Wann wird anstelle einer Altistin ein Counter-Tenor eingesetzt!
monteverdi (18.09.2007, 19:11): Hallo,
es ist eine spezifische Frage an Barockspezialisten bzw. Bach-Fans. Mich bewegt immer wieder die Frage, wann wird in Bachwerken (z.B. Kantaten) ein Counter-Tenor(Altus) bevorzugt eingesetzt und dieser Part n i c h t mit einer Altistin besetzt.
Gibt es hierfür einen profunden Grund, oder ist es eine Willkür des Interpreten für die "Historische Aufführungspraxis", wie z.B. bei Harnoncourt, Jacobs, Herreweghe, Gardiner, etc., diesen Part nach seinem Ermessen zu besetzen.
Über eine begründete Antwort würde ich mich freuen.
Gruß m.
satie (18.09.2007, 23:04): Lieber Monteverdi, im Göttinger Bach-Katalog habe ich nur eine Kantate gefunden, bei der wohl in Bachs Handschrift wirklich Altus geschrieben steht, also die männliche Besetzung wirklich verlangt ist, die Kantate BWV 217. Nun habe ich allerdings nicht lange geschaut, und vielleicht ist diese Volltextsuche des Bach-Instituts auch nicht so ausgereift. Immerhin bedeutet das, was ja sehr wahrscheinlich war, dass es den Altus in den Kantaten gibt. Ich würde mal vermuten, dass in den meisten Fällen wohl zwischen Frauen- und Männerstimme gewählt werden kann. Da ich von Gesangstechnik so viel Ahnung habe wie der Durchschnitts-Maurer von Nuklearphysik kann ich auch nicht sagen, welche Partien einem Altus evtl. besser liegen als einer Altistin. Auch habe ich keine Ahnung, wie die Chöre zu Bachs Zeit aussahen, ob da mehr Männer oder Frauen drin saßen oder ob das eher Madrigalisten-Besetzung war oder eher ein großer Chor. Es gibt sicher auch Kantaten, wo durch die verkörperte Rolle klarer ist, ob Altus oder Altistin, allerdings sind Kantaten nun auch keine Opern und selbst dort gibt es ja auch durchaus den Fall der Hosenrolle. Ich würde also eher denken, es ist Geschmackssache, sofern Bach tatsächlich in der Regel nur Alt hinschrieb und nicht wirklich Altus (und selbst in diesem Fall könnte auch nur die Lage bezeichnet sein und nicht unbedingt das Geschlecht).
Herzlich mutmaßend, S A T I E
Zelenka (19.09.2007, 12:49): Original von monteverdi Hallo,
es ist eine spezifische Frage an Barockspezialisten bzw. Bach-Fans. Mich bewegt immer wieder die Frage, wann wird in Bachwerken (z.B. Kantaten) ein Counter-Tenor(Altus) bevorzugt eingesetzt und dieser Part n i c h t mit einer Altistin besetzt.
Gibt es hierfür einen profunden Grund, oder ist es eine Willkür des Interpreten für die "Historische Aufführungspraxis", wie z.B. bei Harnoncourt, Jacobs, Herreweghe, Gardiner, etc., diesen Part nach seinem Ermessen zu besetzen.
Über eine begründete Antwort würde ich mich freuen.
Gruß m.
Lieber Monteverdi:
Erst einmal herzlich willkommen im Forum! Bach selbst hätte keine Frauen in der Kirche einsetzen können, letztere hatten nach Paulus' erstem Korintherbrief 14, 34 dort zu schweigen. Sie durften nicht im Chor oder als Solistinnen verwendet werden. "Historisch informierte" Aufführungen müßten also eigentlich auf Frauen verzichten ...
Gruß, Zelenka
Jimi (19.09.2007, 13:05): Hallo Monteverdi,
zunächst einmal herzlich willkommen im Forum.
Da wir hier im Forum anscheinend noch rel. wenige Mitglieder haben die sich mit vokaler Barockmusik auseinandersetzen, freue ich mich besonders über dein Interresse an diesen, hier im Forum, etwas vernachlässigten Thema.
Bei deiner Frage über die Besetzung von Bach-Kantaten mit einem CounterTenor oder einer Altistin bin ich wie Satie auch mehr oder weniger auf Mutmaßungen angewiesen, hier zunächst mal einige Meinungen zu dem Thema :
Carola hat hier im Forum im Thread "Boom für den Countertenor geschrieben:
Original von Carola Über barocke Opern weiß ich nichts aber für den Bereich der Bachkantaten dürfte ein Countertenor ungefähr so "authentisch" sein wie ein CD-Spieler. Wollte man sich da wirklich den historischen Aufführungsbedingungen anpassen, müsste man einen Knaben-Alt und einen Knaben-Sopran für die Soli nehmen, dazu einen Knabenchor.
Was immer also der Grund für den Einsatz von Countertenören bei Bachkantaten sein mag - mit "Authentizität" kann es nichts zu tun haben, auch wenn dies immer wieder behauptet wird.
Mit Gruß von Carola
Eine andere Meinung vertritt Michael Wersing in einer Kritik im Rondo-Magazin über eine Cd aus Koopmans Bachkantaten-Projekt :
Als erfreulich ist im ebenfalls dreifach besetzten Alt-Bereich die positive Entwicklung von Bogna Bartosz zu verzeichnen, die hier stilechter und organischer klingt als bei früheren Aufnahmen. Annette Markert hingegen überzeugt immer noch nicht - warum bevorzugt Koopman pastose, dunkle Altstimmen, die sicherlich am weitesten vom "Original" entfernt sind (Frauen sangen zu Bachs Zeiten nicht in der Kirche, mutierte Knaben hingegen haben nachweislich auch im Alt falsettiert - ein Counter-Tenor wäre also sinnvoller).
Hier kann ich die Meinung von Herrn Wersing schon nachvollziehen, wenn ich etwa an die Stimme der Kontraaltistin Nathalie Stutzmann denke. Die ist vom Stimmklang eines Knaben-Alt sicher noch weiter entfernt als ein guter Countertenor. Übrigens nichts gegen Frau Stutzmann, ich schätze zb ihre Cd mit Händelarien sehr.
Wenn die Aussage richtig ist, das zu Bachs Zeiten keine Frauen in der Kirche gesungen haben(In Italien war das eine Zeitlang auf jeden Fall so), dann kann man Carolas Aussage über die "Authentizität" von Countertenören auf Altistinnen genauso anwenden.
Jetzt noch ein Ausschnitt aus dem Booklet dieser CD mit Bach Alt-Solokantanten, gesungen von Andreas Scholl:
Thomas Seedorf über den(unbekannten) Alt für den Bach diese Kantaten geschrieben hat :
Der hohe Anspruch den alle drei Werke an die stimmlichen und expressiven Fähigkeiten des Sängers stellen, machen es wahrscheinlich, daß ihre Konzeption durch das Können eines Altisten mitgeprägt wurden, der nicht nur koloraturgewandt, sondern auch zur ausdrucksvollen Kantabilität befähigt war und zudem Ausdauer und insbesondere ein sicheres Intonationsvermögenbesaß. Wer dieser Sänger war, liegt wie so viele Fragen der Bachschen Musikpraxis, noch im Dunkeln. Eine Frauenstimme kam nicht in Frage, ebensowenig ein Altkastrat, wohl aber ein hoher Falsettist - vielleicht der frühere Thomaner Carl Gotthelf Gerlach - oder, was wohl die wahrscheinlichste Lösung ist, ein bereits herangereifter Knabe mit einer langjährigen Erfahrung.
Schenkt man dieser Ausführung glauben, dann ist zumindest bei diesen Kantaten(BWV 35,54,170) der Einsatz eines Countertenors anstelle einer Altistin gerechtfertigt. Ein Grund warum früher hauptsächlich Altistinnen eingesetzt wurden, liegt wohl daran, das es vor Jochen Kowalski (zumindest in Deutschland) meines Wissens nach keine Sänger gab die so etwas adäquat singen konnten, also musste man Altistinnen verwenden.
Aus dem gleichen Grund wurde auch eine Zeitlang die Koloraturmezzorollen Rossinis ( zb Rosina aus dem Barbier) von Sopranistinnen gesungen, es gab einfach keine Mezzos die den Ansprüchen dieser Partien gewachsen waren.
:hello Jimi
satie (19.09.2007, 19:34): Ein Wort noch zur Authentizität: es mag ja sein, dass zu Bachs Zeit keine Frauen singen durften und auch keine Counter-Tenöre vorgesehen waren, sondern nur Knaben (das ist die Aussage von Carola gewesen). Im Grunde müssten dann die ganzen Choräle etc. auch in einer Kleinbesetzung gesungen werden und nicht von einem großen Chor. Hier würde ich mich zumindest fragen, ob es irgendwelche Äußerungen Bachs dazu gibt. Er hatte keinen großen Chor zur Verfügung, wie ich mich zu erinnern meine. Vielleicht schwebte ihm ja aber doch eigentlich ein großer Chor vor. Und welches klangliche Ideal er bei den Stimmen hatte, weiß ich auch nicht. Man muss aber wohl auch bedenken, dass ihm Barock generell die instrumentalen Zuschreibungen oft relativ sind. So sind bei instrumentalen Sätzen ohne Besetzungsangaben ja auch nur die Lagen festgelegt (siehe Kunst der Fuge) und keine genauen Instrumente. Insofern denke ich durchaus, dass die Wahl der Stimmen variabel sein könnte, was den Alt betrifft. Ich werde mal gelegentlich einen Bach-Spezialisten fragen, wenn ich hin wieder treffe. Dann wissen wir, wie es damals war und also historisch korrekt wäre. Offen bleibt wie immer, ob das die einzige Option ist.
S A T I E
satie (19.09.2007, 19:40): Hier noch ein Addendum aus der Wikipedia, ich schaue auch noch im MGG nach, das folgt später:
Einen Unterschied zur heutigen Praxis der Kirchenmusik stellt der frühere intensive Gebrauch von Knabenstimmen (heutzutage setzt der Stimmbruch früher ein) dar, verursacht vor allem durch das kirchliche Musizierverbot für Frauen. Weiterhin wurden sowohl in der Kirchenmusik als auch in der Oper Kastraten verwandt. Allerdings wurden z.B. in dem damals bedeutenden Musikzentrum Hamburg in der Kirche oder in England bei den Händelschen Oratorien auch Frauen als Solisten eingesetzt. Es ist davon auszugehen, dass (auch weibliche) Gesangsstimmen früher anders ausgebildet wurden und dem Klang von Knaben- oder Kastratenstimmen näher waren, als es heute meist der Fall ist. Erwachsene Sängerinnen und Sänger sind heutzutage im Durchschnitt körperlich deutlich größer als im ausgehenden 17. Jahrhundert, was Auswirkungen auf Klang und Tonhöhe haben kann. Insgesamt vermutet man, dass die Stimmen früher „kleiner“ waren und mit weniger Vibrato benutzt wurden. Daher ist der Einsatz modern ausgebildeter Frauenstimmen für Sopran und Alt aufführungspraktisch gesehen besonders zu hinterfragen.
Es gibt zahlreiche Knabenchöre, die nahezu ausschließlich nach den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis und mit dem Instrumentarium der jeweiligen Epoche musizieren. Insbesondere Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt (Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten), Ton Koopman (Aufnahme von Buxtehude-Kantaten) und Heinz Hennig (Einspielung zahlreicher Werke von Heinrich Schütz, Andreas Hammerschmidt und anderen mit dem Knabenchor Hannover) haben seit den 1970er Jahren die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis unter Einbeziehung von Knabenchören und Knabenstimmen konsequent umgesetzt. http://de.wikipedia.org/wiki/Historische_Auff%C3%BChrungspraxis
satie (19.09.2007, 19:51): Hier haben wir des Rätsels Lösung. Eben doch eines der besten Nachschlagewerke zur Musik:
Die prot. Kirche hat sich im Gegensatz zur kath. Kirche in den meisten Fällen dem Eindringen des Kastratentums widersetzen können, so daß die alte Tradition des Falsettierens noch lange Zeit weitergepflegt werden konnte. So sind die Altpartien in den geistlichen Konzerten von Heinrich Schütz, aber auch die Soli der Bachschen Kirchenkantaten in der Mehrzahl, die der weltlichen Kantanten ausnahmslos, von falsettierenden Männern gesungen worden. Ja, es bestanden in den Leipziger Coll. mus. der Bachzeit sogar Soloquartette von Studenten, bei denen der Sopranpart falsettiert wurde. Sonst wurden jedenfalls in der KM. die Diskantst. seit altersher von Knaben gesungen. Eine Wendung trat erst mit dem Beginn des 18. Jh. ein, als die Frauenst. in der ev. KM. neben die Männer- und Knabenst. traten. Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Alt, S. 12. Digitale Bibliothek Band 60: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 2120 (vgl. MGG Bd. 01, S. 375-376) (c) Bärenreiter-Verlag 1986
Hiermit wissen wir also, dass der Altus die authentische Wahl ist, die Knabenstimme historisch ebenfalls korrekt, der Kastrat und die Frauenstimme wären also nicht richtig, weil die Kastraten den Protestanten nicht genehm waren, und die Frauen ebenfalls.
S A T I E
monteverdi (20.09.2007, 18:24): Hallo,
für die ausführlichen Kommentare möchte ich mich erst einmal herzlich bedanken. @Satie, hat den Hintergrund recht ordentlich beschrieben und ist in seinen Suchrecherchen auf interessante Ausführungen gestoßen.
Zu Bachs Zeiten durften Frauen keine Gesangspartien in den Kirchen übernehmen, das ist Fact. Bach hat seine 2. Frau (Anna Magdalena Bach, die eine großartige Sopranistin war) einmal eingesetzt und massive Kritik und Schelte dafür bekommen.
Das Bach kleine Chöre (bis ca. 10-12 Sänger-Knaben zur Verfügung hatte und bei größeren Werken auf Studenten zurückgegriffen hat,und die Anzahl auf ca. 20 Stimmen anwachsen konnten, ist historisch nachgewiesen.
Aber meine Frage ist damit noch nicht beantwortet. Warum setzen seit Anfang des 19. Jahrhunderts die Interpreten eine Altistin und dann wiederum einen Altus ein? Hängt es mit der Dramaturgie des Werkes zusammen?
Bekannterweise haben die Engländer hier eine große Tradition und immer eine großartige Sängerschar als Counter besessen und wird in der Gesangsausbildung sehr gepflegt, hier holen wir so langsam auf, und besitzen ebenfalls prächtige Counter-Tenöre (Scholl, etc.).
@Satie, möchte ich bitten, wenn er Zugang zu Interpreten oder Bach-Kennern besitzt, diese Anfrage einmal spezifisch vorzutragen.....
Danke
Volker
monteverdi (18.09.2007, 19:11): Hallo,
es ist eine spezifische Frage an Barockspezialisten bzw. Bach-Fans. Mich bewegt immer wieder die Frage, wann wird in Bachwerken (z.B. Kantaten) ein Counter-Tenor(Altus) bevorzugt eingesetzt und dieser Part n i c h t mit einer Altistin besetzt.
Gibt es hierfür einen profunden Grund, oder ist es eine Willkür des Interpreten für die "Historische Aufführungspraxis", wie z.B. bei Harnoncourt, Jacobs, Herreweghe, Gardiner, etc., diesen Part nach seinem Ermessen zu besetzen.
Über eine begründete Antwort würde ich mich freuen.
Gruß m.
satie (18.09.2007, 23:04): Lieber Monteverdi, im Göttinger Bach-Katalog habe ich nur eine Kantate gefunden, bei der wohl in Bachs Handschrift wirklich Altus geschrieben steht, also die männliche Besetzung wirklich verlangt ist, die Kantate BWV 217. Nun habe ich allerdings nicht lange geschaut, und vielleicht ist diese Volltextsuche des Bach-Instituts auch nicht so ausgereift. Immerhin bedeutet das, was ja sehr wahrscheinlich war, dass es den Altus in den Kantaten gibt. Ich würde mal vermuten, dass in den meisten Fällen wohl zwischen Frauen- und Männerstimme gewählt werden kann. Da ich von Gesangstechnik so viel Ahnung habe wie der Durchschnitts-Maurer von Nuklearphysik kann ich auch nicht sagen, welche Partien einem Altus evtl. besser liegen als einer Altistin. Auch habe ich keine Ahnung, wie die Chöre zu Bachs Zeit aussahen, ob da mehr Männer oder Frauen drin saßen oder ob das eher Madrigalisten-Besetzung war oder eher ein großer Chor. Es gibt sicher auch Kantaten, wo durch die verkörperte Rolle klarer ist, ob Altus oder Altistin, allerdings sind Kantaten nun auch keine Opern und selbst dort gibt es ja auch durchaus den Fall der Hosenrolle. Ich würde also eher denken, es ist Geschmackssache, sofern Bach tatsächlich in der Regel nur Alt hinschrieb und nicht wirklich Altus (und selbst in diesem Fall könnte auch nur die Lage bezeichnet sein und nicht unbedingt das Geschlecht).
Herzlich mutmaßend, S A T I E
Zelenka (19.09.2007, 12:49): Original von monteverdi Hallo,
es ist eine spezifische Frage an Barockspezialisten bzw. Bach-Fans. Mich bewegt immer wieder die Frage, wann wird in Bachwerken (z.B. Kantaten) ein Counter-Tenor(Altus) bevorzugt eingesetzt und dieser Part n i c h t mit einer Altistin besetzt.
Gibt es hierfür einen profunden Grund, oder ist es eine Willkür des Interpreten für die "Historische Aufführungspraxis", wie z.B. bei Harnoncourt, Jacobs, Herreweghe, Gardiner, etc., diesen Part nach seinem Ermessen zu besetzen.
Über eine begründete Antwort würde ich mich freuen.
Gruß m.
Lieber Monteverdi:
Erst einmal herzlich willkommen im Forum! Bach selbst hätte keine Frauen in der Kirche einsetzen können, letztere hatten nach Paulus' erstem Korintherbrief 14, 34 dort zu schweigen. Sie durften nicht im Chor oder als Solistinnen verwendet werden. "Historisch informierte" Aufführungen müßten also eigentlich auf Frauen verzichten ...
Gruß, Zelenka
Jimi (19.09.2007, 13:05): Hallo Monteverdi,
zunächst einmal herzlich willkommen im Forum.
Da wir hier im Forum anscheinend noch rel. wenige Mitglieder haben die sich mit vokaler Barockmusik auseinandersetzen, freue ich mich besonders über dein Interresse an diesen, hier im Forum, etwas vernachlässigten Thema.
Bei deiner Frage über die Besetzung von Bach-Kantaten mit einem CounterTenor oder einer Altistin bin ich wie Satie auch mehr oder weniger auf Mutmaßungen angewiesen, hier zunächst mal einige Meinungen zu dem Thema :
Carola hat hier im Forum im Thread "Boom für den Countertenor geschrieben:
Original von Carola Über barocke Opern weiß ich nichts aber für den Bereich der Bachkantaten dürfte ein Countertenor ungefähr so "authentisch" sein wie ein CD-Spieler. Wollte man sich da wirklich den historischen Aufführungsbedingungen anpassen, müsste man einen Knaben-Alt und einen Knaben-Sopran für die Soli nehmen, dazu einen Knabenchor.
Was immer also der Grund für den Einsatz von Countertenören bei Bachkantaten sein mag - mit "Authentizität" kann es nichts zu tun haben, auch wenn dies immer wieder behauptet wird.
Mit Gruß von Carola
Eine andere Meinung vertritt Michael Wersing in einer Kritik im Rondo-Magazin über eine Cd aus Koopmans Bachkantaten-Projekt :
Als erfreulich ist im ebenfalls dreifach besetzten Alt-Bereich die positive Entwicklung von Bogna Bartosz zu verzeichnen, die hier stilechter und organischer klingt als bei früheren Aufnahmen. Annette Markert hingegen überzeugt immer noch nicht - warum bevorzugt Koopman pastose, dunkle Altstimmen, die sicherlich am weitesten vom "Original" entfernt sind (Frauen sangen zu Bachs Zeiten nicht in der Kirche, mutierte Knaben hingegen haben nachweislich auch im Alt falsettiert - ein Counter-Tenor wäre also sinnvoller).
Hier kann ich die Meinung von Herrn Wersing schon nachvollziehen, wenn ich etwa an die Stimme der Kontraaltistin Nathalie Stutzmann denke. Die ist vom Stimmklang eines Knaben-Alt sicher noch weiter entfernt als ein guter Countertenor. Übrigens nichts gegen Frau Stutzmann, ich schätze zb ihre Cd mit Händelarien sehr.
Wenn die Aussage richtig ist, das zu Bachs Zeiten keine Frauen in der Kirche gesungen haben(In Italien war das eine Zeitlang auf jeden Fall so), dann kann man Carolas Aussage über die "Authentizität" von Countertenören auf Altistinnen genauso anwenden.
Jetzt noch ein Ausschnitt aus dem Booklet dieser CD mit Bach Alt-Solokantanten, gesungen von Andreas Scholl:
Thomas Seedorf über den(unbekannten) Alt für den Bach diese Kantaten geschrieben hat :
Der hohe Anspruch den alle drei Werke an die stimmlichen und expressiven Fähigkeiten des Sängers stellen, machen es wahrscheinlich, daß ihre Konzeption durch das Können eines Altisten mitgeprägt wurden, der nicht nur koloraturgewandt, sondern auch zur ausdrucksvollen Kantabilität befähigt war und zudem Ausdauer und insbesondere ein sicheres Intonationsvermögenbesaß. Wer dieser Sänger war, liegt wie so viele Fragen der Bachschen Musikpraxis, noch im Dunkeln. Eine Frauenstimme kam nicht in Frage, ebensowenig ein Altkastrat, wohl aber ein hoher Falsettist - vielleicht der frühere Thomaner Carl Gotthelf Gerlach - oder, was wohl die wahrscheinlichste Lösung ist, ein bereits herangereifter Knabe mit einer langjährigen Erfahrung.
Schenkt man dieser Ausführung glauben, dann ist zumindest bei diesen Kantaten(BWV 35,54,170) der Einsatz eines Countertenors anstelle einer Altistin gerechtfertigt. Ein Grund warum früher hauptsächlich Altistinnen eingesetzt wurden, liegt wohl daran, das es vor Jochen Kowalski (zumindest in Deutschland) meines Wissens nach keine Sänger gab die so etwas adäquat singen konnten, also musste man Altistinnen verwenden.
Aus dem gleichen Grund wurde auch eine Zeitlang die Koloraturmezzorollen Rossinis ( zb Rosina aus dem Barbier) von Sopranistinnen gesungen, es gab einfach keine Mezzos die den Ansprüchen dieser Partien gewachsen waren.
:hello Jimi
satie (19.09.2007, 19:34): Ein Wort noch zur Authentizität: es mag ja sein, dass zu Bachs Zeit keine Frauen singen durften und auch keine Counter-Tenöre vorgesehen waren, sondern nur Knaben (das ist die Aussage von Carola gewesen). Im Grunde müssten dann die ganzen Choräle etc. auch in einer Kleinbesetzung gesungen werden und nicht von einem großen Chor. Hier würde ich mich zumindest fragen, ob es irgendwelche Äußerungen Bachs dazu gibt. Er hatte keinen großen Chor zur Verfügung, wie ich mich zu erinnern meine. Vielleicht schwebte ihm ja aber doch eigentlich ein großer Chor vor. Und welches klangliche Ideal er bei den Stimmen hatte, weiß ich auch nicht. Man muss aber wohl auch bedenken, dass ihm Barock generell die instrumentalen Zuschreibungen oft relativ sind. So sind bei instrumentalen Sätzen ohne Besetzungsangaben ja auch nur die Lagen festgelegt (siehe Kunst der Fuge) und keine genauen Instrumente. Insofern denke ich durchaus, dass die Wahl der Stimmen variabel sein könnte, was den Alt betrifft. Ich werde mal gelegentlich einen Bach-Spezialisten fragen, wenn ich hin wieder treffe. Dann wissen wir, wie es damals war und also historisch korrekt wäre. Offen bleibt wie immer, ob das die einzige Option ist.
S A T I E
satie (19.09.2007, 19:40): Hier noch ein Addendum aus der Wikipedia, ich schaue auch noch im MGG nach, das folgt später:
Einen Unterschied zur heutigen Praxis der Kirchenmusik stellt der frühere intensive Gebrauch von Knabenstimmen (heutzutage setzt der Stimmbruch früher ein) dar, verursacht vor allem durch das kirchliche Musizierverbot für Frauen. Weiterhin wurden sowohl in der Kirchenmusik als auch in der Oper Kastraten verwandt. Allerdings wurden z.B. in dem damals bedeutenden Musikzentrum Hamburg in der Kirche oder in England bei den Händelschen Oratorien auch Frauen als Solisten eingesetzt. Es ist davon auszugehen, dass (auch weibliche) Gesangsstimmen früher anders ausgebildet wurden und dem Klang von Knaben- oder Kastratenstimmen näher waren, als es heute meist der Fall ist. Erwachsene Sängerinnen und Sänger sind heutzutage im Durchschnitt körperlich deutlich größer als im ausgehenden 17. Jahrhundert, was Auswirkungen auf Klang und Tonhöhe haben kann. Insgesamt vermutet man, dass die Stimmen früher „kleiner“ waren und mit weniger Vibrato benutzt wurden. Daher ist der Einsatz modern ausgebildeter Frauenstimmen für Sopran und Alt aufführungspraktisch gesehen besonders zu hinterfragen.
Es gibt zahlreiche Knabenchöre, die nahezu ausschließlich nach den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis und mit dem Instrumentarium der jeweiligen Epoche musizieren. Insbesondere Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt (Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten), Ton Koopman (Aufnahme von Buxtehude-Kantaten) und Heinz Hennig (Einspielung zahlreicher Werke von Heinrich Schütz, Andreas Hammerschmidt und anderen mit dem Knabenchor Hannover) haben seit den 1970er Jahren die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis unter Einbeziehung von Knabenchören und Knabenstimmen konsequent umgesetzt. http://de.wikipedia.org/wiki/Historische_Auff%C3%BChrungspraxis
satie (19.09.2007, 19:51): Hier haben wir des Rätsels Lösung. Eben doch eines der besten Nachschlagewerke zur Musik:
Die prot. Kirche hat sich im Gegensatz zur kath. Kirche in den meisten Fällen dem Eindringen des Kastratentums widersetzen können, so daß die alte Tradition des Falsettierens noch lange Zeit weitergepflegt werden konnte. So sind die Altpartien in den geistlichen Konzerten von Heinrich Schütz, aber auch die Soli der Bachschen Kirchenkantaten in der Mehrzahl, die der weltlichen Kantanten ausnahmslos, von falsettierenden Männern gesungen worden. Ja, es bestanden in den Leipziger Coll. mus. der Bachzeit sogar Soloquartette von Studenten, bei denen der Sopranpart falsettiert wurde. Sonst wurden jedenfalls in der KM. die Diskantst. seit altersher von Knaben gesungen. Eine Wendung trat erst mit dem Beginn des 18. Jh. ein, als die Frauenst. in der ev. KM. neben die Männer- und Knabenst. traten. Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Alt, S. 12. Digitale Bibliothek Band 60: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 2120 (vgl. MGG Bd. 01, S. 375-376) (c) Bärenreiter-Verlag 1986
Hiermit wissen wir also, dass der Altus die authentische Wahl ist, die Knabenstimme historisch ebenfalls korrekt, der Kastrat und die Frauenstimme wären also nicht richtig, weil die Kastraten den Protestanten nicht genehm waren, und die Frauen ebenfalls.
S A T I E
monteverdi (20.09.2007, 18:24): Hallo,
für die ausführlichen Kommentare möchte ich mich erst einmal herzlich bedanken. @Satie, hat den Hintergrund recht ordentlich beschrieben und ist in seinen Suchrecherchen auf interessante Ausführungen gestoßen.
Zu Bachs Zeiten durften Frauen keine Gesangspartien in den Kirchen übernehmen, das ist Fact. Bach hat seine 2. Frau (Anna Magdalena Bach, die eine großartige Sopranistin war) einmal eingesetzt und massive Kritik und Schelte dafür bekommen.
Das Bach kleine Chöre (bis ca. 10-12 Sänger-Knaben zur Verfügung hatte und bei größeren Werken auf Studenten zurückgegriffen hat,und die Anzahl auf ca. 20 Stimmen anwachsen konnten, ist historisch nachgewiesen.
Aber meine Frage ist damit noch nicht beantwortet. Warum setzen seit Anfang des 19. Jahrhunderts die Interpreten eine Altistin und dann wiederum einen Altus ein? Hängt es mit der Dramaturgie des Werkes zusammen?
Bekannterweise haben die Engländer hier eine große Tradition und immer eine großartige Sängerschar als Counter besessen und wird in der Gesangsausbildung sehr gepflegt, hier holen wir so langsam auf, und besitzen ebenfalls prächtige Counter-Tenöre (Scholl, etc.).
@Satie, möchte ich bitten, wenn er Zugang zu Interpreten oder Bach-Kennern besitzt, diese Anfrage einmal spezifisch vorzutragen.....