Vivaldi Vier Jahreszeiten Aufnahme

lineinthesand (26.11.2016, 17:50):
Hallo!
Ich bin auf der Suche nach einer "guten" Aufnahme/Interpretation von Vivaldis Vier Jahreszeiten. Da mir klar ist, dass das zu einem Gutteil Geschmackssache ist, möchte ich kurz beschreiben, was ich unter "gut" bzw. weniger gut verstehe.
Es ist für mich frustrierend: ich liebe das Tonmaterial, aber die Interpretationen sind teilweise so lieblos heruntergefudelt, dass ich mir genausogut ein MIDI File anhören könnte. Außerdem sind mir die meisten, die ich jetzt probegehört habe, (viel) zu schnell (klingt, als ob sie möglichst schnell Feierabend machen wollten).
Zum Beispiel der 1. Satz vom Winter: das Intro ist so schnell, dass das garnichtmehr bedrohlich wirkt, sondern nur lächerlich; das darauffolgende Solo ist dann oft so undefiniert und unakzentuiert, dass man kaum die einzelnen Töne unterscheiden kann. Die mir bis jetzt am besten gefallende Version dieses Satzes ist beispielsweise die von Dmitry Sinkovsky. Aber leider passen mir da andere Sätze wieder nicht, z.B. ist mir der 2. Satz vom Winter zu wenig getragen, und klingt mehr nach Eiskunstlauf als so wie ich es gerne hätte, nach am Kamin sitzen und heißen Zimttee trinken.

Der langen Rede kurzer Sinn: wonach ich suche hätte, wäre eine ungehastete Version mit einfühlsamen Solisten, die definiert spielen und nicht unbedingt glauben, überall irgendwelche Verzierungen machen zu müssen. Ach ja, und wenn das ganze dann noch präsent klingt (nicht zu dünn), das wäre super.
Janus (26.11.2016, 19:19):
eine ungehastete Version mit einfühlsamen Solisten, die definiert spielen und nicht unbedingt glauben, überall irgendwelche Verzierungen machen zu müssen. Ach ja, und wenn das ganze dann noch präsent klingt (nicht zu dünn), das wäre super.
- ungehastet? Eher temporeich, trotzdem hörbar detailorientiert,
- einfühlsam? Nach meinem Eindruck, ja,
- definiert spielen? Sehr prägnant und stilsicher,
- Verzierungen? Eher weniger,
- präsent? Oh ja, klasse Aufnahmetechnik.

Bitte schön:
palestrina (26.11.2016, 19:27):
Die mir bis jetzt am besten gefallende Version dieses Satzes ist beispielsweise die von Dmitry Sinkovsky. Aber leider passen mir da andere Sätze wieder nicht, z.B. ist mir der 2. Satz vom Winter zu wenig getragen, und klingt mehr nach Eiskunstlauf als so wie ich es gerne hätte, nach am Kamin sitzen und heißen Zimttee trinken.

Der langen Rede kurzer Sinn: wonach ich suche hätte, wäre eine ungehastete Version mit einfühlsamen Solisten, die definiert spielen und nicht unbedingt glauben, überall irgendwelche Verzierungen machen zu müssen. Ach ja, und wenn das ganze dann noch präsent klingt (nicht zu dünn), das wäre super.
" Viele Wünsche auf einmal " :D

Der Sinkovsky, ist das beste was ich seit vielen Jahren gehört habe, da brennt die Fiedel! :thumbsup:
Ob Schlittschuhlaufen oder vorm Kamin mit heißem Tee, ist doch beides Winter!!

LG palestrina
Peter (26.11.2016, 19:49):
Die 4 Jahreszeiten werden sehr unterschiedlich gespielt.

Barocker Stil: Trevor Pinnock

Südländisch: Il Giardino Armonico, Fabio Biondi

Klanglich wie technisch hervorragend, deutsche Wertarbeit: ASM mit den Wienern oder Berlinern

Anerkannte Referenzaufnahme: Sonatori de la Gioiosa Marca

Mein Favorit: Ton Koopman, Manze, Ponseele

Vivaldi
Hosenrolle1 (26.11.2016, 20:02):
Ach ja, und wenn das ganze dann noch präsent klingt (nicht zu dünn), das wäre super.
Natürlich sollte die Aufnahmequalität entsprechend sein.

Wenn das aber passt, würde ich mich unbedingt nach Einspielungen auf historischen Instrumenten umschauen, schon deswegen, weil da der Stimmton tiefer ist (415 Hz oder so?) und das Ganze viel voller klingt, als auf höher gestimmten Streichern (440 Hz) mit "Drähten" drauf.

Ob mit diesen Voraussetzungen dann aber so musiziert wird wie du möchtest ist eine andere Frage, natürlich, das hängt von den Interpreten ab.

Gib mal bei YouTube "Vivaldi four seasons period instruments" ein, da sind ein paar Videos dazu, so ungefähr könnte das klingen.



LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (26.11.2016, 20:04):
Fabio Biondi
Da gibt´s eine sehr schöne Version: "https://www.youtube.com/watch?v=TsKBLYmwo5U"

Guter Tipp! :)



LG,
Hosenrolle1
Cosima (26.11.2016, 20:26):
Was die Jahreszeiten und überhaupt Vivaldi angeht... hier liebe ich Giuliano Carmignola. Sowohl die ältere Aufnahme mit Sonatori de la Gioiosa Marca als auch die jüngere mit Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon.
Janus (26.11.2016, 20:32):
Immer wieder sehens- und hörenswert:

https://www.youtube.com/watch?v=zWHLZ8sLTdA - Le quattro stagioni, Midori Seiler & Akademie für Alte Musik Berlin

Apropos, sind hier scharfe Links zu YT erlaubt? Wenn nicht, bitte ich um einen kurzen Hinweis.
lineinthesand (27.11.2016, 00:33):
Vorerst mal danke an alle für die Tipps!

Das hier ist bisher interpretationstechnisch mein Favorit: Midori Seiler & Akademie für Alte Musik Berlin. Schade dass bei dem mir so wichtigen 2. Wintersatz so viel um des Improvisierens Willen improvisiert wird. Aber ich glaube, das werde ich mir auch trotzdem und trotz der Nebengeräusche mal kaufen.
Ansonsten waren einige Giardino Armonico Interpretationen auch ziemlich fein (besonders schön hier: die Laute (?, jedenfalls ein gezupftes Saiteninstrument mit herrlichem Klang).
Und der Sound von Accademia Bizantina (gefunden über Stichwort "period instruments") gefällt mir sehr gut. Das Tempo hat für meinen Geschmack Itzhak Perlman meistens am besten getroffen (der allerdings etwas dünn klingt).
Hach, wenn man doch nur alle kombinieren könnte!
Hosenrolle1 (27.11.2016, 00:40):
Ansonsten waren einige Giardino Armonico Interpretationen auch ziemlich fein (besonders schön hier: die Laute (?, jedenfalls ein gezupftes Saiteninstrument mit herrlichem Klang).
Ich glaube, das könnte eine Theorbe sein, aber 100%ig weiß ich es auch nicht.

Welche Musik gefällt dir sonst noch gut? Magst du Streichquartette oder Opern? Schreib doch ein bisschen was über dich im Vorstellungsthread. :)




LG,
Hosenrolle1
Hörbert (27.11.2016, 09:35):
Hallo!

Hach, wenn man doch nur alle kombinieren könnte!
Was spricht eigentlich dagegen, im Prinzip besteht "le quattro stagioni" doch aus vier Violinkonzerten die man im Zweifelsfall auch unabhängig voneinander hören kann. Der aussermusikalische Inhalt der die vier Jahreszeiten zu einem frühen Fall von Programmusik macht bleibt doch erhalten.

Man kann also die vier Jahreszeiten so sehen wie z.B. die Gesamtaufnahme eines beliebigen anderen Zyklus der ja auch nicht unbedingt aus einem Guss sein muss. Niemand würde es schließlich wundern wenn ich mir z.B. die vier Symphonien von J.Brahms von vier unterschiedlichen Dirigenten und 'Orchestern zulege weil ich mit keiner GA unter einem einzigen Dirigenten und einem einzigen Orchester zufrieden bin.

MFG Günther
Amadé (27.11.2016, 10:09):
Hallo lineinthesand,

vielleicht könntest Du hier etwas finden:

http://www.klassik-prisma.de/4%20Jahreszeiten.htm
Gruß Amadé
Cetay (inaktiv) (27.11.2016, 10:34):
Hallo!

Hach, wenn man doch nur alle kombinieren könnte!
Was spricht eigentlich dagegen, im Prinzip besteht "le quattro stagioni" doch aus vier Violinkonzerten die man im Zweifelsfall auch unabhängig voneinander hören kann. Der aussermusikalische Inhalt der die vier Jahreszeiten zu einem frühen Fall von Programmusik macht bleibt doch erhalten.
Man kann also die vier Jahreszeiten so sehen wie z.B. die Gesamtaufnahme eines beliebigen anderen Zyklus der ja auch nicht unbedingt aus einem Guss sein muss. Niemand würde es schließlich wundern wenn ich mir z.B. die vier Symphonien von J.Brahms von vier unterschiedlichen Dirigenten und 'Orchestern zulege weil ich mit keiner GA unter einem einzigen Dirigenten und einem einzigen Orchester zufrieden bin.

MFG Günther
Ich glaube eher, es ging darum, verschiedene Aspekte wie Klang der einen, Tempo der anderen und (fehlende 'überflüssige') Improvisation der dritten in einer idealen Aufnahme zu synthetisieren.

Wenn ich mir die Namen in in Amadés langer Liste ansehe, dann glaube ich, dass bezogen auf die Forderungen im Ausgangspost Mullova/COE/Abbado eine gute Wahl sein könnten. Das aber ohne Gewähr - ich habe es nicht nachgehört, weil ich die 4JZ überhaupt nicht (mehr) höre(n will).
Hörbert (27.11.2016, 11:01):
Hallo!
ich habe es nicht nachgehört, weil ich die 4JZ überhaupt nicht (mehr) höre(n will).
Kann ich in gewisser Weise nachvollziehen,ich müsste mal kramen, soweit ich weiß habe ich drei Interpretationen auf CD und zwei als alte Schallplatten als letztes habe ich -glaube ich- die Interpretation Trevor Pinnok/The English Concert gehört oder war es doch Muttoni/Serenissima Ensemble ? Jedenfalls ist das schon eine ganze Weile her.

MFG Günther
Jürgen (27.11.2016, 11:24):
Eine der ersten in meinem Bestand, und mir immer noch die liebste:



I Solisti Italiani 1986
lineinthesand (27.11.2016, 12:34):
Welche Musik gefällt dir sonst noch gut? Magst du Streichquartette oder Opern? Schreib doch ein bisschen was über dich im Vorstellungsthread
Ach, weißt Du, ich glaube, das passt nicht wirklich in den Vorstellungsthread. Ich höre eigentlich nicht hauptsächlich Klassik, meine bevorzugte Musikrichtung ist Progressive Rock, also Musik mit ungewöhnlichen Taktarten, komplexen Songstrukturen, virtuosen Instrumentalisten, oft auch reinen Instrumentalmentalstücken, oft langen Tracks.
Freilich, da gibt es Überschneidungspunkte mit dem einen oder anderen klassischen Werk, aber es gibt bei Klassik Aspekte, die mir fehlen oder mich sogar stören.

Einer davon ist, dass in klassischen Werken kein Schlagzeug (iS eines Drumkits) verwendet wird. Und wenn irgendwo Schlagzeug vorkommt, dann sind das bestenfalls Pauken (gut!) oder Becken und die klingen mir leider – ich habe noch kein einziges Gegenbeispiel gehört! – viel zu hell. Es traut sich offenbar niemand, mal herzugehen und zu einem großartigen klassischen Werk mal einen großartigen nichtklassischen Drummer hinzusetzen, das finde ich so schade. Ich habe eine CD von einem gewissen Cristof Moser (piano*drum), da nimmt er z.B. einige Klavierstücke von Bach mit einem Drummer auf. Es ist noch nicht das Optimum, aber es ist schon mal sehr interessant und zeigt, was möglich sein kann, wenn man sich traut, Grenzen zu überwinden. Oder das, was Jon Lord mit seiner Sarabande angedeutet hat – ein großartiges Werk! – so hätte ich gerne einige Klassische Werke interpretiert, aber es ist leider eine andere Welt, es herrscht größtenteils Apartheid.

Ähnliches gilt für Oper – da gibt es, musikalisch gesehen, Stücke die mir sehr gut gefallen würden (von Verdi z.B., sogar das eine oder andere Wagneropus), aber die Texte müssen immer mit diesen typischen Opernstimmen mit kehligem Gesang und superviel Vibrato & Tremolo vorgetragen werden, was mir einfach nicht zusagt – es klingt so künstlich! Dass es auch anders geht, während technisch hohes Niveau gewahrt bleibt, zeigen etwa Jazzsänger. Aber es scheitert wohl daran, dass man sich nicht traut, verstärkt, also in ein Mikrofon, zu singen – was ich für Liveaufführunge noch ein bisschen verstehen kann, aber nicht bei Studioeinspielungen.

Tja, und dann noch das leidige Problem vieler Klassikaufnahmen – sie klingen zu dünn und es ist zu viel Dynamik drin – Stellen, die man teilweise kaum hört und dann wieder Stellen, da bläst's Dir die Ohren raus. Ich bin nicht dafür, alles extrem zu komprimieren, wie das heutzutage im Radio üblich ist, aber ein bisschen dürfte man da mMn. schon moderne Technik nutzen, um in Aufnahmen ein ordentliches Hörerlebnis präsentieren zu können. So schade um grenzgeniale Werke etwa von Rossini oder Mahler oder Bruckner.

Und so komme ich zum Ende meiner Tirade: eigentlich, so fürchte ich, muss man Klassische Musik ja live hören. Eine Bekannte von mir ist Konzertmeisterin in der Grazer Oper. Sie spielt hin & wieder mit drei ihrer Kollegen im intimen Rahmen im Streichquartett. Das ist jedes Mal ein Erlebnis! Die spielen unterschiedlichste Stücke, die kommen klanglich und interpretatorisch einfach unglaublich genial rüber, wenn man 3 m entfernt sitzt – das habe ich noch auf keiner einzigen Aufnahme so erlebt (obwohl meine Kopfhörer es theoretisch, glaube ich, durchaus rüberbringen könnten).

Fazit – würde Klassik ein wenig in die heutige Zeit übersetzt werden, wäre ich wahrscheinlih dedizierter Klassikfan, so bin ich nur Teilzeitklassiker.
Cetay (inaktiv) (27.11.2016, 13:06):
Es traut sich offenbar niemand, mal herzugehen und zu einem großartigen klassischen Werk mal einen großartigen nichtklassischen Drummer hinzusetzen, das finde ich so schade. Ich habe eine CD von einem gewissen Cristof Moser (piano*drum), da nimmt er z.B. einige Klavierstücke von Bach mit einem Drummer auf. Es ist noch nicht das Optimum, aber es ist schon mal sehr interessant und zeigt, was möglich sein kann, wenn man sich traut, Grenzen zu überwinden. Oder das, was Jon Lord mit seiner Sarabande angedeutet hat – ein großartiges Werk! – so hätte ich gerne einige Klassische Werke interpretiert, aber es ist leider eine andere Welt, es herrscht größtenteils Apartheid.
Ich denke, da wirst du ewig warten müssen. Es ist ja (mit Ausnahmen) geradezu ein inhärentes Merkmal von Klassischer Musik, dass der Rhythmus nicht von Instrumenten mit unbestimmter Tonhöhe getragen wird. Es gibt durchaus Beispiele moderner Komposition mit "nichtklassischem" Schlagzeug (Hörtip: Terry Bozzio, Chamber Works mit dem Metropole Orkest), nur ist es dann halt per definitionem keine Moderne Klassik sondern Crossover. Klassik mit Schlagzeug zu fordern ist wie nach Techno ohne 4/4 Rhythmus mit Betonung jeder Zählzeit zu fragen. Geht nicht, bzw. geht schon, aber ist dann halt kein Techno mehr...

Da du Prog bevorzugst; ist dein Nick von einem Dream Theater Titel inspiriert?
lineinthesand (27.11.2016, 15:31):
Da du Prog bevorzugst; ist dein Nick von einem Dream Theater Titel inspiriert?
Völlig richtig erkannt ;) Der Name eignet sich gut, weil er eigentlich noch auf keinem Portal, bei dem ich mich registriert habe, jemals besetzt war. "Lines in the sand" ist von einem ziemlich unproggigen Album, das mir aber trotzdem größtenteils gefällt. Das was DT allerdings heutzutage machen ist leider sehr uninteressant bis geradezu nervig.


nur ist es dann halt per definitionem keine Moderne Klassik sondern Crossover
Wie man es nennen würde, wäre mir eigentlich völlig gleich. Mir ginge es darum, das vorhandene alte – und gute! – Tonmaterial zu nehmen und mit Schlagzeug zu untermalen. Aber auch die anderen von mir genannten (Modernisierungs)Wünsche scheinen aufgrund des herrschenden Konservativismus nicht möglich zu sein. Dass kein Bedarf daran bestünde will mir nicht recht einleuchten. Vielleicht sind meine musikalischen Vorlieben aber auch sehr speziell…

ich habe es nicht nachgehört, weil ich die 4JZ überhaupt nicht (mehr) höre(n will)

Ja, man könnte Vivaldis Vier Jahreszeiten als abgelutscht bezeichnen, aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es großartige Melodien beinhaltet und auf sensationelle Weise Stimmungen und Emotionen zu transportieren vermag – das begeistert mich immer wieder an Musik.
Hosenrolle1 (27.11.2016, 16:53):
Einer davon ist, dass in klassischen Werken kein Schlagzeug (iS eines Drumkits) verwendet wird. Und wenn irgendwo Schlagzeug vorkommt, dann sind das bestenfalls Pauken (gut!) oder Becken und die klingen mir leider – ich habe noch kein einziges Gegenbeispiel gehört! – viel zu hell.
Das ist so nicht ganz richtig; es gibt durchaus klassische Werke, wo es eine große Trommel (nichts anderes als eine Bassdrum, nur noch viel größer und fetter als die eines Drumkits), eine kleine Trommel (also eine Snare Drum) und Becken und ein Tambourin usw. gibt; natürlich werden die nicht so verwendet wie in der Rockmusik oder ähnlichem. Du darfst ja nicht vergessen, dass die Rockmusik erst NACH der klassischen Musik kam, und hier auch völlig andere Voraussetzungen gelten. Eine kleine Nachtmusik mit Bumm-Zack-Bummbumm-Zack-Begleitung? Wäre nicht wirklich passend.



LG,
Hosenrolle1
Hörbert (27.11.2016, 18:05):
Hallo!
Wie man es nennen würde, wäre mir eigentlich völlig gleich. Mir ginge es darum, das vorhandene alte – und gute! – Tonmaterial zu nehmen und mit Schlagzeug zu untermalen.
Nun solche Crossover-Sachen gibt es doch zuhauf, ausser halt das man wieder und wieder das alte Material verwendet aber auch hier wirst du fündig werden wenn du eine Weile suchst.

Z.B, mach doch Claude Bolling m.E. genau das was du suchst:

https://www.google.de/?gws_rd=ssl#newwindow=1&q=claude+bolling

Wenn es etwas moderner und komplexer sein darf wäre auch z.B. bei Terje Rypdal einiges zu finden:

https://de.wikipedia.org/wiki/Terje_Rypdal

Aus meiner Perspektive hängst du momentan mit deinem Geschmack "zwischen den Stühlen" aber das wird wahrscheinlich nicht so bleiben. Hier wirst du dich wohl irgendwann für ein Genre entscheiden.

MFG Günther
lineinthesand (27.11.2016, 21:41):
Danke Günter für die Tipps – ich werde mir das auf jeden Fall mal anhören!
Aus meiner Perspektive hängst du momentan mit deinem Geschmack "zwischen den Stühlen" aber das wird wahrscheinlich nicht so bleiben. Hier wirst du dich wohl irgendwann für ein Genre entscheiden.
Nein, ich bin wie gesagt mit Prog Rock sehr zufrieden und ich höre auch aus anderen Genres gerne Musik. Es haben ja alle irgendwie was für sich. Ich fände es halt einfach mal interessant und vielleicht würde es auch die Hemmschwelle mancher für die Klassik etwas herabsetzen, wenn man sie ein wenig moderner präsentieren könnte.
Ich habe jetzt übrigens vier Versionen von den vier Jahreszeiten bestellt:
Midori Seiler
Dmitry Sinkovsky
Ithzak Perlman
Giardino Armonico

Die Itzhak Perlman Version konnte ich bereits in Amazonien vorabe runterladen und mir gefällt sehr, was ich höre. Es ist kein fetter, voller Sound, aber der Herr trifft das Tempo für meinen Geschmack super. Das ist viel Wert. Es ist sehr konservativ bis jetzt (Frühling), das ist gut.
Hosenrolle1 (27.11.2016, 21:57):
Ich fände es halt einfach mal interessant und vielleicht würde es auch die Hemmschwelle mancher für die Klassik etwas herabsetzen, wenn man sie ein wenig moderner präsentieren könnte.
Ich glaube, dass das ein weitverbreiteter Irrtum ist, ähnlich etwa wie die Begründung vieler Remakes alter Filme, dass man sie durch eine "moderne" Version, durch ein modernes Remake, der jüngeren Generation näherbringen möchte.

Gerade klassische Musik ist, auch wenn da keine E-Gitarren oder Computersounds dabei sind, eigentlich zeitlos, während die Musikstile im 20. Jahrhundert schnell in Mode kamen und gingen. Die 20er Jahre Musik, die 50er mit Elvis zb., die 60er mit den Beatles, die 70er mit ABBA, die 80er mit Neonfarben und Synth-Sounds, usw.

Ich halte es sogar für schlecht, wenn man klassische Musik modern aufbereitet, weil die Leute dann eher die moderne Version mögen, sich beim Original, wo keine geilen Drums und Beats dabei sind, langweilen. Bachs Toccata und Fuge als Klingelton auf dem Handy? Super. Das gesamte Stück aber auf der Orgel? Langweilig.

Natürlich kann es sein, dass mancher Hörer sich durch moderne Versionen für die Originale interessiert und diese dann ebenfalls gerne hört, das schließe ich keinesfalls aus. Aber ich glaube, jede Musik sollte für sich stehen, mit all ihren Eigenschaften, ohne Anbiederungsversuche a la "Mich gibt´s auch noch, hat wer Interesse?". Ich glaube, man "überzeugt" die Leute eher mit klassischer Musik selbst. Entweder gefällt sie ihnen dann, oder halt nicht.



LG,
Hosenrolle1
satie (27.11.2016, 22:54):
Lieber Hosenrolle1,
hier gehe ich einmal 100% mit Dir d'accord!
lineinthesand (27.11.2016, 23:02):
Ich glaube, man "überzeugt" die Leute eher mit klassischer Musik selbst. Entweder gefällt sie ihnen dann, oder halt nicht.
Ich weiß nicht so recht – wozu gäbe es dann so viele verschiedene Interpretationen? Manche langsam, manche schnell, manche auf historischen Instrumenten, manche auf neuen, manche mit freiem Tempo, manche mit striktem, manche strikt am notierten Material, manche improvisiert? Ich denke, weil es eben verschiedene Geschmäcker gibt. Warum sollte man die nicht auch bedienen? Es muss ja nicht jeder gut finden, aber ich habe schon das Gefühl, dass da auch ein bisschen Überlegenheitsgefühl mitspielt, wenn man sagt: "also nein, da darf doch keine andere als die notierte Instumentierung dabei sein". Ich sähe das nur als etwas Kreatives an, und wenn einer sein Instrument beherrscht, kann da mMn Wunderbares rauskommen. Und ad kleine Nachtmusik mit bumm tschack etc. – nunja, dieser Grundrhythmus wäre in der Tat etwas langweilig, aber mir fielen da durchaus interessante Rhythmen dazu ein die dieses Stück wirklich aufwerten könnten (es gehört eher zu den Mozarthits, die ich nicht so toll finde – Alla Turka gefällt mir persönlich halt um Klassen besser ;) ). Nein ernsthaft, es gibt so geniale Drummer, das ist nicht nur Lärm, wie man vielleicht aus der Ferne meinen könnte.
Janus (27.11.2016, 23:09):
Bachs Toccata und Fuge als Klingelton auf dem Handy? Super. Das gesamte Stück aber auf der Orgel? Langweilig.
Du meinst möglicherweise BWV 565?

Wenn ich nicht irre, ist doch BWV 565 gerade für dieses Instrument, ob nun von Herrn Bach oder nicht, komponiert worden, :) . Warum sollte dieses Werk auf, auf der Orgel interpretiert, langweilig sein? Ich kann mir durchaus langweilige, z.B. ausschließlich im Plenum vorgetragene, Lesarten vorstellen, wobei auch dies relativ ist, da sicher einer Vielzahl von Kriterien, gerade auf der Orgel, eine Interpretation ausmachen können. Darüber hinaus gibt es durchaus überzeugende Transkriptionen, wie im übrigen auch von den 4Jahreszeiten.
Hosenrolle1 (27.11.2016, 23:41):
Ich weiß nicht so recht – wozu gäbe es dann so viele verschiedene Interpretationen? Manche langsam, manche schnell, manche auf historischen Instrumenten, manche auf neuen, manche mit freiem Tempo, manche mit striktem, manche strikt am notierten Material, manche improvisiert?
Diese Interpretationen, die du ansprichst, gibt es natürlich; allerdings gibt es einen Unterschied zwischen "Interpretation" und "Bearbeitung". Eine hastig gespielte kleine Nachtmusik sowie eine schleppend langsam gespielte kleine Nachtmusik wären Interpretationen. Sicherlich beide fragwürdig, aber doch Interpretationen.
Eine kleine Nachtmusik, wo ein Schlagzeug oder ein Klavier oder eine Gitarre mitspielt wäre eine Bearbeitung, also etwas ganz anderes.


Es muss ja nicht jeder gut finden, aber ich habe schon das Gefühl, dass da auch ein bisschen Überlegenheitsgefühl mitspielt, wenn man sagt: "also nein, da darf doch keine andere als die notierte Instumentierung dabei sein". Ich sähe das nur als etwas Kreatives an, und wenn einer sein Instrument beherrscht, kann da mMn Wunderbares rauskommen.
Es gibt natürlich etwa im Barock viele Werke, wo der Komponist in manchen Fällen keine präzisten Angaben bezüglich der Instrumentierung macht, weil er wusste, dass unterschiedliche Orchester je nach Aufführungsort, je nach Räumlichkeit andere Instrumente verwenden mussten. Da kann bei den Vier Jahreszeiten also ein Cembalo die Begleitung spielen, oder auch eine Theorbe.

Aber es hat nichts mit einem Überlegenheitsgefühl zu tun, wenn man Bearbeitungen ablehnend gegenübersteht. Man darf nicht vergessen, Kompositionen sind Werke, wo alle Instrumente aufeinander abgestimmt sind, wo alles zusammenpasst so wie es ist. Wo bestimmte Klänge durch die Verwendung bestimmter Instrumente in einer bestimmten Lange erzeugt werden. Fügt man da eigenmächtig irgendwelche anderen Instrumente hinzu, wären diese Instrumente Fremdkörper, die nicht dazu passen. Ich persönlich bin schon kein Freund davon, moderne Trompeten, Hörner und Streicher alte Musik spielen zu lassen, weil DIESE Instrumente schon nicht mehr in der Lage sind, diese Klänge zu erzeugen.


Nein ernsthaft, es gibt so geniale Drummer, das ist nicht nur Lärm, wie man vielleicht aus der Ferne meinen könnte.
Ich glaube, ein genialer Drummer weiß, wann er überflüssig ist, und wo er sich zurückhält :)

EDIT: ich möchte noch zu meinem vorigen Post etwas ergänzen, nämlich, dass ich natürlich nichts gegen die Musik des 20. Jahrhunderts habe. Mit meinem Beispiel (20er Jahre, 50er Jahre etc.) wollte ich nur zeigen, dass sich die Mode, die Musik schneller verändert hat, was aber nicht abwertend gemeint ist!
Auch da bin ich gegen bestimmte "Remakes".
Weil ja jetzt bald Weihnachten ist, ein Beispiel: eines meiner Lieblings-Weihnachtslieder aus den 50er Jahren ist "Santa Baby" von Eartha Kitt. Davon gibt es natürlich auch auf YouTube unzählige Coverversionen, mal eine Jazz-Version, mal eine a-capella-Version mit Chor, usw.
Was ich aber furchtbar finde sind Versionen wie die von dieser Taylor Swift, die eine "moderne" 08/15 Pop-Version von der Stange daraus gemacht hat. Das Tempo ist wesentlich schneller, das Arrangement vertontes Zuckerwasser. Sucht man auf YouTube nun nach "santa baby cover", findet man sehr häufig Jugendliche, die diese fürchterliche Taylor Swift-Version spielen, und vom Original überhaupt nichts halten.

Andere Versionen sind da kreativer, versuchen nicht krampfhaft zu modernisieren und sich anzubiedern an den heutigen Geschmack. Natürlich alles wie immer Geschmackssache, aber auch hier denke ich, dass diese Modernisierungsversuche alter Klassiker, um sie einer "neuen Generation" schmackhaft zu machen, nicht viel bringen.




LG,
Hosenrolle1
Nicolas_Aine (27.11.2016, 23:42):
ich glaube Hosenrolle meint da eher "was die Leute denken". So wie ich ihn kenne, denkt er selber garantiert nicht so :D

Weil es oben angesprochen wurde: Diese vier Konzerte sind eigentlich nur die ersten vier eines Zyklus aus 12 Konzerten.




Die "Vier Jahreszeiten" sind der erste Teil von Vivaldis Opus 8 (RV 269, 315, 293, 297, 253, 180, 242, 332, 236, 362, 210 und 178), eines groß angelegten musikalischen Werkes namens: "Il cimento dell'armonia e dell'invezione" - "Die Erprobung der Harmonie und der Erfindung". Wie alle früheren Werke Vivaldis ist es undatiert, wurde jedoch 1725 in Amsterdam veröffentlicht. Gewidmet wurde "Il cimento" dem böhmischen Grafen Wenzeslav von Morzin, in dessen Dienst Vivaldi mehrere Jahre in Italien stand.
Hosenrolle1 (27.11.2016, 23:45):
Wenn ich nicht irre, ist doch BWV 565 gerade für dieses Instrument, ob nun von Herrn Bach oder nicht, komponiert worden, . Warum sollte dieses Werk auf, auf der Orgel interpretiert, langweilig sein?
Da hast du mich missverstanden: für MICH ist es nicht langweilig, ich sprach da aus der Sicht mancher Leute, die den Klingelton vielleicht besser finden als das Original :)



LG,
Hosenrolle1
Peter (28.11.2016, 09:16):
Wenn Musiker wie Dave Brubeck oder Jacques Loussier Klassikstücke neu interpretieren, sind das für mich neuzeitliche Alternativen, die ich mir immer mal wieder gerne anhöre.

Sie stehen für sich und bilden keine Konkurrenz zur gewohnten Aufführungspraxis.

Es sind ernsthafte künstlerische Varianten, die uns zum Nachdenken anregen können.
Hosenrolle1 (28.11.2016, 09:20):
Weil es oben angesprochen wurde: Diese vier Konzerte sind eigentlich nur die ersten vier eines Zyklus aus 12 Konzerten.
Oft wird ja überlegt, ob Vivaldi den Winter mit Schnee überhaupt gekannt hat, dass er ihn so schildern konnte, wie er das in den Vier Jahreszeiten tut. Schneit es etwa in Italien nicht?



LG,
Hosenrolle1
Nicolas_Aine (28.11.2016, 09:53):
in Sizilien wohl eher selten, in den Alpen selbstverständlich; keine Ahnung, wie das im Venedig des 17. Jh. war...
satie (28.11.2016, 10:52):
Weil es oben angesprochen wurde: Diese vier Konzerte sind eigentlich nur die ersten vier eines Zyklus aus 12 Konzerten.
Oft wird ja überlegt, ob Vivaldi den Winter mit Schnee überhaupt gekannt hat, dass er ihn so schildern konnte, wie er das in den Vier Jahreszeiten tut. Schneit es etwa in Italien nicht?


LG,
Hosenrolle1
Aufgewachsen ist Vivaldi in Brescia im Norden, und das ist meines Wissens sogar heute noch ein Skigebiet. Erst mit 10 Jahren ist er von dort weggezogen, also nehme ich mal an, dass er Schnee gekannt hat. Dann hat er nicht nur in Venedig, sondern auch in Mantua gewohnt, da gibt's auch Schneehöhen, in der Lombardei. Aber auch in Venedig fällt durchaus mal Schnee, also kann man wohl annehmen, dass er den Schnee gekannt hat.
satie (28.11.2016, 11:24):
Nun muss ich auch noch meinen Senf zum Schokoladeneis geben in dieser Angelegenheit, denn genau so kommt mir das vor, wenn man verlangen will, klassische Musik mit Schlagzeug zu unterlegen. Um es mal mit den Worten von Gordon Ramsay, dem bekannten Sternekoch zu sagen: " Es gibt einfach Zutaten, die nicht zusammenpassen!"
Es ist zwar richtig, dass all die alten Sachen keinerlei Schutz mehr genießen und bearbeitet, verwurstet, verändert, gesampelt und was auch immer mit ihnen gemacht werden kann, das heißt aber nicht, dass das einen adäquaten Umgang mit diesem Material darstellt. Die Mona Lisa (ich weiß, ich benutze dieses Veranschaulichkeitsbeispiel inflationär, ist mir aber egal) hat einen Haarschnitt, der auch nicht der heutigen Mode entspricht, und die Klamotten, die sie trägt, könnte man sicherlich durch einen Hosenanzug oder meinetwegen einer Lederjacke und Jeans ersetzen, ein Piercing in der Unterlippe würde sie sicher auch mehr up to date machen in optischer Hinsicht. Warum also nicht, oder, wenn es manchen Leuten gefällt?
Jeder kann machen, was er will, das ist noch nie der Punkt gewesen. Es fragt sich, ob einem komplexen Werk, das nach allen Regeln der Kunst komponiert wurde, etwas hinzugefügt oder weggenommen werden kann, ohne die Qualität des Werks zu mindern. Sicher wird es hier eine Grenze geben, über die man diskutieren kann. Klassische Musik hat einige Merkmale, die faktisch ausschließen, dass man da einfach en Schlagzeug wie in der Pop- oder Rockmusik hinzufügen kann. Da wäre einmal das vollkommen andere Tempoverständnis, das eben nicht den Beat allein beachtet, sondern auch das Metrum und vor allem auch den Aspekt der Agogik. Das könnte man zwar wie in der Filmmusik über einen Clicktrack lösen, aber ich bezweifle, dass das viel bringen würde. Der viel wichtigere Punkt aber ist, dass klassische Musik von enormer dynamischer Bandbreite bestimmt ist, vom leisesten Pianissimo bis zum Fortissimo, dass im Orchester dieselben Dezibelwerte erreichen kann wie ein startender Düsenjet. Man kann das nicht einfach mal eben normalisieren, damit es wie im Rock konstant auf einem hohen Pegel ist, dadurch würde man das Ganze regelrecht kastrieren. Es geht doch hier nicht nur um eingängige Melodien, sondern um ein Gefüge, das durchaus delikat und zerbrechlich ist.


Ich weiß nicht so recht – wozu gäbe es dann so viele verschiedene Interpretationen? Manche langsam, manche schnell, manche auf historischen Instrumenten, manche auf neuen, manche mit freiem Tempo, manche mit striktem, manche strikt am notierten Material, manche improvisiert? Ich denke, weil es eben verschiedene Geschmäcker gibt. Warum sollte man die nicht auch bedienen? Es muss ja nicht jeder gut finden, aber ich habe schon das Gefühl, dass da auch ein bisschen Überlegenheitsgefühl mitspielt, wenn man sagt: "also nein, da darf doch keine andere als die notierte Instumentierung dabei sein". Ich sähe das nur als etwas Kreatives an, und wenn einer sein Instrument beherrscht, kann da mMn Wunderbares rauskommen. Und ad kleine Nachtmusik mit bumm tschack etc. – nunja, dieser Grundrhythmus wäre in der Tat etwas langweilig, aber mir fielen da durchaus interessante Rhythmen dazu ein die dieses Stück wirklich aufwerten könnten (es gehört eher zu den Mozarthits, die ich nicht so toll finde – Alla Turka gefällt mir persönlich halt um Klassen besser ). Nein ernsthaft, es gibt so geniale Drummer, das ist nicht nur Lärm, wie man vielleicht aus der Ferne meinen könnte.
Interpretation ist Musik generell immanent, ausgeschlossen mal rein elektronische, die einmal produziert sich nicht mehr verändert. Hier stellt sich also keine Warum-Frage.

"Überlegenheitsgefühl" ist es eben gerade nicht, sondern ein gewisser Respekt und Ehrfurcht vor dieser Musik. Aber eben: es soll auch Leute geben, die sich zwei Würfelzucker in den Rotwein schmeißen, Aber hey, wenn es ihnen schmeckt...

Ich muss an dieser Stelle mich mal outen: ich habe Interesse an der klassischen Musik etwa im Alter von 11 Jahren gefunden, und zwar - Achtung, jetzt kommts! - durch James Last. Tatsächlich besaß meine Mutter da so einige Schallplatten von ihm, und dabei waren auch diese klassischen Sachen. Das ist ja genau so etwas, nicht wahr? Klassische Melodien, aber gefällig mit ein wenig Gitarrengeschrubbe und durchaus auch einem dezenten Schlagzeug dazu, tontechnisch zusätzlich weichgespült.
Ich habe jetzt aber bewusst geschrieben, dass dadurch mein Interesse geweckt wurde, ich habe nicht geschrieben, das habe mir den Zugang zu dieser Musik eröffnet. Den nämlich habe ich mir dann über die originalen Werke erschlossen und sofort(!) instinktiv bemerkt, wieviel reicher das ist und da war James Last sofort nicht mehr interessant. D.h. meine Musikerfahrung damals war die, dass ich im Grunde immer nur Unterhaltungsmusik um mich herum hatte, und dann war da plötzlich etwas, das (für mich) schon etwas mehr Gehalt hatte, eben diese James Last Sachen, und dann kam ich langsam drauf, was mir die klassische Musik zu bieten hat. Daher hat für mich jeder Schritt zurück eine Reduktion des Gehalts dieser Musik zur Folge. Der letzte Satz aus Brahms 1. Symphonie besteht eben nicht nur aus einer Streicherkantilene und ein paar Akkorden, aber darauf wird es bei Last reduziert, und für mich ist das einfach weniger wertvoll. Aber ich würde niemandem verbieten, sich James Last anzuhören, wenn ich mich auch wehren würde, das als gültige Interpretationen der klassischen Werke anzuerkennen.
Hörbert (28.11.2016, 19:48):
Hallo!

Es gibt und gab zu allen Zeiten populäre Bearbeitungen alter Musik und gerade in der Blütezeit der Rockmusik gab es Formationen wie "Gryphon", "Emerson, Lake and Palmer" sowie einzelne Interpreten wie Isao Tomita die ihre Bearbeitungen alter Werke durchaus verkauft haben aber das interesse daran war halt recht mäßig.

Leider ist es in der Regel so das eine solche populäre Bearbeitung auf eine Simplifizierung hinausläuft und dem Werk selbst damit kein Gefallen getan wird. Nicht umsonst versanden diese Versuche in aller Regel auch recht schnell wieder.

M.E. sind es hier unterschiedliche Bedürfnisse die durch die unterschiedlichen Musik-Genres befriedigt werden und die im Grunde nicht vereinbar sind.

MFG Günther
Zefira (28.11.2016, 22:24):
Ich kann mich erinnern, dass ich und restlos alle, mit denen ich damals befreundet war, von "Pictures at an Exhibition" hell begeistert waren. Ich glaube, das Problem ist weniger, dass speziell Bearbeitungen klassischer Musik für Rockmusik-Instrumente uninteressant wären, sondern dass diese Art Musik - die damals auch u.a. Yes bedient haben, man sprach, wenn ich mich richtig erinnere, von "Bombastrock" - heute kaum noch Interesse finden würde. Ich verfolge die aktuelle Musik kaum bis gar nicht, habe aber allgemein das Gefühl, dass der Durchschnittsgeschmack zu einem eher verdünnten Klang geht, verglichen mit der populären Rock- und Popmusik der Siebziger und Achtziger.
Hörbert (29.11.2016, 19:49):
Hallo!


habe aber allgemein das Gefühl, dass der Durchschnittsgeschmack zu einem eher verdünnten Klang geht, verglichen mit der populären Rock- und Popmusik der Siebziger und Achtziger.

Hmmm, jein, ich denke mal das die ganze Sache auch einen technischen Aspekt hat, die heutige durchschnittliche Aufnahme- und Wiedergabequalität ist erheblich besser als die damalige und der -so wie ich das ausdrücke- etwas muffelige undurchsichtige Sound mit allseinen Verzerrungen und ungewollten Kompressionen durch Analogplattenspieler und schlechte Lautsprecher gehört nun mal der Vergangenheit an.

Aber auch die erst jüngst vergangene Techno-Ära hatte solche Rückgriffe auf alte Musik die ebenfalls kein allzu großes Interesse geweckt haben, klar bejubeln die Kids das eine oder andere Stück mit Versatzstücken aus der Klassik aber da erhebt sich für mich immer die Frage: "Deswegen oder Trozdem?"

MFG Günther
Doban (01.09.2017, 20:45):
Ein sehr sehr interessantes Thema :)
Ich habe einen Bekannten der dieses Stück auf Gitarre aufgenommen hat, einfach so als Akustik Version.

Ich habe dem dabei geholfen, habe auch bei gitarren-meister.de/ paar Infos geholt und war dann echt gut informiert.
Ich denke, dass es da echt viele Möglichkeiten gibt - unser Stück ist super geworden. Ist aber nur für uns privat :)