Verfall der Gesangskunst - oder - früher war alles besser?
Falstaff (02.03.2017, 00:59): Vorneweg - eine Klage, die wohl beinahe so alt ist wie die Oper überhaupt.
Aber wie sieht es damit wirklich aus? Stimmt es, dass die großen Namen der Vergangenheit mit recht alles heutige überschatten? Tun sie es wirklich? Ist es nur Nostalgie oder gibt es wirklich auch technische Einwände? Gilt das in toto oder nur für bestimmte Komponisten?
Ein Thema, das mich schon sehr interessiert. Ich war jahrzehntelang ein geradezu hemmungsloser Opernbesucher. Aber irgendwann habe ich die Segel gestreckt. Das lag einerseits an völlig belanglosen Inszenierungen, die mich durch ihre Spießigkeit, obwohl sie sich selber meistens als Regietheater 'bejubelten', abtörnten. Andererseits lag es aber auch an den sängerischen Leistungen.
Dazu muss ich sagen, dass wir in Hamburg seit Jahrzehnten die 'Weltspitze' kaum noch präsentiert bekamen. Aber was wir erlebten, war eine Generation von Sängern und Sängerinnen, die brav ihren Part sangen, keine Risiken mehr eingingen, durch wenig Persönlichkeit glänzten, bestimmte technische Fähigkeiten (z.B. Legato) nicht mehr beherrschten. Also schlichtweg langweilten.
Um 'Butter bei die Fische' zu packen - wenn eine Rysanek, eine Jones, eine Schnaut, wenn Lima oder Aragall oder Shicoff, wenn Cappuccilli oder Zancanaro, wenn Kollo oder Hofmann, eine Baltsa oder eine alternde Caballé in Hamburg auftraten, dann wackelten, weiß Gott, viele Töne, aber es wackelte auch das Opernhaus. Dann wurde geradezu existentiell gesungen, dann ging es um alles.
Und irgendwann hatte ich das Gefühl, das alles sehr brav wurde. (Wohlgemerkt viele der heutigen 'Stars' habe ich in Hamburg nicht mehr erleben können.) Man sang auf Sicherheit, hatte aber auch nicht mehr den großen Bogen vor Augen.
Liege ich da völlig falsch oder teilt ihr diese Ansicht?
Hosenrolle1 (02.03.2017, 01:10): Dazu muss ich sagen, dass wir in Hamburg seit Jahrzehnten die 'Weltspitze' kaum noch präsentiert bekamen. Mir persönlich ist es egal, ob ein Sänger einen großen Namen hat oder nicht - mir ist nur wichtig, dass er/sie die jeweilige Rolle gut ausfüllt und auch gut singt. Wobei "gut" natürlich subjektiv gemeint ist, weil sich Geschmäcker unterscheiden.
Das ist etwas, was mich etwa bei manchen Rezensionen (speziell auf Amazon) stört: da wird dann gesagt "Die Aufnahme ist super, die Sänger alle weltberühmt, da kann nichts schieflaufen". Man sollte sich von großen Namen nicht blenden lassen, das ist meine Meinung.
Ich höre mir lieber unbekanntere Sänger an und schaue, ob ich da nicht ein "verborgenes Talent" finde. Mein Lieblingshänsel ist eine unbekannte Sängerin einer Opernschule, und keine berühmte Fassbaender oder Moffo, die ich in dieser Partie fürchterlich finde.
Umgekehrt habe ich auch keine Vorurteile gegen große Namen, denn wenn mir der Gesang gefällt, ist mir egal wie der Sänger heißt.
Bedauernswert finde ich es, wenn man auf Aufnahmen möglichst große Namen klatscht, um sie besser zu verkaufen. Ist natürlich auch teilweise nachvollziehbar, die Firmen wollen Geld machen, aber dennoch, mir als Zuhörer ist wichtiger, dass die Rollen gut besetzt sind. Wenn mich der Gesang mitreißt, kann die Sängerin Müller oder Köth heißen - mir völlig egal :)
LG, Hosenrolle1
Keith M. C. (02.03.2017, 16:33): Lieber Falstaff, Große Namen – ja oder nein? War die Gesangskunst früher besser als heute? Hierzu einige Gedanken:
1. Ich möchte eine Opernaufführung hören und sehen, die mich unterhält, anregt und zuweilen aufregt, zum Nachdenken animiert, trotzdem nicht immer über viele Jahre die gleiche Produktion sehen und vor allem „große“ Stimmen hören. Ob diese einen großen Namen haben oder nicht, ist nicht wesentlich.
2. Aber „große“ Namen versprechen (ggf.) Gesangsqualität. Man hofft auf gute Tagesform und glaubt zu wissen, was man bekommt. Natürlich bin ich auch schon zum Vergnügen in eine Oper gegangen nur um einen Star zu hören, obwohl mir die spezielle Oper und Inszenierung von vornherein nicht gefallen haben. Wenn aber beim Star „‚viele Töne“ ‚wackeln‘ und trotzdem das Opernhaus vermutlich vor Begeisterung „wackelt“, ist es eben dem Star geschuldet und nicht dem Gesang. Diese Form der Heldenverehrung kann man aber auch im Fußballstadion erleben. Da wackelt es im Hamburger Stadion - selbst bei einem 1:1 mit schlechter Leistung der eigenen Mannschaft - mehr.
3. Große Namen, die nicht von vornherein in die Inszenierung eingearbeitet sind und diese erprobt haben, können jedoch schnell zum darstellerischen Fremdkörper der Inszenierung werden.
4. Es ist wohl keine neue Erkenntnis, die ich aber trotzdem hier wiederhole: Auch in Hamburg haben einige Weltkarrieren ihren Anfang genommen. Vielleicht ist das bei der einen oder dem anderen Nachwuchssänger(in) ebenso der Fall und sie oder er ist der Star von morgen.
5. Dass die Sänger früher vielleicht besser waren, mag sein; ich bezweifle das. Die Talente sind nicht weniger geworden, wenn man es vielleicht im zeitlich etwas größeren Rahmen vergleichend denkt, und die Ausbildung ist mit Sicherheit heutzutage nicht schlechter als z. B. in den 1930er Jahren, m. E. eher besser, umfassender und intensiver. Wir neigen zur Verklärung der Vergangenheit und beurteilen die Spitzen mehrerer Sängergenerationen mit einer einzigen, der heutigen. Allerdings war die Vergleichbarkeit der Sänger ohne Aufnahmen früher z. B. in den 1930er Jahren wesentlich schlechter als heute.
6. Dem Sänger von heute wird weniger Zeit zur Entwicklung im Ensemble gegeben; eine langsamere Rollenfachentwicklung findet oft nicht statt. Sobald ein neuer herausragender Belmonte auftaucht, wird der „neue Star“ ausgerufen und vermarktet – heute hier, morgen schon an der Scala, übermorgen an der Metropolitan Opera, dazwischen noch eine Plattenaufnahme mit den „Schönsten Belcanto-Arien von Puccini“ (sic), Werbefotos für ein ‚Rasierwasser for Woman‘ und ein wichtiges Interview zur Beantwortung von Nichtigkeiten, um zum Beispiel einem alten Tenorwitz Richtigkeit zu beweisen.
7. Der Stellenwert der „großer“ Opernsänger vergangener Tage war bzgl. ‚Starkult‘ ein anderer als heute.
8. Insbesondere mit dem Aufkommen der Langspielplatte und der Stereophonie wurden zahlreiche „referenzartige“ Operneinspielungen getätigt. Es gab mehrere große und unabhängige Schallplattengesellschaften, die miteinander um die besten Aufnahmen konkurrierten. Man konnte von wachsenden Schallplattenmärkten ausgehen. Dieses kann man heute bei stagnierenden und schrumpfenden CD-Märkten und einer sich veränderten Massenmediensituation nicht mehr.
Also: Neue bahnbrechende Technik, Akzeptanz hoher Produktionskosten, wachsende Märkte, ein großer Nachholbedarf bei Opern-Gesamteinspielungen und ein international sehr guter Sängerpool mit einem anderen Sängerstarkult beförderten zahlreiche Aufnahmen meist aus dem Standardrepertoire: Wagner, Mozart, Verdi, Strauss, Puccini; oft mehrfach. Opern des Barock oder 20. Jahrhunderts waren Nebensache, auch weil z. B. für den Barockgesang die Sänger fehlten.
Frage: Warum wurde bei Stars, die es bereits geschafft haben, "geradezu existenziell" gesungen?
Bis dann.
Falstaff (02.03.2017, 22:04): Mir persönlich ist es egal, ob ein Sänger einen großen Namen hat oder nicht
Liebe Hosenrolle1, ich schrieb nur von den 'großen Namen der Vergangenheit', damit meinen, dass es die sind, die wir aus unterschiedlichsten Gründen heute noch kennen und die durch ihre Plattengegenwart noch heute zu Vergleichen auffordern. Dass es daneben damals wie heute eine ganze Reihe kaum bekannter gab und gibt, die große Qualitäten aufweisen, die es aber nicht zum 'Schallplattenruhm' gebracht haben, ist selbstverständlich.
Aber letztlich geht e auch nicht darum. Nicht um die sogenannten 'Stars', sondern um einen möglichen Qualitätsunterschied von gestern und heute.
LG Falstaff
Falstaff (02.03.2017, 22:33): 1. Ich möchte eine Opernaufführung hören und sehen, die mich unterhält, anregt und zuweilen aufregt, zum Nachdenken animiert, trotzdem nicht immer über viele Jahre die gleiche Produktion sehen und vor allem „große“ Stimmen hören. Ob diese einen großen Namen haben oder nicht, ist nicht wesentlich. Lieber Keith M.C., ich habe oben 'Hosenrolle1' schon auf die sogenannten 'großen Namen' geantwortet. Es ging mir nicht um Stars der Vergangenheit, sondern damit wollte ich nur die bekannten Sänger früherer Epochen bezeichnen, die wir aufgrund von Plattenaufnahmen oder durch eigenes Erleben noch zu Vergleichsmöglichkeiten heranziehen können und die Spuren hinterlassen haben, vokal wie interpretatorisch, in unserer eigenen Gefühlswelt, in unserem Hörgedächtnis. 2. Wenn aber beim Star „‚viele Töne“ ‚wackeln‘ und trotzdem das Opernhaus vermutlich vor Begeisterung „wackelt“, ist es eben dem Star geschuldet und nicht dem Gesang. Und das glaube ich nicht. Natürlich gibt es immer die Menschen im Publikum, die einen Namen beklatschen, weil es eben ein Name ist. Was ich aber meinte, waren die Momente, in denen es einem bewusst war, dass die vokale Leistung keine vollgültige war (Abendform oder auch technische Defizite), es einen aber trotzdem packte (und nicht nur mich), weil die Dramatik des Gesangs einen mitriss und ganz tief im Innersten traf. 3. Große Namen, die nicht von vornherein in die Inszenierung eingearbeitet sind und diese erprobt haben, können jedoch schnell zum darstellerischen Fremdkörper der Inszenierung werden. Das gilt ja nun nicht nur für die sogenannten 'großen Namen', sondern für jeden gastierenden oder einspringenden Sänger. Das ist von daher her eine Frage von Repertoiretheater oder Stagione. 4. Es ist wohl keine neue Erkenntnis, die ich aber trotzdem hier wiederhole: Auch in Hamburg haben einige Weltkarrieren ihren Anfang genommen. Vielleicht ist das bei der einen oder dem anderen Nachwuchssänger(in) ebenso der Fall und sie oder er ist der Star von morgen. Unbenommen und hoffentlich. :) Wobei mir in den letzten 20 Jahren da relativ wenig einfallen. Keenlyside vielleicht oder Kalna. 5. Dass die Sänger früher vielleicht besser waren, mag sein; ich bezweifle das. Die Talente sind nicht weniger geworden, wenn man es vielleicht im zeitlich etwas größeren Rahmen vergleichend denkt und die Ausbildung ist mit Sicherheit heutzutage nicht schlechter als z. B. in den 1930er Jahren, m. E. eher besser, umfassender und intensiver. Wir neigen zur Verklärung der Vergangenheit und beurteilen die Spitzen mehrerer Sängergenerationen mit einer einzigen, der heutigen. Allerdings war die Vergleichbarkeit der Sänger ohne Aufnahmen früher z. B. in den 1930er Jahren wesentlich schlechter als heute. Über die Qualität der Ausbildung an deutschen Musikhochschulen gibt es nun ja durchaus unterschiedliche Meinung. 6. Dem Sänger von heute wird weniger Zeit zur Entwicklung im Ensemble gegeben; eine langsamere Rollenfachentwicklung findet oft nicht statt. Sobald ein neuer herausragender Belmonte auftaucht, wird der „neue Star“ ausgerufen und vermarktet – heute hier, morgen schon an der Scala, übermorgen an der Metropolitan Opera, dazwischen noch eine Plattenaufnahme mit den „Schönsten Belcanto-Arien von Puccini“ (sic), Werbefotos für ein ‚Rasierwasser for Woman‘ und ein wichtiges Interview zur Beantwortung von Nichtigkeiten, um zum Beispiel einem alten Tenorwitz Richtigkeit zu beweisen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Gerade im Wagnergesang, aber auch bei den dramatischen Verdi-Rollen ist der Verschleiß wohl ungemein. Wenn ein Sänger z.B. in den 30iger Jahren an der Met gastierte, dann blieb er dort in der Regel mehrere Wochen. Heute gibt es eine Serie in München, dann eine in New York, dann springt man schnell mal in Paris ein, um die Woche darauf in San Francisco eine paar Auftritte zu absolvieren. Ok, übertrieben, aber du weißt, was ich meine. Auch das kann für eine Stimme nicht gesund sein. Dazu kommen dann eben noch die ganzen anderen Aktivitäten. Obwohl dadurch, dass Operngesang im Bewusstsein der Öffentlichkeit nicht mehr den Stellenwert hat, wie noch vor ein paar Jahrzehnten, der Medienrummel wohl geringer geworden ist. 7. Der Stellenwert der „großer“ Opernsänger vergangener Tage war bzgl. ‚Starkult‘ ein anderer als heute. Mit Sicherheit. 8. Insbesondere mit dem Aufkommen der Langspielplatte und der Stereophonie wurden zahlreiche „referenzartige“ Operneinspielungen getätigt. Es gab mehrere große und unabhängige Schallplattengesellschaften, die miteinander um die besten Aufnahmen konkurrierten. Man konnte von wachsenden Schallplattenmärkten ausgehen. Dieses kann man heute bei stagnierenden und schrumpfenden CD-Märkten und einer sich veränderten Massenmediensituation nicht mehr. Und das büßen, ungerecht wie es ist, all die Sänger der heutigen Generation, die alle ihre Recitals und GA hinterlassen dürften (und damit auch einen weiter reichenden Namen), gäbe es diese funktionierende Industrie noch. Frage: Warum wurde bei Stars, die es bereits geschafft haben, "geradezu existenziell" gesungen? Nicht bei Stars, sondern bei bestimmten Sängern. Es gab für mein Empfinden mehr Sänger und Sängerinnen, die sich (wohl aus einem inneren Bedürfnis) ganz anders in ihre Rollen hineinwarfen. Das mag zu einem Teil daran liegen, dass sie noch davon ausgehen konnten, dass nicht jeder einzelne Ton, den sie gerade von sich gegeben haben, sofort mitgeschnitten und am nächsten Tag bei YouTube nachzuhören ist. :) Aber ich glaube auch, dass es einfach noch andere Persönlichkeiten waren, die damals auf der Bühne agierten. Risikobereiter.
Wir leben heute in einer Welt, in der Politiker jedes Wort abwägen müssen, damit man es ihnen nicht am nächsten Tag um die Ohren haut, in der man sich von Experten rauf und runter berät, damit man ja immer auf dem sicheren Weg ist, in der man sich bis zum Exzess gegen alles versichern kann, in der niemand in der Öffentlichkeit sich auch nur die geringste Blöße geben darf, in der jede Falte wegretuschiert werden muss, in der Makellosigkeit und Perfektion gefragt ist. Da ist Risiko und Wagnis oftmals geradezu selbstmörderisch. Und warum soll das auf der Opernbühne anders sein?
LG Falstaff
Keith M. C. (03.03.2017, 08:36): Lieber Falstaff,
Du hast den Threadtitel so gewählt und gefragt, ob die Gesangskunst verfällt oder es früher besser war, obwohl im Titel kein Fragezeichen angezeigt ist.
Falls Du das so beurteilen solltest („Aber irgendwann habe ich die Segel gestreckt. Das lag einerseits an völlig belanglosen Inszenierungen, die mich durch ihre Spießigkeit, obwohl sie sich selber meistens als Regietheater 'bejubelten', abtörnten. Andererseits lag es aber auch an den sängerischen Leistungen.“), lieferst Du aber wenig Anhaltspunkte, um das zu untermauern.
Einmal stellst Du die Güte der heutigen Musikausbildung/Gesangsausbildung in Frage („Über die Qualität der Ausbildung an deutschen Musikhochschulen gibt es nun ja durchaus unterschiedliche Meinung.“) und dann sprichst Du davon, dass die Risikobereitschaft sowie die sängerische Expression bei bestimmten Sängern früher größer war (ggf. waren die Freiheiten bzgl. Notentext z. B. in den 1940er Jahren größer; ich erinnere an das Paradebeispiel M. Lorenz) und nebenbei erwähnst Du „belanglose Inszenierungen“. Es bleibt Dir unbenommen, dass Dir persönlich Oper heute nicht mehr gefällt, und Du dieses mitteilst, aber belegen Deine bloßen Eindrücke grundsätzlich die Gegebenheiten?
Bis dann.
Falstaff (04.03.2017, 01:30): Lieber Keith M.C., das mit dem Fragezeichen ist mir weggerutscht, habe es nun korrigiert. Danke für den Hinweis.
Du hast den Threadtitel so gewählt und gefragt, ob die Gesangskunst verfällt oder es früher besser war, obwohl im Titel kein Fragezeichen angezeigt ist. Lieber Keith M.C., das mit dem Fragezeichen ist mir weggerutscht, habe es nun korrigiert. Danke für den Hinweis. Falls Du das so beurteilen solltest („Aber irgendwann habe ich die Segel gestreckt. Das lag einerseits an völlig belanglosen Inszenierungen, die mich durch ihre Spießigkeit, obwohl sie sich selber meistens als Regietheater 'bejubelten', abtörnten. Andererseits lag es aber auch an den sängerischen Leistungen.“), lieferst Du aber wenig Anhaltspunkte, um das zu untermauern. Gerne reiche ich das nach. Was die Inszenierungen angeht (eigentlich hier ja nicht das Thema), war ich irgendwann immer mehr genervt von sich 'modern' gebenden Produktionen, die mir persönlich eine viel zu enge Interpretation lieferten, die ich als Zuschauer nur noch brav nachzuvollziehen hatte. Konwitschny ist für mich dabei ein Paradebeispiel. Berghaus (Tristan) oder Wilson (Parsifal) waren für mich dagegen szenische Offenbarungen. Auch Lehnhoff (Makropoulos, Carmeliterinnen) gehört dazu, boten sie doch alle mir einen gedanklichen und emotionalen Freiraum, hatten sie ein 'Geheimnis', nahmen mich als Zuschauer ernst. Genau das tut Konwitschny z.B. nicht. Er schreibt mir vor, was ich zu denke habe. Und diese Enge empfinde ich als spießig.
Ärgerlich finde ich auch stets die platten Aktualisierungen (Dew's Aida, die neue Bohème, Halmens Don Giovanni, der Boris, der Hoffmann in der Metro-Station), die einfach nur langweilig sind oder dramaturgisch nicht aufgehen oder solche Versuche, dem Werk fremde Inhalte überzustülpen, wie beim letzten Nabucco.
Aber es ist eben auch die vokale Seite, die mich immer ratloser werden ließ, bzw. langweilte. Irgendwann um die Jahrtausendwende muss es gewesen sein, hatte ich das Gefühl, dass in den Arien bei den allermeisten Sängern etwas nicht stimmte. Die Callas sagte einmal in etwa: Eine Aria hat einen Beginn und ein Ende und dazwischen geht es darum, den Atem einzuteilen. Das ist jetzt sehr ungefähr, da ich mich nicht mehr genau an das Zitat erinnere. Aber genau hier lag der Knackpunkt. Immer häufiger hatte ich das Gefühl, dass Sänger sich innerhalb einer Arie von Takt zu Takt, von Schwierigkeit zu Schwierigkeit längshangelten ohne das große Ganze, den Gesamtüberblick noch im Auge zu haben. Die Perspektive fehlte mir. Dazu kamen sehr wohl auch technische Schwierigkeiten. Fehlendes Legato, Probleme in der Höhe, Wortundeutlichkeit, fehlerhafte Technik (z.B. bei der Produktion von Spitzentönen im Verismo) etc.
Oder aber erinnere ich mich an eine Entführung mit einer sensationellen Orgonasova und einem Kurt Streit, bei dem ich ständig das Gefühl hatte, dass er gar nicht weiß, warum er Verzierungen zu singen hat. Sprich, es gab immer wieder Sänger und Sängerinnen, die nicht in der Lage waren, die jeweiligen Formensprachen entsprechend anzuwenden, die den geistigen Gehalt, dessen, was sie zu singen hatten, nicht verstanden.
Und dann fehlten mir einfach die Persönlichkeiten, die mich fesseln konnten, die trotz vokaler Schwächen mich mitrissen. Aber das habe ich ja schon ausgeführt.
Es bleibt Dir unbenommen, dass Dir persönlich Oper heute nicht mehr gefällt, und Du dieses mitteilst, aber belegen Deine bloßen Eindrücke grundsätzlich die Gegebenheiten? Genau das möchte ich ja wissen bzw. hier diskutieren.
:hello Falstaff
Keith M. C. (10.03.2017, 11:40): Lieber Falstaff,
da Du die Musik- bzw. Gesangsausbildung ggf. in Frage stellst, möchte ich einen Abschnitt aus 'Marsh, Robert C., James Levine – Sein Leben – seine Musik, München 1999, S. 340' zitieren. Selbstverständlich ist das nicht repräsentativ, aber ähnliche Einlassungen findet man in zahlreichen Sängerbiographien, Büchern über die Oper oder Gesangslehrbüchern.
„Allerdings hatte es Toscanini fast sein ganzes Leben lang mit Sängern zu tun, die keine ausgebildeten Musiker waren. Viele konnten nicht einmal Noten lesen; und die wenigsten konnten selbständig eine Partie einstudieren. Sie waren singende Maschinen, denen von Paukern Rollen eingetrichtert wurden und die sich einfach auf die Bühne stellten und blind dem Dirigenten folgten.“
Ob das Urteil „singende Maschinen“ nicht zu hart und pauschal ist, mag sein, sehe ich jedoch nicht als Kern der Aussage Marshs an.
Aber ich vermute und unterstelle, dass Du die gesanglichen Freiheiten, die mit einer besonderen Betonung der Expressivität der Stimme und Rollenidentifikation einhergehen, vermisst. Also insbesondere eine mitreißende Rollengestaltung die bereits etablierte Sänger - die Stars - sich gegenüber den Dirigenten leisten durften und konnten, also insbesondere in früheren Zeiten („Risikobereitschaft“). Als heutigen Mangel an Technik („..bestimmte technische Fähigkeiten (z.B. Legato) nicht mehr beherrschten…“) sehe ich das nicht. Anderen Orts schreibst Du selbst: „…die trotz vokaler Schwächen mich mitrissen...".
Und: Mir haben die Inszenierungen (Lohengrin, La Clemenza di Tito und Don Carlos) von P. Konwitschny und seinem Team in Hamburg sehr gut gefallen – unterhalten, aufgeregt, in ihrer handwerklichen Umsetzung überzeugt und zum Nachdenken angeregt. Meinen "gedanklichen und emotionalen Freiraum" haben diese Inszenierungen nicht beschnitten und ich fühlte mich "ernstgenommen".
Bis dann.
Falstaff (14.03.2017, 01:34): Aber ich vermute und unterstelle, dass Du die gesanglichen Freiheiten, die mit einer besonderen Betonung der Expressivität der Stimme und Rollenidentifikation einhergehen, vermisst. Also insbesondere eine mitreißende Rollengestaltung die bereits etablierte Sänger - die Stars - sich gegenüber den Dirigenten leisten durften und konnten, also insbesondere in früheren Zeiten („Risikobereitschaft“). Als heutigen Mangel an Technik („..bestimmte technische Fähigkeiten (z.B. Legato) nicht mehr beherrschten…“) sehe ich das nicht. Anderen Orts schreibst Du selbst: „…die trotz vokaler Schwächen mich mitrissen...". Lieber Keith M.C., ich vermisse nicht so sehr die gesanglichen Freiheiten, sondern eher die Expressivität und eben die Risikobereitschaft. Ist die aber vorhanden, nehme ich das andere eher in Kauf. Allerdings erlebte ich bei vielen Sängern, die ich z.B. in Hamburg in den letzten 10 Jahren gehört habe, weder das eine noch das andere. Und: Mir haben die Inszenierungen (Lohengrin, La Clemenza di Tito und Don Carlos) von P. Konwitschny und seinem Team in Hamburg sehr gut gefallen – unterhalten, aufgeregt, in ihrer handwerklichen Umsetzung überzeugt und zum Nachdenken angeregt. Meinen "gedanklichen und emotionalen Freiraum" haben diese Inszenierungen nicht beschnitten und ich fühlte mich "ernstgenommen". Das habe ich leider ganz anders erlebt. Sorry, aber eine Interpretation, die eine ganz bestimmte Sicht darbietet und diese auch noch ausführlich an unterschiedlichsten Orten erklärt, ist für mich einengend. Zudem finde ich es auch nicht berauschend, wenn bestimmte Stilelemente fast in allen Inszenierungen wieder auftauchen. (Küche!) Aber da haben wir sicherlich sehr unterschiedliche Einstellungen.
:hello Falstaff
Hosenrolle1 (14.03.2017, 02:03): Das habe ich leider ganz anders erlebt. Sorry, aber eine Interpretation, die eine ganz bestimmte Sicht darbietet und diese auch noch ausführlich an unterschiedlichsten Orten erklärt, ist für mich einengend. Auch wenn´s OT ist, aber ist das nicht normal, dass eine Interpretation eine bestimmte Sicht, eben eine bestimmte Deutung zeigt, so dass man als Zuschauer sehen kann, was sich jemand dazu gedacht hat, wie er es deutet?
LG, Hosenrolle1
Falstaff (14.03.2017, 22:39): Auch wenn´s OT ist, aber ist das nicht normal, dass eine Interpretation eine bestimmte Sicht, eben eine bestimmte Deutung zeigt, so dass man als Zuschauer sehen kann, was sich jemand dazu gedacht hat, wie er es deutet? Das ist schon richtig. Die Frage ist nur, inwieweit das Publikum zum eigenen Denken, Interpretieren, fantasieren mit angeregt wird, angeregt werden soll. Das ist durchaus möglich oder eben auch nicht erwünscht.
LG Falstaff
Hosenrolle1 (15.03.2017, 02:16): Oder anders gesagt: ist es nicht umgekehrt für einen Regisseur einengend, wenn er Stücke so inszenieren soll, dass das Publikum da interepretieren kann, oder kurz gesagt, wenn er auf eine bestimmte Weise inszenieren soll?
Hast du ein konkretes (gerne auch erfundenes) Beispiel, um zu verdeutlichen, was du damit meinst, dass man etwas so inszeniert, dass das Publikum selbst interpretieren kann?
LG, Hosenrolle1
Falstaff (18.03.2017, 00:18): dass das Publikum da interepretieren kann, oder kurz gesagt, wenn er auf eine bestimmte Weise inszenieren soll? Das soll er ja gar nicht. Er soll nur Freiräume möglich machen. Hast du ein konkretes (gerne auch erfundenes) Beispiel, um zu verdeutlichen, was du damit meinst, dass man etwas so inszeniert, dass das Publikum selbst interpretieren kann? Robert Wilsons Parsifal in Hamburg zum Beispiel. Natürlich hatte Wilson seinen eigenen Ansatz. Und trotzdem sind die Bilder, die Interaktionen, die Gesten so gestaltet, dass man als Zuschauer immer wieder neue Aspekte des Werks (!) für sich ausmachen kann.
LG Falstaff
Hosenrolle1 (18.03.2017, 00:24): Welche Aspekte hast du für dich in diesem Beispiel ausgemacht?
(Gib doch bitte bei Bildern immer die Quelle an, damit es keinen Ärger gibt :)
LG, Hosenrolle1
Falstaff (18.03.2017, 00:42): Welche Aspekte hast du für dich in diesem Beispiel ausgemacht? Da muss ich intensiver nachdenken, da die Premiere schon ziemlich lange zurückliegt. Was mich damals aber schon faszinierte, war die Idee der Beziehungslosigkeit der Protagonisten untereinander. (Meine Idee, ob es auch die von Wilson ist, kann ich nicht sagen.) Gurnemanz, Parsifal und Kundry 'reden' an einander vorbei. Sie sind (lange Zeit) nicht in der Lage aufeinander einzugehen und sich zu verstehen, obwohl es auch in diesem Stück um das Mitleiden, um das Eintauchen in den Anderen geht.
Aber das ist aus der Erinnerung heraus geschrieben. Ganz stark beeindruckten mich damals auch die einzelnen Bilder und regten mich ganz spontan zu eigenen Träumen an. (Gib doch bitte bei Bildern immer die Quelle an, damit es keinen Ärger gibt Danke für den Tipp. In diesem Fall taktgefuehle - WordPress.com .