Wagners Vorläufer: Heinrich Marschner

manrico (15.10.2007, 02:15):
Wenn man sich die Wagnerianer so anhört, hat man das Gefühl, der göttliche Meister sei wie Phönix aus der Asche erstanden. Tatsächlich, so finde ich, hat er vor allem in seinen Anfangswerken die Opern Marschners sehr stark kopiert (Rienzi als Kopie des Meyerbeer'schen Stils zu bezeichnen halte ich für eine grobe Beleidigung Meyerbeers. Wagners lärmendes Unglücksdrama kann den differenzierten, farbenprächtigen Opern Meyerbeers in keiner Weise das Wasser reichen).

Vor allem die beiden Opern "Der Vampyr" und "Templer und Jüdin" standen für Fliegenden Holländer, Tannhäuser und Lohengrin zum Teil ganz unverblümt Pate.

Im Vampyr handelt es sich um eine Geschichte, in der das Erlösungsgedanken durch eine Frau im Zentrum des Geschehens steht. Emmy singt dort eine Ballade "Sieh, Mutter, dort den bleichen Mann". Es ist meiner Ansicht nach unmöglich, dass Wagner diese Nummer nicht gekannt hat, als er Sentas "Traft ihr das Schiff am Meere an". Inhalt, musikalische Substanz und Ausdruck sind einander einfach zu ähnlich.

Gleiches gilt für "Lohengrin" und "Templer und Jüdin". Hier wie im Lohengrin wird ein Gottesgericht gegen eine zu Urecht Angeklagte gefordert (hier die Jüdin Rebecca, die der Hexerei gegen den Templer Bois-Guilbert angeklagt wird, dort Elsa). Bei beiden wird dreimal ein Streiter für die Beklagte ausgerufen, beim dritten Mal erscheint ein unbekannter Ritter (Ivanhoe bzw. Lohengrin), der Bois-Gilbert, respektive Telramund besiegt (Bois-Gilbert fällt allerdings in diesem Kampf). Auch hier sind die musikalischen und inhaltlichen Anleihen nicht zu überhören.

Was die erhältlichen Aufnahmen betrifft, so sieht es bei Marschner eher traurig aus. Vom Vampyr kenne ich zwei Aufnahmen (von der Existenz zumindest einer Dritten wiess ich, kenn sie aber nicht). Die beste ist meiner Ansicht nach der münchner Mitschnitt unter Fritz Rieger mit Nikolaus Hillebrand, Arleen Auger, Donald Grobe und Anna-Tomowa Sintow. Diese Aufnahme ist etwas vollständiger als die Wiener Produktion von 1951 unter Kurt Tenner mit Lyane Synek, Georg Öggl und Kurt Equilutz. Ganz im Stil der damaligen zeit ersetzt man die Dialoge durch eine Erzählerin. Das selbe Team (Sperlbauer, Öggl, Equilutz, Synek) hat die einzige mir bekannte Einspielung von "Templer und Jüdin" aufgenommen. Positiv zu erwähnen sind hier sicherlich Öggl und Synek (vor allem das Gebet der Rebecca und die Auseinandersetzung Bois-Guilbert-Rebecca ist musikalisch wunderschön und von Synek berührend interpretiert). Der wirklich große Schwachpunkt dieser Aufnahme ist Wotrubas Interpretation des Narren Wamba, der ein bißchen gar thumb ausfällt.

Natürlich haben Marschners Opern nicht den großen Gestus und die Bedeutungsschwere Wagners (ob das positiv oder negativ ist, sei jetzt dahingestellt), trotzdem finde ich, dass es an der Zeit wäre, diese Opern wieder einem breiteren Publikum bekannt zu machen, vor allem, da "Templer und Jüdin" meines Wissens nach im Moment überhaupt nicht auf Tonträger greifbar ist.

Liebe Grüße


Werner
Amadé (15.10.2007, 21:56):
Lieber Werner,

schön dass Du diesen Thread eröffnet hast und unseren Blick auf einen fast vergessenen Deutschen Opernkomponisten richtest.

Ich muss gleich gestehen, dass ich selbst außer lexikalischem Wissen wenig Kenntnis über Leben und Werk habe. 2 Opern stehen in meiner Sammlung "Der Vampyr" in einer römischen Aufnahme unter Leitung von Günter Neuhold und vielleicht seine berühmteste OPer "Hans Heiling" in einer Rundfunkproduktion des NWDR HAmburg unter Leitung von Wilhelm Schüchter auf dem Cantus-Label. Über die Qualität der Aufnahmen kann ich allerdings nichts sagen, da mir Vergleiche fehlen, leider.

Grüße Bernd
Jimi (15.10.2007, 22:38):
Original von manrico

Im Vampyr handelt es sich um eine Geschichte, in der das Erlösungsgedanken durch eine Frau im Zentrum des Geschehens steht. Emmy singt dort eine Ballade "Sieh, Mutter, dort den bleichen Mann". Es ist meiner Ansicht nach unmöglich, dass Wagner diese Nummer nicht gekannt hat, als er Sentas "Traft ihr das Schiff am Meere an". Inhalt, musikalische Substanz und Ausdruck sind einander einfach zu ähnlich.



Hallo Werner,

du kannst davon ausgehen das Wagner nicht nur die Ballade der Emmy, sondern die ganze Oper ganz genau gekannt hat, nicht nur das er als 15-jähriger unter den Zuhörern der ersten Aufführungen der Oper war(1828), er hat sich auch 5 Jahre später, als Korrepetitor in Würzburg, mit dem Vampyr beschäftigt.

In der Tat gibt es leider nur wenig Einspielungen der Oper, die von dir genannten kenne ich leider nicht, aber dafür 2 andere:

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/4082923.jpg

Die erste hier ist eine rel neue Einspielung von 1999 unter Helmuth Froschauer, die Titelrolle ist mit einem Baß etwas problematisch besetzt, Franz Hawlata tut sich mit der Tessitura der Rolle doch recht schwer und bleibt so der dramatischen Gestaltung der Figur einiges schuldig.
Die Aufnahme lohnt sich hauptsächlich wegen Jonas Kaufmann als Aubry , für mich deutlich der beste Sänger der Aufnahme, in "Wie ein schöner Frühlingsmorgen" klingt er fast ein wenig wie der junge Fritz Wunderlich.


http://ecx.images-amazon.com/images/I/4107E7YGV5L._AA240_.jpg

die zweite Aufnahme ist eine Liveaufnahme von 1980 aus Rom unter Günter Neuhold, ich hab sie länger nicht gehört, jedenfalls ist die Titelpartie
mit einem Bariton(Sigmund Nimsgern) besser besetzt.

Die Jüdin und der Templer kenne ich leider nicht, aber was ist mit "Hans Heiling", hast du "den" vergessen? :ignore
Das ist eigentlich meine Lieblingsoper von Marschner, ok ich kenne ja nur die beiden.

Jetzt stellt sich noch die Frage warum die Opern von Marschner so unbekannt sind, obwohl sie musikgeschichtlich als Bindeglied zwischen Weber und Wagner sehr wichtig sind.
Vielleicht liegt genau hier das Problem, Marschner ist sozusagen zwischen den bekannteren Weber und Wagner "verschüttet" gegangen.


:hello Jimi
manrico (16.10.2007, 01:25):
Lieber Amade, lieber Jimi!

Freut mich, dass Marschner so rasch auf Resonanz gestossen ist, das hätte ich gar nicht erwartet (vor allem, nachdem meine Versuche mit Otello, Don Carlos und Pagliacci mehr oder minder rasch zum Stillstand gekommen sind).

Von Marschners Opern schätze ich persönlich den Vampyr am meisten, gefolgt von Templer und Jüdin. Mit dem Hans Heiling tu ich mir schwerer. Irgendwie finde ich die Musik etwas spröder und weniger eindrücklich als die der beiden anderen Opern. Hier gefällt mir die Arie des Hans Heiling "An jenem Tag, da du mir Treue verprochen" (Gruß an Sentas Erik "Willst jenes Tags du nicht mehr dich entsinnen" bzw. an den Herrn Holländer selbst "Wohl hast du Treue mir gelobt"), die große Bariton-Erzählung des Bois-Guilbert aus Templer und Jüdin "War ein Ritter je im Leben" oder Ruthvens "Ha, noch einen ganzen Tag" finde ich vom Duktus her einfach mutiger und schöner. Möglicherweise liegt es aber auch an meiner einzigen Hans Heiling-Aufnahme, die ich besitze: Joseph Keilberth 1966 mit Hermann Prey, den ich von seiner Art des Singens sehr antiquiert finde.
Vielleicht könnt ihr mir aber bessere, spannendere Einspielungen des Hans Heiling empfehlen.
Zu der Aufnahme von "Templer und Jüdin" bin ich durch Zufall gekommen, da in einem "Phonomuseum" diese Aufnahme aus den 50er Jahren gesendet wurde und ich sie mitgeschnitten habe. Ob sie je auf Platte erschienen ist, weiss ich nicht, die Oper scheint jedenfalls früher recht beliebt gewesen zu sein. Ich habe während meiner Schulzeit im Musikzimmer unserer Schule sogar ein altes Textbuch zur Oper gefunden (o.k., das ist kein Beweis für meine These, aber doch immerhin ein Hinweis).
Nachdem die Urania aber vor etwa einem Jahr den Vampyr herausgebracht hat, der mit praktisch identischer Besetzung wie Templer und Jüdin erschienen ist, hoffe ich sehr auf, dass auch diese Oper wieder am Markt erscheint (meine Cassette von damals ist nicht mehr das Gelbe vom Ei).

Liebe Grüße

Werner

Werner
Jimi (16.10.2007, 10:01):
Original von manrico
Möglicherweise liegt es aber auch an meiner einzigen Hans Heiling-Aufnahme, die ich besitze: Joseph Keilberth 1966 mit Hermann Prey, den ich von seiner Art des Singens sehr antiquiert finde.
Vielleicht könnt ihr mir aber bessere, spannendere Einspielungen des Hans Heiling empfehlen.

Hallo Bernd und Werner,

eure Heilingaufnahmen kenne ich nicht, ich habe auch nur eine einzige, und zwar eine rel. neue DvD mit Markus Werba als Hans Heiling...

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/2214908.jpg

...und ich finde ihn sehr beeindruckend, sowohl sängerisch als auch darstellerisch, allerdings hab ich ja keinen Vergleich.

Was Herman Prey angeht teile ich die Einschätzung von Werner.
Von dem was ich von ihm kenne, kann ich mir unmöglich vorstellen das, das mit dem Hans Heiling wirklich zusammengeht, es gibt sicher geeignetere Rollen für ihn.

:hello Jimi
manrico (15.10.2007, 02:15):
Wenn man sich die Wagnerianer so anhört, hat man das Gefühl, der göttliche Meister sei wie Phönix aus der Asche erstanden. Tatsächlich, so finde ich, hat er vor allem in seinen Anfangswerken die Opern Marschners sehr stark kopiert (Rienzi als Kopie des Meyerbeer'schen Stils zu bezeichnen halte ich für eine grobe Beleidigung Meyerbeers. Wagners lärmendes Unglücksdrama kann den differenzierten, farbenprächtigen Opern Meyerbeers in keiner Weise das Wasser reichen).

Vor allem die beiden Opern "Der Vampyr" und "Templer und Jüdin" standen für Fliegenden Holländer, Tannhäuser und Lohengrin zum Teil ganz unverblümt Pate.

Im Vampyr handelt es sich um eine Geschichte, in der das Erlösungsgedanken durch eine Frau im Zentrum des Geschehens steht. Emmy singt dort eine Ballade "Sieh, Mutter, dort den bleichen Mann". Es ist meiner Ansicht nach unmöglich, dass Wagner diese Nummer nicht gekannt hat, als er Sentas "Traft ihr das Schiff am Meere an". Inhalt, musikalische Substanz und Ausdruck sind einander einfach zu ähnlich.

Gleiches gilt für "Lohengrin" und "Templer und Jüdin". Hier wie im Lohengrin wird ein Gottesgericht gegen eine zu Urecht Angeklagte gefordert (hier die Jüdin Rebecca, die der Hexerei gegen den Templer Bois-Guilbert angeklagt wird, dort Elsa). Bei beiden wird dreimal ein Streiter für die Beklagte ausgerufen, beim dritten Mal erscheint ein unbekannter Ritter (Ivanhoe bzw. Lohengrin), der Bois-Gilbert, respektive Telramund besiegt (Bois-Gilbert fällt allerdings in diesem Kampf). Auch hier sind die musikalischen und inhaltlichen Anleihen nicht zu überhören.

Was die erhältlichen Aufnahmen betrifft, so sieht es bei Marschner eher traurig aus. Vom Vampyr kenne ich zwei Aufnahmen (von der Existenz zumindest einer Dritten wiess ich, kenn sie aber nicht). Die beste ist meiner Ansicht nach der münchner Mitschnitt unter Fritz Rieger mit Nikolaus Hillebrand, Arleen Auger, Donald Grobe und Anna-Tomowa Sintow. Diese Aufnahme ist etwas vollständiger als die Wiener Produktion von 1951 unter Kurt Tenner mit Lyane Synek, Georg Öggl und Kurt Equilutz. Ganz im Stil der damaligen zeit ersetzt man die Dialoge durch eine Erzählerin. Das selbe Team (Sperlbauer, Öggl, Equilutz, Synek) hat die einzige mir bekannte Einspielung von "Templer und Jüdin" aufgenommen. Positiv zu erwähnen sind hier sicherlich Öggl und Synek (vor allem das Gebet der Rebecca und die Auseinandersetzung Bois-Guilbert-Rebecca ist musikalisch wunderschön und von Synek berührend interpretiert). Der wirklich große Schwachpunkt dieser Aufnahme ist Wotrubas Interpretation des Narren Wamba, der ein bißchen gar thumb ausfällt.

Natürlich haben Marschners Opern nicht den großen Gestus und die Bedeutungsschwere Wagners (ob das positiv oder negativ ist, sei jetzt dahingestellt), trotzdem finde ich, dass es an der Zeit wäre, diese Opern wieder einem breiteren Publikum bekannt zu machen, vor allem, da "Templer und Jüdin" meines Wissens nach im Moment überhaupt nicht auf Tonträger greifbar ist.

Liebe Grüße


Werner
Amadé (15.10.2007, 21:56):
Lieber Werner,

schön dass Du diesen Thread eröffnet hast und unseren Blick auf einen fast vergessenen Deutschen Opernkomponisten richtest.

Ich muss gleich gestehen, dass ich selbst außer lexikalischem Wissen wenig Kenntnis über Leben und Werk habe. 2 Opern stehen in meiner Sammlung "Der Vampyr" in einer römischen Aufnahme unter Leitung von Günter Neuhold und vielleicht seine berühmteste OPer "Hans Heiling" in einer Rundfunkproduktion des NWDR HAmburg unter Leitung von Wilhelm Schüchter auf dem Cantus-Label. Über die Qualität der Aufnahmen kann ich allerdings nichts sagen, da mir Vergleiche fehlen, leider.

Grüße Bernd
Jimi (15.10.2007, 22:38):
Original von manrico

Im Vampyr handelt es sich um eine Geschichte, in der das Erlösungsgedanken durch eine Frau im Zentrum des Geschehens steht. Emmy singt dort eine Ballade "Sieh, Mutter, dort den bleichen Mann". Es ist meiner Ansicht nach unmöglich, dass Wagner diese Nummer nicht gekannt hat, als er Sentas "Traft ihr das Schiff am Meere an". Inhalt, musikalische Substanz und Ausdruck sind einander einfach zu ähnlich.



Hallo Werner,

du kannst davon ausgehen das Wagner nicht nur die Ballade der Emmy, sondern die ganze Oper ganz genau gekannt hat, nicht nur das er als 15-jähriger unter den Zuhörern der ersten Aufführungen der Oper war(1828), er hat sich auch 5 Jahre später, als Korrepetitor in Würzburg, mit dem Vampyr beschäftigt.

In der Tat gibt es leider nur wenig Einspielungen der Oper, die von dir genannten kenne ich leider nicht, aber dafür 2 andere:

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/4082923.jpg

Die erste hier ist eine rel neue Einspielung von 1999 unter Helmuth Froschauer, die Titelrolle ist mit einem Baß etwas problematisch besetzt, Franz Hawlata tut sich mit der Tessitura der Rolle doch recht schwer und bleibt so der dramatischen Gestaltung der Figur einiges schuldig.
Die Aufnahme lohnt sich hauptsächlich wegen Jonas Kaufmann als Aubry , für mich deutlich der beste Sänger der Aufnahme, in "Wie ein schöner Frühlingsmorgen" klingt er fast ein wenig wie der junge Fritz Wunderlich.


http://ecx.images-amazon.com/images/I/4107E7YGV5L._AA240_.jpg

die zweite Aufnahme ist eine Liveaufnahme von 1980 aus Rom unter Günter Neuhold, ich hab sie länger nicht gehört, jedenfalls ist die Titelpartie
mit einem Bariton(Sigmund Nimsgern) besser besetzt.

Die Jüdin und der Templer kenne ich leider nicht, aber was ist mit "Hans Heiling", hast du "den" vergessen? :ignore
Das ist eigentlich meine Lieblingsoper von Marschner, ok ich kenne ja nur die beiden.

Jetzt stellt sich noch die Frage warum die Opern von Marschner so unbekannt sind, obwohl sie musikgeschichtlich als Bindeglied zwischen Weber und Wagner sehr wichtig sind.
Vielleicht liegt genau hier das Problem, Marschner ist sozusagen zwischen den bekannteren Weber und Wagner "verschüttet" gegangen.


:hello Jimi
manrico (16.10.2007, 01:25):
Lieber Amade, lieber Jimi!

Freut mich, dass Marschner so rasch auf Resonanz gestossen ist, das hätte ich gar nicht erwartet (vor allem, nachdem meine Versuche mit Otello, Don Carlos und Pagliacci mehr oder minder rasch zum Stillstand gekommen sind).

Von Marschners Opern schätze ich persönlich den Vampyr am meisten, gefolgt von Templer und Jüdin. Mit dem Hans Heiling tu ich mir schwerer. Irgendwie finde ich die Musik etwas spröder und weniger eindrücklich als die der beiden anderen Opern. Hier gefällt mir die Arie des Hans Heiling "An jenem Tag, da du mir Treue verprochen" (Gruß an Sentas Erik "Willst jenes Tags du nicht mehr dich entsinnen" bzw. an den Herrn Holländer selbst "Wohl hast du Treue mir gelobt"), die große Bariton-Erzählung des Bois-Guilbert aus Templer und Jüdin "War ein Ritter je im Leben" oder Ruthvens "Ha, noch einen ganzen Tag" finde ich vom Duktus her einfach mutiger und schöner. Möglicherweise liegt es aber auch an meiner einzigen Hans Heiling-Aufnahme, die ich besitze: Joseph Keilberth 1966 mit Hermann Prey, den ich von seiner Art des Singens sehr antiquiert finde.
Vielleicht könnt ihr mir aber bessere, spannendere Einspielungen des Hans Heiling empfehlen.
Zu der Aufnahme von "Templer und Jüdin" bin ich durch Zufall gekommen, da in einem "Phonomuseum" diese Aufnahme aus den 50er Jahren gesendet wurde und ich sie mitgeschnitten habe. Ob sie je auf Platte erschienen ist, weiss ich nicht, die Oper scheint jedenfalls früher recht beliebt gewesen zu sein. Ich habe während meiner Schulzeit im Musikzimmer unserer Schule sogar ein altes Textbuch zur Oper gefunden (o.k., das ist kein Beweis für meine These, aber doch immerhin ein Hinweis).
Nachdem die Urania aber vor etwa einem Jahr den Vampyr herausgebracht hat, der mit praktisch identischer Besetzung wie Templer und Jüdin erschienen ist, hoffe ich sehr auf, dass auch diese Oper wieder am Markt erscheint (meine Cassette von damals ist nicht mehr das Gelbe vom Ei).

Liebe Grüße

Werner

Werner
Jimi (16.10.2007, 10:01):
Original von manrico
Möglicherweise liegt es aber auch an meiner einzigen Hans Heiling-Aufnahme, die ich besitze: Joseph Keilberth 1966 mit Hermann Prey, den ich von seiner Art des Singens sehr antiquiert finde.
Vielleicht könnt ihr mir aber bessere, spannendere Einspielungen des Hans Heiling empfehlen.

Hallo Bernd und Werner,

eure Heilingaufnahmen kenne ich nicht, ich habe auch nur eine einzige, und zwar eine rel. neue DvD mit Markus Werba als Hans Heiling...

http://www.jpc.de/image/w300/front/0/2214908.jpg

...und ich finde ihn sehr beeindruckend, sowohl sängerisch als auch darstellerisch, allerdings hab ich ja keinen Vergleich.

Was Herman Prey angeht teile ich die Einschätzung von Werner.
Von dem was ich von ihm kenne, kann ich mir unmöglich vorstellen das, das mit dem Hans Heiling wirklich zusammengeht, es gibt sicher geeignetere Rollen für ihn.

:hello Jimi
Hosenrolle1 (22.12.2015, 02:01):
Mir fiel kürzlich bei der Lektüre von Sekundärliteratur zu “Dracula” die Oper “Der Vampyr” von H. Marschner ein.

Diese Oper wurde mir vor längerer Zeit einmal empfohlen, und ich habe mir einen Großteil des 1. Aktes angehört, auf YouTube.
Leider war die Musik nicht so wirklich meines, obwohl ich gehofft hatte, dass sie ähnlich wie bei Webers „Freischütz“ (beide Werke entstanden ja fast zur gleichen Zeit) bei mir einschlagen würde.

Sehr enttäuscht war ich von der Handlung insgesamt.

Zum einen ist die Frage, wieso ein Vampir, oder ein Vampyr, dem Teufel immer wieder Frauen opfern muss. Das entspricht so überhaupt nicht dem, was einen Vampir traditionell ausmacht; in späteren Romanen, etwa dem 1872 erschienen Roman „Carmilla“ von Sheridan Le Fanu, sind Vampire „eigene“ Wesen, keine Teufelsanbeter. Ein Vampir ist ja meist schon tot – wieso ist er dann immer noch bedroht, dass der Teufel seine Seele holt? Aber ok.

Was mich dann am meisten stört ist dieser Schluss, und das aus verschiedenen Gründen.

Am Ende wird die Frau ja gerettet und der Vampyr zerstört, weil sie keine Jungfrau mehr ist. Das finde ich schon mal recht fragwürdig.

Aber davon abgesehen ist die Frau hier keineswegs eine „Heldin“ (wie man etwa die Senta im Holländer sehen könnte), und sie allein wäre gar nicht in der Lage gewesen, irgendwas zu tun. Es war der Mann, der sie entjungfert hat, DER ist derjenige, der eigentlich (so verrückt es auch ist!!) der Retter ist, und auch noch seinen Spaß dabei hatte. Die Frau ist hier also nur eine schwache, passive Figur.

Insofern stimme ich manrico nicht ganz zu, wenn er im Eröffnungsbeitrag schreibt:

„Im Vampyr handelt es sich um eine Geschichte, in der das Erlösungsgedanken durch eine Frau im Zentrum des Geschehens steht.“

Weil es eigentlich keineswegs die Frau ist, die ihn erlöst – die Frau ist das Opfer, das von einem Mann durch den Vollzug der Hochzeitsnacht gerettet wird.

Mir hätte ein alternatives Ende besser gefallen: der böse Ruthwen stirbt, und die Frau wird ihrerseits ein Vampir. Auf diese Weise wäre die Frau nun die „Starke“ am Schluss, die Gefährliche, und nicht die unschuldige passive, die keine Aufgabe hat als im Bett zu liegen. Und es gäbe kein klassisches Happy End, wo der Mann die Frau bekommt.




LG,
Hosenrolle1