertöne gerne hinweggehört - ich fände es vermessen, in MG eine Leistung wie in Berlin, München oder Wien zu erwarten. Der Verdi-Schwung stimmte jedenfalls (offenbar also auch die vom Dirigenten ausgehenden Impulse) und besonders die dramatische Friedhofsszene ist mir in sehr guter Erinnerung. Der Chor war insgesamt auch gut, krachte allerdings in der Feierszene im 1. Akt einmal fast auseinander, fing sich dann aber wieder (oder wurde vom Dirigenten wieder eingefangen). Im 2. Akt war er hinter der Bühne kaum zu hören, evtl. wurden diese Stellen sogar von Band abgespielt? Damit versöhnte aber, dass die Regie sich für die einzelnen Chorsänger viel Profil einfallen ließ - da gab es einen geistig Behinderten und eine demente Frau, die ihre kleinen Rollen berührend spielten.

Um mich herum herrschte in der Pause und beim Schlußapplaus einhellige Begeisterung. Auch mich hat diese Oper erneut mitgerissen, sie ist einfach großartig, selbst wenn ich meine Vernarrtheit in ihr Sujet mal beiseite lasse: tolle Musik, großes Drama und kein einziger Takt zuviel. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich noch eine weitere Aufführung besuche, die Inszenierung läuft noch bis zum 7. März.

VG, stiffelio
Severina (02.11.2013, 21:03):
Liebe Stiffelio,

zunächst freut es mich, dass Du eine Deiner Lieblingsopern endlich einmal auch live genießen durftest, und dann noch in einer offensichtlich gelungenen Produktion. Die Schwerpunktverlagerung (von Ehebruch zum Ehrenmord) scheint mir auch plausibler, ob es funktioniert hat, kannst natürlich nur Du beurteilen. Auf jeden Fall klingt die Regie in Deiner Schilderung recht stringent.

Gratuliere auch, dass es Dir gelungen ist, Deine heiß geliebte DVD so gut auszublenden. Ich muss gestehen, dass es mir oft schwer fällt, meine Traumbesetzungen - egal ob live gesehen oder auf Konserve - aus dem Kopf zu bekommen. (Deshalb habe ich z.B. die Fille-Serie im Juni geschwänzt, weil ich wusste, ohne Flórez wird das für mich nix, denn diese Oper steht und fällt mit dem Tenor.)

lg Severina :hello
stiffelio (02.11.2013, 22:19):
Liebe Severina,

na ja, ausblenden...natürlich war die ROH-DVD im Hinterkopf immer präsent. Aber der STIFFELIO ist soo spannend, wenn die Sänger auch nur einigermaßen mitziehen und diesbezüglich gab es in MG wirklich nichts zu meckern. Da waren alles Engagement und alle Funken zu spüren, die ich in der Parma-DVD so schmerzlich vermisst habe.
(Und vielleicht hat der BARBIERE auch noch ein bisschen mitgeholfen, nicht zu sehr an die ROH zu denken, zumindest auf der Hinfahrt ging mir noch Matteis ungeheuer frech-sinnliches "Già viene l'oro..." ständig im Kopf rum :wink)

VG, stiffelio
Rotkäppchen (22.08.2015, 19:51):
Original von stiffelio
....
passend zu meinem Nick möchte ich eine knappe Darstellung meiner "heimlichen" bzw. ganz persönlichen Lieblingsoper versuchen: Stiffelio von Verdi.


Hallo, liebe stiffelio, habe mal Deinen allerersten Satz hervorgeholt, weil ich natürlich gleich an Dich gedacht habe, als mir dieser Artikel über einen experimentellen Stiffelio in München über den Weg gelaufen ist ... weiß nicht, ob Du davon gehört hast?
> http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.verdi-in-den-arri-studios-andreas-wiedermann-inszeniert-verdis-stiffelio-in-erwin-pelzigs-buehnenbild.e652f945-34dd-49a0-8105-287a09f2b862.html

Dort steht, nebenbei bemerkt, auch etwas von einer Neuinszenierung in Frankfurt in der kommenden Saison -- wahrscheinlich weißt Du davon?
> http://www.oper-frankfurt.de/de/page1019.cfm?stueck=710

LG, Rk
stiffelio (22.08.2015, 21:49):
Liebe Rotkäppchen,

vielen Dank für die Links, das war interessant zu lesen, obwohl ich die Sicht dieses Experiments auf den STIFFELIO überhaupt nicht teile. Man muss m.E. weder Salafisten noch Fernsehprediger heranziehen, um den STIFFELIO auch heute noch verstehen zu können. Soo fremd ist uns Scheinheiligkeit, (vermeintlicher?) Treuebruch, existentielle Enttäuschung und zum Glück auch tiefgreifende Vergebung hoffentlich noch nicht.

Ob ich der Frankfurter Inszenierung etwas abgewinnen kann, bleibt abzuwarten. Obwohl ich Mönchengladbach auch im Rückblick immer noch sehr gelungen finde und mittlerweile auch noch eine weitere Stiffelio-GA im Netz gefunden habe, kommt für mich nach wie vor nichts an die ROH-DVD heran. Die bleibt meine Referenz.

VG, stiffelio
Hosenrolle1 (22.08.2015, 22:14):
Ich habe gerade auf Amazon gesucht, leider ist die einzige Stiffelio Bluray diese hier:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/71etoSEcCfL._SL1024_.jpg


Immerhin in HD aufgenommen, Bildformat 16:9, Soundformate PCM Stereo und 5.1.

Vielleicht kommt ja mal eine BluRay der Carreras-Version heraus :times10




LG,
Hosenrolle1
stiffelio (23.08.2015, 13:41):
Diese Aufzeichnung kann ich leider gar nicht empfehlen, HD hin oder her, weil ich sie in jeder Hinsicht als viel zu spannungsarm empfinde (siehe http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=116188#post116188).

VG, stiffelio
Hosenrolle1 (23.08.2015, 13:45):
Das kann ich gut verstehen; wie gesagt, leider ist es momentan die einzige Stiffelio-BluRay, die es gibt. Auch Amazon.com zeigt mir nur die an.


Darum hoffe ich, dass auch deine ROH-Aufnahme nochmal auf BD rauskommt!



LG,
Hosenrolle1