Warum sitzen Streichquartette?

Heike (01.03.2009, 23:02):
Ich hab noch nie einen Solisten beim Violinkonzert sitzen sehen - aber bei den Streichquartetten sitzen die alle reihenweise. Dabei sind das doch quasi auch alles irgendwie Solisten.

Wieso machen die das? Das ist doch nicht wirklich bequemer im Sitzen, oder?
Das Artemis- Quartett z.B. hat gestanden (natürlich saß der Cellist, auf einem kleinen Podest). Vielleicht kamen sie mir auch deshalb so lebendig vor?

Heike
satie (02.03.2009, 06:06):
Also ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Es kann verschiedene Gründe haben. Generell aber ist historisch gesehen die sitzende Haltung bei allem, was als Kammermusik musiziert wird naheliegend. Das ist deshalb so, weil man im Barock noch gerne gemeinsam aus einem Buch musiziert hat, welches auf einem Tisch lag. Es gab sogar besondere Ausgaben, bei denen die Einzelstimmen so aufgeschrieben waren, dass man zu viert am Tisch sitzen konnte und jeder seine Stimme wegen der Anordnung bequem lesen konnte (die Stimmen waren quasi jeweils auf eine der vier Seiten des Buches gedreht, also um jeweils 90 Grad, blöderweise habe ich keine Abbildung zur Hand).

Da man beim Streichquartett einen Musiker dabei hat, der nicht stehen kann (den Cellisten eben) und die Stimmen aber absolut gleichberechtigt sind (darum sind eben gerade keine Solisten dabei, bzw. die Tatsache dass alle vier welche sind, lässt den Gedanken an einen Solisten vergessen), können nicht drei stehen und einer sitzen.

Ich denke aber, dass es vor allem der Ursprung solcher Musik aus dem häuslichen Musizieren im kleinen Raum ist, der für das Sitzen in erster Linie verantwortlich ist.

Dieses Bild von Abraham Bosse will ich noch zur Illustration anfügen:

http://www.cs.dartmouth.edu/~wbc/julia/pics/75.jpg

Herzlich,
S A T I E
Heike (02.03.2009, 18:15):
Oh, danke für das interessante Bild!
Ich denke ja auch, dass es v.a. mit alten Konventionen zu tun hat, aber wieso kann man sich so schlecht heute davon lösen? Oder welche Vorteile bringt dieses Sitzen als solches?
Heike
cellodil (02.03.2009, 18:32):
Original von Hebre
Oh, danke für das interessante Bild!
Ich denke ja auch, dass es v.a. mit alten Konventionen zu tun hat, aber wieso kann man sich so schlecht heute davon lösen? Oder welche Vorteile bringt dieses Sitzen als solches?
Heike

Liebe Heike,

ein erheblicher Vorteil, wenn alle sitzen, besteht darin, dass alle auf Augenhöhe sind, sich also leichter "verständigen" können. Sicher: Manche "stehenden" Quartette (wie das Emerson String Quartet) setzen ihren Cellisten auf ein Podestchen, aber irgendwie wirkt das - zumindest auf mich - dann doch ein bisschen seltsam und sieht auch albern aus.

Außerdem habe ich den Eindruck, dass Sitzen nicht unbedingt Beschränkung bedeutet (ich kann mich erinnern, dass ich auch schon vier stocksteife "Steher" in einem Konzert gehört hatte, die Musik war entsprechend; welches Quartett das war, habe ich leider oder zum Glück verdrängt). Die Artemisier oder auch das Pacifica Quartet wirken auch sitzend - um meine frühere Konzertsitznachbarin zu zitieren - "sportlich".

Liebe Grüße

Sabine
Heike (02.03.2009, 19:52):
Hallo Sabine,
interessant, dass du es seltsam bzw. albern findest, wenn der Cellist auf einem Podium sitzt und die anderen stehen. Auf mich wirkt das nämlich überhaupt nicht seltsam. Aber das wäre natürlich noch ein weiterer Punkt, der mir sofort einleuchtet: wenn die Musiker es seltsam fänden, dann werden sie es nicht machen.
Heike
Nicolas_Aine (02.03.2009, 20:53):
also ich hab selber auch schon viel Quartett gespielt, ich bin ehrlich gesagt nie wirklich auf die Idee gekommen, dass wir auch stehen könnten.
Wir sind allerdings bei Vorspielen manchmal gestanden, weil keine Stühle vorhanden waren, dass kam mir immer sehr komisch und ungeschickt vor. Außerdem finde ich nicht, dass es sich im Sitzen unbequemer spielt als im Stehen.

Grüße,
Cornelius
kreisler (02.03.2009, 21:13):
Ich würde mal sagen, sitzen ist sogar bequemer :P
Allerdings spiele ich auch nur Cello :D

Interessante Frage, aber ich denke es ist so wie Satie schreibt.
Das Streichquartett hat etwas intimes, privates. Auch heute noch, wenn es auf der Konzertbühne spielt, finde ich. Es gehörte ursprünglich in das Wohnzimmer oder die (Schlaf?-)Kammer. Da ist es gemütlicher wenn man sitzt, oder?

Grüße,
Kreisler
Sarastro (02.03.2009, 23:34):
Ein Stehen der Streichquartettspieler kann ich mir irgendwie schlecht vorstellen, nicht nur deswegen, weil Sitzen bequemer ist ...
Das 1972 gegründete Brodsky-Quartett spielt allerdings, wie ich eben zur Kenntnis genommen habe, im Stehen - ob das den Darbietungen wirklich einen besonderen Hauch von Lebendigkeit verleiht?
Ich weiß es nicht.

Schöne Grüße,
Sarastro
EinTon (03.03.2009, 00:27):
Man könnte auch fragen: Warum stehen Konzertsolisten?

Ansonsten sitzen Streicher nämllich immer. Ich vermute es hat damit zu tun, den Solisten gegenüber dem Orchester als "Star des Abends" auch optisch herauszuheben. Außerdem kommt der Solist so leichter gegen das übermächtige Orchester an . Die zwangsläufig "überdrückte", auf laut getrimmte Spielweise von Konzertsolisten ist übrigens ist ein Grund warum ich Streicher-Solokonzerte (speziell Violinkonzerte) ab der Romantik (mit ihren großen Orchestermassen) nicht so sehr mag - bei den Bach-Violinkonzerten sah das freilich noch anders aus.
Heike (03.03.2009, 08:02):
Interessante Antworten! Ich hatte nämlich selbst nicht angenommen, dass es sich im Sitzen bequemer spielt als im Stehen, da kann man mal sehen. Ich dachte immer, dass die Solisten auch wegen der besseren Bewegungsfreiheit stehen.
Heike
Gamaheh (03.03.2009, 19:18):
Kann sein, daß es doch nur Konvention ist? Bei nur Klavier und Geige steht der Geiger nach meiner Erfahrung. Beim Klaviertrio habe ich es - da bin ich mir ziemlich sicher - auch schon erlebt, daß der Geiger steht - aber ja eigentlich in beiden Fällen ohnehin mit dem Rücken zum Pianisten. Das mit dem Augenkontakt leuchtet mir ansonsten ein.

Grüße,
Gamaheh
EinTon (03.03.2009, 19:53):
Original von Gamaheh
Kann sein, daß es doch nur Konvention ist? Bei nur Klavier und Geige steht der Geiger nach meiner Erfahrung.

Da ist der Geiger ja

1. quasi "Solist"

2. muss er sich gegen das deutlich lautere Klavier durchsetzen,

insofern könnte es eine ähnliche Erklärung haben wie beim Violinkonzert.

Konventionen spielen bei sowas natürlich auch immer eine Rolle, das ist klar.
Nicolas_Aine (03.03.2009, 22:32):
Original von Gamaheh
Kann sein, daß es doch nur Konvention ist? Bei nur Klavier und Geige steht der Geiger nach meiner Erfahrung. Beim Klaviertrio habe ich es - da bin ich mir ziemlich sicher - auch schon erlebt, daß der Geiger steht - aber ja eigentlich in beiden Fällen ohnehin mit dem Rücken zum Pianisten. Das mit dem Augenkontakt leuchtet mir ansonsten ein.

Grüße,
Gamaheh

Beim Klaviertrio kenn ich es so, dass der Geiger seitlich zum Klavier sitzt, nicht mit dem Rücken oO Aber beim Duo Cello + Klavier sitzt der Cellist mit dem Rücken zum Pianisten...
Das mit dem Duo Geige + Klavier hab ich mir bei meiner 1. Antwort hier auch schon überlegt, aber keine Antwort drauf gefunden :/
cellodil (04.03.2009, 07:38):
Original von Hebre
Ich hatte nämlich selbst nicht angenommen, dass es sich im Sitzen bequemer spielt als im Stehen, da kann man mal sehen.

Liebe Heike,

das kannst Du im Selbstversuch mal testen - auch ohne Instrument. Zwei Mal eine gute Stunde mehr oder weniger fest auf einem Fleck stehen, allenfalls Minmalbewegungen erlaubt und dann noch eine Geige oder Bratsche unterm Kinn. Die Damen gerne mit schwindelerregenden Absätzen...

Liebe Grüße

Sabine