Wachrüttler, Aufsteller & Co.

Sfantu (20.07.2021, 22:36):
Passend zur Saure-Gurken-Zeit (Parlaments-& Sportligen-Sommerpause, Schulfreien etc.), welche in den Sommermonaten oftmals herrscht, kam mir folgender Gedanke: kennt ihr auch Sauergurken-Perioden, was das eigene Hörverhalten angeht? Tage, an denen ihr nicht mehr als ein, zwei Werke ertragt oder gar Stille braucht? Bei mir ist das gelegentlich so. Dann staune ich umso mehr über die sportlichen Hörpensen Anderer.

Meine Frage hierzu:
Wie kommt ihr da wieder raus? Durch Meditieren? Sport? Lesen? Gespräche?
Und gibt es möglicherweise bestimmte Musiken, die das schaffen?

Bevor ich meine eigenen Kräutermischungen hierzu nenne, bin ich erstmal gespannt auf eure.

Herzlichst,
Sfantu
Philidor (21.07.2021, 14:14):
kennt ihr auch Sauergurken-Perioden, was das eigene Hörverhalten angeht? Tage, an denen ihr nicht mehr als ein, zwei Werke ertragt oder gar Stille braucht? Bei mir ist das gelegentlich so.
Nein, kenne ich nicht. Ich halte es durchaus aus, einige Tage keine Musik zu hören, aber wenn ich keine Musik ertragen kann, dann bin ich krank.

Doch nicht jedes Werk geht zu jeder Zeit. Manchmal dürfen es die Carmina burana sein und manchmal eher späte Klavierstücke von Brahms. Aber in längeren und komplexeren Werken hast Du sowieso von allem was - Trauermarsch in der Eroica, vollkommen überhebliche, zur Grandiosität von eigenen Gnaden neigende Abschnitte im Finale von Mahler 6 gefolgt von den Hammerschlägen und dem Epitaph am Schluss, "Gloria in excelsis" und "Crucifixus" in der h-Moll-Messe, Wahnsinnsszene der Sieglinde und Walkürenritt in der "Walküre" ...

Gruß
Philidor

:hello
palestrina (22.07.2021, 10:08):
Wahnsinnsszene der Sieglinde
Lieber Philidor, was ist denn das für eine Szene? ?(

LG palestrina
Philidor (22.07.2021, 10:19):
Die Szene, in der Sieglinde im Fiebertraum sieht, wie Siegmund erschlagen wird ... zweiter Aufzug, irgendwo gegen Ende.

Gruß
Philidor

:hello
Leonardo (22.07.2021, 10:33):
kennt ihr auch Sauergurken-Perioden, was das eigene Hörverhalten angeht? Tage, an denen ihr nicht mehr als ein, zwei Werke ertragt oder gar Stille braucht?
Ja, sicher kenne ich das.
Ich bin sowieso nicht so ein Hörer, der am laufenden Band Werke einfach wegkonsumieren kann. So etwas ist mir fremd.
Phasen der Enthaltsamkeit, der Askese und der inneren Einkehr halte ich für unabdingbar und unverzichtbar.
Ich höre da immer auf meine innere Stimme und innere Verfassung.
Meine Frage hierzu:Wie kommt ihr da wieder raus? Durch Meditieren? Sport? Lesen? Gespräche?
Nun, ich würde sagen durch Abwarten. Manchmal auch durch Ausprobieren. Und wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht.

Gruß,

Leonardo
palestrina (22.07.2021, 10:34):
Wie Philidor schon schrieb, kenne auch ich keine saure Gurken Zeit!
Ich höre jeden Tag Musik, mal mehr mal weniger, auf jeden Fall ist es meistens so, dass ich bei einem Thema bleibe.
Als ich noch zu den Arbeitnehmern gehörte war das noch etwas anders, aber jetzt als RenTier überlege ich mir des morgens im Bett wie mein heutiges Programm aussehen soll! :) Fällt mir durch das Hören etwas anderes ein, kommt das für den nächsten Tag auf den Stapel!
Ich mag es sogar nicht Musik ohne Konzept zu hören, oft gibt es auch ein sog.vergleichs horen!

LG palestrina
palestrina (22.07.2021, 10:38):
Die Szene, in der Sieglinde im Fiebertraum sieht, wie Siegmund erschlagen wird ... zweiter Aufzug, irgendwo gegen Ende.

Gruß
Philidor
Lieber Philidor, natürlich kenne ich die Szene, aber ich hatte/habe das noch nie gehört!
Danke dir! ;)

LG palestrina
Philidor (22.07.2021, 11:35):
aber ich hatte/habe das noch nie gehört!
Mir ist nix Besseres eingefallen ... ;(

Gruß
Philidor

:hello
Philidor (22.07.2021, 11:41):
Ich bin sowieso nicht so ein Hörer, der am laufenden Band Werke einfach wegkonsumieren kann. So etwas ist mir fremd.
Ich habe bisweilen überlegt, ob man Grundgedanken und Abläufe der japanischen Teezeremonie nicht beim Musikhören anwenden könne.

Und Enthaltsamkeit kann stets reinigende Wirkung entfalten. Man wird einfach ausgeglichener und ruht mehr in sich selbst, im Frieden mit sich und der Welt.

Gruß
Philidor

:hello
Leonardo (22.07.2021, 11:58):
Nun, das ist etwas hochgegriffen, verehrter Philidor, aber ja, so ungefähr...

Gruß,

Leonardo
palestrina (22.07.2021, 13:56):
aber ich hatte/habe das noch nie gehört!
Mir ist nix Besseres eingefallen ... ;(
Gruß
Philidor

:hello
:leb :beer

LG palestrina
tapeesa (22.07.2021, 14:42):
Wie kommt ihr da wieder raus? Durch Meditieren? Sport? Lesen? Gespräche?Und gibt es möglicherweise bestimmte Musiken, die das schaffen?
Normalerweise sind die Übergänge, zwischen mal mehr, mal weniger (intensiv) hören und unterschiedlichen Musikstilen, bei mir fließend.
Ich kann aber auch in Löcher fallen. Anfänglich mit hoher Panik verbunden, die Musik komplett verloren zu haben. Eher selten kann das in Extremsituationen noch vorkommen, erwischt mich dann aber meist unerwartet.
Wenn ich in so einem Loch hänge und ich wieder zurück zur klassischen Musik finden möchte, hat sich ein Muster heraus kristallisiert.

(Bin mal wieder zu früh auf Absenden gekommen, ich mache in einem neuen Beitrag weiter.)
tapeesa (22.07.2021, 15:16):
Wie komme ich da wieder raus?

- Phase 1 - ich höre in ein paar Black- oder Death-Metal-Stücke oder Ähnliches hinein.
Das geht recht schnell vorbei, habe abgesehen davon, dass ich mal je 2 Tage 4 - 6 Stunden Black Metal gehört habe, darin auch keine Erfahrung.
- Phase 2 -
Ich versuche herauszufinden, welche klassische Musik in mir etwas berührt.
Manchmal hätte ich gerne eine Liste, die mir das genau vorgibt, aber es ist jedes Mal neu.
An solchen Tagen höre ich in sehr viele Werke hinein - in der Regel passt lange erstmal nichts.
Irgendwann treffe ich dann aber auf ein Stück, wo sich der Knoten löst.

Einmal habe ich auch das 1001 Klassik-Alben Buch zur Hand genommen und mit geschlossenen Augen eine Seite aufgeschlagen, irgendwo hingedeutet und bin darüber auf etwas gekommen, was auf anderen Wegen verschlossen war.
Amonasro (22.07.2021, 23:34):
Eine "Saure-Gurken-Zeit" ist mir beim Musikhören unbekannt, denn irgendetwas gibt es für mich immer zu hören. Natürlich höre ich mal mehr, mal weniger. Das hängt dann aber nicht daran, dass ich nicht mehr wollen würde, sondern daran, dass ich nicht immer genug Zeit habe.

Gruß Amonasro :hello
Cetay (inaktiv) (23.07.2021, 04:01):
Ich muss zugeben, dass ich eine Weile auf der Leitung stand und die Intention dieses Fadens vor den ersten Antworten nicht verstanden habe. Sauregurken-Periode? Da hat man doch gerade mehr Zeit. Hmmmm, achso! Das Gemuese ist nicht der Treiber, sondern eine Analogie. Und dann ist da der Aufsteller. Aufsteller? Ich wandle jetzt ein halbes Jahrhundert, gut ok, deutlich ueber ein halbes Jahrhundert auf dieser Erde, aber dieses Wort ist mir noch nie begegnet. Das Woerterbuch klaert auf. Das ist, was jeder, der einmal mit Marketing-Leuten gearbeitet hat, Display zu nennen pflegt. Wie man im Schwaebischen dazu sagt, weiss ich nicht, aber einen Uffstella gibt es dort so weit ich weiss nicht. Doch das Woerterbuch liefert auch: Aufsteller {m} . Aha! Damit ist wohl etwas gemeint, das einen wieder aufrichtet, wenn man unten ist, weil man beispielsweise gerade Musik schlecht vertragen kann. Ok, jetzt hab ich's. Tz tz, immer diese Swissizismen.

Frueher kannte ich solche Perioden. Nicht dass ich keine Musik hoeren wollte, aber ich wusste nicht was, hatte auf nichts rechte Lust, lief wie ein Tiger vor dem CD-Regal auf und ab, zog ab und an eine heraus, hoerte die im Geiste Ffwd durch, aber irgendetwas passte nicht und ich schob sie wieder zurueck. Das konnte durchaus eine Stunde so gehen, bis irgendeine Pflicht rief.
Heute ist das anders. Das ist meiner beruflichen Situation geschuldet. Ob und wann ich mich im Buero blicken lasse, bleibt mir (absgesehen von einigen Notwendigkeiten) ueberlassen. Dass heisst, ich habe morgens meist viel Zeit - und da bin ich regelrecht g*il drauf, Musik zu hoeren. Immer. Ausser, ich habe einen so heftigen Kater, dass ich Gerausche aller Art nicht vertrage. Was ich hoere, ist selten geplant und selten spontan. Oben fiel der Satz: Ich höre da immer auf meine innere Stimme und innere Verfassung.

@Philidor. Hier haben wir den Dritten Weg, der ohne Teezeremonie auskommt, aber aus der gleichen Himmelsrichtung kommt: Das WuWei des Daoismus. Rekapitulieren wir: Man kann sich die Freiheit nehmen (im doppelten Sinne: gewaehren und wegnehmen), etwas zu planen und dann auch konsequent einzuhalten. Oder man kann sich die Freiheit nehmen, immer das zu tun (zu hoeren), worauf man gerade Lust hat und wird damit zum 'Sklaven' derselben. Letzteres stimmt nur, wenn es ohne Bewusstheit geschieht. WuWei (etwa: Nicht-Tat) vermeidet dies. Der Begriff wird oft als Einladung zur Passivitaet, in den Tag hineinzuleben verstanden, aber das ist nicht gemeint. Gemeint ist, nichts zu tun, das nicht im Einklang mit der kosmischen Ordnung ist. Das sind grosse Worte, denn diese Ordnung koennen wir nicht kennen. Aber wir koennen innerhalten und versuchen, unsere Stellung im immerwaehrenden Prozess der Entfaltung dieser Ordnung zu verstehen - gerade jetzt im Augenblick und dann auf die innere Stimme hoeren. Dann geschieht die Handlung (im konkreten Fall die Auswahl der Musik oder die Wahl der Stille) von selbst. Ok, jetzt komme ich wieder runter von der Kanzel. :D

Mich mit Bewusstheit 'treiben zu lassen', fuehrt in dem allermeisten Faellen zu konzeptuellem Hoeren. Sei es, dass ich bei einem Werk in verschiedenen Interpretationen bleibe, oder bei einem Interpreten mit verschiedenen Werken, oder bei einer Gattung (ich habe mal jedes Konzert fuer Orchester, das ich finden konnte, gehoert), oder bei einer Region, einer Epoche, u.s.w.

Rauskommen, wenn ich es denn mal muesste, wuerde ich wohl immer mit ausgewaehlten Werken von John Cage. Viele seiner Stuecke sind geradezu in Klaenge gefasstes WuWei, da kann ich innerlich ganz tatenlos zuhoeren. Daher passt das immer.
Philidor (23.07.2021, 08:04):
Das ist meiner beruflichen Situation geschuldet. Ob und wann ich mich im Buero blicken lasse, bleibt mir (absgesehen von einigen Notwendigkeiten) ueberlassen. Dass heisst, ich habe morgens meist viel Zeit - und da bin ich regelrecht g*il drauf, Musik zu hoeren. Immer.Ja, kenne ich irgendwie ... 16 Monate könnten es jetzt sein ...
Das WuWei des Daoismus. Rekapitulieren wir: Man kann sich die Freiheit nehmen (im doppelten Sinne: gewaehren und wegnehmen), etwas zu planen und dann auch konsequent einzuhalten. Oder man kann sich die Freiheit nehmen, immer das zu tun (zu hoeren), worauf man gerade Lust hat und wird damit zum 'Sklaven' derselben. Letzteres stimmt nur, wenn es ohne Bewusstheit geschieht. WuWei (etwa: Nicht-Tat) vermeidet dies. Der Begriff wird oft als Einladung zur Passivitaet, in den Tag hineinzuleben verstanden, aber das ist nicht gemeint. Gemeint ist, nichts zu tun, das nicht im Einklang mit der kosmischen Ordnung ist. Das sind grosse Worte, denn diese Ordnung koennen wir nicht kennen. Aber wir koennen innerhalten und versuchen, unsere Stellung im immerwaehrenden Prozess der Entfaltung dieser Ordnung zu verstehen - gerade jetzt im Augenblick und dann auf die innere Stimme hoeren. Dann geschieht die Handlung (im konkreten Fall die Auswahl der Musik oder die Wahl der Stille) von selbst.Sehr spannend!

Wenn ich es richtig verstehe: Das heißt, die zugrundeliegende These ist, wenn ich in mich hineinhöre, dann höre ich nicht den Output von 50+x Jahren Lebenserfahrungen, sondern von Kräften einer kosmischen Ordnung, die mich steuert und die der Welt wohlgesonnen ist - zumindest jedoch die Welt in einem Sinne lenkt, dem man sich ohnehin nicht entziehen kann und darum besser danach trachtet, mit diesem Weltensinn in Resonanz zu leben anstatt gegen den Strom zu schwimmen - was auf Dauer wohl auszehrt, wenn nicht verletzt.

Da schaltet sich mein Kopf ein und sagt: "Wenn diese kosmische Ordnung (jenseits der physikalischen Gesetze) aber eine Illusion ist und meine innere Stimme nur die Illusion von der Existenz äußerer Kräfte?" - Vermutlich habe ich es dann nur noch nicht verstanden ...

Vielleicht ist mein Kopf aber auch zu dumm, um die Weltendinge, wie sie sind, zu verstehen, und sollte sich bei solchen Themen besser bescheiden zurücknehmen und der Erfahrung vieler Menschen vertrauen. Ich meine das ohne jede Ironie.

Aber danke für die Anregung!

Gruß
Philidor

:hello
Maurice inaktiv (23.07.2021, 13:58):
Ich bin nicht zum Musik hören gezwungen. Da ich jeden Tag üben muss, höre ich automatisch jeden Tag Musik. Allerdings lief seit Tagen bei mir Zuhause keine Musik, und wenn, dann mal was aus Youtube.

Da muss ich weder irgendwo heraus kommen, noch mache ich mir Gedanken darüber. Das kommt automatisch wieder zurück.

Ich höre grundsätzlich nur das, auf was ich gerade Lust habe.
Cetay (inaktiv) (24.07.2021, 04:01):
Das WuWei des Daoismus. Rekapitulieren wir: Man kann sich die Freiheit nehmen (im doppelten Sinne: gewaehren und wegnehmen), etwas zu planen und dann auch konsequent einzuhalten. Oder man kann sich die Freiheit nehmen, immer das zu tun (zu hoeren), worauf man gerade Lust hat und wird damit zum 'Sklaven' derselben. Letzteres stimmt nur, wenn es ohne Bewusstheit geschieht. WuWei (etwa: Nicht-Tat) vermeidet dies. Der Begriff wird oft als Einladung zur Passivitaet, in den Tag hineinzuleben verstanden, aber das ist nicht gemeint. Gemeint ist, nichts zu tun, das nicht im Einklang mit der kosmischen Ordnung ist. Das sind grosse Worte, denn diese Ordnung koennen wir nicht kennen. Aber wir koennen innerhalten und versuchen, unsere Stellung im immerwaehrenden Prozess der Entfaltung dieser Ordnung zu verstehen - gerade jetzt im Augenblick und dann auf die innere Stimme hoeren. Dann geschieht die Handlung (im konkreten Fall die Auswahl der Musik oder die Wahl der Stille) von selbst.
Sehr spannend!
Wenn ich es richtig verstehe: Das heißt, die zugrundeliegende These ist, wenn ich in mich hineinhöre, dann höre ich nicht den Output von 50+x Jahren Lebenserfahrungen, sondern von Kräften einer kosmischen Ordnung, die mich steuert und die der Welt wohlgesonnen ist - zumindest jedoch die Welt in einem Sinne lenkt, dem man sich ohnehin nicht entziehen kann und darum besser danach trachtet, mit diesem Weltensinn in Resonanz zu leben anstatt gegen den Strom zu schwimmen - was auf Dauer wohl auszehrt, wenn nicht verletzt.

Da schaltet sich mein Kopf ein und sagt: "Wenn diese kosmische Ordnung (jenseits der physikalischen Gesetze) aber eine Illusion ist und meine innere Stimme nur die Illusion von der Existenz äußerer Kräfte?" - Vermutlich habe ich es dann nur noch nicht verstanden ...
Sehr spannend!

Das ist m.E. eine Interpretation, die ich nicht bewerten will, sondern nur drauf hinweisen, dass das nicht so gesagt wurde. Deine Auslegung verhaelt sich zu dem, was ich gemeint habe, etwa wie eine Interpetationen des spaeten Bernstein zu dem, was in der Komponist gemeint hat. :P

Aber das macht die Diskussion nicht futil, denn immerhin sehen wir (wieder), wie schwierig Kommunikation ist. Du lieferst dankenswerterweise erst dein Verstandnis mit, bevor du sagst: das ist eher nichts fuer mich (so interpretiere ich den letzten Abschnitt). So verstanden waere das auch nichts fuer mich. (Jetzt bewerte ich doch).

Grob: Die kosmische Ordnung (Dao) macht ueberhaupt nichts, lenkt weder die Welt, noch steuert sie den einzelnen. Dao ist - ewig, unveraenderlich. Man kann es nicht beschreiben oder benennen. (Das Doadejing beginnt mit den Worten: Dao kann benennen - nicht ewig Dao)
Wenn du in dich hineinhoerst, hoerst du sehr wohl den Output von 50+x Lebensjahren - und der beinhaltet die Wechselwirkung mit 'ausseren Kraeften' (ob real oder nicht). Das Wissen, wie man sich in diesem Kraftfeld am reibungslosesten bewegt ist im Output vorhanden - und die innere Stimme der Wissensvermittler.

Von daher stimmt deine Folgerung, dass es "besser" ist, in Resonanz zu Leben (wenn man Reibungslosigkeit vorzieht) - auch wenn der theoretische Unterbau sehr eigenwillig interpretiert wurde.

Ja, alles ist Einbildung. Alles Wahrgenommene wird erst in unseren Gehirnen gebildet. Deswegen finde ich immer es immer verwegen, wenn jemand zu wissen glaubt, was davon als Objektive Realiteat "da draussen" und was davon "reine" Einbildung ist. Die Physik hilft da nicht weiter, denn deren Resultate sind wie alles andere auch eingebildet. Auf die Erfahrung vieler Menschen, vulgo: die Mehrheit will ich da nicht vertrauen. Die ist selten ein guter Ratgeber.

Wie kriege ich jetzt den Bogen zum Thema? Anlass war die Frage, ob ich grundsätzlich nur hoere, auf was ich gerade Lust habe oder ob ich konzeptuell und planmaessig hoere. Ich meine, in Phasen, in denen man nicht mehr als ein, zwei Werke ertraegt oder gar Stille braucht und da herauskommen will, bietet sich das zweite als Aufsteller an. Etwa: "Ich hab zur Zeit auf nichts recht Bock, also nehme ich mir jetzt mal ein Beethoven-Quartett pro Tag vor, bis ich alle Sechzehne durch habe - dann nutze ich die Gurkenzeit wenigstens zur Bildung". Und wenn sich nach Nummer 4 der Bock auf etwas anderes einstellt, dann folge ich meiner inneren Stimme und breche freudig ab - bis zum neachsten Sommerloch.
Philidor (24.07.2021, 07:44):
Ja, alles ist Einbildung. Alles Wahrgenommene wird erst in unseren Gehirnen gebildet.
Da stimme ich (vorsichtig) zu ...
Deswegen finde ich immer es immer verwegen, wenn jemand zu wissen glaubt, was davon als Objektive Realiteat "da draussen" und was davon "reine" Einbildung ist.
... und muss hier mein "vorsichtig" doch ein wenig ausführen: Die Frage ist also, ob es eine objektive Realität gibt (was immer das sein soll) oder nicht.

Im Kleinsten scheint es keine objektive Realität zu geben. Heisenberg ist wohl nicht nur eine Aussage über die Grenzen des Messens, sondern eine Aussage über die Unschärfe der Welt. Als Beleg führe ich an, dass das Vakuum nicht leer ist, sondern dass darin permanent Teilchenpaare entstehen und einander wieder vernichten. Das scheint kein Messproblem zu sein. (Wobei auch die Wahrnehmung der Teilchenpaare freilich erst durch eine Messung festgestellt wird.)

Ich fühle mich versucht, lebenspraktisch abzubiegen ... denn: ist es überhaupt sinnvoll, von einer objektiven Realität auszugehen, wenn wir diese nicht messen, sprich: wahrnehmen können? ... ist es nicht eine brauchbare Annahme, von der Existenz einer (zumindest makroskopisch) objektiven Realität zumindest bei dinglichen Aspekten auszugehen und zu berücksichtigen, dass unsere Wahrnehmungen individuell-subjektiv sind?

Oder muss ich soweit gehen, zu sagen, dass die Existenz anderer Menschen eventuell auch nur Einbildung einer so nicht vorhandenen objektiven Realität sei? Aber welchen Unterschied würde das machen?

Wäre es für Dich konsensfähig, zu sagen, es gibt im Dinglichen eine objektive Realität (die Erde dreht sich um die Sonne, heliozentrisches Koordinatensystem mal vorausgesetzt, da läuft eine Katze, da ist ein Berg, es regnet, es ist angenehm warm, der Wind bläst, da steht eine Blume, ...), es gibt andere Menschen mit ählichem Wahrnehmungsapparat wie ich selbst, die allerdings zu anderen Wahrnehmungen und Bewertungen gelangen?
"Ich hab zur Zeit auf nichts recht Bock, also nehme ich mir jetzt mal ein Beethoven-Quartett pro Tag vor, bis ich alle Sechzehne durch habe - dann nutze ich die Gurkenzeit wenigstens zur Bildung".
... oder: "Ich habe beim ersten Mal, als ich die 16 zur BIldung hörte bemerkt, welchen Genuss diese Werke beim Hören am Stück bieten, und möchte den - mit verschiedenen Ensembles zur Bereicherung meines Bildes der Werke - wiederholen".

Gruß
Philidor

:hello
Sfantu (24.07.2021, 11:42):
Nun staune ich aber nicht schlecht, welchen (von mir nicht erwarteten) Anklang dieses kleine Fädeli hier findet.

@ Cetay,
jaja, immer diese Helvetismen - ich weiß.
Auch bei Landsleuten (mehrere Kolleginnen bspw.), die nicht Schwitzerdütsch sprechen können oder wollen, schleichen sich im selbst gesprochenen und geschriebenen Hochdeutsch (auf Mundart: Schriftdütsch) mit der Zeit Vokabeln, Metrik und Prosodie ein, welche typisch für diese Alpenrepublik sind.
Also - der Aufsteller (bärndütsch: Uffschtäuer) ist etwas, das wach macht, aufmuntert, in Präsenz bringt. Das kann körperliche Aktivität sein, ein Lob, eine Pointe, Coffein und, eben auch, Musik.

Keine Frage - der Gegenstand eurer Betrachtungen (Cetay und Philidor) ist freilich viel komplexer als mein Ausgangsgedanke.
Auf eben diesen komme ich nun aber zurück und erwähne Musiken, die sich bei mir als Aufsteller bewährt haben.


Gaetano Donizetti
Die kompletten (Opern-) Ballettmusiken

Philharmonia Orchestra London - Antonio de Almeida
(LP, Philips, 1979)

Donizettis prachtvolle Balletteinlagen sind schlichtweg mitreissend in ihrer unwiderstehlichen Italianità.
Ich kann mir keine überzeugendere Darbietung denken als diese mit dem Philharmonia und Almeida.



Franz Joseph Haydn
Sinfonien Hob I: 6, 7 und 8

The English Concert - Trevor Pinnock
(leider "nur" auf CD bei mir. Das Album wurde damals auch noch als LP produziert. DGA, 1987)

Der junge Kapellmeister am Neusiedler See bietet mit seinen drei Tageszeiten alles, was das Herz des Barock-Vorklassik-und Klassikhörers höher schlagen läßt. Klarheit, Eleganz, Ebenmaß. Unter vielen guten Einspielungen vereinen The English Concert und Pinnock ein Maximum an Vorzügen. Das ist nah am Optimum.


Es gibt dann aber auch Gemütslagen des Nicht-Hörens, aus denen ich nicht mit frischem Wind und klarem Wasser herausgewirbelt sondern behutsam erweckt werden möchte. Aus Gründen, die ich nicht kenne, eignen sich bei mir hierfür sanfte, sphärische Jazz-Klänge der ECM-Ästhetik.


Liz Story
Solid Colors
(LP, Windham Hill, 1982)

Das Debüt der amerikanischen Pianistin rührt immer wieder mein Herz an. Musik, die wie aus dem Plätschern des Bächli neben unserem Haus zu kommen scheint.



Nik Bärtsch
Entendre
(2 LPs, ECM, 2021)

Bärtsch reiht sich ganz frisch und neu hier ein. Und er schaffte es aktuell, mich aus meiner Lethargie herauszuholen.
Soweit ich es überblicke, ist dies sein erstes Solo-Album, also ohne "Ronin" oder "Mobile".
Klavierzauber mit Sogwirkung. Und ja - der Titel des Albums ist Programm.
Sfantu (24.07.2021, 23:16):
Das Woerterbuch klaert auf. Das ist, was jeder, der einmal mit Marketing-Leuten gearbeitet hat, Display zu nennen pflegt.
Richtig.
Als Aufsteller werden ebenfalls Papp-Kameraden bezeichnet, welche die Aufmerksamkeit potentieller Kunden erregen sollen.
Ein Studien-Kollege hatte damals eine lebensgroße Pappmaché-Maria Callas (eben einen Aufsteller) in seiner Wohnung stehen. Er hatte nur marginal Interesse an klassischer Musik (im weitesten Sinne) - die Callas war (& ist) aber nunmal eine tells glühend verehrte Schwulen-Ikone (bei klassikresistenten Schwulen gern auch Grace Jones).
Dies nur als Anmerkung zum tieferen Ausloten des Begriffs "Aufsteller".
Philidor (24.07.2021, 23:41):
Also - der Aufsteller (bärndütsch: Uffschtäuer) ist etwas, das wach macht, aufmuntert, in Präsenz bringt. Das kann körperliche Aktivität sein, ein Lob, eine Pointe, Coffein und, eben auch, Musik.
Ok, in diesem Sinne kann ich was nennen ... ich beginne mal außerklassisch:



Ferner:
Joe Haider Jazz Orchestra starring Mel Lewis: Keep Hot

(kein Cover verfügbar)

Fetziger medium-size-Big-Band-Jazz mit Premium-Getrommel.

Gruß
Philidor

:hello
Cetay (inaktiv) (25.07.2021, 03:09):
LIeber Philidor,

ich bin bei Weltanschauung zu jedem Konsens faehig, schliesslich versuchen wir etwas (das System 'Welt') zu beschreiben, von dem wir selbst ein Teil sind und das wir nur innerhalb der Grenzen dessen, der anschaut und dessen, was angeschaut wird, erfassen koennen. Solange es intern konsistent und widerspruchsfrei ist, wird sich keine Widerlegung finden lassen. Man kann sogar sagen, dass selbst Widerspruechlichkeit kein Beweis fuer die Fehlerhaftigkeit eines Weltbildes ist, sondern nur daher ruehrt, dass wir nicht in der Lage sind, das Ganze wahrzunehmen.
Aber selbst wenn wir bei der konsistenten Gruppe bleiben, gibt es genug Auswahl. Von der Vorstellung, dass Materie das einzig reale ist und Bewusstsein nur ein Epiphaenomen materieller Vorgaenge bis hin zur Vorstellung, dass Bewusstsein das einzige ist, das existiert und materielle Vorgange nur "Traeume" sind. Und es gibt viele graduelle Abstufungen dazwischen und Verzweigungen und nichts davon ist entgueltig beweisbar oder widerlegbar. Wer waere ich, zu sagen, meine Ansicht ist die einzig richtige.

Was ich fuer mich tun kann, ist die Weltbilder auf Widerspruechichkeiten abzuklopfen. Die materielle Theorie, die dem Bewusstsein keine unabhaengige Existenz zuweist, ist voll davon und die Loecher werden mal mehr, mal weniger elegant gestopft. Konzepte wie Dunkle Materie und Dunkle Energie zeigen, dass unsere Annahmen (als Axiome formuliert) zu Beobachtungen fuehren, die nicht mit aus Axiomen abgeleiteten Gesetzen uebereinstimmen. Also muss unsere Beobachtung unvollstaendig sein und es muss noch etwas geben, das wir nicht beobachten koennen. Das ist nicht zu widerlegen, aber man darf vorsichtig darauf hinweisen, dass die falsche Beobachtung auch auf falsche oder unzureichend formulierte Axiome hindeuten koennte. Mit Bewusstsein als fundamentaler Kraft, die mit Materie wechselwirkt, liese sich das ebenso elegant loesen. Wir koennen es nicht wissen. Letzlich ist es eine Glaubensfrage.

Aufsteller. Das Wort gefaellt mir immer besser. Wobei ich den praktisch nie brauche, um aus einer Saureohren-Zeit rauszukommen. Es kann wohl sein, dass ich ein paar Wochen keine Klassik hoeren mag, dass hoere ich halt Jazz. Wenn ich das Gedudel nicht abkann, gibt es halt Metal. Wenn mir die Riffs in den Ohren klingeln, habe ich als Notreserve noch zwei CDs aus dem Tech/Club/Dance-Umfeld behalten. Wenn mir das Bumm-Bumm auch nicht behagt, dann stimmt definitv etwas nicht. Dann kommt die Spritze zum Einsatz:


Tom Scott - Intimate Strangers

Jazz zwar, aber Easy Listening / Smooth genug, dass es niemals nervt und es fetzt stellenweise mitreissend (aufstellend), aber nicht so sehr, dass es jemals nervt. Es gibt die so schwer zu charakterisierenden 'Grossen Momente" in Massen und es wird innerhalb der engen Rahmenbedingungen noch genuegend Futter fuer den Kopf geboten.
Philidor (25.07.2021, 09:29):
Lieber Cetay,

ja, gute Frage: Was können wir aus der Innenschau über das System (schon die Präposition "über" ist ja falsch) erfahren und davon verstehen?
Von der Vorstellung, dass Materie das einzig reale ist und Bewusstsein nur ein Epiphaenomen materieller Vorgaenge bis hin zur Vorstellung, dass Bewusstsein das einzige ist, das existiert und materielle Vorgange nur "Traeume" sind.
Schöne Beschreibung der Extrempositionen eines rein materiellen und eines rein geitigen Weltbildes!
Man kann sogar sagen, dass selbst Widerspruechlichkeit kein Beweis fuer die Fehlerhaftigkeit eines Weltbildes ist,
Da gehe ich mich.
Konzepte wie Dunkle Materie und Dunkle Energie zeigen, dass unsere Annahmen (als Axiome formuliert) zu Beobachtungen fuehren, die nicht mit aus Axiomen abgeleiteten Gesetzen uebereinstimmen.Oder dass wir eben die Physik noch nicht Ende-zu-Ende verstehen. Unsere Weltbilder und deren Überprüfung hängt wesentlich an der zuverlässigen Messung von Entfernungen. Dafür setzen die Astronomen z. B. Supernovae eines bestimmten Typs als "Standardkerzen" ein, also als Objekte, deren absolute Leuchtkraft man zu glaubt und darum aus der empfangenen Helligkeit auf die Entfernung rückzuschließen vermag. - In diesem Kontext musste schon einiges korrigiert werden.
Dunkle EnergieEin Kandidat dafür ist ja gerade die vorgenannte Vakuumenergie mit aus dem Nichts entstehenden Teilchenpaaren, die sofort wieder einander unter Freisetzung von Energie vernichten. Die Nachkalkulation mit konkreten Zahlen ergab leider eine Divergenz zwischen Theorie und Beobachtung von 120 Größenordnungen :D und gilt als eines der schlechtesten Welterklärungsmodelle, die Menschen je unternommen haben ...

Was ich fuer mich tun kann, ist die Weltbilder auf Widerspruechichkeiten abzuklopfen.Ja. Nur: Auf welcher Grundlage? Was ist die "höherer Wahrheit", die als Maßstab für Widerspruchsfreiheit dient? Der gesunde Menschenverstand?
Also muss unsere Beobachtung unvollstaendig sein und es muss noch etwas geben, das wir nicht beobachten koennen....oder unsere Schlussfolgerungen sind falsch, weil wir die Gesetze der Physik nicht genug kennen oder falsch anwenden.
Das ist nicht zu widerlegen, aber man darf vorsichtig darauf hinweisen, dass die falsche Beobachtung auch auf falsche oder unzureichend formulierte Axiome hindeuten koennte....eben!

Gruß
Philidor

:hello
Cetay (inaktiv) (26.07.2021, 00:39):
Dunkle Energie
Ein Kandidat dafür ist ja gerade die vorgenannte Vakuumenergie mit aus dem Nichts entstehenden Teilchenpaaren, die sofort wieder einander unter Freisetzung von Energie vernichten. Die Nachkalkulation mit konkreten Zahlen ergab leider eine Divergenz zwischen Theorie und Beobachtung von 120 Größenordnungen :D und gilt als eines der schlechtesten Welterklärungsmodelle, die Menschen je unternommen haben ...
Was ich fuer mich tun kann, ist die Weltbilder auf Widerspruechichkeiten abzuklopfen.
Ja. Nur: Auf welcher Grundlage? Was ist die "höherer Wahrheit", die als Maßstab für Widerspruchsfreiheit dient? Der gesunde Menschenverstand?...
Nun sei doch nicht so streng mit den Theoretikern. Das ist gerade mal um 1 Milliarde x 1 Milliarde x 1 Milliarde x 1 Milliarde x {Zahl der Atome im ganzen Universium} daneben. Es haette immer noch schlimmer kommen koennen. :D

Es gibt keine Grundlage dafuer, dass ich widerspruchsfreie Weltbilder bevorzuge. Ich nenne es Intuition, deswegen gilt das nur "fuer mich". Eine objektive Bewertung geht damit nicht einher. Bei einem bin ich mir allerdings sicher: dem gesunden Menschenverstand kann ich nicht trauen.
Philidor (26.07.2021, 07:59):
dem gesunden Menschenverstand kann ich nicht trauen.
:beer
Cetay (19.01.2022, 03:20):
Manchmal bin ich unschluessig, weil ich entweder auf alles gleichzeitig oder auf nichts Lust habe. Will ich Metal hoeren oder will ich Elektro-Beats hoeren oder doch lieber Barockmusik? Oder mal wieder Avantgarde? Wie waers mit Balkan-Folk, Chopinesquem, Ambient, Jazz, Opernarien, klassischer Sologitarre oder Triumphmarsch-Bombast? Welche Art Gesang soll es sein? Guttural, Screamo, Emo, traditionell oder Belcanto?

Da kann es schon mal vorkommen, dass ich alle 10 Minuten das Programm wechsle. Ich Zukunft macht das Igorrr fuer mich. Das ist der Inbegriff eines Aufstellers. Da ist alles drauf:



Igorrr - Savage Sinusoid (2017) & Spirituality and Distortion (2020)